2.4 1941-1945: 14 bis 18 Jahre: Hacki lernt München kennen und überlebt den Krieg
Joseph Ratzinger junior, genannt Hacki, wird 14 Jahre alt. Kardinal Michael von Faulhaber, der Patron der Familie Ratzinger und des Seminars St. Michael, hatte aufgerufen, das Dritte Reich in seinem weltgeschichtlichen Abwehrkampf gegen den Bolschewismus zu unterstützen. Das Faulhaber´sche Seminar meldet die Zöglinge, die nicht freiwillig in die HJ eintreten zwangsweise an.[1] Sollte Hacki „verdrossen beiseite stehen“? Wo doch „Verdrossenheit der Nährboden für den Bolschewismus war“? Ein Lehrer, der zwar Nazi ist, aber nicht unmenschlich, sieht die Konflikte aus Glauben und Unsportlichkeit und erspart Joseph die aktive Teilnahme.
Ein Cousin, der am Down Syndrom leidet, wird 1941 von den Nazis als „unwertes Leben“ ermordet, in den Autobiographien des Kardinals finden wir davon keine Erwähnung, im Gegensatz zum theologisch prominenten Großonkel Georg.[2]
Bedenken hätten den 14-jährigen beschlichen, schreibt er, als im Juni 1941 die Naziarmeen die Sowjetunion überfallen. Nicht, weil ein Christ andere Menschen nicht als Untermenschen erniedrigen, versklaven und töten soll, nein: „wir dachten an Napoleon; wir dachten an die unermesslichen Weiten Russlands, in denen sich irgendwo der deutsche Angriff verlieren musste.“ So erinnert sich der Kardinal Ratzinger 1997, ohne weiteren Kommentar.[3]
Kardinal Faulhaber hatte dafür gesorgt, dass die Bedenken still blieben. Am 17. Juni 1941 rief er mit den bayerischen Bischöfen auf, mutig zu sein „im furchtbaren Kampf gegen den Bolschewismus“, „im Namen unseres Herrn Jesus Christus, den die Juden gekreuzigt haben.“[4]
Am 22. Juni 1941 greifen 149 Divisionen der Hitlerarmeen, die größte Landstreitkraft der menschlichen Geschichte, die Sowjetunion an.
Am 26. Juni schreiben die deutschen Bischöfe im „Hirtenwort“: „Bei der Erfüllung der schweren Pflichten dieser Zeit, bei den harten Heimsuchungen, die im Gefolge des Krieges über euch kommen, möge die trostvolle Gewissheit euch stärken, dass ihr nicht nur dem Vaterlande dient, sondern zugleich dem heiligen Willen Gottes folgt“.[5]
Der Angriff scheint gut vorwärts zu kommen, vor allem in der Westukraine, wo katholisch-faschistische Untergrundgruppen die Ankunft der Naziarmeen vorbereitet haben.
Dann wird die Front immer länger und das Wetter kälter. Die Briten verteidigen sich verbissen, erhalten Unterstützung von der Roosevelt-Regierung der USA und verbünden sich mit der Sowjetunion. Die von der deutschen Propaganda angekündigte Invasion Englands bleibt aus.
Im Oktober 1941 wird die UdSSR in die militärische Unterstützung durch die USA zu den gleichen Bedingungen wie Großbritannien einbezogen.
Die strategische Planung der Spitzen des deutschen Imperialismus von 1934, „alles auf eine Karte“ zu setzen im Kampf um die Vorherrschaft in Europa, war nicht aufgegangen.
Die Neutralisierung der USA und die Isolierung der Sowjetunion sind 1941 gescheitert. Aus Japan meldet der deutsche Kommunist und Rotarmist Richard Sorge an die Militärführung nach Moskau, dass Japan sich auf den Krieg gegen die USA vorbereitet und keine Invasion der Sowjetunion von Osten her plant. Auch hier ist der Plan der deutschen Imperialisten nicht aufgegangen.
Richard Sorge hatte übrigens in Frankfurt studiert, unter anderem bei Adorno und den Philosophen der von Ratzinger so gehassten Frankfurter Schule, war aber nicht Neomarxist geworden, sondern in die KPD eingetreten, hatte deren Betriebszellen unterstützt, und hatte sich als Journalist der Frankfurter Zeitung schließlich nach China und Japan versetzen lassen, wo er für die Rote Armee das 1941 so wichtige Agentennetz aufbaute.
Nun bekommt auch der wendige Faulhaber Bedenken. Er weiß von Auschwitz. Er hat Sorgen, aber nicht wegen der Opfer: Am 13. November 1941 schreibt er seinem Bischofskollegen Bertram: „Wie vor einigen Wochen in Wien werden zur Zeit auch in München die Nichtarier in brutaler Form und unter unmenschlichen Auflagen nach Polen abtransportiert.“ Man müsse überlegen, „eine Eingabe an höchster Stelle“ zu machen, damit wenigstens „die härtesten Härten, die einmal auf unser Volk zurückfallen, vermieden werden.“[6]
Am 5. Dezember 1941 setzt die große sowjetische Gegenoffensive mit Truppenverstärkung aus dem Osten der UdSSR ein.
Am 10. Dezember 1941, als es den Völkern der Sowjetunion gelingt, den Angriff der Naziarmeen zum Stehen zu bringen, heißt es im „Hirtenwort“: „Schrecklich ist das Bild des Bolschewismus, wie es unsere Soldaten kennen lernen. Gewaltig und furchtbar ist das Ringen gegen diesen Weltfeind“[7].
Am 1. Januar 1942 steht die weltweite Front gegen den Faschismus. 26 Staaten verpflichten sich, gegen Hitlerdeutschland Krieg zu führen und keinen Sonderfrieden zu schließen. Es ist abzusehen, dass die amerikanischen Lieferungen, vor allem Öl, ausbleiben werden. Mit einem Durchbruch zu den Ölquellen von Baku versucht der deutsche Imperialismus seinen letzten Trumpf auszuspielen.
Die sowjetische Armeeführung unter Stalin erwartete die Deutschen bei Stalingrad und suchte im August 1942 die Entscheidungsschlacht zur Rettung der Völker der Sowjetunion vor Völkermord und Sklaverei. Die Faschisten aus Deutschland, Italien, Rumänien und Ungarn boten eine Million Soldaten zum entscheidenden Durchbruch auf.
Die Sowjetarmeen erhielten Unterstützung durch strategische Reserven aus Moskau.
Im Gegensatz zu den Invasoren verteidigten sie ihr Heimatland und wurden von der Bevölkerung unterstützt. Sowjetische Panzer wurden in benachbarten Fabriken von Technikern im Dauereinsatz repariert und wieder in die Schlacht geschickt.
Die deutschen Armeen werden getrennt und in zwei Kesseln von ihrem Nachschub abgeschlossen. Die blutigste Schlacht der Weltgeschichte neigt sich gegen die Aggressoren.[8]
Das Traunsteiner Seminar wird zugemacht, es gibt keine Ersatzräume mehr, die nicht als Lazarett gebraucht werden. Joseph läuft wieder von Hufschlag ins Gymnasium. Die Wege um den Hufschlager Hof herum werden ihm immer vertrauter.
Am 2. Februar 1943 kapituliert General Paulus in Stalingrad, gegen Hitlers Befehl.
91.000 halbverhungerte, kranke, fast erfrorene Soldaten treten den Marsch in die Gefangenenlager an, nur 6.000 überleben.
Die Alliierten landen in Sizilien. München wird von Bombern angegriffen. Am 17.März 1943 predigt Faulhaber[9]: „Der Einzelne hat der Volksgemeinschaft gegenüber heilige Pflichten. Er muss der Gesamtheit dienen und im Notfall sogar bereit sein, das Leben einzusetzen.“ Den Familien, „die um einen Stalingrad-Kämpfer bangen“, ruft er zu: „Seid getrost, die Augen Gottes leuchten über den ganzen Erdkreis.“
Wenig getrost ist in diesen Tagen Faulhabers Freund aus Münchner Tagen, Eugenio Pacelli in Rom. Er war 1939 Papst Pius XII. geworden und macht sich jetzt Sorgen, dass Deutschland den Krieg verlieren könnte. Am 16. April 1943 trifft er den ungarischen Generalobersten Szombathely und andere Militärs und Begleiter. Nach dem Empfang wird notiert: „Der Papst äußerte seine Wünsche, die auf die Bildung einer großen einigen Monarchie im Donaubecken abzielten, die gegen die Sowjetunion gerichtet wäre.“ Diese Habsburger Monarchie sollte aus Bayern, Österreich, Ungarn, Kroatien und evtl. der Tschechoslowakei bestehen.[10] Bestätigt wird dieser Plan auf der „autorisierten Ehrenseite“[11] von Otto von Habsburg, dem Sohn des letzten österreichischen Kaisers, der immer noch Anspruch auf diesen Kaisertitel erhebt. Er lässt auf dieser Website in seiner Biographie über die Zeit des 2.Weltkriegs schreiben: „Leider werden die meisten von Ottos Erfolgen durch Stalin und seine Genossen zunichte gemacht, so auch Churchills Plan einer Donauföderation unter Otto als Kaiser.“
Während der Möchtegern-Kaiser und König Otto von Österreich-Ungarn und der Möchtegern-König und Kaiser Rupprecht von Bayern und Deutschland nach Stalingrad zusammen mit dem Papst bei Churchill um ihre Kronen und die damit verbundenen Privilegien intrigieren, predigt Faulhaber in München Durchhalteparolen, denn die Soldaten werden 1943 knapp in Deutschland.
Hacki Ratzinger und die Traunsteiner Faulhaber-Seminaristen werden zur Flugabwehr nach München eingeteilt, als Flakhelfer. Sie gehen mit Münchner Schülern zusammen ins Max-Gymnasium. „Eine neue Welt“, war das für den 16-jährigen, wird sich der Kardinal erinnern, der bis dahin sein Leben im ländlich geprägten Fußmarsch-Umkreis des bayerischen Wallfahrtsorts Altötting verbracht hatte und im Dunstkreis der Kultur der Gegenreformation.
Vorwort von Professor Hubertus Mynarek: Papst ohne Heiligenschein
1 Warum ein Buch über Ratzinger?
1.1 Dauernd Missverständnisse
1.2 Was wir wollen und was wir nicht wollen
1.3 Bemerkungen zu Begriffen
1.4 Warum uns der Papst interessiert
2 Ratzinger ohne Heiligenschein in seiner Zeit und Geschichte betrachtet
2.1 Biographie „aus der Geschichte verstehen“
2.2 1927-1932: Die ersten 5 Jahre, der Vater und seine Welt
2.3 1933-1940: 5 bis 13 Jahre: Aus der Welt des Vaters in die Schule Faulhabers
2.4 1941-1945: 14 bis 18 Jahre: Hacki lernt München kennen und überlebt den Krieg
2.5 1945-1951: 18 bis 24 Jahre: Hacki verliert sein Gedächtnis und der Bücherratz bekommt ein neues
2.6 1951-1958: 24 bis 31 Jahre: Der schwierige, aber schnelle Aufstieg ins Mittelalter
2.7 1958-1969: 31 bis 42 Jahre: Joseph, der Wanderdogmatiker wittert Rom
2.8 1969-1977: 42 bis 50 Jahre: Regensburg
2.9 1977-1981: 50 bis 54 Jahre: Der Nachfolger Faulhabers
2.10 1981-2005: 54 bis 78 Jahre: Wojtylas Inquisitor
2.11 2005-2006: 78 bis 79 Jahre: Wir werden Papst! Oder wer?
3 Der Name Benedikt: „Friedensinitiative“ von Benedikt XV. und Kardinal Faulhaber in Bayern.
4 Ratzinger und die Theologie der Befreiung
4.1 Ratzinger und die „Sünde“ der Theologie der Befreiung
4.2 Ratzinger und die Auseinandersetzung um die Theologie der Befreiung in Cajamarca (Peru)
4.3 Der Vatikan und der schmutzige Krieg in Lateinamerika
4.4 Der Einsatz des Vatikans für einen Diktator
4.5 Ratzinger und Sodano
4.6 Chronologie Theologie der Befreiung
5 Ratzinger ohne Missverständnisse
5.1 Ein angepasster Lebensweg
5.2 Wo steht Ratzinger als Papst?
5.3 Was ist von Ratzinger zu erwarten?
6 Wer hat geholfen, das Buch zu machen?
Nachwort von Professor Hans Heinz Holz
Anhang: „Instruktion über einige Aspekte der Theologie der Befreiung“ vom 6. August 1984
Unterordnung, Anpassung und Mystizismus waren die Werte, die ihm der Vater vermittelt hatte, das Faulhaber-Seminar hatte darauf aufbauen können. Das damals dumpfschwarze Traunstein, das die Umwelt zu Elternhaus und Seminar bot, hatte ungefähr 10.000 Einwohner.
Die große Welt hatte sich bis dato bei gelegentlichen Besuchen nach Salzburg präsentiert.
Ein Mitschüler erinnert sich: „Er war nicht sportlich, oft in sich gekehrt, schöngeistig, irgendwie verkopft und erweckte beim Exerzieren eher Mitleid. Während seine Kameraden auf der Bude laute Gesänge anstimmten, schrieb er griechische Verse - Spottgedichte über ungeliebte Unteroffiziere immerhin.“[12] Während Hacki die Unteroffiziere vorsichtshalber auf altgriechisch verspottet, rufen in der Münchner Uni, einige 100 Meter vom Max-Gymnasium, die Studenten der „Weißen Rose“ auf ihren Flugblättern zur Beendigung des Kriegs auf. Kardinal Faulhaber notiert am 22. Februar 1943: Hinrichtung Geschwister Scholl, evangelisch.[13] In den Erinnerungen Ratzingers kommen sie nicht vor.
Am 20. Juli 1944, der Krieg ist für den deutschen Imperialismus endgültig verloren, wagen konservative Hitlergegner ein Attentat auf den „Führer“. Man hofft durch schnelle Friedensverhandlungen glimpflich aus dem Krieg zu kommen. Hitler überlebt. Faulhaber verurteilt intern das Attentat, „das furchtbare Verbrechen“, wie er es nennt. „Das Leben des rechtmäßigen Staatsoberhauptes des Deutschen Reiches steht überdies unter dem Schutz des 4. Gebots, das uns den Gehorsam und die Treue zur staatlichen Obrigkeit zur Pflicht macht.“[14]
Faulhaber lässt einen Dankgottesdienst, das „Te Deum“ absingen. Im August 1944 wird er dennoch von der Gestapo verhört, weil er mit einem der Verschwörer, Goerdeler, gesprochen hat. Er denunziert die Attentäter des 20. Juli als „wie wir heute wissen“, „Wahnsinnige“, „Verbrecher“, „Bolschewisten“. „Hätte ich bei dem Gespräch mit Goerdeler“, gibt er zu Protokoll, „auch nur den leisesten Eindruck gehabt, es sei hier ein staatsfeindliches Komplott im Werden, oder ein hochverräterisches Unternehmen in Vorbereitung, hätte ich das pflichtgemäß der Staatspolizei zur Anzeige gebracht.“ „Solche Anzeigen an die geheime Staatspolizei München habe ich in mehreren Fällen am 18. Juni 1939 und am 9. Januar 1943 erstattet.“ Schon 1939 habe er alle Pfarrer angewiesen, mit der Gestapo zusammen zu arbeiten.[15] In Ratzingers Erinnerungen kommt der Widerstand gegen Hitler, auch derjenige der konservativen Katholiken, nicht vor.
Am 10. September 1944 werden die Flakhelfer- Seminaristen nach Hause entlassen, weil sie das reguläre Militäralter erreicht haben. Joseph fährt nach Hause. Am 20. September muss er zum Arbeitsdienst ins Burgenland nach Österreich. Er wird zum Bau von Panzergräben und Minensperren am so genannten „Südostwall“ an der österreichischen Grenze zu Ungarn kommandiert. Der Wall sollte ein letztes Bollwerk gegen die Sowjetarmee sein. Nach Ratzingers eigenen Erinnerungen musste er mit „angeblich freiwilligen“ Arbeitern Gräben ziehen. Im ZDF wurde am 14. 8. 2005 gezeigt: Zur Bewachung von Zigtausenden Zwangsarbeitern wurden auch deutsche Arbeitsdienstleute abgestellt, unter ihnen war Joseph Ratzinger. Ratzinger, daraufhin befragt, sagt, er und seine Kameraden hätten keine Schießausbildung gehabt - die Gewehre seien nicht geladen gewesen, sagt er, er habe während des gesamten Krieges keinen einzigen Schuss abgegeben. Auch da fällt ihm nicht mehr ein, als dass er selbst nicht geschossen hat. Als Bischof wird er den Wappenspruch „Cooperatores veritatis“„Mitarbeiter der Wahrheit“ wählen. Oder sollte man besser übersetzen: „Arbeiter an der Wahrheit“ - die solange bearbeitet wird, bis sie passt?
Ein menschlich gebliebener Offizier entscheidet, dass die Seminaristen nicht an die Front müssen. Am 20. November 1944 darf Ratzinger mit dem Zug zurück nach Traunstein.
Erst Mitte Dezember muss er zum Militär nach München. Wieder hat der 17-jährige Joseph Glück. Wieder trifft er auf einen normal gebliebenen Offizier, der ihn nach Traunstein „versetzt“. Dort muss er Grundausbildung machen und herummarschieren. Ab Februar 1945 war Joseph Ratzinger wegen einer Blutvergiftung weitgehend vom Dienst befreit. Seinen 18. Geburtstag verbrachte er in der Kaserne. Die amerikanische Armee kommt näher.
Faulhaber weiß wie Pius in Rom, es ist höchste Zeit, sich auf die andere Seite zu schlagen. Galt es doch immer, die Autorität zu achten (solange es kein Sozi wie Ebert war), das Staatsoberhaupt, und das würde bald ein anderer sein.
Kronprinz Rupprecht von Bayern hatte die Idee, den Thron zu besteigen, nicht aufgegeben. „Seit 1921 (dem Tod Ludwigs III.) stand die Thronbesteigung vor der Tür, aber die Tür ging nicht auf“ schreibt sein Hofbiograf Weiß.[16]
Von Italien aus nahm der Thronprätendent spätestens im Frühjahr 1943 geheime Kontakte mit der Regierung von England auf. Wieder sollte das Bündnis mit der katholischen Kirche helfen. Über den Vatikan ließ er eine Denkschrift vermitteln, die offen für eine Wiedererrichtung der Wittelsbacher Dynastie in Bayern, oder wenn möglich, in ganz Deutschland plädierte: - „Ich habe die Absicht und bin entschlossen, wenn die gegenwärtige Regierung abtritt, sofort in die Heimat zurückzukehren, die mir von ihr seit drei Jahren verschlossen ist. Ich hoffe, mit der jahrhundertealten Tradition unserer Dynastie und meiner eigenen Autorität von ihr das Chaos abzuwenden. Ich weiß, dass Millionen darauf warten, und ich werde mich dieser mir aus meiner fürstlichen Stellung gestellten Aufgabe nicht entziehen.“[17] In Churchills Außenministerium, dem Foreign Office, wurde das Ansinnen richtig interpretiert: „The old chap...He hopes for the Crown, not only of Bavaria, but of the whole country: - Der alte Knabe... er erhofft sich die Krone nicht nur von Bayern, sondern des ganzen Landes“ -, sagt ein handschriftlicher Kommentar des Ministeriums auf dem Schreiben.[18] Rupprechts Vorstoß bleibt also ohne Folgen, was Faulhaber aber Ende April 1945 noch nicht weiß.
Auch der enttäuschte „Muttergottesgeneral“ und Altmonarchist Franz Ritter von Epp, immer noch formell Reichsstatthalter von Bayern, sollte wieder helfen. Epps Verbindungsoffizier Caracciola-Delbrück ermutigt katholische Offiziere im südbayerischen Raum, die Macht zu übernehmen und an die anrückenden Amerikaner zu übergeben. Ein wichtiges Motiv war, das historische Zentrum des bayerischen Katholizismus, den 1000-jährigen Wallfahrtsort Altötting vor Kampfhandlungen und möglicher Zerstörung zu bewahren.
Die vom Hauptmann Gerngroß geführte „Freiheitsaktion Bayern“ kann in der Nacht vom 27. zum 28. April 1945 die Radiosender in Erding und Freimann besetzen. Über den Rundfunk wird der Sturz des Naziregimes in München verkündet und zum Aufstand aufgerufen. Die Aktion scheitert, da Epp auch am zweiten Tag der Gespräche mit Caracciola seine Unterstützung verweigert und SS-Einheiten angreifen. Gerngroß gibt auf und kann sich auf eine Berghütte retten.
Über 40 Aufständische, darunter Caracciola-Delbrück, wurden jedoch kurz vor der Einnahme Münchens durch die US-Amerikaner von Nazimördern umgebracht.
Joseph Ratzinger erwähnt in seinen „Erinnerungen“ die „Freiheitsaktion Bayern“ mit keinem Wort.
Im Nazi-Propagandablatt „Traunsteiner Zeitung“ heißt die Schlagzeile der Seite 1 am 1. März 1945: Wir wollen lieber sterben als kapitulieren.
Aber auch in Traunstein hatten sich um den Stabsarzt Gerner Menschen zusammengeschlossen, die eine selbstmörderische Verteidigung der Stadt verhindern wollten, darunter der Kampfkommandant von Traunstein, der Führer des Volkssturms und weitere Offiziere. Durch ihren Einfluss gelang es ihnen zu verhindern, dass die Soldaten noch an die Front geschickt wurden. Über einen Geheimsender französischer Kriegsgefangener, die bereits in Kontakt mit den US-Truppen standen, konnten sie Informationen über kampfbereite SS-Truppen bekommen. Ein Waffenlager und ein Stoßtrupp wurden geplant, um eine kampflose Übergabe gegen die SS abzusichern. Als am 28/29. April die Aufrufe der „Freiheitsaktion Bayern durchkommen, erreicht der Volkssturmführer, dass am 30. April Plakate ausgehängt werden, die Schießverbot geben. An diesem Tag schluckt Hitler sein Gift. Die Münchener Aktion bleibt wegen des Meinungsumschwungs von Epp stecken. Ein neuer Kampfkommandant kommt in die Stadt. SS-Offiziere verhaften die Verhandlungsführer der Gerner Gruppe. Doch auch die Juristen in Traunstein gehorchen nicht mehr der SS und verhindern ein Standgericht.
Am Abend des 1. Mai versammeln sich rund 600 Traunsteiner Frauen und protestieren lautstark gegen die Verteidigung der Stadt. „Dieses machtvolle öffentliche Auftreten der Frauen spielte sicher eine entscheidende Rolle für den weiteren Verlauf“ schreibt Friedbert Mühldorfer, der Historiker des Traunsteiner Widerstands. Denn nun wagt keiner mehr Alarm auszulösen, als die Amerikaner anrücken. Die Sprengladungen von den Brücken können entfernt werden. Es gibt keine Hinrichtungen der Verhandlungsführer, wie im benachbarten Altötting. Die Stadt wird am 3. Mai kampflos übergeben. Der Kampfkommandant erschießt sich.
Wie spiegelt sich die Dramatik jener Tage in den Erinnerungen des 18-jährigen Traunsteiner Soldaten Ratzinger, wohlgemerkt wieder aus der Sicht von 1997 des cooperator veritatis? Ratzinger schreibt in seinen Erinnerungen:[19] „Seltsamerweise wurden wir nicht an die immer mehr sich nähernde Front gerufen. Wir erhielten aber neue Uniformen und mussten... durch Traunstein marschieren. Der Tod Hitlers verstärkte die Hoffnung auf ein baldiges Ende. Aber die gemächliche Art des amerikanischen Vormarsches ließ den Tag der Befreiung immer wieder auf sich warten. Ende April oder Anfang Mai - ich weiß es nicht mehr genau - entschloss ich mich nach Hause zu gehen.“ Ein anderes Mal sagt er: „Als die Meldung von Hitlers Tod die Runde machte, beschloss ich, auf eigene Faust das Gelände zu verlassen.“ Ratzinger beschreibt die Zeit zwischen dem Verlassen der Truppe - nach Hitlers Tod, also nach dem 30. April, - und dem Eintreffen der Amerikaner am 3. Mai als den „Lauf der folgenden Tage“, also mehr als einen Tag, das heißt er ging am 30.April oder am 1.Mai nach Hause, nach Hufschlag, Gemeinde Surberg.[20]
Das genaue Datum, an dem Joseph Ratzinger seine Militäreinheit verlassen hat und nach Hause ging, ist wegen der folgenden Ereignisse interessant.
Am 2. Mai 1945 durchquerten zwei Marschkolonnen mit KZ- Häftlingen Traunstein. Himmler hatte befohlen: „Die Lager evakuieren, kein Häftling darf lebend in die Hände des Feindes fallen.“ Ziel für die Traunsteiner Kolonnen war wohl das KZ Ebensee bei Salzburg, wo die Ermordung der Gefangenen geplant war. 3000 Gefangene sollten in einen Stollen getrieben werden, der zur Sprengung vorbereitet war. Nur das Kriegsende hat das verhindert.[21] Für eine der Traunsteiner Kolonnen hatten die SS-Wachen den Heuboden des Brunnerbräukellers in Hufschlag beschlagnahmt, wenige 100 Meter vom Haus der Ratzingers entfernt. Einigen gelang die Flucht, darunter Kurt Messerschmidt; sie konnten sich verstecken. Drei andere, die versuchten zu fliehen, wurden entdeckt und erschossen. Der Rest wurde am 3. Mai auf einen kleinen Weg getrieben, auf dem Joseph und sein Vater ihre Spaziergänge gemacht hatten. Die gefangenen Menschen mussten sich in Fünferreihen vor einen Moorgraben stellen, Rücken zur SS. Die SS-Mörder feuerten auf die Häftlinge, bis sich nichts mehr rührte. Der einzige Überlebende des Massakers war der 25jährige Leo Neumann, weil er sich sofort auf den Boden warf, während ein tödlich Getroffener auf ihn fiel. Die SS-Mörder warfen ihre Waffen in den Graben und flohen. Wenige Stunden später trafen die Amerikaner ein. Die 61 Leichen der kaltblütig ermordeten Gefangenen wurden von Bauern provisorisch begraben. Im November 1945 wurden die Toten zusammen mit anderen in der Umgebung ermordeten Häftlingen auf dem Friedhof der KZ-Häftlinge feierlich bestattet. Kurt Messerschmidt hielt die Trauerrede.[22]
Ratzinger erinnert sich 1997 folgendermaßen an den 2/3 Mai 1945[23]: „Dann wurden zwei SS-Leute in unserem Haus untergebracht, und nun wurde die Lage auf doppelte Art gefährlich. Ihnen konnte nicht entgehen, dass ich im Soldatenalter war, und sie fingen auch an, nach meiner Situation zu forschen. Es war bekannt, dass SS-Männer in der Umgebung schon mehrere Soldaten, die sich von ihrer Truppe entfernt hatten, auf Bäumen erhängt hatten. Außerdem konnte mein Vater es nicht lassen, sofort seine ganze Wut über Hitler ihnen ins Gesicht zu sagen, was normalerweise für ihn tödlich hätte enden müssen. Aber ein besonderer Engel schien uns zu schützen. Die zwei verschwanden am nächsten Tag, ohne Unheil angerichtet zu haben.“ - Ohne Unheil angerichtet zu haben? Das ist die „Wahrheit“, wie der Kardinal sie uns 1997 mitteilt. Hatte er vom SS-Massenmord im nahen Wald bis 1997 nichts mitbekommen? Vom Mord an den 61 Menschen, von der Trauerfeier, vom KZ-Friedhof, von der Gedenkstätte, nichts von dem ganzen Massaker, das in der offiziellen Stadtgeschichte des modernen Traunstein erwähnt wird, damit es unvergessen bleibt und neuen Generationen zur Mahnung dient? Warum verschwinden die SS-Mörder spurlos aus Ratzingers Gedächtnis? Am Gedächtnis liegt es nicht: Ratzingers Biographen berichten übereinstimmend von einem phänomenalen Gedächtnis oder, wie Feldmann schreibt, dem Gedächtnis „eines Elefantenhäuptlings“ und belegen das an vielen Einzelheiten.[24]
Am 3. Mai schließlich wird der Soldat Joseph Ratzinger von USSoldaten gefangen genommen. Am 19. Juni 1945 ist er wieder frei.
In der Londoner Sunday Times vom 17. April 2005 lesen wir die Zusammenfassung von Hackis Bruder Georg zur Herrschaft des deutschen Faschismus, die wir mit identischem Inhalt auch von Joseph Ratzinger kennen: „Widerstand war wirklich unmöglich.“ Darauf die Traunsteinerin Elisabeth Lohner, deren Bruder wie Braxenthaler, Großglettner, Berger und andere Aufrechte nach Dachau verschleppt wurde: „Es war möglich, Widerstand zu leisten, und diese Leute waren die Vorbilder für die anderen. Die Ratzingers waren jung und entschieden sich anders.“
Dass der 18-jährige sich nicht für den Widerstand entscheidet, anders als viele seiner Landsleute, ist eine Sache. Dass der Kardinal Ratzinger aber 1997 die konkreten Verbrechen der Naziherrschaft und den Widerstand dagegen sogar in seiner unmittelbaren Umgebung ignoriert, verdient gesondert festgehalten zu werden zur Beurteilung dieses Papstes.
50 Jahre später ist es Ratzinger nicht einmal einen Satz wert, dass er Faschismus und Krieg überlebt hat, weil es Millionen von Menschen, nicht Engel, gab, die unter Einsatz ihres Lebens die Aggression des deutschen Imperialismus gegen das eigene Volk und die Völker der Welt beendet haben. Seien sie nun Christen oder Bolschewiken gewesen, oder von anderen Überzeugungen geleitet, es waren doch Menschen. Verbrechen des Faschismus, auch vor der eigenen Tür, und die Widerstandsaktionen, die auch ihn gerettet haben, blendet Ratzinger systematisch aus, und überlässt seine Rettung den Engeln.
Es kommt ihm nicht in den Sinn, dass es Menschen waren, keine mystischen Wesen, die sich weder von Hitler noch von Faulhaber verhetzen ließen, den Schüler Ratzinger an der Front zu verheizen, erst im November 1944 im österreichischen Burgenland, dann im Dezember 1944 in München, dann im April 1945 in Traunstein. 60 Jahre nach dem Inferno erinnert sich die Welt an den Schwur der überlebenden Christen, Sozialdemokraten und Kommunisten: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!“ Ratzinger dagegen erinnert sich an einen besonderen, mystischen Engel, der ihn beschützte.
1 Klaus-Rüdiger Mai, Benedikt XVI., S. 76.
2 Wikipedia, englische Ausgabe, Benedikt XVI.
3 Ratzinger, Aus meinem Leben, S. 31.
4 Reiser, Kardinal Michael von Faulhaber, S. 73.
5 Deschner, Mit Gott und den Faschisten, S. 162.
6 Reiser, Kardinal Michael von Faulhaber, S. 73.
7 Deschner, Mit Gott und den Faschisten, S. 162.
8 Wikipedia englisches Stichwort Stalingrad.
9 Reiser, Kardinal Michael von Faulhaber, S. 77.
10 M. M. Scheinmann, Der Vatikan im 2.Weltkrieg, Berlin 1954, S. 45, Zitiert nach MIZ 2/82, S. 8.
11 Website T. Schwarzer, Paneuropa Union.
12 ZDF 14. 8. 2005
13 Reiser, Kardinal Michael von Faulhaber, S. 76.
14 Reiser, Kardinal Michael von Faulhaber, S. 79.
15 Ebd.
16 www.bayernbund.de
17 Website Kulturreferat der Landeshauptstadt München, Widerstand Verweigerung und Protest gegen das NS-Regime, Kath.Milieu, Bayerische Monarchisten und Föderalisten, ausführliche Dokumentation http://www.widerstand.musin.de
18 Ebd.
19 Ratzinger, Aus meinem Leben, S. 40.
20 Ratzinger, Aus meinem Leben, S. 41.
21 Mühldorfer, Widerstand und Verfolgung 1933 bis 1945,, S.92 ff.
22 Ebd.
23 Ratzinger, Aus meinem Leben, S. 41.
24 Zum Beispiel: B. Christian Feldmann, Benedikt XVI., S. 59 f.