Bereits bei der Benennung und erst recht bei der zeitlichen Eingrenzung der sog. Weltwirtschaftskrise scheiden sich die Geister – und die Interessen. Zum Beispiel behaupteten die Nazis, die Weltwirtschaftskrise, deren Tiefpunkt tatsächlich im Sommer 1932 überschritten wurde, habe bis 1933 gedauert, und es sei das ausschließliche Verdienst der Hitleristen, in Deutschland die Krise überwunden zu haben. Natürlich sprechen auch sie von einer Weltwirtschaftskrise. Gerade dadurch versuchen sie zu vertuschen, dass ein bedeutendes Land, die UdSSR nämlich, gerade aus dieser – kapitalistischen – Welt ausgeschieden war und planmäßig daran ging, ihre von Krieg, Bürgerkrieg und Blockadepolitik der imperialistischen Mächte zerrüttete Wirtschaft aus eigener Kraft wieder aufzubauen.
Nach eindeutigen Unterlagen sind Krisensymptome in allen imperialistischen Ländern mit Ausnahme der USA lange vor dem Oktober 1929 und dem Börsencrash an der New Yorker Wall Street zu verzeichnen.
Selbst nach Abschluss der auf den 1. Weltkrieg folgenden Krise (bis 1924) erholten sich die Ökonomien der imperialistischen Länder zumindest in Europa nicht mehr wie in den Konjunkturzyklen des 19. Jahrhunderts. Davon betroffen waren damit natürlich auch die Kolonien und Halbkolonien in Asien, Afrika und Südamerika, deren Konjunktur weitgehend abhängig von den „Mutterländern” war. Chronische Krisenerscheinungen wurden der ständige Begleiter der wirtschaftlichen Entwicklung: Chronische Massenarbeitslosigkeit, chronische Unterauslastung der Produktionskapazitäten, chronische Agrarkrise. Marxisten haben dies als allgemeine Krise des Kapitalismus bezeichnet, in der sich die Unfähigkeit des Kapitalismus, die Produktivkräfte der Gesellschaft zu nutzen, dauerhaft zeigt, und seine strukturelle Fäulnis offenbar wird.[1]
Die eigentliche zyklische Krise wiederum beginnt in den USA nicht mit dem 24. Oktober 1929, dem „Schwarzen Freitag”, (der eigentlich ein Donnerstag war; die Vorgänge aber erst am folgenden Tag in Europa bekannt wurden und in dessen Gefolge die Kurse an der amerikanischen Börse innerhalb weniger Tage um über 40% fielen), sondern bereits im Frühsommer 1929. Sie beginnt eben nicht mit einem „Zerplatzen der Seifenblase”, sondern mit dem Erlahmen der Akkumulation von Kapital in der Industrie (es werden also keine oder deutlich weniger Maschinen, Ausrüstungen etc. angeschafft). Überproduktion wird sichtbar und erhöhte Lagerbildung in der Industrie. Schließlich wird die Produktion zurückgefahren, speziell auch in der damals noch jungen, in den USA rasant gewachsenen Automobilindustrie. Erst als deutlich wird, dass die an der Börse gehandelten Anteilsscheine keinen Anteil am Profit erhalten, weil Profit nicht mehr gemacht und keine Dividende ausgeschüttet wird. Erst als deutlich wird, dass mit der Gefahr des Bankrotts ganzer Unternehmen auch deren Aktien nur noch Papierwert besitzen würden, erst da bricht die Börse ein. Das ist wohlgemerkt der historisch-konkrete Verlauf 1929 und wir behaupten nicht, dass alle Börsencrashs nach diesem Muster funktionieren. Bevor aber von „Blasen” gesprochen wird und daraus eine Theorie gemacht wird, sollte die ökonomische Wirklichkeit und die politische Situation untersucht werden, die realwirtschaftlichen Vorgänge in Bezug zur Entwicklung an den Börsen gebracht werden, die Bedingungen für Stabilität bzw. Instabilität untersucht sein und die objektive Interessenlage der beteiligten Akteure und deren subjektive Wahrnehmung. Beginnen wir mit der subjektiven Wahrnehmung:[2]
„,Prosperität für immer‘ so lautete das Schlagwort. In zwei dicken Bänden (Recent Economic Changes, New York 1929), die Mitte 1929 erschienen sind, untermauerten die ‚wissenschaftlichen‘ Ideologen der Bourgeoisie der Vereinigten Staaten von Amerika, mit Hoover an der Spitze, durch ein gewaltiges Zahlenmaterial die offizielle Lehre von der niemals endenden Prosperität. ,Der gewaltige natürliche Reichtum des Landes‘ und die ‚unersättliche Nachfrage‘ (,unsatiable demand‘) wurden als die Grundpfeiler der ständigen Prosperität bezeichnet. In den Lehren der bürgerlichen Vulgärökonomie befangen, hatten diese Herren – wie immer in der Prosperität – vergessen, dass im Kapitalismus die Entwicklung der Produktivkräfte nach einer gewissen Dauer der Prosperität an die Schranke der beschränkten Konsumtionskraft der breiten Masse stößt. Sie wurden wie immer von der Krise überrascht, überrumpelt.[3]
Die Illusion der ständigen Prosperität ist zerschlagen. Der gewaltigste Börsenkrach in der Geschichte des Kapitalismus, durch den Millionen Menschen ihr Vermögen verloren haben, der Rückgang der Produktion in den wichtigsten Industrien von 20 bis 70 Prozent, der Bankrott unzähliger Unternehmungen, all dies erteilt den Ideologen der Prosperitätslehre eine schmerzliche Lektion in marxistischer Dialektik.”[4]
Varga durfte sich so äußern. Er hatte im Januar 1929, also acht Monate vor dem Wall-Street-Crash, ausgeführt:
„Was die künftige Entwicklung der Konjunktur anbelangt, so ist es schwer, für die Vereinigten Staaten etwas Bestimmtes zu sagen, da sich der Konjunkturverlauf im ganzen Kapitalismus in der Nachkriegszeit offenbar geändert hat, beziehungsweise der Vorkriegsrhythmus sich infolge der Störungen des Weltkriegs noch nicht wiederhergestellt hat und wahrscheinlich überhaupt nicht wiederherstellen wird, da ein neuer Weltkrieg immer greifbarer heranrückt. (!!!)
Wenn wir die Depressionen in den USA, im Frühjahr 1924 und in der zweiten Hälfte 1927 als Konjunkturphasen betrachten, wenn wir also die Ansicht Mitchels annehmen, dass es in den Vereinigten Staaten gegenwärtig einen industriellen Zyklus von ungefähr 3 1/2 Jahren gibt, so müsste man für 1929 eine Hochkonjunkturphase erwarten, wie es die meisten Wirtschaftler in den USA, tatsächlich tun. Andererseits ist es klar, dass die starken Widersprüche im amerikanischen Wirtschaftsleben durch die kurze Depression im vorigen Herbst nicht einmal eine vorübergehende Lösung gefunden haben, dass die Überproduktion im Automobilbau und im Bauwesen weiter droht und ein Börsenkrach früher oder später unvermeidlich ist; unter diesen Umständen halten wir die Voraussage einer Andauer der Hochkonjunktur im Jahr 1929 für keineswegs gesichert.”[5]
So brachte Varga die subjektive Wahrnehmung des revolutionären Proletariats von der ökonomischen Entwicklung zum Ausdruck. Sie entsprach auch dem objektiven Interesse der Arbeiterklasse an der Überwindung des Kapitalismus. Die subjektive Wahrnehmung entsprach nicht zuletzt der Wirklichkeit des Kapitalismus, dessen Produktivkraftentwicklung regelmäßig an die Grenzen der privaten Aneignung, an die Grenzen der Profitmacherei und damit an die Grenzen der dadurch notwendig erzeugten Armut stößt.
Demgegenüber steht die Wahrnehmung der Finanzkapitalisten, die geprägt ist von der Rechtmäßigkeit und Ewigkeit ihres Eigentums und ihrer Herrschaft. Mag dagegen die Wirklichkeit noch so sehr rebellieren, ihre Antwort ist: Verschleierung der Widersprüche, Verbreitung von Illusionen, Betrug am Publikum (in selteneren Fällen in Verbindung mit Selbstbetrug) und Unterdrückung von jedem und allem, die dem entgegenstehen. Wie diesem Druck innerhalb der Arbeiterklasse nachgegeben wurde, zeigt z.B. die deutsche Sozialdemokratie, die in diesen Jahren die Theorie vom organisierten Kapitalismus erfand, in dem Krisen und Krieg keinen Platz mehr haben sollten.
Dementsprechend war die subjektive Wahrnehmung der Finanzkapitalisten nach dem 24. Oktober 1929 (nicht zuletzt als Variante, um auch bei sinkenden Kursen noch zu verdienen):
„Wenn einige Tage an der Börse eine Beruhigung eintrat, versicherten die führenden Kapitalisten jedes Mal, die Krise sei vorüber, es sei wieder Zeit, Aktien zu kaufen. ‚Am 30. Okt. erklärte der alte Rockefeller, die Krise sei definitiv überwunden! Die Geschäftslage sei vollkommen zufrieden stellend und die meisten Papiere ständen auch heute noch viel zu niedrig. Sowohl er wie sein Sohn kauften große Mengen solider Papiere als Kapitalanlage‘” (Neue Freie Presse vom 30. Okt. 1929)[6]
Varga dagegen erläutert die Ursachen für die Bewegungen an der Börse:
„Die ökonomische Basis dieser alles in der Geschichte übersteigenden Spekulation ist der Umstand, dass es bei der herrschenden Stellung des Monopolkapitals in der Produktion fast unmöglich ist, Kapital als industrielles, die Durchschnittsprofitrate abwerfendes Kapital anzulegen. Entweder sind die Rohstoffquellen in Monopolbesitz oder braucht man so riesige Summen zur Schaffung eines neuen konkurrenzfähigen Unternehmens, die sich mit Umgehung des Finanzkapitals nicht beschaffen lassen. Die kleinen Kapitalisten müssen sich also mit Zins begnügen oder durch Börsenspekulation ihr Glück versuchen.”[7]
Dies ist auch heute genau das Problem: Die Übernahmeschlachten, bei denen astronomische Summen gezahlt werden (vgl. Mannesmann-Vodafone) täuschen darüber hinweg, dass damit keine einzige neue Maschine beschafft, kein neues Werk errichtet wurde, sondern die Übernahme eher dazu dient, vorhandene Betriebe dicht zu machen. Trotz wahnsinnigem Hunger und Elend für die Mehrheit der Weltbevölkerung, es ist der Mangel an profitablen Anlagemöglichkeiten in Industrie und Landwirtschaft, also dort wo Nahrung, Bekleidung, Behausung etc. produziert werden kann, der das Geld an die Börse treibt. Dadurch werden dort die Kurse hochgetrieben.
Die Aufwärtsbewegung der Börse wird von Varga als konjunkturverlängernd und die Disproportion d.h. die Ungleichmäßigkeit verschärfend gewertet. Durch die Börsenhausse hatten ja auch kleinere und mittlere Anleger profitiert und hatten ihren Lebensstandard gesteigert; die Konsumtionskraft der Gesellschaft war dadurch erhöht worden. Allerdings: „Diese Konsumtionskraft war ökonomisch nicht real, sie entsprang nicht der Schaffung von neuem Wert durch Produktion. Trotzdem wirkte sie auf dem Warenmarkt als Erhöhung der Nachfrage, verlängerte die Dauer der Hochkonjunktur, indem die bestehende Disproportion zwischen Produktion und Konsumtionskraft der Gesellschaft dadurch verdeckt wurde; umso größer wurde die Disproportion; umso schwerer die Krise.“[8]
Halten wir also als eine der wichtigsten Rückwirkungen der Börsenbewegung auf die reale Wirtschaft die Wirkung auf die Disproportion zwischen Produktion und Konsumtionskraft der Gesellschaft fest.
Weiterhin wirkt die Bewegung der Börse auf die Disproportionen zwischen einzelnen Monopolen und den Branchen der Wirtschaft zurück. Die Erhöhung des Aktienkurses eines Unternehmens erleichtert und verbilligt üblicherweise seine Kapitalbeschaffung, die Kreditwürdigkeit bei den Banken und die Möglichkeiten für eine Neuemission von Aktien an der Börse selbst. Das ermöglicht wiederum die eigene Vergrößerung oder die Übernahme von anderen Unternehmen. Insofern ist die Börse neben der Ermöglichung jeglicher Schwindelunternehmen ein mächtiger Hebel für die Monopolisierung und für die Entwicklung der Disproportionen zwischen den Monopolen – und sofern sich die Kursentwicklung über längere Zeiträume auf bestimmte Branchen verfestigt – zwischen Branchen bis hin zu den Disproportionen zwischen den beiden großen Abteilungen der Ökonomie (wie Marx sie nennt), der Produktionsmittelindustrie und der Konsumtionsmittelindustrie. Das kam damals vor allem darin zum Ausdruck, dass die klassischen Zweige der Produktionsmittelindustrie, Kohle, Eisen und Stahl, in ihrer Entwicklung zurückzubleiben begannen. Nicht zufällig kommt aus diesen Kreisen maßgebliche Unterstützung für die reaktionären Ziele der NSDAP, für Faschismus und Krieg.
Varga misst den realwirtschaftlichen Vorgängen mit gutem Grund die ausschlaggebende Bedeutung zu. Das ist auch eine seiner bedeutenden Leistungen. Varga erkennt nämlich, dass nicht mehr wie in den gewöhnlichen zyklischen Krisen des 19. Jahrhundert meist am Beginn der Krise der Bankenkrach steht. Er erkennt, dass sich in der jetzigen Krise Elemente der zyklischen und der allgemeinen Krise miteinander verbinden, dass es sich um die erste große Wirtschaftskrise in der Epoche des Imperialismus, in der Epoche des monopolistischen Kapitalismus, handelt.
„Wenn wir nunmehr die Frage aufwerfen, weshalb die gegenwärtige Wirtschaftskrise bisher nicht von einer allgemeinen Kredit- und Geldkrise begleitet wurde, so müssen wir die Antwort in dem stark entwickelten monopolistischen Charakter des heutigen Kapitalismus suchen. Dieser monopolistische Charakter: Die Tatsachen der Verflechtung des Industriekapitals und Bankkapitals zum Finanzkapital, das Bestehen großer vertikaler Konzerne hat zur Folge, dass ein sehr bedeutender Teil der nicht landwirtschaftlichen Produkte innerhalb der Konzerne zum Kauf und Verkauf kommt, wo also eine Entziehung des Kredits für den Kreditor keinerlei Sinn hätte. Durch die Verflechtung des Bankkapitals mit dem Industriekapital wird den führenden Großbanken die Lage der einzelnen Unternehmen bekannt und es besteht die Möglichkeit, rechtzeitig einzugreifen. Die starke Entwicklung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs vermindert die Möglichkeit bzw. Notwendigkeit einer Geldkrise im engeren Sinn usw.
Dies bedeutet keinesfalls, dass im weiteren Verlauf der Krise keine allgemeine Kreditkrise mit weit gehenden Zusammenbrüchen eintreten könnte.”[9]
Dies hatte Varga im April 1930 geschrieben. Im Juli 1931 brach in Deutschland die Kredit- und Bankkrise aus. Eine knappe Darstellung liefert K. Gossweiler:
„Am Sonnabend, dem 11. Juli 1931 musste die Danatbank (= Darmstädter und Nationalbank, damals eine der deutschen Großbanken und einer der Hauptkonkurrenten der Deutschen Bank, damals DeDi-Bank d.h. Deutsche Bank und Disconto-Gesellschaft – Corell) ihre Zahlungsunfähigkeit erklären; am folgenden Tage, dem 12. Juli, wurde offenbar, dass auch die Dresdner Bank gestützt werden musste; am 13. Juli setzte – nachdem die Danatbank ihre Schalter geschlossen hatte – ein ‚run‘ der in Panik geratenen Anleger auf die Kassen der übrigen Banken ein, um ihr Geld zu retten. Diesem Ansturm waren die Banken nicht gewachsen, die Regierung erklärte deshalb den 14. und 15. Juli zu Bankfeiertagen, an denen die Schalter aller Banken geschlossen blieben. Auch nach diesen Vollfeiertagen wurden die Auszahlungen der Banken durch Notverordnungen auf Bruchteile der Einlagen begrenzt; erst am 5. August 1931 erfolgte die Rückkehr zu unbegrenztem Zahlungsverkehr der Banken.
Alle Großbanken – mit Ausnahme der Berliner Handels-Gesellschaft – sahen sich infolge der Bankenkrise gezwungen, in mehr oder weniger großem Umfang staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.”[10]
Im Ergebnis wurden die bankrotten Großbanken durch den Staat saniert: Dresdner und Commerzbank gingen in Mehrheitsbesitz des Reichs über, an der Deutschen Bank hatte der Staat über 35% des Aktienkapitals übernommen. Die Reprivatisierung erfolgte dann im Zuge der Rüstungskonjunktur 1936 durch die Nazis – wie immer im Dienst des Kapitals, gleichgültig ob schaffend, raffend oder gaffend.
Allein das Fakt des Bankrotts der Großbanken, ihrer Verstaatlichung und ihrer Reprivatisierung im Gedächtnis der Arbeiterbewegung zu behalten ist lohnenswert angesichts der heutigen Arroganz und Dreistigkeit der Großbanken, wenn sie im Gewand höchster wirtschaftspolitischer Autorität Privatisierung und Sozialabbau zu Lasten der Werktätigen fordern. Zu denken gibt natürlich auch, dass die Bankrotteure von damals, die Finanziers Hitlers und Treiber zum Krieg überhaupt und immer noch und unter gleichem Namen an den Schaltstellen der wirtschaftlichen und damit politischen Macht stehen. Doch sehen wir uns den Weg in den Bankrott genauer an. Wir werden sehen, dass das Finanzkapital, also die Großbanken und die mit ihnen verbunden Monopole, immerhin zwei Jahre lang im Stande war, dem Druck der realwirtschaftlichen Krise zu widerstehen - natürlich unter Inkaufnahme von massiver Erhöhung der Erwerbslosigkeit, von Verschärfung des Klassenkampfs, von Verschlechterung der Beziehungen zwischen den imperialistischen Ländern durch Zuspitzung des Handelskriegs, von Staatsbankrotten z.B. in Südamerika, unter Inkaufnahme der massiven Ausbreitung von Hunger und Elend bei gleichzeitiger Vernichtung von Nahrungsmittelüberschüssen usw. Wir werden sehen, wie zwar die Bedeutung des fiktiven Kapitals in der Form der Aktien und des Aktienhandels zurückging[11], aber dafür das fiktive Kapital in Form der Staatsschuld überragende Bedeutung erlangte.
Eigentlich müsste eine Bank niemals Bankrott gehen. Zum einen könnten die anderen Banken einer „kranken Schwester” aus der Patsche helfen, zum anderen könnten die Zentralbank und schließlich internationale Einrichtungen jederzeit für Zahlungsausfälle einspringen. Denn Geld und erst recht Kredit ist machbar – so jedenfalls scheint es auf den ersten Blick. Die Frage muss daher andersherum gestellt werden. Von wem und warum wurde die Danatbank am 11. Juli 1931 hängen gelassen?
„Im Oktober 1929 hatten die Deutsche Bank und die Disconto-Gesellschaft sich zur DeDi-Bank zusammengeschlossen. Das neue Institut war damit fast dreimal so groß als die in der Rangfolge nächste deutsche Großbank, die Dresdner Bank. Würden die Quoten der mit der Deutschen Bank vereinigten Banken ... auf die DeDi-Bank übertragen, dann hätte diese bei allen wichtigen deutschen Industriemonopolen den überwiegenden Anteil im jeweiligen Bankenkonsortium gehabt. Die Vertreter der Danat- und der Dresdner Bank vertraten in den folgenden langwierigen Verhandlungen den Standpunkt, dass die DeDi-Bank die Quoten der fusionierten Institute nicht beanspruchen könnte.”[12] Die Verschärfung der Wirtschaftskrise brachte jedoch zunächst die Dresdner Bank in Schwierigkeiten. Sie war auf Hilfe der DeDi-Bank angewiesen und kapitulierte deshalb im Mai 1930 in der Quotenfrage vor der DeDi-Bank. Die Danatbank kapitulierte im Juli 1930.
„,Unter höfl. Bezugnahme auf die gestrigen Verhandlungen mit Ihren sehr geehrten Herren Dr. Solmssen und Dr. Kessler bestätigen wir Ihnen hiermit, dass wir dafür eintreten und uns dafür einsetzen werden, dass mit Rücksicht auf den größeren Geschäftsumfang Ihres Instituts in der Quotenfrage eine vernünftige Regelung erfolgt.‘
Das war die Kapitulationsurkunde der Dresdner Bank. Aus der ersten Runde des Machtkampfes der vereinigten Deutschen Bank und Disconto-Gesellschaft mit ihren Gegnern von der Gruppe Dresdner und Danatbank war die DeDi-Bank erfolgreich hervorgegangen. Sie gab sich aber damit nicht zufrieden. Das Finanzkapital will nicht nur Macht und immer größere Macht, sondern Allmacht; es strebt nicht nur nach Teilsiegen, sondern nach dem totalen Sieg.”[13]
Ein Jahr später – die Wirtschaftskrise hatte sich dramatisch verschärft – brach die Österreichische Kreditanstalt, die größte Bank Österreichs, zusammen.
„Eine der Ursachen für diesen Zusammenbruch lag darin, dass die französischen Gläubiger der Bank ihre kurzfristigen Kredite kündigten und zurückzogen, nachdem am 21. März 1931 die österreichische und die deutsche Regierung die Öffentlichkeit mit der Mitteilung überrascht hatten, sie seien sich über die Bildung einer deutsch-österreichischen Zollunion einig geworden. Trotz aller Dementis und Beschwichtigungsversuche ließ sich nicht verheimlichen, dass die Zollunion als der erste Schritt auf dem Wege zum ,Anschluss’ gedacht war. Gustav Stolper sprach in seiner Zeitschrift ,Der deutsche Volkswirt‘ offen aus, es handele sich bei der Zollunion‚ um die Aufrollung des herrschenden europäischen Systems von der wirtschaftlichen Seite her.‘”[14]
Die bis dahin noch nie erreichte Tiefe der Wirtschaftskrise mit dem in die Abermillionen wachsenden Heer von Erwerbslosen, mit dem wachsenden Hunger bei massenhafter Vernichtung von Lebensmitteln verschärfte die Auseinandersetzung der imperialistischen Mächte um Absatzmärkte und Einflusssphären und erhöhte den Drang zur Neuaufteilung der Welt unter die Monopole und Großmächte. Das Kräfteverhältnis zwischen den Imperialisten war im 1. Weltkrieg ausgefochten worden und in den Verträgen von Versailles (sowie St. Germain, Sèvres und Neuilly) festgeschrieben worden. Die USA waren die einzige Macht, die aus dem 1. Weltkrieg als Netto-Gläubiger hervorging. Frankreich und England waren an die USA verschuldet und der überwiegende Anteil der von Deutschland zu bezahlenden Kriegsentschädigungen (Reparationen) floss damit indirekt wieder in die USA.
Frankreich, das am meisten unter dem deutschen Einfall gelitten und am meisten von einem Wiedererstarken des deutschen Imperialismus zu fürchten hatte, war vor allem an der Aufrechterhaltung der Nachkriegsordnung von Versailles interessiert. Die USA und England hatten Deutschland meist gegen Frankreich unterstützt (etwa gegen die französische Besetzung des Ruhrgebiets und bei der Neuregelung der deutschen Reparationszahlungen im sog. Dawes-Plan 1923/24). Die USA wiederum erkämpften sich ihren Aufstieg zur Weltmacht gegen England und Frankreich, als den damals größten Kolonialmächten. Im Kampf gegen die Sowjetunion waren ebenfalls die Widersprüche und nicht die Einheit zwischen den Imperialisten das Bestimmende. Hier ging es darum, wer die Führung in der Intervention (und damit den Anspruch auf den größten Teil der Beute) übernehmen sollte. Ein labiles Gleichgewicht dieser Gegensätze war im sog. Young-Plan als Kompromiss im Mai 1930 hergestellt worden. In dieser Abmachung waren dem deutschen Finanzkapital (keineswegs den deutschen Werktätigen) einige Erleichterungen zu Lasten vor allem Frankreichs verschafft worden. Mit Unterstützung des US-Imperialismus wurde dem deutschen Imperialismus mehr Bewegungsfreiheit verschafft. Was bezeichnenderweise den deutschen Ultrarechten und Faschisten (DNVP und Nazis) Anlass für eine zügellose chauvinistische Hetze gab mit dem Ziel der völligen Beseitigung des Versailler Vertrags, der Wiederherstellung der vollen Souveränität Deutschlands und damit der vollen Akzeptanz für die neuerliche chauvinistische, reaktionäre und imperialistische Politik des deutschen Finanzkapitals. In dieses – sehr grob skizzierte – Geflecht der imperialistischen Widersprüche[15] platzte die Ankündigung einer Zollunion des Deutschen Reichs mit Österreich. Gegen eine eindeutige Bestimmung des Versailler Vertrags startete der deutsche Imperialismus nun einen offenen und einseitigen Angriff, der wiederum zu Lasten des französischen Imperialismus gegangen wäre.
Wir sehen also, dass die Basis für eine Vertrauenskrise keiner psychologischer Kopfstände bedurfte, wie sie von den Bürgerlichen immer als Ursache für den Krach beschworen werden, sondern ganz handfeste ökonomische, soziale und machtpolitische Ursachen hatte, – insofern natürlich die ganz normale Psychopathie des Imperialismus.
Die historisch-konkrete Konstellation ist so natürlich nicht wiederholbar – auch wenn sich erschreckende Ähnlichkeiten immer wieder auftun. Die Wirtschaftskrise selbst zerreißt den Schleier, der den Imperialismus, der das Finanzkapital als monolithische Einheit erscheinen lässt; sie legt dem Blick den Kampf bis aufs Messer frei, der zwischen den Monopolen innerhalb eines imperialistischen Landes, zwischen den Monopolen verschiedener imperialistischer Länder, zwischen den Monopolen um den Einfluss auf den „eigenen” Staat[16] (und auf den Staat fremder Länder), zwischen den imperialistischen Staaten stattfindet. Die Einheit ihrer Widersprüche, ihre Bündnisse, ihre Zusammenschlüsse, stellen sich im Nachhinein als zeitweilige Gaunerkompromisse dar. Ein ganz anderes Problem dabei ist, ob und wie eine solche Entwicklung von den Zeitgenossen, von den handelnden Klassen und ihren Repräsentanten wahrgenommen wird und wie es gelingt, die Manöver sichtbar zu machen, mit denen große Massen von Menschen gegen ihre eigenen Interessen auf die Seite der Herrschenden gezogen werden. Wer nahm denn die „Wiedervereinigung” wahr als Beginn der territorialen Neuaufteilung der Welt unter die Imperialisten, als Warnzeichen für drohende Kriegsgefahr?
„Das musste auch der Chefvolkswirtschaftler des Internationalen Währungsfonds, Michael Mussa, erfahren. Auf die Bemerkung, er glaube nicht, dass die Bedingungen für eine Rückkehr zum Isolationismus gegeben seien, warf der Fed-Chef ein, dass in den Vereinigten Staaten die Anstrengungen, den freien Handel auszuweiten, zu einem ‚bemerkenswerten Stillstand‘ gekommen seien. Und in einem historischen Rückblick erinnerte er die Konferenz daran, dass auch im Jahre 1913, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, von der Unvermeidlichkeit der Globalisierung die Rede gewesen sei, und niemand habe die geringste Vorstellung gehabt, was kommen würde.”
Soweit der für eventuelle Neigungen zum Marxismus eher unverdächtige Alan Greenspan, Präsident der US-Zentralbank (Federal Reserve Board) lt. Neue Zürcher Zeitung vom 29.8.2000.
Umso bemerkenswerter wie der Zeitgenosse Varga damals den verwirrenden Tatsachen Kontur verleiht.
Zunächst werden von ihm die verschiedenen diplomatischen Bemühungen zwischen England und Amerika dargestellt, die den Brandherd der Kreditkrise in Deutschland und Österreich eindämmen sollen. Mittelsmann ist vor allen Dingen Mellon, damals der fünftreichste Mann der Vereinigten Staaten auf Grund des Eigentums am Aluminiumtrust. Das Interesse Amerikas ergibt sich unmittelbar aus den sechs bis zehn Milliarden Mark amerikanischen Kapitals, das in Deutschland angelegt war. Ergebnis der Bemühungen ist das sog. Hoover-Moratorium, also der Aufschub für die deutschen Reparationszahlungen. Der Hoover-Vorschlag, am 20. Juni 1931 verkündet, wurde überall mit Begeisterung aufgenommen und die Börsen in der ganzen Welt einschließlich jener in Paris reagierten mit einer starken Hausse. Frankreich reagierte mit diplomatischer Sabotage. Es schien für das Prestige Frankreichs als Weltmacht eine Zumutung, sich eine, ohne sein Wissen getroffene Vereinbarung einfach diktieren zu lassen. Außerdem erlegte der Hoover-Vorschlag Frankreich die größten materiellen Opfer auf, weil die Differenz zwischen Deutschlands Reparationszahlung und der von den Vereinigten Staaten empfangenen interalliierten Zahlungen (wegen der Kriegskredite, die von den USA im 1. Weltkrieg an Frankreich und England gegeben waren) vor allem Frankreich zugute kommt. Die Verhandlungen über den Hoover-Plan dauerten volle 17 Tage.
Varga fährt fort:
„Die lange Dauer der Verhandlungen nahm dem Hoover-Vorschlag seinen ‚psychologischen Effekt‘. Frankreich setzte seinen finanziellen Feldzug gegen Deutschland fort. Nach einer Pause von ein bis zwei Tagen setzte der Goldabfluss aus der Reichsbank wieder mit verstärkter Kraft ein. Die in immer breiteren Kreisen durchsickernde Nachricht von den Schwierigkeiten der Danatbank trug das ihrige dazu bei. Als die Verhandlungen über den Hoover-Plan endlich zum Abschluss gelangten, war es bereits klar, dass seine Durchführung allein – trotz des inzwischen von der BIZ und der amerikanischen, britischen und französischen Notenbank gewährten 100 Millionen Dollar Kredits – die Lage Deutschlands nicht mehr retten kann.
Am 7. Juli kam die französisch-amerikanische Vereinbarung zu Stande. Am 9. Juli fuhr Luther, der Präsident der Reichsbank, nach London, um auf Grundlage der kollektiven Haftung von den tausend größten deutschen Unternehmen einen Kredit von 500 Millionen Mark zu suchen! Während seiner Reise erfolgte der Krach des Nordwolle-Konzerns (ein Riesenunternehmen mit 27.000 Arbeitern und einem Viertel aller Wollspindeln Deutschlands – Corell), mit einem Passivum von 240 Millionen Mark, woran englische Banken stark beteiligt waren. Luther musste in London abgewiesen werden. Die Lage des Londoner Kapitalmarktes hatte sich in der Zwischenzeit bedeutend verschlechtert, da Frankreich seinen finanziellen Feldzug in Form von Zurückziehung der kurzfristigen Gelder auch gegen London ins Werk setzte. Luther fuhr nach Paris. Er erhielt die Antwort ‚politische Garantien‘. Diese zu geben hatte er keine Vollmacht. Er fuhr nach Basel: Er erhielt die Antwort: ,politische Garantien‘.
Auf den Misserfolg Luthers erfolgte der Bankrott der Danatbank, die Schließung aller Banken vom 12. bis 20. Juli, Suspendierung der Abgaben von Valuten durch die Reichsbank, Erhöhung des Bankzinsfußes auf zehn Prozent, für Warenlombarde auf 15 Prozent, Zahlungsunfähigkeit der Kommunen, massenhafte Entlassung von Arbeitern, fast völliges Lahmlegen der Einfuhr usw. ... Das ‚rettende Wunder‘ der Reparationsstundung ist nunmehr völlig ungenügend geworden. Um die Kreditkrise ohne eine neue Inflation zu überwinden, braucht Deutschland nunmehr einen Auslandskredit von mindestens 2 Milliarden Mark.” ...
„Was sind nun diese berüchtigten ,politischen Garantien‘, die von der französischen Presse Tag für Tag gefordert werden als Vorbedingung einer Beteiligung Frankreichs an einer Hilfsaktion?
Sie wurden offiziell bisher nicht mitgeteilt, gehen aber aus der französischen Presse klar hervor:
– Verzicht auf die Zollunion mit Österreich
– Verzicht auf spezielle Handelsabkommen mit den Balkanstaaten
– Einstellung des weiteren Baus von Panzerkreuzern
– Anerkennung der gegenwärtigen Ostgrenze („Ostlocarno“)
– Kontrolle über die deutschen Staatsfinanzen
– Keine staatlichen Kreditgarantien für die Lieferungen an die Sowjetunion.
Der Sinn der Forderungen Frankreichs, die unter dem Schlagwort ,politische Garantien‘ zusammengefasst werden, ist: Eine radikale Unterbindung aller Bestrebungen des deutschen Finanzkapitals, eine aktive imperialistische Außenpolitik zu betreiben, den Widerspruch zwischen dem höchstentwickelten monopolistischen Kapitalismus im Inland und dem Mangel an monopolistisch gesicherten Absatzgebieten irgendwie zu überwinden. ...
Der französische Standpunkt: Politische Garantien als Vorbedingung der Teilnahme Frankreichs an der Gewährung eines großen Auslandskredits an Deutschland.
Der britisch-amerikanische Standpunkt: Gewährung einer Anleihe an Deutschland unter Bedingungen, die die Erhaltung des kapitalistischen Systems in Deutschland im Allgemeinen und der Brüning-Regierung im Besonderen ermöglicht.”
Was Varga damals noch nicht wissen konnte: Am 2. Juli war Wassermann, Direktor der DeDi-Bank, beim Reichsbankpräsidenten Luther für die Liquidierung der Danatbank eingetreten. Am 6. Juli hatte die gleiche Deutsche Bank in Basel, also am Sitz der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), in der dortigen „Nationalzeitung” einen Artikel lanciert, in dem von den Schwierigkeiten einer deutschen Großbank geschrieben wird, unter namentlicher Nennung der Danatbank.[17]
Während Frankreich die Lage in Deutschland nutzten wollte, um den deutschen Imperialismus niederzuhalten; während die USA und England versuchten, die deutsche Krise zu nutzen, um Frankreich zu schwächen, gedachte die Deutsche Bank damit einen ihrer aggressivsten Konkurrenten auszuschalten. Das ist die Antwort auf die oben gestellte Frage: Von wem und warum wurde die Danatbank am 11. Juli 1931 hängen gelassen?
Die Überproduktionskrise, die im Sommer 1929 begonnen hatte, bildete den realen Hintergrund für den Börsenzusammenbruch im Oktober 1929. Der Börsenkrach hatte jedoch keine lösende Funktion, sondern verschärfte seinerseits die Überproduktionskrise (Verminderung der Konsumtionskraft, Verschärfung der Disproportionen). Die Wirtschaftskrise erschwert wegen des stockenden Absatzes zunehmend die Verwandlung der produzierten Waren in Geld. Sie erhöht damit den Bedarf an Krediten, wenn der Produktionsprozess weiter fortgesetzt werden soll. Sie erhöht aber auch gleichzeitig das Risiko für den Kreditgeber, für Banken, Staat, sonstige in- und ausländische Kreditgeber, dass die Kredite „festfrieren”, faul werden, nicht mehr zurückgezahlt werden können. Damit entwickeln sich die Voraussetzungen, dass die Kreditkrise in eine Bankenkrise übergehen kann. Die Bankkrise bedarf zu ihrer auch nur kurzfristigen Überwindung des Eingreifens des Staates eben wieder mit Kredit, diesmal aus dem Staatshaushalt über Staatsverschuldung, also mit Hilfe fiktiven Kapitals in Form von Anleihen, Ausgabe von Schuldscheinen etc. Fiktives Kapital, denn damit wird ja wiederum kein Gramm verschwendet für die Ausdehnung der Produktion, sondern ausschließlich zur Sanierung der Bankiers. Mit der anwachsenden Staatsverschuldung wächst einerseits der Druck auf die Währung in Richtung Abwertung, andererseits sinkt die Kreditwürdigkeit außerhalb der Grenzen des eigenen Hoheitsgebietes. So wächst der Druck auf die Werktätigen im Innern, die mit weniger staatlichen Sozialleistungen (bei durch die Krise erhöhtem Bedarf) und höheren Steuern (bei durch die Krise gesunkener Steuerkraft) zur Bedienung der Staatsschuld ausgepresst werden, und es wächst der Drang nach außen, um die Kreditwürdigkeit zu erzwingen, z.B. durch die Fähigkeit Krieg führen und damit das eigene Hoheitsgebiet auszudehnen zu können. Der Krieg vollstreckt dann, was durch Monopolisierung, Kredit, staatliches Eingreifen hinausgezögert wurde: die Vernichtung von Produktivkräften, womit auf grauenvoll-kapitalistische Weise ein zeitweiliges Gleichgewicht zwischen Angebot und zahlungsfähiger Nachfrage wiederherstellt wird. Millionen Arbeitslose – Millionen Tote!
Wir wissen, wie die Geschichte weiter ging. Wie im Sommer 1932 die Krise ihren Tiefpunkt überschritt und eine langsame wirtschaftliche Erholung begann. Wie die Nazis in den Novemberwahlen 1932 zum ersten Mal bei den Reichstagswahlen massive Stimmeneinbußen hatten und wie sich dann die Vertreter der Deutschen Bank zusammen mit Vertretern der übrigen aggressiven Teile des deutschen Finanzkapitals per Brief und Unterschrift an den Reichspräsidenten Hindenburg wandten, damit er den „Führer der größten nationalen Gruppe” zum Reichskanzler ernennen möge[18]; wie durch diese finanzielle und politische Unterstützung der Machtantritt des Faschismus in Deutschland und seine Konsolidierung erst möglich wurde. Sie brauchten die Nazis zum Krieg, weil eine andere Möglichkeit zum Überleben, zum Wachsen, zum Herrschen in ihren erbärmlichen Bilanzen nicht zu lesen war.
Und so wenig sich Geschichte platt wiederholt, so wenig sich die Formen gleichen mögen, die Geschichte der Großen Krise selbst offenbart die kriminelle Energie die hinter den rein ökonomischen, diplomatischen, politischen, scheinbar doch zivilen Operationen steckt. Eine kriminelle Energie, die fest an die Existenz von realem Privateigentum und fiktivem Kapital gebunden ist und so lange sie existieren unsere Zukunft bedroht - sicher und gar nicht beruhigend in neuen, „modernen” Formen.
Wie wird man einmal unter diesem Gesichtspunkt die Zerschlagung von Mannesmann, die „Rettung” des Holzmann-Konzerns, den gescheiterten Zusammenschluss von Deutscher und Dresdner Bank und die Spendenaffäre der CDU im Jahr 2000 interpretieren?
Arbeitsgruppe Fiktives Kapital / Corell
1 Die zyklische Krise durchläuft – wie der Name sagt – einen Zyklus von Phasen, die in klassischer Terminologie als Krise, Depression, Belebung und Aufschwung bezeichnet werden (die Bürgerlichen haben zur Beschönigung solche Worte wie „Rezession”, „Talsohle” u.ä. erfunden). Zyklische Krisen sind seit 1825 nachgewiesen. Die Dauer eines Zyklus betrug seither zwischen 7 und 12 Jahren. Der letzte Zyklus in der BRD begann mit der Krise 1993. Mit der Aufteilung der Welt unter die imperialistischen Mächte – wie sie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts vollendet wird – kommt es in Verbindung mit der notwendig ungleichmäßigen Entwicklung der imperialistischen Länder (die deutsche Industrie etwa wächst wesentlich schneller als die in England oder Frankreich) zu Änderungen im Kräfteverhältnis dieser Mächte. Dadurch entsteht Druck und in einer restlos aufgeteilten Welt Zwang zur Neuaufteilung. Der 1. Weltkrieg manifestiert diese Entwicklung der Widersprüche. Er markiert das Ende der Epoche der bürgerlichen Weltrevolution, der Epoche, wo die Bourgeoisie für die Befreiung vom Feudalismus eintrat, für Demokratie und nationale Unabhängigkeit. Ausbeutung, Ausplünderung und nationale Unterdrückung muss die Bourgeoisie gegen den Widerstand des Proletariats und der Völker in den Kolonien bzw. in den vom Imperialismus abhängigen Ländern durchsetzen. Die Oktoberrevolution in Russland macht deutlich, dass es sich nicht nur um eine Epoche der Kriege, sondern auch um eine Epoche der Revolutionen handelt, dass das Zeitalter der proletarischen Weltrevolution begonnen hat. Die weitere Entwicklung mit dem 2. Weltkrieg und seinen Folgen hat diese Theorie bestätigt und die allgemeinen und chronischen Krisenerscheinungen des Kapitalismus weiter ausgeprägt.
Seit 1989 wird die Richtigkeit der Theorie unter Linken diskutiert. Die Wirklichkeit holt dabei den Zweifel ein, auch wenn die Kriege vorübergehend keine nationalen Befreiungskriege, sondern Unterjochungskriege sind wie gegen Jugoslawien und die Revolutionen zunächst Konterrevolutionen. Massenarbeitslosigkeit, Verarmung, Slums, Ausbreitung von Hunger, Epidemien und Katastrophen gehören zu den untrüglichen Insignien einer „Befreiung” durch die Bourgeoisie ...
2 Wichtige Grundlage für die folgenden Ausführungen sind die Arbeiten von Eugen Varga, dem bedeutenden Ökonomen der III. Internationalen. Seit 1922 veröffentlichte er seine marxistischen Wirtschafts- und Konjunkturanalysen in der Internationalen Pressekorrespondenz (InPreKorr) der Kommunistischen Internationale. Das Verdienst diese Analysen zu sammeln, nachzudrucken und zu kommentieren gebührt Jörg Goldberg. Die Quelle lautet: Eugen Varga, Wirtschaft und Wirtschaftspolitik, Vierteljahresberichte 1922-1939, hrsg. v. Jörg Goldberg, Bd. 4, Westberlin 1977. Im Folgenden zitiert als Varga/InPreKorr.
3 Es sind vor allem bezahlte Politiker und Theoretiker der Bourgeoisie, die sich als lauthalse Propagandisten des Kapitalismus und seiner Entwicklung betätigen zur Einschüchterung des Proletariats und zur Berauschung des Kleinbürgertums. Die eingesessenen Mächte des Monopolkapitals sind gewohnheitsmäßig zurückhaltender im Überschwang - nicht zuletzt um keine Begehrlichkeiten und Forderungen zu wecken. So schreibt die Deutsche Bank in ihrem Geschäftsbericht für das Jahr 1928, dass „der Aufschwung nach kaum 1 1/2 Jahren von rückläufiger Bewegung abgelöst wird.” (zit. nach K. Gossweiler, Großbanken – Industriemonopole – Staat, Ökonomie und Politik des staatsmonopolistischen Kapitalismus in Deutschland 1914-1932, Westberlin 1975, S.356)
4 Varga/InPreKorr, 4.Vj. 1929, S.265f.
5 Varga/InPreKorr, 4.Vj.1928, S.221
6 Varga/InPreKorr, 4.Vj.1929, S.271
7 a.a.O. S.270
8 a.a.O. S.269
9 Varga/InPreKorr, 1.Vj.1930, S.963
10 K. Gossweiler, a.a.O., S.372
11 Der Aktienhandel kann durchaus trotz Verschärfung der Wirtschaftskrise teils sogar massive Aufschwünge erfahren, wenn ein Überfluss an kurzfristigem Leihkapital besteht und der Zinssatz niedrig ist. Varga berichtet: „Eine interessante und für viele Beobachter unerwartete Tatsache ist die in den letzten Monaten erfolgte starke Hausse auf den Aktienmärkten. Obwohl die kleinen Leute bei dem letzten Börsenkrach mehrere Milliarden Verlust erlitten haben, ist das Börsenspiel wieder in voller Blüte. Die Aktienumsätze erreichen wieder an manchen Tagen sechs Millionen Stück. Die Kurse steigen, die Broker Loans ebenfalls. Alles geht weiter, als ob nichts geschehen wäre. ... Wir sehen das sonderbare Bild, dass die Aktienkurse – trotz des Andauerns der Krise – in drei Monaten um 15% gestiegen sind und Ende März höher stehen als jemals, mit Ausnahme des Jahres 1929 ... Die Statistik zeigt auch, dass es die Banken selbst sind, die die Kredite geben.” (Varga/InPreKorr, 1.Vj.1930, S.995)
12 vgl. K. Gossweiler, a.a.O., S.357ff.
13 K. Gossweiler, a.a.O., S.365
14 K. Gossweiler, a.a.O., S.368
15 Neben dem europäischen Schauplatz spitzen sich die Widersprüche zwischen den imperialistischen Ländern auch in Asien zu. Im September 1931 überfällt Japan China, trennt die Mandschurei ab und schafft dort einen Marionettenstaat namens Mandschukuo. Von hier aus nimmt die territoriale Neuaufteilung der Welt unter die Imperialisten ihren Ausgang. Manche Historiker setzen das Jahr 1931 mit dem Beginn des 2. Weltkriegs gleich. Der Überfall Japans auf China ist vor allem eine Provokation des US-Imperialismus. Dass es nicht zum bewaffneten Konflikt mit den USA kommt wird mit der Japan zugedachten Rolle beim Überfall auf die Sowjetunion gesehen. Japan wird offen unterstützt durch Frankreich und zurückhaltend von England. Vgl. hierzu Varga/InPreKorr, 1.Vj.1932, S.1185ff.
16 Gossweiler zitiert aus einem Artikel von G. Reimann in ,Die Kommunistische Internationale‘ (1932): „,Je enger die Verflechtung zwischen Banken und Staat wird, um so heftiger kämpfen die industriellen Monopole und finanzkapitalistischen Gruppen um den Einfluss auf den Staat. ... ‘” Reimann kam zu dem Ergebnis, „die gesteigerte Verflechtung zwischen Staat und Wirtschaft führe zu einer ,immer offener und blutiger werdenden Gewaltanwendung durch den Staat und alle seine Hilfsorganisationen‘ gegen die breitesten Massen. Gleichzeitig kündige sich‚ ,in dem unmittelbaren Eingreifen in die Wirtschaft auch der kommende Krieg an.‘” (K. Gossweiler, a.a.O., S.392)
17 vgl. K. Gossweiler, a.a.O., S.374 und 377
18 Im Wortlaut: „Die Übertragung der verantwortlichen Leitung eines mit den besten sachlichen und persönlichen Kräften ausgestatteten Präsidialkabinetts an den Führer der größten nationalen Gruppe wird die Schwächen und Fehler, die jeder Massenbewegung notgedrungen anhaften, ausmerzen und Millionen Menschen, die heute abseits stehen, zu bejahender Kraft mitreißen.” (R. Kühnl, Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten, Köln 1975, S.162)