Die deutsche Propagandamaschine weiß zu berichten:
Milosevic verkauft die Vereinbarungen bzw. die UNO-Resolution nach den Bombardierungen als Sieg. Wüßte die Bevölkerung, was tatsächlich herausgekommen ist, wäre Milosevic längst abgesetzt. Dieses Ergebnis hätte er auch in Rambouillet unterschreiben können, die Opfer Jugoslawiens waren umsonst.
Überlassen wir es – wie wir es immer getan haben – dem Volk in Jugoslawien, seine Regierung abzusetzen oder dranzulassen. Der deutsche Militarismus hat sich stets durch Unterschätzung des Gegners ausgezeichnet. Und dementsprechend hat es Tradition bei für die deutsche Propaganda schreibenden Journalisten und Historikern, die Opfer deutscher Aggression als Dummköpfe darzustellen, die sich ohne Sinn und Zweck geopfert haben.[1] Rechnen wir mal nach, ob der Widerstand Jugoslawiens tatsächlich vergebens war:
Die USA waren in diesem Bündnis gegen Jugoslawien militärisch am stärksten und haben mit dem Krieg versucht, Deutschland in die Schranken zu weisen. Das ist gründlich mißglückt. Jugoslawien hat unter ungünstigsten Bedingungen – nämlich unter bürgerlicher Führung und ohne internationale Unterstützung – das Bestmögliche erreicht. Aber gerade das hat es dem deutschen Imperialismus ermöglicht, seine Position gegenüber dem US-Imperialismus im Vergleich zu dem Kräfteverhältnis vor dem Krieg so gewaltig zu stärken und als „Friedensstifter“ und schließlich Besatzungsmacht erstmals seit 1945 wieder uneingeschränkt Weltpolitik zu machen. Oder anders ausgedrückt – für Jugoslawien waren die Widersprüche zwischen den Imperialisten von Nutzen, was gleichzeitig zur Verschärfung dieser Widersprüche beigetragen hat.
Die Kompliziertheit dieser Situation erschwert uns unseren Kampf. Wir sind genauso verpflichtet, uns über den Widerstand Jugoslawiens gegen die Aggression der NATO zu freuen und ihn zu unterstützen wie die „Nebenwirkung“ dieses Widerstands zu bekämpfen, das weitere Erstarken des deutschen Imperialismus.
Über eins darf es dabei keinen Zweifel geben: die Völker Jugoslawiens können uns diesen Kampf nicht abnehmen. Wenn sie die Widersprüche zwischen den Imperialisten für ihren Kampf – und sei es auch nur für eine Atempause – nutzen können, dann ist es das Problem der deutschen Arbeiterbewegung, wenn sich der deutsche Imperialismus dabei als Trittbrettfahrer betätigt und sogar als „Friedensstifter“ gegen die USA auftreten kann. Proletarischer Internationalismus heißt jetzt, darüber aufzuklären, daß der Kampf Jugoslawiens nicht umsonst war, aber unser Beitrag dazu noch aussteht: der Kampf gegen den Hauptfeind im eigenen Land und seinen Aufstieg in der Konkurrenz der imperialistischen Großmächte. Bleibt dieser Beitrag aus, dann wird Jugoslawien seine Atempause auf Dauer nicht nutzen können, sondern Kosovo Deutsch-Südwest wird zum Aufmarschgebiet zur völligen Zertrümmerung Jugoslawiens und gegen den Rest der Welt.
Redaktion der
Kommunistischen Arbeiterzeitung
1 Hier ein Beispiel dieser überheblichen Art deutscher Geschichtsbetrachtung, geschrieben 1991 von Wolfgang Libal, langjähriger Südosteuropa-Korrespondent der westdeutschen Presseagentur dpa in Belggrad und Wien: „Selten in der Geschichte dürfte ein Militärputsch für das eigene Land so verheerende Folgen gehabt haben, wie der in Belgrad am 27. März 1941. Jugoslawien wurde nicht nur in einen Krieg gestürzt, aus dem es sich möglicherweise hätte heraushalten oder an dem es zumindest unter wesentlich „günstigeren“ Umständen hätte teilnehmen können. Das Land wurde von den Besatzungsmächten aufgeteilt, was einen blutigen Bürger- und Religionskrieg zur Folge hatte, in dem sich Jahrhunderte alte Haßgefühle austobten.“ (Wolfgang Libal, Das Ende Jugoslawiens, Wien/Zürich 1993, S.42, zitiert nach: Ralph Hartmann, „Die ehrlichen Makler“, Berlin 1998, S.42)
2 Bundeskanzler Schröder hat das vorausschauend schon bei der Reichstagseröffnung mit unnachahmlichem Imponiergehabe auf den Begriff gebracht, als er von einem „europäischen Gründungsakt“ sprach, „der sich auf dem Balkan vollzieht“ (siehe SZ, 20.4.1999).