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Studentenstreik

Ein Student aus Bochum berichtet

Erst kürzlich bäumte sich ein Teil der Gesellschaft auf; bundesweit verkündeten Studenten ihren Protest, wobei die Kürzungen im Bildungssystem den Anlaß dazu gaben.

Es hatte sich in der Gießener Uni ein Funke des Protests gezeigt, weil 600 Erstsemester in eben für 60 Studenten vorgesehenen Seminarraum gestopft wurden. Sie beschlossen den Streik.

Innerhalb weniger Wochen gingen Hunderttausende von Studenten auf die Straße, ließen sich pfiffige Aktionsformen einfallen, die einige Male Ordnungsämter, Medien und Polizei verblüfften.

Doch spontane Verständniserklärungen seitens Politiker und anderer Staatsträger wurden weitgehend abgeschmettert, stehen doch die nächsten Bundestagswahlen vor der Tür. Studenten wollten sich nicht als Stimmvieh für die Parteien einseifen lassen. Im Gegenteil schlossen sich immer mehr junge Menschen den Protesten an. Zur Verblüffung vieler Schreihälse aus dem Politik- und Medienapparat waren es eben nicht die „ewig nörgelnden Dauerstudenten im zwanzigsten Semester“, sondern gerade viele Erst- und Zweitsemester, denen von Regierung und Kapital jegliche Zukunftsperspektive genommen wird.

So heißt es in einer Rede, die von Bochumer Studenten auf einer Betriebsversammlung von Opel gehalten wurde, „Selbst, wenn wir zu den ,glücklichen Priviligierten’ gehören sollten, die in nächster Zukunft noch nicht unter der schweren Bürde des Sozialabbaus zusammenbrechen sollten, so wird dies spätestens unseren Kindern passieren, wenn sie weder eine kompetente Schulausbildung noch eine Lehrstelle noch einen Studienplatz erhalten können.“[2]

„Hört auf zu studieren, fangt an zu denken“, war das Motto, unter dem die Studenten aufgerufen waren, für einen Streik zu plädieren. Dies heißt eben nicht, zu Hause zu bleiben und auszuschlafen, sondern im Gegenteil um 5 Uhr morgens aufzustehen, um als Streikposten, durch Solidaritätskoks der Bochumer Stahlarbeiter gewärmt, andere Studenten abzufangen und sie für den Kampf um gemeinsame Interessen zu gewinnen.

Ursprünglich waren 25 Studenten aktiv an der Streikvorbereitung beteiligt. Zur ersten Streikvollversammlung strömten über 5000 Studenten ins Audimax, um entschlossen mit -Ja- zu stimmen.

Von Politikern als „sympathische, brave Lämmer“ abgestempelt, weil die Proteste, also die Studenten, so niedlich unpolitisch seien, schreckte man dennoch nicht davor zurück, einen Demonstrationszug zusammenzuknüppeln, mit Tränengas zu beschießen, während die vorderen Demonstranten brutal zurückgedrängt wurden; von hohem Roß auf ungeschützte Köpfe einzuprügeln, als es darum ging, zu verhindern, daß die Regierenden in Bonn beim Regieren im Bundestag aufgefordert werden, die Aufmerksamkeit doch endlich auf die zu Regierenden zu richten.

„So manch einer merkte,

daß ,da ein Riß ist durch die Welt’[...].

Und das ist es auch, weswegen

Ihr euch nicht wundern dürft

Wenn sie sich werfen auf uns, wie der Regen

Sich auf den Boden wirft.[1][2]

Bei vielen wuchs die Wut im Bauch, doch viele sind auch darauf angewiesen, ihr Studium wieder aufzunehmen. Doch verstummen werden wir nicht. Gerade jetzt wird vielen klar, daß Arbeitslosigkeit, Sozialabbau und Bildungsnotstand keine Naturgesetze sind, sondern Phänomene, die dieses System geradezu zwangsläufig hervorbringt. Es ist politisches Kalkül, die von Arbeitern und Angestellten lang erkämpften sozialen Rechte zugunsten einer kleinen, immer reicher werdenden Oberschicht zu opfern, uns dann noch in die Tasche zu lügen, dies geschehe, um den Standort Deutschland zu sichern. Eins ist uns klar: „Bei Unternehmen und Banken ist das goldene Zeitalter schon längst angebrochen. Ihnen stehen Umsatzsteigerungen und Rekordgewinne von über 200% ins Haus. Großunternehmer wie Siemens brüsten sich damit, im letzten Jahr nicht einen Pfennig Steuern an den Staat abgeführt zu haben. Deutsche Unternehmen, die ihren Firmensitz in die Schweiz verlegen, handeln dort ihren Steuersatz selbst aus... Andere Unternehmer lassen sich die hinterzogenen Steuergelder unter der Sonne Monacos vergolden.(...)

Auf Arbeitnehmerseite hingegen gibt es nicht nur keine Möglichkeit, Steuern einzusparen, sondern es gibt überhaupt keine Möglichkeit, über die Verwendung der Produktionswerte zu entscheiden. Im Gegenteil dienen hier und heute die von den Arbeitnehmern erwirtschafteten Werte dazu, menschliche Arbeitskraft einzusparen, denn das Zauberwort, nach dessen Prinzip wir nach dem Erwirtschaften von neuen Technologien auf die Straße geworfen werden, heißt: Rationalisierung.[2]

Dies und andere Argumente sind Anlaß dafür, aus den Hörsälen auszubrechen, die dazu vorgesehehen sind, das Bestehende für vernünftig zu erklären, und somit jegliche Alternative für unvernünftig.

„Befreit die Philosophie aus der Haft der Hörsäle und Lehrbücher der Philosophen und verwandelt sie in eine scharte Waffe in den Händen der Massen“, lehrte Mao Tse Tung.

Wir koppeln unsere Proteste mit denen aller Benachteiligten dieses Systems und erklären: „Wenn wir nicht gemeinsam im Meer aus Ignoranz und Gleichgültigkeit ertrinken wollen, dann müssen wir jetzt gemeinsam zeigen, daß wir nicht resigniert haben, was sich diese Regierung - denn unsere ist es sicherlich nicht und kann es nicht sein - so sehr erhofft. Unsere Forderungen nach einer sicheren, lebenswerten Zukunft sind identisch und unsere Gegner, die uns unsere Hoffnung und Träume systematisch zerstören, sind ebenfalls identisch.

Laßt uns dann doch gemeinsam Grenzen abbauen, die nicht existieren und zusammen für unsere Hoffnungen gegen unsere Gegner kämpfen. Es geht um uns alle, wehren wir uns gemeinsam.[2]

1 Aus Bertolt Brecht: „Das Lied vom Klassenfeind“

2 Die Zitate sind einer Rede entnommen, mit der eine Arbeitsgemeinschaft der streikenden Studenten in Bochum gezielt auf Arbeitnehmer zugeht, um sich im Abwehrkampf gegen Regierung und Kapital gemeinsam zu organisieren.

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