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Gedicht

Traum von einer grossen Miesmacherin

(Zur Zeit einer Kartoffelknappheit)

Ich hatte einen Traum:

Gegenüber der Oper[1]

Wo der Anstreicher[2] auftrat und seine große Rede hielt

Lag plötzlich eine gewaltige Kartoffel, größer als ein mittlerer Berg

Vor dem wartenden Volk und

Hielt auch eine Rede.

Ich, sagte sie mit tiefer Stimme

Bin gekommen, euch zu warnen. Ich weiß natürlich

Ich bin nur eine Kartoffel, eine geringe

Unbedeutende Person, wenig geachtet, in den Geschichtsbüchern

Kaum genannt, in höheren Kreisen

Ohne Einfluß. Wenn von großen Dingen

»Ehre« und »Ruhm«, die Rede ist, muß ich zurückstehen.

Es gilt nicht als edel

Mich dem Ruhm vorzuziehen. Aber, immerhin, vielen

Fristete ich bisher doch das Leben in diesem Jammertal.

Jetzt heißt es wählen

Zwischen mir und dem da drinnen! Jetzt heißt es

Er oder ich. Wenn ihr den wählt

Dann verliert ihr mich. Wenn ihr aber mich brauchen solltet

Dann müßt ihr den vertreiben. Und darum meine ich

Ihr solltet nicht allzu lange hören auf den da drinnen

Der mich noch völlig vertreibt. Wenn er euch aber bedroht mit dem Tode

Für den Fall, daß ihr euch gegen ihn empört, so müßt ihr doch bedenken:

Auch ohne mich sterbt ihr mit euren Kindern.

 

Also sprach die Kartoffel, und langsam

Während der Anstreicher in der Oper weiterbrüllte

Allem Volk hörbar durch die Lautsprecher, begann sie, gleichsam zur Probe

Eine unheimliche Demonstration, allem Volk sichtbar, indem sie

Mit jedem Wort des Anstreichers zusammenschrumpfte

Kleiner ward, elender und kränker.

Bertolt Brecht

1 Gemeint ist die Krolloper, Tagungsort des Reichstages nach dem Reichstagsbrand

2 Hitler

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