Der letzte Tarifabschluß in der Metallindustrie wurde von der Gewerkschaftsführung wieder einmal als großer Sieg gefeiert (3,2% mehr Lohn und Gehalt bei 14 Monaten Laufzeit, eine Einmalzahlung von 1% vom Jahreslohn und eine Pauschale von 350 DM für die Monate Januar und Februar). Nun werden alle IG Metall-Funktionäre aufgefordert, verstärkt Mitglieder im Hinblick auf den „Tariferfolg“ aufzunehmen. Die Mitgliederwerbeaktionen, die in der Hauptsache von Werbeagenturen ausgetüftelt werden, kosten jährlich ca. 40 Millionen DM an Mitgliedsbeiträgen. Mitgliederwerbung wurde von den Funktionären der IG Metall schon immer betrieben. Die Stärke und Kampfkraft hängt nicht zuletzt von dem Organisationsgrad der Gewerkschaften in den Betrieben ab. Neu an der gesamten Mitgliederwerbeaktion ist:
- Lukrative Prämien werden den Werbern in Aussicht gestellt.
- Teure Marketingunternehmen werden von der IGM-Führung angeheuert, um Strategien zu entwickeln, wie man möglichen Beitrittskandidaten die IG Metall schmackhaft macht.
- Die kleinen Funktionäre werden durch Werbebroschüren und Dialogmappen angewiesen, wie man Werbegespräche führt.
- Jeder Vertrauenskörper soll sich ein Ziel setzen, wie viele Mitglieder er in einem bestimmten Zeitraum aufnimmt. Nach dieser Zeit wird überprüft, ob das gesteckte Ziel erreicht wurde.
Die Marketingstrategien setzen dabei vor allem auf die Versicherungsleistungen der IG Metall wie z.B. Freizeitunfallversicherung, Rechtsschutz bei Arbeitsgerichtsprozessen, Unterstützung bei Notfällen und Sterbehilfen, Mieterberatung, Steuerberatung, verbilligte Reiseangebote und Mietwagen bei bestimmten Firmen, kostenlose Fortbildungsseminare, bei denen die IG Metall meist sogar den Lohnausfall übernimmt, und einmal im Monat bekommt jedes Mitglied die Metallzeitung.
Sollte bei einem Beitrittswilligen dies alles nicht ziehen, so kann der Werbefunktionär auch noch Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, 30 Tage Urlaub mit 50% zusätzlichem Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, 35-StundenWoche, vermögenswirksame Leistungen von 52 DM im Monat usw. in die Waagschale werfen. Wenn einer dann seinen Aufnahmeantrag immer noch nicht unterschreibt, hat der Werber Pech gehabt. Denn weitere Argumente sind den hochbezahlten Werbeexperten noch nicht eingefallen. Solche werden ihnen auch in der Zukunft nicht in den Sinn kommen, wollen sie doch die IG Metall als bessere Versicherungsgesellschaft vermarkten.
Dabei hat die Gewerkschaftsführung gänzlich vergessen, daß die Erfolge irgendwann von den Kolleginnen und Kollegen erkämpft wurden und uns vom Kapital auch in Zukunft nichts geschenkt wird. Tritt man dem Kapital entgegen, so geht dies nicht als Einzelperson, wie viele Betriebsräte oft meinen, sondern nur als organisierte Kraft. Genau um Organisation und Solidarität muß es bei den Mitgliederwerbeaktionen gehen. Man organisiert sich und kämpft in der Gewerkschaft. Desto stärker die Gewerkschaften mitgliedermäßig sind, desto besser kann sich die Arbeiterklasse gegen die Verschlechterungen ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen wehren und für ein besseres Leben kämpfen. Gewerkschaftliche Parolen wie „Nur gemeinsam sind wir stark“ oder „Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren“ sind nicht Schnee von gestern, sondern sind heute aktueller denn je! Die Gewerkschaftsführung scheint ganz vergessen zu haben, daß es sich um eine Einheitsgewerkschaft handelt. Das heißt alle Nationalitäten, Frauen - Männer, Junge und Alte kämpfen gemeinsam gegen die Angriffe des Kapitals.
Die Gewerkschaften haben nicht nur die Pflicht, für mehr Lohn oder mehr Urlaub zu kämpfen, sondern auch gegen die Ausgrenzung ausländischer Arbeiter, z.B. für die vollen Staatsbürgerrechte und gegen die Abschiebung von Flüchtlingen. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist eine alte Forderung der Gewerkschaften. Billiglohngruppen für Langzeitarbeitslose oder Frauenlohngruppen müssen von den Gewerkschaften mit aller Kraft bekämpft werden.
Einige Gewerkschaftsführer (z.B. Baugewerkschaft, IG Chemie, Bergbau und Energie) halten von einer Klassensolidarität nichts. So hat die Gewerkschaft Bergbau und Energie die Kalikumpel 1992 zu einer Demonstration für die Schließung des Kalibergwerks Bischofferode aufgerufen. Sie ist damit den Kolleginnen und Kollegen, die mit Streiks und Hungerstreiks für den Erhalt der Arbeitsplätze gekämpft haben, mit dem Messer in den Rücken gefallen. Bezirksvorstände der Baugewerkschaft fahren, vor allem in der einverleibten DDR und Westberlin, mit der Staatsmacht „Streife“ (Razzien), um „illegale“ Bauarbeiter aus Osteuropa auf den Baustellen aufzuspüren. Die aufgespürten Kolleginnen und Kollegen werden in aller Regel verhaftet und abgeschoben.
In diesen Fällen hat die Gewerkschaft dafür zu sorgen, daß erstens die Arbeiter genauso ungestört Grenzen überschreiten können wie das Kapital, daß zweitens das Prinzip „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ gilt und daß drittens die Tarifverträge von den Kapitalisten eingehalten werden. Nicht Rasse gegen Rasse, sondern Klasse gegen Klasse kann bei den Gewerkschaften als Vertreter der Arbeiterklasse nur das Motto lauten. Jeder Arbeiter, egal aus welchem Land er kommt oder in welchem Land er arbeitet, gehört zur Arbeiterklasse.
Wenn sich die Gewerkschaften wieder auf ihre ureigensten Ziele konzentrieren und nicht wie in letzter Zeit verstärkt als Beratungs- und Versicherungsverein auftreten, werden die Arbeiter auch wieder einen Sinn in einer Gewerkschaftsmitgliedschaft sehen. Die Erfahrungen beim Bayernstreik der IG Metall 1995 haben bewiesen, daß der Kampf die beste Mitgliederwerbung ist.
Dies soll aber nicht heißen, daß wir Gewerkschafter mit der Mitgliederwerbung so lange warten, bis die Gewerkschaften endlich wieder den Kampf gegen das Kapital aufnehmen. In den sogenannten „Friedenszeiten“ ist es zwar sehr schwierig, Kolleginnen und Kollegen für die Gewerkschaft zu begeistern, aber es ist nicht unmöglich. Wir müssen klar und deutlich sagen: Wenn wir wollen, daß die Gewerkschaften den Kampf gegen das Kapital aufnehmen, dann müssen wir unseren Laden Gewerkschaft in Ordnung bringen. Jeder soll sich dort einmischen, wo er politisch tätig ist und seine Lohnarbeit verrichtet. Dies kann im Vertrauenskörper, in den verschiedenen Arbeitskreisen oder aber in den innergewerkschaftlichen Hierarchien der Fall sein. Es ist klar: Wer sich nicht einmischt und um die richtige Position kämpft, darf sich auch über den Zustand des DGB und der Einzelgewerkschaften nicht beschweren. Gerade Staatsbürgerschaftsrecht und doppelte Staatsbürgerschaft werden innerhalb der Gewerkschaften zur Zeit heftig diskutiert. IG Metall und DGB versuchen, Bündnisse mit Parteien und kirchlichen Organisationen zu schmieden, um der rassistischen CDU/CSU-Unterschriftenkampagne entgegenzutreten. Genau hier ist die Möglichkeit, sich einzumischen, damit das Thema Rassismus nicht auf der humanen Ebene stehen bleibt, sondern die internationale Solidarität der Arbeiter gefordert wird.
Es lohnt sich, in die Gewerkschaft einzutreten und um die richtige Politik zu streiten. Die Gewerkschaften sind in diesen Zeiten die wichtigste Massenorganisation der Arbeiter, die dem Kapital den Kampf ansagen kann.
Arbeitsgruppe „Gewerkschaft“
Was auch geschieht!
Was auch immer geschieht:
Nie dürft ihr so tief sinken,
von dem Kakao, durch den man euch zieht,
auch noch zu trinken!
Erich Kästner