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Buchbesprechung

Ein hoher Einsatz für den Frieden

Karl Gebauer wurde 1994 vom Kammergericht Berlin zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Das war die bisherige Höchststrafe für die Kundschafter des Friedens, die der Auslandsaufklärung der DDR Material über die Kriegsvorbereitungen der BRD geliefert hatten. Außer Karl Gebauer bekamen noch Klaus Kuron und Rainer Rupp diese „Ehre“ von der deutschen Bourgeoisie zugedacht. „Wir waren die drei ‚Zwölfender‘, wie es bald in der Szene hieß.“

Das Urteil widerspricht dem bürgerlichen Recht, und das wird in der Autobiographie von Karl Gebauer zur Genüge nachgewiesen. Besonders interessant ist hier, wie Gebauer seine eigene Biographie immer wieder der Urteilsbegründung gegenüberstellt. Da werden Brocken der Wahrheit herausgenommen, um sie ins Gegenteil zu verdrehen und mit Lügen zu vermischen, bis zum Privatleben und allen möglichen Belanglosigkeiten wird alles herausgegriffen, was sich im Zweifel gegen den Angeklagten verwenden lässt.

Das Buch beginnt mit der Geschichte Gebauers, der 1931 geboren wird, als Kind die Verfolgung seines sozialdemokratischen Vaters durch die Nazis erlebt, der als Jugendlicher Buchbinder und Buchdru-cker lernt, überzeugter, aktiver Pazifist wird, gegen die Remilitarisierung aufbegehrt.

Als Erwachsener in der kleinen norddeutschen Stadt Jever führt er ein verhältnismäßig beschauliches Leben. Mit 28 Jahren tritt er in die SPD ein und engagiert sich in der Kommunalpolitik. Mit 40 Jahren – 1972 – bekommt er eine Arbeit bei der Firma IBM und wird wenig später ihr Sicherheitsbeauftragter. Und da fällt ihm eines Tages ein Papier in die Hände, über das er schreibt: „...was ich mit klopfendem Herzen Seite um Seite las und vielleicht nur zur Hälfte verstand, genügte schon, um mir den Atem zu verschlagen. Es handelte sich gewissermaßen um die Planung des militärischen Erstschlages der NATO im Ostseeraum.“ Dieses Papier führt dazu, dass Gebauer sein ganzes Leben umkrempelt. Er, der bis dahin vom Defensivcharakter der Bundeswehr überzeugt gewesen war, zieht Konsequenzen. Er versucht sein Wissen beim Magazin „Spiegel“ anzubringen, aber die Herrschaften sind nicht interessiert: das ist zu heiß. Bei den Bemühungen, seine neu gewonnenen Kenntnisse zu nutzen, bekommt er schließlich den für ihn zunächst verblüffenden, aber doch einleuchtenden Rat von einem Rechtsanwalt: „Gehen Sie rüber. Informieren Sie Ostberlin, was hier in Wilhelmshaven ausgebrütet wird. Dann ist die Luft raus aus dem Ballon.“ Gebauer bekommt eine Kontaktadresse in Berlin und Verhaltensmaßregeln zur Konspiration. Sein neues Leben beginnt. Er arbeitet für die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR. Geld will und bekommt er nicht dafür.

Das Buch wird jetzt so spannend, dass man es kaum aus der Hand legen kann. In seiner Eigenschaft als Sicherheitsbeauftragter bei IBM gelingt es Gebauer, auch Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, des Bundesnachrichtendienstes und des Militärischen Abschirmdienstes der BRD zu werden. Aber er ist in Wirklichkeit kein richtiger Doppelagent, wie es im Buchtitel heißt. Ein Doppelagent – einer der gleichermaßen für beide Seiten arbeitet – führt ein vergleichsweise beschauliches Leben, denn er muss ja „nur“ aufpassen, dass er nicht erwischt wird und dass die mindestens dreifache Identität nicht auffliegt. Gebauer musste viel mehr: da er ja nur für eine Seite, für die des Friedens, arbeitet, die sich in der friedlichen DDR befindet, muss er sich bei den westdeutschen Geheimdiensten ständig in moralischen Grenzbereichen bewegen. Diese Spionage- und Schnüffelzentralen sind natürlich alles andere als zimperlich mit ihren Aufträgen. Das Gewissen Gebauers gerät in dramatische Konflikte. Und er bewältigt diese moralischen Drahtseilakte mit derselben Bravour wie seine Aufträge für die HVA. Er trickst die westdeutschen Dienste aus, spielt sie gegeneinander aus und versucht so weit möglich, Menschen vor diesen Diensten zu schützen. Der MAD lässt ihn 1980 fallen. Zuvor hatte Gebauer sich den immer unverschämteren Forderungen des MAD nach belastenden Daten von Angestellten der IBM entzogen. Die IBM Wilhelmshaven wird 1980 geschlossen. Gebauer, der 1981 von der DDR mit den verdienten Ehren versehen wurde, versucht in den folgenden Jahren, sich ein ruhiges Leben aufzubauen – ein Bestreben, das wegen der bekannten Wirkungen des Kapitalismus nicht einfach zu bewältigen ist. 1992 wird er verhaftet. Von den zwölf Jahren musste er sechs absitzen, wobei er selbst nicht um Gnade gebeten hatte.

Sein Buch ist vor allem deshalb so gelungen, weil er keine Abstriche davon macht, dass seine „Straftaten“ dem Frieden der Welt gedient haben. Er fordert den Abbau der Spitzelapparate und die Öffnung der Geheimdienstarchive. Der Einblick, den er in eine den meisten KAZ-Lesern sicherlich unbekannte Welt gibt, legt aber auch nahe, sich verstärkt für die sofortige Beendigung der politischen Verfolgung von DDR-Bürgern und für die DDR tätigen Westdeutschen einzusetzen. Wenn Menschen ins Gefängnis geworfen werden, weil sie unter großen persönlichen Opfern für den Frieden gearbeitet haben, dann ist der Krieg nicht weit – und davon haben wir ja mit dem Überfall auf Jugoslawien schon einen Vorgeschmack bekommen.

E. W.-P.

Karl Gebauer, Doppelagent – Erinnerungen
Edition Ost, 226 Seiten, DM 39,80

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