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Bericht einer Serbin, Mai 1999

Jedesmal, wenn ich zurück nach Belgrad kam, umarmte und küßte ich die Bäume zur Begrüßung dieser Stadt und dieses Landes, das ich liebe. Ich verwandelte mich ganz in meine Sinne, um jedes Bild, jeden Geruch, jedes Geräusch in mich aufzusaugen, damit sich all dies in mein Gedächtnis einprägen möge.

Auch dieses Jahr war ich wieder dort. Ich fuhr im März wegen verschiedener Gründe nach Jugoslawien. Einer von ihnen war der Grund, daß ich meiner Oma Lebensmittel und Geld bringen mußte, da sie, wie auch viele andere, im März 99 erst die Rente von Dezember 97 bekommen hatte (und zwar nur die Hälfte). Umgerechnet in DM sind das etwa 10 DM.

Viele sagten mir, ich sei verrückt, ich solle nicht runterfahren, wegen der drohenden Bombardierung Jugoslawiens, doch ich sagte, daß es unmögliche sei, Jugoslawien zu bombardieren. Kein normaler Mensch würde ohne Grund ein Land bombardieren. Und falls die Politiker nicht mehr normal sind und verblendet von ihren eigenen Interessen und Profitgier, dann ist es wenigstens das Volk, welches normal ist, und dieses werde eine Bombardierung nicht zulassen. Denn schließlich müssen doch Politiker das tun, wofür die Mehrheit des Volkes ist in einer Demokratie.

Ich studierte Pädagogik. Ich war immer der Überzeugung, daß der Mensch von Natur aus gut ist. Ich wollte das Gute fördern. Mit meinem späteren Beruf dazu beigetragen, ein Stückchen dieser Welt gut zu erhalten.

Am 21. März holte mein Bruder mich mit dem Auto ab, und wir fuhren von dem Ort meiner Oma Richtung Norden nach Belgrad. Wir verabschiedeten uns vor unserer Abfahrt von unseren Nachbarn und Freunden, umarmten unter Tränen unsere Oma und stiegen ins Auto. Mein Bruder sagte mir, die Situation sei sehr gefährlich, wir müßten so schnell wie möglich Jugoslawiens verlassen, es handele sich nur um Stunden, daß Jugoslawien bombardiert wird. Ich konnte es immer noch nicht glauben! Jugoslawien?! Dieses Jugoslawien, daß ich so sehr liebe? Konnte ich mich so sehr getäuscht haben? Wer gibt das Kommando, wer läßt zu, daß so etwas passiert? Doch nicht etwa nach Deutschland, in dem ich lebe, das Deutschland, welches schon zweimal Jugoslawien angegriffen hat, das Deutschland, das gesagt hat: NIE WIEDER KRIEG VON DEUTSCHEM BODEN?! Etwa die USA, England, Frankreich, Italien? Diese Länder, die sich selbst als zivilisiert, demokratisch, und frei bezeichnen? Nein, so etwas kann nicht passieren. Mediziner, Pädagogen, Biologen, Psychologen, Historiker, Geistliche, die Krieg erlebt haben, die Grünen, die UNO, Pazifisten, Gesundheitsorganisationen, Men­schenrechtsorganisationen, Umweltorganisationen, Greenpeace ... werden dies nicht zulassen, werde sich auflehnen. Es kann nicht möglich sein, daß ein kleines Land ohne Grund von den 19 wirtschaftlich und militärisch stärksten Ländern der Welt bombardiert wird, und die ganze Welt guckt zu und unternimmt nichts. Ich höre, der Grund sei die Verletzung von Menschenrechten, und ich glaube, ich habe mich verhört! Die Bombardierung eines Landes wegen der Verletzung von Menschenrechten?! Arme Welt, du wirst zerbombt, bis du wie ein Apfel aussiehst, der bis zum Stiel aufgefressen wurde! Doch dies kann ich nicht glauben, bei all meiner naiven Überzeugung, daß der Mensch von Natur aus gut ist; dies ist nicht der wahre Grund!

Gegen acht Uhr abends fiel die erste Bombe auf Belgrad. Ich saß zusammengekauert auf einem Sessel, mitten in Belgrad in einer Wohnung (in einem Haus ohne Keller) in der zweiten Etage, die Beine angezogen und den Kopf zwischen den Knien.

Die zweite Bombe fiel wenige Minuten später. Durchs Fenster sah man Rauch und orangerotes Licht durchflimmern. Beim Bombeneinschlag bebte das Haus, als ob es ein heftiges Erdbeben erfaßt hätte. Ich dachte an meine Freunde und Verwandten, die in der Nacht das gleiche erlebten wie ich, die hier bleiben würden, und ich würde wieder zurückfahren nach Deutschland, von wo die Bomben kommen.

Mit jeder Bombe, die auf Jugoslawien fiel, verlor ich ein Stück meiner selbst.

Wieso studiere ich Pädagogik? Wieso bemühe ich mich tagelang, ein paar Medikamente zu ergattern, wenn dort die Menschen, die die Medikamente brauchen und in Krankenhäusern sind, samt den Krankenhäusern durch die Bomben vernichtet werden?

Mit wem war ich hier in Deutschland jahrelang befreundet, in welche Freundschaft habe ich Zeit, Freude, Leid investiert, um jetzt nicht angerufen zu werden, oder um mir ins Gesicht zu sagen, daß die Bombardierung Jugoslawiens nur gut sei? Wie soll ich in diesem Land weiterleben, wo soll ich denn leben, wie soll ich überhaupt leben?! Ich habe keinen Ast, an dem ich mich festhalten kann! All dies, woran ich jemals geglaubt habe, existiert nicht (mehr), all die, auf die ich gezählt habe, schweigen oder befürworten. Was ist mit dieser Welt los?

Es ist Krieg, und hier in Deutschland genießt man das schöne Wetter mit Bier und Eis und man ist fröhlich, als ob der Menschheit die Unsterblichkeit geschenkt worden wäre. Ich dagegen habe Angst einzuschlafen weil ich weiß, daß, während ich hier im sicheren schlafe, in Jugoslawien 11 Millionen Menschen unsicher schlafen und einige von ihnen nicht den nächsten Morgen erleben werden, unter ihnen vielleicht einer meiner Freunde oder Verwandten. Wenn ich einschlafe, träume ich von Sirenen, die Luftalarm geben, Flugzeugen, Bombeneinschlägen, toten Menschen. Morgens, wenn ich aufwache, habe ich Angst vor den Nachrichten, die in den Medien auf mich warten. Ich habe Angst, nach Hause zu kommen, weil meine Mutter mir etwas Schlimmes mitteilen könnte, ich habe Angst, wenn das Telefon klingelt ... Ich frage mich bin ich von all dem verrückt geworden, oder sind doch die anderen verrückt?

Es wird ein Angriff gegen ein Land geflogen im Namen der humanitären Hilfe! Die, die man angeblich schützen will, sind genauso Opfer dieses Krieges wie die, die man nicht schützen will. Es wird darüber gesprochen, daß man den Krieg nicht mehr tragen könnte, wenn tote deutsche Soldaten nach Hause kommen würden. Was ist mit den jugoslawischen Soldaten, die sterben?? Die Welt empört sich über drei tote Chinesen in Jugoslawien (mit Recht!), aber was ist mit den 30 Jugoslawen, die in der gleichen Nacht ihr Leben verloren haben, was ist mit den 2000 Toten und 6000 Verletzten in Jugoslawien???

Die „demokratischen” Länder dieser Welt führen diesen Krieg, um Jugoslawien zur Demokratie zu verhelfen?! Mit Bomben, Zerstörung, Leid, Arbeitslosigkeit, Verletzung und Tod???

Jedesmal, wenn Zivilisten getötet werden, entschuldigt man sich, und damit ist dann alles in Ordnung?

Soldaten bombardiert und tötet man in voller Absicht und sagt es auch ganz öffentlich. Was sind denn Soldaten anderes als Zivilisten in Tarnkleidung? Die meisten mit ihren 20 Jahren fast noch Kinder.

Da wird über den „einseitigen Stopp der Bombardierungen” seitens der NATO gesprochen. Bin ich verrückt, oder kann es sein, daß die NATO die einzige Seite ist, die bombardiert? Es wird gesagt, daß dieser Krieg gegen das Regime in Belgrad geführt wird und nicht gegen das Volk, man möge und respektiere es ja.

Es ist überhaupt einfach zu bescheuert, um einen Kommentar darüber abzugeben.

Nun sind Pazifisten die, die Krieg führen, und die, die gegen den Krieg sind, sind Faschisten. Kann mir das mal jemand erklären?

Menschen, die jugoslawische oder serbische Fahnen tragen, egal welcher Nationalität diese Menschen sind, sind jugoslawische oder serbische Nationalisten. Ich frage mich, sind auch diese paar Millionen Menschen, die auf ihren Hosen, T-Shirts und Pullis amerikanische Fahnen tragen, amerikanische Nationalisten? Und all diese Amerikaner, die bei jeder kleinsten Gelegenheit mit ihren USA-Fähnchen rumwedeln, sind das auch alles Nationalisten?

Es wird gesagt, daß die jugoslawische Armee töten, massakrieren, verstümmeln würde. Diese jugoslawische Armee sind junge Männer, Menschen, keine Zombies aus irgendwelchen Hollywood-Horrorfilmen, auch wenn einige sie gerne so darstellen. Sie haben Herz und Seele, haben Eltern, Geschwister, vielleicht auch Kinder. Sie haben Hobbys, Interessen, vielleicht ist das Sport, vielleicht Musik. Sie haben auch die gleichen Wünsche wie auch andere in ihrem Alter. Sie mußten die Waffen in die Hände nehmen, wo vorher eine Gitarre, ein Basketball oder vielleicht ein Baby war, um ihr Land zu verteidigen, oder denkt man wirklich, daß sie programmierte Killermaschinen sind, die ohne jeden Skrupel Menschen in die Augen schauen, um sie im nächsten Moment abzuschlachten?

Was denkt man denn, wo und wie diese Menschen aufgewachsen sind, um so etwas tun zu können?

Ich kann beruhigen, ich kenne diese Soldaten. Sie wurden genauso geboren wie alle anderen Menschen auch, und sie sterben genauso wie andere Menschen auch!

„Die Serben töten, plündern, vertreiben, brandschatzen, etc.”

Diese Serben sind ein Volk, das niemals in der Geschichte ein anderes Land angegriffen hat, sich aber dauernd wehren mußte gegen fremde Okkupation und fremde Bomben.

Kann man dies von den ach so gerechten und guten NATO-Staaten auch behauptet? Kann man dies von Deutschland behaupten?

Kann man die eigene Geschichte denn wirklich so verdrängen, daß man denkt, nachdem Deutschland zweimal in diesem Jahrhundert versucht hat, Serbien durch Krieg in die Knie zu zwingen und zu erobern, um es dann besetzen zu können, und es nicht geschafft hat, daß dieses Deutschland nun Serbien zum dritten Mal angreift, um Menschenrechte zu schützen und es zu demokratisieren? Ja, Deutschland sagt immerzu, man habe aus der Geschichte gelernt, deshalb auch die Sätze NIE WIEDER KRIEG und NIE WIEDER AUSCHWITZ!

Und was passiert nun zum dritten Mal in Serbien durch deutsche Hand? Serbien wird totbombardiert und ist durch den Krieg ein einziges Konzentrationslager geworden!

Wissen diese Menschen, die diesen Überfall auf Jugoslawien befürworten, überhaupt, was Krieg heißt?

Wissen sie, wie es ist, in einem Haus zu sitzen und zu hören, wie Flugzeuge über den Kopf fliegen mit diesem schrecklichen Geräusch, zu hören, wie im nächsten Moment Bomben um einen herum fallen? Wissen sie, wie es ist, gefangen in seiner Angst zu sein, um‘s eigene Überleben, aber auch um das Überleben anderer, die um einen herum sind, oder wie es ist, zuzusehen, wie Menschen vor deinen Augen verletzt und getötet werden? Warum fahren diese Menschen nicht dorthin, um zu sehen, was KRIEG bedeutet!

Nein, die Amerikaner wissen bestimmt nicht, was Krieg bedeutet, sie haben stets nur bombardiert, mußten aber nie das Leid selbst ertragen, welches sie so vielen anderen Menschen zugefügt haben.

Was ist mit den Deutschen? Ist die Generation, die Krieg erlebt hat, ausgestorben und die jüngeren Generationen denken, wenn sie „Krieg” hören, an Hollywoodfilme, genauso wie die Präsidenten der NATO-Staaten, die größtenteils zu der „Nachkriegsgeneration” gehören?

Ich frage mich, ist dies überhaupt ein Krieg? Ist Krieg nicht etwas, wo Soldaten auf beiden Seiten sterben, wo die Bevölkerung beider Seiten Leiden und Opfer tragen muß und sich wünscht, daß dieses Unheil bald aufhört? Deutschland führt Krieg, doch die Deutschen sitzen seelenruhig in ihren Cafés und regen sich darüber auf, während sie ihr Eis schlecken, daß es morgen wieder regnen wird.

Die Opfer sind in Jugoslawien, und zwar egal, zu welcher Ethnie diese Jugoslawen gehören, oder kann man sich vorstellen, daß Bomben sich vereinzelte Ethnien aussuchen? Und wenn es so sein würde, würde dann das, was geschieht, besser oder menschlicher sein?

Gibt es also Menschen erster, zweiter, dritter Klasse? Sind also Menschen, die in den Flugzeugen sitzen und feige ihre tödliche Ladung auf wehrlose Menschen werfen, Menschen erster Klasse, da man ja so sehr um ihr Wohlergehen besorgt ist?

Sind Albaner Menschen zweiter Klasse, weil sie zwar getötet werden, aber ohne Absicht?

Und sind Serben Menschen dritter Klasse, die man ohne jedes Wort und in voller Absicht tötet?

Was ist mit den anderen Menschen, die eine andere Volkszugehörigkeit haben, die umgebracht werden? Sie werden überhaupt nicht genannt!

Sind also Menschen der NATO-Staaten Menschen, und Jugoslawen, wie auch viele andere Völker dieser Welt, keine Menschen?

Oder ist der Mensch doch einfach von Natur aus schlecht?

Krvava bajka

Desanka Maksimovi

Bilo je to u nekoj zemqi seqaka

na brdovitom Balkanu,

umrla je mu~eni~kom smr}u

~eta |aka

u jednom danu.

Iste su godine

svi bili ro|eni,

isti su im tekli {kolski dani,

na iste sve~anosti

zajedno su vo|eni,

od istih bolesti svi pelcovani,

i svi umrli u istom danu.

Bilo je to u nekoj zemqi seqaka

na brdovitom Balkanu,

umrla je mu~eni~kom srm}u

~eta |aka

u jednom danu.

A pedeset i pet minuta

pre smrtnog trena

sedela je u |a~koj klupi

~eta malena

i iste zadatke te{ke

re{avala: koliko mo‘e

putnik ako ide pe{ke...

i tako redom.

Misli su im bile pune

istih brojki

i po sveskama u {kolskoj torbi

besmislenih le‘alo bezbroj

petica i dvojki.

Pregr{t istih snova

i istih tajni

rodoqubivih i qubavnih

stiskalo se u dnu yepova.

I ~inilo se svakom

da }e dugo,

da }e vrlo dugo

tr~ati ispod svoda plava

dok sve zadatke na svetu

ne posvr{ava.

Bilo je to u nekoj zemqi seqaka

na brdovitom Balkanu,

umrla je mu~eni~kom smr}u

~eta |aka

u istom danu.

De~aka redovi celi

uzeli su se za ruke

i sa {kolskog zadweg ~asa

na streqawe po{li mirno

kao da smrt nije ni{ta.

Drugova redovi celi

istog ~asa se uzneli

do ve~nog boravi{ta.

Blutiges Märchen

Es war einmal in einem Land der Bauern
auf dem gebirgsreichen Balkan,
eines qualvollen Todes starb
eine Schülertruppe
an einem Tage.

Alle waren im selben Jahr geboren,
gleich verliefen ihre Schultage,
zu denselben Festlichkeiten hatte man
sie gemeinsam geführt,
alle gegen dieselben Krankheiten
geimpft,
und alle starben sie
am selben Tage.

Es war einmal in einem Land der Bauern
auf dem gebirgsreichen Balkan,
eines qualvollen Todes starb
eine Schülertruppe
an einem Tage.

Und fünfundfünfzig Minuten vor dem
Augenblick des Todes saß die kleine
Truppe auf ihren Schulbänken und
löste dieselben schweren Aufgaben:
wie weit kommt ein Reisender,
wenn er zu Fuß geht ... und so der
Reihe nach. Ihre Gedanken waren voller
gleicher Zahlen, und unzählige sinnlose
Einser und Vierer
ruhten in den Heften in ihren Schultaschen.

Eine Handvoll gleicher Träume und
Geheimnisse, patriotischer und voller Liebe,
tummelte sich tief in ihren Hosentaschen. Und jedem schien es, daß er lange,

daß er sehr lange unter dem blauen
Himmel umherrennen werde,
bis er nicht alle Aufgaben auf der Welt
zu Ende bringt.

Es war einmal in einem Land der Bauern
auf dem gebirgsreichen Balkan,
eines qualvollen Todes starb
eine Schülertruppe
am selben Tage.

Ganze Reihen von Jungen nahmen sich
bei den Händen und schritten
nach der letzten Schulstunde ruhig zu ihrer Erschießung,
als ob der Tod nichts sei. Ganze
Reihen von Freunden
erhoben sich zur selben Stunde
zur ewigen Ruhestätte.

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