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Globalisierung
= weltweites Spielcasino?

Als eine der bedeutendsten Neuheiten des Kapitalismus im Zeichen der Globalisierung wird die Entwicklung der internationalen Finanzmärkte genannt. „Casino-Kapitalismus”, „riesige spekulative Luftblasen”, „nahender Zusammenbruch”, „völlig von der Realität abgehoben”, solcherlei Bezeichnungen trifft man vermehrt, wenn über die Vorgänge an diesen Weltbörsen in den letzten Jahren gesprochen wird.

Kapital, ein Produktionsverhältnis

Kapital ist ein gesellschaftliches Produktionsverhältnis, ein besonderes historisches Verhältnis, wo die Produktionsmittel in der Hand einer (schrumpfenden) Klasse von Kapitalisten konzentriert sind und ihnen gegenüber sich eine wachsende Zahl von Menschen befindet, die frei von Produktionsmitteln sind und sich nur damit ihren Lebensunterhalt verdienen können, daß sie Arbeitskraft an einen Kapitalisten verkaufen können. Der Klasse der Produktionsmittelbesitzer gehören die Anlagen im weitesten Sinn, also Maschinen, Gebäude und ihr Inventar, sowie der Grund und Boden, auf dem diese Anlagen errichtet sind. Das Eigentum an den Produktionsmitteln sichert ihnen auch das Eigentum an allen Waren, die aus dem Produktionsprozeß hervorgehen. Der Mehrwert, der in diesen Waren steckt und durch die Ausbeutung der Arbeitskraft entstanden ist, wird aufgeteilt unter die verschiedenen Abteilungen der Kapitalisten: das industrielle Kapital, das Bankkapital, das Handelskapital, das in Grund und Boden angelegte Kapital. Diese Anteile am Mehrwert nehmen die Form von verschiedenen Einkommen an: den Unternehmergewinn, die Zinsen, den Handelsprofit, die Grundrente (diese wiederum in der Form von Mieten, Pachten u.a.). Es geht im Kapitalismus einerseits darum, daß der Topf (Mehrwert) größer wird, aus dem die Kapitalistenklasse schöpft, andererseits darum, wie dieser Topf verteilt wird unter die verschiedenen Abteilungen der Kapitalisten. Die internationalen Finanzmärkte sind Börsen, an denen im weitesten Sinn Ansprüche auf Eigentum an Waren, an ganzen Unternehmen (Aktien) oder Volkswirtschaften (Devisen) gehandelt werden. Sie tragen in keiner Weise dazu bei, daß der Topf größer wird, an ihnen wird kein Pfund Mehrwert zusätzlich geschaffen, sondern an ihnen wird verhandelt, wie der “global” geschaffene Mehrwert unter die Kapitalisten dieser Welt aufgeteilt wird.

Kapital ist Option auf Zukunft

Kapital - egal in welcher Form - ist eine Größe, die sich letztlich bestimmt nach der Zukunftserwartung.

Eine Maschine kann noch so teuer und wertvoll sein, ohne die Tatsache, daß sie be­dient wird und Waren entstehen, die verkauft werden können, sinkt ihr Wert möglicherweise rapide oder wird gar völlig vernichtet, das vorgeschossene Kapital muß abgeschrieben werden.

Die Gläubiger des Staates verleihen ihm ihr Kapital in Erwartung auf den Fortbestand des Staates und darauf, daß aus kün­ftigen Steuereinnahmen Zinsen gezahlt wer­den.

Alle Kapitalisten spekulieren auf eine zukünftige Entwicklung, setzen auf künftige Ergebnisse. Vermögenswerte sind im Kapitalismus sozusagen ”angesaugte Zukunft”. Die Zukunftserwartung vereint alle Kapitaleigentümer, auch wenn sie sich dessen nicht bewußt sind und ihre konkreten Erwartungen in die Zukunft stark unterschiedlich sein können. Dennoch:

  • Der Produktionskapitalist kauft eine Maschine und erwartet, daß die damit produzierten Waren künftig zu einem für ihn gewinnbringenden Preis abgesetzt werden können.
  • Der Vermieter setzt als Hauseigentümer darauf, daß auch künftig ein Mieter da ist, der das Haus nutzen will und Miete bezahlt, bzw. bezahlen kann. Er kann erweitert auch erwarten, daß die Preise insgesamt steigen, da die Zahl der Wohnungen im Mißverhältnis zum Bedarf steht usw.
  • Der Bundesschatzbriefbesitzer und die anderen Staatsgläubiger setzen auf den Staat, sie erwarten auch morgen noch ausreichende Steueraufkommen, eine willige Regierung und auch sonst klare, gesicherte und ruhige Verhältnisse.
  • Die Bank vergibt Kredit gegen Zinsen, sie erwartet die Rückzahlung des Kredites und der Zinsen, sie erwartet, daß die kreditnehmende Firma dazu in der Lage sein wird.
  • Der Aktionär setzt ebenfalls auf künftigen Gewinn, er wählt sorgfältig aus, wo für ihn günstige Entwicklungen sein könnten. Je nachdem, in welcher Sparte er tätig wird, erwartet er gewinnbringenden Warenabsatz, ertragreiche Banken und Versicherungen oder andere günstige Umstände.

Wird ein künftiges Ergebnis nicht erreicht, der Kredit der Bank nicht zurückgezahlt, die Wohnung nicht mehr vermietet oder kann der Staat die Zinsen nicht mehr bezahlen, können alle diese schönen Vermögenswerte an Wert verlieren oder sogar auf null sinken, das vorgeschossene Kapital somit vollständig vernichtet werden. Denn dieses Kapital in seinen Formen ist keinesfalls in der Lage ”selbst zu arbeiten”, sondern es wird nur durch Arbeit anderer (direkt oder indirekt) wirklich vermehrt. Kommt der Prozeß an irgendeiner Stelle ins Stocken - warum auch immer (Überproduktion, Mietausfälle, Konkurse anderer) - stockt auch die Vermehrung. Dieser Prozeß der Kapitalvernichtung geschieht in verschieden starker Intensität dauernd in der kapitalistischen Gesellschaft. Täglich wird Kapital vernichtet, kommt das zunächst vorgeschossene Kapital nicht mehr zurück, weil produzierte Waren nicht verkauft werden oder ein Schuldner nicht mehr zahlen kann usw. Die Kapitalvernichtung drückt sich in der BRD verstärkt aus in den steigenden Konkursen (1997 über 30.000), sie ist Teil der kapitalistischen Form des Wirtschaftens, sie ist in höchstem Maße Ausdruck kapitalistischer Konkurrenz. Bei Kapitalvernichtung wird immer besonders deutlich, daß das vorher bestehende Kapital jeweils nur eine Zukunftserwartung ausgedrückt hat. Gleichzeitig hat Kapitalvernichtung immer deutliche und harte Auswirkungen für die Arbeitenden, die ja trotzdem sie den Reichtum schaffen, immer auch Abhängige des Kapitals sind. Kapitalvernichtung durch Konkurs bedeutet den Verlust der Arbeitsstelle, Verlust des Einkommens. Kapitalvernichtung in größerem Umfang kann schnell zu einer allgemeinen Krise auswachsen. Dem an sich nicht unerfreulichen Untergang eines Kapitalisten, der Beendigung seines Ausbeuterdaseins, folgen die Auswirkungen gegen die zuvor Ausgebeuteten, deren Arbeitskraft nicht mehr gekauft wird...

Das Aktienkapital

Aktien sind Wertpapiere, die das Eigentum an einer Kapitalgesellschaft (AG) verbriefen. In der Entwicklung vom einfachen Kapitalismus zum entwickelten, monopolistischen Kapitalismus (Imperialismus) sind die Aktiengesellschaften verstärkt hervorgetreten, die Kapitalansammlungen wurden in dieser Entwicklung immer seltener von ursprünglichen Einzelkapitalisten geführt und verwaltet. Die Größe, Bedeutung und die erforderlichen Handlungen der Kapitalisten steigerten sich, daher benötigte man Vorstände, Verwaltungsstäbe und Aufsichtsräte, kurz „Dirigenten des Kapitals”, die die Funktion des bis dahin regierenden Einzelkapitalisten übernahmen und möglicherweise selbst nicht Eigentümer der AG sind. Die kapitalistischen Eigentümer treten somit einen Teil ihres Profits ab an die hochdotierten „Dirigenten”, die dafür im Interesse der Eigentümer die Ausbeutung der Arbeitskraft organisieren. Diese Trennung von Eigentum und Funktion schreitet im Verlauf des Kapitalismus voran, sie ist charakteristisch und verdeutlicht sich an den börsengehandelten AG´s. Lenin beschrieb dieses wesentliche Merkmal des entwickelten Kapitalismus: „Die Trennung des Kapitaleigentums von der Anwendung des Kapitals in der Produktion, die Trennung des Geldkapitals vom industriellen oder produktiven Kapital, die Trennung des Rentners, der ausschließlich vom Ertrag des Geldkapitals lebt, vom Unternehmer und allen Personen, die an der Verfügung über das Kapital unmittelbar teilnehmen, ist dem Kapitalismus überhaupt eigen. Der Imperialismus oder die Herrschaft des Finanzkapitals ist jene höchste Stufe des Kapitalismus, wo diese Trennung gewaltige Ausdehnung erreicht. Das Übergewicht des Finanzkapitals über alle übrigen Formen des Kapitals bedeutet die Vorherrschaft des Rentners und der Finanzoligarchie, bedeutet die Aussonderung weniger Staaten, die finanzielle ”Macht” besitzen. In welchen Ausmaßen dieser Prozeß vor sich geht, läßt sich beurteilen an Hand der Statistik der Emissionen, d.h. der Ausgabe von Wertpapieren aller Art.“ (Lenin, AW II, S. 692) In diesen wenigen Sätzen werden die Dinge auf die Füße gestellt. Oftmals hört man heute, die Kapitalisten seien keine richtigen Kapitalisten mehr, denn die Chefs seien selbst angestellt. Die Trennung zwischen Eigentum und Anwendung, die eben gerade notwendige Voraussetzung für das Anwachsen des Finanzkapitals ist, wird ins Gegenteil verkehrt und als Begründung für die angebliche „Auflösung des Kapitalismus” angeführt. Der sprunghafte Anstieg von derivaten Finanzgeschäften aller Art wird ebenfalls als Auflösung des Ladens begriffen, obwohl auch er nur Ausdruck einer dem Kapitalismus eigenen Entwicklung ist, die der Erreichung des Maximalprofits dient.

Die Aktien fast aller großen Kapitalgesellschaften, Trusts und Monopole, werden an den großen Weltbörsen gehandelt. Schon mit wenigen DM (bei der Deutschen Bank AG z.B. zur Zeit etwas über 100,— DM) kann dort 1 Aktie erworben werden. Doch gemäß Aktiengesetz entscheidet „die Mehrheit des anwesenden Kapitals“ und die wird gestellt und verwaltet durch Großaktionäre, Banken und Fonds, deren Einigkeit in der Regel zu Ab­stimmungsergebnissen von 99%+x führt. Dies gilt auch für große Gesellschaften mit teilweise über 100.000 Kleinaktionären.

Die Kapitalanlage in sog. Rentenpapieren

Rentner bzw. Rentiers verkörpern den Teil der Kapitalisten, die ihr Vermögen in festverzinslichen Wertpapieren anlegt und von den Zinsen aus diesen Anlagen leben. Der mit Abstand größte Teil der festverzinslichen Wertpapiere wird vom Staat herausgegeben. In Form von Bundesanleihen, Bundesobligationen oder Bundesschatzbriefen hat der Staat bei reichen Privatleuten, Banken und Versicherungen die Staatsschuld von in der BRD mittlerweile über 2 Billionen DM aufgenommen. Da in aller Welt die jeweiligen Staaten die größten Schuldner sind, ist es allein deshalb schon völliger Unfug, daß der Staat sich verabschieden oder gar auflösen würde, wie es im Rahmen der Verwirrungen um den Begriff Globalisierung gelegentlich behauptet wird.

Nach Ausgabe einer neuen Serie Bundesanleihen wird diese anschließend an die Börse gebracht („plaziert“) und kann so ohne Beteiligung des Staates zwischen Käufer und Verkäufer weitergehandelt werden. Diese Anleihen haben einen festen Nennbetrag (durch 1.000 teilbarer DM-Betrag) und einen festen Zinssatz (zur Zeit zwischen 5,625% und 9%). Die jeweils aktuelle Bundesanleihe wird unabhängig von ihrem Zinssatz mit dem Kurs 100% herausgegeben, der Börsenkurs der bereits umlaufenden Anleihen ist über 100%, wenn der Zinssatz höher ist als der aktuelle Zins, er ist unter 100%, wenn der aktuelle Zinssatz höher ist als der Zinssatz der umlaufenden Anleihe. Beispiel: Anfang Oktober 1997 wird eine zehnjährige Anleihe mit 5,75% zum Kurs von 100% neu herausgegeben; die vorher herausgegebenen Anleihen mit gleicher Laufzeit werfen 6% ab. Um die Differenz von 0,25% Zinsen jährlich auszugleichen, erhöht sich der Kurs (Preis) der zuletzt herausgegeben Anleihe um 2,5% (= 0,25% x 10 Jahre) auf 102,5% gegenüber 100% der neuen Anleihe. Die Rückzahlung der beiden Anleihen erfolgt nach 10 Jahren zu jeweils 100%. Würde diese Kursbildung so nicht erfolgen, würde niemand die neue Anleihe mit dem geringeren Zins erwerben. Die Kurse bewirken somit, daß - bezogen auf jeweilige Laufzeit - die sich aus Zinssatz und Kursabstand zu 100% zusammensetzende Rendite immer gleich ist.

Optionen, Termingeschäfte und Derivate

Wir haben die Anlagen in Aktien und Rentenwerten ausführlicher dargelegt, weil sie die Grundlage sind und bleiben für börsengehandelte Optionen und Derivate. Ob dabei z.B. auf eine bestimmte Entwicklung eines Aktienindex wie dem DAX oder dem Dow-Jones-Index spekuliert wird, bleiben die Schwankungen des Index selbst doch an die Bewegung der Aktienkurse gebunden. Dabei sind für uns nur die Entwicklungen relevant, die die großen Kapitalverbände, die bestimmenden Banken, Versicherungen und Konzerne betreffen. Um auf die Nase gefallene Kleinanleger im Spekulationsfieber kümmert sich die Verbraucherberatung.

Umsatz und Risiko

Wesentliche Größe bei der Behauptung der explosionsartigen Ausbreitung der Spekulation an den Börsen ist die Nennung der Umsatzgrößen der täglich gehandelten Geschäfte, die Zusammenrechnung der Volumen. Dabei kommt man unbestritten zu gigantischen Beträgen, gemäß FAZ vom 28.07.97 haben sich die weltweiten Umsätze im Devisenhandel auf tägliche Durchschnittsumsätze von 1,8 Billionen $ summiert. Dieser Betrag entspricht dem 30fachen dessen, was an den deutschen Börsen zusammengenommen an einem Tag umgesetzt wird. Da die deutschen Börsen weltweit im Verhältnis zu anderen (New York, London, Tokio) eine nachrangige Rolle spielen, relativiert sich dieser Betrag im Verhältnis schon einmal. Entscheidend bei der Einordnung ist jedoch, daß es sich um Umsatzzahlen handelt, die als solche behandelt werden müssen, es ist die Erfassung von Zahlungsströmen, nicht zu verwechseln mit Vermögenswerten oder Risiken. Spekuliert zum Beispiel ein Broker mit 10 Millionen US-$, so ist es nicht ungewöhnlich, wenn er an einem Tag die Dollar dreißigmal kauft und wieder dreißigmal verkauft, am Ende des Tages also wieder die 10 Millionen $ in den Büchern stehen (plus der erzielten Kursgewinne, sofern er erfolgreich war). Als Umsätze werden dann schon 300 Millionen $ registriert. Mit diesen schnellen Käufen und Verkäufen versuchen die Banken sehr kurzfristige Kursschwankungen (oft nur innerhalb von Minuten) auszunutzen. Hier treten sich Banken jeweils mit wechselnden Rollen als Käufer und Verkäufer gegenüber, durch den Handel untereinander können einzelne gewinnen, in der Summe aller Banken bleibt es abends aber bei den ursprünglichen 10 Millionen $, bzw. dem Vielfachen, was alle zusammen anfangs eingesetzt hatten. Die Behauptung, daß aus diesen vielfachen Geschäften für sich betrachtet mehr Geld entstehen könnte, trägt zur Illusion bei, daß Geld arbeiten könne.

Bei diesen hohen Umsätzen, insbesondere an den Devisenbörsen, stehen den Chancen der einzelnen Banken dabei wie immer auch Risiken gegenüber. Es besteht zunächst das Risiko des Kursverfalls, also das Risiko des Dollarverfalls innerhalb eines Tages oder weniger Minuten. Die Schwankungen bewegen sich dabei normalerweise in Größenordnungen von Pfennigen. Wir gehen jetzt aber davon aus, daß bei einem richtigen Börsencrash der Dollar in einem Tag um 10%, also zur Zeit rd. 18 Pfennig gegenüber der DM fällt (oder steigt). Da jeweils Käufer und Verkäufer aktiv sind, wäre die eine Seite (je nach Verlauf) um 10% reicher, die andere um 10% ärmer. Die hohen Umsatzzahlen, die jeweils 100% zählen, reduzieren sich selbst bei solch einem gravierenden Crash auf ein Risiko von 10% des eingesetzten Kapitals. Da Käufer und Verkäufer da sind, besteht das Risiko letztlich darin, daß die Bank, welche dabei die Verluste eingefahren hat, diese nicht bezahlen kann und in Konkurs geht (siehe Barings-Bank). Daß dieses Risiko besteht, wird nicht bestritten, es wird jedoch heftig bestritten, daß dieses in seiner Qualität in irgendeiner Form ein substantiell neues Risiko darstellt.

Absturz und Absicherung

Den entscheidenden Schritt vorwärts, den modernes Risikomanagement geht, besteht darin, nicht nur Aussagen über potentielle Verluste zu treffen, sondern auch die Wahrscheinlichkeit anzugeben, mit der diese Verluste eintreten. Nur auf der Basis solcher Informationen können qualifizierte Entscheidungen [oder Einschätzungen] getroffen werden. Bei einem Flug über den Atlantik ist z.B. ein möglicher Verlust der Absturz der Maschine. Trotzdem wird man in der Regel in ein Flugzeug einsteigen, wenn man weiß, daß die Absturzwahrscheinlichkeit nicht 30%, sondern nur 0,00000003% be­trägt. Man wird also eine Entscheidung aufgrund einer Wahrscheinlichkeit treffen.“ (Dr. Deutsch, Abteilungsleiter Risikomanagement bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Anderson in: Börsenzeitung, 12.08.1997)

Abgesehen davon, daß hier ein technisches Risiko (Absturz) mit einem finanziellen Risiko, das in dieser Form im Gegensatz zum Absturz nur in der kapitalistischen Gesellschaft entstehen kann, verglichen wird, halten wir das beschriebene Bild im Hinblick auf Wahrscheinlichkeiten in dieser Gesellschaft für erhellend. Zeigt es doch, daß nicht irgendwelche zerstörerischen Mächte dieses „derivative Teu­felszeug” erfunden hätten, um den Kapitalismus zerplatzen zu lassen. Das Finanzkapital hat diese Dinge bewußt eingesetzt und gefördert, die Existenz ist in seinem ureigensten Interesse, im Interesse des „Risikomanagemanagements”.

Als Beispiel eine Devisenkursabsicherung im Außenhandel. Ein deutscher Maschinenbauer exportiert eine Maschine nach z.B. Saudi-Arabien. Es wird vereinbart, daß nach 6 Monaten dafür 500.000 US-$ gezahlt werden. Der Exporteur verkauft nun bei seiner Bank die 500.000 US-$ auf Termin 6 Monate, d.h. er verpflichtet sich in 6 Monaten 500.000 US-$ zu liefern. Seine Bank verpflichtet sich, dafür zu einem bei Geschäftsabschluß vertraglich festgelegten Wechselkurs ebenfalls in 6 Monaten DM zu liefern, bei einer Kurs­vereinbarung von 1,70 DM also zum Beispiel 850.000 DM.[1] Dieses Termingeschäft basiert somit auf einem Handelsgeschäft und bedeutet das genaue Gegenteil von Spekulation, der Exporteur hat das Risiko von Kursveränderungen innerhalb der nächsten 6 Monate für sich ausgeschlossen. Wenn nun die Bank ein Gegengeschäft zu ihrer eigenen Absicherung abschließt, wird dies ebenfalls in die Gesamtumsätze eingerechnet, obwohl dies ebenfalls keine Spekulation beinhaltet. Was verbleibt, ist das uralte Risiko, daß der Abnehmer der Maschine in Saudi-Arabien nicht zahlen kann, es verbleibt also das Kreditrisiko. Zugegebenermaßen sind die Größen der Options- und Termingeschäfte, die diesen Hintergrund haben, nicht ermittelbar, sie sind jedoch ebenfalls bei der Beurteilung zu berücksichtigen.

Barings und andere

Insgesamt sind aufgrund von Spekulationen mit Finanzderivaten vergleichsweise wenige große Aktiengesellschaften oder Banken zahlungsunfähig geworden. Bekanntestes Beispiel ist die Baringsbank, welche 2,4 Milliarden DM mit Aktienindexpapieren produzierte (FAZ vom 24.12.97). Damit war sie zahlungsunfähig, doch keineswegs liquidiert. Nach entsprechenden Maßnahmen wurde diese unmittelbar von der holländischen ING Bank aufgekauft und ist heute eine kleinere, äußerst ertragreiche Investmentbank. Die Konkurrenz hat also die günstige Chance genutzt und die nächste Runde mit neuen Karten eingeläutet. Nur die Faszination des Zusammenbruchgedankens, die manche Autoren zu beflügeln scheint, wie die Broker große Kurssteigerungen, erklärt den damaligen großen Wirbel um Barings und den zum Schuldigen erklärten Zocker Leeson. Es gibt andere Beispiele für Verluste und Kapitalvernichtung aus Spekulationsgeschäften, es gibt auch Fälle, denen dann wirkliche Liquidationen folgten. Entscheidend ist aber die Anzahl und Größenordnungen dieser Beispiele sind im Verhältnis in mehrerer Hinsicht gering. Sie sind gering im Verhältnis zu den immer wieder genannten Umsatzgrößen, im Verhältnis zu den Gewinnen, die bei diesen Geschäften erzielt werden, sie sind gering im Verhältnis zu dem Zeitraum, seitdem diese Dinge mittlerweile existieren und sie sind vor allem äußerst gering im Verhältnis zu der sonstigen, alltäglichen Kapitalvernichtung. Denn die Kapitalvernichtung durch Konkurse und Kreditausfälle ist ein Mehrfaches dieser Beträge.

Im gleichen Zeitraum sind in der Tat einige bedeutende Banken in Schwierigkeiten geraten, einige große japanische, der französische Credit Lyonnais und ein paar kleinere in Deutschland. Der Grund - der schon immer die größte Gefahr für Banken darstellte: Kredite, die nicht mehr zurückgezahlt wurden, unvorsichtige Kreditherauslage. Dieses Risiko ist so alt wie die Banken selbst und es ist bis heute das größte Risiko. Wer erinnert sich nicht an Schneider, Balsam, Procedo und andere, allesamt faule Kredite, zum Teil Kreditbetrug. Das hat viele Milliarden Bankkapital vernichtet und hatte mit Optionen oder Termingeschäften nichts zu tun! In Japan waren es überwiegend eine Zahl größere Immobilienkredite, die ausgefallen sind. Der Staat garantierte die Zahlungsfähigkeit, aber wir bitten zu beachten: hier ging es um die Dinge, die allgemein - insbesondere in Deutschland - als besonders sicher angesehen werden: Immobilien.

Natürlich gibt es eine Menge Risiken, die Kapitalisten haben ja auch so ihre Sorgen, nämlich das Problem Mehrwert zu realisieren und in der Konkurrenz zu bestehen. Dafür müssen sie Risiken eingehen, die Risiken sind größer und im Konkurrenzkampf gefährlicher, je kleiner der Kapitalist ist, zweiter Faktor sind die Chancen, die sich mit dem eingegangenen Risiko erhöhen. Beispielsweise wirft eine Anleihe von Ländern, die als politisch unsicher eingestuft werden (wo also die gesellschaftlichen Widersprüche zugespitzt sind, z.B. Türkei, Lateinamerika etc.) einen deutlich höheren Zinssatz ab. Dafür ist das Risiko, daß die Rückzahlung ausfällt oder sich durch Abwertung der Währung vermindert, natürlich ebenfalls höher.

Börsenentwicklung und Kursbildung

Der Aktienkäufer erwartet bekanntlich immer steigende Kurse und höhere Dividende (jährliche Ausschüttung des Profitanteils, aus Sicht des Kleinaktionärs vergleichbar mit den Zinsen). Wie jedes Kind weiß, schwankt der Kurs (mal mehr, mal weniger). Der Kurs steigt, wenn ein höherer Gewinn erwartet wird, die Kapitalgesellschaft rationalisiert und dadurch ArbeiterInnen auf die Straße setzt, im Konkurrenzkampf mit anderen Trusts erfolgreich ist und höhere Marktanteile erreicht u.ä. Neben der Einzelentwicklung des Aktienkurses einer AG gibt es auch allgemeine Faktoren, die sich auswirken: Insgesamt hohe Profitaussichten für das Kapital, ein gewonnener Krieg (zuletzt der 2. Golfkrieg), niedrige Tarifabschlüsse, die Übernahme einer anderen Kapitalgesellschaft, Fusion (jüngst die beiden bayrischen Groß­banken) oder auf der anderen Seite Streiks, niedrige Arbeitslosigkeit oder Regierungswechsel zu Gunsten der Sozialdemokraten (haben in letzter Zeit jedoch keine Auswirkungen mehr gehabt).

Neben diesen Faktoren, die auf nachvollziehbaren Rahmendaten oder bedeutenden Ereignissen beruhen, wirken insbesondere bei kurzfristigen Kursschwankungen auch sogenannte marktpsychologische Faktoren. Dies können zum Beispiel Reden, Interviews oder Artikel wichtiger Notenbankchefs oder PolitikerInnen sein, eine neue Herzerkrankung des russischen Präsidenten oder rechnerische Ergebnisse der auf Statistik beruhenden sogenannten Charttechnik (im wesentlichen graphische Analyse der Kursentwicklungen der letzten Zeit). Gerade hier lösen die Kursentwicklungen zeitweilig weitere Kursentwicklungen aus, es gibt sogenannte Domino-Effekte. Der Kurs fällt, weil viele verkaufen wollen, was wiederum weitere Verkäufer anzieht, der Kursrutsch kommt zum Stoppen, wenn sich das Verhältnis wieder ausgleicht. Dabei darf nicht vergessen werden, daß bei jeder Kursbildung Käufer und Verkäufer zusammenkommen, es gibt also bei jedem Geschäft zwei, die unterschiedliche Meinungen über die weitere Entwicklung haben.

Die beschriebenen Fakten und Abläufe sollten deutlich machen, daß wir es bei der Analyse der Entwicklungen, Neuerungen und Bedeutung der Börsen für wichtig halten, weder Unter- noch Überbewertungen vorzunehmen. Das heißt, es gibt Spekulation, es gibt größere Kursbewegungen, und ein Börsencrash oder drastische Schwankungen der Devisenmärkte haben ihre realen Auswirkungen für die Situation und das Leben der jeweiligen Bevölkerung. Aber es ist zwischen kurzfristigen Kursrückgängen und langfristigen Tendenzen zu unterscheiden und es ist zwischen mehr oder minder großer Kapitalvernichtung und Ende des Systems zu unterscheiden. Denn schließlich hat dieses System durchaus schon einige handfeste Krisen und Kapitalvernichtungen überstanden, Kapitalvernichtung ist im Gegenteil sogar eine logische Reaktion und ein Ausdruck der kapitalistischen Konkurrenz. Insbesondere überhaupt nicht nachvollziehbar ist die ständige Fixierung einiger selbsternannter linker Experten auf mögliche Kursabstürze und Zusammenbrüche, statt sich eingehender damit zu befassen, warum die Weltbörsen - von vorübergehenden Kursrückgängen unterbrochen - langfristig betrachtet seit Jahren steigen. Dies ist unseres Erachtens deutlicher Ausdruck steigender Profite, steigender Ausbeutung und Verarmung. Darin besteht die reale Basis der Kurssteigerungen.

„Weltstaat ohne Gesellschaft”??

Wer das hingegen alles als irreale, anonyme und entkoppelte Überhitzung darstellt und eine spekulative Seifenblase nach der anderen imaginär platzen sieht, der entledigt sich damit auch leicht der Beschäftigung mit der sozialen Frage, denn sind die steigenden Kurse nicht Ausdruck steigender Profite, dann sind diese folgerichtig auch nicht mit steigender relativer und absoluter Verarmung verbunden. Die Verwirrung der Fragen ist die alte Methode, die hier zum Ausdruck kommt. „So findet sich zum Beispiel in einer Übersetzung (aus Monatszeitung „Gegenwind“) von „Le Monde diplomatique“ vom 12.12.1997 eine Formulierung: „Zudem haben die Finanzmärkte sich längst einen eigenen Staat geschaffen, einen supranationalen Staat”, und weiter unten „Dieser Weltstaat ist ein Machtzentrum ohne Gesellschaft. An deren Stelle treten immer mehr die Finanzmärkte“. Demnach sind also zunächst mal die Märkte und nicht die Marktteilnehmer, also die Finanzmonopole die Handelnden! Diese „Märkte“ schaffen sich dann einen eigenen Weltstaat (!) und treten im folgenden an die Stelle der Gesellschaft. Im Sinne des Autors wollen wir hoffen, daß sich hier einige Übersetzungsfehler eingeschlichen haben, was jedoch auch Bände spricht... Dennoch ist dieser Verwirrungssalat symptomatisch für viele derzeitige Ohnmachtsformulierungen. So gipfelt es dann auch: „Die Folge ist, daß die real existierenden Gesellschaften keinerlei Macht mehr besitzen.” Sie kennen keine Monopole, Konkurrenten oder Regierungen, sie kennen nur noch anonym herrschende Märkte. In der BRD ist Robert Kurz einer der bekanntesten Protagonisten der Verwirrungen um anonyme Märkte und anderem. So stellt er fest: „Der Kasinokapitalismus kann nur ein Ende mit Schrecken nehmen.“ Auch hier folgt als einzige logische Konsequenz Ohnmacht, eine alternative Entwicklung der Ge­schich­te zieht dieser Autor offensichtlich nicht in Betracht.

Die Zahl der Umsätze an den Börsen steigt entsprechend den Kursschwankungen, je größer die Schwankung, desto mehr Geschäfte und somit auch Spekulation. Dennoch umfassen die an den Börsen gehandelten Aktien in der Regel nur einen bestimmten Anteil der Aktiengesellschaft, normalerweise deutlich unter 50%. Die Mehrheit oder beherrschende Teile (Aktienpakete) liegen fest bei den Eigentümern und werden unabhängig von der Kursentwicklung nicht bewegt. Der Anteil der Deutschen Bank an Daimler Benz mit knapp 20% wurde vor Jahrzehnten außerhalb der Börse erworben, er liegt seitdem unbewegt im Depot. Und so wird es bis auf weiteres wohl auch bleiben. Ein Verkauf über die Börse ist nicht gewollt.

Exkurs: Fiktives Kapital?

Marx entwickelte in der Abgrenzung zu „wirklichem Kapital“ den Begriff des „fiktiven Kapitals“: „Sie [die Eigentumstitel, z.B. Aktien] geben nur Rechtsansprüche auf einen Teil des von demselben [Kapital] zu erwerbenden Mehrwerts. Aber diese Titel werden ebenfalls papierne Duplikate des wirklichen Kapitals, wie wenn der Ladungsschein [verbrieft den Rechtsanspruch auf z.B. eine Schiffsladung] einen Wert erhielt neben der Ladung und gleichzeitig mit ihr. Sie werden zu nominellen Repräsentanten nicht existierender Kapitale. Denn das wirkliche Kapital existiert daneben und ändert durchaus nicht die Hand dadurch, daß diese Duplikate die Hände wechseln. [...] Soweit die Akkumulation dieser Papiere die Akkumulation von Eisenbahnen, Bergwerken, Dampfschiffen etc. ausdrückt, drückt sie Erweiterung des wirklichen Reproduktionsprozesses aus, ganz wie die Erweiterung einer Steuerliste z.B. auf Mobiliareigentum die Expansion dieses Mobilars anzeigt. Aber die Duplikate, die selbst als Waren verhandelbar sind und daher selbst als Kapitalwerte zirkulieren, sind sie illusorisch, und ihr Wertbetrag kann fallen und steigen ganz unabhängig von der Wertbewegung des wirklichen Kapitals, auf das sie Titel sind.“ (K. Marx, Das Kapital Bd.3, MEW 25, S.494) Das Kapital erhält somit papierene Duplikate (Aktien), die in höchster Form den Eindruck vermitteln, als würden sie wie z.B. ein Birnbaum alljährlich Früchte in Form einer Dividende abwerfen (Kapitalfetisch) und außerdem für sich genommen zur Ware werden, die scheinbare Trennung zwischen Eigentum und Verfügung also noch vertiefen.

Bei Gründung der Aktiengesellschaft oder den regelmäßig stattfindenden Kapitalerhöhungen werden die Aktien jeweils erstmalig ausgegeben, in diesem Moment wird in die AG eine Summe Kapital eingezahlt, dieses Kapital bildet die Grundlage der dann fol­gen­­den Akkumulation. Möch­te unser Aktionär nun seine Aktie wieder verkaufen, geht er über seine Bank an die Börse und verkauft zum jeweiligen Preis an einen anderen. Dieses Geschehen an der Börse ist der Handel zwischen zwei Personen, die AG erhält durch diesen Vorgang kein weiteres Kapital. Beispiel Telekom AG:

Ende 1996 wurde die Telekom AG durch eine Kapitalerhöhung teil-privatisiert, es war die bisher größte Aktienemission weltweit. Es wurden neue Aktien, neue Kapitalanteile, die das Recht auf einen Anteil des Profits verbriefen, herausgegeben, also: ”über die Börse plaziert”, wie die Banker sagen. Die neuen Aktien kosteten 28,50 DM, die bei Erwerb dieser neuen Aktien (1.Transaktion) der Telekom AG in voller Höhe zufließen. Das Kapital von 28,50 DM steht für die künftige Akkumulation auf dem Konto der Telekom zur Verfügung und ist somit im Sinne genannter Definition ”wirkliches Kapital”. Nehmen wir den Fall, daß der neue Aktionär die Lust verliert und seine Aktie bereits am 1.Tag verkaufen will, bei 1.Kursbildung erhält er für die eben zu 28,50 DM erworbenen Aktien bereits 32,50 DM. Die 32,50 DM erhält er von einem anderen, dem jetzigen Aktionär, der Telekom AG stehen jedoch unverändert nur 28,50 DM zu, die Differenz von 4,— DM verbleibt beim verkaufenden Erstaktionär, eine Mehrung des wirklichen Kapitals, eine Erweiterung des wirklichen Produktionsprozesses, Erträge aus dem Ankauf von Maschinen, Arbeitskraft oder Rohstoffen sind nicht angefallen.

Der Aktienkurs spiegelt somit immer anteilig einerseits den Gegenwert des wirklichen Kapitals wider und beinhaltet andererseits einen Aufpreis, einen Teil, der nur Zukunftserwartung beinhaltet, der nicht real in der AG vorhanden ist. Steigt oder fällt nun der Aktienkurs, ohne daß sich das Realkapital verändert, schwankt letztlich nur die Zukunftserwartung. Mit der Veränderung des Produktionsprozesses hat dies unmittelbar nichts zu tun. Daher auch der Schein, als ob sich die Kurse unabhängig von der Bewegung des realen Kapitals entwickeln und eine davon abgehobene ”Spekulationsblase” bilden würden. Die Bewegung des fiktiven Kapitals ist letztlich im wesentlichen Ausdruck der Erwartung künftiger Gewinne. Der Aktienkurs ist mit der Entwicklung der durchschnittlichen Profitrate insgesamt verbunden. In 1997 in der BRD stagnieren die Mieten und die Zinsen befinden sich auf historischem Tiefststand, die Unternehmensgewinne jedoch steigen. Es ist daher folgerichtig, wenn die Aktienkurse steigen, weil die Geldanlage in Aktien unter diesen Vorzeichen rentabel erscheint. Würden die Zinsen wieder steigen, eröffnet dies die Möglichkeit, aus der gleichen Menge Geldkapital höhere Erträge zu erzielen und einige werden Aktien verkaufen und Zinspapiere kaufen. Daraufhin werden die Aktienkurse fallen.

Fiktives Kapital umfaßt neben den Aktien die Schuldtitel des Staates. „Die Staats­papiere sind nichts anderes als das imaginäre Kapital, das der zur Bezahlung der Schulden bestimmte Teil des jährlichen Einkommens darstellt. Ein gleichgroßes Kapital ist vergeudet worden; dieses dient als Nenner für die Anleihe, aber es ist nicht das, was das Staatspapier darstellt; denn das Kapital existiert überhaupt nicht mehr. Mittlerweile müssen neue Reichtümer aus der Arbeit der Industrie entstehen; ein jährlicher Teil dieser Reichtümer wird im voraus denen an­gewiesen, die jene vergeudeten Reichtümer geliehen hatten; dieser Teil wird durch Steuern jenen abgenommen, die die Reichtümer hervorbringen, um an die Staatsgläubiger gegeben zu werden, ...“ (Sismondi, „Nouveaux Principes“, II, p.229,230, zitiert nach K. Marx, Das Kapital Bd.3, MEW 25, S.493f. Fn.6)

Die Akkumulation von Schulden (insbesondere des Staates) erscheint somit als Akkumulation von Kapital, da aber hier keine Akkumulation von Kapital stattfindet, handelt es sich um fiktives Kapital. Diese vielleicht philosophisch anmutenden Betrachtungen führen zu einem wesentlichen Ergebnis: Die Verzinsung des fiktiven Kapitals ist keineswegs fiktiv, die Zinsen der Staatsschuld, die Dividende für den bereits gezahlten, fiktiv überhöhten Aktienpreis muß erbracht werden und dies kann nur durch Erzielung des Profits, kann letztlich nur durch Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft geschehen. In der Phase eines sprunghaft ansteigenden Fiktivkapitals, wie seit Jahren durch die in der BRD galoppierende Staatsschuld oder auch durch hohe Aktienkurse, müssen staatliche Leistungen und Löhne gesenkt werden, die Produktivität muß erhöht werden, damit der Tribut an Gläubiger, Banken und Aktionäre weiter erbracht werden kann.

Das Kapital läßt schaffen und rafft oder: Im “Casino” riecht’s nach Schweiß

Lenin ironisiert in seiner genialen Schrift gegen den Bankier Agahd, der 1914 die Schrift „Großbanken und Weltmarkt“ formulierte: “Die Kapitalien der Banken teilt der Verfasser [Agahd] in ,produktiv’ (in Handel und Industrie) und ,spekulativ’ (in Börsen- und Finanzoperationen) angelegte ein; dabei glaubt er von dem ihm eigenen kleinbürgerlich-reformistischen Standpunkt aus, man könne unter Beibehaltung des Kapitalismus die erste Art der Kapitalanlage von der zweiten trennen und die zweite beseitigen.“ (Lenin, AW II, S. 692) Zunächst ist beachtlich, daß bereits vor mehr als 80 Jahren eine Gefahr der „Spekulation“ diskutiert wurde, als die heutigen Formen noch kaum entwickelt waren. Des weiteren war bereits hier klar: Es gibt nur eine Herangehensweise, die zu schlüssigen Erklärungen und Folgerungen führen kann. Dies ist die Feststellung, daß alle Formen des Finanzkapitals in der Hinsicht untrennbar zusammengehören, daß sie nur miteinander existieren können, das eine aus dem anderen entstanden ist, denn die „Spekulation“ heutigen Umfangs kann natürlich erst dann entstehen, wenn die Monopole entsprechende Größe erreicht haben. Die Trennung jedoch in produktiv/spekulativ, besser/schlechter, Industrie/Börse, ist unmöglich und in dieser Hinsicht falsch. Die Nazis trieben in ihrer antisemitischen Hetze diesen Unsinn auf die Spitze mit dem Wortspiel vom „schaffenden“ und „raffenden“ Kapital. Weit verbreitete Urteile und Ähnlichkeiten dazu trifft man auch heute wieder an. So gibt es nicht wenige Faschisten, die mit dieser Motivation gegen die Spekulation zu Felde ziehen. Robert Kurz dreht den Spieß um, läßt sich aber auch von der irrigen Trennung blenden: „Nicht mehr die kapitalistische Produktionsweise ist Gegenstand der Kritik, sondern die Spekulanten werden verteufelt; also jene, die immerhin wenigstens bloß mit dem Geld jonglieren und weder die Welt verpesten noch Mordmaschinen herstellen.“ Dies ist natürlich auch eine interessante Variante, hier wird also die Spekulation gelobt, weil sie angeblich so himmelweit von der übrigen zerstörerischen kapitalistischen Ökonomie entfernt sei. Die Aussage ist zwar umgekehrt, aber analytisch ist dies trotzdem nichts anderes als die Definition von „raffendem“ und „schaffendem“ Kapital.

Es sind zwei Seiten derselben Medaille und die Aufteilung oder Einschränkung, Abbremsen durch Transaktionssteuern u.ä sind in der Tat kleinbürgerliche Verwirrungen der Fragen. Es ist auch um keinen Deut besser, die Ausweitung der „Spekulation“, der derivativen Geschäfte des Finanzkapitals als qualitative Veränderung zu beschreiben, somit den „Casinokapitalismus“ auszurufen, als sei dies eine Wesensveränderung, wie die Veränderung vom Konkurrenzkapitalismus zum monopolistischen Kapitalismus (Imperialismus). Eine neue Abteilung macht schließlich noch keinen neuen Betrieb und vor allem schon gar keine neuen Eigentümer und Profiteure!

Emissionen, Profiteure oder: Die Croupiers des „Casino” sind sie selbst

Wer verdient eigentlich an diesen ganzen Dingen? Die Optionsscheine, Optionen und sonstigen Derivate werden, welche Überraschung, von Banken herausgegeben. Größter Anbieter in Deutschland ist mit Abstand die amerikanische Citibank, deren Optionsscheine über 50% der Umsätze an den deutschen Börsen ausmachen. Diese bietet Optionsscheine an und garantiert entsprechend den Bedingungen für die am Ende gegebenenfalls fällige Auszahlung. Da sie das Risiko intern wiederum rückversichert, verdoppelt sie das Volumen durch Risikoausschluß. Die Bank verdient an der Differenz zwischen ihren Versicherungskosten und dem Preis, der bei Ausgabe vom Käufer verlangt wird. Dies ist ein sicherer Zusatzertrag (außerhalb von Zinsen) für die Banken, ein Risiko besteht bei professioneller Handhabung (und mit solcher hat man es in der Regel zu tun) für die Bank nicht.

Wir haben oben einige Einschätzungen zu den größten und schnellsten Märkten dieser Welt, den Devisenmärkten, ausgeführt. Um ein realistisches Bild der Risiken zu erhalten, muß gefragt werden, wer eigentlich hinter diesen Umsätzen steckt, wer sie im wesentlichen tätigt. Es sind dies (FAZ, 28.07.1997) weltweit genau 20 Banken (darunter mit der Deutschen Bank und der Dresdner Bank zwei Vertreter des deutsche Finanzkapitals), die nach Angaben der Deutschen Bank insgesamt 40% der Gesamtumsätze dieser riesigen Menge von täglich 1,8 Billionen $ abdecken. Nimmt man weitere 40 bis 50 Großbanken (sozusagen die der 2.Bankenweltliga) dazu, steigt das „abgedeckte“ Volumen bereits auf 60%; 60-70 Banken wickeln täglich Devisenumsätze von rd. 1,1 Billion $ ab. Da ist es also wieder: Nicht irgendein verschleiernd um die Welt jagendes Spekulationskapital, was sich wundersam vermehrt, sondern die herrschenden Finanzmonopole. Diese „Group of Twenty“, wie sie sich selbst bescheiden nennen, hat eine internationale Abwicklungsstelle (CLS Service Ltd.) gegründet, die künftig diesen Löwenanteil des Umsatzes verrechnen soll. Dies ist ein Mittel, um die zweifellos vorhandenen Risiken zu minimieren und es bedeutet, daß diese 20 Banken den Umsatzanteil von 40% weitgehend miteinander tätigen, sie gründen sozusagen dafür eine exklusive Hausbank.

Die Nächstenliebe der „Group of Twenty”

Wenn man sich dies vor Augen hält, dann wird aus den großen Summen der Umsätze ein vorstellbar eher geringes Risiko, zumindest aber keine neue Qualität und keine neuen Verhältnisse, denn die Akteure sind die Bekannten von eh und je. Wenn es aber andererseits so sein sollte, daß die Risiken wirklich nicht im Griff sind, dann nehmen wir einmal an, daß über kurz oder lang einzelne dieser „Group of Twenty” sich verspekulieren und in Konkurs gehen. Die Bank ist also pleite, die Anleger verlieren möglicherweise ihr Geld und dann passiert genau das, was im Fall Barings passierte (wobei Barings nicht annähernd so groß war): eine oder mehrere der verbliebenen aus der ”Group of Twenty” starten blitzschnell Aktivitäten, um den vorübergehend maroden, ehemaligen Konkurrenten zu übernehmen. Mit neu verteilten Karten wird dann die nächste Runde eingeläutet. Ein solches Szenario entspricht zumindest den Abläufen im Fall Barings, mag es (sofern es in dieser genannten Größenordnung überhaupt passiert) das nächste Mal etwas anders verlaufen, bis jetzt hat aber noch immer ein anderer Kapitalist von der Krise oder dem Zusammenbruch eines anderen profitiert.

Und man muß sich zumindest darüber klar sein: Die Theorien der unkontrollierten Märkte des Casinokapitalismus sprechen in Konsequenz vom Zusammenbruch der größten Finanzkonzerne der Welt, konkret in der BRD vom Zusammenbruch der Deutschen und der Dresdner Bank und in der Folge des gesamten Finanzkapitals und damit indirekt vom Zusammenbruch des BRD-Kapitals. Auch diese Möglichkeit ist natürlich denkbar (und dahinter steht das Szenario der Weltwirtschaftskrise von 1929-32). Das politisch Verheerende ist nur, daß mit einer zukünftigen Katastrophe die heutigen konkreten Akteure aus dem Blickfeld geraten, die bereits vorhandene tagtägliche Katastrophe beschönigt wird, und das Ganze den Anschein eines Naturereignisses erhält, das naturgemäß nur Angst erzeugt und somit politisches Handeln lähmt. Es wird suggeriert: Die Bedrohung kommt aus dem Casino und nicht aus der Ausbeutung. Statt die großen Geschäfte der deutschen Großbanken in den Vordergrund zu stellen, tun sie einem ja schon fast leid mit Hinblick auf den großen Crash. Endzeitstimmung erzeugt die Erwartung des Erlösers, und der ist nach Lage der Dinge der Nationalstaat, der es gefälligst - für uns Deutsche wenigstens - zu richten hat. Jedenfalls bei den verhältnismäßig großen Kursrückgängen im Herbst 1997 hat keine deutsche Bank ernsthafte Verluste erlitten, im Gegenteil wurden durch verstärkte Aktivitäten der Kleinanleger zusätzliche Gebühren vereinnahmt. Man redet vom großen Krach und der Anleger sucht die „sichere Seite“.

Emissionen und Investmentbanking

Die Deutsche und die Dresdner Bank haben sich in den letzten Jahren je eine Spezial-Investmentbank (zwingend erforderlich zur Abwicklung weltweiter Wertpapieremissionen d.h. Neuausgabe z.B. Telekom AG) in London gekauft. Diese Aktivitäten sind Ausdruck der sich verschärfenden internationalen Konkurrenz der großen Finanzmonopole, die um die Federführung bei der Plazierung (Neuausgabe) großer Börsengänge wie der Telekom oder bei Emission großer Anleihen auf den internationalen Märkten konkurrieren. Dies ist im Verhältnis zum traditionellen, inländischen Filialbankengeschäft ein äußerst rentabler Geschäftsbereich, der wenig Risiko bedeutet (im Gegensatz zum Kreditgeschäft). Auch dies alles ist im Grundsatz nicht neu. Lenin zitiert die Zeitschrift „Die Bank”, die 1913 formuliert: „Es gibt im Inlande kein Geschäft dieser Art, das auch nur annähernd einen solchen Nutzen abwirft wie die Übernahme und Weiterbegebung einer fremden Anleihe.” Dieses Emissionsgeschäft ist durch die vielfachen Privatisierungen staatlichen Besitzes (Telefongesellschaften, Infrastruktur- und Versorgungsbetriebe) und die überall steigende Staatsverschuldung erst so richtig in Schwung gekommen. Hier wird fast jeder Preis gezahlt, denn entscheidend ist, daß es rechtlich gesichert ist und in der Abwicklung funktioniert, dies können weltweit als Konsortialführer (Leitung des abwickelnden Bankenzusammenschlusses) großer Emissionen nur eine Handvoll Banken sicherstellen. Ähnliches gilt für andere Bereiche, wie die Bereitstellung internationaler Großkredite (sogenannte Projektfinanzierungen), für große Infrastrukturprojekte und anderes (z.B. für Gazprom in Rußland). Und hier wird auch deutlich, worum es auf den internationalen Finanzmärkten auch und vor allem geht, um die Neuverteilung der Chancen auf Profit, anders ausgedrückt um die Neuverteilung der Welt unter die Monopole und imperialistischen Mächte.

Börsenkrach als Teil der Neuaufteilung

Wir wollen darstellen, daß unseres Erachtens die Entwicklungen und Vorgänge an den Weltbörsen in allen wesentlichen Punkten und Abläufen erklärbar sind und nicht auf Hexerei anonymer Kräfte beruhen, daß die Börsenentwicklungen sowohl Spiegelbild der ökonomischen Situation sind, als auch Auslöser daraus folgender Reaktionen sein können. Im Herbst 1997 begann eine rasante Talfahrt der Kurse in den sogenannten asiatischen Tigerländern, damit sind insbesondere Hongkong, Südkorea, Thailand, Malaysia und Indonesien gemeint. Dort gab es in kurzem zeitlichen Abstand massive Kursrückgänge an den Börsen, nachdem gerade diese Länder in den vorhergehenden Jahren als die ökonomische Wachstumsregion der Welt gefeiert worden waren. Große Zuwachsraten in der Produktion hatten viele ausländische Investoren und internationale Kreditgeber angezogen, die Börsenkurse stiegen wie sonst nirgendwo. Überall in den Metropolenländern legte das Finanzkapital entsprechende Fonds auf, „Pack den Tiger ins Depot“ titelten die diversen Anlegerzeitschriften, ähnlich wie einige Jahre vorher zur Geldanlage in Mexiko geraten wurde. Neben dem Aktienkauf erfolgt in Wachstumsphasen auch immer eine schnelle Ausweitung des Kreditsystems, was in mindestens gleichem Maße zu beachten ist. Zunächst schien die Anlage erfolgreich, es gab weitere Ausweitung der Produktion und mit ihr Gewinne und Kurssteigerungen. Insbesondere südkoreanische Konzerne zeigten sich konkurrenzfähig und exportierten zunehmend. Selbst z.B. Autos (Hyundai, KIA), ansonsten eine eindeutige Domäne weniger weltweit tätiger Konzerne, wurden an die Weltmärkte gebracht.

Die Krise nährt die Krise

Doch im Kapitalismus gibt es nun mal keine unendliche Ausweitung der Produktion, irgendwann gerät der Warenabsatz ins Stocken, wird zur Überproduktion, das wiederum bedeutet sinkende Gewinne oder gar Verluste, Kapital wird vernichtet und es kommt zur kapitalistischen Krise mit all ihren Folgen. So wie zuvor hohe Gewinne außergewöhnliche Kurssteigerungen bedeuteten, dreht sich der Wind nun in gleichem Maße. Die Kursverluste als überdeutlicher Ausdruck sinkender Gewinnerwartung gingen zeitweilig über in einen freien Fall. Annähernd gleichzeitig verfällt die Landeswährung, insbesondere im Verhältnis zu den Weltleitwährungen (US-$, DM, Yen). Spätestens darauf folgen erste Bedenken der Banken und anderer Kreditgeber und es entstehen Zweifel an der Rückzahlung der zuvor ungewöhnlich schnell und umfangreich herausgelegten Kredite.

Dieser an sich in genannter oder ähnlicher Form nicht ungewöhnliche Ablauf einer auf eine Expansionsphase folgenden kapitalistischen Krise wirkt sich in sogenannten Schwellenländern, wie Mexiko oder in Südostasien aus einigen Gründen besonders schnell und durchschlagend aus:

  • Das Produktionswachstum beruht in hohem Maße auf der Investition ausländischen Kapitals (Kapitalimport). Es gibt kaum ein über längere Zeiträume angesammeltes einheimisches Kapital. Es wird in der Krise versucht, dies zuvor mit hohen Gewinnerwartungen importierte Kapital zurückzuziehen, den Verlust und das Risiko zu begrenzen.
  • Das über die jeweilige Börse und in Form des Kredites eingeführte Kapital ist in hohem Maße konzentriert. Die Volkswirtschaft dieser Schwellenländer hängt damit am finanziellen Tropf weniger Gläubiger (IWF, internationale Großbanken, Staaten), die sich zusammenschließen und umfassende Macht ausüben können.
  • Die Verschuldung bei ausländischen Gläubigern erfolgt in ausländischer Währung (US-$, DM, Yen). Zins- und Tilgungszahlungen sind nur möglich bei entsprechenden Deviseneinnahmen. Der Umtausch einheimischer Währung gegen die Hartwährungen verteuert sich durch den Devisenkursverfall enorm und entwertet das Geld als Gegenwert der produzierten Güter und Waren zusätzlich.
  • Während zum Beispiel die Staatsverschuldung in der BRD von der Frist her gestreut ist zwischen im wesentlichen 1 und 10 Jahren (es muß also jedes Jahr nur ein kleinerer Teil zurückgezahlt werden), sind diese Länder oft in hohem Maße kurzfristig verschuldet. So wurde Ende November 1997 bekannt, daß die Staatsverschuldung Südkoreas in den darauffolgenden 12 Monaten zu rund zwei Dritteln fällig war. Eine solch hohe Rückzahlung ist in dieser Phase unmöglich, man ist zwingend auf Kreditverlängerung angewiesen, um nicht den Staatsbankrott zu riskieren.
  • Nicht zuletzt schmilzt das Vertrauen, die Bevölkerung gerät im Hinblick auf ihre bescheidenen Ersparnisse in Panik, versucht verstärkt Geld von der Bank abzuheben, in Hartwährungen oder Sachwerte (z.B. Gold) zu tauschen. Lieferanten und Händler beginnen im Großen wie im Kleinen Barzahlung oder Vorkasse zu fordern, niemand ist sicher, ob die aufgegebene Banküberweisung noch ankommt, weil die Zahlungsfähigkeit der Banken zweifelhaft erscheint.

...und dann „hilft” der IWF

Der Geld- und Kapitalkreislauf gerät aus verschiedenen Gründen massiv ins Stocken, die Kreditwürdigkeit ist hinüber, der ursprüngliche Kursverfall aufgrund rückläufiger Gewinne ist zu einer akuten Zahlungskrise (Liquiditätskrise) geworden. Nun kommen die Gläubiger und stellen Forderungen, wollen sich absichern, schicken ihre Politiker. Meist tritt der Internationale Währungsfonds (IWF) auf den Plan und bietet einen Stützungskredit an. Damit verbunden sind umfangreiche Auflagen und Bedingungen. Dies kann zum Beispiel heißen, die Regierung aufzufordern, eine Lohnsenkung durchzudrücken, allgemein staatliche Leistungen zu kürzen und abzuschaffen usw. Der malaysische Ministerpräsident ließ im November 1997 aufhorchen, als er diese Abläufe im Finanzwesen der geschwächten „Tigerländer“ treffend als „modernen Imperialismus“ charakterisierte. Er konnte es sich leisten, offen zu sprechen, weil Malaysia als einziges der betroffenen Länder ohne den IWF auskam. In den anderen Ländern waren die „Retter“ des IWF schon aktiv und sorgten für die Einführung von Ölsteuern, Abschaffung von Subventionen für Grundnahrungsmittel, Schließung von Banken, Entlassungen etc.

Des weiteren bedeutet dieser Ablauf immer, die verbliebenen Reichtümer (insbesondere Bodenschätze) den Kreditgebern zu opfern. Mexiko erhielt in der sogenannten „Tequilakrise“ 1993/94 Stützungskredite des IWF, bzw. der USA, dafür mußte gewährleistet werden, daß sämtliche Zahlungen aus den mexikanischen Ölexporten auf ein Konto einer amerikanischen Bank in den USA erfolgen. Sobald Rückzahlungen ins Stocken geraten oder politisch mißliebige Entwicklungen auftreten, wird das Geld nicht mehr ausgehändigt, das mexikanische Öl ist quasi für diesen Stützungskredit verpfändet worden. Kurz danach begann die militärische Offensive der mexikanischen Armee gegen die EZLN in Chiapas, wo sich die größten Ölreserven des Landes befinden. Bösartig, wer hier einen Zusammenhang vermutet ...

Und alle wollen „helfen”...

Der Kursverfall an den Börsen gestern Mexikos, heute Südostasiens und morgen anderswo war einerseits Ausdruck und dann Beschleuniger der Entwicklung, die aufgrund der beschriebenen Grundvoraussetzungen solch extreme Formen annahm. Die Börse war jedoch keinesfalls einzige Ursache des Ablaufes. Ursache waren nicht die anonymen Zocker im Kapitalismuscasino, sondern die kapitalistische Produktion, die zur Überproduktion führt, die Widersprüche hervorbringt. Und dann in der Folge die Gläubiger und Investoren, die völlig konsequent versuchen, die auftretende verstärkte Abhängigkeit ihrer Schuldner gnadenlos auszunutzen. Im Anschluß beginnt dann die neue Runde, die Karten sind neu gemischt. Den Tigerstaaten sind die Grenzen gezeigt worden, sie sind noch abhängiger, das imperialistische Geflecht noch enger. Und nun wird die Auseinandersetzung neu aufgelegt, welche imperialistische Macht in diesen Ländern die Vorherrschaft haben soll. Man wird sehen, wie es in Südostasien nach einer gewissen Beruhigung der Entwicklung weitergeht, ob zum Beispiel die USA an Einfluß gewinnen, ob die Schwäche Japans von anderen dazu genutzt wird, Anteil am japanischen Finanzkapital zu erlangen. Denn an diesem waren USA, BRD und andere bisher kaum beteiligt, das japanische Finanzkapital ist sehr stark konzentriert und bisher fest in nationaler Hand. Die Deutsche Bank formuliert ihren Angriff darauf gewohnt freundlich: „In dieser Lage [der japanischen Finanzinstitute] wäre es konstruktiv, wenn solvente Großbanken aus den Vereinigten Staaten und Europa Teile des japanischen Marktes übernehmen würden.“ (FAZ, 14.01.1998)

Casinokapitalismus: Verschleierung, Verwirrung, Ablenkung

Die ganze Verwirrung, die mit den Theorien des Zusammenbruchs, der Propagierung des Casinokapitalismus und Ähnlichem betrieben wird, dient - egal ob bewußt oder bewußtlos betrieben - dazu, von den Realitäten der sich verschärfenden Widersprüche, der neuen Aufteilungsrunde der imperialistischen Phase nach 1989 abzulenken. Wer fragt, wenn sich angeblich sowieso demnächst alles in einer spekulativen Luftblase auflöst, noch danach, wie sich das Vermögen verteilt, wer davon profitiert, wer sich auf wessen Kosten fremde Arbeit aneignet? Wer interessiert sich noch dafür, welche Veränderungen sich in der weiteren Konzentration des deutschen Finanzkapitals zur Rüstung im weltweiten Kampf um morgige Profite tun, wenn alles eh nur ein Kartenhaus ist? Die „Casinokapitalismus-Thesen“ dienen letzt­lich denen, die Macht und Kapital auf dieser Welt besitzen!

Arbeitsgruppe „Globalisierung“

1 Daß diese Terminkontrakte selbst wieder gehandelt werden, mag das Bild verwirren, ändert aber an den grundlegenden Überlegungen nichts.

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