Für Dialektik in Organisationsfragen
Angesichts der Bilder von Massen verzweifelter Menschen auf dem Kabuler Flughafen, die mit dem chaotischen Abzug der letzten Soldaten der westlichen Großmächte nach einer Fluchtmöglichkeit vor den Taliban suchten, fragten sich auch manche Friedensfreunde hier, ob nicht eine Verlängerung der Besatzung die weniger schlimme Alternative wäre. Schließlich hatten die Besatzungsmächte, allen voran die Bundesregierung für diesen Einsatz der Bundeswehr zunehmend mit hehren Zielen wie Bildung für alle und Frauenrechte geworben. Und nun ist man wieder da angelangt, wo man vor der Militärintervention der USA und ihrer Verbündeten bereits war: Die Taliban mit ihren ultrareaktionären, nicht nur die Frauen unterdrückendem Herrschaftsprogramm, übernehmen wieder die Macht.
Die folgenden, kleinen Schlaglichter zeigen, dass dies nichts anderes bedeuten würde, als die Brandstifter zur Brandbekämpfung zu rufen.
I.
„Die Privilegien, die Frauen rechtlich zustehen, sind gleiche Bildung, Arbeitsplatzsicherheit, Gesundheitsversorgung und freie Zeit, um eine gesunde Generation für den Aufbau der Zukunft des Landes aufzuziehen. Bildung und Aufklärung stehen ab jetzt im Mittelpunkt der Regierungsarbeit.“[1] Diese Zeilen standen am 28.Mai 1978 in der New Kabul Times, geschrieben von Anahita Ratebzad, Kommunistin und nach der volksdemokratischen Aprilrevolution 1978 in Afghanistan zur Sozialministerin ernannt.
Doch die imperialistischen Mächte, die Monopolherren und ihre Regierungen und Geheimdienste, wollten damals alles andere als ein volksdemokratisches Afghanistan, das sich eine Zukunft unabhängig von ihrem Zugriff erkämpft. Die rückwärtsgewandten Kräfte in Afghanistan, einem der ärmsten, kaum industriell entwickelten Länder der Welt, wurden fleißig unterstützt, das Land in einen Bürgerkrieg getrieben. Als sich dann die Regierung um Unterstützung an die Sowjetunion wandte und diese 1979 Truppen entsendete, wurden diese reaktionären Kräfte mit allen Mitteln gegen das fortschrittliche Afghanistan und die Sowjetunion aus- und hochgerüstet. Das wurde nicht nur von den damals an der Spitze des Kampfes der imperialistischen Staaten gegen den Sozialismus stehenden USA betrieben, sondern auch von Westdeutschland. Einheimische islamistische Mudschaheddin, wie auch bis zu 20.000 Kämpfer aus arabischen Staaten wurden von den westlichen Geheimdiensten mit Geld und Waffen versorgt und in Lagern trainiert. Hinter dem Rücken der westdeutschen Öffentlichkeit, jenseits von Recht und Gesetz bildeten z.B. GSG 9 Beamte arabische Freiwillige am Hindukusch im Kampf gegen das fortschrittliche Afghanistan und die Sowjetunion aus.[2] Nach 10 Jahren musste sich die Sowjetunion zurückziehen. Ein Jahr später wurde die volksdemokratische Regierung von den vorrückenden Feudalherren und Kriegsfürsten gestürzt. Das Elend, die Unterdrückung, die die volksdemokratischen Kräfte doch durch Landreform, wirtschaftlichen Aufbau und Ausbau der Infrastruktur, Bildung für alle, gerade begannen zu beseitigen, kehrten nur noch schlimmer zurück. Sozialistische und andere fortschrittliche Kräfte mussten ins Ausland fliehen, wie auch Anahita Ratebzad. Das Land versank in den Kämpfen rivalisierender Kriegsfürsten, bis 1996 die Taliban die Macht übernahmen, die Scharia als Gesetzesgrundlage einführten, den letzten Präsidenten der volksdemokratischen Regierung, Mohammed Nadschibullah, ermordeten und zur Abschreckung an einen Betonpfahl hängten.
II:
Als der damalige Bundeskanzler Schröder (SPD) nach dem Angriff islamistischer Kräfte auf das World Trade Center im September 2001 den USA seine „uneingeschränkte Solidarität“ im Kampf gegen den Terror erklärte, war von Frauenrechten und Bildung in Afghanistan noch keine Rede. Es ging um etwas ganz anderes. Die Frankfurter Rundschau schrieb damals in seltener Offenheit: „Was Fischer (damaliger Außenminister von den Grünen, die Verfasserin) und ... Schröder in Asien wollen, ist Präsenz zeigen. Dabei sein ... möglichst auf den vorderen Plätzen. ... Fischers hoher Anspruch ist es, im veränderten globalen Kräftespiel eine ernst genommene, ausgleichende Rolle zu spielen.“[3] Nicht zu kurz zu kommen im Konkurrenzkampf um die Herrschaft über diesen Planeten bis in die hintersten Winkel, um Einflusszonen und Rohstoffe, das war es, was die Bundesregierung antrieb, sich an dem Krieg der USA in Afghanistan zu beteiligen.
III.
Rund 250.000 Menschen starben in diesem Krieg, viele davon Zivilisten. Das Land ist weitgehend zerstört. Die von den afghanischen Marionetten-Regierungen auf Druck der imperialistischen Staaten durchgesetzten Maßnahmen, wie Senkung der Zölle und ähnliches, zerstörten die eh kaum vorhandene einheimische Industrie. Ausländische Waren überschwemmten das Land und ruinierten auch die Bauern. Einzig der Drogenanbau und -handel blüht. Die Armut ist größer als zu Beginn der Militärintervention 2001. Fast 55 Prozent der afghanischen Bevölkerung lebten bereits 2016 unter der Armutsschwelle, die Arbeitslosenrate ist eine der höchsten weltweit. So wurde der Nährboden geschaffen, auf dem die Taliban wieder Rückhalt in Teilen der Bevölkerung erobern konnten.
Das ist das Ergebnis von 20 Jahren Krieg und Besatzung. Das Ergebnis des weltweiten Kampfes der Kapitalisten und ihrer Staaten gegen den Sozialismus und ihres Kampfes untereinander um die Beherrschung der Welt.
Afghanistan ist ein eindringliches Beispiel dafür. Den Kriegstreibern in unserem Land die Macht zu entreißen, das ist es, wofür wir hier kämpfen und uns organisieren müssen. Sozialismus oder Barbarei – so steht die Alternative nach wie vor.
gr
1 Zitiert nach jW vom 26.8.2021: „Das Gesicht eines neuen Afghanistan“
2 siehe dazu www.german-foreign-policy.com (gfp) „Der Krieg kehrt heim (II)“, vom 12.1.2015
3 Frankfurter Rundschau vom 25.10.01, zit. nach gfp: „Deutschland führt die Wiederaufbauhilfe an“