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Was soll das Geschrei? – oder:

Wer braucht einen hohen EURO?

Momentan ist es zwar ein bisschen aus dem Blickfeld geraten, doch das Geschrei um den niedrigeren EURO hält sich dennoch nun schon monatelang: bei tagesschau, BILD und live im Internet wird die nationale Katastrophe vermeldet. Und die Fakten sind diesmal auch nicht gelogen: Seit der EURO-Einführung am 01.01.1999 hat der Kurs des EURO (von kurzen Gegen­bewegungen abgesehen) kontinuierlich an Wert verloren und im Verhältnis zum Dollar ist die DM so niedrig wie zuletzt Mitte der 80er-Jahre.

Doch betrachten wir etwas längere Zeit­räume: Nach dem 2.Weltkrieg gab es Dollarkurse von vier und fünf DM, 1983 befand sich der Dollar wieder über drei DM. Zu Beginn der Kohl-Regierungen war der Dollar also eineinhalb mal so hoch wie zurzeit, neun Jahre später wiederum (1992) war es umgekehrt: die DM war im Verhältnis zum Dollar knapp 50% höher, manche erwarteten damals schon das Wechsel­verhältnis 1 Dollar = 1 DM; so weit ging es letztlich dann doch nicht. Aber in den neun Jahren von 1983 bis 1992 hatte sich die DM mehr als verdoppelt!

Auf diesen Höchststand am Ende des Booms durch die Einverleibung der DDR folgte innerhalb eines knappen Jahres ein Abstieg, der ähnlich deutlich war, wie das, was seit der Einführung des EURO passierte. Die (damals noch DM) „landete“ Ende 1993 unterhalb des ersten EURO-Kurses vom 01.01.1999 (1,18 US-Dollar). Man könnte noch weitere Schwankungen der Wechsel­kursgeschichte betrachten, was aber an folgenden Feststellungen nichts ändern würde:

1. Die Kursentwicklung zwischen EURO und US-Dollar seit Anfang 1999 ist verglichen mit der Entwicklung von US-Dollar und DM seit 1980 weder hinsichtlich des Preises, noch der prozentualen Schwankung, noch der Geschwindigkeit der Entwicklung besonders herausragend oder gar einzigartig.

2. Aus dem derzeit schwachen EURO kann keine fundamentale, dauerhafte Veränderung der Kräfteverhältnisse abgeleitet werden.

3. Es ist nicht anzunehmen, dass der EURO im gleichem Maße weiter (sozusagen ins „Bodenlose“) fällt, auch wenn ein weiter steigender Dollar möglich ist. Aber auch dieses würde die Feststellungen erst bei sehr starken Veränderungen in Frage stellen.

4. Folglich ist aus der Kursentwicklung von etwa eineinhalb Jahren keine Veränderung der grundsätzlichen Ziele und der langfristigen Perspektiven der unter deutscher Führung zusammen­­ge­schlossen­­en EURO-Länder zu er­kennen.

Wie bilden sich Wechselkurse?

Die Frage, was den Ausschlag für Steigen oder Fallen eines Wechselkurses gibt, kann nicht allgemein oder pauschal beantwortet werden. Die Tatsache, dass auf den Märkten derzeit mehr Dollar nachgefragt werden und mehr Händler EURO verkaufen wollen als kaufen, ist ja noch keine Erklärung, warum dies so ist. Da streiten sich auch die hoch bezahlten Gelehrten der bürgerlichen Wirtschaft und ihrer Wissenschaft. Die FAZ schreibt am 04.08.2000: „Die jüngste Schwäche des EURO gibt den Währungsfachleuten Rätsel auf, weil sich die wirtschaftlichen Aussichten im Euro­raum in den vergangenen Monaten deut­lich verbessert haben.“ Oder anders: Wenn wir Recht hätten, wäre der Kurs anders, da er es aber nicht ist, haben wir zwar nicht Unrecht, aber der Kurs ist doch so wie er ist oder so ähnlich...

Und so unklar wie die Lage manchmal ist, gibt es natürlich auch verschiedene Erklärungsversuche, wie sich Währungskurse bilden, keiner davon ist vollkommen einleuchtend. Die Argumente, die für das Verhältnis von EURO und US-Dollar weitgehend zutreffend erscheinen, passen wiederum für die Erklärung des ebenfalls wichtigen Kursverhältnis von US-Dollar und japanischem Yen überhaupt nicht. Wir können also zunächst – ohne dass es peinlich wäre – feststellen: Keiner weiß es momentan genau und wir auch nicht.

Dennoch sollten folgende Aspekte betrachtet werden:

l Die Zinsen sind in den USA (je nach Laufzeit) 1-2% höher als in der BRD (bzw. dem so genannten Euroraum[1]). Dies führt dazu, dass tendenziell mehr Kapital in US-Dollar angelegt wird als in EURO. Es findet also eine Kapitalbewegung in die USA statt, Kapitalanleger verkaufen ihre Euro-Anleihen und kaufen US-Dollar-Anleihen: EURO Verkauf, US-Dollar Kauf -> der US-Dollar steigt.

Die Zinsen sind in den USA derzeit höher, weil dortige Firmen und Privatleute in großem Umfang Kredite aufnehmen. Die Kreditaufnahme kann derzeit nicht vollständig durch US-Kapitalgeber gedeckt werden, gesamtwirtschaftlich erfolgt eine Kapitalzufuhr aus dem Ausland. Eine ähnliche Situation bestand bei dem erwähnten US-Dollar-Hoch Anfang der 80er Jahre. Damals waren die US-Zinsen zeitweilig sogar vier Prozent höher als die DM-Zinsen, der US-amerikanische Staat benötigte riesige Kapitalbeträge zur Finanzierung seiner Rüstungsprogramme. Eine umgekehrte Situation mit entsprechend hohem DM-Kurs bestand Anfang der 90er-Jahre, als die BRD im Zuge der Annexion der DDR einen enormen Anstieg der Staatsverschuldung vollzog und diesen auch zu einem beachtlichen Teil mit Kapital aus dem Ausland finanzierte.

Die Verschiebung von Kapital aus der Euro-Zone in die USA wird wohl eine Rolle für die jetzige Entwicklung spielen. Gleichzeitig ist aber fest zu halten (und deshalb ist dieser Aspekt nicht erschöpfend), dass die Zinsen in der BRD und den USA sich von Anfang der 90er-Jahre bis 1998 fast gleichlaufend entwickelt hatten und es dennoch starke Kursschwankungen zwischen DM und US-Dollar gab.

l Ein anderer Effekt ist sozusagen vom deutschen Kapital hausgemacht, nämlich der Kapitalexport bei Firmenübernahmen. Es wird mehr Kapital aus den Euroländern (insbesondere der BRD) in die USA exportiert als umgekehrt. Dort wird das Kapital verwendet zur Übernahme US-amerikanischer Firmen, dem Erwerb von Aktien usw. Hier sind die deutschen Konzerne unverändert auf dem Vormarsch und dabei müssen sie EURO in US-Dollar tauschen und das wirkt ebenfalls auf den Kurs.

Gleichzeitig macht der niedrigere EURO diesen Kapitalexport teurer und dies ist nicht im Interesse der deutschen Konzerne und Anleger. Hier könnte also ein Grund für das Geschrei über den so bedauerlichen Wechselkurs sein. Dieser Effekt hat nämlich auch noch die Kehrseite, dass deutsche Aktien und Konzerne für Interessierte aus den USA billiger werden. Und damit steigt die Gefahr der ungeliebten „feindlichen Übernahmen“, der Kauf deutscher Konzerne durch ausländische Kapitaleigentümer. Das derzeit ebenfalls sehr hohe britische Pfund[2] hat Vodafone bei der Übernahme von Mannesmann Mobilfunk sehr unterstützt; mit einem Pfundkurs wie 1995 wäre das nicht zu machen gewesen...

Was bedeutet dies für die Arbeiterklasse?

Für uns ist es ärgerlich und es reduziert wieder einmal den Lohn unserer Arbeit, dass durch den niedrigeren EURO Benzin, Heizöl, Gas usw. teurer werden. Viel wichtiger für die Preiserhöhung ist zwar die Entwicklung der Rohölpreise, ausgelöst durch Reduzierung der Fördermengen durch die OPEC[3], daneben tun aber auch der EURO-Kurs und die höheren Steuern ihren Beitrag. Aber insgesamt bleiben dies Randerscheinungen, für die Arbeiterklasse steht im Vordergrund, dass der niedrige EURO seit Monaten dazu benutzt wird, um die Propaganda gegen uns wieder einmal zu verstärken:

Die US-amerikanische Wirtschaft sei stärker und wachse schneller als alle anderen, dieser enorme Aufschwung sei für das Kursverhältnis entscheidend. Und das muss geändert werden, schließlich stehen wir in Konkurrenz, wir sollen schneller, besser und billiger arbeiten, dann steigt der EURO und damit unser Lebensglück!

Das die Propaganda anders herum genauso funktioniert, ist leicht zu erkennen. Der heute niedrige EURO führt dazu, dass Warenexporte in Nicht-Euro-Länder beispielsweise aus den Branchen Maschinenbau und Automobilindustrie ansteigen, weil z.B. ein Mercedes in den USA jetzt günstiger zu haben ist. Dieser Vorteil der deutschen Konzerne wird momentan gerne unter den Teppich gekehrt. Aus der Vergangenheit wissen wir jedoch, dass das Geschrei sofort immer dann auflebt, wenn der US-Dollar fällt und damit die Warenexporte sich verteuern: Der Export geht zurück, deutsche Produkte sind nicht konkurrenzfähig, wir müssen schneller, besser, billiger arbeiten usw...

Sie können die Wechselkurse also immer für die Propaganda im Angriff auf unsere Löhne und Rechte benutzen.

Genau dieses geschieht nämlich momentan in Großbritannien. Der Kurs des Pfund ist gegenüber dem EURO sehr hoch und damit stockt der Export britischer Waren. „Um wettbewerbsfähig zu bleiben, hat die Industrie in den vergangenen zwei Jahren mehr als 300.000 Arbeitsplätze abgebaut.“ schreibt die FAZ vom 02.05.2000 nüchtern. Wir können uns vorstellen, was sie den englischen Arbeitern sagen: Das Pfund ist so hoch, ihr müsst schneller, besser, billiger arbeiten... Der hohe Pfundkurs war beispielsweise auch ein Aspekt für BMW seine Tochtergesellschaft Rover zu schließen (siehe KAZ 295).

Wer muss sich hier also Sorgen machen?

Es entspricht nicht unseren Interessen mit dem Kapital mitzufiebern, ob der EURO gegenüber dem US-Dollar stark oder schwach ist, das chauvinistische Gejammer über den Eurokurs ist die Sache des Klassenfeindes. Im Gegenteil, je stärker wir sind, desto schwächer wird der EURO tendenziell sein, jeder erfolgreiche Streik, Lohnkampf oder die Durchsetzung höherer Renten wird dem Eurokurs schaden. Insofern ist es schade, dass diese heutige Kursschwäche nicht unser Verdienst ist!

Sorgen muss sich ein Teil des deutschen Kapitals, denn die Investitionen und Übernahmen US-amerikanischer Konkurrenten wie bei Daimler-Chrysler oder Deutsche Bank/Bankers Trust, die werden teurer und dies bremst den deutschen Imperialismus in seiner Expansion. Andererseits steigt die Wahrscheinlichkeit von Übernahmen und dem Ausbreiten US-amerikanischer Konzerne in der BRD, der jetzige Eurokurs ist also ein Hemmnis der deutschen Konzerne in dieser Konkurrenz.

Andererseits können die Konzerne, die viele Waren in die USA exportieren mit der Situation sehr gut leben und daher ist vieles von dem Geschrei nur heiße Luft. Es spricht einiges dafür, dass dieser Euro-Kurs so manchem deutschen Monopolvertreter nicht ungelegen kommt. Ein Indiz dafür ist, dass die nationalen Zentralbanken (insbesondere die Bundesbank) und die Europäische Zentralbank bisher offensichtlich noch keinerlei Dollarreserven auf den Markt geworfen haben, um den Euro-Kurs nach oben zu drücken. Und dabei haben sie den Gegenwert von 385 Milliarden EURO[4] (= 752 Milliarden DM) noch in der Hinterhand. Ein stattlicher Betrag, den man bei Bedarf verwenden könnte, um EURO zu kaufen und so den Dollarkurs nach unten zu drücken (so genannte Devisenmarktintervention). Dass sie dies bisher nicht getan haben zeigt, dass es eben wieder einmal nur Geschrei ist, dass uns auf ihre Seite bringen soll.

Langfristig ist und war der EURO das Instrument mit dem man währungspolitisch dem US-Dollar zu Leibe rücken will. Der EURO soll weltweit größere Bedeutung erhalten, als es die DM hatte. Er ist eine wichtige Waffe auf den Kriegsschauplätzen, die momentan überwiegend noch wirtschaftliche Schauplätze sind (siehe auch KAZ 288 zur Euro-Einführung). Mit dem EURO soll die Funktion des US-Dollar als so genannte Weltleitwährung angegriffen werden. Das bedeutet beispielsweise, dass internationale Geschäfte mit den asiatischen Ländern nicht mehr in US-Dollar, sondern in EURO abgerechnet werden sollen, dass der EURO für die so genannten Entwicklungs- und Schwellenländer die Bedeutung erlangt, die heute noch der US-Dollar hat. Diesen Zielen ist man mit dem EURO noch kein Stück näher gekommen und das ist schon eine Niederlage für die Strategen, insbesondere des deutschen Imperialismus.

Andere Ziele, wie die Stärkung der deutschen Vormachtstellung in Europa konnten hingegen bisher sehr wohl erreicht werden. Aber langfristig geht es eben gegen den US-Dollar, gegen die USA und das ist das Gefährliche. Denn der EURO hat im Vergleich natürlich eine Schwäche, er ist eine Währung für demnächst elf verschiedene Staaten. Auch wenn das Übergewicht der BRD und (zum Teil) Frankreichs gegenüber den anderen neun erdrückend ist, eine gewisse Eigenständigkeit ist diesen Staaten noch verblieben und das bleibt ein Unsicherheitsfaktor. Und da trifft sich das ganze Gejammer über den schwachen EURO mit der Rede von Außenminister Fischer zur Weiterentwicklung der EU hin zu einer „Europäischen Föderation“, in der den Staaten so viel Souveränität zugedacht wird, dass sich der deutsche Imperialismus als ökonomisch stärkste Macht nicht mehr viel reinreden lassen wird, gleichzeitig aber durch das Gewicht eben dieser Stärke die Vorherrschaft über die anderen Staaten in dieser Europäischen Föderation ausüben kann. Und dazu passt auch die Bestrebung die EU zu einer von der NATO eigenständigen, militärisch schlagkräftigen Militärmacht umzubauen[5].

Dr. Alexandra Rubel

1 = Gesamtgebiet der Länder, deren Währung der Euro ist (Belgien, BRD, Finnland, Frankreich, Irland, Italien, Niederlande, Österreich, Portugal, Spanien; ab 01.01.2001: Griechenland)

2 per 08.08.2000: 1 Pfund = DM 3,26

3 Organisation der erdölexportierenden Länder. Diese versuchen über die Steuerung der Fördermengen den Preis zu steigern, bzw. hochzuhalten. Dieses Ziel kann man grundsätzlich als berechtigte Gegenwehr betrachten, um den Versuchen der imperialistischen Staaten den Preis zu drücken entgegenzuwirken. Gleichzeitig darf dabei nicht vergessen werden, dass die Erdölerlöse fast ausschließlich einer feudal strukturierten Oberschicht dieser Länder zugute kommt und die unterdrückten Völker der Erdölländer somit in diesem Preiskampf nur Zuschauer sind.

4 FAZ 09.05.2000

5 Gemäß FAZ vom 03.05.2000 warnte der Hohe Repräsentant der Europäischen Union (EU) für Außen- und Sicherheitspolitik, Solana, [...] in Washington vor einer möglichen „Abkoppelung“ der Bündnispartner durch den Bau eines amerikanischen Raketenabwehrsystems [...]. Im Anschluss an Gespräche mit Regierungsvertretern sagte der ehemalige Nato-Generalsekretär vor Journalisten : „Wenn wir nicht von den Vereinigten Staaten verteidigt werden [wie es diesbezüglich derzeit vorgesehen ist], könnte das der Beginn einer Abkopplung sein. [...] Solana zeigte in Washington zwar Verständnis dafür, dass ein Land wie die Vereinigten Staaten seine fortgeschrittene Technik für die Verteidigung nutzen wolle. Es gelte aber, die ,Folgen für den Rest der Welt’ zu bedenken.

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