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Die Lüge vom Völkermord im Kosovo

Als über Weihnachten 1989 die konterrevolutionären Unruhen in Rumänien ihren Höhepunkt erreicht hatten, konnte man in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf Seite 1 am 27.12.1989 lesen: „Die Gefechte sollen 70.000-80.000 Menschenleben gekostet haben”. Immerhin zählt die FAZ zu den führenden Organen der Weltpresse und bescheinigt sich selbst immer wieder die Seriosität ihrer Berichterstattung. In einer rückblickenden Betrachtung der damaligen Geschehnisse teilt das Blatt nun am 24. Dezember 1999 die Ergebnisse der Nachforschungen des mit der Untersuchung beauftragten obersten Staatsanwalts der Armee, Brigadegeneral Voinea, mit: Danach sind damals 1.104 Menschen ums Leben gekommen – einschließlich des in einem Schauprozess vor laufender Kamera zum Tode verurteilten und anschließend sofort hingerichteten Ehepaares Ceaucesco. Die Zahl der Opfer ist also zunächst bis zum achtzigfachen übertrieben worden! Die gesamte Weltpresse, die großen Nachrichtenagenturen, die TV- und Hörfunksender hatten damals ihre Berichterstatter in Bukarest und alle meldeten ähnliche Horrorzahlen wie die FAZ!

Aber bereits im Frühjahr 1990 war offenbar geworden, in welch unglaublichem Ausmaß die Weltöffentlichkeit desinformiert worden war. Französische Journalisten beschäfigten sich kritisch mit dem „Delirium der Presse”, wie sie es nannten, worüber die FAZ in einem Beitrag ihres Korrespondenten Jörg Altwegg am 19. Mai 1990 unter der Überschrift „Gefälschtes Grauen” berichtete. Auf einem vom Nouvel Observateur veranstalteten Kolloquium seien, so Altwegg, zwei Ursachen für das Delirium festgestellt worden: „Die Kommerzialisierung der audiovisuellen Medien und der ideologische Hintergrund: irgendwo musste der Zusammenbruch des Schreckgespenstes Kommunismus, der in Jubel und Heiterkeit über die Bühnen von Berlin bis Prag ging, ja doch – noch – blutig verlaufen... Im Westen schienen die Redakteure zuhause wie die Reporter vor Ort im Rausch der Bilder und Meldungen aus Bukarest und Temesvar schlicht den simpelsten Menschenverstand verloren zu haben.

Das ist nun zehn Jahre her und nun belehrt uns die jetzt in Paris erscheinende Le Monde diplomatique in ihrer Märzausgabe darüber, dass die Methode der gigantischen Übertreibung vermuteter Opferzahlen mit dem Ziel der Emotionalisierung der Öffentlichkeit zu politischen Zwecken erneut angewandt wurde bei der Rechtfertigung der NATO- Aggression gegen Jugoslawien. „Hintergründe eines humanitären Unternehmens” heisst es im Obertitel eines Beitrages, der sich mit dem Wahrheitsgehalt der von den Medien verbreiteten Meldungen und Berichte über den Serben zugeschriebene Gewalttaten befasst. Zunächst wird in dem von Serge Halimi und Dominique Vidal zusammengestellten Report daran erinnert, dass der deutsche Außenminister Fischer auf Grund der Horrorberichte die Vorgänge in Kosovo mit den „ethnischen Kriegen der dreissiger und vierziger Jahre” gleichsetzte und sein Kollege Scharping ohne Umschweife von einem „Völkermord” gesprochen habe. Entsprechend schossen die vermuteten Opferzahlen in die Höhe. Am 19. April befürchtete ein Sprecher des US-Außenministeriums, 500.000 vermisste Albaner seien getötet worden. Im französischen TV habe es am 21. April geheissen: „Laut NATO gelten 100.000 bis 500.000 Menschen als vermisst. In der Tat ist zu befürchten, dass sie von den Serben exekutiert wurden. Natürlich müssen diese Beschuldigungen erst noch bewiesen werden.” Diese Phantasiezahlen brauchte man offenbar einen Monat nach Beginn der Bombardierung, um den wachsenden Widerstand an der „Heimatfront” der Aggressorstaaten gegen die Barbarei des Luftkrieges gegen zivile Ziele in Jugoslawien „moralisch” zu unterlaufen. Das gelang auch, und nach Beendigung der direkten Kampfhandlungen sank denn „die vom Westen verbreitete Zahl der geschätzten Opfer auf albanischer Seite von sechs- auf fünfstellige Ziffern”, schreiben die Autoren, und sie zitieren die Erklärung des britischen Aussenministeriums vom 19. Juni 1999, wonach „in über 100 Massakern 10.000 Menschen getötet worden sind.

Auch Präsident Clinton habe am 25. Juni von 10.000 getöteten Kosovo-Albanern gesprochen, und der gerade ernannte französische Sonderbeauftragte der UN(?) für das Kosovo, Kouchner, wusste am 2. August sogar von 11.000 exhumierten Leichen von Albanern zu berichten – und musste diese Zahl noch am gleichen Tag vom Kriegsverbrechertribunal in Den Haag dementieren lassen. Dessen Ermittler fanden schliesslich bis Ende September im Kosovo 2108 Leichen von Menschen, von denen angenommen werden muss, dass sie im Zusammenhang mit den Kämpfen zwischen der UCK und den serbischen Sicherheitsorganen sowie der NATO-Intervention ums Leben gekommen sind. Zu den Einzelheiten lassen die Autoren ausführlich den Journalisten John Laughland zu Wort kommen, der am 20. November 1999 in der britischen Zeitschrift Spectator schrieb: „Selbst wenn man annimmt, dass es sich bei allen (2108 vom ICTY gefundenen Leichen) um Albaner handelt, die aus ethnischen Gründen ermordet wurden, entspricht das nur einem Fünfzigstel der vom US-Außenministerium im Juni verkündeten, einem Fünfhundertstel der von William Cohen im Mai genannten und einem Zweihundertfünfzigstel der vom Außenministerium im April angedeuteten Zahlen. Doch selbst diese Einschätzung ist nicht abgesichert. Zum einen wurde die Mehrzahl der Toten in Einzelgräbern und nicht in Massengräbern gefunden, zum andern sagt das ICTY nichts über Alter und Geschlecht, geschweige denn über die Nationalität der Opfer. Für einen gewaltsamen Tod in dieser Provinz waren die verschiedensten Ursachen denkbar. Über hundert Serben und Albaner starben seit Beginn des Aufstands im Jahr 1998 durch terroristische Angriffe der UCK; 426 serbische Soldaten und 114 Polizisten des serbischen Innenministeriums wurden im Verlauf des Krieges getötet. Die UCK mit ihren Zehntausenden bewaffneten Kämpfern hatte ebenfalls Verluste, wie die Todesanzeigen in den Dörfern des Kosovo belegen. Überdies sind seit Beginn des Krieges über 200 Personen umgekommen, die auf nicht explodierte Splitterbomben der NATO traten.” (Hvhbg. durch den Verfasser)

Gestützt auf diese und andere Aussagen internationaler Beobachter kommen die Autoren von Le Monde diplomatique schließlich zu der Einschätzung: „Neun Monate nach der Stationierung der KFOR im Kosovo stützt nichts, was in den Schlussfolgerungen der Ermittler des Internationalen Tribunals für Verbrechen im frühen Jugoslawien (ICTY) wie anderer internationaler Organisationen enthalten ist, die Anschuldigung eines ,Völkermordes’. Es sei denn, man verharmlost den Begriff, indem man ihn als Synonym für ,Massaker’ verwendet.“

Wie im „Fall Srebrenica” waren dann auch im Kosovo die Serben beschuldigt worden, sie hätten die Opfer ihrer Mordtaten einfach „verschwinden” lassen. Auch darauf gehen die Autoren von Le Monde diplomatique ein. Sie schreiben: „Um die Differenz zwischen den angekündigten hunderttausenden Toten und den 2.108 tatsächlich gefundenen Leichen zu erklären, beschuldigt man die Serben, die Spuren ihrer Verbrechen u.a. durch Verbrennung der Toten verwischt zu haben.

Insbesondere über eine angebliche große Aktion der Serben im Bergwerk von Trepea, wobei bis zu 1.000 Leichen verbrannt worden sein sollen, kursierten wüste Gräuelberichte. Was davon zu halten war, machte ein am 31. Dezember auf der ersten Seite veröffentlichter Bericht von Daniel Pearl und Robert Bloek deutlich. Im Ergebnis ihrer Recherchen heißt es: „Am Ende des Sommers waren Geschichten über Leichenverbrennungsanlagen, die denen der Nais vergleichbar seien, so verbreitet, dass die Ermittler ein Team von drei Höhlenforschungsexperten der französischen Polizei entsandten, um das Bergwerk nach Leichen abzusuchen. Sie haben keine einzige Leiche gefunden. Ein anderes Team untersuchte die Asche in den Öfen. Es fand keinerlei Zähne und keinerlei Spuren verbrannter Körper.

Und im Zusammenhang damit lieferten sie auch eine Erklärung für das Zustandekommen der Flut von Horrormeldungen über „Gräueltaten“ der Serben: „Kosovo-albanische Aktivisten, humanitäre Organisatoren, die NATO und die Medien haben sich gegenseitig mit Informationen versorgt, damit die Gerüchte über Völkermord glaubwürdig erscheinen.

Eben, das ist der Kern der Sache: Die message über das „Verbrechen” des Feindes muss den Massen glaubwürdig gemacht werden, damit eben diese Massen die Aggressionsverbrechen der eigenen Regierung als „gerechte Tat” erscheint und von ihnen bewusstseinsmässig mitgetragen wird. Keine Frage: die Entscheidungen treffen die Politiker und sie sind verantwortlich. Die Generäle führen aus und sind für die „ordnungsgemäße Durchführung” verantwortlich. Aber ermöglicht werden Beschluss der Politiker und Ausführung durch die Generäle erst durch die Manipulierung des Massenbewusstseins über die Medien, die – angeblich unabhängig – jeder greifbaren Verantwortung entzogen sind. Der zitierte Artikel von Le Monde diplomatique übt harsche Kritik – auch Selbstkritik – an der allgemeinen Kosovo-Berichterstattung und weiß offenbar um das eingangs von mir zitierte „Delirium der Presse” 1989 im Hinblick auf Rumänien, wenn man schreibt: „Keine zehn Jahre zuvor hatte ein Journalist von France 2, der zur Besichtigung einiger alter, wieder ausgegrabener Leichen in die rumänische Stadt Timisoara gereist war, den Satz gesprochen: ,Der Sinn dieser Bilder ist es, zu belegen, dass 4630 Menschen von der Polizei getötet worden sind’“ (22. Dezember 1989)

Alles Schwindel, wie wir inzwischen wissen, – und trotzdem funktionierte die Manipulation des Massenbewusstseins hinsichtlich des „Kosovo” wiederum perfekt. Ohne das Lügenmonopol der systemkonformen Medien zu durchbrechen, wird es nicht gelingen, neue Kriegsverbrechen und Aggressionsakte des Imperialismus gegen Jugoslawien zu verhindern. Die Gefahr, dass es dazu kommt, ist groß, angesichts der Tatsache, dass zwei der Interventionsmächte, dieselben, die vor 60 Jahren Jugoslawien überfielen, Italien und Deutsch­land, einen Pakt zur Diffamierung und Isolierung des jugoslawischen Präsidenten geschlossen haben. Ein Präsident ist schließlich gegenüber seinen Wählern verantwortlich und nicht gegenüber den Staaten, die es militärisch besetzen.

Rolf Vellay

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