Um u.a. diese Frage ging es in einem Artikel von Corell in der KAZ Nr.231/32 „Gibt es noch eine Arbeiterklasse? Und ist sie noch eine revolutionäre Klasse?“, aus dem wir im folgenden zitieren. Corell widerlegt in seinem Artikel verschiedene Anschauungen, die die Arbeiterklasse in den imperialistischen Ländern in der einen oder anderen Weise für erledigt erklären und beschäftigt sich schließlich mit einem verbreiteten Irrtum, der die Beziehung der Arbeiter hier zu den den vom Imperialismus abhängigen Ländern betrifft:
Die Arbeiterklasse hier lebe auf Kosten der „Dritten Welt“, sei besser bezahlt und relativ zufrieden und stehe für die Revolution nicht mehr zur Verfügung.
Daß hier ein Zusammenhang besteht, darauf hat schon Lenin hingewiesen:
„Ist etwa die wirkliche Lage der Arbeiter der unterdrückenden und der unterdrückten Nationen, was die nationale Frage anbetrifft, die gleiche? Nein.
1. Ökonomisch ist der Unterschied der, daß Teile der Arbeiterklasse in den Unterdrückerländern Brosamen von dem Extraprofit erhalten, den die Bourgeois der Unterdrückernation einheimsen, indem sie den Arbeitern der unterdrückten Nationen das Fell stets zweimal über die Ohren ziehen.Die ökonomischen Daten besagen außerdem, daß aus den Arbeitern der Unterdrückernationen ein größerer Prozentsatz zu den ‘Zwischenmeistern’ aufsteigt als aus den Arbeitern der unterdrückten Nationen, daß ein größerer Prozentsatz zur Aristokratie der Arbeiterklasse emporsteigt. Das ist eine Tatsache. Die Arbeiter der unterdrückenden Nationen sind bis zu einem gewissen Grade Teilhaber ihrer Bourgeoisie bei der Ausplünderung der Arbeiter (und der Masse der Bevölkerung) der unterdrückten Nationen.
2. Politisch ist der Unterschied der, daß die Arbeiter der Unterdrückernation auf einer ganzen Reihe von Gebieten des politischen Lebens eine im Vergleich zu den Arbeitern der unterdrückten Nation privilegierte Stellung einnehmen.
3. Ideologisch oder geistig ist der Unterschied der, daß die Arbeiter der Unterdrückernationen durch die Schule und das Leben stets im Geiste der Verachtung oder Mißachtung der Arbeiter der unterdrückten Nationen erzogen werden. ...“[1]
Der Realist Lenin, der eindringlich die Möglichkeit der Bestechung einer Oberschicht von Arbeitern aus kolonialen Extraprofiten analysiert hat, wäre jedoch niemals auf den Gedanken gekommen, Teile der Arbeiterklasse mit der Arbeiterklasse selbst zu verwechseln und sie als revolutionäres Subjekt auch in den imperialistischen Ländern zu leugnen. Er betont demgegenüber:
„Nur das Proletariat ist - kraft seiner ökonomischen Rolle in der Großproduktion - fähig, der Führer aller werktätigen und ausgebeuteten Massen zu sein, die von der Bourgeoisie vielfach nicht weniger, sondern noch mehr ausgebeutet, geknechtet und unterdrückt werden als die Proletarier, aber zu einem selbständigen Kampf um ihre Befreiung nicht fähig sind.“[2]
Und die Bedeutung der Großproduktion und damit die Rolle des Proletariats hat sich seit Lenins Zeiten noch gewaltig erhöht (...).
Ausbeutung ist ein wissenschaftlicher Begriff. In einem System, das die Masse der eigentumslosen Lohnarbeiter dazu zwingt, ihre Arbeitskraft als Ware an die Eigentümer der Produktionsmittel zu verkaufen, besteht Ausbeutung darin, daß die Kapitalisten sich fremde, unbezahlte Arbeit aneignen auf der Grundlage der Tatsache, daß die Arbeitskraft in der Lage ist, mehr Wert zu schaffen, als sie zur eigenen Reproduktion benötigt. Die Ausbeutungsrate bestimmt sich durch das Verhältnis Mehrarbeit zur notwendigen Arbeitszeit, also dem Verhältnis der Zeit, in der der Arbeiter für den Kapitalisten arbeitet, zu der Zeit, in der er für die eigene Reproduktion arbeitet. Durch den Stand der Produktivkraftentwicklung ist anzunehmen, daß die Ausbeutungsrate in den imperialistischen Ländern am höchsten, daß hier verglichen mit den unterentwickelten Ländern die notwendige Arbeitszeit erheblich geringer sein dürfte, also die Zeit, um die Arbeiterklasse auf ihrem dürftigen Stand zu reproduzieren. Bei gegebener Länge des Arbeitstags und gegebener Intensität der Arbeit sowie gegebenem Stand der Technik ist eine Erhöhung der Ausbeutungsrate dadurch möglich, daß alle in den Konsum der Arbeiterklasse eingehenden Waren in weniger Arbeitszeit hergestellt werden können, sich also verbilligen.
Lebt also die Arbeiterklasse hier dank billiger Konsumgüterimporte auf Kosten der „Dritten Welt“?
Aber gerade dies kann bestritten werden. Mit Zöllen und Subventionen werden die Großagrarier in den imperialistischen Ländern geschützt gegenüber der Einfuhr von wesentlich billigeren Lebensmitteln (außer den sog. Kolonialwaren) aus den abhängigen Ländern oder auch aus den USA. Das Welttextilabkommen schützt die Textilkapitalisten vor Billigimporten aus den abhängigen Ländern usw.
Und selbst wenn dies nicht der Fall wäre, so führt Marx aus[3], hätte sich bei einer Verbilligung der Lebensmittel der Wert der Arbeitskraft vermindert, die relative gesellschaftliche Stellung der Arbeiterklasse gegenüber den Kapitalisten wäre niedriger, obgleich der absolute Lebensstandard (zunächst) der gleiche geblieben wäre.
Marx hält an gleicher Stelle fest, daß die Verbilligung der Lebensmittel ausschließlich die Lage des Kapitals stärkt. Marx hier zu widerlegen, dürfte auch nach fast 140 Jahren nicht ganz einfach sein. Das ist aber der entscheidende Punkt, der noch nicht berücksichtigt, daß die mörderischen Produktionsbedingungen und Löhne, die das Kapital Arbeitern in anderen Ländern aufzwingen kann, die Arbeiterklasse hier einem ständigen Druck auf ihre Arbeits- und Lebensbedingungen aussetzt.
So ist man mit der Aussage, die Arbeiterklasse hier lebt auf Kosten der „Dritten Welt“ bei der Aussage angelangt, daß der Arbeiter auf Kosten des Arbeiters lebt, was entweder eine tautologische Selbstverständlichkeit ist, die unabhängig von jeglicher konkreter Gesellschaftsordnung stimmt, weil eben die Arbeit das Leben produziert, oder es ist offenbare Apologie des Kapitals, die den Arbeiter zum Ausbeuter erklärt statt den Kapitalisten.
Nimmt man dagegen die Feststellung von Marx ernst, daß sogar die Verbilligung der Konsumgüter für die Arbeiterklasse die Kapitalisten stärkt, dann ist leicht einzusehen, daß durch Ausplünderung der abhängigen Länder das Monopolkapital gestärkt wird. Soweit gestärkt wird, daß es in der Lage ist, eine Aristokratie der Arbeiter zu bestechen und damit der Bourgeoisie in ihrem Streben nach gesellschaftlichen Mehrheiten zur Sicherung ihrer Herrschaft eine neue Schicht zuzuführen. Eine Schicht, die darüber hinaus durch ihre besondere Stellung dazu ausersehen ist, die für die Bourgeoisie einzig wirklich gefährliche Klasse vom Kampf abzuhalten.
Arbeitsgruppe „Klassenanalyse“
1 W.I. Lenin, Über ein e Karikatur auf den Marxismus und über den „imperialistischen Ökonomismus“, Lenin Werke (LW) Bd.23, S.48
2 W.I. Lenin, Staat und Revolution, LW Bd.25, S.416
3 Karl Marx, Lohn, Preis und Profit, Marx Engels Werke Bd.16, S.142
„Das Wertgesetz ist das ökonomische Gesetz der Warenproduktion, demzufolge sich die Waren entsprechend der zu ihrer Herstellung aufgewandten durchschnittlich gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit austauschen.
Der Markt, die Konkurrenz, die Preisschwankungen, die Krisen sorgen nun dafür, daß – im Durchschnitt der Gesellschaft gesehen – alle Waren entsprechend ihrem Wert, d.h. entsprechend der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, die in ihnen steckt, ausgetauscht werden. Monopole, die neben und über der Konkurrenz existieren, haben die Möglichkeit, einen Monopolpreis für ihre Waren zu realisieren, d.h. einen Preis, der in der Regel den Wert der jeweiligen Ware übersteigt. Dennoch kann der Monopolpreis nicht die Grenzen übersteigen, die durch den Wert der Waren bestimmt werden, kann die Existenz der Monopole nicht die Geltung des Wertgesetzes aufheben. Das hohe Niveau der Monopolpreise verändert nicht die Gesamtsumme des in der kapitalistischen Weltwirtschaft produzierten Werts und Mehrwerts: was die Monopole gewinnen (was sie an ,Tribut’ erheben) büßen die Arbeiter, die Kleinproduzenten, die nichtmonopolistischen Schichten und Klassen des eigenen Landes, wie insbesondere die Völker der abhängigen kolonialen und halbkolonialen Länder ein. Eine Quelle des Maximalprofits, den die Monopole erzielen, ist die Neuverteilung des Mehrwerts, in deren Ergebnis die nichtmonopolisierten Betriebe häufig nicht einmal den Durchschnittsprofit bekommen. Die Monopole halten die Preise auf einem hohen Stand, der den Wert der Waren übersteigt, und eignen sich dadurch die Ergebnisse der Steigerung der Arbeitsproduktivität und der Senkung der Produktionskosten an. Somit bedeutet die Entstehung der Monopole bei Fortbestehen der kapitalistischen Konkurrenz und der Wirkung des Wertgesetzes eine ungeheure Vergrößerung der Last und Ausbeutung der Werktätigen des eigenen Landes wie auch der vom Imperialismus unterdrückten und abhängigen Länder.“
(Schulungsleitfaden Imperialismus, hrsg. vom Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD, S.10f.)