Für Dialektik in Organisationsfragen
Als im März 1920 Kapp und Lüttwitz gegen die Regierung der Weimarer Republik putschten und ihre Soldateska mit schwarz-weiß-roten Fahnen und Hakenkreuz am Stahlhelm in Berlin einzog, antwortete die gesamte Arbeiterklasse mit Generalstreik. Am 15. März 1920 ruhte in ganz Deutschland die Arbeit. SPD, USPD und Gewerkschaften hatten dazu aufgerufen, um die bürgerlich-demokratische Republik und die von der SPD errungenen Positionen im Staat zu retten. Zwei Tage später waren Kapp und Co. Geschichte.
Als am 30. Januar 1933 die politische Macht an die Hitlerfaschisten übertragen wurde, haben SPD und Gewerkschaften nicht zum Generalstreik aufgerufen, entgegen der Forderung der KPD und sogar einiger Führer der SPD. Die Hitlerfaschisten konnten sich halten, und am 1.Mai 1933 ging die Gewerkschaftsführung des ADGB in ihrem Legalismus, ihrer Staatstreue und ihrer Dankbarkeit für den neuen gesetzlichen „Feiertag der nationalen Arbeit“ sogar so weit, sich dem faschistischen Aufmarsch anzuschließen[1] . Einen Tag später wurden die Gewerkschaftshäuser von der SA gestürmt und die aktiven Gewerkschafter in die KZs verbracht. In der Bilanz dieses Verrats an der Sache der Demokratie und der Arbeiter standen dann 1945 55 Millionen Todesopfer, Zerstörung und unermessliches Leid.
Warum dieser Unterschied?
1920: Die Monopolherren der Arbeitsgemeinschaft Chemie billigten den Generalstreik und erklärten sich sogar bereit, die Streiktage zu bezahlen. Das war ein Symptom dafür, dass die Zeit überhaupt nicht „reif“ war für einen faschistischen Putsch: Die entscheidenden Teile des Finanzkapitals[2] (des Monopol- und Bankkapitals) hatten kein Interesse daran, die Zusammenarbeit mit der Arbeiteraristokratie, mit der Gewerkschaftsführung, mit der Sozialdemokratie aufzukündigen. Das war nicht zuletzt der Kampfentschlossenheit der Arbeiter geschuldet, aber auch der Tatsache, dass der reaktionäre kleinbürgerliche und lumpenproletarische Mob noch nicht so gut organisiert war wie dann später in den dreißiger Jahren. Dieses vom 1.Weltkrieg herausgekotzte und nach Betätigung lechzende Pack konnte noch keine Niederschlagung der Arbeiterbewegung im Sinne des Kapitals garantieren. Auf eine planmäßige Kriegsvorbereitung konnte der deutsche Imperialismus nach dem verlorenen Krieg auch noch nicht wieder setzen. So schien den Bossen der Chemieindustrie die Arbeiteraristokratie, die Sozialdemokratie, die sicherste Stütze ihrer Herrschaft. Und sie setzte sich durch – mit Hilfe der Arbeiter!
Bei der jungen KPD gab es in der Führung anfangs sogar Schwankungen, ob man sich einem solchen – sogar teilweise von den Monopolherren bezahlten – Streik anschließen sollte. Aber diese Frage war bereits nach einem Tag entschieden. Richtig war es, dass die kommunistischen Arbeiter gemeinsam mit ihren sozialdemokratischen und parteilosen Kollegen mit revolutionärer Energie den Generalstreik organisierten. Die Zentrale der KPD forderte die Entwaffnung der Konterrevolution und wandte sich gegen die Wiederkehr der bisherigen Regierung nach der Verjagung der Putschisten, denn unter ihren Augen war der Putsch vorbereitet worden.
Mit dieser Perspektive entwickelten sich auch die Kämpfe der Arbeiter: immer mehr bewaffnete Formationen der Arbeiter bildeten sich in ganz Deutschland, im Ruhrgebiet wurde eine Rote Armee geschaffen. Denn es ging darum, ganze Arbeit zu machen, den Generalstreik zur Verteidigung der bürgerlich-demokratischen Republik zu nutzen, um die Konterrevolution endgültig zu verjagen und die 1918 verlorene Macht der Arbeiter zurückzugewinnen. Nachdem die Regierung Kapp bereits zwei Tage nach Beginn des Generalstreiks abdanken musste, gingen die Arbeiter über die Verteidigung der bürgerlich-demokratischen Republik hinaus – energisch bekämpft durch die Führung der SPD. Die spaltete die errungene Einheit und entwaffnete als Teilhaber einer bürgerlichen Koalitionsregierung in blutigen, mörderischen Kämpfen die Arbeiter.
Ganz anders waren die Kräfteverhältnisse 1933. Dank des großen Einflusses der klassenversöhnlerischen, bis zur Selbstvernichtung gesetzestreuen und antikommunistischen Politik der SPD- und Gewerkschaftsführung in den Arbeitermassen war die Spaltung der Arbeiterklasse so verfestigt, dass die Organisierung des faschistischen Mobs kaum auf den einheitlichen Widerstand der organisierten Arbeiterklasse stieß – es war der KPD nicht gelungen, gemeinsam mit den sozialdemokratischen und parteilosen Arbeitern diesen vereinten Widerstand zu organisieren[3] . So stellten die organisierten Formationen der äußersten Reaktion (NSDAP, SA, SS usw.) schließlich eine beachtliche Macht dar. Für die Monopolbourgeoisie war es inzwischen sowohl möglich als auch immer notwendiger geworden, den Arbeiteraristokraten in Betrieb und Gewerkschaft die Zusammenarbeit aufzukündigen und sich stattdessen zur Aufrechterhaltung und Sicherung ihrer Herrschaft hauptsächlich auf den antisemitischen und antiproletarischen Terror der sich formierenden „deutschen Volksgemeinschaft“ zu stützen. Es ging um Rache an den imperialistischen Konkurrenten für die Niederlage im 1.Weltkrieg, um einen neuerlichen Versuch der Neuaufteilung der Welt zugunsten des deutschen Imperialismus, um die Vernichtung der Sowjetunion als erstes sozialistisches Land und Hoffnung der Arbeiter der ganzen Welt. Für dieses größenwahnsinnige Programm hielt sich der deutsche Imperialismus wieder stark genug, die planmäßige Kriegsvorbereitung stand für ihn auf der Tagesordnung.
In dieser Situation wäre der Generalstreik offene Rebellion gegen die herrschende Klasse gewesen – ganz anders als beim Kapp-Putsch, zumindest solange es nur beim Streik blieb. Für die Massen der Arbeiter machte das eigentlich keinen Unterschied – die faschistische Konterrevolution musste gestoppt werden! 1920 und 1933 warteten sie auf den Aufruf ihrer Führung, um sich wie ein Mann dem Naziterror entgegenzustellen. 1920 kam der Aufruf, 1933 aus den oben genannten Gründen nicht (wobei es schon in den Jahren Grund genug gegeben hätte, dem Treiben der Faschisten und des reaktionären Staatsapparats nicht tatenlos zuzusehen). Dieses Verhalten ist schon nicht mehr nur Klassenversöhnung, das ist Kriechertum gegenüber dem Klassenfeind. So beschrieb das der (keineswegs linke) Sozialdemokrat Hoegner[4] : „Vergebens warteten die Millionen draußen im Lande auf den Angriffsbefehl. Er blieb aus; den Deutschen aber liegt es nicht, etwas ohne Befehl der Führung, aus eigenem Entschluss zu tun. So scharten sich noch Millionen stumm und treu um die rote Fahne des Proletariats.“[5]
Wie lange wollen wir uns noch „stumm und treu“ mehr und mehr entwaffnen lassen? Wie viel Terror und Krieg sollen wir noch zulassen? Schluss damit!
1 Aus dem damaligen Aufruf der Gewerkschaftsführer: „Der Bundesausschuss des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes begrüßt den 1. Mai 1933 als gesetzlichen Feiertag der nationalen Arbeit und fordert die Mitglieder der Gewerkschaften auf, im vollen Bewusstsein ihrer Pionierdienste für den Maigedanken, für die Ehrung der schaffenden Arbeit und für die vollberechtigte Eingliederung der Arbeiterschaft in den Staat sich allerorts an der von der Regierung veranlassten Feier festlich zu beteiligen.“
(Aus Geschichte der Arbeiterbewegung Bd. 5, S. 449/450, Dietz Verlag Berlin 1966)
2 Finanzkapital: „... das monopolistische Industriekapital, das mit dem Bankkapital verschmolzen ist“ (Lenin).
3 Diese Schwäche hatte verschiedene Gründe. Nur 24% der Mitglieder der KPD waren zu dieser Zeit noch in den Betrieben beschäftigt. Das lag nur zum Teil an der hohen Erwerbslosigkeit, dazu kam die systematische Verfolgung revolutionärer Arbeiter. Außerdem war es der KPD nicht gelungen, in den heftigen Kämpfen Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre die Rolle der Sozialdemokratie im Vergleich zu den Faschisten richtig zu analysieren. Sie übernahm stattdessen die Massenmeinung, die Sozialdemokratie sei „sozialfaschistisch“, eine Meinung, die sich aus dem blutigen Terror gegen die Arbeiter z.B. am 1.Mai 1929 ergab. Sie berücksichtigte aber nicht, dass die herrschende Klasse sogar der Arbeiteraristokratie einen Fußtritt geben kann, um sich stattdessen auf den reaktionär-kleinbürgerlichen, lumpenproletarischen faschistischen Mob zu stützen. Gegen diese ständig vorhandene Tendenz, die stets zur festen Absicht werden kann (insbesondere bei diesem besonders aggressiven deutschen Imperialismus) müssen weite Teile der Sozialdemokratie – insbesondere Arbeiter – für den gemeinsamen antifaschistischen Kampf gewonnen werden. Diese Klarheit ist erst 1935 in der internationalen kommunistischen Bewegung und im Besonderen in der KPD geschaffen worden.
4 Hoegner war Reichstagsabgeordneter der SPD und alles andere als ein „Linker“ in der Führung der SPD
5 Wilhelm Hoegner, Die verratene Republik, Neuausgabe München 1979, S.374