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Imperialistische Logik ...

Der unerklärte Luftkrieg gegen Jugoslawien wurde immer wieder mit dem Argument begründet, die militärischen Strukturen des Landes zu zerstören und der jugoslawischen Armee die Fähigkeit zu nehmen, im Kosovo militärische Operationen durchzuführen. Die militärische Realität seit dem Zweiten Weltkrieg spricht jedoch eine andere Sprache. Luftschläge erfüllen nur dann ihren Zweck, wenn sie innerhalb von drei Tagen durch Bodentruppen ausgenutzt werden. Es ist eine Erfahrung gerade deutscher Militärs, daß Stärke in der Luft eine Voraussetzung für die Stärke der Bodentruppen ist. Die „Blitzkriege“ der faschistischen Wehrmacht gegen Polen und Frankreich basierten auf dieser Strategie.

Es muß also für Kenner militärstrategischer Fragen (und als solche kann man ja wohl die Bundeswehrgeneralität betrachten) von Anfang an klar gewesen sein, daß die Luftangriffe in erster Linie dem Terror gegen die Zivilbevölkerung dienen würden. Ein Blick zurück in die Geschichte imperialistischer Luftkriegsstrategie bestätigt dies.

Giulio Douhet, italienischer Fliegeroffizier und engster Vertrauter des Flugzeugindustriellen Caproni, entwickelte aufgrund der Erfahrungen im Ersten Weltkrieg eine Theorie für den Einsatz der Luftwaffe im imperialistischen Krieg, die er 1921 in seinem Buch „Il dominio dell’aria“ (Die Luftherrschaft) darlegte. Seine Theorie wurde zum Ausgangspunkt neuer strategischer Konzepte in allen imperialistischen Ländern über den Einsatz der Luftwaffe. Hier die wichtigsten seiner Überlegungen:

Der Balkan – ökonomisch „sturmreif“ gebombt ...

„Der Krieg um den Kosovo mit Milliarden-Folgelasten bringt den gesamten Balkan an den Rand des Bankrotts“, wußte der „Spiegel“ zu berichten. Wie die militaristische „Garantie der Menschenrechte“ für die einzelnen Länder aussieht, zeigen die vom IWF berechneten Einnahmeverluste:

- Albanien: 900 Millionen DM durch Kosten für Flüchtlingsversorgung, Mindereinnahmen an Zöllen und vorsorgliche (!) Schließung von Staatsbetrieben und Requirierung von Transportmitteln.

- Bosnien-Herzogowina: 250 Millionen DM durch Wegfall des Handelspartners Jugoslawien (betrifft 43 % des Exportes).

- Bulgarien: 650 Millionen DM durch Unterbrechung der Handelswege, Einnahmeverluste im Tourismusgeschäft, Ausfall von Zöllen und Steuern und Rückgang an ausländischen Investitionen.

- Kroatien: 860 Millionen DM durch Einbußen im Tourismusgeschäft (bis zu 50%) und Rückgang an Auslandsinvestitionen.

- Mazedonien: 1.000 Millionen DM durch Aufnahme von Flüchtlingen, Wegfall des Handelspartners Jugoslawien (23% der Exporte), Rückgang des Außenhandels um 70% und zusätzliche Arbeitslose (ca. 12.000).

- Rumänien: 470 Millionen DM durch Ausbleiben von Rohstofflieferungen, dadurch bedingte Kündigungen von Exportverträgen, Sperrung von Verkehrswegen (Donau-Wasserstraße), Umweltschäden (Verschmutzung der Donau durch ausgebrannte jugoslawische Ölraffinerien und Chemiebetriebe) und Verluste im Tourismusgeschäft.

- Ukraine: 410 Millionen DM durch Unterbrechung des Donau-Schiffsverkehrs.

Und die z. B. für Mazedonien in Aussicht gestellte „Hilfe“ wird die finanzielle und ökonomische Abhängigkeit dieser Länder von den imperialistischen Ländern weiter erhöhen.

Laut „Spiegel“ sind die Zahlen „freilich auch politisch gefärbt. Deutsche Schätzungen liegen oft im unteren Bereich der Milliarden-Skala – wohl um Gerüchten über Steuererhöhungen vorzubeugen.“

(Quelle: Der Spiegel Nr.25, 21.6.99, S.170f, Titel: „Riesige Löcher“)

„Douhet ging bei der Formulierung seiner Theorien von der im Verlauf des Ersten Weltkriegs offenbar gewordenen Tatsache aus, daß jeder künftige Weltkrieg allumfassenden Charakter tragen würde, in dem ökonomischen und moralischen Faktoren eine erstrangige Bedeutung zukäme. Obwohl der bewaffnete Kampf der Truppen im Grunde genommen der entscheidende Prozeß des Ersten Weltkriegs geblieben war, hatte er erkannt, daß die Einheit und Zusammenarbeit von Front und Hinterland einer der entscheidenden Faktoren für den Kriegsausgang geworden war.

Douhet zog daraus die Schlußfolgerung, in einem künftigen Krieg nicht die Streitkräfte, sondern das tiefe Hinterland als Hauptangriffsziel zu betrachten. Durch seine Zerstörung und Demoralisierung glaubte er den Krieg in kürzester Frist zu entscheiden. Mit dieser Annahme schien zahlreichen imperialistischen Militärtheoretikern auch ein Ausweg aus der Sackgasse gewiesen zu sein, in die die bürgerliche Militärwissenschaft im ersten Weltkrieg geraten war.

Douhets Lehre ging darüber hinaus von einer Reihe weiterer politischer Voraussetzungen aus. Sie verlieh der Furcht der herrschenden Kreise des Imperialismus Ausdruck, in der Epoche der sozialistischen Revolution Massenheere bewaffnen zu müssen, deren Moral im Sinne imperialistischer Kriegführung immer zweifelhaft blieb. Douhets Lehre suchte den objektiv unlösbaren Widerspruch jeder imperialistischen Kriegführung, den Zwang, alle Kräfte des Volkes für den Krieg mobilisieren zu müssen und auf der anderen Seite zu verhindern, daß eben diese bewaffneten und ausgebildeten Volkskräfte von innen heraus das System des Imperialismus und Militarismus sprengten, zu überwinden. Deshalb sprach er sich für die Schaffung von Eliteverbänden in Gestalt starker Bombenfliegergeschwader aus, in dem seiner Auffassung nach die Technik vor dem Menschen rangierte. ...

Douhet meinte, nach der Erringung der Luftherrschaft könnte kein Volk den Luftangriffen auf Städte und Industriezentren längere Zeit widerstehen. Vor allem der Abwurf von Giftgasbomben würde rasch zu einer völligen Demoralisierung der Bevölkerung und zur Kapitulation des betreffenden Staates führen. Nach dem Grundsatz, zuerst kommt der Sieg und dann die Humanität, schrieb Douhet: Ich halte es sogar für erlaubt und verdienstvoll, bewohnte Städte mit Giftgasbomben zu belegen - und zwar nicht, weil ich einen sadistischen Spaß am Massenmord habe, sondern weil dieser Angriff durch seine materielle und moralische Wirkung für einen Sieg entscheidend ist ... Dabei schätzte Douhet die für eine derartige Kriegsentscheidung notwendige Menge von Abwurfmitteln überaus optimistisch ein. Die Einäscherung einiger Großstädte reichte seiner Auffassung nach bereits aus, um die Kriegsentscheidung herbeizuführen.

Was die Lehre Douhets so attraktiv für die imperialistischen Länder machte, ... war vor allem der Umstand, daß er unter den Bedingungen der allgemeinen Krise des Kapitalismus und den Erschütterungen des Weltimperialismus, die hervorgerufen wurden durch die Entwicklung seiner inneren Widersprüche, eine Antwort auf die Grundfragen imperialistischer Politik und Kriegsführung zu geben schien.“[1]

Im Wettlauf der imperialistischen Konkurrenten um die Vorherrschaft bot sich der Luftterror gegen das Hinterland und die Zivilbevölkerung als das letzte wirksame Mittel an, unbotmäßige kleinere Nationen und schließlich auch imperialistische Konkurrenten in die Knie zu zwingen.

Diese Strategie imperialistischer Kriegführung beginnt mit dem Überfall des italienischen Faschismus auf Äthiopien (Oktober 1935), dem letzten unabhängigen Land Afrikas. Mit Bomben und Senfgas wurden „Dörfer, die keine Truppen bargen, Wasserstellen, auf die ganze Ortschaften angewiesen waren, Viehherden, die letzte Lebensmittelreserven bedeuteten, von den italienischen Fliegern vernichtet“.[2] Sie findet ihre Fortsetzung in dem mehrere Stunden währenden barbarischen Luftbombardement des Stadtzentrums von Guernica (April 1937) durch die deutsche „Legion Condor“ während des deutsch-italienischen Interventionskrieges gegen die spanische Republik, bei dem „1.645 Spanier gemordet und 889 verwundet“[3] werden. Sie findet ihre Fortsetzung nach dem Zweiten Weltkrieg im Überfall auf Nordkorea durch den US-Imperialismus, dessen General MacArthur das Ziel so benennt: „Alles, was sich bewegt, zum Stillstand zu bringen. Alles, was stillsteht, bewegen. Jede männliche Person nördlich der Kampflinie muß als rechtmäßiges Ziel betrachtet werden.“[4] Sie erlebt einen ihrer schrecklichen Höhepunkte in den US-Terrorangriffen gegen Nordvietnam, wo in der südlichen Provinz Quang-binh im Oktober 1968 in tagelangen Dauerbombardements „187 Städte und Ortschaften in des Wortes buchstäblichster Bedeutung pulverisiert“[5] wurden und die Dorfgemeinde Ngu-thuy „in einem 13stündigen Bombardement, von 7.00 Uhr nachmittags bis 6.00 Uhr morgens, durch den Abwurf von 20.000 Kugelbomben, 350 Spreng-, 302 Phosphor- und Napalmbomben sowie durch Raketenbeschuß von einem Tag zum anderen von der Landkarte verschwand“.[5]

Und sie findet im Bombenhagel auf Belgrad und den Kosovo ihre erneuerte deutsche Variante in den Worten eines Kanzler Schröder, der in seiner Berliner Regierungserklärung unter Berufung auf den albanischen Dichter Kadaré von einem europäischen „Gründungsakt“[6] spricht, der sich auf dem Balkan vollziehe.

„Wir kennen die Geschichte des Zweiten Weltkrieges, die Invasion Jugoslawiens durch die Nazi-Truppen und die Art und Weise, wie über Jahre hinweg Widerstand geleistet wurde. ... Doch das Problem wird weder durch Raketen noch durch Bomben oder Bodentruppen gelöst, weil ein kampfbereites Volk überall und aus allen Richtungen kommend kämpft, jedes Haus sich in eine Festung verwandeln kann und jeder Mann und jede Frau zu Einzelkämpfern werden. Es ist keine Frage von gepanzerten Divisionen, Artilleriegruppen oder See- und Luftflotten. Wir wissen sehr gut, wie wir den Kampf in unserem Land unter ähnlichen Bedingungen zu führen haben, genauso wie es hier Millionen von Menschen wissen, so daß diese Vorgehensweisen den Angreifern nichts nützen würden. Dieses Land kann niemand erobern. Niemand kann ein zum Kampf bereites Land erobern. ...“[7].

Karlchen

1) Olaf Groehler, „Geschichte des Luftkriegs 1910–1980“, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik (VEB), Berlin 1981, S.113ff.

2) Ebenda, S.189.

3) Ebenda, S.196.

4) Ebenda, S.540.

5) Ebenda, S.684.

6) Süddeutsche Zeitung vom 20.4.1999. „Es war die eine Berliner Minute, vor der man erschrecken konnte“, kommentiert Heribert Prantl diese Aussage.

7) Cuba libre Nr.3, Juli/Sept. 1999, S.18, Rede Fidel Castros am 4.4.1999 an der Universität von Havanna.

Keine „Hilfe“ für die Bundesrepublik Jugoslawien

Bezeichnenderweise wurden die materiellen Verluste Jugoslawiens vom IWF nicht berechnet. Und die „Süddeutsche Zeitung“ verlautbarte in ihrem Wirtschaftsteil:

„Mit einem Staatspräsidenten Milosevic wird es kein Engagement unseres Unternehmens geben“, sagt Michael James, Pressesprecher der Walter Bau-AG. Das Augsburger Unternehmen ist seit mehreren Jahren auf dem Balkan tätig. In Kroatien ist es über Aufträge in einem Gesamtvolumen von 400 Millionen DM am Bau von Autobahnabschnitten und Brücken beteiligt, auch in Montenegro, Bosnien-Herzogowina und Slowenien laufen Infrastrukturprojekte.

Und die Heidelberger Zement AG verlautet, daß in Jugoslawien eine entscheidende Voraussetzung für Investitionen fehle – die Privatisierung der Wirtschaft. Ein gravierendes Problem vor dem Hintergrund, daß Unternehmen „keine Samariter sind, sondern Geld verdienen wollen“, wie Herr Schulte (Sprecher der IHK Dortmund) feststellt.

(Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.138, 19.6.99, S.28)

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