Für Dialektik in Organisationsfragen
Die Existenz vieler Arbeiterinnen und Arbeiter und ihrer Familien in diesem Land ist akut bedroht. Nicht durch Putin, wie allseits berichtet, sondern durch die Arbeitsplatzvernichtung der großen Konzerne. In einer aktuellen Studie der Beratungsgesellschaft Ernst und Young, im Net „EY“ heißt es u. a.: „Die Industriekonzerne Deutschlands vernichten immer mehr Arbeitsplätze. Besonders betroffen ist die Autoindustrie. Hier sind binnen eines Jahres, von Juli 2024 bis Juni 2025, knapp sieben Prozent bzw. 51,500 Stellen abgebaut worden. Insgesamt waren in der deutschen Industrie zum 30 Juni dieses Jahres 5,42 Millionen Menschen beschäftigt, das sind 2,1 Prozent oder 114.000 Personen weniger als zwölf Monate zuvor...“
In dem Zusammenhang haben alle großen Auto-Kapitalisten wie u. a.:Mercedes, Audi, BMW, Porsche, Stellantis (Opel) und noch relativ aktuell Ford in Köln – ähnlich wie bei VW – mit der IGM die bekannten Sozial- oder Zukunftstarifverträge abgeschlossen. Die Ford-Belegschaft in Köln hat dabei nach vorangegangenen Streiks in einer Urabstimmung an den Werkstoren dem mit dem Ford-Kapital am 4. September ausgehandelten Sozialtarifvertrag mit 93,5 Prozent von 80, 9 % Wahlbeteiligung zugestimmt. Zum Vertrag hat Kerstin D. Klein, die 1. Bevollmächtigte der IGM-Köln-Leverkusen erklärt: „Unter anderem nagt natürlich die Ungewissheit an den Nerven der Menschen. Die Beschäftigten möchten endlich wissen, was mit ihnen passiert. Das wird aber nun erst nachdem die Vereinbarungen zu den Prozessen und Nachteilsausgleichen unterschrieben sein werden, in den nächsten Monaten zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung verhandelt.“ Was Kollegin Klein mit ihren Worten erklärt, heißt die IGM als Garant für Streikaufrufe, hat sich verabschiedet und gemäß ständiger Kapitalforderung den Betriebsparteien das Feld überlassen. Die Belegschaft hat dabei in ihrer an sie „nagenden Ungewissheit“ Regelungen zugestimmt, die sie noch gar nicht kennt und ihr dann möglicherweise ohne Verhör verordnet werden. Dabei heißt es im Sozialtarif, dass für eine „gesicherte Zukunft“ 2900 Jobs abgebaut werden. Aus einem vorangegangenen Aderlass stehen dabei noch 660 Arbeitsplätze auf der Streichliste. Sie konnten noch nicht durch ein „freiwilliges Abfindungsprogramm“ beseitigt werden. Dazu heißt es aus dem Betrieb, wer nach dem ersten auch das zweite Abfindungsangebot – nur noch 75 Prozent vom ersten – ablehnt, muss mit der „betriebsbedingten Kündigung“ rechnen. Hierbei hat das Ford-Management der Belegschaft angekündigt, dass es aufgrund schlechter Verkaufszahlen ab dem 1. Januar 2026 nur noch einschichtig in der Produktion weitergeht. Das könnte dazu führen, dass weitere 1000 Arbeitsplätze zu viel sind. Aufgrund der Arbeitsplatzvernichtungen in den zurückliegenden Jahren ist die Ford-Belegschaft von ehemals weit über 20.000 auf den momentanen Stand von circa 11.500 geschrumpft. Dabei war der bewusstere Teil der Kolleginnen und Kollegen immer bemüht, sich gegen diesen Schrumpfungsprozess mit Aktionen, mit Streiks usw. zu wehren und die Belegschaft mitzuziehen. Das war bei der jetzt zurückliegenden Auseinandersetzung, wie Berichten zu entnehmen ist, wohl ähnlich, wobei es offenbar größeren Protest gegen die Annahme des Sozialtarifs gegeben hat. IGM-Bevollmächtigte Klein wie auch Betriebsrat und Vertrauenskörperleitung haben dabei die Annahme des Sozial-Zukunftstarifs offensichtlich durch Streiks gefährdet gesehen. Hierbei sind sie dem streikbereiten Teil der Belegschaft vor der o. g. Urabstimmung mit Aussagen entgegengetreten, über die sich evtl. nicht nur das Ford-Kapital gefreut hat. So hat IGM-Bevollmächtigte Kollegin Klein z.B. erklärt: „Ein Betriebsübergang oder gar eine Schließung ganzer Bereiche lässt sich durch Streiks nicht verhindern“ und zum Vertrag: „Eine Nachverhandlung nur einzelner Punkte ist ausgeschlossen. Weitere Verhandlungen und Streiks könnten deshalb am Ende zu deutlich schlechteren Bedingungen führen.“
Der IGM-Vertrauenskörperleiter hat ihr dabei mit der Erklärung an die Belegschaft assistiert: „Leider kann eine tragfähige Zukunftsstrategie nicht durch einen Streik erzwungen werden,“ und auf IGM-Flugblättern hieß es in Fettdruck: „Stimmt gegen die Fortführung des Streiks!“ Darauf hat die Belegschaft mit dem oben bereits genannten Ergebnis geantwortet. Möglicherweise bis das Ford Kapital ihr mit der Ankündigung weiterer Entlassungen die nächste „tragfähige Zukunftsstrategie“ mit dem Kampf für „Abfindungen, Altersteilzeit und einem finanziellen Schutzschirm für Rentnerinnen und Rentner“ abpresst (siehe Tagesschau 11.07.2025).
Mit ihrer Zustimmung zu Verhandlungsergebnis und Annahme des Sozialtarifvertrags gilt für die Ford-Belegschaft wie für alle anderen, die glauben auf diese Art und Weise ihre Haut, die Arbeitsplätze retten zu können, was die IGM der VW-Belegschaft zu ihrer Zustimmung zum Ergebnis als Klassenkampf-Disziplin in die Flugblätter geschrieben hat: „...Damit üben sich Beschäftigte in einem temporären Verzicht, verhindern damit aber gemeinsam den Kahlschlag an den VW-Standorten und helfen sich solidarisch gegenseitig.“ (www.igmetall.de/tarif/tarifrunden/tarifrunde-volkswagen-2024)
Wie lange das „sich solidarisch helfen“ hält, ist an sich in den Betrieben und Gewerkschaften längst bekannt: Bis zum nächsten „Kahlschlag“ und zum nächsten „Verzicht üben“. Es sei denn, in Betrieben und Gewerkschaften kommt Belegschaften und Gewerkschaftsmitgliedern beim anhaltenden „temporären Verzicht üben“ die wünschenswerte Einsicht, dass wir lernen müssen. Unser Verzicht mästet genau die Konzerne, die wieder nach dem nächsten Krieg drängen.
Lest dazu die bemerkenswerte Rede, die der Kollege Lars Hirsekorn, Betriebsratsmitglied bei VW Braunschweig, auf einer Betriebsversammlung gehalten hat. (Die Rede ist in dieser Ausgabe, auf der nächsten Seite.)
Ludwig Jost
Infos siehe wir-bleiben-ford.de/ig-metall-mitglieder-bei-ford-nehmen-verhandlungsergebnis-an, www.wsws.org/de/articles/2025/09/19/ford-s19.html