Ca. 300 Menschen versammelten sich am 21.01.1999 am Marienplatz vor dem großen Transparent „Gegen das (geistige) Brandstiften”. Viele von ihnen hatten durch Spenden die Zeitungsanzeige mitfinanziert, die dazu aufgerufen hatte, die Debatte um die Friedenpreisrede von Martin Walser und das schreckliche Echo, das sie in diesem Land findet, auf die Straße zu tragen.
Gemeinsam, über Parteigrenzen und Weltanschaungs-Differenzen hinweg, wurde die Unterstützung für Ignaz Bubis, alle Juden in Deutschland und alle Opfer des Hitlerfaschismus zum Ausdruck gebracht. Dies drückte sich auch in der Form der Aktion aus, in der nur die gemeinsamen Losungen auf schlichten weißen Schildern mitgetragen wurden. Im Schweigemarsch zogen die Beteiligten zum Gedenkstein für die von den Nazis zerstörte Münchner Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Str.
Dort – wie vorher am Marienplatz – wurde das gemeinsame Anliegen zum Ausdruck gebracht, indem von Initiatoren und Unterstützern der Aktion wie Chaim Frank, Ernst Grube, Günther Wangerin und Hanne Hiob-Brecht Texte von Peter Rühmkorf, Bert Brecht, Leo Tolstoi, Erich Fried, Erich Kästner u.a. gelesen wurden. Hanne Hiob faßte in einem erschütternden Bericht die jüngsten antisemitischen Anschläge in Berlin zusammen, die in mehrmaligen Anschlägen auf das Grab des früheren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, gipfelten, die furchtbaren Reaktionen von Offiziellen und Behörden. Am bedrückensten aber, was darin nicht vorkam: massenhafter Protest und Gegenwehr von Demokraten und Antifaschisten.
Zu Beginn der Veranstaltung wurden den Teilnehmern Grußadressen bzw. Solidaritätserklärungen mit der Initiative bekanntgegeben. Sie kamen u.a. von Hildegard Hamm-Brücher (Staatsministerin a.D), Hans-Jochen Vogel (ehem. SPD/OB der Stadt München), Franz Maget (MdL und Vorsitzender der Münchner SPD) und Romani Rose (Vorsitzender des Zentralrats deutscher Sinti und Roma). In einer ausführliche Grußadresse der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten heißt es u.a.:
„Wir sind mit den Veranstaltern der heutigen Manifestation der Meinung, daß eine öffentliche Parteinahme erforderlich ist. Wenn Bundespräsident Roman Herzog anläßlich der walserschen Entgleisungen nur der Satz einfällt: ,Wir müssen einen neuen Weg finden für ein gemeinsames Erinnern’, ist heftiger Widerspruch nötig. Es geht nicht um das gemeinsame Gedenken an tote Täter und deren Opfer - wie in der Ära Kohl bereits an den SS-Gräbern in Bitburg praktiziert - es geht darum, daß aus dem Erinnern an die Verbrechen des deutschen Faschismus endlich ein ,Erinnern für die Zukunft’ wird, mit allen damit verbundenen politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen.
Laßt uns dafür gemeinsam öffentlich Partei nehmen: Gegen den neuen Antisemitismus, gegen die Diffamierung von Menschen anderer Herkunft und Hautfarbe, nicht zuletzt mit der soeben begonnenen Unterschriftensammlung von CDU und CSU gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, für ein humanes und tolerantes Miteinander in der Bundesrepublik Deutschland und in München.”
Eine notwendige Veranstaltung, die meiner Ansicht nach eine größere Unterstützung und Teilnehmerzahl aus den Kreisen der organisierten Linken verdient hätte.
M.B.