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Für Dialektik in Organisationsfragen

Hände weg von China!

China und die Einflussversuche des deutschen Imperialismus

Die Volksrepublik China beschäftigt die Bourgeoisie hierzulande. Zu jüngst zwei Anlässen überschlugen sich die bürgerlichen Medien der BRD regelrecht, was die Hetze gegen das bevölkerungsreichste Land der Erde angeht: zum Einen war dies der Dalai-Lama-Besuch samt Empfang durch Bundeskanzlerin Merkel Ende letzten Jahres, zum Anderen ist es die kommende Olympiade, die in diesem Jahr in Beijing abgehalten werden wird: zeitlich passend zu diesem nicht nur sportlichen, sondern auch politischen Großereignis brachen Mitte März in Lhasa, der Hauptstadt der chinesischen autonomen Region Tibet, „Unruhen“ aus, die zu einer Debatte über einen möglichen Boykott der Olympiade führten und wieder einmal die Separatisten um den Dalai Lama ins Rampenlicht der bürgerlichen Medien brachten.

Auch uns Kommunisten beschäftigt China. Das chinesische Volk, das sich aus halbkolonialer Unterdrückung befreit und den japanischen Faschismus besiegte; das dann die eigne Bourgeoisie verjagt hat und den Kampf gegen bürgerliche Strömungen innerhalb der Partei und des Staatsapparates führte, um die Früchte seines Kampfes zu retten; dieses Volk, das der konterrevolutionären Zerschlagung des Staatsapparates widerstanden hat, ist ein Stachel in den Weltbeherrschungsplänen der Monopolbourgeoisie weltweit. Für die Eigner von BASF, VW, Deutsche Bank, ThyssenKrupp, Allianz ..., seit der Öffnung des Landes für ausländisches Kapital dort alle längst vertreten, geht es gleichzeitig auch um etwas anderes. Ein Markt – in anderen Kategorien kann das Kapitalistenhirn nicht denken – mit über einer Milliarde Menschen und seit 2 Jahrzehnten Wachstumszahlen der chinesischen Wirtschaft von jährlich über 8 Prozent, darf nicht der Konkurrenz aus den USA, Japan oder Europa überlassen werden. Schon gar nicht – da sind sie sich mit ihren Konkurrenten wieder einig – darf der von den chinesischen Arbeitern, Bauern und anderen Werktätigen erarbeitete Reichtum diesen selbst gehören. Mitzumischen bei dem Bestreben der Monopolbourgeoisie weltweit, auch dieses Land in die Knie zu zwingen und wieder ihren Kapitalverwertungsbedürfnissen unterzuordnen und im Kampf um die Vorherrschaft auf der Welt dabei einen möglichst großen Happen für sich selbst abzustecken – das ist es, was die deutsche Monopolbourgeoisie in alter Tradition umtreibt. Dafür werden alle Register der „friedlichen“ Infiltration gezogen, Politiker, Diplomaten, Stiftungen, Institute, Menschenrechtsvereine, ins Rennen geschickt – die offene militärische Gewalt als Drohung stets im Hintergrund. Wie das im Einzelnen und exemplarisch geschieht, ist Thema dieses Artikels. Hierzulande ziehen die bürgerlichen Medien alle Register, um Verwirrung und Resignation zu stiften und die Alternativlosigkeit zum Kapitalismus weiter in die Hirne der Arbeiter einzubrennen. Jeder Gedanke an Solidarität mit der VR China soll damit möglichst schon im Keime erstickt werden. Dass sich die bürgerlichen Ideologen und Meinungsmacher dabei ununterbrochen selbst widersprechen, stört ihre Auftraggeber nicht weiter. Es darf sie auch gar nicht stören, sind diese Widersprüche doch eine Widerspiegelung der Wirklichkeit ihres so hoch gelobten „Endes der Geschichte“. Da wird ein „Manchester-Kapitalismus“ oder „Raubtierkapitalismus“ in China angeprangert und gleichzeitig noch mehr Kapitalismus gefordert. Nur ein Beispiel: Ein Kommentator lässt sich in der Süddeutschen Zeitung über das neue Eigentumsrecht in der VR China aus und beklagt: „Die luxuriösen Villen in der Shanghaier Altstadt erfahren künftig den gleichen Schutz wie die Lehmhütten der verarmten Landbevölkerung. Die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung kontrollieren über 40 Prozent des Vermögens.“ (SZ 3./4.3.2007) Die Botschaft ist klar: Schaut, wohin der Sozialismus führt, welch ungerechte Zustände in China herrschen. Da braucht es uns, unsere Zivilisation! Die „luxuriösen Villen“ kennen wir dabei ja schon aus der Propaganda gegen die DDR – Stichwort „Wandlitz“. Damals waren es die Villen der Parteifunktionäre, die sich bald als mittelmäßige Einfamilienhäuser herausstellten. Doch unabhängig davon, was an diesem Beispiel stimmt, Halbwahrheit oder glatte Lüge ist, gelogen wird auf jeden Fall: Durch Herausreißen aus dem Zusammenhang, durch Negieren der geschichtlichen Entwicklung, durch Verschweigen. Z.B. dessen, dass wesentliche Teile der Produktionsmittel in der VR China nach wie vor Staats- oder Kollektiveigentum sind und eben nicht im Besitz der „reichsten zehn Prozent“. Gelogen wird selbstverständlich auch, was die „Segnungen der Zivilisation“ hier betrifft – auch durch Verschweigen. So verschweigt der Kommentar z.B., was zwei Wochen später in der gleichen Zeitung stand, dass das „neue Gesetz ... in weiten Teilen dem deutschen Modell (folgt). Deutsche Rechtsexperten hatten die Chinesen seit mehreren Jahren intensiv beraten“ (SZ 17./18.3.07), ob das nun stimmt oder purer Größenwahn ist – der Widerspruch bleibt, dass hier als „Modell“ hingestellt wird, was dort als „ungerechte Zustände“ angeprangert wird. Auch kein Wort davon, dass das ja gerade die bürgerliche Freiheit und Gleichheit ist, das berühmt berüchtigte Menschenrecht, dass Kapitalist und Arbeiter vor dem Gesetz gleich sind, jedem sein Recht auf Eigentum. Den Monopolherren hier, diesem winzigen Bruchteil der Bevölkerung, das Recht auf den Besitz des größten Teils des Reichtums in diesem Lande und weit darüber hinaus – dem Arbeiter Hartz IV, aber erst nachdem er seine Spargroschen aufgegessen hat. Von all dem will unser Kommentator nichts wissen, sondern unbeleckt von Widersprüchen schlussfolgern: „Marktwirtschaft und Kommunismus lassen sich nicht vermählen. Peking muss sich entscheiden. Investitionen aus dem In- und Ausland verlangen Sicherheit. Die Verabschiedung des Eigentumsrechts ist ein Schritt in die richtige Richtung. Doch es kann nur der erste sein.“ (SZ 3./4.3.2007) Es wird den Herrschaften kein Schritt reichen, bis nicht die nackte Konterrevolution auch in der VR China den gesamten Staatsapparat und die Eigentumsverhältnisse zu ihren Gunsten umgestülpt hat und damit alle hart erkämpften Errungenschaften der chinesischen Bauern und Arbeiter, alle sozialistischen Verhältnisse mit Stumpf und Stiel in den Boden getreten sind. Bis also auch uns, der Arbeiterklasse und den unterdrückten Völkern weltweit eine weitere empfindliche Niederlage zugefügt worden ist. Noch ein Beispiel, diesmal aus der Frankfurter Rundschau. Nachdem dieser Schreiberling alle antikommunistischen Parolen zusammengedrängt auf kürzestem Platz von sich lässt, dann demagogisch fragt, was denn an China noch sozialistisch sein soll, lobt er die chinesische Führung. Sie wüsste durchaus um die Missstände und auch die Gesetzesvorhaben seien richtig, aber sie könne sich nicht durchsetzen. „In den Provinzen regiert ein ungezügelter Raubtierkapitalismus. Die gleichen Kader, die die Umwelt schützen sollen, sind Mitbesitzer der Fabriken. Für jeden korrupten Beamten, der vor ein Disziplinargericht gebracht wird, kommen zwei ebenso bestechliche nach“ (FR 17.3.07) höhnt dieser journalistische Vertreter eines Landes, in dem sich eine Korruptionsaffäre an die andere reiht. Wehe jedoch, wenn die chinesische Führung oder Teile von ihr ob einer solchen (behaupteten) Situation auf Erfahrungen der chinesischen Revolution zurückgreifen würde. Wenn sie die Arbeiter und Bauern aufrufen würde den Kampf gegen die Feinde in die eigenen Hände zu nehmen, um die Revolution zu schützen. Ein Aufschrei ginge durch die BRD. „Terror“ würde uns aus jeder Zeitung entgegenstarren. Die Regierung würde Boykottmaßnahmen mit den Konkurrenten beraten, mit Isolation und schließlich mit Militär und Barbarei drohen – im Namen der Menschenrechte und der Zivilisation, versteht sich. Nein, Klassenkampf darf es nicht geben, nicht hier und nicht in einem sozialistischen Land, damit die Bourgeoisie ihn hier wie dort möglichst ungestört führen kann. Und sollten die Konterrevolutionäre in China schließlich siegen, stehen die ehrenwerten Monopolherren von BASF, Deutsche Bank, Siemens, VW usw., alle selbstverständlich keine Raubtierkapitalisten, sondern verantwortungsvolle Menschenrechtsverteidiger, im Kampf um die Beute schon bereit. Jetzt ermunterte bürgerliche Kräfte in China dürfen dann auch wieder enteignet werden – der „freie Wettbewerb“, die „Kräfte des Marktes“, sprich die Macht der Monopole wird schon dafür sorgen. Sollten ihnen staatliche Schutzmaßnahmen in den Weg gelegt werden, ist das Menschenrecht wieder in Gefahr ...

Lassen wir uns durch die bürgerliche Gehirnwäsche nicht irre machen, verteidigen wir das sozialistische China, die chinesische Revolution – unsere eigene Sache! Wer – wen ist auch in China letztendlich eine Frage der internationalen Kräfteverhältnisse zwischen der Arbeiterklasse und der Bourgeoisie und damit nicht unwesentlich, wie die Geschichte zeigt, auch eine Frage des Kampfes der Arbeiterklasse hier gegen den deutschen Imperialismus.

Nicht nur, aber insbesondere auch aufgrund der jüngsten aktuellen Anlässe soll im Folgenden versucht werden, die Hintergründe und Traditionen deutscher imperialistischer Geopolitik in China aufzuzeigen. Nicht die „unterdrückten Tibeter“, nicht die „chinesischen Dissidenten“ unter der Knute des „Pekinger Regimes“, sondern keineswegs neue geostrategische und ökonomische Interessen rücken China in den deutschen Fokus. Beim dritten Anlauf Deutschlands um die weltweite Hegemonie ist das sozialistische China eines der Hauptziele – und eines der größten Hindernisse.

Volksrepublik China:

  • Fläche: 9 571 302 km²
  • Bevölkerung: 1 321 000 000 Einwohner
  • Bevölkerungsdichte: 137,6 Einwohner pro km²
  • 56 Nationalitäten (91,6% sind Han-Chinesen, die nationale Minderheit der Tibeter folgt mit 5 416 021 Menschen an 10. Stelle).
  • 23 Provinzen, fünf autonome Gebiete, vier regierungsunmittelbare Städte und zwei Sonderverwaltungszonen. Die Zugehörigkeit von Teilen Kashmirs sowie der Verlauf der indisch-chinesischen Grenze (von Indien wird die von britischen Imperialisten gezogene sog. McMahon-Linie als Grenze beansprucht, die VR China erkennt diese Grenze nicht an) sind nach wie vor umstritten [in unserer Karte die beiden kleineren, an die AR Tibet grenzenden Gebiete]. Die Provinz Taiwan befindet sich derzeit, trotz international anerkannter Zugehörigkeit zu China, unter fremder Verwaltung [die völkerrechtlich nicht anerkannte sog. „Republik China“].

Autonome Region Tibet:

  • Fläche 1 228 400 km² (12,8% der Fläche Chinas)
  • Bevölkerung: 2 630 000 Einwohner (1,9% der Bevölkerung Chinas)
  • Bevölkerungsdichte: 2,2 Einwohner pro km²
  • In der Autonomen Region Tibet sind 92,8% der Bevölkerung Tibeter.

Im Folgenden soll der Versuch unternommen werden, exemplarische politische, militärische und diplomatische Methoden, mit deren Hilfe die BRD – und ihre staatlichen Vorgänger – das „Problem China“ in den Griff zu bekommen gedachten, zu skizzieren. Der imperialistische Staat, das Instrument der Kapitalisten zur Durchsetzung ihrer Interessen nach Innen und Außen, versucht im Interesse der Profitmaximierung seiner Auftraggeber die Rahmenbedingungen für weltweite Hegemonie zu schaffen. Der Versuch, sich vom großen chinesischen Kuchen ein Stück abzuschneiden, wäre nicht der erste.

„the Germans to the front“

Der Aufruhr der Boxer ist in den letzten Tagen immer mehr zu einer Gesamterhebung Chinas gegen die fremden Mächte geworden, er hat sich mit ungeahnter Raschheit über alle Teile des gar nicht so himmlischen Reiches verbreitet. Vor allem aber ist die Gefahr für die in Peking befindlichen Ausländer eine so furchtbare geworden, dass sie in nächster Stunde zum schrecklichen Ereignis zu werden droht“, schreibt die „Berliner Morgenpost“ am 16. Juni 1900. Kaiser Wilhelm der Letzte erklärt 18 Tage später: „Die deutsche Fahne ist beleidigt und dem Deutschen Reiche Hohn gesprochen worden. Das verlangt exemplarische Bestrafung und Rache.“[1]

Der „Beleidigung der deutschen Fahne“ vorausgegangen war der „Yihetuan-Aufstand“ (der so genannte „Boxeraufstand“). Mitglieder des „Yihetuan“-Bundes[2], einer antiimperialistischen und antifeudalistischen Gruppierung unter hauptsächlicher Beteiligung von Bauern, rebellierten gegen den kolonialen Ausverkauf des Landes durch die korrupte und heruntergewirtschaftete Qing-Dynastie unter der De-facto-Herrscherin Cixi (die „Kaiserin-Witwe“), die der militärischen Agression der imperialistischen Mächte England, Russland, Frankreich, Deutschland, USA und Japan nichts entgegen setzte. Im Sommer 1900 hatten die Yihetuan-Kämpfer die Kontrolle über fast ganz Beijing. Die Bewegung breitete sich rasch nach Shanxi, Henan, der inneren Mongolei und Nordostchina aus; die Yihetuan-Bewegung wurde zu einem landesweiten Kampf gegen den Imperialismus, deren bevorzugte Ziele zunächst christliche Kirchen und Missionare, die ideologischen Büttel des kolonialen Imperialismus, wurden.

Drei Jahre zuvor, im November 1897, hatte das deutsche Kaiserreich die Jiaozhou-Bucht in Shandong okkupiert. Dem deutschen Imperialismus gelang es damit, verspätet auch in China Fuß zu fassen; im Gegensatz zu den allermeisten anderen kolonialisierten Ländern war China trotz der beiden „Opiumkriege“[3] noch nicht vollständig zerstückelt und aufgeteilt worden. Somit begannen alle imperialistischen Mächte im Wettlauf, einen möglichst großen Teil Chinas unter Kontrolle zu bringen.

Seit Mitte der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts drängten Kapitalkreise die deutsche Reichsregierung, einen Marinestützpunkt an der chinesischen Küste zu errichten, um von dieser Ausgangsbasis China aufrollen zu können; die Wahl fiel auf die strategisch günstig gelegene Jiaozhou-Bucht („Kiautschou“). Als Anlass für die Aggression wurde die Ermordung zweier deutscher Missionare durch Chinesen genommen. Am 14. November 1897 landete ein 720 Mann starkes Landungskommando mit drei Kampfschiffen in der Bucht und erzwang mit der Drohung, die Hafenstadt Qingdao („Tsingtau“) zusammenzuschießen, den Abzug der chinesischen Garnison. Einen Monat später traf kaiserliche Truppenverstärkung ein; im März 1898 zwang die deutsche Reichsregierung die chinesischen Qing-Herrscher im sog. „Kiaotschou-Vertrag“ zur Abtretung eines 515 Quadratkilometer großen Gebietes – in der Sprache der Imperialisten ein „Pachtvertrag“ für „99 Jahre“. „Der Griff des deutschen Imperialismus nach Kiaotschou löst ein erbittertes Ringen fast aller imperialistischen Mächte um die Aufteilung Chinas aus, und China geriet immer mehr in eine politische und wirtschaftliche Abhängigkeit von den imperialistischen Mächten. Das chinesische Volk beantwortete diesen Raubzug jedoch mit dem machtvollen Yihetuan-Aufstand.“[4]

Nur drei Jahre nach Besetzung der Jiaozhou-Bucht droht der Volksaufstand der Yihetuan die koloniale Beute zunichte zu machen – der Tod des deutschen Gesandten von Ketteler während des Yihetuan-Aufstandes in Beijing dient der deutschen Führung zur propagandistischen Untermauerung ihrer Invasion. Die Qing-Herrscherin Cixi versuchte, den zunächst erfolgreich verlaufenden Aufstand für sich zu vereinnahmen; die Yihetuan-Organisation wurde als legal anerkannt. Um die chinesischen Besitztümer vor der vollständigen Eroberung durch die immer mehr erstarkende Yihetuan-Bewegung zu retten, schiffte sich ein internationales Expeditionskorps unter dem britischen Admiral Seymour nach China ein – zunächst zusammengesetzt aus 300 Engländern, 112 Amerikanern, 26 Österreichern und 40 Italienern. Am 10. Juni stießen auch russische, französische und deutsche Abteilungen, letztere mit 350 Soldaten, dazu. Admiral Seymour war jedoch kein Kriegsglück beschieden: Am 21. Juni treiben Yihetuan-Kämpfer und reguläre chinesische Truppen das Expeditionskorps in die Enge.

Nun jedoch schlägt die Stunde der Deutschen. Admiral Seymour gibt das Kommando an Kapitän von Usedom, der mit vier Kompanien das Korps befreit: „the Germans to the front“. Unter dem Eindruck des militärischen Erfolgs der Interventen ließ die Qing-Herrschaft von ihrer Unterstützung für die Yihetuan ab und schickte gar reguläre chinesische Soldaten auf Seiten der Angreifer mit in den Kampf. Bis zum 14. August hatten sich die Truppen gegen den blutigen und heldenhaften Widerstand der Yihetuan bis nach Beijing vorgekämpft; die Stadt wurde drei Tage lang geplündert und teilweise niedergebrannt. Die „Ehre der deutschen Fahne“ war wieder hergestellt. Auf deutsche Methode.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs, am 7. November 1914, wurde die damalige deutsche Kolonie Qingdao nach 3 Monaten Belagerung durch japanische Truppen besetzt. 5.000 deutsche Soldaten konnten gegen die Übermacht von 30.000 Japanern nichts ausrichten; das deutsche Ostasiengeschwader floh in den Pazifik, die deutsche Garnison ging in japanische Kriegsgefangenschaft. Mit der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg 1918, dem durch den Versailler Vertrag festgelegten Verlust sämtlicher deutscher Kolonien und der drastischen Verkleinerung der deutschen Armee war der Traum vom mit Bajonetten errichteten deutschen Weltreich zunächst vorbei. Bis nach Ostasien sollten deutsche Soldaten nie wieder kommen.

Mit dem raschen Ende der deutschen kolonialen Expansion nach China waren neue Strategien erforderlich, um dort gegen die bereits etablierten Konkurrenten zum Zuge zu kommen: Großbritannien hatte Indien in der Hand, operierte mit Militär im chinesischen Kernland und arbeitete dort bei der Aufteilung des riesigen Landes mit Frankreich, das mit der damaligen Kolonie „Indochina“ (Vietnam, Kambodscha, Laos) an der südlichen Grenze Chinas einen militärischen Posten innehatte, zusammen. Russland war nach der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution aus dem Wettrennen ausgeschieden und hatte, zu Sowjetzeiten, gar besetzte Gebiete geräumt – dafür aber eine große gemeinsame Grenze mit China und der verbündeten Mongolischen Volksrepublik, was das Land für die Imperialisten noch attraktiver machte. Hinzugekommen waren neue imperialistische Mitspieler: die Japaner, die seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts einen immer aggressiver werdenden Kurs gegen China einschlugen, hatten den Deutschen die Kolonie Qingdao abgenommen und rüsteten für eine militärische Intervention im chinesischen Kernland, die in den dreißiger Jahren beginnen sollte. Und die USA, die sich aus militärischen Scharmützeln weitestgehend hinaushielten, aber dennoch begehrlich nach Asien schielten: spätestens mit der beginnenden Konfrontation mit Japan sollte China für die USA der erste Austragungsort für die zwischenimperialistischen Widersprüche mit Japan werden.

In China selbst herrschte Chaos. Die bürgerliche Revolution unter Dr. Sun Yat-Sen, die in den Jahren 1911/12 den Sturz der letzten chinesischen Kaiserdynastie, der Qing, vermochte, war stecken geblieben und an der kompletten Befreiung des Landes gescheitert; nicht nur Kämpfe mit verschiedenen Warlords[5], die einzelne Teile des Landes unter ihre Kontrolle brachten, sondern auch interne Streitigkeiten schwächten und zerstörten schließlich die bürgerlich-demokratische Befreiungsbewegung Chinas: Nach Dr. Sun Yat-Sens Tod 1925 änderte sein Nachfolger Chiang Kai-shek[6] den Kurs, brach mit der 1922 gegründeten und bis dahin gemeinsam mit der chinesischen nationalen Bourgeoisie um nationale Unabhängigkeit kämpfenden Kommunistischen Partei Chinas und ließ sich mit verschiedenen Imperialisten ein. Aus der nationalen Befreiungsbewegung war ein Instrument der Kompradoren geworden; die Führung im nationalen Befreiungskampf ging an die Arbeiterklasse über, die unter Führung des Genossen Mao Zedong ihre Kommunistische Partei und Volksbefreiungsarmee in verschiedenen Kämpfen stählen, in aufreibenden Märschen durch das gesamte Land konsolidieren und ganze Landstriche Chinas unter die Kontrolle des Volkes bringen konnte. Dies brachte ihnen die Todfeindschaft der ausländischen wie inländischen Reaktionäre ein.

Deutschland und China zwischen 1927 und 1938/39

Nach dem Scheitern der kolonialen Vorstöße Deutschlands in das Herz Chinas und der Niederlage im Ersten Weltkrieg – mit allen damit verbundenen Folgen, insb. dem Versailler Vertrag – wurde die neu entstandene Weimarer Republik gezwungen, die Republik China als gleichrangiges Land anzuerkennen und sämtliche einst mit Gewalt erpressten Sonderrechte gegenüber China aufzugeben. Doch die weltpolitisch isolierte Lage Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg machte es verschiedenen Ländern – wie beispielsweise auch der jungen Sowjetunion mit den sog. „Rapallo-Verträgen“ – möglich, von den zwischenimperialistischen Widersprüchen zu profitieren: die junge chinesische Republik nahm nicht nur enge Kontakte zur UdSSR auf, sondern versuchte auch die Schwächung und Bündnisbereitschaft Deutschlands zu nutzen, um von deutschem Know-How, insbesondere im militärischen Bereich, zu profitieren. 1928, drei Jahre nach dem Tod Dr. Sun Yat-Sens, kam es schließlich zu einer offiziellen deutschen Beraterschaft, die sich in der Stadt Nanjing niederließ.

1927 brach der neue Machthaber der Guomindang, Chiang Kai-shek, mit der einst verbündeten Sowjetunion und begann in China einen Ausrottungsfeldzug gegen die Kommunisten. Damit verbunden war der Rückzug der bis dahin in China tätigen sowjetischen Militärberater; ihren Platz nahmen nun die deutschen Gesandten ein. Max Bauer, einstige rechte Hand des deutschen Militärs Erich Ludendorff und später prominenter Teilnehmer des Kapp-Putsches, fand während einer von deutschen Industriellen anberaumten Inspektionsreise durch China Kontakt zu Chiang Kai-shek und freundete sich mit diesem an; er wurde von chinesischer Seite wie von Kreisen deutscher Industrieller beauftragt, die Auswahl der militärischen und zivilen Berater zu treffen, die nach China entsandt werden sollten. Bauer verstarb im Jahre 1929, als er sich während seiner Teilnahme am Feldzug der Nationalisten gegen die Rebellen in Guangxi eine Pockeninfektion zuzog.[7]

Auch die deutsche Monopolbourgeoisie hatte den unerschöpflich scheinenden chinesischen Markt wieder stärker im Blick: 1930 bereiste eine Sonderkommission des Reichsverbandes der Deutschen Industrie drei Monate lang China. Als Teilnehmer dieser Delegation fanden sich Vertreter des Maschinenbaus, der Elektro- und Stahlindustrie und auch der Präsident der deutschen Reichsbank. Zeitgleich zur China-Reise der Industriellen übernahm die Reichswehrführung offiziell die Beraterschaft in China und entsandte mit Georg Wetzell einen General der Reichswehr im Ruhestand als Oberhaupt der Beratergruppe nach Nanjing. Unter Wetzell, im Ersten Weltkrieg unter Ludendorff Chef der Operationsabteilung, erreichte die deutsche Beratergruppe ihre größte Ausdehnung: 77 ehemalige deutsche Militärs waren direkt beim Umbau der Guomindang-Armee oder als Lehrende an Militärakademien tätig. Chiang Kai-shek, der sich zu dieser Zeit nahezu ausschließlich auf die deutschen Berater verließ, wurde immer mehr von deren Wirken und Unterstützung abhängig: Deutsche Hilfe wurde für die Diktatur der Guomindang wie auch für Chiangs persönliches Regime zur Überlebensfrage.[8]

Nicht nur die deutschen Imperialisten, sondern auch die deutsche Arbeiterklasse interessierte sich für China – aus Solidarität mit der Revolution der chinesischen Klassenbrüder. Das immer mehr erstarkende Engagement deutscher Wirtschaftskreise und Militärs führte zu massiven Protesten der organisierten Arbeiterschaft bis hin zu Sabotageaktionen der Werft- und Hafenarbeiter gegen Waffenverschickungen nach Fernost; die Kommunistische Partei Deutschlands mobilisierte zur groß angelegten Kampagne „Hände weg von China“. Das Zentralorgan der KPD, die „Rote Fahne“, sowie die kommunistische Illustrierte „AIZ“ („Arbeiter-Illustrierte Zeitung“) versorgten die damals mehrere Millionen zählende Leserschaft mit aktuellen Berichten aus dem revolutionären China. Insbesondere mit dem als „Kantoner Kommune“ bekannt gewordenen Aufstand in Guangzhou im Jahre 1927 übten deutsche Kommunisten proletarische Solidarität; auch über die Gräueltaten der Nationalisten, begangen nach Plänen und mit Waffen des deutschen Militärs wurde breit berichtet. Bei verschiedenen Kongressen und Veranstaltungen kam es zur Verbrüderung chinesischer, sowjetischer und deutscher Genossen. Proletarischer Internationalismus – für die KPD und ihren Vorsitzenden, Genossen Ernst Thälmann, keine leere Floskel.

Die Machtübertragung an die deutschen Faschisten änderte nichts an den Konzeptionen der deutschen China-Politik, sondern beschleunigte die Entwicklung gar noch: Insbesondere durch die Kommunistische Partei Chinas und ihre befreiten Gebiete war Chiangs Herrschaft, und damit auch der deutsche Einfluss, konstant gefährdet – die KP Chinas konnte verschiedene Provinzen unter ihre Kontrolle bringen, errichtete dort eine Räteherrschaft und schickte sich an, ganze Teile Chinas zu befreien. Chiang reagierte – auf deutschen Vorschlag – mit militärischer Eskalation: General Wetzell ersann eine Strategie befestigter Stützpunkte, schlug die standrechtliche Erschießung sämtlicher habhaft gewordener Kommunisten vor[9] und spielte bei allen fünf von Chiang Kai-shek durchgeführten „Umkreisungs- und Vernichtungsfeldzügen“ gegen die Kommunistische Partei Chinas eine herausragende Rolle. China sollte, so die Überlegung bedeutender deutscher Militärs und Industrieller, zu einem antikommunistischen Bollwerk ausgebaut werden. Noch vor dem Pakt mit dem faschistischen Japan schloss Deutschland 1936 einen Anleihevertrag mit China, der von Seiten der deutschen Industrie und Wehrmacht seit 1933 gefordert wurde.[10] Auf Einladung Chiang Kai-shek übernahm der prominente deutsche General Hans von Seeckt – einstiger Chef der Reichswehr und nun im Ruhestand – die deutsche Militärberaterschaft, erwarb sich wie seine Vorgänger Bauer und Wetzell das besondere Vertrauen Chiangs und war sogar berechtigt, im Namen des Marschalls eigenständig Befehle zu erteilen. Die Deutschen machten sich den autoritären Herrschaftsstil Chiangs zu Nutze, ermunterten ihn zu hartem Durchgreifen gegen Oppositionelle und Kommunisten und erarbeiteten nach 1933 gar einen Plan für eine Umwandlung der Republik in eine offen faschistische Diktatur: auf deutsches Geheiß wurde 1934 eine faschistische Bewegung namens „Neues Leben“ aus der Taufe gehoben. Das Scheitern der hochtrabenden deutschen Pläne an den gesellschaftlichen Realitäten Chinas steht allerdings auf einem anderen Blatt: die chinesischen Faschisten, die so genannten „Blauhemden“, endeten als persönliches Terrorinstrument Chiang Kai-sheks gegen politische Konkurrenten.[11]

Das Hauptinteresse der Beraterschaft unter von Seeckt war jedoch weniger ideologischer, sondern in erster Linie wirtschaftlicher Natur: der Gesandtschaftsleiter erreichte ein Tauschhandelsabkommen, die Umwandlung des deutsch-chinesischen Tauschhandels in Staatsmonopole auf beiden Seiten und einen Kredit des Reichswirtschaftsministeriums über 100 Millionen Reichsmark – mit dem Ergebnis eines enormen Aufschwungs deutscher Waffenexporte: 1937 gingen 37 Prozent der deutschen Waffenexporte nach China.[12] Andere deutsche Wirtschaftsbereiche zogen nach: das riesige Chemiekonglomerat IG Farben erwarb ein Monopol in China, die AEG drängten auf den Markt, und Siemens konnte seine seit der Kolonialzeit bestehenden Verbindungen nach China erfolgreich reaktivieren und ausbauen.[13] Stand Deutschland 1932 noch an fünfter Stelle der chinesischen Importe, nahm es 1937 bereits den zweiten Platz mit 17 Prozent der gesamten chinesischen Einfuhr ein – nur übertroffen durch die USA. Andersherum importierte Deutschland 1937 72 Prozent seines Wolfram-Bedarfs aus China – dieses Metall ist insbesondere für die militärisch wichtige Produktion von hochwertigem Stahl bedeutsam und in Deutschland nicht natürlich vorhanden.

„China ist für die Deutschen wie ein offenes Buch“

Zu dieser Erkenntnis gelangt im Jahre 1935 der Bericht einer englischen Handelsmission[14]. Doch zur Wende in den bis dahin für Deutschland günstig verlaufenden Beziehungen zu China und zum Abbruch der deutschen China-Strategie kommt es, als das verbündete faschistische Japan seine Aggression gegen China steigert und 1937 direkte kriegerische Aktivitäten entwickelt: hatte der damalige Leiter der Beraterschaft, der deutsche General Alexander von Falkenhausen, noch auf Seiten der Chinesen an strategischen Verteidigungsplänen für die Schlacht um Shanghai und Nanjing mitgewirkt, stellte die deutsche Regierung nun aufgrund scharfer Proteste Japans die offiziellen Rüstungsverkäufe an China ein. Immerhin bis 1939 gelang es jedoch, mehr oder weniger heimlich einen florierenden Handel mit China aufrecht zu erhalten; noch bis 1939 bezog Deutschland beispielsweise 50 Prozent seines Wolframbedarfs aus China.[15] Doch die Weichen sind gestellt:

Mit der deutschen Anerkennung des von Japan geformten Marionettenstaates „Manschukuo“ und dem Abzug der deutschen Militärberater im Sommer 1938 endete die Beraterschaft Deutschlands in China formell; als die deutsche Regierung endgültig den von Japan ausgehaltenen Marionettenherrscher Wang Jing-wei anerkannte, brach Chiang Kai-shek 1941 auch die diplomatischen Beziehungen mit dem deutschen Reich ab. Deutschland hatte sich eindeutig auf die Seite des verbündeten faschistischen Japan gestellt und zog sich aus Ostasien zurück, um beim Kampf in Europa alle Kräfte zur Unterjochung der Nachbarländer frei zu machen. Eine zunächst außerordentlich erfolgreich erscheinende Beziehung faschistisches Deutschland – nationalistische Republik China ging damit zu Ende.

Das Ringen um die Zerschlagung Chinas nahm einen erneuten Aufschwung, als das faschistische Japan mit der Invasion begann. Chiang Kai-shek, sämtlicher Verbündeter verlustig gegangen, versuchte den Widerstand gegen die japanische Intervention so gering wie möglich zu halten und sich statt dessen lieber der Kommunisten zu entledigen[16]. Die USA, ebenfalls mit Japan im Kriegszustand, nahmen Chiangs Regime als neuer Komprador unter ihre Fittiche.

Japan gelang es, die chinesische Mandschurei abzutrennen[17] und eine Gegenregierung zu Chiang Kai-sheks Nationalisten unter Wang Jing-wei in den besetzten Gebieten zu installieren. Frankreich und Großbritannien hielten in verschiedenen chinesischen Großstädten ganze Stadtteile in ihrer Gewalt und wandelten diese als „Europäerviertel“ in Stützpunkte zu weiterer ökonomischer und militärischer Aggression ins Kernland um. Großbritannien hatte obendrein die Halbinsel Hongkong als direkte Kolonie in Besitz und interessierte sich ganz besonders für eine weitere Provinz Chinas, die nur schwer erreichbar war und zudem kulturell besonders einfach zur Abspaltung bewegbar schien – und obendrein als militärisch uneinnehmbar galt und günstig an der Grenze zu Britisch-Indien lag: Tibet. Nur der deutsche Imperialismus, dessen Expansion auch nach China so hoffnungsvoll begonnen hatte, war vorerst nicht mehr dabei.

Tibet

Das Hochland von Tibet umfasst einen großen Teil des Himalaya-Gebirges und liegt auf einer durchschnittlichen Höhe von 4.500 Metern – dies brachte ihm die Bezeichnung „Dach der Welt“ ein. Seine größte Zeit erlebte Tibet zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung; die damalige tibetische Yarlung-Monarchie hatte durch kriegerische Feldzüge viel Gebiet unterworfen und in Innerasien zeitweise als Großmacht die Kontrolle ausgeübt. Die Eroberung durch die Mongolen im 13. Jahrhundert beendete die Eigenständigkeit Tibets jedoch, für immer: Von nun an war Tibet unter mongolischer Schirmherrschaft, und mit der Etablierung der mongolisch-chinesischen Yuan-Dynastie (die durch die Feldzüge der Mongolen zustande kam) wurde das Gebiet unter Kublai Khan in das damalige chinesisch-mongolische Kaiserreich integriert[18]. Seitdem sind die Bande zu China, in unterschiedlichem Grade, eng: Tibet ist seit der Einigung der mongolischen Gebiete und Eroberungen mit dem chinesischen Kernland, spätestens jedoch seit der Zuschlagung zum feudalen Protektorat des Mandschu-Reiches (der Qing-Dynastie) im Jahre 1720 und der Errichtung eines Vasallenstaates des Mandschu-Kaiserhauses 1793[19] eindeutig Teil des chinesischen Reiches. Die innere Struktur Tibets wurde weder durch die mongolischen, noch – nach Ende der Yuan-Dynastie – durch die chinesischen (Ming-Dynastie) oder Mandschu (Qing-Dynastie)-Herrscher angerührt; was innerhalb Tibets geschah, war weitestgehend sich selbst überlassen. Seit Mitte des 17. Jahrhunderts hatte sich die Gelugpa-Sekte, die – nach ihrer traditionellen Mönchskleidung benannte – sogenannte „Gelbmützen“-Sekte, in mehreren blutigen Reli­gi­­­ons­­kriegen mit tatkräftiger Unterstützung durch die Mongolen gegen die älteren Vertreter anderer buddhistischer Schulen in Tibet durchsetzen können[20], ohne freilich jemals komplett die religiöse Deutungshoheit übernommen zu haben (so existieren auch heute noch konkurrierende, den Dalai Lama nicht anerkennende Gruppen, wie z. B. die „Rotmützen“, in Tibet). Einer der höchsten Würdenträger dieser buddhistischen Sekte, der so genannte Dalai Lama, der jeweils als Reinkarnation seines verstorbenen Vorgängers ausfindig gemacht und inthronisiert wird, nimmt seit dem 17. Jahrhundert die Regierungsbelange innerhalb Tibets wahr. Der „große“ 5. Dalai Lama (1617 – 1682) war der erste Herrscher in dieser Reihe, die bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts andauern sollte. Keineswegs origineller, wohl aber deutlich tatkräftiger als die religiösen Konkurrenten machte sich die Gelugpa-Sekte an die Unterwerfung des Gebiets und seiner Bewohner: im ganzen Land wurden befestigte und bewaffnete Klöster gegründet, diese wiederum „befriedeten“ das Umland: viele Tibeter oder andere dort lebende Minderheiten hingen dem ursprünglichen „Bön“-Glauben an, einer polytheistischen, atavistischen Urreligion. Auch die fanatischen Gelugpa brachten nie mehr als eine Synthese aus importiertem Buddhismus mit Versatzstücken der Bön-Religion, verschiedener Volksaberglauben und Schutzgötterverehrung zustande[21]. Wohl aber gelang ihnen die absolute weltliche Herrschaft über Tibet: sie etablierten ein feudal-theokratisches System, das weder an Engstirnigkeit, noch an Grausamkeit oder Armut der Bevölkerung allzu oft überboten werden sollte.

Hatten die tibetischen feudalen Eliten schon unter der chinesischen Herrschaft während der verschiedenen Dynastien des alten Kaiserreiches weitestgehend freie Hand, so konnten sie unter dem Eindruck der Wirren, in die das chinesische Reich nach den beiden Opiumkriegen[22] geriet und der damit einhergehenden Schwächung der kaiserlichen Zentralregierung vollends nach der Macht greifen und schlussendlich nach der gescheiterten bürgerlichen Revolution eine Art rechtsfreien Raum herstellen. Die territoriale Zugehörigkeit Tibets zu China wurde dann auch im 19. Jahrhundert ernsthaft in Frage gestellt: die Briten griffen nach der Provinz und bereiteten von Indien aus deren Übernahme vor. Im Jahre 1894 gelang es dem 13. Dalai Lama mit Schützenhilfe der britischen Imperialisten, den chinesischen Statthalter aus Lhasa zu vertreiben. Die chinesische Zentralregierung konnte wenig dagegen ausrichten, denn im chinesischen Kernland operierten längst britische Truppen, die die separatistischen Tendenzen der tibetischen Feudal-Theokratie reichlich unterstützten. 1911 stürzte die bürgerlich-demokratische Revolution unter Dr. Sun Yatsen die letzte (Qing-) Dynastie in China, und in den darauf folgenden Revolutions- und Bürgerkriegswirren ergriff der 13. Dalai Lama die Initiative: 1913 erklärte er Tibet – gegen den Widerstand der Republik China – für unabhängig[23].

Sehr weit her war es mit dieser Unabhängigkeit jedoch nicht: weder China, noch irgendein anderes Land der Welt erkannte den neuen Staat an; auch fehlt die chinesischen Unterschrift auf dem „Unabhängigkeitsdokument“[24]. Für die Chinesen war diese Episode bloß eine weitere nationale Demütigung; verübt durch die verschiedenen in China operierenden imperialistischen Mächte. Massive Auswirkungen hatte die neue Politik des 13. Dalai Lama jedoch für die tibetische Innenpolitik: nachdem bereits in den vorangegangenen Jahrhunderten wenig Einmischung durch die chinesische Zentralregierung in das tibetische Geschehen stattfand, hatte die herrschende buddhistische Dynastie nun völlig freie Hand.[25]

In Tibet herrschte zu dieser Zeit tiefstes Mittelalter: 95 Prozent der Bevölkerung waren Analphabeten; regelmäßige Kindesentführungen frischten den Bedarf an Mönchen auf. Der breiten Bevölkerung waren nahezu alle Fortschritte der kapitalistischen Epoche unbekannt; angefangen von völlig fehlender westlicher Medizin, die eigentlich harmlose Krankheiten zur tödlichen Bedrohung machten, über bitterste Armut und Mangel am Notwendigsten bis hin zu unerträglichen hygienischen Zuständen glich Tibet einem Reich, das irgendwo im grauer Vorzeit stehen geblieben war. Um dies zu belegen, braucht man nicht auf chinesische Quellen zurückzugreifen – die wenigen westlichen Reisenden, die in den vor der Befreiung 1950 liegenden hundert Jahren nach Tibet gelangten, zeichnen ein in der Regel vernichtendes Bild – von christlichen Missionaren, Forschungsreisenden und britischen Offizieren, bis hin zu den eigentlich höchst begeisterten deutschen Nazis wird das Leben der einfachen Bevölkerung im alten Tibet als das pure Grauen gezeichnet: unerträgliche soziale Verhältnisse, diktatorisch regierende Kriegermönche, die Menschen niederdrückende Leibeigenschafts- und Ablassgabenregelungen, feudale Familien- und Machtstrukturen, krasse Frauenunterdrückung und ein an Grausamkeit kaum zu überbietendes Strafrecht, das für allerkleinste Vergehen drakonische Strafen vorsah: „Zu den bis weit in das 20. Jahrhundert hinein üblichen Strafmaßnahmen zählten öffentliche Auspeitschung, das Abschneiden von Gliedmaßen, Herausreißen von Zungen, Ausstechen von Augen, das Abziehen der Haut bei lebendigem Leibe und dergleichen. [...] Wie Dokumente der amerikanischen Illustrierten „Life“ belegen, fanden noch bis zum Einmarsch der Chinesen körperliche Verstümmelungen statt: einer Gruppe an Gefangenen sollten öffentlich Nasen und Ohren abgeschnitten werden; auf den Protest der amerikanischen Journalisten hin wurde die Strafe in je 250 Peitschenhiebe umgewandelt.[26]

Im krassen Gegensatz zur unbeschreiblichen Armut der einfachen Bevölkerung lebt die prassende Elite des Landes, der buddhistische Klerus und die theokratischen und aristokratischen Feudalherrscher aus Lhasa. Im „Potala“, dem damaligen Sitz des Dalai Lama, wurde ein ungeheurer Goldschatz, über Jahrhunderte der Bevölkerung abgetrotzt, verwahrt; der Palast selbst und viele Klöster starren vor Goldornamenten und Goldstatuen. Die regelmäßige Eintreibung der drückenden Steuerlasten, von denen das Leben am Hofe des „Gottkönigs“ bestritten wurde, stellte in rigides System von Mönchsbeamtenschaften mittels einer ganz und gar nicht friedfertigen, bewaffneten Mönchspolizei sicher: „Tibet war überzogen von einem engmaschigen Netz an Klöstern und monastischen Zwingburgen, von denen aus das Land und die Menschen beherrscht und gnadenlos ausgebeutet wurden. Gesetzgebung, Gerichtsbarkeit, Polizei und Militär lagen ebenso in den Händen von Mönchsbeamten wie Bildungs- und Gesundheitswesen, Grundbesitz sowie jedwede sonstige Verwaltung. [...] Die überwiegende Mehrzahl der Menschen des alten Tibet lebte unter indiskutablen Bedingungen, ihre Behausungen und ihre Ernährung war katastrophal, Bildung oder Gesundheitsversorgung existierten nicht.[27]

Jegliche Kritik am „alten Tibet“ wird von exiltibetischen Gruppen und ihren westlichen Proliferanten als „chinesische Propaganda“ weggewischt. Der Autor Colin Goldner kommt zu dem Fazit: „Für die große Masse der Bevölkerung war das „alte Tibet“ tatsächlich die „Hölle auf Erden“, von der in der chinesischen Propaganda immer die Rede ist, und aus der das tibetische Volk zu befreien als Legitimation und revolutionäre Verpflichtung angesehen wurde für den Einmarsch 1950.

Die exiltibetische Gemeinde [also die sog. „Exilregierung“ des Dalai Lama in Indien, Anm. d. Verf.] hat sich bis heute gegen jede kritische Beleuchtung der Geschichte des „alten Tibet“ mit aggressiver Vehemenz verwahrt.[28]

Die „Nazi-Tibet-Connection“ und der Ursprung der Tibethysterie in Deutschland

Wenn sich heute manch einer wundert über die oftmals weltfremd wirkende Begeisterung vieler Deutscher für Tibet und sich die dazu passende Frage stellt, wann und warum dieser Trend um sich griff und ausgerechnet Tibet, nicht aber – beispielsweise – die Inka, das alte Guatemala oder die Voodoo-Religion in Lateinamerika zum Ziel der Sehnsüchte, Interpretationen und Träumereien von einem fernen, unberührten, nicht von „Zivilisation“ und „Technik“ verseuchten Märchenland machte, so wird auch die Antwort verwundern: der Tibet-Hype in Deutschland begann – 1942. Damals wurde ein Film namens „Geheimnis Tibet“ zum Kassenschlager der UFA-Filmpaläste, der erstmals das deutsche Publikum mit der Existenz des abgelegenen Landstrichs bekannt machte und bereits viel von den später mit dem „Tibet-Mythos“ in Verbindung gebrachten Elementen enthielt: Tibet, ein gänzlich abgeschottetes, schwer bis gar nicht zu erreichendes fernes Wunderland, regiert von religiösen Führern nach uralten Weisheiten, unerschüttert von all den modernen – je nach Lesart – Segnungen oder Flüchen. Zum Film passend überschwemmt eine wahre Flut von Publikationen die deutsche Öffentlichkeit: „Geheimnisvolles Tibet“, „Wikinger der Wissenschaft“, „Wir reiten in die verbotene Stadt des Dalai Lama“, „Im Schatten der Götterburg“, „mit der Kamera im verbotenen Land“, „Laaloo – die Götter wollen es“, „ein Hannoveraner in Tibet, dem dunklen Herzen Asiens“, „das entschleierte Tibet“, „der Gottkönig empfängt uns“, und dergleichen mehr: in über 400 zentral durch Goebbels’ „Reichsschrifttumskammer“ ferngesteuerten Medien wurde die Tibethysterie angeschürt.[29] Das obsessive Interesse der deutschen Faschisten an Tibet hatte neben abstrusen Rasseideen[30] auch einen ganz profanen Hintergrund: den zweiten Weltkrieg. Um die Lage an der Heimatfront ruhig zu halten und der Bevölkerung neue Kriegsbegeisterung einzuhauchen, wurden verschiedenste Register gezogen; eine breite Publikationswelle über nacheifernswerte ostasiatische Kriegerreligionen, die Samurai oder eben die durchaus nicht gewaltlose tibetische Kultur sollten Ablenkung schaffen und zu neuer Aufopferung inspirieren. Der Film entstand aus dem mitgebrachten Filmmaterial einer deutschen Expedition, die unter dem Leiter, SS-Untersturmführer Ernst Schäfer, unter der „Schirmherrschaft der SS“ 1938/39 auf das „Dach der Welt“ gereist war. Entstanden waren die Pläne zur Expedition im „SS-Ahnenerbe“, der pseudowissenschaftlichen Denkfabrik Heinrich Himmlers. Dementsprechend wurde die Expedition nicht nur mit den nötigen Experten für Geologie, Schürfforschung und Metallurgie ausgestattet, die nach für „Großdeutschland“ ausbeutbarem Material suchen sollten, sondern obendrein auch mit Schädelvermessern und „Rassekundlern“ bestückt. Der Expeditionsteilnehmer Bruno Beger zum Beispiel, der sich in Nazideutschland als „Experte für Schädelkunde“ einen Namen gemacht hatte und für die Expedition folgendes Programm entwarf: „Suche nach fossilen Menschenresten. Suche nach Skelettresten früherer nordischer Einwohner. Erforschung der nordischen Rasse unter der Bevölkerung.“ Fündig wurde Beger dann unter der herrschenden Mönchskaste und im tibetischen Adel: „Hoher Wuchs, gepaart mit langem Kopf; schmales Gesicht, zurücktreten der Backenknochen, [...] herrisch selbstbewusstes Auftreten“.[31]

Die Suche nach Bodenschätzen, der Wunsch nach Filmmaterial für die Erbauung der kommenden „Heimatfront“ und die Rasseideen Heinrich Himmlers, der im Himalaja auf den Fund gemeinsamer Urahnen der „Arier“ hoffte, waren nur die oberflächlichen Gründe für die teure und nicht ungefährliche Expedition in ein Gebiet der Welt, das damals zu den unzugänglichsten des gesamten Planeten gehörte. Tatsächlich waren es in erster Linie geostrategische Planungen, die diese Reise – immerhin durch die Linien der Briten und deren Kronkolonie Indien – ermöglichten: Tibet nahm in den Planungen für ein imperialistisches Roll-Back durch Deutschland eine strategische Position ein. Einmal gegen die Briten, die in Indien saßen und nicht nur durch von den deutschen Faschisten aufgewiegelte indische „antiimperialistische Freiheitskämpfer“[32], sondern auch von der Grenze zu Tibet unter Feuer genommen werden sollten; andererseits auch für einen kommenden Zusammenschluss mit der verbündeten faschistischen „Achsenmacht“ Japan in China, die zum Zeitpunkt der Expedition bereits tief im chinesischen Kernland militärisch operierte. Um diese geographische Schlüsselposition zu besetzen, waren zunächst einmal Beziehungen zur tibetischen Herrscherkaste nötig – Tibet unterhielt selbstverständlich keinerlei Botschaften, hatte weder Diplomaten noch Gesandte im Ausland oder verfügte weder über Telefon-, noch wenigstens über Postanbindung an den Rest der Welt. Die SS-Männer waren also in vielfacher Mission unterwegs: neben Bodenschürfungen, Schädelvermessungen und Filmaufnahmen waren sie das diplomatische Corps des deutschen Faschismus auf dem Hochplateau im Himalaja.

Die SS-Männer, in Tibet angelangt, sind fasziniert vom Land „unter dem östlichen Hakenkreuz“. Einiges kennen sie aus eigener Anschauung, aus Deutschland, dem Land unter dem „westlichen Hakenkreuz“: Ernst Schäfer, der an den Menschenexperimenten des KZ-Arztes Rascher in Dachau teilnahm, und Bruno Beger, der später wegen Mordes an 86 sowjetischen Kriegsgefangenen vor Gericht gestellt wird[33], deren Skelette er einer „anthropologischen Sammlung“ von „Judenschädeln“ einverleibt hatte und dafür extra eine „Entfleischungsmaschine“ orderte, fühlen sich im nekrophilen, makabren und düsteren tibetischen Ritualglauben wie zu Hause. Befriedigt konnte Schäfer dann auch feststellen: „Zwecks Beschwichtigung der tantrischen Gottheiten sind anstelle milder Gaben von Blumen und Früchten auch heute noch Blutopfer gebräuchlich.[34] Die SS-Expedition war jedenfalls ein Erfolg auf ganzer Linie: das Treffen mit dem damaligen Regenten Renting Rinpoche, der die Deutschen auf einem mit Hakenkreuzen geschmückten Thron sitzend empfing, löste nicht nur bei Schäfer mythische Gefühle und übersinnliche Erfahrungen aus, sondern brachte auch handfeste Ergebnisse: zwei versiegelte Schreiben, je an Adolf Hitler und Heinrich Himmler: „Dem trefflichen Herrn Hitler (König) der Deutschen, der erlangt hat die Macht über die weite Erde![...] Gegenwärtig bemühen Sie sich um das Werden eines dauerhaften Reiches in friedlicher Ruhe und Wohlstand, auf rassischer Grundlage. Deshalb erstrebt jetzt der Leiter der deutschen Tibetexpedition, der Sahib Schäfer (She-par), zumal keine Schwierigkeiten im Wege stehen, bis zu einem unmittelbaren Verkehr mit Tibet nicht nur das Ziel der Festigung des (persönlichen) freundschaftlichen Verkehrs auf (unsere beiderseitigen) Regierungen. Nehmen Sie nun, Eure Exzellenz, Führer (wörtlich König) Herr Hitler, zu diesem Verlangen nach gegenseitiger Freundschaft, wie sie von Ihrer Seite ausgesprochen wurde, unsere Zustimmung.[35]

Nach diesem erfreulichen Ausgang der Expedition machte sich das SS-Hauptquartier an die Umsetzung einer zweiten, größeren und weniger friedlichen Mission: die nächsten Deutschen, die im Himalaja kulturelle Gemeinsamkeiten bejubeln würden, sollten Soldaten sein. Ihr Ziel: von Tibet, der uneinnehmbaren Bergfeste, in die britische Kronkolonie, und nach China zu den dort stehenden verbündeten japanischen Truppen. Dass daraus nicht mehr wurde, lag am verloren gegangenen Krieg.

Das jähe Ende auch der zweiten militärischen Expansion des deutschen Imperialismus sollte die deutschen Strategien um Dominanz auch auf diesem Kontinent vorerst zum Erliegen bringen. Der nächste Abgesandte, der im Sinne Deutschlands in China tätig werden sollte, war für die Imperialisten insofern ein „Glückstreffer“, als dass sein Einsatz nirgendwo geplant wurde, aber trotzdem höchst erfolgreich werden sollte: es handelt sich um den gebürtigen Österreicher Heinrich Harrer, dem man wohl mit Fug und Recht das größte Verdienst an den bis heute sehr engen Beziehungen der BRD zur alten und mittlerweile exilierten tibetischen Feudalelite zusprechen kann.

Heinrich Harrer: Deutschlands inoffizieller Botschafter in Tibet

Wohl keiner dürfte einen solchen prägenden Einfluss zumindest auf die westliche Tibet-Wahrnehmung ausgeübt haben wie eben jener Harrer: der Grazer Extrembergsteiger, bereits seit 1933 (also noch in der Illegalität) SA-Mitglied im (damals unabhängigen) Österreich und später nach der Annexion Österreichs auch im „schwarzen Korps“ SS und in der NSdAP (seit 1938), geriet im Jahre 1939 gemeinsam mit seinem Bergsteigerkollegen Peter Aufschnaiter in britische Kriegsgefangenschaft, nachdem sie bei dem Versuch, den Berg Nanga Parbat zu besteigen, in Indien vom Beginn des Zweiten Weltkrieges überrascht wurden. Der damalige Mitgefangene im britischen Internierungslager, Fritz Kolb, überzeugter Antifaschist und im Lager in ständiger Todesangst vor den dort offen gewalttätig auftretenden Nazis unter den Häftlingen, schilderte Harrer später als einen der gefährlichsten Obernazis im Lager: Harrer hätte sich mehrfach mit der Teilnahme an der Brandstiftung, die während der sog. „Reichspogromnacht“ gegen die Grazer Synagoge verübt wurde, gebrüstet.[36]

Harrer hielt es nicht lange im Kriegsgefangenenlager in Indien. Gemeinsam mit Aufschnaiter brachen die geübten Alpinisten (Harrer gehörte zu den Erstbesteigern der Eiger Nordwand) aus dem Camp aus und flüchteten über den Himalaja, nach Tibet. Ihr Ziel war, so Harrer in seiner Autobiographie „Sieben Jahre in Tibet“[37], die japanische Front in China. Von den verbündeten Japanern erhofften sie sich die Ermöglichung einer raschen Heimreise nach Deutschland; in Europa tobte der Zweite Weltkrieg, und so weit ab vom Geschehen in Indien festzusitzen entsprach weder Wunsch noch Weltbild der jungen Männer. Tibet war dabei nur als Durchgangsstation ihrer Reise geplant; der Buchtitel verrät jedoch bereits, dass aus der Fraternisierung mit den in China kämpfenden japanischen Faschisten nichts wurde: Harrer sollte den gesamten zweiten Weltkrieg und die ersten Nachkriegsjahre auf dem Hochplateau verbringen. Nach einer beschwerlichen und gefahrvollen Reise über die bis zu 6.000 Meter hohen Gebirgspässe, mehrfachen Schummeleien mit gefälschten Grenzpapieren und Bestechung von Zollbeamten schaffte Harrer es gemeinsam mit Aufschnaiter bis nach Lhasa – sie waren dort zwar weder die ersten noch die einzigen Ausländer, doch war die Fremdenkolonie der Stadt überschaubar: ein englischer Diplomat residierte dort.

Nun gehen die Darstellungen der Beteiligten auseinander: Heinrich Harrer selbst schildert in seinem Buch, wie er bis zum Hauslehrer des jungen 14. (des jetzigen) Dalai Lama aufstieg: er will ihn in Englisch, Geographie und Naturwissenschaften sowie anderen Fächern unterrichtet haben; besondere Freude hätte dem unterdessen 15-jährigen Knaben das Betrachten militärischer Bildbände über den Zweiten Weltkrieg bereitet. Obendrein sei er, Harrer, es gewesen, der die vom verstorbenen 13. Dalai Lama hinterlassenen Filmprojektoren zum Laufen gebracht hat und so dem jungen Herrscher ein eigenes Kino einrichtete – der Dalai Lama hätte unwirsch bis beleidigt reagiert, wenn der deutsche Hauslehrer zu spät zum üblichen Termin eingetroffen sei; so wichtig seien ihm die Zusammenkünfte mit dem Ausländer gewesen. Von „Kundün“, dem „Ozean der Weisheit“, war Harrer laut eigener Aussage sehr angetan: „Seine Haut war viel heller als die es Durchschnittsstibeters und noch um einige Schattierungen lichter als die der Lhasa-Aristokratie. [Wir erinnern uns an das „arische“ Aussehen des Adels, das „Rassenexperte“ Beger bereits Jahre vorher festgestellt hatte! Anm. d. Verf.] Seine sprechenden, kaum geschlitzten Augen zogen mich gleich in ihren Bann; sie sprühten vor Leben und hatten nichts von dem lauernden Blick vieler Mongolen“.[38] Der Dalai Lama selbst erwähnt den Namen Heinrich Harrer in seinem ersten, 1962 erschienenen Buch „Mein Leben und mein Volk – die Tragödie Tibets“, allerdings mit keiner einzigen Silbe, obwohl er durchaus über die in Lhasa anwesenden Ausländer zu berichten weiß, die laut Harrers Selbstauskunft nicht einmal annähernd an die eigene Rolle am Herrscherhof herankamen.

Heinrich Harrer verließ Tibet 1950, kehrte 1952 nach Österreich zurück und vermarktete seitdem äußerst gewinnbringend seine Tibet-Erfahrungen: sein Buch „Sieben Jahre in Tibet“ wird schnell zum Bestseller; bis heute führt es die Rankings der Reise- und Abenteuerliteratur in Deutschland unangefochten an. Jüngst wurde der Stoff verfilmt, mit Brad Pitt in der Hauptrolle: Harrer ließ es sich nicht nehmen, noch als Hochbetagter den Schauspieler persönlich zu instruieren. Auch die Wertschätzung, die Heinrich Harrer durch den Dalai Lama später erfahren sollte, ändert sich auf einmal: die Wichtigkeit des umtriebigen Abenteurers für das eigene Marketing erkennend, rückt sich der Dalai Lama ab jetzt regelmäßig mit Harrer ins rechte Medienlicht. Der Österreicher wird der beste „Verkäufer“ in Sachen „free Tibet“. Auf einmal erinnert sich der Dalai Lama daran zurück, dass er und Harrer seit der ersten Zusammenkunft (auf einer Massenprozession, die keinerlei Möglichkeit des direkten Kontakts bot, bei der Harrer aber bereits nach eigener Aussage „Blickkontakt“ mit dem jugendlichen Dalai Lama aufgenommen haben will!) schon „sehr gute Freunde“ gewesen seien.[39] Auch in späteren Jahren treffen die beiden oft zusammen, und was für einen Mann der Dalai Lama als Chefpropagandisten an der Hand hat, ist ihm vollauf bewusst. In einem Interview 1997, mit den damals im Zuge der geplanten Verfilmung von „Sieben Jahre in Tibet“ bekannt gewordenen Naziverstrickungen Harrers konfrontiert, offenbart der „Ozean der Weisheit“ sein Geschichtsverständnis: „Natürlich wusste ich, dass Heinrich Harrer deutscher Abstammung war – und zwar zu einer Zeit, als die Deutschen wegen des Zweiten Weltkrieges weltweit als Buhmänner dastanden. Aber wir Tibeter haben traditionsgemäß schon immer für die Underdogs Partei ergriffen und meinten deshalb auch, dass die Deutschen gegen Ende der vierziger Jahre von den Alliierten genug bestraft und gedemütigt worden waren. Wir fanden, man sollte sie in Ruhe lassen und ihnen helfen.[40] Der Bergsteigerkollege Reinhold Messner, ebenfalls bekannt vor allem durch seine Reiseliteratur, hat Harrer ebenfalls kennen gelernt. Er schreibt im selben Jahr, 1997: „Immer wieder kam von Heinrich Harrer die Kritik, wir Jungen könnten nicht mehr Seilschaften fürs Leben bilden, uns fehlten Intensität, Treue und Ausdauer. Er hält immer noch für richtig, was die Nazis gepredigt haben.[41]

Die zweite Welle der Tibetbegeisterung im Westen wurde initial maßgeblich von Harrer und seinen Publikationen gezündet: auf einmal rückte das ferne Märchenland wieder ins öffentliche Bewusstsein; diesmal jedoch weniger als geheimnisvolles, abgeschlossenes Reich, sondern vielmehr als Exempel für die grausame Unterdrückungspolitik der Kommunisten. Denn die chinesischen Kommunisten waren der Grund, warum Heinrich Harrer Tibet 1950 überstürzt verlassen musste und sein Freund und Schüler, der Dalai Lama, ihm einige Jahre später folgte.

Der 17 Punkte Vertrag vom 23. Mai 1951 zwischen der Volksrepublik China und der Regierung von Tibet über die Maßnahmen zur friedlichen Befreiung Tibets

1. Das tibetische Volk soll sich zusammenschließen und die imperialistischen Angreifer aus Tibet vertreiben; das tibetische Volk soll in die große Völkerfamilie des Mutterlandes der Volksrepublik China zurückkehren.

2. Die lokale Regierung Tibets soll die Volksbefreiungsarmee beim Einrücken in Tibet aktiv unterstützen und die nationale Verteidigung festigen.

3. In Übereinstimmung mit der Politik gegenüber den nationalen Minderheiten Gruppen, wie sie im „Allgemeinen Programm“ der Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes (CPPCC) verankert ist, hat das tibetische Volk das Recht zur Ausübung regional nationaler Autonomie unter der geeinten Führung der Zentralen Volksregierung.

4. Die Zentralbehörden werden das bestehende politische System in Tibet unverändert lassen. Die Zentralbehörden werden außerdem den bestehenden Status, die Funktionen und Befugnisse des Dalai Lama nicht antasten. Die Beamten der verschiedenen Rangstufen sollen ihre Ämter ausüben wie bisher.

5. Der bestehende Status, die Funktionen und Befugnisse des Pantschen Lama sollen erhalten bleiben.

6. Mit dem bestehenden Status, den Funktionen und Befugnissen des Dalai Lama und des Pantschen Lama sind der Status, die Funktionen und Befugnisse des Dreizehnten Dalai Lama und des Neunten Pantschen Lama zu der Zeit gemeint, als zwischen beiden freundschaftliche und friedliche Beziehungen bestanden.

7. Die Politik der religiösen Glaubensfreiheit, wie sie im Allgemeinen Programm der Politischen Konsulatativkonferenz des Chinesischen Volkes (CPPCC) niedergelegt ist, soll wirksam werden. Religion, Sitten und Gebräuche des tibetischen Volkes sollen respektiert und die Lamaklöster geschützt werden. Die Zentralbehörden werden den Klöstern unverändert ihre Einkünfte belassen.

8. Die tibetischen Streitkräfte werden Schritt für Schritt der Volksbefreiungsarmee eingegliedert und Bestandteile der nationalen Verteidigungskräfte der Volksrepublik China werden.

9. Die Sprache in Wort und Schrift sowie das Schulwesen der tibetischen Nationalität sollen in Übereinstimmung mit den heutigen Bedingungen in Tibet Schritt für Schritt entwickelt werden.

10. Die tibetische Landwirtschaft, Viehzucht, Industrie und der Handel sollen schrittweise entwickelt und der Lebensstandard des Volkes in Übereinstimmung mit den heutigen Bedingungen in Tibet schrittweise verbessert werden.

11. Hinsichtlich verschiedener Reformen in Tibet werden die Zentralbehörden keinen Zwang ausüben. Es bleibt der lokalen Regierung in Tibet überlassen, Reformen selbständig durchzuführen, und wenn im Volk Reformwünsche laut werden, sollen sie durch Beratung mit den maßgeblichen Personen in Tibet erfüllt werden.

12. Insofern frühere, dem Imperialismus und der Guomindang zugeneigte Beamte alle Beziehungen zu imperialistischen Kräften und zur Guomindang entschieden abbrechen und weder Sabotage betreiben noch Widerstand leisten, dürfen sie ungeachtet ihrer Vergangenheit im Amt bleiben.

13. Die in Tibet einrückende Volksbefreiungsarmee wird die oben aufgeführten politischen Richtlinien beachten, wird sich bei allen Käufen und Verkäufen anständig verhalten und der Bevölkerung nicht das Geringste, weder Nadel noch Faden, gewaltsam nehmen.

14. Die Zentrale Volksregierung soll die auswärtigen Angelegenheiten des Gebietes Tibet einheitlich handhaben. Mit den Nachbarländern wird friedliche Koexistenz herrschen, und auf der Basis von Gleichheit, gegenseitigem Nutzen und gegenseitiger Achtung der Grenzen und der Souveränität werden mit ihnen faire Wirtschafts- und Handelsbeziehungen aufgenommen und entwickelt werden.

15. Zur Sicherung der praktischen Durchführung dieses Abkommens soll die Zentrale Volksregierung einen Militär- und Verwaltungsausschuss sowie ein militärisches Hauptquartier in Tibet schaffen. Außer dem von der Zentralen Volksregierung entsandten Personal soll möglichst viel einheimisches tibetisches Personal zur Mitarbeit herangezogen werden. Zu dem einheimischen tibetischen Personal, das in dem Militär- und Verwaltungsausschuss mitarbeitet, können patriotische Kräfte aus der lokalen Regierung Tibets, aus verschiedenen Gebieten und aus führenden Klöstern gehören; die Namensliste soll nach Konsultation zwischen den Beauftragten der Zentralen Volksregierung und den verschiedenen in Frage kommenden Behörden aufgestellt und der Zentralen Volksregierung zur Genehmigung vorgelegt werden.

16. Die Kosten für den Militär- und Verwaltungsausschuss, das militärische Hauptquartier und die in Tibet einrü­ckende Volksbefreiungsarmee werden von der Zentralen Volksregierung getragen. Die lokale Regierung Tibets wird die Volksbefreiungsarmee beim Ankauf und Transport von Lebensmitteln, Futter und anderen Dingen des täglichen Bedarfs unterstützen.

17. Dieses Abkommen tritt sofort in Kraft, nachdem die Unterschriften geleistet und die Dokumente gesiegelt sind.

Unterzeichnet und besiegelt von den bevollmächtigten Delegierten der Zentralen Volksregierung: Chef-Delegierter Li Wei-han (Vorsitzender der Kommission für Angelegenheiten der Nationalitäten) Delegierte: Chang Ching-wu, Chang Kuo-hua, Sun Chih-yuan.

Bevollmächtigte Delegierte der Landesregierung Tibets: Chef-Delegierter: KaIön Ngabö Ngawang Dschigme (Ngabö Schape); Delegierte: Dsasag Kemä Sonam Wangdü, Kendrung Tubten Tender, Kentschung Tubten Legmön, Rimschi Samposä Tenzin Döndrub.

Peking, am 23. Mai 1951

1950/51: die Befreiung Tibets

Am 1. Oktober 1949 rief Mao Zedong vom Tor des himmlischen Friedens die Volksrepublik China aus; mit diesen Worten „das chinesische Volk ist nun aufgestanden“ endeten dreißig Jahre Bürgerkrieg und nationaler Verteidigungskrieg. Die Invasion der japanischen Faschisten konnte 1945 erfolgreich zurückgeschlagen werden, 4 Jahre später wurden auch die Lakaien der Guomindang vertrieben: China war, nach 100 Jahren Unterdrü­ckung und Bekriegung, endlich frei von ausländischen Mächten. Die geschlagenen Guomindang zogen sich nach Taiwan zurück; und neben der Insel Taiwan und den verbliebenen Kleinkolonien Hongkong und Macao war nun Tibet das einzige Territorium Chinas, das 1949 noch nicht befreit und in die Nation eingegliedert war. Tibet konnte 1950/51 durch einen nahezu unblutigen Einmarsch der Volksbefreiungsarmee zurückerobert werden; lediglich in der damaligen Provinz Quamdo kam es zu Gefechten, die allerdings rasch endeten und zur Absetzung des probritischen tibetischen Regenten Dhagza führten. Statt seiner wurde der 16-jährige Dalai Lama, wiewohl inthronisiert, so doch bis dahin noch nicht an den Regierungsgeschäften beteiligt, vorzeitig eingesetzt. Der Fall Quamdos versetzte die feudale Theokratenclique in Lhasa in Furcht: überstürzt und mit ihrem immensen Goldschatz im Gepäck verließen die Anführer der herrschenden Feudalklasse die Hauptstadt und setzten sich vorübergehend an die Grenze ab.

Durch die freiwillige Abschottung vom Rest der Welt und den Versuchen, auch sämtliche Verbindungen zum chinesischen Mutterland zu kappen, herrschte Konfusion in den Regierungsetagen des alten Tibet: wer waren diese Truppen, die unter den Bildern Mao Zedongs und Zhu Des (des Oberkommandierenden der VBA) anmarschiert kamen, und dessen Anführer bei den analphabetischen Bauern zu einem gemeinsamen Volkshelden mythischer Statur namens „Mao Zhu“ verschmolzen waren? Was für einer Ideologie folgten sie, was wollten sie in Tibet ändern? Ging es nur um Wiederherstellung der unterbrochenen Oberhoheit Chinas, die mehr nominell war und sich, wie seit den Jahrhunderten der untergegangenen Qing-Dynastie, auf Kontributionen und offizielle Verkündigungen beschränkte? Könnte man also vielleicht, nach einer kurzen Phase der Unordnung, weiterwirtschaften wie zuvor? Vielleicht trieb diese Überlegung den tibetischen Mönchsadel für kurze Zeit an die indische Grenze in Abwartehaltung, und dann zur Rückkehr nach Lhasa: Man wollte die neuen Herren erstmal in Augenschein nehmen, nichts überstürzen – zu groß wären die Verluste an Macht und Gold, wenn man vorzeitig abrücken würde ...

Diese Überlegung schien zunächst gerechtfertigt: die chinesische Volksregierung setzte nach der Rückeroberung Tibets ein 17-Punkte-Abkommen auf[42], das unter Berücksichtigung der besonderen, rückständigen Zustände in Tibet nur die nackte Leibeigenschaft in die Geschichtsbücher verbannte, sonst aber wenig zu ändern drohte: der Klerus und seine Klöster, der Adel und seine Landgüter blieben unangetastet, es gab keine Enteignungen und Hinrichtungen. Dass das 17-Punkte-Abkommen im Jahre 1959 einseitig durch die tibetische Feudalklasse gebrochen wurde, was anschließend zu ihrer völligen Absetzung und zu durchgreifenden demokratischen Reformen (wie beispielsweise der tibetischen Landreform) führte, steht auf einem anderen Blatt und hängt dennoch eng mit dem untypischen Einmarsch der VBA zusammen: die alten Herrscher konnten sich, gesetzmäßig aus ihrer historischen Rolle heraus, selbst mit den erst einmal nur minimalen Verlusten nach 1950 nicht abfinden, und insbesondere die Großgrundbesitzer rebellierten gegen das Ende der Leibeigenschaft. Die Soldaten mit dem roten Stern an der Mütze kamen zwar in friedlicher Absicht und hatten überhaupt nicht vor, den Klerus und Adel selbst abzusetzen. Doch die Boten der neuen Zeit lösten eine Eigendynamik aus, die die tibetische Gesellschaft revolutionierte: die Bauern legten Gebetsmühle und Büßergewand ab und hinterfragten auf einmal die Herrschaftsmuster, die Nachrichten der großen wirtschaftlichen Erfolge aus anderen Teilen der VR China kamen auch in Tibet an, und die sich auch in Tibet etablierende Kommunistische Partei hatte ganz andere Losungen und Vorstellungen als die Boten Han-Chinas aus früheren Zeiten mitgebracht: die Zeit der unumschränkten Herrschaft unter goldenen Buddhastatuen war vorbei, unwiederbringlich.

Der Einmarsch der chinesischen Volksbefreiungsarmee beendete das Mittelalter in Tibet. Auch wenn in der extrem rückständigen Region, nicht zuletzt durch das unwegsame und lange schwer bis gar nicht zugängliche Terrain, nur langsam Fortschritte zu erwarten waren, endete zumindest die absolute, auf religiösen Fanatismus und oftmals nackte Gewalt gestützte Herrschaft der Mönchstheokratie über die Masse des unaufgeklärten, in Armut und Dummheit gehaltenen Volkes. Die Zukunft hielt Einzug in Tibet, und ließ alle Tibeter an ihr teilhaben: die tibetische Kultur und Schrift erfuhr nicht nur Schutz, sondern wurde – dank der Alphabetisierung – endlich zum Allgemeingut. Die Medizin verlängerte die Lebenszeit der Menschen, fortschrittlichere Produktionsmethoden erleichterten den Alltag. So setzte auch keineswegs eine große Fluchtbewegung ein, als die chinesische Armee eintraf – selbst der Dalai Lama, nach seiner Flucht vor der Volksbefreiungsarmee an die indische Grenze wieder nach Lhasa zurückgekehrt, hielt es noch ganze neun lange Jahre recht gut mit den neuen Herrschern aus – er wurde gar als Vizepräsident in den Nationalen Volkskongress (das chinesische Parlament) gewählt[43]. Die chinesische Zentralregierung handelte nach dem Prinzip der Selbstbefreiung und gestattete einem Gremium, dem der Dalai Lama vorstand und das verschiedene religiöse Würdenträger beinhaltete, weitestgehende Autonomie, insbesondere in Fragen Freiheit der Religionsausübung und innerprovinzieller Verwaltung. Die Volksrepublik übernahm nicht einmal die tibetische Polizei, sondern nur die militärische Präsenz an den Grenzen zu Indien und den weiteren Anrainerstaaten.

Ein Kapitel, an das der Dalai Lama heute nur noch ungern erinnert wird: die damalige Zusammenarbeit zwischen der Provinzregierung der neuen „Autonomen Region Tibet“ und der Zentralregierung gestaltete sich gewinnbringend für beide Seiten. Der Dalai Lama nahm an einer großen Rundreise durch die Volksrepublik teil, begeisterte sich – laut eigener Aussage – nicht nur für die ungeheuren technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten, sondern selbst für den atheistischen Marxismus: „Je mehr ich mich mit dem Marxismus beschäftigte, desto besser gefiel er mir. [...] Der einzige theoretische Nachteil des Marxismus war, soweit ich das beurteilen konnte, dass er auf einer rein materialistischen Sichtweise der menschlichen Existenz beharrte. Damit konnte ich nicht einverstanden sein. [...] Trotzdem äußerte ich den Wunsch, Parteimitglied zu werden.[44] Auch der Vorsitzende Mao Zedong übte keinen schlechten Eindruck auf den jungen Dalai Lama aus: „Ich saß neben ihm und spürte, welche Macht seine Persönlichkeit ausstrahlte. [...] Schon ehe ich China verließ, war ich tief beeindruckt von Mao Zedongs außergewöhnlicher Persönlichkeit. Ich hatte ihn, abgesehen von unseren privaten Zusammenkünften, bei vielen gesellschaftlichen Anlässen getroffen. Seine Erscheinung verriet nichts von seiner geistigen Macht. [...] Er war langsam in seinen Bewegungen und noch langsamer im Sprechen. Geradezu wortkarg, redete er nur in kurzen Sätzen, jeder aber voller Bedeutung und fast immer klar und präzise; beim Sprechen rauchte er unaufhörlich. Dennoch fesselte seine Art zu reden ganz sicher Verstand und Phantasie seiner Zuhörer und erweckte den Eindruck von Wohlwollen und Offenheit. Ich war überzeugt, dass er selbst glaubte, was er sagte, und dass er voller Zuversicht war, alles erreichen zu können, was er beabsichtigte; ich war auch sicher, dass er selbst niemals Gewalt anwenden würde, um Tibet in einen kommunistischen Staat zu verwandeln. Gewiss – die Verfolgungspolitik der chinesischen Funktionäre in Tibet hat mir später meine Illusionen genommen. Aber es fällt mir noch immer schwer zu glauben, dass diese Unterdrückungsmaßnahmen die Billigung und die Unterstützung eines Mao Zedong fanden.[45]

Wann immer die anfängliche Begeisterung des Dalai Lama gegenüber der Volksrepublik und ihrer Repräsentanten, die er heute zu relativieren oder wegzureden sucht, in unversöhnliche Feindschaft umschlug: die – moralisch begründete – Zuversicht des jungen Mannes, der sich anfänglich von der Aufbaustimmung in der VR China mitreißen ließ, stieß irgendwann an ihre Grenzen – der Dalai Lama schildert selbst im obigen Zitat, wie ihn die „rein materialistische“ Grundlage des marxistischen Denkens störte. Für einen seit dem 4. Lebensjahr von selbstherrlichen Mönchen in strenger Klausur erzogenen Menschen, der vom Alltagsleben nichts und vom Rest der Welt höchstens durch den Mund eines SA- und SS-Mannes erfahren konnte, musste es ganz sicher äußerst schwer sein, die so von klein auf antrainierten Denk- und Verhaltensmuster abzulegen. Der Dalai Lama entschied sich – entsprechend seiner Klassenlage – für die Vergangenheit, gegen die Zukunft. So mag die persönliche Komponente aussehen, die zum Bruch mit China und ins Exil nach Indien führte. Die tatsächlichen gesellschaftlichen Ursachen waren freilich andere, auch wenn dem Dalai Lama dies selbst – vielleicht bis heute – nicht klar ist.

Denn die Fäden hinter den Kulissen zogen oftmals ganz andere Leute, die den „Ozean der Weisheit“ sicher ebenso sehr manipulierten und nutzten, wie er selbst seine Umgebung zu gebrauchen verstand. Die Familie des Dalai Lama, insbesondere seine Mutter, die als Gebärerin des „Gottkönigs“ eine ganz eigene Verehrung im „alten Tibet“ genoss, aber auch die Brüder, die ebenfalls in der religiösen und staatlichen Hierarchie aufgestiegen waren, stellte einen eigenen Machtfaktor in der Provinz dar, auch nach 1950. Thupten Jigme Norbu und Gyalo Thöndrup, die beiden älteren Brüder des Dalai Lama, nahmen bereits im Jahr 1956 mit der amerikanischen CIA Kontakt auf. Ab 1958 wurde eine durch die CIA in den USA trainierte und bewaffnete Truppe von 400 Guerillakämpfern, die später – was nie geschah – um 3.500 weitere Kämpfer aufgerüstet werden sollte, im nepalesischen Berggebiet stationiert, das überwiegend von Tibetern besiedelt ist. Dort wurden weitere ethnische Tibeter rekrutiert, von der CIA gedrillt und bewaffnet.[46]/47 Sie konnten „den Chinesen mehrere Male erheblichen Schaden zufügen“, wie der friedliebende Dalai Lama nicht ohne Genugtuung feststellt.[48] Vor dieser schon an militärische Auseinandersetzungen grenzenden Rebellentätigkeit, die durch die zur parasitären Oberschicht gehörenden Angehörigen der Dalai-Lama-Familie inszeniert wurden, war es wiederholt zu Spannungen zwischen dem kleinen, an Leibeigenschaft und absoluter Herrschaft festhaltenden Teil der tibetischen Oberschicht und der bäuerlichen Bevölkerung, die – ermutigt durch die Soldaten der Volksbefreiungsarmee – soziale Reformen anstrebte, gekommen. Auch wenn das 17-Punkte-Abkommen die innenpolitische Souveränität der Provinzialregierung festlegte, war doch die durch die Befreiung und Abschaffung der Leibeigenschaft entstandene Dynamik in der tibetischen Gesellschaft nicht mehr aufzuhalten: die neue Zeit hatte Einzug gehalten, und immer mehr Menschen wollten an ihren Errungenschaften teilhaben. Die Beseitigung der letzten feudalen Relikte war dafür die Grundvorausetzung. Die reaktionären Klassen wehrten sich dagegen, und die Unterstützung durch imperialistische Mächte, zunächst insbesondere die USA, kamen ihnen dabei gelegen. Mit ihrer Rebellenarmee, die unter dem Namen „Religionsschutzarmee“ auf Menschenfang ging, erfass­te die Rebellion schließlich 1959 weitere Gebiete des Landes, insbesondere auch Lhasa. Der bis dahin zögerliche und zaudernde Dalai Lama konnte nun schlussendlich mit dem verbreiteten Gerücht, die Chinesen wollten ihn kidnappen, zur Beteiligung überredet werden. Doch es half alles nichts: die Rebellion wurde niedergeschlagen und die Rebellenarmee entwaffnet, wenn sie nicht ins sichere Ausland entkam. Mit ihnen, den geschlagenen alten Kräften Tibets, floh der Dalai Lama. Er hat seitdem China und die Region Tibet nie wieder betreten.

Das heutige Refugium des Dalai Lama heißt Dharamsala und liegt im Bundesstaat Himachal Pradesh, Indien. Dieses von der indischen Regierung 1960 zur Verfügung gestellte Gebiet umfasst den Ort McLeodGanj, rund 10 Kilometer von der eigentlichen Bezirkshauptstadt Dharamsala entfernt, und war früher ein britischer Garnisonsstützpunkt gewesen und bis zur Ankunft des Dalai Lama und seines Gefolges eine Art Geisterstadt – nun hielt die so genannte „Exilregierung Tibet“ dort Einzug, um nicht nur eine geistige, sondern auch eine ganz weltliche Herrschaft über einige Tausend freiwillig exilierte Tibeter und eher unfreiwillig dort lebende Inder anzutreten. Von hier aus sollen sich – bis heute – alle Aktivitäten des Dalai Lama und seiner Getreuen entfalten, die auf die „Unabhängigkeit“ Tibets abzielen: die „Exilregierung“, von keinem einzigen (!) Staat der Welt anerkannt[49], erhebt den Anspruch nicht nur auf die autonome Region Tibet, sondern auch auf weitere Gebiete der Volksrepublik, die – nach ihrer Lesart – zu einem „Groß-Tibet“ gehören.

Nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg lag der deutsche Imperialismus am Boden – und wäre, bei Umsetzung der von den alliierten Siegermächten erlassenen Bestimmungen, auch dort geblieben. Nach der Konfrontation der westlichen Siegermächte mit der sozialistischen Sowjetunion, nach dem kalkulierten Widererstarken der deutschen Imperialisten ging des darum, das verlorene Terrain wettzumachen, alte Beziehungen wieder herzustellen und so für die kommenden Auseinandersetzungen gerüstet zu sein. Die VR China, unterdessen Teil der sozialistischen Staatengemeinschaft, wurde zum neuen Fokus imperialistischer Mächte. Der Koreakrieg bewies, dass die nackte militärische Drohung, auch mit Atomwaffen, wenig auszurichten in der Lage war.

Heutzutage hat sich der deutsche Imperialismus genügend emanzipiert, um erneut zu zündeln: die „weiche“, verhüllte Form imperialistischer Aggression, also per innerer Schwächung, Unterstützung separatistischer Kräfte und Schürung von Unruhen mittels Hilfsbataillonen, war seit jeher ein besonderes Metier des deutschen Imperialismus. An China konnte nun mit der Hilfe der alten tibetischen Feudaleliten erneut der Hebel angesetzt werden.

Von seinem Exilsitz ausgehend operiert der Dalai Lama seit Ende der fünfziger Jahre unter wohlwollender Duldung durch die indische Regierung. Jawaharlal Nehru, seinerzeit Indiens Ministerpräsident, gab dem Dalai Lama Asyl in Indien unter der Bedingung, auf jegliche politische Aktivitäten zu verzichten und ohne Tibet als eigenständigen Staat anzuerkennen. Das politische Kalkül dahinter war, gegen China, welches die von den Briten gezogene „McMahon-Linie“[50] in Assam als indische Grenze zu China nicht anerkennen wollte, Druck aufzubauen. Unterstützt in diesem Grenzkonflikt wurde Indien von der Sowjetunion Chruschtschows und den USA gleichermaßen, der Dalai Lama diente so als „Faustpfand“ für die eigenen territorialen Interessen. Auch heute noch nimmt Indien jährlich 3.000 tibetische Flüchtlinge aus China auf[51], ohne ihnen allerdings irgendwelche Expositionsrechte zu gewähren: So wurde kürzlich ein Protestzug von 100 Tibetern zur chinesischen Grenze blo­ckiert und 30 Demonstranten des „Tibetischen Jugendkongresses“ (TYC) in Neu-Delhi verhaftet. Schließlich hat die indische Regierung kein Interesse an den politischen Phantasien der Exil-Tibeter bzw. einer ihnen geschuldeten Verschlechterung der indisch-chinesischen Beziehungen und verlangt entsprechende Zurückhaltung von den Exilanten. Als Manövriermasse auch für indische Interessen sind sie dennoch nach wie vor brauchbar.[52]

Der deutsche Imperialismus tritt erneut auf den Plan

Das Ziel der „tibetischen Exilregierung“, stilecht aufgebaut mit „Außenministerium“, „Ministerpräsident“ u. ä., ist die Unabhängigkeit Tibets – in den Phantasiegrenzen eines „Groß-tibetischen Reiches“ mit beinahe einem Viertel des gesamten chinesischen Territoriums, weit über die tatsächlichen Grenzen der Autonomen Region Tibet hinaus. Der selbsterklärte „Exilherrscher“ Tenzin Gyatso alias 14. Dalai Lama, der sich gerne als „weltliches und geistiges Oberhaupt der Tibeter“ präsentiert und sich dabei herzlich wenig um die vielen nicht-buddhistischen Tibeter, um die Angehörigen anderer, den Dalai Lama nicht anerkennenden buddhistischen Schulen oder gar Angehörigen anderer Nationalitäten in Tibet schert, passt ausgezeichnet in die Strategien imperialistischer Länder gegen die VR China: durch diplomatischen Druck, kalkulierte Unruhen und Guerillakampf soll die Volksrepublik an ihrer Westgrenze mürbe gemacht und sturmreif geschossen werden; der Dalai Lama, der bei manchen gläubigen Tibetern nach wie vor oftmals große religiöse Verehrung genießt, ist die geeignete und willige Marionette für dieses Unterfangen.

Seine – nicht sehr große – weltliche Herrschaft in Dharamsala konnte und kann der Dalai Lama dabei vor allem auch dank deutscher Unterstützung entfalten. Aufgrund möglicher diplomatischer Verwicklungen wurden die Beziehungen zur „Exilregierung“ bisher bevorzugt über die so genannten „Nicht-Regierungs-Organisationen“ („non-governmental organizations“, kurz „NGOs“), die im imperialistischen Waffenarsenal einen festen Platz als Unterwanderungs- und Einflussinstrumente einnehmen, abgewi­ckelt: die FDP-nahe „Friedrich-Naumann-Stiftung“ (FNSt)[53] und die „Grünen“-nahe „Heinrich-Böll-Stiftung“ verfügen über Jahrzehnte alte Exklusivbeziehungen zur Clique um den Dalai Lama[54]. Die FNSt beispielsweise organisiert seit Jahren gemeinsam mit der „Exilregierung“ internationale „Tibetkonferenzen“, deren zweite im Jahr 1996 in Bonn zu heftigen diplomatischen Verstimmungen mit der Regierung der VR China und zur Schließung des FNSt-Büros in Beijing führte. Die FNSt ,,berät“ das tibetische Exilparlament nach eigenen Angaben seit 1991 ,,in allen Fragen der politischen Bildung.[55] Auch wenn die Forderung des Dalai Lama nach Unabhängigkeit für Tibet selbst in den Augen seiner Auftraggeber unrealistisch erscheint, besteht dennoch die Hoffnung, China zu größeren Autonomiezugeständnissen für Tibet zu zwingen: für Deutschland ergäben sich über die vielfältigen Bande durch die diversen NGOs neue und größere Einflussmöglichkeiten. Wenn die tibetische „Exilregierung“ heutzutage (verbal) von ihren Forderungen nach „Unabhängigkeit“ Abstand genommen hat und „nur“ noch „weitestgehende Autonomie“ für „Groß-Tibet“ innerhalb Chinas verlangt, liegt auch diesem Ansinnen deutsche Vorarbeit zugrunde: der Dalai Lama und seine Clique setzen auf ein deutsches Modell der „Volksgruppen“-Autonomie, das nach völkischen Gesichtspunkten aufgebaut ist – und unter anderem für die italienische deutschsprachige autonome Region Trentino-Alto Adige („Südtirol“) durchgesetzt werden konnte. Schon im Jahre 1993 ergaben sich zwischen dem „Außenminister“ der tibetischen „Exilregierung“ und der „Europäischen Akademie Bozen“ aus dem Alto Adige Kontakte, die zur Gründung eines an die Akademie angeschlossenen „Instituts für Volksgruppenrecht“ führte. Sowohl 1997 als auch 2005 besuchte der tibetische „Exilherrscher“ persönlich Bolzano und fasste das Ergebnis der fruchtbaren Zusammenarbeit folgendermaßen zusammen: „Südtirol hat für Tibet durchaus Vorbildcharakter“.[56]

Noch früher als die FDP-nahe FNSt nahmen die deutschen „Grünen“ Kontakte zur „Exilregierung“ auf. Insbesondere die damaligen „Grünen“-Politiker Kelly und Bastian nahmen sich der „tibetischen Sache“ mit geradezu missionarischem Eifer an: 1989 führte Kelly eine „Tibet-Anhörung“ in Bonn durch, zu der Vertreter verschiedenster Parteien aus mehreren Ländern anreisten. Zuvor war es Kelly und Bastian bereits gelungen, den deutschen Bundestag zu einer überfraktionellen Resolution zu bewegen, der nicht nur die „Menschenrechtsverletzungen“ in Tibet verurteilte, sondern gar noch die Unterstützung für die Aktionen des Dalai Lama beinhaltete. Dies war nicht nur eine eklatante Einmischung in innerchinesische Verhältnisse; der spätere Auftritt des Dalai Lama vor dem deutschen Parlament, zu dessen Ehren gar die Flagge der Exilregierung (!) gleichberechtigt mit der Bundesflagge aufgezogen wurde, löste einen außenpolitischen Eklat aus. Bei jener Anhörung vor dem Bundestag kam es nun zu dem, was die Initiatoren aus dem Hauptquartier der „Grünen“ und ihre Männer aus Dharamsala erwarteten: ein antichinesisches Tribunal wurde inszeniert. Da konnten sich – immerhin vor dem deutschen Parlament! – tibetische Separatisten und Rebellenführer die Klinke in die Hand geben; der Chef des militanten „Tibetan Youth Congress“ (TYC) machte gar konkrete Pläne vor der deutschen Volksvertretung: Waffen bräuchte man, um endlich gegen die Chinesen vorzugehen. Eine Vertreterin der Untergrundgruppe war ganz pragmatisch: man müsse „chinesische Häuser anzünden: Sabotage“.[57] Weder die vorgebliche Pazifistin Kelly, noch der „Friedensfürst“ Dalai Lama distanzierten sich je davon. Auch nach dem Tod der beiden grünen Tibetexperten Kelly und Bastian sind die engen Beziehungen zum Dalai Lama nie abgerissen: Die grüne „Heinrich-Böll-Stiftung“ Hessen beispielsweise, die sich dem „Selbstbestimmungsrecht der Tibeter“ widmet und die territoriale Integrität der VR China in Frage stellt, nimmt mit ihren Aktivitäten an einer Kampagne gegen Beijing teil, durch die Vorfeldorganisationen der deutschen Außenpolitik der VR China „radikalere Aktionen“ androhen.[58]Wir wollen den Chinesen Tibet wieder abnehmen[59], heißt es im Tibet-Forum, einem Bonner Kampf-Blatt, dessen „Redaktionskoordinator“ bei der Böll-Stiftung referierte. Die Stiftung lud im Jahr 2006 zu einer öffentlichen Diskussion über die „Tibet-Frage“ ein und wollte dort Einwirkungsmöglichkeiten durch „die deutsche bzw. die europäische Politik“ untersuchen. Wie es in einem Aufruf des 14. Dalai Lama heißt, gebühre der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten die „Führung“, um gegen Beijing vorzugehen.

Besondere Zuneigung erfährt der Dalai Lama durch den jüngst abgewählten und nun die Möglichkeiten einer antiparlamentarischen Minderheitsregierung auslotenden CDU-Ministerpräsidenten Roland Koch, der speziell dessen „Bekenntnis zur Gewaltfreiheit[60] lobt und ihm einen „Hessischen Friedenspreis“ verlieh. Die angebliche Gewaltfreiheit geht mit unmissverständlichen Drohungen einher. Die VR China habe sich einem „Wandel“[61] zu unterziehen, dekretiert der Exil-Politiker, und könne sonst nicht hoffen, „wirkliche Stabilität zu erlangen“. Nur wenn Beijing den Forderungen nachkommt, werde „die Transformation Chinas glatt und ohne größere Unruhen“ verlaufen, warnt „Seine Heiligkeit“. Roland Kochs Interesse an Tibet rührt aus den 80er Jahren, 1995 ermöglichte Koch dem Dalai Lama einen Auftritt im hessischen Landtag – 10 Jahre später, bei der Übereignung des „Friedenspreises“, ließ Roland Koch vor dem Landtag die exiltibetische Flagge aufziehen.[62]

Die olympische Chance

Der enge Kontakt zu den Volksgruppen-Strategen deutscher Fasson motivierte verschiedene exiltibetische Gruppen aus dem engen Umfeld des Dalai Lama, mit einem neuen Kampfverband und einer neuen Strategie ein Großereignis zu nutzen, das sämtliche Weltmedien den Fokus auf China richten lässt: die Olympischen Sommerspiele in Beijing 2008. Der militante „Tibetan Youth Congress“ (TYC), bereits in der Vergangenheit durch Guerillaaktionen und terroristische Anschläge aufgefallen, sowie die nicht weniger gewalttätige „Go-Chum-Sun Ex-Political Prisoner’s Association“ sowie drei weitere Gruppen fanden sich als TPUM, „Tibetan People’s Uprising Movement“, zusammen, um durch „direkte Aktionen“ „Chinas illegale und brutale Besetzung unseres Landes zu beenden“: „Die Olympischen Spiele werden den Höhepunkt von fast 50 Jahren tibetischen Widerstandes im Exil markieren. Wir werden diesen historischen Moment dazu nutzen, Chinas Kontrolle über Tibet zu erschüttern“.[63]

Die „TPUM“ orientiert sich in ihren Forderungen – keineswegs zufällig – am mantra-artig wiederholten Forderungskatalog des Dalai Lama und seiner „Exilregierung“: 1. bedingungslose Rückkehr „Seiner Heiligkeit“ nach Lhasa, an seinen rechtmäßigen Platz als Führer des tibetischen Volkes, 2. Abzug der Chinesen, Ende ihrer „Kolonialherrschaft“, 3. Freilassung aller „politischen Gefangenen“. Das „tibetische Volk“ verlange überdies die sofortige Absage der Olympischen Sommerspiele in Beijing durch das Internationale Olympische Komitee. [64]

Keineswegs zufällig traf Bundeskanzlerin Angela Merkel im Herbst letzten Jahres mit dem Dalai Lama, dessen „Exilregierung“ – daran sei erneut erinnert – von der BRD offiziell nicht anerkannt wird, im Bundeskanzleramt zu Gesprächen zusammen. Merkel forderte von China, mit dem Dalai Lama in einen „direkten Dialog“ zu treten, und wertete so den selbsternannten „Gottkönig“ zu einem gleichberechtigten politischen Partner auf. Diese Töne waren neu: der Dalai Lama befindet sich zwar ständig in Deutschland (so bspw. im Jahre 2007 auf gleich drei verschiedenen Tourneen) und wird dabei auch von Politiker zu Politiker gereicht, doch die letzte Weihe des Empfangs beim Kanzler fehlte bisher – peinlich war die Bundesregierung darauf bedacht, das diplomatische Protokoll zu wahren und „lediglich“ „persönliche Treffen“ mit den jeweiligen Außenministern oder Staatssekretären zu arrangieren – es galt, zumindest vordergründig den Schein einer Unterstützung der von chinesischer Seite für diplomatischen Verkehr vorausgesetzten „Ein-China-Politik“[65] zu wahren. Diese Hülle wird nun zunehmend fallen gelassen; von einem Refugium der zunächst nicht offiziell auftretenden Parteien-NGOs wird die „Tibet-Frage“ mehr und mehr direkt zur Chefsache. Bereits im November letzten Jahres hatte ein Berliner Regierungsberater prognostiziert, die Olympiade werde „die Augen der Weltöffentlichkeit“ vor allem auf „Missstände in China lenken“ und der Volksrepublik eher schaden als nutzen. Mit den Olympischen Spielen habe sich Beijing „verzockt“.[66] Wie der hessische Ministerpräsident Roland Koch unlängst äußerte, sei als „letztes Mittel“ auch ein Olympia-Boykott des Westens anwendbar, sollte die chinesische Regierung ihre Haltung gegen die tibetischen Separatisten nicht ändern. Zwar sei man „noch nicht bei letzten Mitteln[67]; doch ist die Boykott-Option längst im Spiel.

Die bereits erwähnte „Friedrich-Naumann-Stiftung“ war auch hier wieder vorne mit dabei und lotete bereits vor einem Jahr auf einer von ihr anberaumten „International Tibet Support Conference“ in Brüssel die „Chancen für ein wirklich autonomes Tibet“ aus. Der „Tibet-Gesprächskreis im Deutschen Bundestag“ stellte sich im Herbst 2007 in einer Talkrunde „Tibet und Olympia“ die Frage, „ob die Olympischen Spiele einen Hebel bieten, mit dem die Tibetpolitik Chinas beeinflusst werden kann“.[68] Der bei der Veranstaltung anwesende Vertreter des Dalai Lama hielt ein derartiges Ansinnen für „durchaus möglich“; ein Resultat dieser „unpolitisch“ und „rein sportlich“ aufgezogenen Veranstaltung war die vor Abgeordneten des Deutschen Bundestages vorgestellte Überlegung, die „darauf abzielt, ein eigenes tibetisches Team zu den Spielen nach Peking zu schicken“.[69] Dererlei schlecht kaschierte offene Provokationen gegen die chinesische Adresse, die nun – immerhin vor dem deutschen Parlament – mit dem Gedanken an ein „Team Tibet“ bei den Olympischen Spielen die nationale Integrität der Volksrepublik China in Frage stellt, sind nichts Neues. Im Kontext der weiteren Geschehnisse sollten sie aber besonders kritisch gewürdigt werden, denn die vor einem halben Jahr, unter anderem vor dem Deutschen Bundestag, entwickelte „Roadmap“ exiltibetischer Aktionen anlässlich der kommenden Olympiade sollte nicht nur präzise funktionieren, sondern sogar Tote fordern.

„Chinesische Häuser anzünden. Sabotage.“

Ab dem 11. März 2008 kam es in Lhasa, der Hauptstadt der Autonomen Region (AR) Tibet, zu gewalttätigen Ausschreitungen: ein bewaffneter Mob zog plündernd und brandschatzend durch die Innenstadt, setzte Geschäfte, Wohnhäuser, Krankenhäuser, Schulen und eine Moschee in Brand und tötete rund zwei Dutzend Menschen, überwiegend Han-Chinesen. Anlass für diese Krawalle war der Jahrestag der Flucht des Dalai Lama ins indische Exil. Er selbst hatte am 11. März 2008 in einer Brandrede gegen die „zahlreiche[n], unvorstellbare[n] und grausame[n] Menschenrechtsverletzungen“ seitens der Chinesen zu diesen „Protesten“ gegen die „Fremdherrschaft“ aufgerufen und dem kriminellen Vorgehen der rassistischen Bande damit eine politische Attitüde gegeben. Der Mob, bestehend aus buddhistischen Mönchen und während der Unruhen fanatisierten Jugendlichen, setzte damit in die Tat um, was immer wieder von radikalen tibetischen Separatisten gefordert wurde: mit Gewalt konkrete Schritte zur Lostrennung Tibets von China anzugehen. Dass diese Gewalt sich nicht nur gegen harmlose dort lebende und arbeitende Han-Chinesen, sondern auch gegen die seit Jahrtausenden in Tibet vertretenen muslimischen Minderheiten der Uiguren und Hui richtete, offenbart die rassistische Komponente des Krawalls. Organisierte Trupps aus Mönchen zogen mit Schlagstö­cken bewaffnet durch die Innenstadt Lhasas, skandierten antichinesische Parolen und schlugen Fensterscheiben von Wohnhäusern und Geschäften ein[70]. Allein in einem einzigen in Brand gesteckten Gebäude kamen fünf Textilverkäuferinnen zu Tode.[71]

Während US-amerikanische Medien wie CNN anfangs noch zurückhaltende Reaktionen der chinesischen Sicherheitskräfte beschrieben, dienten die Unruhen den deutschen Medien von Beginn an zu einer umgedeuteten Darstellung brutaler chinesischer Repression. So mussten Fernsehsender und Tageszeitungen inzwischen Bildmanipulationen eingestehen: Filmsequenzen mit prügelnden nepalesischen Polizisten wurden als Dokumentation angeblicher chinesischer Polizeiübergriffe verkauft[72], die Rettung eines verletzten Han-Chinesen aus den Fängen angreifender Tibeter durch Sicherheitskräfte wurde irreführend als gewaltsame Festnahme etikettiert[73]. Die Randale sprang vom Ausgangspunkt des zentral in der Stadt gelegenen Drepung-Klosters der Gelbmützen auf zwei weitere Großklöster am Stadtrand über und nahm immer gewalttätigere Formen an: Polizei- und Feuerwehrfahrzeuge, aber auch öffentliche Busse und Privatautos wurden angezündet, chinesische Häuser und Ladengeschäfte geplündert und in Brand gesetzt. Die gesamte Innenstadt Lhasas wurde so verwüstet: Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser mit Molotow-Cocktails zer­stört.[74] Der chinesische Premierminister Wen Jiabao verdammte die Rolle des Dalai Lama bei den jüngsten Ausschreitungen in Lhasa: Es gäbe ausreichende Beweise und vielfache Belege um zu beweisen, dass der Krawall in Lhasa von der Dalai-Lama-Clique organisiert, vorbereitet, gesteuert und ausgelöst wurde. „Dieser Zwischenfall hat die öffentliche Ordnung in Lhasa ernsthaft gestört und zu großen Verlusten an Leben und Eigentum geführt“, so Wen. „Die Lokalregierung und die zuständigen Behörden haben in strikter Übereinstimmung mit der Verfassung und den Gesetzen gehandelt und extreme Zurückhaltung an den Tag gelegt“.[75]

Passend zu diesen Ereignissen, die bereits nach wenigen Tagen durch das besonnene Eingreifen der chinesischen Sicherheitskräfte durch Verhaftungen und kurzfristige Abriegelung der Stadt Lhasa unter Kontrolle gebracht werden konnten, wurde hierzulande eine mediale Hetzkampagne gegen die VR China losgetreten, die an Verlogenheit und Infamie ihresgleichen suchen muss: völlig losgelöst von den realen Vorgängen wurde der rassistische Mob zu „Freiheitskämpfern“ stilisiert, das absolut legitime Vorgehen der Behörden gegen die Gewalttäter zum Schutz der Bürger hingegen als „gewalttätige Unterdrückung“ „friedliebender Mönche“ umgedeutet. Garniert wurden diese Märchen in diversen bürgerlichen Massenmedien mit gefälschten Fotografien, die prügelnde indische oder nepalesische Soldaten zeigten oder 10 Jahre alte Bilder als aktuell verkaufen wollten. Die Parallele zum ebenfalls mit – heute eingestandenermaßen – gefälschten Gräuelgeschichten eskalierten Jugoslawienkrieg 1999 drängt sich insofern nicht zufällig auf. Und der medienwirksame Hintergrund, die kommende Sommerolympiade in Beijing, sichert das öffentliche Interesse über eine längere Zeitdauer hinweg.

„BILD am Montag“

Die deutsche China-Hetze am Beispiel des „Spiegel“

Das deutsche Wochenblatt „Der Spiegel“ ist mit einer Auflage von mehr als einer Million Exemplaren das auflagenstärkste Magazin Deutschlands – die zum selben Hause gehörende Webseite „Spiegel Online“ (spiegel.de) firmiert obendrein als reichweitenstärkste deutschsprachige Nachrichten-Webseite. Das Blatt, welches sich nach diversen politischen Skandalen in der Frühgeschichte der BRD das Signet des „Sturmgeschützes der Demokratie“ zulegte, ist längst zu einem bürgerlichen „Leitmedium“ – mit der Fähigkeit, Themen in die Debatte zu bringen oder auch in der Öffentlichkeit zu unterdrücken – geworden.

Besonderes Augenmerk der „Spiegel“-Redaktion liegt auf der VR China – von jährlich 52 Heften im Jahr ist mindestens eines mit Titelgeschichte dem asiatischen Land gewidmet; die übrigen über das Jahr verteilten Artikel zum Thema China machen zusammen genommen ebenfalls ein oder mehr komplette Hefte aus – „Spiegel spezial“ und Artikel aus „Spiegel Online“ nicht mit eingerechnet. So wird der „Spiegel“-Leser mit schöner Verlässlichkeit mit Titelmontagen, in denen chinesische Drachen, gelegentlich mit roten Sternen verziert, Städte, Häuser und auch schon mal ganze Weltkugeln auffressen, beglückt. Weltpolitik, ganz plastisch: Spiegel-Lektüre beeinflusst nicht nur die Leser, der „Spiegel“ gibt als Markt- und Meinungsführer auch die Trends für eine ganze Reihe ähnlich gelagerter Formate ab. Und bei dem, was im „Spiegel“ über China zu lesen steht, wird sehr bald deutlich, in welche Richtung das Ganze zu gehen pflegt.

  • Es finden sich Panikmache …
    die Chinesen kommen – Chinas Konzerne auf weltweiter Einkauftour“ (Spiegel 1/2005) „... wenn China die Märkte überschwemmt – Dritte-Welt-Produzenten vor dem Kollaps“ (45/2004) „im Maul des Drachen – droht eine massive Abwanderung von Arbeitsplätzen ins Reich der Mitte?“ (50/2003)
  • Neu entdeckte Liebe zu Arbeiterrechten …
    Billig, willig, ausgebeutet. Sie verdienen wenig und haben nichts zu sagen“ (22/2005) – gemeint sind damit chinesische – und nicht etwa deutsche! – Arbeiter ...
  • und Zukunftsvisionen …
    Das Wunder ist bald zu Ende“ (10/2005) – dass dies dem chinesischen Wirtschaftsboom widerfahre, astrologisiert der „Spiegel“ übrigens schon seit zwanzig Jahren …
    Oder ganz einfach Faktenklitterung, wie hier …
  • China kürzt Koksexport – der Stahlindustrie geht der Brennstoff aus. Von 14 Mio. Tonnen, die die deutsche Stahlindustrie jährlich benötigt, lieferten die Chinesen bisher ein Drittel“ (9/2004) – dass hierzulande fast alle kohlefördernde Industrie in den letzten Jahrzehnten dicht gemacht und dadurch Hunderttausende in die Arbeitslosigkeit getrieben wurden, erwähnt der „Spiegel“ nicht.
  • Und dazwischen auch so manche eher niedliche Kapriole…

Absturz in die Unterwelt: Im Süden der Republik klaffen immer öfter tiefe Löcher in den Straßen – schuld ist der Wirtschaftsboom in China“ (48/2005) – Es geht hier übrigens um fehlende Gullydeckel, die angeblich von Kriminellen wegen steigender Erzpreise nach China verschachert werden.

Zusammengenommen mit dem vom „Spiegel“ etablierten Duktus – so wird im Blatt stets in Kolonialdeutsch von „Peking“ statt Beijing gesprochen und die Redaktion bemüßigt sich obendrein, der Regierung der VR China durch die Injurie „Regime“ jegliche Legitimation abzusprechen – zeichnet das Blatt ein Bild des Landes, was mit der objektiven Realität nicht einmal mehr am Rande Gemeinsamkeiten aufzuweisen hat. Die Masche des „Spiegel“ ist dabei doppelgleisig angelegt:

  • Einerseits wird in und an China kritisiert, was hier nicht besser ist: privatwirtschaftliche Elemente mit all ihren Nachteilen wie Arbeitslosigkeit, Lohngefälle, mangelhafter sozialer Absicherung. Vergessen oder verschwiegen wird dabei allerdings, dass man schon entwicklungshistorisch kaum Deutschland mit China gleichsetzen kann; wozu bspw. Deutschland 200 Jahre an wirtschaftlicher Entwicklung brauchte, wird in China in 50 Jahren nachgeholt. Und an der chinesischen Rückständigkeit ist Deutschland historisch mit kolonialer Ausbeutungspolitik durchaus mitschuldig.
  • Andererseits ist auch dem „Spiegel“ zu Ohren gekommen, dass China als gesellschaftliches Ziel Sozialismus anstrebt. Da kann man im Lehrbuch nachlesen: Sozialismus = Abschaffung der Ausbeutung und der privaten Mehrwertaneignung; Herrschaft der Arbeiterklasse. Dienen diese gesellschaftlichen Ziele hierzulande nur als Abschreckungs- und Kampfbegriffe und tauchen in den Programmen deutscher Parteien in der Regel nicht einmal mehr auf, so haut man sie mit Verve den Chinesen, die sich wenigstens ihre Verwirklichung vornehmen, um die Ohren. Hier sind es die Blinden, die über Gemälde diskutieren: chinesische Realität wird an Zielen, die niemand von diesen Leuten für Deutschland anstrebt, gemessen und für zu leicht befunden.

Der Kreis zwischen den Angriffen auf China, die von links-kleinbürgerlich (mit der Unterstellung, es sei „kein Sozialismus“) wie von rechts (mit dem Vorwurf, es sei „Sozialismus“) vorgenommen werden, schließt sich. Der in den 1960er Jahren politisch sozialisierte Kleinbürger mit rudimentärer sozialistischer Bildung darf sich über das „Ende der Illusion“ ereifern; der deutsche Volkswirt darf sich vor schlagkräftiger, weil keinen „humanen Standards“ unterworfener Konkurrenz fürchten; der strukturkonservative Mittelständler kann über den „barbarischen Sozialismus“ und die „gelben Roten“ schimpfen.

Der „Spiegel“ – ein Verkündigungsblatt deutscher Monopole an die Adresse der Gefühls- und Verstandeswelt des deutschen Kleinbürgertums – erfüllt so seine Aufgabe: dem Kleinbürger mit seiner spezifischen Abstiegsangst und aller daran gekoppelten Furcht vor der brutal-effizienten „gelben Gefahr“ die hegemonialen Strategien des deutschen Monopolkapitals zur imperialistischen Unterwerfung der Welt schmackhaft zu machen, die ihn eben gerade in den ökonomisch gesetzmäßigen Untergang treiben.

Mit den inszenierten und medial ausgebeuteten Krawallen in Lhasa war erst der Anfang gemacht: Eine wie zufällig wirkende, breit aus dem Boden schießende antichinesische Kampagne mit ihren westlichen Unterstützergruppen nahm insbesondere den olympischen Fackellauf zum Anlass, das Interesse der Öffentlichkeit in den westlichen Ländern nicht abreißen zu lassen. Eine Vorfeldorganisation der Berliner Außenpolitik ist maßgeblich an der Vorbereitung dieser Kampagne beteiligt und steuert die Kampagne über eine Zentrale in Washington, die im Mai 2007 auf einer Tagung der FNSt mit der Organisierung weltweiter „Proteste“ beauftragt worden ist. Die Pläne wurden (unter Mitwirkung des US State Department) von der selbsternannten tibetischen Exilregierung erarbeitet; sie sehen öffentlichkeitswirksame Aktionen während des Fackellaufs vor und sollen im August während der Spiele in Beijing ihren Höhepunkt erreichen.[76] Die Kampagne startete bereits im vergangenen Sommer und profitiert nun von den Ausschreitungen in der AR Tibet. Die fünfte „International Tibet Support Groups Conference“ der „Friedrich-Naumann-Stiftung“[77], die vom 11. bis zum 14. Mai 2007 in Brüssel tagte, entwarf die „Roadmap“ für das Vorgehen: Sie sollte laut Auskunft der FNSt nicht anders als ihre vier Vorgängerkonferenzen[78]die Arbeit der internationalen Tibet-Gruppen koordinieren und ihre Verbindungen zur Zentraltibetischen Exilregierung festigen[79]. Die deutsche Parteienstiftung, die sich überwiegend aus staatlichen Mitteln finanziert, hatte mit den Vorbereitungen für die Konferenz schon im März 2005 begonnen und ihr Vorgehen mit dem Dalai Lama am Sitz der selbsternannten tibetischen Exilregierung in Dharamsala (Indien) abgestimmt. Schließlich nahmen über 300 Personen aus 56 Ländern teil, 36 tibetische Verbände und 145 Tibet-Unterstützungsgruppen waren vertreten.[80] Nach mehrtägigen Verhandlungen endete die Konferenz mit der Einigung auf einen „Aktionsplan“. Das Papier wird als „Roadmap für die Tibet-Bewegung der kommenden Jahre“ bezeichnet und bezieht sich auf vier Themen: „politische Unterstützung für Verhandlungen“, „Menschenrechte“, „Umwelt und Entwicklung“ und „die Olympischen Spiele 2008 in Beijing“. Die Konferenzteilnehmer kamen überein, für die kommenden 15 Monate Olympia zum Hauptangriffspunkt ihrer Aktivitäten zu machen.[81] Für die Kampagne engagierten sie eine hauptamtliche Kraft, die seitdem von einer Zentrale in Washington aus die weltweiten Tibet-Aktionen dirigiert.[82] Eine Mitarbeiterin des Washingtoner Zentrums organisierte bereits Anfang August 2007 eine publikumswirksame Aktion an der von Touristen überlaufenen chinesischen Großen Mauer nördlich Beijings. Sie verfügt über enge Kontakte zur tibetischen „Exilregierung“.[83] Eine weitere enge Mitarbeiterin dirigierte die Störung der Fackelzeremonie in Griechenland, die von Fernsehsendern weltweit übertragen wurde. Von der Zentrale in Washington werden auch weitere „Proteste“ gesteuert, die den Fa­ckellauf stören sollen. Die Kampagne wird ihren Höhepunkt während der Spiele im August entfalten. „Wir sind entschlossen, jeden Tag gewaltlose Aktionen im Herzen Beijings durchzuführen“, erklärt eine Aktivistin.[84] Die „Gewaltlosigkeit“ der „Aktionen“ in Lhasa im März 2008 verheißen, was noch drohen könnte.

Aus den Kanonenrohren der bürgerlichen Demokratie

In der Tibet-Berichterstattung der deutschen bürgerlichen Medien finden sich die seltsamsten Widersprüche. So wird der „Premierminister“ der tibetischen „Exilregierung“, Samdong Rinpoche, mit der Behauptung zitiert, man habe beobachten können, „wie chinesische Polizisten in tibetischer Kleidung und in Mönchsroben die führende Rolle während der Proteste“ vom 14. März übernahmen.[85] Diese Behauptung wiegt schwer, haben doch Personen in tibetischer Kleidung sowie in Mönchsroben während der Krawalle im März in Lhasa schwere Straftaten verübt, darunter mutmaßlich Morde. Leser der deutschen Medien konnten jedoch die Schwere der Aussage nicht ermessen, weil sie allenfalls am Rande von den Untaten des rassistischen Mobs erfahren hatten – hierzulande hatte man sich auf nur selten belegte Berichte über chinesische Polizeigewalt konzentriert und etwa die fünf jungen chinesischen Verkäuferinnen weitgehend verschwiegen, die in ihrem Textilgeschäft von tibetischen Gewalttätern verbrannt worden waren. Rinpoches Behauptung wurde denn auch – im Gegensatz zu weiteren Stellungnahmen der tibetischen „Exilregierung“, die oft ausführlich wiedergegeben wurden – in Deutschland nur am Rande zitiert. Seine Behauptung kann sich ohnehin nur auf ein einziges Foto stützen. Es war auch in Deutschland publiziert worden und kursiert bis heute als „Beweis“ für das heimtückische Vorgehen Chinas, mit „gefälschten“ Mönchen Straftaten zu begehen und so einerseits im Ausland die „an sich legitimen“ Proteste zu desavouieren und andererseits hartes Durchgreifen der Staatsgewalt zu legitimieren. Das Bild zeigt tatsächlich chinesische Soldaten, die tibetische Mönchskutten überstreifen. Aber es stammt nicht vom 14. März 2008. Chinesische Medien hatten dies bereits Anfang April erkannt, da die auf dem Bild sichtbaren Armeeabzeichen seit mehreren Jahren nicht mehr Verwendung finden. Das Foto datiert in der Tat bereits aus dem Jahr 2001. Es entstand bei den Dreharbeiten zu einem Film, für den chinesische Soldaten als Statisten herangezogen worden waren. Nach wochenlangem Schweigen der deutschen Medien hat nun der „Tagesspiegel“ die Fälschung öffentlich entlarvt.[86]/87

Es würde Bände füllen, alleine die mediale Kampagne seit den rassistischen Krawallen vom März bis heute zu dokumentieren, deswegen muss die Darstellung hier notgedrungen selektiv sein. Einige Leitlinien der deutschen China-Hetze finden sich jedoch überall, in allen größeren bürgerlichen Medien wieder, so dass der Autor Colin Goldner berechtigter Weise zum Begriff der „Gleichschaltung“ kommt: „die bundesdeutschen Medien [...] erscheinen komplett gleichgeschaltet: nirgendwo fand sich auch nur der leiseste Anflug von Kritik an der von Tibetern verübten Gewalt. Selbst im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wurden die blindwütigen Horden junger Tibeter, die da randalierend, plündernd und Brände legend durch die Straßen zogen und auf jeden einprügelten, der nicht tibetisch genug aussah, als im Grunde friedliche Demonstranten dargestellt [...]. Verfügbares Bildmaterial wurde entweder gar nicht gezeigt oder manipuliert bzw. mit falschen oder irreführenden Kommentaren versehen[...].“[88] Zunächst einmal ist ausgemachte Sache, dass China Schuld an den Vorkommnissen hat – es ficht dabei nicht an, dass die Randale tatsächlich und dokumentiert von bewaffneten Mobs aus Mönchen und Jugendlichen mit rein rassistischen Motiven begann. Diese seien entweder durch die „jahrzehntelange Unterdrückung“ zu solchen unfeinen Maßnahmen getrieben worden oder, wie oben bereits erwähnt, von Agents Provocateurs der chinesischen Armee in Mönchskutten unterwandert gewesen. Selbstverständlich ist der Dalai Lama, der ja sogar mit „Rücktritt“ im Falle einer weiteren Eskalation der Gewalt gedroht hätte[89], nicht nur unschuldig an den Ausschreitungen, sondern gar erstes Opfer der Vorgänge. Die einzige Lösung des Konflikts wäre ein „Einlenken“ Beijings in Form von mehr Autonomie oder gar gleich der „Unabhängigkeit“ (Groß-)Tibets, Vorbedingung wären Verhandlungen „auf Augenhöhe“ mit dem durch nichts demokratisch legitimierten „geistigen und weltlichen Anführer“ der Tibeter, dessen „Dialogbereitschaft“ von Beijing ja „immer wieder ausgeschlagen“ würde.

Das größte Internet-Nachrichtenportal der BRD, das mindestens ebenso stark wie die aus dem gleichen Hause stammende Printausgabe normative Kraft über die deutsche Medienlandschaft und Medienkonsumenten ausübt, nämlich „Spiegel Online“, bombardierte das geschockte Publikum denn auch im Stundentakt mit spekulativen, parteiischen oder schlicht erfundenen Geschichten zu den Vorgängen in Tibet im März: „jetzt droht China mit einer gnadenlosen Niederschlagung der Proteste. Der Dalai Lama befürchtet einen ,kulturellen Völkermord’[90], „Dalai Lama will mit China reden – Peking blockt ab[91], „Tibetische Reiter stürmen chinesische Stadt – Polizei setzt Tränengas ein[92], „Für jeden Einwohner ein Soldat. Chinesische Sicherheitskräfte [würden] von ‚jedem zweiten Touristen’ die Speicherkarten der Digitalkameras einsammeln[93], „So gängelt Peking Journalisten. Gesperrte Gebiete, perfekte Überwachung[94], „China bleibt stur: [...] China könnte fürchterliche Rache nehmen[95] ... Und so weiter, und so fort. Der grundlegende Tenor ähnelt sich in allen Blättern.

Selbst das unerbetener Weise automatisch mit großen deutschen Tageszeitungen verschickte „christliche Magazin“ „chrismon“ weiß in Gestalt der Bischöfin Margot Käßmann mit Gottes Segen China zu verdammen: „Diese große Inszenierung [gemeint ist der olympische Fackellauf] von Geld, Glanz und Sport, geschützt durch eine chinesische Elitetruppe, gerät zum Symbollauf im Streit um die Menschenrechte. Da könnte die Beobachterin fast fragen: Bedient sich Gott (!) auch in diesem Falle ungewöhnlicher Wege? [...] Der Fackellauf zur Olympiade wurde von Joseph Goebbels für die Spiele 1936 in Nazideutschland organisiert. Jetzt wirbt der Lauf wieder für ein Land, in dem die Menschenrechte brutal unterdrückt werden[96] Die gewalttätigen Aktivitäten am Rande des Fackellaufs, unter anderem den brutalen Angriff auf die im Rollstuhl sitzende chinesische Paralympics-Sportlerin und Fackelträgerin Jin Jing, auf „Gott“ zurückzuführen, ist eine reife intellektuelle Leistung. Die VR China mit dem faschistischen Deutschland gleichzusetzen ist hingegen nur noch geschichtsklitternd und kriminell. Hier sind Frau Käßmann und der Dalai Lama nicht nur in ihrer Gegnerschaft zur VR China Seelenverwandte. Auch dass sie sich nicht auf ihre theologische Funktion beschränken, sondern ihren imperialistischen Freunden und Auftraggebern dienen, macht die Mehrheit der Gelbmützen und des evangelischen Klerus zu Brüdern im Geiste. Um solche millionenfachen Traktate nicht auch noch zu bezahlen, sollte aus der Kirche austreten, wer noch drin ist, und die einbehaltene Kirchensteuer (deren Einzug durch den Staat ohnehin antidemokratisch ist) für friedliche Zwecke verwenden.

Doch aus diesem Staat, dieser Gesellschaft können wir nicht austreten. Es bleibt uns nichts, als gegen die ideologische Bütteltätigkeit im Dienste der Imperialisten oder bürgerlichen Journalismus als mediale Flankierung deutscher Hegemonialinteressen, die nichts mit objektiver Wahrheit zu tun haben, aufzuklären und zu kämpfen.

In welche (selbst geschaffenen) Widersprüche der deutsche Imperialismus mit seiner antichinesischen Hetze auf der einen und seiner immer stärker werdenden, auf seinem Charakter als stark exportabhängiger Ökonomie beruhenden Abhängigkeit von China auf der anderen Seite gerät, illustriert auch die jüngste Tibet-Kampag­ne und die ambivalente Haltung zur Beijinger Olympiade: Brandartikel gegen die „chinesische Kolonialpolitik“ mit Bekenntnis zu „free Tibet“ und Kritik an der „Pekinger“ Olympiade können die eine Hälfte der Titelseite deutscher Medien ausmachen, eine farbige Anzeige von VW mit dem Slogan „Olympic games Beijing 2008, official sponsor“ die andere Hälfte …

In Berlin werden denn auch die Warnungen vor den Folgen der antichinesischen Tibet-Kampagne lauter. Eine „fortgesetzte Frontbildung“ „entlang der derzeit erkennbaren Linien[97], „die forcierte Meinungspolarisierung hilft niemandem“ und schade auf lange Sicht nur dem deutschen Einfluss in China, urteilen Regierungsberater in einer kürzlich veröffentlichten Stellungnahme: Man stärke damit nur Kräfte in Beijing, „die dafür eintreten, dass gegenüber westlichen Vorstellungen und Forderungen noch weniger Kompromissbereitschaft gezeigt wird“.[98] und die „mit dem Ausland keine Frage diskutieren wollen, die aus ihrer Sicht Chinas Souveränität berührt“. Es stehe bereits jetzt in Zweifel, „ob sich Pekings Entscheidungsträger wieder zu einer offeneren Haltung durchringen können, die nicht jede Kritik als Einmischung in Chinas innere Angelegenheiten zurückweist“. Angesichts schwindenden Einflusses sei „zu hoffen, dass hinter den Kulissen alternative Strategien und ein flexibleres Vorgehen diskutiert werden“, heißt es in dem Papier der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Dabei müssten westliche Politiker auch Zugeständnisse machen und erkennen lassen, „dass die Kerninteressen Chinas (...) nicht in Frage stehen“. Auf gut deutsch: Kritik und antichinesische Aktionen ja, doch nur, solange nicht die ureigensten Interessen des deutschen Imperialismus beim Export nach und Handel mit der VR China in Frage stehen.

Der „Weltkrieg um Wohlstand“[99] beginnt

Der Hintergrund des infamen Medienkriegs ist nicht nur das Bestreben, jede Solidarität mit dem größten sozialistischen Land im Keim zu ersti­cken, ist nicht nur die Gier unserer Herren nach einem möglichst großen Stück der Beute, die dem chinesischen Volk durch die imperialistischen Mächte abgejagt werden soll. Sondern eine weitere Sorge geistert in den Manageretagen der deutschen Banken und Konzerne herum: Werden womöglich durch dieses große, bevölkerungsreiche Land voller Überraschungen, voller Produktivität die Karten auf der Welt ganz neu gemischt? Werden die imperialistischen Konkurrenten, Herren der Welt, in ihrem Kampf um Märkte, Rohstoffquellen und Einflusssphären künftig nicht mehr unter sich sein? Das wäre zu viel des Schlechten. Wenn der deutsche Imperialismus sich mit den Großen der Welt die Köpfe einhaut, dann hat der große rote Prolet gefälligst draußen zu bleiben. Und so ist es denn auch ganz verständlich, dass die Sprachrohre unserer Bourgeoisie plötzlich vor einem „Manchester-Kapitalismus“ warnen - in China. Dort gehe die „Profitgier über Leichen“, hat „Spiegel“-Autor Gabor Steingart herausgefunden: „Es ist, als habe Marx seine Erkenntnisse in China gewonnen: Seit den wilden Zeiten der Industriellen Revolution hat es einen derart urwüchsigen Kapitalismus nicht mehr gegeben“. Kurzum: für den „Spiegel“ sind „die Kommunisten Chinas keine Kommunisten mehr“.[100] Passend zum Deutschland-Besuch des chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao[101] im Jahre 2006 titelt die Bild-„Zeitung“: „Deutschland sozialistischer als China[102] .

Gegen „Asiatische Angreiferstaaten“, die „Kinderarbeit tolerieren, Frauen und Ökosysteme plündern“ und die den „Wohlstand des Westens mit einer Dumping-Offensive [rauben], gegen die wir nicht mehr konkurrieren können“, müsse man notfalls einen „Weltkrieg um Wohlstand“ führen, heizt der „Spiegel“-Schreiber ein.[103] Der Paranoia des „Spiegel“-Autors, der mit einem Mal das Schreckensbild vor sich sieht, dass auch andere Länder als die bereits positionierten Imperialisten von Handel profitieren und damit der ökonomischen Stärke der BRD gefährlich werden können (und damit en passant das Scheitern aller deutschen BWL-Glaubenssätze eingesteht), liegen die eigenen Statistiken der herrschenden Klasse zugrunde. Das Handelsdefizit Deutschlands gegenüber China betrug 2007 24,7 Milliarden Euro[104] und schürt unter deutschen Wirtschaftsvertretern Unbehagen, weil die Differenz einerseits stetig steigt, andererseits sich aber auch qualitativ verändert. Die Einfuhren aus China beinhalten immer mehr mittel- und hochwertige Güter und prozentual weniger sogenannte „Low-Tech-Produkte“ wie Schuhe, Spielwaren oder Textilien. In weltweiter Berechnung lag China 2007 mit einem Ausfuhrvolumen an Waren von 1,22 Billionen Dollar bereits auf Platz 2 schon knapp vor den USA (1,16 Billionen Dollar)[105]. Immer noch steigt zwar der Export aus der BRD – was sich vor allem durch die Umklammerung der EU und Osteuropas durch den deutschen Imperialismus ergibt. Für den Fall aber, dass die Entwicklung des chinesischen Exports geradlinig so weiter wächst (und eben das wollen unsere Menschenrechtsapostel in den Konzernzentralen verhindern), prognostizieren die „Wirtschaftsfachleute“ des Kapitals, dass die deutsche Industrie schon in kürzester Zeit durch China von ihrem Thron als „Exportweltmeister“ gestürzt werden könnte.

Auch um den Absatzmarkt China muss sich die deutsche Großindustrie Sorgen machen. Er ist nicht nur unter den imperialistischen Konkurrenten heiß umkämpft. Sondern unsere „Exportweltmeister“ fürchten, dass er zunehmend von chinesischen Betrieben selbst abgedeckt wird. Zum Beispiel: Auch wenn VW im 1.Quartal 2008 erstmals mehr Autos in China verkauft hat als in seinem Heimatmarkt Deutschland[106], zieht einerseits die Konkurrenz aus Japan, Südkorea und den USA stärker nach, andererseits wächst das Potential der Chinesen sprunghaft, selbst Autos zu produzieren, und damit den durch ihre Hände vermehrten Reichtum nicht mehr VW oder sonstigen imperialistischen Ausbeutern zu überlassen. Auch im Fall des noch nicht entschiedenen Weiterbaus der Transrapid-Strecke, von der die BRD rund 30 Kilometer zwischen Shanghai und dem Flughafen Pudong bauen konnte, zeichnen sich ähnliche Probleme für den deutschen Imperialismus ab: die VR China ist unterdessen selbst in der Lage, die „deutsche Spitzentechnologie“ zu entwickeln – und dies nicht nur billiger, sondern auch gewichtsmäßig leichter und damit technisch überlegener. Es scheint also nicht ausgeschlossen, dass das Transrapid-Konsortium nach dem Bau der 30 Kilometer langen „Teststrecke“ keine weiteren Zuschläge bekommt und die Chinesen stattdessen mit eigener Technologie weiterarbeiten. Besonders ärgern dürfte die deutsche Industrie dabei, dass sie zur Preisgabe des technischen Know-hows, das jetzt gegen sie verwandt wird, gezwungen wurde, um überhaupt die Flughafenstrecke errichten zu können. Der Zwang zur Profitmaximierung lässt auf ökonomischer Ebene immer wieder das politische Kalkül hinter sich.

Für die Imperialisten stellt sich die Entwicklung der chinesischen Produktion als eine Bedrohung dar, weil sie sich weiterhin einer Staatsmacht und einem Volk gegenübersehen, das nicht unterzuordnen ist wie ein abhängiges Land. Der Unterschied, insbesondere zu Indien, welches auch eine beachtliche ökonomische Entwicklung hat, wird hier besonderes deutlich. Und dies wird grundsätzlich nicht dadurch verändert, dass sie im gewissen Umfang die Möglichkeit haben an der chinesischen Entwicklung zu verdienen, Kapital nach China zu exportieren usw. Sie befinden sich – wieder einmal – in einem absoluten Widerspruch: Hier der Versuch, aus der Öffnung Chinas Profit zu schlagen und „dabei zu sein“, andererseits die Tatsache, dass dies alles es ihnen nicht ermöglicht, diese Riesenmacht zu kontrollieren und unterzuordnen wie ein abhängiges Land. Dies ist also die Gefahr, die sie fürchten, dass die Dynamik Chinas letztlich den Chinesen (in dieser Betrachtung einmal egal, ob allen oder nur einem mehr oder minder großen Teil) nützt und die ausländischen Kapitalisten langfristig zurückdrängt, dass „Dabeisein“ in der Rückschau im Jahr 2020 vielleicht nur dem olympischen Gedanken entsprach, der da lautet: „Dabeisein ist alles“. Das kann Imperialisten aber nie genügen, sie müssen siegen und Konkurrenten aus dem Feld schlagen, sie können nie nur dabeisein, weil sie es dann im Hinblick auf ihre Ziele eben nicht sind. Deshalb stehen sie so gemischt und widersprüchlich, gleichzeitig fasziniert, begeistert, beängstigt, schockiert und oft ratlos vor diesen heutigen ökonomischen Leistungen des chinesischen Volkes. Und gerade der deutsche Imperialismus ist dabei sehr herausgefordert, weil er wie kein anderer seiner Konkurrenten auf Warenexport angewiesen ist, er braucht den Export so stark zum Atmen, weil sein Heimatmarkt für seine Verhältnisse eben viel zu klein ist.

Das Bundeswirtschaftsministerium reagiert mit einer neuen Strategie auf die ökonomisch kaum zu verhindernden, politisch aber möglicherweise beeinflussbaren Entwicklungen. In den am 19.9.2006 veröffentlichten „Thesen zu den deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen“ werden die Erwartungen der Bundesregierung an die Volksrepublik formuliert: „Die Volksrepublik China ist Deutschlands größter Handelspartner in der asiatisch-pazifischen Region. Ein Handelsvolumen von 100 Mrd. Euro bis 2010 erscheint als realistisches Ziel“. Um dies zu erreichen, muss die chinesische Seite Vorleistungen erbringen, wenn es nach der Bundesregierung geht. „Der deutsche Markt steht China offen. [abgesehen von den jüngst erlassenen Strafzöllen z.B. auf Textilimport bspw. Anm. des Verf.] China ist gehalten, in gleicher Weise seinen eigenen Markt für gewerbliche Produkte und Dienstleistungen zu öffnen“. Für die in China investierenden Unternehmen „muss gewährleistet sein, dass sie gleiche Konditionen wie einheimische Unternehmen vorfinden. [...] Die chinesische Regierung ist aufgerufen, die geschäftlichen Rahmenbedingungen und die Marktzugangsbedingungen für mittelständische Firmen kontinuierlich weiter zu verbessern. [...] Die marktwirtschaftlichen Reformen sollten in China unter weiterer zügiger Zurückdrängung staatlicher Einflussnahme auf die Wirtschaft fortgesetzt werden.“[107]

So sieht der Wunschkatalog des deutschen Imperialismus aus. Und man ist es gewohnt, dass anderswo die „Wünsche“ des deutschen Wirtschaftsministeriums als Befehl verstanden und auch als ein solcher befolgt werden. Und damit sind wir wieder beim Ausgangspunkt: China spielt (wie auch andere sozialistische oder sonst wie aufmüpfige Länder) dieses Spiel nicht einfach so mit. In diesem umkämpften Absatzmarkt, bei diesem kommenden Großkonkurrenten gelten Gesetze, die das deutsche Kapital einschränken, z.B. die Joint Ventures, oder die Vorschrift, dass sich Gewerkschaftsgruppen in den Betrieben frei organisieren können, die Verweigerung des bedingungslosen Ausverkaufs nationaler Ressourcen. All das muss der deutsche Imperialismus als Kampfansage verstehen: ein „Schwellenland“ maßt sich an, einer ökonomischen Weltmacht mit Soldaten auf dem ganzen Erdball „staatliche Einflussnahme“ aufzuerlegen, wenn sie investieren möchte. Und solange noch Gesetze Chinas in Beijing gemacht werden statt in Berlin, werden die Herren der BRD keine Ruhe geben.

„Geburt einer Weltmacht?“[108] Warum China für das deutsche Kapital interessant – und beängstigend – ist.

Die VR China ist ein Land, das noch vor einigen Jahrzehnten in halbfeudalen und halbkolonialen Zuständen gefangen war und dem kaum eine der Katastrophen des 20. Jahrhunderts, von Zerschlagungsversuchen europäischer Kolonialmächte bis hin zu faschistischen Eroberungskriegen, verschont blieb. Durch die Befreiung aus der eigenen Ausbeutung und Unterdrückung wurde sie zu einer Hoffnung der Ärmsten der Erde. Ihre jetzige wirtschaftliche Entwicklung bringt das Kapital weltweit ins Schwitzen. 2007 war der Anteil Chinas am Wachstum der Weltwirtschaft der mit Abstand größte. Je nach Methode (oder auch Betrachtungswinkel)[109] entfiel auf China 20 bis 35 Prozent des gesamten Wachstums der Weltwirtschaft, wohingegen zum Beispiel die gesamte EU nur etwa 10 Prozent Wachstumsanteil erreichte.

Die VR China hat zudem zu allem Überfluss in letzter Zeit ihre Anstrengungen intensiviert, in Afrika ökonomisch Fuß zu fassen. Auch dies ein Affront, konnten sich doch die Imperialisten seit Ende der Kolonialzeit mit Krediten, Aufträgen und Bedingungsvorschriften gegenseitig die Klinke in die Hand geben, ohne irgendwelche Konkurrenz von Seiten anderer Länder oder gar der Afrikaner selbst befürchten zu müssen. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück beklagt sich denn auch: „Einige Länder Asiens – maßgeblich ein Land – gewähren Kredite auch im Hinblick auf die Absicherung der eigenen Rohstoffinteressen.[110] – was die BRD selbst natürlich niemals täte. Und auch die „Entwicklungshilfeministerin“ Heidemarie Wieczorek-Zeul weiß: „es geht sehr stark um Rohstoffausbeutung in Afrika“. Für Europa müsse dies ein „Weckruf[111] sein. Besonders dreist an den chinesischen Krediten für afrikanische Staaten: sie kommen ohne die üblichen Bedingungen daher, mit denen die Imperialisten für gewöhnlich schon im Vorfeld regeln, wohin die Gelder wieder verausgabt werden dürfen (in die eigenen Taschen nämlich), und verpflichten die Kreditnehmer nicht zu weiteren Privatisierungen, die ebenfalls – der Markt regelt’s – den Meistbietenden (und damit Meistbesitzenden) begünstigen. Ganz klar: „Peking ignoriert Spielregeln der Geberländer für Kreditvergaben[112]. Den afrikanischen Staaten kommen die chinesischen Kredite, die oftmals noch an größere Infrastrukturprojekte (z.B. Schnellstraßen in Nigeria, ein Telefonnetz in Ghana, Aluminiumwerke in Ägypten oder Dammbauten in Mocambique) gekoppelt sind, jedoch gelegen – diesen Widerspruch fasst die bürgerliche FAZ denn auch so zusammen: „Die Kritik [von deutscher Seite] ist brisant, weil der Handel zwischen Afrika und Asien zu blühen beginnt, dies Afrika hilft und deshalb willkommen ist.“ So geht es nicht, und deshalb fügt Steinbrück hinzu: „Dem müssen wir einen Riegel vorschieben[113].

Die VR China ist zu einem Faktor geworden, an dem kein Land der Erde vorbeikann, erst recht nicht der aufstrebende deutsche Imperialismus, der in alle Teile der Erde seine Fühler ausstreckt, um sich zum dritten Anlauf auf den sonnigsten Platz auf Erden zu rüsten:

China weckt deutsche Begehrlichkeiten – und macht der herrschenden Klasse zugleich Angst. Wohl kaum ein nichtimperialistisches Land ist für den deutschen Imperialismus derzeit so wichtig und bereitet dabei doch so viele Schwierigkeiten bei der imperialistischen Einflussnahme. China wirtschaftet eigenständig, setzt die Bedingungen für ausländische Investitionen und hat immer noch eine nationale Gesetzgebung, die das ausländische Kapital einschränkt (siehe oben). Gleichzeitig erdreistet sich das Land, mit dem deutschen Imperialismus auf Augenhöhe zu verhandeln, gemischte Besitzformen (sog. „Joint-Ventures“) vorzuschreiben und damit Patentabfluss zu erzwingen. All das erfordert neue und aggressive Methoden des deutschen Imperialismus, um im heiß umkämpften chinesischen Markt nicht den Anschluss zu verlieren, politische Druckmittel und Einflussmöglichkeiten zu gewinnen und sich gleichzeitig gegen die drohende weltweite Konkurrenz zu erwehren. Die deutschen Methoden resultieren aus den Besonderheiten der deutschen Entwicklung - und verdienen gerade auch unser Augenmerk im Kampf gegen die eigene Bourgeoisie.

Diesem Widerspruch aus kurzfristigem ökonomischem Kalkül nach Profitmaximierung und dem langfristigen imperialistischen Ziel der Hegemonie über China geschuldet sind die ambivalenten Signale, die nach China gesandt werden. Ein aktuelles Beispiel: Zeitgleich zum größten Trommelfeuer deutscher Medien während der im März gestarteten antichinesischen Hetzkampagne empfängt die Bundeskanzlerin den Dalai Lama bei seiner gerade beendeten Deutschland-Tournee diesmal nicht, obwohl sie beim letzten Deutschland-Besuch des „Ozeans der Weisheit“ im vergangenen Jahr diesen diplomatischen Dammbruch wagte. Es blieb bei einem Stelldichein des Dalai Lama bei Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (Mitglied der SPD – was deutlich macht, dass die Grenzen der unterschiedlichen Kapitalfraktionen durchaus quer durch die Parteien verlaufen können); lediglich zwei Regierungschefs einzelner Bundesländer (Roland Koch, Hessen; Jürgen Rüttgers, Nordrhein-Westfalen) sowie Abgeordnete des Deutschen Bundestags (darunter der Parlamentspräsident) kamen mit dem Dalai Lama zusammen. Dem im Berliner Nobelhotel Adlon residierenden „Oberhaupt“ der Tibeter blieb die höchste staatliche Anerkennung diesmal versagt.[114]

Derzeit stellen die Angriffe gegen die VR China über die „Flanke Tibet“ eine Art „via regis“ des deutschen Imperialismus nach China dar. Tibet ist jedoch nicht die einzige „Baustelle“ der Imperialisten: Auch in der Autonomen Region Xinjiang, überwiegend von der nationalen Minderheit der Uiguren besiedelt, oder in der zur VR China gehörenden Inneren Mongolei werden tatkräftig separatistische Kräfte geschürt – viele dieser Gruppen haben ihren Hauptsitz in der BRD und werden systematisch mit anderen Sezessionisten zusammengeführt, um von verschiedenen Seiten Druck auf China auszuüben.[115] Auch über innere Aufweichung, oftmals wieder organisiert durch deutsche NGOs wie die SPD-nahe „Friedrich-Ebert-Stiftung“ oder die CDU-nahe „Konrad-Adenauer-Stiftung“ oder auch die DGB-Stiftung, die beim „demokratischen Transformationsprozess“ in eine chinesische „Zivilgesellschaft“ „helfen“ sollen, findet Wühltätigkeit statt. All dies braucht unsere Aufmerksamkeit und Wachsamkeit: Tibet ist erst der Anfang.

Um dies deutlich zu sagen: die Widersprüche verlaufen nicht zwischen „pro-chinesischen“ und „anti-chinesischen“ Kräften in deutschen Konzern- und Regierungsetagen. Das Ziel aller Imperialisten bleibt das gleiche, es ist dies die Weltherrschaft. Über die Wege, abhängig von einzelnen Ländern und den unterschiedlichen und oftmals widersprüchlichen ökonomischen Bedürfnissen einzelner Monopole (und selbst innerhalb der einzelnen Monopole!), wird gestritten. Der bürgerliche Staat sei „ideeller Gesamtkapitalist“, schrieb Marx. Der Staat des Monopolkapitalismus ist nicht weniger ideeller Gesamt-Imperialist, der in Form von Kompromissen die Interessen der verschiedenen Kapitalfraktionen zu einen und umzusetzen sucht. Im Falle Chinas sind die Widersprüche gleich mehrfacher Natur und nicht einfach gleichzusetzen mit zwischenimperialistischen Widersprüchen bspw. zwischen der BRD und den USA oder den Interessen des Imperialismus gegenüber abhängigen kapitalistischen Ländern, wie zum Beispiel gegenüber der Tschechischen Republik oder Indien. China ist nicht imperialistisch, nicht kapitalistisch, sondern sozialistisch.

 Ein Widerspruch verläuft also zwischen den Gesellschaftssystemen und manifestiert sich im Zwang des Imperialismus, sozialistische Staaten eliminieren zu müssen. Auf dieser Ebene sind durchaus Kompromisse, Bündnisse und gar strategische Zusammenschlüsse (auf Zeit) zwischen ansonsten rivalisierenden imperialistischen Metropolen möglich.

 Auf anderer Ebene hat die BRD ökonomisches Interesse an der VR China. Dieses wird derzeit nur bedingt dadurch behindert, dass in China ein sozialistisches Gesellschaftssystem existiert, denn für den „Exportweltmeister“ BRD sind die Profite aus dem China-Handel bei der derzeitigen Stagnation geradezu überlebenswichtig. Auch wenn langfristig der Sozialismus in China die Rendite verdirbt, besteht doch kurzfristiges Interesse an stabilen Beziehungen zu China, bis hin zu Verbrüderungsideen gegen imperialistische Konkurrenten.

Aus beiden Faktoren – überlegenes, weil fortschrittlicheres Gesellschaftssystem und ökonomische Stärke – wird die VR China allerdings zu einem Konkurrenten neuer Qualität, nämlich als starkes, nicht-abhängiges und nicht-imperialistisches Land. Die Strategie und Taktik des deutschen Imperialismus oszilliert zwischen den möglichen Optionen der Zusammenarbeit und Kooperation mit China auch gegen andere Imperialisten und offener Konfrontation gegen China im Bündnis mit anderen Imperialisten. Welche Fraktion die Oberhand gewinnt, ändert sich oftmals schnell. Ihr Ziel, nämlich auf Kosten aller anderen Länder weltweite Hegemonie zu erringen, bleibt gleich.

Chinas wachsende wirtschaftliche Bedeutung weltweit, die Möglichkeiten des Landes, sich gegen imperialistische Zugriffsversuche zu wehren, und die Option auf weiteres friedliches Wachstum sind keine Naturgesetze. Die Furcht der bürgerlichen Ökonomen und Geostrategen, die sich in statischen Wachstumsziffern festmachen, lineare Entwicklungen in Dekaden oder Jahrhunderten fortschreibt und ihre ans deutsche oder chinesische Publikum formulierten „Wünsche“ für die „Zukunft“ Chinas sind gleichzeitig immer auch der (zunächst theoretische) Versuch, Chinas Entwicklung zu bremsen, wo sie nicht mehr deutschen Interessen nutzbar gemacht werden kann, und zu zerstören, wo sie mit deutschen Interessen kollidiert. Chinas Weg – als sozialistisches Land, als einheitliche Nation – ist offen. Und die Antwort auf die Frage, wer in den Klassenkämpfen in und um China siegen wird, hängt auch von uns ab.

Die Revolution in den imperialistischen Metropolen, die Befreiung des sozialistischen China von der steten Bedrohung durch imperialistische Mächte eröffnet die Perspektive für den dauerhaften Sieg der Revolution in China. Genau dort liegt unsere Aufgabe, als Kommunisten in unserem Land: die chinesische Revolution nach Mitteln und Möglichkeiten zu schützen, wenn der deutsche Imperialismus täglich aufs Neue beweist, aus seiner Geschichte und Vergangenheit nur das Eine gelernt zu haben, nämlich erneut nach der Weltmacht greifen zu müssen und damit die Menschheit in Gefahr bringt, alte Katastrophen neu (und potentiell noch schlimmer) zu durchleiden. Die Existenz Chinas als sozialistisches Land, als starke, einheitliche Nation, legt dem deutschen Imperialismus Fesseln auf, und hilft uns somit ganz praktisch, gerade auch in unserem Kampf hierzulande. Wir hingegen, als proletarische Internationalisten, stehen in der Pflicht, den Genossen in China beizustehen: wie es die Kommunistische Partei Deutschlands in den 20er und 30er Jahren tat, in der Verteidigung des Kampfes der chinesischen Arbeiterklasse, der auch der unsrige ist; gegen unseren Hauptfeind, der auch Feind der Arbeiterklasse in China ist:

Kampf dem deutschen Imperialismus!

– Hände weg von China!

– Solidarität mit der sozialistischen Volksrepublik China!

Arbeitsgruppe
Zwischenimperialistische Widersprüche

1 Berliner Morgenpost, 04.07.1900

2 Der Bund ging aus der ehemaligen Geheimgesellschaft „Yihequan“ („Faust der Gerechtigkeit und Harmonie“) hervor, die bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts bestand und von Bauern der Provinz Shandong begründet wurde. Mit religiöser Ideologie und Aufstandsversuchen wurde zunächst die Qing-Herrschaft bekämpft; immer stärker auch der ausländische Einfluss, insb. über christliche Missionare. Im Jahr 1899 wandelte sich der Geheimbund in eine offene Massenorganisation um und hieß von nun an „Yihetuan“ (bedeutet wörtlich „Verband für Recht und Harmonie“).

3 Siehe hierzu Fußnote 21, S.11.

4 „Chinesische Geschichte“, Verlag für fremdsprachige Literatur, Beijing 2003, S. 164

5 Als Warlords werden irreguläre Herrscher bezeichnet, die meist lokal begrenzt Gebiete unter ihre Kontrolle bringen und dort dem Charakter nach unter feudalen Verhältnissen herrschen.

6 Die korrekte chinesische Umschrift für Chiang Kai-shek lautet Jiang Jièshí. Wir benutzen im Folgenden ausnahmsweise ausschließlich die beinahe weltweit (und auch in fremdsprachigen chinesischen Medien) gebräuchliche Umschreibung Chiang Kai-shek, die der tatsächlichen Aussprache des Namens jedoch nicht entspricht. Anm. d. Verf.

7 Die deutschen Delegationsleiter waren allesamt keine unbekannten Gesichter: als kommissarischer Nachfolger des verstorbenen Bauer wurde der Teilnehmer an Hitlers gescheitertem Putschversuch im Jahre 1923, Oberstleutnant Kriebel, eingesetzt. Anm. d. Verf.

8 vergl. Martin, Bernd: die deutsche Beraterschaft in China (1927-1938), Militärgeschichte 29 (1990), S. 530-537

9 J. B. Seps, General Georg Wetzell, in: Martin, S. 177 ff.

10 8.4.1936, Akten zur deutschen auswärtigen Politik, Serie C, Bd. 5, Dok. Nr. 270

11 A. Dirlik, The Ideological Foundations of the ‚New Life Movement’. A Study in Counterrevolution, in: Journal of Asian Studies. 1975. S. 945-980. Zitiert nach: Martin.

12 W. C. Kirby, Germany and Republican China, Stanford/Cal. 1984, S. 71

13 ebenda, S.201ff.

14 „China has closer relations with Germany than with any other foreign power and her whole economy – commercial, political and military – is an open book for Germans here“ (The Times, 27.11.1935)

15 K. Drechsler, Deutschland – China – Japan. Das Dilemma der deutschen Fernostpolitik. Berlin/DDR, 1964.

16 Im sog. „Zwischenfall von Xi’an“, bei dem Chiang Kai-schek 1936 vom Warlord Zhang Xueliang und seinem eigenen General Yang Hucheng gekidnappt, in der Stadt Xi’an gefangen gehalten und zum patriotischen Bündnis mit der Kommunistischen Partei Chinas, der sog. „zweiten Einheitsfront“ (nach der ersten Einheitsfront mit der Guomindang unter Dr. Sun Yat-Sen) gegen die japanischen Aggressoren gezwungen wurde, fand diese Entwicklung eine Wende: bis 1945 sollten Guomindang und KP China gemeinsam gegen Japan kämpfen. Anm. d. Verf.

17 Im von Japan errichteten Phantasiestaat „Manschukuo“ wurde der letzte Kaiser Chinas, Pu Yi, als Marionettenherrscher eingesetzt. Anm. d. Verf.

18 Vergl. Zheng, Shan: A History of Development of Tibet. Foreign Language Press, Beijing 2001. S. 114 ff.

19 Vergl. Ying, Chenqing: Tibetan History. China Intercontinental Press, 2003. S.61 ff.

20 Vergl. Goldner, Colin: „Ahnungslose Schwärmerei“, Junge Welt 72, 26.03.2008

21 Vergl. hierzu: Ga, Zangjia: „Tibetan Religions“, China Intercontinental Press, 2003

22 (1856-60). Der Erste Opiumkrieg (1839-42) zwischen Großbritannien und dem Kaiserreich China der Qing-Dynastie. Als Ergebnis des Krieges wurde China zur Öffnung seiner Märkte und insbesondere zur Duldung des Opiumhandels gezwungen. Der Zweite Opiumkrieg oder „Krieg“ Großbritanniens und Frankreichs gegen das Kaiserreich China endete mit dem „Vertrag von Tianjin“ und der „Pekinger Konvention“, die in dieser Form von Kaiser Xianfeng am 18. Oktober 1860 ratifiziert wurden. Damit ergab sich für Großbritannien, Frankreich, Russland und die USA das Recht, in Beijing (bis dahin eine geschlossene Stadt) Botschaften zu eröffnen. Diese Abkommen öffneten elf weitere Häfen für den Handel mit dem Westen, der Opiumhandel wurde legalisiert und Christen bekamen das Recht, die chinesische Bevölkerung zu missionieren sowie Eigentum zu besitzen.

23 Vergl. hierzu: „Regulations of the Republic of China Concerning Rule Over Tibet“, Compiled by China National Center for Tibetan Studies, China No. 2 History Archives. China Intercontinental Press, 1999.

24 Da die Phase der angeblichen „Unabhängigkeit“ Tibets zwischen 1913 und 1951 eine wesentliche Rolle in der Argumentation der exiltibetischen Seite darstellt, sei auch darauf verwiesen, dass es keinerlei völkerrechtlich verbindliche Klärung, bspw. seitens der UNO, zu dieser Frage gibt. Das „unabhängige Tibet“ ist historisch nicht haltbar.

25 vergl. Historische Koordinaten Tibet-China, China Intercontinental Press, 1997

26 zitiert nach: Goldner, Colin : Dalai Lama, Fall eines Gottkönigs, Aschaffenburg, 1999, S. 24

27 zitiert nach: ebenda, S. 22 f.

28 zitiert nach: ebenda, S. 32 ff.

29 vergl. Trimondi, V. & V.: Hitler, Buddha, Krischna, Wien, 2002, S. 156

30 die Basis für die – bis heute – in esoterischen Kreisen höchst populären rassistischen Verschwörungstheorien um das „arische Tibet“ legte die Gründerin der „Theosophischen Gesellschaft“, Helena Blavatski: sie verbreitete in ihrem (gefälschten) Reisebericht über Tibet den Mythos einer arischen Siedlung unter dem Himalaya, die von einer weißen arischen Bruderschaft geführt würde. Der tibetische Klerus wie auch Teile der tibetischen Bevölkerung seien nach Blavatski ebenfalls den „Ariern“ zuzurechnen und würden damit als Bundesgenossen der „Germanen“ in Frage kommen. Während des dt. Faschismus versuchten verschiedene Pseudowissenschaftler aus dem Dunstkreis der SS, diesen Unfug mit verschiedenen Mitteln wie Schädelvermessungen und dergleichen zu belegen. Auch nach dem 2. Weltkrieg knüpfen rassistische Esoterike an diese Theorien an. Anm. d. Verf.

31 Trimondi, V. & V.: Hitler, Buddha, Krischna, Wien, 2002, S. 133 f.

32 Dazu zählte u. a. eine „Indische Legion“ aus 3.000 indischen Kriegsgefangenen, die an der Westfront gegen die Alliierten (britische, amerikanische und kanadische Soldaten) eingesetzt wurde. Der antibritische Kampf an der Seite der deutschen Faschisten wurde im Wesentlichen geführt von Subhas Chandra Bose, von 1937-39 Generalsekretär des Indischen Nationalkongresses, damals noch unterstützt von linken Nationalisten, Sozialisten und Kommunisten. Der Versuch Großbritanniens, mit der Einführung des Kriegsrechts 1939 Indien im innerimperialistischen Krieg an die Seite Großbritanniens zu zwingen und jede Unabhängigkeitsforderung Indiens zu ersticken, trieb ultralinke Kräfte, darunter Bose, in die Arme des japanischen und deutschen Imperialismus. Sie begriffen nicht, im Übrigen ebenso wenig die bürgerlichen Befreiungskräfte um Gandhi, dass der Krieg mit dem Angriff auf die Sowjetunion seinen Charakter geändert hatte und zu einem antifaschistischen, gerechten Krieg der Völker gegen die faschistische Aggression wurde. Damit wurden sie für die faschistischen Kräfte leichte Beute, ebenso für den britischen Imperialismus, den sie damit nicht schwächen konnten, wohl aber die indische Unabhängigkeitsbewegung, die nun auch noch in dem Ruch stand, Faschisten zu unterstützen. (Vgl. Rajani Palme Dutt, „India Today“, 1940) Anm. d. Verf.

33 Im Auftrag der der SS angegliederten „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe e.V.“ betrieb Beger rassekundliche Forschungen, z. B. „zur Beschaffung von Judenschädeln zur anthropologischen Untersuchung“ durch Selektion im KZ Auschwitz. Die u. a. von Beger ausgesuchten Häftlinge wurden vergast, Beger wurde erst 1970 vor dem Landgericht Frankfurt am Main wegen Beihilfe zum Mord angeklagt. Das Gericht verurteilte ihn am 6. April 1974 wegen Beihilfe zu 86-fachem Mord zur Mindeststrafe von drei Jahren. Unter Anrechnung der Internierung nach dem Krieg und der Untersuchungshaft wurde ihm dabei der Strafrest wegen „guter Lebensführung“ erlassen. Anm. d. Verf.

34 zitiert nach: Trimondi, V. & V.: Hitler, Buddha, Krischna, Wien, 2002, S. 150

35 zitiert nach: ebenda, S. 130

36 vergl. Lehner, Gerald: Zwischen Hitler und Himalaya, Wien, 2007, S. 65

37 Harrer, Heinrich: Sieben Jahre in Tibet, Berlin 2006

38 zitiert nach: ebenda, S. 368

39 Goldner, Colin : Dalai Lama, Fall eines Gottkönigs, Aschaffenburg, 1999, S. 83

40 zitiert nach: ebenda, S. 83

41 Messner, Reinhold: Zeitschrift „Alpin“ München, 10.1997

42 Siehe hierzu den Kasten auf Seite 15.

43 vgl. hierzu: Siren & Gewang, „the 14th Dalai Lama“, China Intercontinental Press, 1997, S. 2.

44 Dalai Lama, Buch der Freiheit, S. 132

45 Dalai Lama, Mein Leben und mein Volk – die Tragödie Tibets, München, 1962, S. 154f.

46 vgl. Goldner, Colin: Dalai Lama, Fall eines Gottkönigs, Aschaffenburg, 1999, S. 133

47 vgl. Historische Koordinaten Chinas-Tibets, China Intercontinental Press, 1997, S. 290

48 Dalai Lama, Buch der Freiheit, S. 281

49 auch nicht von Deutschland, selbst wenn dies oft ganz anders erscheint. Anm. d. Verf.

50 dtv-Atlas zur Weltgeschichte, Bd. 2, S. 265

51 insgesamt leben unterdessen ca. 120.000 Tibeter im ausländischen Exil, die meisten davon in Indien, einige Tausend auch in der BRD. Nicht verwechselt werden dürfen die im indischen Exil lebenden Tibeter mit den seit jeher in den Grenzregionen Indiens, Nepals, und Chinas lebenden Tibetern, die dort traditionell ansässig sind. Anm. d. Verf.

52 vgl. Financial Times Deutschland, 19.3.2008

53 dass Friedrich Naumann, der Namensgeber der FDP-nahen Parteienstiftung, der Erfinder des Begriffes „Nationalsozialismus“ ist, sei nur am Rande hinzugefügt. Friedrich Naumanns Schriften, insb. der „national-soziale Katechismus“ aus dem Jahre 1897 (!), lesen sich streckenweise höchst „modern“ und nehmen einiges am sozialdemagogischen Repertoire vorweg, an dem sich später u. a. die deutschen Faschisten freigiebig bedienten. Anm. d. Verf.

54 siehe www.german-foreign-policy.com, „Die Tibetfrage“ 31.10.2004

55 Buchbesprechung: ,,Tibet im Exil“; www.fnst.org

56 siehe hierzu: www.german-foreign-policy.com, „Schwächungsstrategien I“, 27.09.2007

57 ebenda

58 vgl. hierzu: www.german-foreign-policy.com, „Härtere Gangart“, 18.09.2006.

59 Tseten Norbu: Die Rückeroberung Tibets. Tibet-Forum 1/2000

60 Dalai Lama, „tageszeitung“, 28.07.2005

61 Aufruf des Dalai Lama, 10.03.2004

62 siehe hierzu: www.german-foreign-policy.com, „Schwächungsstrategien I“, 27.09.2007

63 zitiert nach: Goldner, Colin, „Die Gunst der Stunde“. Junge Welt.

64 vgl.: ebenda.

65 Die VR China nimmt nur zu solchen Staaten diplomatischen Kontakt auf, die die nationale Integrität Chinas anerkennen. Dazu zählen insb. die Nicht-Anerkennung der chinesischen Insel Taiwan als unabhängigen Staat und die Anerkennung der Zugehörigkeit Tibets zu China. Die BRD bekennt sich seit 1974 zu dieser Politik. Anm. d. Verf.

66 Protokoll der Veranstaltung „Tibet und Olympia – Die olympischen Spiele in China – Chance oder Risiko?“ am 14. November 2007 in der Vertretung des Landes Hessen beim Bund

67 Roland Koch: „Boykott ist letztes Mittel“; Financial Times Deutschland, 17.03.2008

68 Protokoll der Veranstaltung „Tibet und Olympia - Die olympischen Spiele in China - Chance oder Risiko?“ am 14. November 2007 in der Vertretung des Landes Hessen beim Bund

69 vgl.: ebenda.

70 Transcript: James Miles interview on Tibet; CNN 20.03.2008

71 vergl. hierzu: www.german-foreign-policy.com, „Die Fackellauf-Kampagne“, 08.04.2008, http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57200

72 Fotos aus Tibet; Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.03.2008

73 Vergl. Goldner, Colin: „Die Gunst der Stunde“, Junge Welt, 27.03.2008

74 ebenda

75 Übersetzt und zitiert nach: „Special Report: Dalai’s separatist activities condemned“. Xinhua, 18.3.2008. http://www.xinhuanet.com/english/2008-03/18/content_7813012.htm

76 vgl. hierzu: www.german-foreign-policy.com, „Die Fackellauf-Kampagne“, 08.04.2008, http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57200

77 Doug Saunders: How three Canadians upstaged Beijing; Globe and Mail, 29.03.2008.

78 Die ersten vier „International Tibet Support Groups Conferences“ fanden 1990 (Dharamsala), 1996 (Bonn), 2000 (Berlin) und 2003 (Prag) statt. Bereits die zweite Konferenz wurde von der Friedrich-Naumann-Stiftung organisiert. (http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57200)

79 Gerhardt kritisiert Belgien nach Absage des Dalai-Lama-Besuchs; www.fnst-freiheit.org 11.05.2007

80 vergl. hierzu: ebenda.

81 Doug Saunders: How three Canadians upstaged Beijing; Globe and Mail 29.03.2008

82 vgl. hierzu: www.german-foreign-policy.com, „Die Fackellauf-Kampagne“, 08.04.2008, http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57200

83 Doug Saunders: How three Canadians upstaged Beijing; Globe and Mail, 29.03.2008

84 vgl.: ebenda.

85 Tibet wirft China Scheinproteste vor; Tagesanzeiger, 18.04.2008

86 Ein Foto und seine Geschichte; Der Tagesspiegel 27.04.2008

87 vgl. hierzu: www.german-foreign-policy.com, „Flexiblere Strategien“, 30.04.2008, http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57223

88 Vergl. Goldner, Colin: „Die Gunst der Stunde“, Junge Welt 72, 27.03.2008.

89 Dass der Dalai Lama als „reinkarnierter“ Gottkönig gar nicht zurücktreten kann, stört die deutschen Medien und ihn selbst wenig. Die einzige Form des Rücktritts, die theoretisch denkbar wäre, müsste ein Selbstmord sein, um den Weg für eine erneute Reinkarnation in eine neue Person freizumachen, wenn man dem Glauben der „Gelbmützen“ an die „Seelenwanderung“ folgen würde, wie der Dalai Lama dies tut. Anm. d. Verf.

90 Spiegel Online, http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,541768,00.html

91 Spiegel Online, http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,542641,00.html

92 Spiegel Online, http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,542457,00.html

93 Spiegel Online, http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,542886,00.html

94 Spiegel Online, http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,542886,00.html

95 Spiegel Online, http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,543525,00.html

96 die Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover Dr. Margot Käßmann, chrismon, 06.2008

97 Die (olympischen) Geister, die Peking rief; SWP-Aktuell 33, April 2008

98 zitiert nach: www.german-foreign-policy.com, „Flexiblere Strategien“, 30.04.2008, http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57223

99 Titel des „Spiegel“ 37/2006

100 Gabor Steingart: „Chinas Kapitalismus – Profitgier geht über Leichen“ – http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,436350,00.html, 13.09.2006

101 Im Anschluss an eine Großbritannien-Reise bereiste Wen Jiabao vom 13.09. bis 15.09.2006 Hamburg und Berlin, wo er mit Angela Merkel und Bundespräsident Köhler zusammentraf. Gegenstand des Arbeitsbesuches war die Unterzeichnung von acht Kooperationsvereinbarungen im Bereich Bildung, Medizin, Biotechnologie, Jugendaustausch sowie wirtschaftliche und technische Zusammenarbeit. Anm. d. Verf.

102 Bild-„Zeitung“, 15.09.2006

103 Gabor Steingart: „Weltkrieg um Wohlstand. Wie Macht und Reichtum neu verteilt werden.“, München, 2006

104 Quelle: Statistisches Bundesamt nach FAZ, 15.05.2008

105 FAZ, 15.05.2008

106 ebenda

107 BMWi, „Thesen zu den deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen“, 19.9.2006. http://www.bmwi.de/BMWi/Navigation/aussenwirtschaft,did= 158094.html

108 Titel des „Spiegel“ 42/2004

109 Grundsätzlich beinhalten solche Statistiken verschiedene Fehleranfälligkeiten und Ungenauigkeiten, auch ist einiges letztlich von Definitionen abhängig. Daneben wird – zum Glück – nicht alles auf der Welt so genau erfasst wie beim Statistischen Bundesamt in Deutschland. Die hier genannten Daten zum Wachstumsanteil an der Weltwirtschaft gehen so auseinander, weil die Umrechnung eines Produktes in unterschiedlichen Währungen (in Dollar oder in Euro) erfolgen kann oder beim Vergleich unter anderem große Unterschiede bei der Bewertung der Arbeitskraft erfolgen. Somit ist – auch beim Ausgehen von unstrittiger Produktmenge – das Ergebnis naturgemäß verschieden. Auch wenn dies für die Datenbeurteilung wichtig ist, so bleibt die Tendenz in der chinesischen Entwicklung dabei unstrittig. Siehe dazu auch FAZ vom 15.01.2008. Anm. d. Verf.

110 Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 18.09.2006

111 Financial Times Deutschland/ FTD-Kompakt, 06.11.2006

112 ebenda

113 Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 18.09.2006

114 vergl. hierzu: www.german-foreign-policy.com, „Jederzeit mobilisierbar“, 19.05.2008, http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57240

115 vergl. hierzu: www.german-foreign-policy.com, „Schwächungsstrategien (IV)“, 22.10.2007, http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57047

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