In der letzten Ausgabe der KAZ wurde im Zusammenhang mit dem KZ-System die Shoa angesprochen und der Widerspruch dargestellt zwischen „Endlösung der Judenfrage“ und der ökonomisch-politischen Notwendigkeit 1944/45 Zwangsarbeiter wo und wie auch immer zu beschaffen, auch jüdische KZ-Häftlinge aus den Vernichtungslagern. Einige Genossen hielten dem entgegen, dass das eine Verharmlosung sei und die Vernichtungsmaschinerie bis zum Schluss unvermindert und sogar gesteigert weiter gelaufen sei.
Die deutschen Monopolherrn hatten im Kampf um die Neuaufteilung der Absatzmärkte, Rohstoffquellen und Einflusssphären, im Kampf um die Weltherrschaft für den deutschen Imperialismus, die NSDAP an die Macht gebracht im vollen Wissen um die rassistische und antisemitische Ideologie von Hitler und seinen Spießgesellen. Sie hatten diese Ideologie akzeptiert, weil sie sich dadurch nicht nur Ablenkung vom Klassenkampf, sondern auch massenhaften Zulauf und Zuspruch für ihre Kriegspläne erhofften. Und das nicht nur in Deutschland, sondern schließlich auch in den überfallenen Ländern, wo man an antisemitische Traditionen noch aus dem Zarenreich anzuknüpfen gedachte (vor allem Polen, Estland, Lettland, Litauen, Ukraine, Weißrussland), um den kommunistischen Einfluss und den nationalen Widerstand zu untergraben.
Als der Krieg gegen die UdSSR gefährlich ins Stocken geriet, kamen SS-Führung und Monopolisten in Widerspruch zuerst um die Frage, jüdische KZ-Häftlinge auch in der Großindustrie als Zwangsarbeiter einzusetzen – sie wurden hauptsächlich in SS-eigenen Betrieben eingesetzt – dann darum, jüdische Facharbeiter aus den Vernichtungslagern zu holen, denn zeitgleich begann die Massenvernichtung an den Juden mit bald rasender Geschwindigkeit.[1] Nicht dass die Monopolherrn jetzt oder zu irgendeiner Zeit prinzipiell gegen die Judenverfolgung und -vernichtung aufgetreten wären, aber ihr oberstes Ziel blieb der Sieg im Kampf um die Weltherrschaft (bzw. ab 1944 möglichst günstige Ausgangsbedingungen für die Zeit nach dem Krieg). Und schließlich standen 9 Millionen ihrer deutschen Arbeitskräfte statt an den Maschinen und in den Büros als Soldaten bei der Wehrmacht. Und ohne Arbeitskräfte keine Produktion, keine Waffen, kein Profit!
Was im Jahre 1942 noch mit sowjetischen Zivilarbeitern (nach dem Vorbild der Deportation von Arbeitskräften aus Polen) gelang, nämlich den dringenden Arbeitskräftebedarf der deutschen Kriegswirtschaft auszugleichen, war zwei Jahre später, 1944, so nicht mehr möglich. Entsprechend der Kriegslage konnten weder ausländische Zivilarbeiter noch Kriegsgefangene‚in genügender Anzahl’ verschleppt werden. Doch noch im April lehnte die SS eine Beschäftigung jüdischer Häftlinge in der Privatindustrie ab.[2] Die Anzahl der zum Wehrdienst eingezogenen deutschen Belegschaftsmitglieder nahm aber weiter zu, während gleichzeitig die katastrophalen Verhältnisse in den Arbeitslagern (die wie die KZ häufig der SS unterstanden), immer mehr Todesopfer unter den ausländischen Zwangs- und Zivilarbeitern forderten und Hunger und Seuchen die Produktivität auch in der Rüstungsindustrie erheblich zu mindern drohte. Hinzu kam die immense Verschlechterung der militärischen und kriegswirtschaftlichen Lage Deutschlands, so dass die SS bald von ihrer Forderung „das Reich müsse judenfrei sein“ abrücken musste. Am Beispiel der ungarischen Juden, die ab Mai 1944 nach Auschwitz zur Vernichtung deportiert wurden, gibt es konkrete Zahlen, die besagen, dass knapp ein Drittel nicht sofort umgebracht wurde. In der Aussage eines Vertreters von Eichmann in der Slowakei heißt es: „Von den 458.000 nach Auschwitz deportierten ungarischen Juden wurden etwa 350.000 vergast und 108.000 zum Arbeitseinsatz bestimmt.“[3]
Ebenso sind Zahlen aus einzelnen Konzentrationslagern bekannt, die besagen, dass Ende 1944 jüdische KZ-Häftlinge in großer Anzahl aus Auschwitz verbracht wurden. So waren ins KZ Hessenthal bei Schwäbisch Hall ausschließlich jüdische Häftlinge verschleppt worden, die Facharbeiter waren und an den Tragflächen der „Wunderwaffe“ Me262 für den Rüstungsproduzenten Messerschmitt arbeiten mussten. Ähnlich im KZ Leonberg.
Wir können also festhalten: Die Monopolisten besonders der Rüstungsindustrie mussten die von ihnen gedungenen faschistischen Gesellen in ihrem Mordgeschäft einschränken als das profitable Kriegsgeschäft in Gefahr stand.
Dies bedeutete für viele jüdische Häftlinge, dass sie dem unmittelbaren Tod in den Gaskammern der Vernichtungslager entgingen, sie jedoch den Torturen der Zwangsarbeit ausgeliefert waren, es gab also eine geringe Überlebenschance für wenige.
Gerade dieses Detail in der Geschichte zeigt, wer letztlich in Nazi-Deutschland Herr und wer Diener war. Die wahren Herrn und damit die Verantwortlichen für die Vernichtung saßen in den Chefetagen der Großbanken, der Großindustrie und auf den Gütern der Großagrarier.
Unseren Beitrag zu 60 Jahren Befreiung vom Faschismus setzen wir in der nächsten Nummer u.a. mit folgenden Beiträgen fort:
Rosa
1 Ulrich Herbert, Dachauer Hefte 2, Von Auschwitz nach Essen, S.17 „Die Heranziehung von KZ-Häftlingen für die Kriegsproduktion lehnte Himmler explizit ab: ,Gegen alle diejenigen jedoch, die glauben, hier mit angeblichen Rüstungsinteressen entgegentreten zu müssen, die in Wirklichkeit lediglich die Juden und ihre Geschäfte unterstützen wollen, habe ich Anweisung gegeben, unnachsichtig vorzugehen.’“ (DOK. NR. 1611)
2 Ulrich Herbert, s.o. S.18: „Die Dienststelle Eichmanns schrieb noch am 24 April 1944 an das Auswärtige Amt: ,Ein sogenannter offener Arbeitseinsatz in Betrieben des Reiches kann ... aus grundsätzlichen Erwägungen nicht in Betracht kommen, da er im Widerspruch zu der inzwischen im Großen und Ganzen abgeschlossenen Entjudung des Reiches stehen ... würde’“
3 Ulrich Herbert, s.o. S. 24