KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus”
Die sog. Wertkritik der Antideutschen hat die Funktion, beinahe inquisitorisch Antisemitismus aufzuspüren. Das fängt bei Proudhon an, einem der Vordenker des Anarchismus, führt über Karl Marx (!!), dessen Analyse von Ware und Wert gegen ihn selbst gewandt wird, und endet bei jedem, der ihr wüstes Konstrukt nicht akzeptiert und nicht zugibt, dass er vor der Läuterung durch die „Antideutschen“ zumindest latenter Antisemit war.
Sie stützen ihre Argumentation vor allem auf Moishe Postone („Nationalsozialismus und Antisemitismus“). Ausgangspunkt für Postone ist die Einmaligkeit der Shoa und die Klage darüber, dass die „westdeutschen Linken“ (wer ist das?) den Nationalsozialismus angeblich als bloße „Spielart des Kapitalismus“ begreifen würden. Da fängt die Verwirrung schon an: Ein Teil der westdeutschen Linken, zu der wir uns zählen, hat den weder national noch sozialistisch seienden „Nationalsozialismus“ als eine besondere Ausprägung des Faschismus gekennzeichnet. Und der Faschismus wird nicht dem aufsteigenden Konkurrenzkapitalismus zugerechnet, den Karl Marx analysierte, sondern als Staatsform angesehen, die die bürgerliche Demokratie ablöst im höchsten und letzten Stadium des Kapitalismus, im Monopolkapitalismus, im Imperialismus. Der Faschismus an der Macht aber wird von uns als offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals (als der Verschmelzung von Bank- und Industriekapital) angesehen. Und Dimitroff fügt hinzu: „Die reaktionärste Spielart des Faschismus ist der Faschismus deutschen Schlages. ... Der Hitlerfaschismus ... ist ein Regierungssystem des politischen Banditentums, ein System der Provokationen und Folterungen gegenüber der Arbeiterklasse und den revolutionären Elementen der Bauernschaft, des Kleinbürgertums und der Intellektuellen. Das ist mittelalterliche Barbarei und Bestialität, zügellose Aggressivität gegenüber anderen Völkern.“
Der mörderische, eliminatorische Charakter des Hitlerfaschismus ist in dieser Analyse von 1935 bereits angelegt, auch wenn selbst ein Dimitroff Ausmaß und Art der Judenvernichtung nicht vorhersehen konnte. Der Faschismus ist der vollendete Ausdruck dessen, was Lenin als kennzeichnend für die Herrschaft der Monopole herausstellte, „Reaktion auf der ganzen Linie“.
Die „Endlösung der Judenfrage“ wurde von Hitler am 30. Januar 1939 – die Generalstabsplanungen für den Überfall auf Polen waren bereits abgeschlossen – in seiner Rede vor dem Reichstag angedroht: Dort wurde der von ihm bereits angezettelte Krieg vorsorglich „den“ Juden“ in die Schuhe geschoben. „Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.“ Der imperialistische Krieg Deutschlands sollte die Maske des Rassenkriegs erhalten.
Die bestialische Umsetzung dieser Drohung ab 1942 hat ihren Anlass in der historisch-konkreten Situation und hat – bei aller Knechtseligkeit und Bedientenmentalität, die sich im deutschen Volk in seiner Geschichte ausgebreitet hat –, nur sehr bedingt mit so etwas Schwammigem wie dem „Volkscharakter“ der Deutschen zu tun. „Die“ Deutschen, das unterstellt eine Homogenität, die eigentlich nur die Nazis selbst behaupteten in ihrem Begriff von der arisch-germanischen Rasse. Die historische Situation, in der auf der „Wannsee-Konferenz“ die „Endlösung der Judenfrage“ am 20. Januar 1942 beschlossen wurde, war der Sieg der Roten Armee vor Moskau im Dezember 1941. Damit waren die Träume der Nazis von einem Blitzsieg zerstoben. Jetzt fielen alle Schranken, der Terror in den besetzten Gebieten wurde zum System.
Der Antisemitismus war aber nicht nur eine ideologische Waffe, um im Inneren Deutschlands ein Feindbild aufzubauen, mit ihm sollte auch im Hinterland der Nazi-Wehrmacht durch Pogrome an den Juden an Erinnerungen angeknüpft werden, die die Bevölkerung in Polen, der Ukraine, in Weißrussland und den baltischen Staaten aus der Zeit des Zarismus hatten. Und es sollte als die Wirkung dieser Pogrome erzielt werden: Einschüchterung der großen Masse durch Terror und Abtransport von jüdischen Bevölkerungsteilen und Gewinnen von rückständigen Elementen, um sie als Hilfstruppe in den Dienst des Kriegs zu stellen. Der Nazi-Krieg war ein imperialistischer Krieg, der nun 1942 als bewaffneter Propagandafeldzug für den Antisemitismus noch gewonnen werden sollte. Dafür spricht auch: Die großen Vernichtungslager wurden in Polen errichtet. Und was in Polen mehr oder weniger offen geschah, wurde im „Alt-Reich“ mehr oder weniger geheim gehalten – jedenfalls nicht offen propagiert. Dass mit den als Juden diffamierten Volksteilen in den besetzten Ländern im Osten auch Intelligenz und damit potenzieller Widerstand ausgelöscht werden sollte, dürfte unbestritten sein. Dass die Nazis mit der „modern“-biologistischen Variante des Rassismus eine scheinbar wissenschaftliche Begründung für die Auslöschung „lebensunwerten Lebens“ hatten, bildete den Hintergrund für die Demonstration, dass im allgemeinen, von ihnen produzierten Elend unnötige Esser vernichtet würden, dass Platz geschaffen würde, dass ein paar Schuhe, ein Kleid etc. herausspringen könne usw.
Das immer wieder – auch von Postone – vorgebrachte Argument von den hohen Kapazitäten der Reichsbahn und anderer Transportmittel, die auch noch im Sommer 1944 für die Transporte in die Vernichtungslager verwendet wurden statt für den Krieg und für die Versorgung der Truppen, soll beweisen, dass der Judenmord nicht aus ökonomischen Erwägungen, sondern der besonderen deutschen Ideologie der Nazis und in ihrem Nachtrab, „den“ Deutschen, zu eigen gewesen sei. Dazu ist nur zu sagen, dass kein Marxist bestreiten dürfte, dass Ideen Menschen auch zu den widerlichsten Taten veranlassen können, auch gegen das eigene Klasseninteresse. Entscheidender ist jedoch: Das Besondere am Monopolkapital, dem grundlegenden Produktionsverhältnis im Imperialismus ist, dass die Macht des Monopols selbst zum ökonomischen Gesetz wird, permanent und z.T. über lange Zeit sich dem Wirken des Wertgesetzes entziehen kann, und im Hitler- Faschismus, direkt versehen mit staatlichen Machtbefugnissen und mit dadurch unumschränkten Zugriff auf Ressourcen an Menschen, Rohstoffen, Produktionsstätten und Logistik sich über gewisse Zeit über ein enges ökonomisches Kalkül hinwegsetzen kann.
Außerdem erreichte im Sommer 1944 die Rüstungsproduktion des deutschen Imperialismus unter Albert Speer den absoluten Höchststand. Einen Mangel an Transportkapazitäten gab es nur insofern, als die Rote Armee und ihre Alliierten die Versorgung der Truppen störten und durch die Bombardierung vor allem das Schienennetz in Deutschland selbst trafen.
Postone erkennt die Wandlungen des Verhältnisses von Ware – Wert – Geld – Kapital unter den Bedingungen des Monopolkapitalismus nicht an; er orientiert sich an einem Kapitalismus in seiner Anfangs- und nicht in seiner Endphase. Damit versucht er, seine Analyse in einen Rahmen zu quetschen, der den neueren Entwicklungen im Kapitalismus nicht mehr vollständig adäquat ist. (vgl. hierzu unsere Broschüre „Thesen zu Rassismus und Kapital“)
Postone selbst – zu seiner Ehre sei es gesagt – beschränkt sich: „Was ist die Besonderheit des Holocaust und des modernen Antisemitismus? Sicher keine Frage der Quantität, sei es der Zahl der Menschen, die ermordet worden sind, noch des Ausmaßes ihres Leidens. Die Frage zielt vielmehr auf die qualitative Besonderheit. Bestimmte Aspekte der Ausrottung des europäischen Judentums bleiben so lange unerklärlich, wie der Antisemitismus als bloßes Beispiel für Vorurteil, Fremdenhass und Rassismus allgemein behandelt wird, als Beispiel für Sündenbock-Strategien, deren Opfer auch sehr gut Mitglieder irgendeiner anderen Gruppe hätten gewesen sein können.“ (a.a.O.)
Durch Rückgriff auf den Marxschen Begriff vom Warenfetischismus konstruiert aber nun Postone eine Theorie, die erklären soll, weshalb es gerade „die Juden“ und keine andere Gruppe war, die vernichtet wurde. Die Vernichtung von Sinti und Roma und von Behinderten wird dabei übergangen.
Dass die Nazis Anklang gefunden hätten, weil sie den Deutschen in der Vernichtung der Juden die Vernichtung der Abstraktheit, von Ware und Geld versprachen – und dafür auch noch den guten Namen von Karl Marx zu gebrauchen, ist schon gelinde gesagt kühn.
Postone tritt mit dem Anspruch an, den modernen Antisemitismus zu erklären. „Für den modernen Antisemitismus ist nicht nur sein säkularer (weltlicher, nicht religiöser – Corell) Inhalt charakteristisch, sondern auch sein systemartiger Charakter. Er beansprucht, die Welt zu erklären.“
Und unter Bezug auf Marx kommt er zu der Schlussfolgerung: „Auschwitz war eine Fabrik zur ‚Vernichtung des Werts’, das heißt zur Vernichtung der Personifizierung des Abstrakten. Sie hatte die Organisation eines teuflischen industriellen Prozesses mit dem Ziel, das Konkrete vom Abstrakten ‚zu befreien’. Auschwitz, nicht die ‚Machtergreifung’ von 1933, war die wirkliche ‚Deutsche Revolution’ – die wirkliche Schein-‚Umwälzung’ der bestehenden Gesellschaftsformation. Diese Tat sollte die Welt vor der Tyrannei des Abstrakten bewahren.“
Was an der Marxschen Analyse des Waren- und Kapitalfetischismus besticht: Hier wird eine Erklärung dafür gegeben, dass die Ware zwingend den realen Schein erzeugt, die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen seien Beziehungen von Sachen. Im Bewusstsein verselbstständigen sich Ware, Wert, Geld und Kapital und werden zu Dingen, die die Menschen beherrschen statt von ihnen beherrscht zu werden. Das ist tatsächlich so (deswegen realer Schein) und ist auch nicht so (deswegen realer Schein). Marx nämlich durchstößt den Schein, indem er Robinson auf seiner Insel, das finstere Mittelalter und schließlich einen „Verein freier Menschen“ betrachtet und so das historisch Spezifische, das Gewordene und damit Vergängliche der kapitalistischen Warenproduktion erkennbar macht.
Was Postone nun mit einigem intellektuellem Aufwand macht, ist einen „rationellen Kern“ bei den modernen Antisemiten herauszuarbeiten, bei dem „dem“ Juden das Abstrakte, das Unerklärliche, das Geheimnisvolle, sich hinter dem Rücken der Beteiligten Abspielende angeheftet wird, an dem die schädlichen Folgen der kapitalistischen Warenproduktion festgemacht werden. Damit ist aber Postone auch nicht weiter als bei einer „Sündenbock“-Theorie.
Dass der moderne Antisemitismus vor allem die Etablierung einer Herrenrasse zum Ziel hatte, um so die imperialen Ziele Deutschlands in ihrer spezifisch englandfeindlichen Variante biologistisch und sozialdarwinistisch zu stützen (bei H.S. Chamberlain etwa), unterschlägt er.
Für die heutige Debatte wichtig bleibt sein Hinweis darauf, dass die Kritik des kapitalistischen Imperialismus sich nicht darauf beschränken kann, die Operationen von Banken und Börsen anzugreifen, um sie dem „guten“ Industriekapitalismus, der doch Arbeitsplätze schafft, entgegen zu stellen. Lenin hat ja hierzu gerade die Kategorie des Finanzkapitals, als der Verschmelzung von Bank- und Industriekapital, aufgegriffen.[1] Im Übrigen gilt: Was ist schon ein Messer gegen eine Aktie, was ist schon der Überfall auf eine Bank gegen die Gründung einer Bank, was ist schon der Mord an einem Menschen gegen die Anstellung eines Menschen. (B. Brecht, Dreigroschenoper)
Aber die Epigonen des Postoneschen Gedankengangs (etwa Justus Werthmüller) walzen den Ausgangsfehler noch richtig aus, verwerthmüllern ihn richtig. Da Marx sturerweise daran festgehalten habe, dass Waren, um sie austauschen zu können, auch eine Nützlichkeit haben müssen, einen Gebrauchswert, folgern sie messerscharf, dass hier bei Marx schon Antisemitismus vorläge, weil er damit schon die Unterscheidung der Nazis in „raffendes“ und „schaffendes“ Kapital vorprogrammiert habe.
Von einem Verständnis von Marx sind diese Leute mit ihrer Aufgeblasenheit meilenweit entfernt. Ging es doch Marx darum aufzudecken, was die historischen Spezifika des Kapitalismus sind. Und um das zu zeigen, muss auch gezeigt werden, was der Kapitalismus mit allen anderen menschlichen Produktionsweisen gemein hat, eben z.B. dass Dinge, die produziert werden, auch benutzt und gebraucht werden können. Dass sie einen Gebrauchswert annehmen, dazu braucht es allerdings erst die Warenproduktion (die sich mit der Sesshaftwerdung des Menschen herausbildet). Das gesellschaftliche Verhältnis also, worin sich die Produzenten als Privatarbeiter aufeinander beziehen, ihre Produkte tauschen und dafür einen Maßstab, den Wert, benötigen, der ihre Arbeiten miteinander vergleichbar macht.
Aber worauf es der Müller ohne Werth vor allem abgesehen hat, ist der angebliche Kinderglauben, dass die Entwicklung der Produktivkräfte eine fortschrittliche Seite hat, die nur durchgesetzt werden kann, wenn die kapitalistischen Produktionsverhältnisse beseitigt werden. Nein, Sozialismus bringt es nicht, also kein Fortschritt möglich, also doch Ende der Geschichte und daher Kapitalismus und bürgerliche Demokratie forever, bloß bitte ohne Antisemitismus, dann ist doch eigentlich alles im Lot. Und haltet uns die Araber vom Leib mit ihrem Duft von Elend, Rückständigkeit und Islam. Da sind sie ja schließlich selbst dran schuld, die Stinker, und schon gar nicht der Imperialismus.
Genügt es denn nicht zu sagen, dass der Hitlerfaschismus und der von ihm betriebene Holocaust zeigt, wozu der Kapitalismus in seinem höchsten und letzten Stadium fähig ist, wozu der Imperialismus, der deutsche Imperialismus insbesondere, imstande ist. Und dass „Leben nach Auschwitz“ für jeden anständigen Menschen heißt, das Kapital dort zu bekämpfen, wo er lebt.
Und niemand tut Israel einen Gefallen, der aus kurzfristigem Interesse meint, seine Aggressivität anstacheln zu müssen. Aus der Vernichtung der Juden durch den deutschen Imperialismus lässt sich nur die Rechtfertigung für die Vernichtung des deutschen Imperialismus ableiten.
Sieht man Israel als Staat der Überlebenden und der Opfer des Holocaust, heiligt dann der Zweck der Erhaltung dieses Staates alle Mittel? Aus der Schandtat des deutschen Imperialismus und Faschismus soll dann Unrecht zu Recht werden, Schwarz zu Weiß? Sollen deutsche Linke dafür eintreten, dass jetzt die Palästinenser für Hitler büßen müssen?
Gerade die „Antideutschen“ machen durch ihre Glorifizierung Israels und jeder Schandtat der israelischen Regierung die Israelis wieder zu „Juden“ – als ob es nicht auch in Israel Klassen und Klassenkampf gäbe – und geben allen Reaktionären und Faschisten Auftrieb, das Gift des Antisemitismus zu verbreiten.
1 Wir dürfen darauf hinweisen, dass wir in dieser Zeitung als Erste gegen die leichtfertige Verwendung des Begriffs „Casinokapitalismus“ bei manchen Linken polemisiert haben, weil hier in der Tat eine Unterscheidung vorgenommen wurde zwischen einem guten Kapitalismus, der in Fabriken investiert und Arbeitsplätze schafft, und einem schlechten Kapitalismus, der angeblich parasitär an den Börsen den Reichtum verzockt.