Die Geschichte lehrt uns, daß eine genaue Einschätzung des Kleinbürgertums keine akademische Angelegenheit ist. Besonders in Krisenphasen der imperialistischen Gesellschaft ist die Frage, wohin sich das Kleinbürgertum politisch entwickelt, von - in manchen Situationen möglicherweise entscheidender - Bedeutung. Der deutsche Faschismus hätte z. B. ohne die Gewinnung bedeutender Teile des Kleinbürgertums schwerlich die Massenbasis entwickeln können, die es ihm ermöglichte, die Diktatur der Bourgeoisie - genauer ihres sozial reaktionärsten und politisch aggressivsten monopolistischen Teils - mit terroristischen Mitteln auszuüben. Aber abgesehen von dem als Möglichkeit jederzeit existierenden faschistischen Ausweg, ist das Verhältnis zum Kleinbürgertum für die Arbeiterklasse auch in anderer Hinsicht wichtig. Die Nähe der unteren Teile des Kleinbürgertums zur Arbeiterklasse fördert das Eindringen der bürgerlichen Ideologie in die Arbeiterschaft, die sozialen Bedingungen dieser Schicht werden beständig zu einem „Ideal“ für diejenigen Menschen innerhalb unser Klasse, die sich nach sozialem Aufstieg sehnen. Und hinsichtlich des Kampfes um das Herankommen an die Machtfrage und im Fall des Kampfes um die Macht selbst muß die Arbeiterklasse bestrebt sein, Teile des Kleinbürgertums politisch zu gewinnen oder wenigstens zu neutralisieren. Deshalb ist die Einschätzung des Kleinbürgertums wichtig für die Entwicklung kommunistischer Politik.
Tatsächlich gruppieren sich unter dem Begriff Kleinbürgertum Menschen recht unterschiedlicher sozialer Stellung - hinsichtlich ihres Verhältnisses zu den Produktionsmitteln, ihres Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, ihrer Stellung in der Hierarchie der Arbeits- und Herrschaftsorganisation und hinsichtlich der Art und Weise, wie sie an ihren Anteil am gesellschaftlichen Reichtum gelangen. Die Ränder des Kleinbürgertums sind fließend - nach oben und unten. Die Einordnung bestimmter Gruppen – gehören sie noch zum Kleinbürgertum oder schon zur Kapitalisten- bzw. Arbeiterklasse – ist oft nicht einfach. Trotz aller Differenzierung dieser Schichten und Menschengruppen ist ihnen aber gemeinsam, daß sie zwischen den beiden Hauptklassen stehen, weder „Großbürger“ noch Arbeiter sind, sondern eben zum Kleinbürgertum zählen.
Hauptsächlich hinsichtlich der Art und Weise, wie sie ihren Anteil am gesellschaftlichen Reichtum erlangen, können zwei Hauptgruppen unterschieden werden:
a) Händler, Gewerbetreibende, Bauern, Freiberufliche und Selbständige aller Art - soweit sie noch keine Kapitalisten sind - und kleine Warenproduzenten.
b) Menschen, die ihre Arbeitskraft als Angestellte oder Angestellte/Beamte im Staatsapparat und gesellschaftlichen Organisationen verkaufen müssen, aber trotz dieser Abhängigkeit nicht zur Arbeiterklasse zählen, weil ihre Quasi-Lohnabhängigkeit formal bleibt und weil sie sich nach den oben angeführten Gesichtspunkten in ihrer sozialen Stellung von der Arbeiterklasse unterscheiden.
Für einen Teil der ersten Gruppe ist charakteristisch, daß er sozusagen ein Überbleibsel aus der Geschichte der kapitalistischen Entwicklung ist. Er besetzt solche Funktionen in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, die aus unterschiedlichen Gründen – z.B. technischen oder solchen der Arbeitsorganisation – nicht (oder noch nicht) der Kapitalverwertung direkt unterworfen werden. Nischen, die für Kapitalisten dank vorhandener besserer Verwertungsmöglichkeiten (noch) nicht interessant sind.
Die ständige Revolutionierung der Produktionstechnik und die ständige Suche von Kapitalisten nach neuen Verwertungsmöglichkeiten führen einerseits dazu, daß beständig Teile des Kleinbürgertums ruiniert werden und in die Arbeiterklasse absteigen oder deklassiert werden. Beispiel dafür sind ein Teil der alten Handwerksberufe oder der Kleinhandel („Tante-Emma-Läden“) und die Bauern. Vor allem letztere sind in den vergangenen Jahrzehnten massenweise ruiniert worden. Zählte die Statistik 1970 noch 1,9 Millionen selbständige und mithelfende Familienangehörige in der Landwirtschaft, sind es 1997 nur noch 0,5 Millionen. Aber auch im verarbeitenden Gewerbe hat sich die Zahl der Selbständigen im gleichen Zeitraum von 566.000 auf 375.000 verringert, im Handel von 793.000 auf 680.000.
Anderseits entstehen dadurch aber auch beständig neue Möglichkeiten für die Gründung kleinbürgerlicher Existenzen. Die Zahl der selbständigen Kleinbürger im Bereich der sogenannten Dienstleistungen hat vor allem im letzten Jahrzehnt zugenommen. Während sich die Zahl der Selbständigen insgesamt von 1970 bis 1997 von 4,4 auf 3,1 Millionen verringert hat, stieg ihre Zahl im Dienstleistungsbereich von 0,7 auf 1,2 Millionen an. Im Zusammenhang mit der Informationstechnologie z.B. entsteht ein Bedarf an einer Vielzahl von „Service-Leistungen“ „am Rande“ der Durchkapitalisierung dieses Sektors, die zu einer Welle kleinbürgerlicher Existenzgründungen führen. Sie übernehmen zum Teil die Rolle von „Spürhunden“, die die „Marktfähigkeit“ von Produkten oder Dienstleistungen testen. Im Erfolgsfall droht die Besetzung solcher Nischen durch Kapitalisten.
Wie bei den „übriggebliebenen“ Teilen des Kleinbürgertums auch, ist die Existenz eines Großteils dieses neuen Kleinbürgertums prekär. Insgesamt ist der Ruin häufiger als die Etablierung, der soziale Absturz häufiger als der Aufstieg in die Bourgeoisie.
Eine besondere Rolle spielt die in letzter Zeit stark zunehmende Zahl von sogenannten Subunternehmern.
Für einen Großteil dieser Gruppe ist die Selbständigkeit allerdings formal und einfach ein Mittel zur Ausbeutung von Arbeitskraft unter noch schlechteren Bedingungen als in den „normalen“ Lohnarbeitsverhältnissen, eine Umgehung des Sozial- und Arbeitsrechts und der Tarifverträge, mit der die berüchtigte „Senkung der Lohnnebenkosten“ vorweggenommen und auf Null gebracht wird. Vieles erinnert dabei an das Verlagswesen aus früheren Zeiten der kapitalistischen Entwicklung. Der Transport„unternehmer“, der vertraglich ausschließlich an „seinen“ Kapitalisten gebunden ist, oder der Heimarbeiter, der zu Hause an seinem Computer für eine Firma arbeitet, ist in einer vergleichbaren Lage wie der Weber vergangener Zeiten, der bei sich zu Hause mit eigenem Webstuhl für „seinen“ Kapitalisten arbeitete.
Ein kleinerer Teil dieser Gruppe entwickelt eine kleinbürgerliche Existenzweise - allerdings oft in einem engen Abhängigkeitsverhältnis zu ihren kapitalistischen Auftraggebern. Auch das ist nicht neu. Für den Großteil der selbständigen Handelsvertreter z. B. gilt das traditionell. Neu ist eher die Ausdehnung dieser Abhängigkeitsverhältnisse auf Sektoren wie das Transportwesen, Gaststätten, Gesundheitswesen und „Dienstleistungen“ aller Art.
Neben diesen besonders gefährdeten alten und neuesten Teilen des Kleinbürgertums gibt es so etwas wie einen (relativ) „stabilen Kern“. Dazu zählen niedergelassene Ärzte, Rechtsanwälte, Notare, freiberufliche Steuerberater, Künstler, die Hebamen und andere „Dienstleister“ im Gesundheitswesen, „eingesessene“ Handels- und Versicherungsvertreter usw. und immer noch kleine Handwerker, Tankstellenpächter, kleine Händler, Gastwirte und Imbißbuden-Betreiber, die sich aufgrund besonderer Gegebenheiten haben „halten“ können.
Die Aufblähung der imperialistischen Staatsapparate und „öffentlichen“ Institutionen beinhaltet eine Vielzahl von kleineren und mittleren Herrschafts- und Verwaltungsfunktionen. Entsprechend gewachsen ist der Anteil abhängig beschäftigter Kleinbürger. Das Kriterium der abhängigen Beschäftigung verbindet sie mit der Arbeiterklasse. Was sie von ihr trennt, ist die Stellung in der Hierarchie der Arbeitsorganisation, die Art der Tätigkeit und die Höhe des Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, an den sie über außertarifliche Verträge oder das Besoldungsrecht für höhere Beamte (und analoge Arbeitsverträge im Angestelltenbereich) gelangt.
Wegen der Qualifikationen, die für die unteren und mittleren Leistungs- und Verwaltungsfunktionen in Betrieben, im Staatsapparat, „öffentlichen Einrichtungen“ und gesellschaftlichen Organisationen erforderlich sind, machen die kleinbürgerlichen Teile der Intelligenz einen Großteil dieser Gruppe aus.
In den Betrieben sind Ingenieure und Verwaltungsangestellte mit Leistungsfunktionen Vertreter dieser Gruppe, im Staatsapparat die Beamten der mittleren und höheren Laufbahn - Lehrer, Vorgesetzte in den Verwaltungen, Berufssoldaten und Offiziere, Angestellte und Beamte mit Hochschulqualifikationen in den Wissenschafts- und Kunst-Institutionen, Hochschulen und Universitäten und im Gesundheitswesen, Angestellte mit Leitungsfunktionen in Verbänden, Berufsorganisationen, bürgerlichen Parteien und Kirchen, Beschäftigte im Staatsapparat mit Unterdrückungsfunktionen (Polizei, Gefängnisse, Justiz).
Zum Kleinbürgertum zählt auch die Arbeiteraristokratie[*]. Wir zählen dazu diejenigen Gewerkschaftsfunktionäre, die durch die Höhe ihres Gehalts in kleinbürgerliche Lebensverhältnisse gebracht werden und diejenigen Betriebsräte, die durch mannigfaltige „Zuwendungen“ (Aufsichtsratsmandate, politische Ämter, Geld) von den Kapitalisten bestochen werden (und sich bestechen lassen).
Die bürgerlichen Statistiken geben für die zahlenmäßige Erfassung des Kleinbürgertums nicht viel her. Ihre Kriterien sollen ja die Klassenstruktur der bürgerlichen Gesellschaft gerade nicht erhellen, sondern verwischen. Entsprechend der politischen Schwäche der westdeutschen Arbeiterklasse und folglich der Schwäche revolutionärer Organisationen verfügen wir auch - jedenfalls unseres Wissens - kaum über eigene Zahlen.
* siehe Fußnote 2, S.13
In den bürgerlichen Statistiken werden ungefähr 10% der Erwerbstätigen als „Selbständige“geführt. Die „restlichen“ 90% sind abhängig beschäftigt (bzw. erwerbslos). Zieht man von den „Selbständigen“ die darin enthaltenen 500.000 (ca. 1,5%) Kapitalisten ab, verbleiben ca. 8,5%, die wir, jedenfalls größtenteils, dem Kleinbürgertum zurechnen können. Dazu kommen die abhängig beschäftigten Kleinbürger. Man wird nicht allzuweit fehlgehen, wenn man für das Kleinbürgertum insgesamt einen Anteil von 20% - 25% der Bevölkerung annimmt - also ca. 13 bis 16 Millionen Menschen.
Eine Quantifizierung einzelner Gruppen des Kleinbürgertums entsprechend ihrer unterschiedlichen sozialen Lage - wie groß sind z. B. die Teile, deren Lebensverhältnisse nahe an denen der Arbeiterklasse sind oder welcher Anteil lebt unter Verhältnissen, die denen kleiner Kapitalisten ähneln - ist uns nicht möglich. Letztendlich möglich werden Antworten darauf auch erst sein, wenn die Arbeiterbewegung wieder mehr an Stärke und damit Einfluß und Erfahrungen gegenüber dem Kleinbürgertum gewonnen hat. Voraussetzung dafür ist, die eigene soziale Lage zu erkennen und damit sowohl die Aufgaben und Ziele der eigenen Klasse, wie auch welche Bündnispartner die Arbeiterklasse in den verschiedenen Etappen ihres Kampfes gewinnen kann. (Siehe Kasten auf Seite 33)
Die paar hundert Monopolkapitalisten, die die entscheidenden Kapitale besitzen und den Kern der herrschenden Verhältnisse ausmachen – und damit das Schicksal der ganzen Gesellschaft bestimmen, solange die Arbeiterklasse dies zuläßt – sitzen wie die Spinne in einem weitverzweigten und dicht gewebten Netz, ohne das sie ihre gesellschaftliche Stellung nicht behaupten könnten. Mehr oder weniger nahe dieses Machtzentrums sind die übrigen Kapitalisten angesiedelt. Sie allein wären eine schmale soziale Basis für die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Verhältnisse.
Die Millionen Menschen, die den Herrschaften zu Diensten und von ihnen in den verschiedensten Formen abhängig sind, stellt das Kleinbürgertum. Unter dem heutigen politischen Kräfteverhältnis sind sie das breite Glacis der Monopolherrschaft. Die Vielfalt kleinbürgerlicher Existenz trägt mit dazu bei, die Klarheit der Klassengegensätze zu verwischen. Die eingebildete – und in weit geringerem Maß tatsächliche – Durchlässigkeit der Klassen- und Schichten-Grenzen vermitteln besonders in Zeiten schwach ausgeprägten proletarischen Klassenbewußtseins den Eindruck fließende Übergänge oder überhaupt einer Amorphität der Klassen, in der es von der „Tüchtigkeit“, „glücklichen Umständen“ etc. abhängt, wo Menschen sich „emporarbeiten“ oder „abstürzen“.
Trotz der sozialen „Unschärfe“ des Kleinbürgertums prägt es spezifische, politische und kulturelle Haltungen und Milieus aus. Das Selbstbewußtsein dieser Schicht strahlt auf die ganze Gesellschaft und insbesondere auf die unter ihr stehende Arbeiterklasse aus.
Im Arbeitsprozeß und im Reproduktionsbereich, im gesamten sozialen Leben, tagtäglich mit dem Kleinbürgertum in engem Kontakt, wird ein Teil der Arbeiterklasse vom Kleinbürgertum stark beeinflußt - bis dahin, daß Arbeiter massenhaft das kleinbürgerliche Leben „nachzuahmen“ versuchen und sich „ideell“ nicht näher der eigenen Klasse, sondern den „Mittelschichten“ zuordnen. Das trägt in nicht geringem Maß dazu bei, daß Teile der Arbeiterklasse sich – um in ihrer kleinbürgerlichen Umgebung „mithalten“ zu können – finanziell übernehmen (Konsumgüter, Freizeitbeschäftigungen, Urlaub etc.), sich damit zusätzlich zu den Unsicherheiten des Lohnarbeiterlebens sozial gefährden und in der Folge zu unsolidarischem Verhalten innerhalb der Klasse neigen – jede kleine Aufstiegsmöglichkeit, jede Möglichkeit zum Überstunden-Schieben, Schwarzarbeit „muß“ genutzt werden, gewerkschaftsfeindliche Positionen und unterwürfiges Verhalten bei betrieblichen und Tarifkonflikten (die Konsumentenkredite, die Hypothek für die Eigentumswohnung machen jedes Kündigungs-Risiko zum Risiko des persönlichen Bankrotts) speisen sich auch aus dieser Quelle.
Die Absatzstrategien der Konsumgüterbranche schaffen ohnehin ein gesellschaftliches Klima, das ein solches Verhalten fördert. Das personifizierte Ideal der Teile der Arbeiterklasse, die darauf hereinfallen, ist aber das sozial benachbarte Kleinbürgertum, in welches aufzusteigen für manche Arbeiter eine reale und vermutlich für eine viel größere Zahl eine eingebildete Möglichkeit ist.
Die Arbeiterklasse nimmt beständig Kleinbürger in sich auf. Gerade die Vereinfachung der Klassengegensätze, die die kapitalistische Entwicklung mit sich bringt, indem die Kapitalverwertung immer tiefer in alle Poren der Gesellschaft eindringt, immer ausnahmsloser alle Bereiche erfaßt, Angehörige der Zwischenschichten dem Lohnarbeitsverhältnis unterwirft, bewirkt diesen Zustrom. Ähnlich wie die Proletarisierung von Millionen Bauern die Physiognomie der Arbeiterklasse generationenlang mitgeprägt hat, prägen heute Arbeiter der ersten Generation, die aus anderen kleinbürgerlichen Verhältnissen kommen, das Gesicht der Arbeiterklasse mit.
Die Bourgeoisie kann nur von der Arbeiterklasse gestürzt werden. Soweit diese Möglichkeit auch entfernt erscheinen mag, können doch auch heute zwei Bedingungen dafür formuliert werden: Erstens muß die Arbeiterklasse zu einem Bewußtsein ihrer selbst kommen – aus der „Klasse an sich“ muß die „Klasse für sich“ werden. Zweitens müssen die ihrer Zahl nach kleine Bourgeoisie und ihr Zentrum – die paar hundert Monopolherren – politisch isoliert werden. Je besser das gelingt, desto größer sind die Aussichten eines erfolgreichen Kampfes um die Macht.
In beiderlei Hinsicht ist das Verhältnis unser Klasse zum Kleinbürgertum wichtig. Einerseits ist die Herausbildung von Arbeitsbewußtsein eng verknüpft mit dem Kampf gegen kleinbürgerliche Einflüsse auf die Klasse. Anderseits muß die Arbeiterklasse in dem Maß, in dem sie sich politisch und kulturell konstituiert und zu einem Machtfaktor wird, versuchen, Teile des Kleinbürgertums auf ihre Seite zu ziehen und diejenigen Teile, bei denen dies aufgrund ihrer Interessen nur schwer oder gar nicht möglich ist, wenigstens davon überzeugen, daß es sich nicht lohnt, für die Monopolbourgeoisie „den Kopf hinzuhalten“.
Das Verhältnis der Arbeiterklasse zum Kleinbürgertum muß also einerseits eines der Abgrenzung und der Zurückdrängung ihres Einflusses sein, anderseits müssen mit Teilen dieser Schicht Bündnisse, bei anderen Teilen deren politische Neutralisierung angestrebt werden.
Arbeitsgruppe „Klassenanalyse“
Die Klassenanalyse ist notwendig, nicht nur um aufzuzeigen, daß und warum nur die Arbeiterklasse in der Lage ist, den deutschen Imperialismus niederzuwerfen, sondern auch, um zu klären, welche Bündnispartner sie in den verschiedenen Etappen dieses Kampfes hat.
Es ist nicht so, daß wir den Arbeitern nur noch unsere Argumente liefern und abwarten müßten, daß sie endlich einsehen, daß die Kapitalistenklasse zu stürzen ist. An einem solchen Vorgehen könnten wir nur selbst verzweifeln. Sondern die Geschichte lehrt, daß die proletarische Revolution in den kapitalistischen Ländern sich in zwei Etappen vollzieht. In der ersten (jetzigen) Etappe geht es um die Vorbereitung der Revolution, um den Kampf um Demokratie. In unserem Land heißt das, „daß der antifaschistische Kampf eine notwendige Etappe des Kampfes der westdeutschen Arbeiterklasse ist, daß insofern die Abwehr des faschistischen Angriffs der Monopolbourgeoisie ein Etappenziel auf dem Weg zum Ziel der Diktatur des Proletariats und der schließlichen klassenlosen kommunistischen Gesellschaft ist.“[1]
Im gesamten Kampf um dieses Ziel, um die Niederringung des deutschen Imperialismus (ob die westdeutsche Arbeiterklasse dies gemeinsam mit der Arbeiterklasse in der einverleibten DDR tut, oder ob im Verlauf der Verschärfung der Klassenkämpfe die Arbeiterklasse, die Bevölkerung in der DDR sich eigene Positionen gegen den deutschen Imperialismus erkämpft, ist heute nicht vorhersehbar) sind die nächsten Verbündeten:
- die breiten Volksmassen in der einverleibten DDR, die Arbeiter aller Länder, die vom Imperialismus unterdrückten Völker, die immer noch vorhandenen vom Imperialismus befreiten Länder,
- und hier in Westdeutschland die arme Bauernschaft[2] und die untersten Schichten des städtischen Kleinbürgertums.
Daß die letztgenannten zu den nächsten Bündnispartnern der Arbeiterklasse zählen, ist nicht nur der Tatsache geschluldet, daß diese Werktätigen ein ebenso schweres, wenn nicht sogar schwereres Los als die Arbeiter haben. Sondern der wichtigste Grund ist, daß ihnen die Zukunft der Arbeiter, die sozialistische Gesellschaft, eine Perspektive bietet. Diese Perspektive stellte sich in den bisherigen sozialistischen Ländern in der Errichtung z.B. von landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, Handwerksgenossenschaften, Konsumgenossenschaften usw., kollektivem Eigentum dar, das frei vom Würgegriff der Konzerne und Banken ist.
Es ist offensichtlich, daß für die arme Bauernschaft und die untersten Schichten des Kleinbürgertums diese Perspektive jetzt nicht sichtbar ist, da die Arbeiterklasse selbst zur Zeit nicht um die Niederwerfung des deutschen Imperialismus kämpft, sich nicht mal ihrer eigenen Perspektive als Klasse bewußt ist.
In dieser ersten, jetzigen Etappe, im Kampf um Demokratie, hat die Arbeiterklasse ihren nächsten Bündnispartnern, der armen Bauernschaft und den untersten Schichten des städtischen Kleinbürgertums, keinen kurzfristigen Ausweg aus ihrer elenden Lage zu bieten. So werden diese Schichten leicht zu Reserven des Monopolkapitals, indem sie den faschistischen Demagogen, der CSU und den neofaschistischen Hilfstruppen auf den Leim gehen. Ihnen wird das Blaue vom Himmel versprochen, was sich mit Pogrom, Raub und Krieg gegen „Ausländer“, „Juden“, „Untermenschen“, „Unzivilisierte“ alles erreichen ließe.
Um die erste Etappe erfolgreich zu bewältigen, muß sich die Arbeiterklasse mit solchen Bündnispartnern - von Fall zu Fall mehr oder weniger dauerhaft - zusammenschließen, die ein Interesse an der Verteidigung der bürgerlich-demokratischen Republik haben. Darum geht es, und (in dieser Etappe) viel weniger um die ökonomische Entfernung oder Nähe zur Arbeiterklasse oder die Perspektiven dieser Menschen in einer sozialistischen Gesellschaft - viele dieser heutigen Bündnispartner könnten eine sozialistische Gesellschaft nur zum Teufel wünschen, wenn sie ihr heutiges Leben beibehalten wollen. Sondern mit der bürgerlich-demokratischen Republik möchten diese Menschen - im Gegensatz zum Interesse der Arbeiterklasse - auch gleich die bürgerliche Gesellschaft überhaupt verteidigen.
Solche Bündnispartner können Arbeiteraristokraten sein, die in dieser Gesellschaft fest verwurzelt und z.B. als Gewerkschaftsvertreter mit Posten eingedeckt sind. Die Arbeiteraristokratie ist das größte Hindernis für die proletarische Revolution - herausragend war z.B. ihr Beitrag zum Abwürgen der Novemberrevolution 1918 und der weiteren revolutionären Kämpfe der deutschen Arbeiterklasse bis 1923. Aber sie ist durch die faschistische Sammlungsbewegung durchaus bedroht und durch die Errichtung der faschistischen Diktatur ernsthaft gefährdet (viele aus der Arbeiteraristokratie wurden ja auch unter dem Hitlerfaschismus ihrer Fuktionen beraubt, verfolgt, eingesperrt und ermordet).
Solche Bündnispartner können auch Menschen sein wie Ignaz Bubis, über dessen Beruf als Immobilienmakler sich zur Zeit alle Reaktionäre und Antisemiten aufregen, während für die Arbeiterklasse einzig wichtig ist, daß er - mit seiner Autorität als Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland - dem wachsenden Antisemitismus entgegentritt.
Die Arbeiter können keine demokratischen Bündnispartner gewinnen und verscherzen sich darüber hinaus jede Sympathie bei der armen Bauernschaft und den untersten Schichten des städtischen Kleinbürgertums, wenn sie vor ihren elementarsten Lohnkämpfen zurückweichen, ständig Schwäche zeigen und sich predigen lassen, daß Streik ein furchtbares Unglück sei. Die Arbeiterklasse muß sich in ihren elementarsten Kämpfen stärken und als Kraft für ihre Bündnispartner sichtbar werden. Den Habenichtsen und Bankrotteuren unter den kleinen Kapitalisten und ausbeuterischen Kleinbürgern kann sie durch Lohnverzicht sowieso nicht helfen. Den Werktätigen in Stadt und Land, die nicht zur Arbeiterklasse gehören, die ständig vom Ruin bedroht sind, hilft kurzfristig nur der ständige gemeinsame Kampf mit der Arbeiterklasse um die Forderung: Die Reichen sollen zahlen! Auch dieser Kampf ist mit einer antifaschistischen Stoßrichtung zu führen - jeder demagogische, rassistische Angriff auf „raffendes, nicht schaffendes Kapital“, „reiche Juden“, „Russen-“, „Vietnamesen-“, „Chinesen-Mafia“ usw. muß bekämpft werden. Und wo „Reiche“ rassistisch angegriffen werden, müssen sie von den Arbeitern verteidigt werden. Das ist der schwere Weg zu unserer Befreiung.
Arbeitsgruppe „Klassenanalyse“
1 Rechenschaftsbericht des Zentralen Komitees der Arbeiter-Basis-Gruppen, Mai 1970 bis Mai 1971, zitiert nach: 10 Jahre Antwort auf die Frage „Was tun“ - 10 Jahre Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD, hrsg. vom Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD, München 1986, S. 325 (Fußnote 101)
2 Wir können nicht voraussehen, wann und unter welchen Bedingungen die Arbeiterklasse in die Lage kommt, den deutschen Imperialismus niederzuwerfen. Deshalb wissen wir auch nicht, wie sich bis dahin die arme Bauernschaft entwickelt - ob sie sich kontinuierlich weiter bis zur völligen Bedeutungslosigkeit verringert oder- ob Ereignisse eintreten, die diesen Prozeß aufhalten. Wir können nur von den heutigen Bedingungen ausgehen, wenn wir Aussagen über die Bündnispartner der Arbeiterklasse machen.