„Barrikadentauber” – so hat man ihn genannt, in den Endzwanzigern des 20. Jahrhunderts. Wer den Titel erfunden hat, ist nicht ausgemacht. Sollte er loben oder tadeln? Er kann nämlich beides, je nach der Richtung, aus der der Wind bläst. Aber was sollten die Barrikaden? Das klang nach Diffamierung, Denunziation. Es gab keine Barrikaden. Man konnte seinerzeit von dort oben seine Fanfare nicht blasen. Aber den Spießer schüttelte beim Gedanken an Barrikaden der Horror, den die Geschichtsbücher über 1789 und 1848 zu schüren wussten und gern prolongierten.
Mit Richard Tauber, dem bewunderten Tenor seiner Zeit verglichen zu werden, war ja nicht so übel. Immerhin war der weithin berühmt und betörte mit dem Schmelz seiner Stimme die Musikfreunde. Aber als Clairon auf den Bauten des Aufruhrs? Indessen gab es eine Masse Andersdenkender, die den Gesellschaftszustand kritisierten oder einfach nicht mochten. Sie begriffen den Titel als Ausdruck der Genugtuung, der Bewunderung, des Einverständnisses. Darin war etwas, was Perspektive versprach, für die Ausgebeuteten, Niedergedrückten, Entrechteten, für die Aufbegehrenden.
Busch hat eine goldene Stimme. Aber sie glänzt nicht nur, in ihr ist auch Metall. Mit ihr kann er es mit so manchem großen Sänger aufnehmen, was Zauber und Durchschlagskraft angeht. Aber in seinem Gesang schwingt noch mehr mit. In ihm ist Nähe zur Realität, in ihm pulst das Zeitgeschehen. Er entführt nicht und er verführt nicht, aber er weckt Begeisterung und hält zugleich die Vernunft wach, lässt in die Zukunft schauen und denken.
Ernst Busch, im Januar 1900 in Kiel geboren, ist ganz ein Kind des 20. Jahrhunderts. Wie einer seiner vielen Notizen zu entnehmen ist, begreift er es als sein Jahrhundert, als plebejisches, sozialistisches, will nur darin leben. Sein Schicksal sieht er eng mit den Zeitläuften verbunden, die er mitzugestalten unternimmt. Busch will dem Rad der Geschichte in die Speichen greifen.
Als Künstler ist er dabei nicht allein. Andere, Dichter, Stückeschreiber, Komponisten, Schauspieler, Regisseure, Filmemacher produzieren hautnah am Zeitgeschehen. Zu Tausenden arbeitslos - allein in Berlin gibt es um 1930 etwa 3000 arbeitslose „Kopfarbeiter” – artikulieren sie die Probleme, Hoffnungen und Aussichten der Zeit, die überall zu spüren, mit den Händen zu greifen sind.
Ernst Busch ist ausgebildeter Maschinenschlosser. Seinen Beruf, den er bis zur Entlassung in die Arbeitslosigkeit ausübt, hat er nie verleugnet. Eine Ausbildung zum Schauspieler geschieht auf eigene Initiative und folgt zunächst traditionellen Mustern. Busch nimmt etwas Gesangs- und Schauspielunterricht. Unfertig wagt er sich aufs Theater, wird als Eleve aufgenommen und lernt das Metier von der Pike auf. Er weiß das noch später zu schätzen und zu rühmen.
Busch hat die Maximen, die sich aus der sozialen Welt, der er entstammt, ganz normal ergaben, bis in sein Alter bewahrt. Tätigsein ist für ihn, wie das von vielen Seiten bestätigt wird, unverzichtbar und Quelle allen Genusses. Seine soziale Herkunft hat ihm aber die Welt überdies in einer besonderen Weise erschlossen. Sein Gespür, seine Sicht für die Realität ist nicht verstellt. Er sieht sehr früh und sehr klar, welche Perspektiven die existierende Gesellschaft für Menschen seines sozialen Ursprungs zur Verfügung hat. Selbst auf der Höhe seiner Erfolge verliert er dieses Verständnis nicht.
Ernst Busch ist ein Naturtalent. Aber Begabung allein reicht nicht, an ihr muss gearbeitet werden. Busch hat aus sich etwas gemacht. Noch gibt es die ruinösen Medien nicht, die auf Talentsuche gehen, um sie kurzzeitig auszustellen und auszubeuten und dann schnell fallen zu lassen. Zu der Zeit, in die Buschs Jugend- und Lehrjahre fallen, ist das anders. Die Welt sich durch Wissen zu erschließen und damit gleichzeitig die Grundlagen für sein Vorwärtskommen, für sein künftiges Leben zu schaffen, macht Spaß und verschafft Genuss. Es ist noch nicht der abgetriebene Spaß der Neuzeit, deren irritierte Genussfähigkeit Lustgewinn vor allem nur aus Konsum und fremd gezeugter Aktivität zu ziehen versteht.
Lernen und Erfahrung auf den Bühnen in Kiel, Frankfurt/Oder und Köslin lassen die Persönlichkeit Buschs reifen. Mit seiner prosaischen, aber intensiven Darstellung beeindruckt er schon 1927 bei einem Vorsprechen bei Piscator in Berlin. Als einer von wenigen unter Hunderten wird er angenommen. Berlin formt den jungen Künstler Busch. Die Stadt ist zu der Zeit etwas ganz Besonderes. Sie ist ein Siedekessel der Weimarer Republik. Sie ist ein Zentrum moderner Entwicklung in Wirtschaft und Kultur mit allen Widersprüchen und Erfolgen, mit allem Glanz und Elend. Aufstieg oder Fall, wer trägt die Spesen? In Buschs Berliner Jahre fallen die Wirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit, scharfe politische Kämpfe, die auch auf der Straße ausgetragen werden, der Blutmai, der zögerliche Kampf der herrschenden Parteien gegen die frech auftretenden Nazis.
Jung, frisch, strahlend, steht Busch der Wirklichkeit, der Realität ganz nah. Seine soziale Herkunft erleichtert ihm diese Entwicklung, die der Zeit auf den Fersen ist. Er verspürt den Atem der Zeit, den Aufbruch und Ausbruch, die Verelendung und den Widerstand, die Krise und den Ausweg. Er hat die Kraft und Unbedenklichkeit der Jugend. Er nimmt die Gewalt und die Schärfe der Proteste, Demonstrationen und Straßenschlachten wahr, er erahnt und begreift sie und artikuliert dieses Neue auf neue Weise.
Die Berliner Jahre bis 1933 machen ihn zum unverwechselbaren Künstler. Theaterbühne, Kabarett, Film, Rundfunk, politische Veranstaltungen formen ihn, und er gibt Figuren und Stücken eindringliches Profil. Darstellungskunst und Stimme Ernst Buschs sind eindringlich, überzeugend, unvergesslich. Sie werden von der Kritik mit Anerkennung und Lob bedacht. Busch entwickelt als begnadeter Künstler eine neue Intensität der Verlautbarung, die von einem neuen Begreifen kündet. Er singt nicht einfach Texte nach vorgegebener Melodie. Er intoniert sie, indem er sie dem Grunde nacherfasst. Ein neuer Inhalt, eine neue Welt tun sich auf. Es ist die Kunde von einer Welt, in der nicht Maschinen und Kapital die Menschen beherrschen, sondern der Mensch sich ihrer zur Entwicklung seiner Menschlichkeit, d.h. einer humanen Gesellschaft bedient.
Busch ist Schauspieler und Sänger zugleich, die jeweilige Rolle zehrt von der anderen. Der Sänger ist ohne den Schauspieler nicht zu denken, vor allem nicht, wenn es um die Deutlichkeit der Liedtexte geht. Das ist einzig. Bei Busch ist jedes Wort zu verstehen. Welcher traditionelle Sänger kann das von sich schon sagen? Busch kommt es auf Verständlichkeit an, weil ihm die Botschaft des Textes wichtig ist. Er hat etwas zu vermitteln, das Allgemeinheitswert besitzt. Es geht nicht nur, so wichtig das auch im Leben ist, um Herzensdrang und Nachtigallenklang. Es geht ums Leben, ums Überleben.
Dichtungen und Gesänge der Zeit sagen Busch zu, wenn sie ironisch, kritisch, aufrührerisch, revolutionär und tiefmenschlich sind. Erich Mühsam, Kurt Tucholsky, Bertolt Brecht, Hanns Eisler und viele gleichgesinnte Künstler sind seine Gewährsmänner. Bald werden ihm Lieder auf den Leib geschrieben. Den Charakter der Zeit erfassend und gestaltend, wird er selbst zu einer zentralen Gestalt der Zeit.
Busch spricht aus, singt heraus, was viele ahnen, ohne es begreifen, in Begriffe fassen zu können. Es ist die Wahrheit, ihre Wahrheit, die neue Wahrheit, die ehrliche Schwester der sozialen Wirklichkeit und Entwicklung. Dafür braucht es einen besonderen Ton, einen „neuen Ton”. Er findet sich auf ideale Weise in der Verschmelzung der neuartigen Musik Hanns Eislers und der kräftigen, metallischen Stimme Ernst Buschs. Die klugen Gesänge Eislers in der intelligenten sängerischen Umsetzung durch Busch haben durchschlagende Wirkung. Sie werden um 1930 gleichsam zur Fanfare des Aufbruchs. Der „neue Ton” zeichnet sich durch Kraft und Intensität, durch Entschlossenheit und Unbeirrbarkeit aus, er ist nachdrücklich und direkt. Er will nicht becircen, sondern attackiert unmittelbar. Er sensibilisiert, macht wach, aktiviert, begeistert.
Diese damals durchschlagenden Gesänge sind z.T. noch heute zu hören. Sie sind auf Schallträgern bewahrt. Wenn man einen realen Eindruck vom Atem der damaligen Zeit bekommen will, muss man sich das anhören, unbedingt hören. Eine Beschreibung würde ärmlich ausfallen. Das Problem liegt ähnlich, wie es Hans Bunge beschreibt. Als er, der über Jahre mit Brecht und dem Berliner Ensemble verbunden war, für Buschs Brecht-Heft in der Aurora-Reihe den Beitext verfassen sollte und stattdessen einen Eislerschen Kommentar zu Buschs Gesang einschmuggelte, gestand er, das getan zu haben, weil ihm beim Anhören der Busch-Gesänge sozusagen die Spucke wegblieb.
Indessen fordert die in Buschs Kunst sich etablierende neue Grundhaltung nicht die Opferung der künstlerischen Vielfalt und Vielgestaltigkeit. Sie entbehrt weder des Details noch der Nuancen. Sie ist in äußerstem Maße lebendig. Ohne den Grundgestus aufzugeben, kann sie unvermittelt von Schärfe zu äußerster Zartheit, von Burschikosität zu Verhaltenheit, von Humor und feiner Ironie zu bitterem Sarkasmus wechseln. Durch die besondere Formung und Ausdehnung von Ton und Laut erreicht sie eine ungewöhnliche Plastizität. Ihr wird jede Artikulation zur Figur, zur Situation, sie entdeckt, entlarvt, erklärt, modelliert den Zustand, die Tendenz, das Gemüt von Gegenständen und Gestalten. Sein Interesse für den Song, für das Kabarett, für die scharfen satirischen Texte Tucholskys belegt das. Die scheinbar belanglosen Liedchen, die er in Filmen singt, versteht er hintergründig mit Haken zu versehen, und der Tucholsky mit seinen politischen Anspielungen und zeitkritischen Ausfällen lässt ihn auch in der Zeit nach dem Krieg nicht los.
Für Busch ist mit dem Kriegsende die künstlerische Arbeit nicht zu Ende. Als politisch gebildeter und interessierter Künstler sah er in seiner Kunst und insbesondere in seinem Gesang nicht nur eine Möglichkeit, in die sozialen Kämpfe in der Weimarer Republik und in den Freiheitskampf des spanischen Volkes gegen Ausbeutung und Unterdrückung einzugreifen, sondern er sah auch die großen Aufgaben der Kunst in der Zeit des großen Aufbruchs nach der Befreiung vom Faschismus und der „aus den Trümmern der alten Gesellschaft” zu errichtenden neuen, sozialistischen Gemeinschaft.
Ende April 1945, genauer – am 27. April – wurde Ernst Busch von der Roten Armee aus dem Zuchthaus Brandenburg befreit. 1933 vor den Nazis aus Deutschland geflohen, hatte er sich als revolutionärer Sänger in Holland, Belgien und der Sowjetunion durch die Exiljahre geschlagen. 1937/38 kämpfte er mit seinen Liedern in Spanien an der Seite der Interbrigaden gegen die Faschisten. Bei dem Überfall der Hitlerarmee auf Holland und Belgien wurde er im Mai 1940 verhaftet und in Südfrankreich in eines der berüchtigten Internierungslager gesteckt. Die Pétain-Regierung lieferte ihn Anfang 1943 an die Gestapo aus. Während der Untersuchungshaft in Berlin-Moabit erlitt er bei einem anglo-amerikanischen Bombenangriff eine schwere Kopfverletzung, die eine teilweise Gesichtslähmung hinterließ. Die Anklage wegen Hochverrat hatte zur Begründung: „Hat durch Gesangsvorträge den Kommunismus in Europa verbreitet.” In Anbetracht der berufsverhindernden Verletzung lautet die Strafe nur auf drei Jahre Zuchthaus. So kam Busch mit dem Leben davon.
Anfang Mai 1945 ist Ernst Busch schon in Berlin. Trotz seiner Verletzung stürzt er sich in die Arbeit. „Und wenn sie mich auch gekriegt haben,” sagt er hintergründig, „untergekriegt haben sie mich nicht.” Ungeachtet aller nachkriegsbedingten Widrigkeiten sind für Busch die folgenden Jahre eine Zeit außerordentlich produktiven, fruchtbaren und erfolgreichen Schaffens. In einer späten Notiz schätzt er die Jahre von 1945-1953 als seine „heroische Zeit” ein. Das Ende setzt er daher, dass im Mai 1953 die „Lied der Zeit”-GmbH, die nicht nur die materielle Möglichkeit für seine Lied-Aufnahmen bietet, sondern zugleich auch ein kräftezehrender Polyp an organisatorischer, technischer und leitender Arbeit ist, nach einem von ihm selbst schon 1948 eingebrachten Vorschlag in einen volkseigenen Betrieb umgewandelt wird.
Die Arbeit ist vielseitig. Busch erscheint wieder auf Berliner Bühnen und er singt auch wieder, obwohl die linke Gesichtshälfte streikt. In ihm lodert das alte Feuer des Kampfes für Frieden, Gerechtigkeit, Sozialismus. Doch die Verheerungen durch Naziherrschaft und Krieg sind riesig, ideell mehr noch als materiell. In einem Brief an einen holländischen Freund schreibt Busch im Frühjahr 1947:
„Unser Kampf um Deutschland geht seinen Gang. Keine leichte Sache. Du kennst doch die sturen Böcke. Sie nehmen dem Hitler nur eines krumm, dass er ihren Krieg verloren hat. Alles andere war großartig. Völker ausrotten, Judenverfolgung, alles in Ordnung. Und mit denen mach Du mal Demokratie. Wir kämpfen hier um ein zweites Stalingrad. Wo wir siebzig Kerle brauchen, haben wir nur sieben halbe Portionen. Wenn Ihr uns helfen wollt, die geistigen Trümmer (und das sind die schlimmsten), etwas mit weg zu schaufeln, herzlich willkommen.”
Busch setzt seine Kunst ein, das politische Desaster zu überwinden. Sie ist ein äußerst wirksames Mittel. In die Breite wirkt besonders Buschs Gesang. Er weiß das und ihm gilt sein besonderes Interesse. Ungeachtet aller materiellen und geistigen Schwierigkeiten in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg ist das künstlerische Ergebnis dieser Jahre hervorragend. Ernst Busch produziert in seiner „heroischen Zeit” etwa 150 Liedtitel. Und seine alte, noch in die Weimarer Zeit zurückgehende Idee, die Zeitgeschichte im Lied zu begreifen, krönt er mit der in den sechziger und siebziger Jahren geschaffenen „Chronik in Liedern, Balladen und Kantaten”. Dieses sein „Lebenswerk” kann sich sehen lassen. Es umfasst über zweihundert kommentierte Gesänge auf mehr als 45 Schallplatten. Es ist eine der gewichtigsten Liedsammlungen des 20. Jahrhunderts.
Ein Großteil der Lieder Ernst Buschs, der vor 25 Jahren – am 8. Juni 1980 – starb, ist heute auf CDs erhältlich. So ist sein Vermächtnis, das nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat, leicht zugänglich. Man braucht es bloß noch anzuhören, besser vielleicht – man sollte ihm intensiv zuhören, um die von ihm artikulierten großen, menschheitsbefreienden Gedanken zu begreifen. Seine Lieder waren nicht bloß im vergangenen Jahrhundert gültig, sondern gerade das neue Jahrhundert mit seiner unerträglichen kapitalistischen Entwicklung, seinen Raubkriegen und seinen medialen Lügen hat mehr noch riesigen Bedarf an ihrer Wahrheit und Wirkung.
Prof. Dr. Jürgen Elsner, Vorsitzender des Freundeskreis Ernst-Busch e.V.
Wer mehr über das Leben und Werk Ernst Buschs erfahren, über Veranstaltungen des Freundeskreises Ernst Busch e.V. informiert oder Tonträger bestellen will, der wendet sich bitte an:
Prof. Dr. Jürgen Elsner
Heinestr. 97
16341 Zepernick
Homepage: www.ernst-busch.net
Email: busch-freunde@web.de