KAZ
Lade Inhalt

Übernahmeschlacht:

Der Kampf der britischen Vodafone AirTouch gegen die deutsche Mannesmann AG – unser Kampf?

Übernahmen, Fusionen, Elefantenhochzeiten, wie auch immer genannt, sind an der Tagesordnung. Man denke nur an Daimler/Chrysler, Deutsche Bank/Bankers Trust oder, gerade eben, an die Übernahme des britischen Mobilfunkkonzerns Orange durch Mannesmann. Für schlichte 67 Milliarden DM. Da frißt ein Konzern mehr oder weniger freundlich den anderen, um seinen Marktanteil weltweit zu vergrößern. Arbeitsplätze entstehen dabei nicht, sondern werden in der Regel vernichtet. Die Riesenkonzerne, in Deutschland, in England, in den USA, Frankreich oder Italien können ihre Absatzmärkte nicht mehr erweitern und damit nicht noch mehr Profite anhäufen, indem sie zusätzliche Produktionsanlagen bauen, Kolleginnen und Kollegen einstellen, die immer mehr Waren produzieren. Dafür ist die kaufkräftige Welt längst zu eng geworden. Sie können ihre Absatzmärkte nur erweitern gegen die anderen Giganten, indem sie diesen Marktanteile abjagen oder sie eben gleich ganz schlucken. Die von den Belegschaften erarbeiteten Milliarden an Rücklagen, die die Konzerne dafür scheffeln, nennen die Bank- und Industriekapitäne ganz offen und gar nicht freundlich Kriegskassen.

Dieses Räubersystem, bekannt unter dem harmlosen, an idyllische Marktplätze erinnernden Namen „Marktwirtschaft”, wird uns als letzte Weisheit der Menschheit hoch angepriesen.

Doch nun will Vodafone Mannesmann übernehmen – da geht ein Raunen durch dieses Land. Die Nachrichten in Rundfunk und Fernsehen werden damit gefüllt, aus den Schlagzeilen der Zeitungen springt es uns an. Die Politik schaltet sich ein, Bundeskanzler Schröder warnt vor den Folgen einer feindlichen Übernahme.[1] Mannesmann ist eben nicht irgendwer, sondern einer der ganz großen deutschen Räuber (s. Kasten), der zwar selbst überall auf der Welt übernehmen, aufkaufen, „Akquisitionen tätigen” darf, aber doch bitte nicht umgekehrt.

Die Belegschaft der Mannesmann AG befürchtet mit Recht die Zerschlagung des Konzerns, was die Unternehmer meistens nicht nur als Chance benutzen, Arbeitsplätze zu vernichten, sondern auch, um bestehende betriebliche Vereinbarungen zu kippen und damit Verschlechterungen für die betroffenen Belegschaftsteile durchzusetzen. Doch nutzt es denn den Kolleginnen und Kollegen, wenn sie mit dem Mannesmann-Vorstand fordern „Mannesmann muß eigenständig bleiben”?[2] Ob nun Vodafone die Schlacht gewinnt oder ob es der „Deutschland AG”[3] gelingt, auch diese erste feindliche Übernahme eines deutschen Konzerns durch einen ausländischen zu verhindern, die Arbeitsplätze sind so oder so nicht sicher. Der Kampf der Unternehmer um noch höhere Profite und noch vollere Kriegskassen und damit der Kampf gegen die Belegschaften hier im Land oder in den anderen Ländern um niedrigere Löhne, flexiblere Arbeitszeiten, Rationalisierung, Veräußerung nicht gewinnträchtiger Unternehmensteile, wird unabhängig von Nationalität oder Staatsangehörigkeit der Eigentümer weitergehen. Allein von 1992 bis 1995 hat Mannesmann die Anzahl der Beschäftigten weltweit von 136747 auf 122684 reduziert. Eine Garantie für ein sicheres Auskommen der Kolleginnen und Kollegen bei Mannesmann ist die Eigenständigkeit dieses Riesenkonzerns wahrlich nicht.

Wäre es also für den Kampf der Kolleginnen und Kollegen nicht viel nützlicher, auf die Transparente zu schreiben „Egal ob Vodafone oder Mannesmann – keine Vernichtung von Arbeitsplätzen, keine Verschlechterung unserer Arbeitsbedingungen”?

Hätte dieser Kampf nicht viel bessere Aussichten, wenn man ihn gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen z.B. des von Mannesmann übernommenen Orange-Konzerns oder eben der Vodafone führt?

Und, wäre dies für uns alle nicht eine notwendige Vorbeugemaßnahme für den Fall, daß die wirtschaftliche Macht der deutschen Konzerne alleine nicht mehr ausreicht, um sich ihren Anteil am Profit zu sichern und es dann nicht mehr nur heißt: Mannesmann gegen Vodafone, sondern z.B. Deutschland gegen England?

Aus „Auf Draht“

DKP München und Gruppe
Kommunistische Arbeiterzeitung München

1 Süddeutsche Zeitung vom 20./21.11.99.

2 Süddeutsche Zeitung vom 20./21.11.99.

3 wie Deutschland laut Süddeutscher Zeitung vom 16.11.99 aufgrund der Abschottungspolitik der Unternehmen gegen das Ausland genannt wird.

Die Geschichte der Mannesmann AG

„1890 gelang den Brüdern Reinhard und Max Mannesmann der große Wurf: Sie erfanden ein Walzverfahren zur Herstellung nahtloser Rohre. Gründung der ,Deutsch-Österreichische Mannesmannröhren-Werke AG’ mit Sitz in Berlin. Aufbau von Stahlwerken, Erwerb von Kohlezechen und Erzbergwerken.”[1]

1911 brachte die Gier der Gebrüder Mannesmann nach den Erzvorkommen in Marokko, damals Einflußsphäre Frankreichs, die Welt bereits an den Rand eines Weltkrieges. Im Reichstag forderte ein Abgeordneter: „Die Reichsregierung muß die Mannesmann-Interessen schützen!”

„Weitere Expansion nach dem Ersten Weltkrieg. Bau des Hüttenwerkes in Duisburg-Huckingen (1929), stürmische Entwicklung in den 30er Jahren. Ab 1940 totale Umstellung auf die Kriegswirtschaft”.[2]

Auf einer Beratung des Großen Beirats der Reichsgruppe Industrie am 13.1.42 rief der Reichsminister für Bewaffnung und Munition Todt dazu auf, nun den totalen Krieg zu führen. „Der Leiter der Reichsgruppe Industrie, Wilhelm Zangen, Vorstandsvorsitzender des Mannesmann-Konzern und Mitglied des Aufsichtsrats der Deutschen Bank, bekundete sein und der RGI vollstes Einverständnis mit ­Tod­­ts Darlegungen. Er drückte den Zusammenhang zwischen dem militärischen Rückschlag (vor Moskau im Dezember 1941, der Verf.) und der erhöhten Bedeutung, die er der Steigerung der Kriegsproduktion...zumaß mit einem Zitat Friedrich II. aus: ,Schlachten werden gewonnen durch Bajonette, Kriege werden nur gewonnen durch die Ökonomie.’”[3]

10.035 Zwangsarbeiter ließ Mannesmann damals für sich schuften – heute ist der Konzern einer derjenigen, die bisher noch nicht einmal in den Entschädigungsfonds eingezahlt haben.

„Nach dem Krieg Demontage der Produktionsstätten in der Ostzone, Entflechtung des Mannesmann-Konzerns durch die Alliierten der Westzonen ...1955 waren alle früheren Mannesmann-Tochtergesellschaften wieder unter dem alten Konzerndach. Erneute Expansion des Konzerns. Bau von Stahl- und Röhrenwerken in Brasilien, Kanada und der Türkei ... 1970 Zusammenfassung der Röhrenwerke von Mannesmann und Thyssen in die Mannesmannröhren-Werke ... 1975 Erwerb des Hydraulikherstellers Rexroth (größter Hersteller der Welt); 1973/74 Übernahme der Demag AG... 1981 Übernahme von Hartmann & Braun (Prozeßleit- ,Meß- und Regeltechnik), 1983 von Kienzle (Datenverarbeitung, Informationstechnik ... Elektrotechnik, Elektronik). 1987 Erwerb des Fichtel & Sachs-Konzerns ... Anfang 1990 mit 51% Teilübernahme des Technikunternehmens Krauss-Maffei (Lokomotiven, Wehrtechnik) ... Die 1989/90 neu gegründete Mannesmann Mobilfunk GmbH baut ein digitales Mobilfunknetz für Deutschland. 1991 Erwerb von Mehrheitsbeteiligungen an der VDO Adolf Schindling AG... und der Boge GmbH ... 1995 im Zuge einer Umstrukturierung Veräußerung der Hartmann & Braun AG. Übernahme der 25%-Beteiligung an Krauss-Maffei von der Diehl GmbH & Co.KG. 1996 Eingliederung der Krauss-Maffei AG in die Mannesmann AG.”[4]

1999 Übernahme des britischen Mobilfunk-Konzerns Orange.

Beteiligungen:

1995 wurden in den Konzernabschluß „neben der Mannesmann AG 131 inländische und 167 ausländische Unternehmen einbezogen, bei denen die Mannesmann AG unmittelbar oder mittelbar die Mehrheit der Stimmrechte hält.”[5]

1 Rüdiger Liedtke: „Wem gehört die Republik?” 1997, S.335

2 ebenda S.335.

3 Dietrich Eichholtz: „Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939-1945”, Berlin 1984, Bd.2, S.47.

4 Rüdiger Liedtke...S.336.

5 ebenda S.338.

Spenden unterstützen die Herausgabe der Kommunistischen Arbeiterzeitung
Email Facebook Telegram Twitter Whatsapp Line LinkedIn Odnoklassniki Pinterest Reddit Skype SMS VKontakte Weibo