Seit dem 16.7.1997 ist Karl Diehl, Senior eines Rüstungsbetriebs, der unter anderem bis ungefähr 1994 mehr als 3,2 Millionen Minen an die Bundeswehr geliefert hat, mit etwa 13.000 Arbeitern weltweit und einem Umsatz von knapp 3 Mrd. DM pro Jahr viertgrößter deutscher Waffenkonzern[1] ist, Ehrenbürger der Stadt Nürnberg. Diese Tatsache ist seit ihrem Bekanntwerden Gegenstand heftiger Proteste im In- und Ausland. Wer jedoch nicht protestiert, sondern sogar noch gratuliert, ist der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Gerhard Bauer: „Karl Diehl hat sich immer zum Standort Deutschland bekannt,“[2] meint er und trägt beim Festakt eine Tafel mit der Aufschrift: „12.590 Mitarbeiter und der Betriebsrat gratulieren Herrn Karl Diehl zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde.“ Wem gratuliert er da?
Karl Diehl wird 1907 geboren, tritt 1930 in das väterliche Unternehmen ein, das mit der Aufrüstung nach 1933 rasch wächst. Ab 1939 führt er den Betrieb, staatliche Bestellungen von z.B. Munition und Zeitzündern sorgen für eine Blüte des Unternehmens, solange der 2. Weltkrieg dauert. 1952 beklagt sich Diehl über offene Wehrmachtsrechnungen in Millionenhöhe. 1955 wird die wehrtechnische Produktion wieder aufgenommen. Das Unternehmen wächst ständig, der Aufbau der Bundeswehr sorgt für Aufschwung. Wem hat Diehl seinen Reichtum zu verdanken?
Von Anfang an bis heute der Ausbeutung der Arbeitskraft „seiner“ Arbeiter. Im 2. Weltkrieg beutete Diehl die Arbeitskraft unzähliger KZ-Häftlinge aus.
Nachgewiesen ist dies bis jetzt für die Konzentrationslager Münchberg, Stutthof und Groß-Rosen. Nachgewiesen ist auch, daß er am Programm zur Vernichtung für Arbeit teilgenommen hat, daß viele Arbeiterinnen und Arbeiter ihr Leben lassen mußten.[3] Mit diesen günstigen Ausbeutungsbedingungen war nach dem 2. Weltkrieg Schluß. Obwohl er von da an wieder Löhne zahlen mußte, fiel immer noch genug ab für ihn. Von dem Mehrwert, den „seine“ Arbeiter produziert haben, gab er ein paar Brosamen ab: er unterstützte den Wiederaufbau u.a. der Altstadt von Nürnberg und gilt seitdem als Mäzen. Dieser Beitrag zum Wiederaufbau ist das Hauptargument seiner politischen Freunde im Nürnberger Rathaus für die Ehrenbürgerwürde. Wer waren und sind seine politischen Freunde?
Die vor 45 geknüpften Beziehungen gab er danach nicht auf. Die Geheimdienstabteilung der US-Militärregierung registriert z.B. im Wochenbericht vom 3.5.46, daß bei den Metallwerken Diehl „Arbeiter besonders wütend (sind) über einige mehr oder weniger aktive Nazis, die dort nach wie vor hohe Führungspositionen innehaben.“ Dazu paßt, daß Diehl in den OMGUS-Akten (Office of Military Government, United States Zone) wiederholt als Sponsor der faschistischen Splittergruppe Deutscher Block genannt wird.[4] Duz-Freund und bayerischer Ministerpräsident Franz-Josef Strauß („Verteidigungs“minister von 1959-1962) verleiht ihm 1982 das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband.[5] Und die Nürnberger CSU setzt ihn gegen internationalen Widerstand als Ehrenbürger durch. Wozu führte bis heute der internationale Widerstand?
In Sorge um das Ansehen des Rüstungs- und Elektronikkonzerns Diehl, sprich in Sorge um künftige Aufträge, sah sich das Unternehmen 1998 gezwungen, einen sogenannten „Entschädigungs“fonds einzurichten, aus dem Zwangsarbeiterinnen pro Monat Arbeit bzw. Haft etwa 1.000 DM bekommen. Der Fonds mußte inzwischen von ursprünglich 500.000 DM auf 3 Millionen DM aufgestockt werden, da doch noch mehr Arbeiterinnen leben und ihre geleistete Arbeit glaubhaft versichern können, als der Konzern zunächst vermutete.[6]
Doch nun zurück zum Gratulanten Gerhard Bauer. Er hat einen Vorgänger, den 1. Bevollmächtigten der IG-Metall Nürnberg, Gerd Lobboda. Er hatte schon Ende der 80er Jahre die Idee, Karl Diehl zum Ehrenbürger zu machen. Und zwar gleichzeitig mit Otto Kraus, Dreher, Gewerkschafter, deswegen Häftling im KZ Dachau und nach dem Krieg langjähriger Chef der Nürnberger IG-Metall. Metallarbeiter und Metallunternehmer gemeinsam zum Ehrenbürger zu machen, sollte die Versöhnung der Arbeiterklasse mit der Bourgeoisie symbolisieren. Lobboda konnte mit seiner Idee beim damaligen SPD-OB Schönlein nicht landen. Bei Bauer und seinen Betriebsratskollegen hatte er jedoch Erfolg. Sie danken ihrem Chef, daß er „arbeitsplatzschonend“ Rüstungskonversion betrieben habe. Soll heißen, daß er bei Auftragsrückgang im Wehrtechnikbereich die Quelle seines Reichtums, die Arbeiter, nicht alle entlassen hat, sondern z. T. auf sogenannte zivile Produktion umgestellt hat und dabei seine Profite gesichert hat. Dabei sind leider schon - wie im Kapitalismus immer üblich - Arbeitsplätze verloren gegangen. Das heißt dann „arbeitsplatzschonend“. Auch wenn es in unserem System ziemlich gleichgültig ist, ob ich als Kapitalist nun direkt Rüstung produziere oder sonstwie zu seinem Erhalt beitrage, ist dennoch interessant, daß nach Firmenangaben der Anteil der Wehrtechnik von 1970-95 immer noch 30-50 Prozent betragen hat.[7] Auf der Jahrespressekonferenz bezifferte der Konzern den Anteil für 1997 mit 40% am Jahresumsatz von 3,03 Mrd. DM Umsatz und nannte ihn ein Kerngeschäft.[8] Bauer und seine Betriebsratskollegen danken ihm, daß er mit der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft den Standort Deutschland gesichert hat - wie sie das nennen. Der Preis ist der Verlust der Solidarität der Arbeiterklasse untereinander, die Aufgabe ihres Bewußtseins und ihres Stolzes. Von den ehemaligen Zwangsarbeiterinnen, die bis heute Kontakt gehalten haben und jetzt gemeinsam durchsetzen, daß sie wenigstens einen geringen Teil des ihnen zustehenden Lohns erhalten, müssen sie sich das zeigen lassen.
Arbeitsgruppe „Gewerkschaften“
1 vgl. Antimilitarismus information 1/1999
2 vgl. taz vom 17.7.1997 und 18.11.1997
3 ebenda und taz vom 8./9.11.1997
4 vgl. Nürnberger Nachrichten vom 30.6.1998
5 vgl. Nürnberger Nachrichten vom 16.7.1997
6 vgl. Abendzeitung Nürnberg vom 6./7.6.1998 und Nürnberger Nachrichten vom 4.12.1998
7 vgl. Plärrer vom Februar 1997
8 vgl. Handelsblatt vom 2.7.98