Es waren an die 1.000 Menschen aus ganz Belgien und auch einige aus anderen Ländern, die am 26.Juni in die Aula Q der Universität strömten, um vom Gründer und langjährigen Vorsitzenden der Partei der Arbeit Belgiens Abschied zu nehmen. Es war dieselbe Aula Q, in der Ludo Martens seine legendären, langen und für niemanden langweiligen 1.Mai-Reden gehalten hatte. Redebeiträge, Videos – auch über die Trauerfeier in Kinshasa (DR Kongo) – und Musik verwandelten über zweieinhalb Stunden die Trauer oft genug in Begeisterung, Lachen und Zuversicht.
„Protestler, Rebell, Musikfanatiker, Papa, Schriftsteller, Starrkopf, Kinoliebhaber, inspiriert, verliebt in die Poesie, Optimist, fähig, Berge zu versetzen, Kommunist.“, so fasste Peter Mertens, Vorsitzender der PTB zusammen, was Genossen, Freunde und Angehörige über Ludo Martens wussten und dachten. Und all das wurde in dieser Gedenkfeier erzählt, dargestellt, gezeigt: seine Rolle in der demokratischen Studentenbewegung Ende der sechziger Jahre, Kampf gegen den Nationalismus, Hinwendung zur Arbeiterbewegung, zum Kommunismus, Parteigründung 1979, in den 90er Jahren wird er in der kommunistischen Weltbewegung bekannt und unentbehrlich durch seine Bemühungen, diese kommunistische Bewegung zu einigen und durch seine in vielen Ländern gelesenen Schriften, ab 1999 nimmt er seine revolutionäre Tätigkeit im Kongo auf. Nachdem Angehörige, Genossen, Freunde, Künstler berichtet hatten, welchen Einfluss Ludo Martens auf ihr Leben genommen hatte, und Kondolenzbotschaften aus Kuba, den Philippinen und dem Kongo verlesen worden waren, redete ein Gewerkschafter, der bei Siemens Oostkamp gearbeitet hatte, der auch einen Streik gegen Entlassungen organisiert hatte. Er wurde Kommunist, sah z.B. in der DDR eine Hoffnung, dass eine andere, eine sozialistische Gesellschaft möglich ist. Er war dann zutiefst entsetzt über die Ereignisse seit 1989. Gab es doch keine Alternative zum Kapitalismus? Die Begegnung mit Ludo Martens machte der Verwirrung und Verzweiflung ein Ende. Er überzeugte mit Fakten, dass dies nicht das Ende des Sozialismus ist, und gab den Genossen neuen Mut.
Zum Schluss sprach der Vorsitzende der PTB, Peter Mertens: „... Ludo war einer der Wenigen, der sich getraut hat, gegen den Strom zu schwimmen. Gegen den Rassismus, gegen den Wahnsinn des Nationalismus und die linguistischen Dispute, aber auch gegen den Antikommunismus ... Als sich 1989, 90 und 91 der Kapitalismus zum Sieger der gesamten Menschheitsgeschichte erklärt hat, hat Ludo an dieser Stelle in diesem selbigen Auditorium Q, die neue Weltordnung in Abrede gestellt, die die USA festsetzen wollte. Sowie das neue Europa unter der Kontrolle von Deutschland. Ist das nicht mehr aktuell? … Während das gesamte Establishment das Kerzenlicht des Sozialismus ausblasen wollte, hat Ludo dazu beigetragen, die Flamme zu bewahren ... Im Kongo hat er mit seinen Büchern über Mulele, Abo und Kabila die Geschichte denen zurückgegeben, die diese jetzt machen… Unserem Land (Belgien) hat Ludo die Partei gegeben. Das ist sein Lebenswerk …
Wir sagen Adieu zu einem Revolutionär. Jemandem mit einem unerschütterlichen Respekt vor der Weisheit von Menschen. Jemandem, der zu intellektuellen Herausforderungen angeregt hat. Jemandem, der sich getraut hat, gegen den Strom zu schwimmen. Jemandem mit dem Ehrgeiz, den Lauf der Geschichte zu verändern. Und Jemandem, der besser als jeder andere wusste, dass man dafür eine Organisation braucht, eine Partei.“
Nach dem gemeinsamen Gesang der Internationale verteilten Genossen der PTB an die aus dem Saal strömenden Menschen Karten mit dem Porträt von Ludo Martens und Versen von Bertolt Brecht auf Französisch und Niederländisch:
„Wer noch lebt, sage nicht: niemals!
Das Sichere ist nicht sicher.
Wenn die Herrschenden gesprochen haben
Werden die Beherrschten sprechen.
Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?“
Erika Wehling-Pangerl
Die Übersetzung der Rede von Peter Mertens wurde
von einem Freund unserer Organisation gemacht.
Die Stunde der deutschen Einheit hat geschlagen – Europa wird Unglück sähen, in der Dritten Welt und hier.
Rede am 1.Mai 1990, aus der wir in unserem Kondolenzschreiben zitiert haben. Die Rede ist zu finden unter: http://de.dir.groups. yahoo.com/group/karovier/message/1796.
Tien An Men 1989: Von der revisionistischen Abweichung zum konterrevolutionären Aufruhr. Diese Schrift wurde von uns ins Deutsche übersetzt und kann bei uns bestellt werden (siehe Impressum).
Bücher (antiquarisch erhältlich):
– Die UdSSR und die samtene Konterrevolution
– Stalin anders betrachtet
An
Parti du Travail de Belgique
Bruxelles
Nürnberg, Juni 2011
Liebe Genossen der Partei der Arbeit Belgiens!
Wir haben von euch die traurige Nachricht erhalten, dass Genosse Ludo Martens verstorben ist.
Sein revolutionäres Wirken, sein analytischer Verstand, seine streitbare und kämpferische Persönlichkeit haben weit über die Grenzen eures Landes hinaus den Klassenkampf positiv beeinflusst.
„Die Stunde der deutschen Einheit hat geschlagen. Europa wird Unglück sähen, in der Dritten Welt und hier.“, das war seine Prognose in seiner Rede am 1.Mai 1990, und seine Schlussfolgerung: „Nein dem imperialistischen Europa, nein dem deutschen Europa, nein dem europäischen Militarismus.“ Wir haben diese Worte und diese praktische Politik der PTB stets als große Unterstützung für unseren Kampf gegen den deutschen Imperialismus empfunden.
Im Zusammenhang mit den Niederlagen der internationalen Arbeiterbewegung in den Jahren 1989 bis 1991 leistete Genosse Ludo Martens wichtige Beiträge zur Analyse der Klassenkämpfe, v.a. in der Sowjetunion und in der VR China. Dabei lehnte er jede Klassenversöhnung ab und stritt zugleich in Theorie und Praxis für die Einheit der internationalen Arbeiterbewegung.
Euch, liebe Genossen der PTB, und den hinterbliebenen Angehörigen gilt unsere Anteilnahme. Euer Kampf, unser Kampf, der Kampf der Arbeiter aller Länder wird dazu führen, dass sich das erfüllt, wofür Genosse Ludo Martens gelebt und gestritten hat.
Es lebe der proletarische Internationalismus!
Mit kommunistischen Grüßen
Gruppe Kommunistische Arbeiterzeitung
i.A. Erika Wehling-Pangerl