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„Sozialismus oder Barbarei”

So charakterisierte Rosa Luxemburg, die großartige Revolutionärin und Mitbegründerin der KPD, im Ersten Weltkrieg die Epoche, oder anders ausgedrückt: Entweder völkerverzehrender Krieg oder proletarische Revolution.[1]

Die Oktoberrevolution von 1917 hat dieser Lage konkret Rechnung getragen: Das russische Proletariat, das russische Volk wollte nicht mehr Kanonenfutter für die Kriegsziele des Imperialismus sein. Sie wollten Arbeit, Brot und Frieden. Und das haben sich die russischen Arbeiter und Bauern erkämpft.

Aber gibt nicht das Triumphgeheul über den Niedergang der Sowjetunion dem Stammtischargument recht: Du kannst ja eh’ nichts machen! Die Menschheit, die sich im Kreis dreht, wo das Herrschende immer das Angemessene ist, immer Oben und Unten. Nur geht es in Natur und Gesellschaft nicht nach Stammtischregeln zu, sondern Natur und Gesellschaft sind in ständiger Veränderung begriffen. „Die Bewegung ist die Daseinsweise der Materie”, wie es Engels ausdrückt.[2] Die Ursachen und Formen von Bewegung zu ergründen und die Erkenntnisse zu nutzen, darum bemüht sich nicht nur die Wissenschaft, sondern jeder, der sich z.B. um das Wohlergehen seines Kindes kümmert, um das Bestellen eines Ackers, um die Herstellung einer Maschine. Und dann reicht es nicht mehr vom Kind im allgemeinen, vom Acker und der Maschine zu sprechen, da muß es konkret werden. Da muß untersucht werden, wie Hänschen und Pepino im Jahr 1997 anständig groß werden können und was zu tun ist, damit die Drehmaschine bei Daimler nicht zur Herstellung von Eurofightern verwendet werden kann. Der Stammtisch erweist sich so als historisch unvermeidliche Form der Geselligkeit des Kleinbürgertums, das, allen Veränderungen abhold, sie ständig murrend begleitet und seine Beharrlichkeit im Schwanken durch Flucht in die Abstraktion und den Allgemeinplatz bestätigt.

Verlust der Konkretheit bestimmt auch die Diskussion um die Bedeutung der Oktoberrevolution. Ihre Bedeutung wird an Idealen gemessen, die sich jeder mehr oder minder beliebig ausmalen kann und in die alle Träumereien und Phantastereien hineinfließen können. Gemessen am Wahren, Guten und Schönen, an Liebe und Gerechtigkeit, an der Demokratie im allgemeinen - wie armselig muß da selbst die große Oktoberrevolution und die Sowjetunion dastehen. Vor diesem Gericht stehen allerdings alle großen Veränderungen der menschlichen Geschichte als Schuldige da, denn sie haben sich mit Gewalt und großen Opfern durchgesetzt, haben die schlimmsten Leidenschaften entfesselt.[3]Haben nicht die Reaktionäre und auch bessere Geister den Terror der Französischen Revolution angeklagt und beklagt? Und dennoch brachte sie Fortschritt, brachte sie einen „neuen” Menschen, der sich nicht mehr wie selbstverständlich unter das Joch der Leibeigenschaft beugte und nicht mehr vor gekrönten Häuptern in Ehrfurcht erstarrte. Sie brachte allerdings „nur” Fortschritt in Form des Kapitalismus, der sich frei entfalten konnte. Und sie verallgemeinerte damit die Ausbeutung und Unterdrückung in Form der Lohnsklaverei. Zurück also zur behäbigeren Ausbeutung durch Adel und Pfaffen? Doch die menschliche Entwicklung läßt den Rückschritt nur in engen Grenzen zu. Was einmal erreicht wurde, ist ja nicht nur Ergebnis einer Entwicklung, schließt das Vorausgegangene in sich ein, sondern ist Stachel für die Zukunft, festgeschrieben imkollektiven Gedächtnis der Klassen.

Epochenwandel

Die Oktoberrevolution markierte einen vorläufigen Höhepunkt einer über 500 Jahre andauernden ökonomischen und politischen Entwicklung. Die Völker Rußlands hatten ihre Sache in die eigene Hand genommen. Mit seiner Rolle in beiden Revolutionen, sowohl im Februar wie im Oktober 1917, hatte das Proletariat seine Führungskraft gegenüber allen anderen Klassen der Gesellschaft und gegenüber den unterdrückten Völkern des Zarenreiches unter Beweis gestellt. Von nun an werden Fortschritt und Befreiung in der Menschheitsgeschichte den Stempel des Proletariats tragen; die Bourgeoisie hatte mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs als Trägerin des Fortschritts abgedankt. Die Epoche der bürgerlichen Weltrevolution war zu Ende gegangen und das Zeitalter der proletarischen Weltrevolution eingeläutet.

Die bürgerliche Weltrevolution

Die bürgerliche Weltrevolution, in reinster Form in Frankreich sichtbar, heißt Säuberung des Landes vom Feudalismus. Die Enteignung und Entmachtung des Adels durch das Volk unter der Führung der Bourgeoisie ermöglichte nicht nur die freie Entwicklung der Produktivkräfte, sondern auch die Herstellung des nationalen Einheitsstaates als Mittel der politischen, ökonomischen und kulturellen Freiheit.

Die Bourgeoisie wollte freie Bahn für ihre Entwicklung, frei von den Fesseln des Feudalismus. Unter ihrer Führung konnte die Bauernschaft sich aus ihrer Hörigkeit vom Adel befreien, bekam Boden. Die ersten Keime des Proletariats konnten (und mußten) jetzt ihre Arbeitskraft frei verkaufen - die Zunftgesetze wurden abgeschafft.

Mit 1789 war der weltweite Siegeszug der Bourgeoisie manifestiert. Die Ideale sollten Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit unter den Menschen sein.

Mehr und mehr wurde jedoch klar, daß es nur ein Ideal für die Bourgeoisie geben kann: Profit. Größere Fabriken, größerer Handel bedeuteten aber auch mehr Proletarier.

Das sich entwickelnde Proletariat versetzte sie mehr und mehr in Angst. Im Kampf gegen die alten Mächte, insbesondere dort, wo die Bourgeoisie noch nicht endgültig gesiegt hatte, begann das Proletariat für seine Teilnahme am Bündnis eigene Forderungen zu erheben, was nur eine Schmälerung des Profits bedeuten konnte.

In ihrer Not ging die Bourgeoisie dazu über, Bündnisse mit der Reaktion gegen diese nachdrängende Klasse zu schließen, sich des alten feudalen Machtapparats zu deren Unterdrückung zu bedienen.

Diese Bündnisse konnten nur mit teilweiser Garantie der ökonomischen und politischen Stellung des Adels erkauft werden. Die Bourgeoisie konnte dadurch die Bauernschaft nicht mehr vom Feudalismus befreien, Ländereien an die Bauern verteilen, und verlor sie mehr und mehr als Bündnispartner. Die bürgerliche Revolution scheiterte oder wurde nur zu einer halben, wie in Deutschland 1848.

Der Imperialismus

Mit dem Wachstum der Industrie wuchs einerseits die Vergesellschaftung der Produktion in weltweitem Maßstab. In Fabriken zusammengedrängte Proletariermassen stellten jetzt im Zusammenwirken mit Betrieben in anderen Ländern die Waren. Keiner konnte mehr sagen, dies ist ein von mir allein erzeugtes Werk, es wurde zum Produkt von Riesenkollektiven. Während so die Vergesellschaftung der Produktion voranging, blieb der ganze Prozeß in der Hand und unter dem Kommando der Eigentümer, der Kapitalisten. Die Konkurrenz unter den Kapitalisten auf den nationalen und internationalen Märkten führte zu immer größeren Unternehmen, zu Zusammenschlüssen, um die Märkte aufzuteilen und zu beherrschen. Die Konkurrenz erzeugte das Monopol.[4]

Solche mächtigen Gebilde sind jedoch nicht nur ein ökonomischer Faktor. Keine Regierung kann an ihnen vorbei. Und umgekehrt müssen sich die Monopole den Staat unterordnen, um ihre Stellung zu erhalten und auszubauen. Der Drang nach Herrschaft[5], nach Mißachtung jeglicher Grenzen - seien es demokratische Rechte des eigenen Volks oder Ansprüche von Völkern auf Souveränität und Unabhängigkeit - , wird überlebenswichtig. So ist Imperialismus keine besonders bösartige Politik einiger machtgieriger Regierungen und einiger Länder, sondern ein Produkt der Entwicklung zum Monopol und dessen notwendiger und adäquater politischer Ausdruck.

Die Herausbildung einer Monopolbourgeoisie in einigen wenigen Ländern der Welt verstärkte mehr und mehr die Tendenz der Bourgeoisie zur Reaktion nach innen und außen, zur Verletzung selbst der formalen bürgerlichen Gleichheit zwischen den Klassen im eigenen Land und zwischen den Völkern. Den Weg, den die Bourgeoisie dieser wenigen imperialistischen Länder zur Herausbildung einer eigenständigen kapitalistischen Entwicklung in ihrer bürgerlichen Nation gegangen war, mußte sie nun anderen Völkern, anderen Bourgeoisien verwehren.

„Als die Bourgeoisie zusammen mit dem Volk, zusammen mit den Werktätigen um die Freiheit kämpfte, trat sie für die volle Freiheit und die volle Gleichberechtigung der Nationen ein. ... Jetzt fürchtet die Bourgeoisie die Arbeiter und sucht ein Bündnis mit ... der Reaktion. Sie verrät den Demokratismus, unterstützt die Unterdrückung der Nationen, tritt gegen ihre Gleichberechtigung auf und demoralisiert die Arbeiter durch nationalistische Losungen. (Die Arbeiterklasse und die nationale Frage, Lenin Werke, Bd.19, S.74 f.)

Der I. Weltkrieg

1914 war es soweit. Die Welt war für die Imperialisten zu klein geworden, vor allem für einen kleinen Zuspätgekommenen, der kaum Kolonien aufzuweisen hatte - den deutschen Imperialismus. Die Welt war so klein geworden, daß die Imperialisten gezwungen waren, ihre Völker aufeinanderzuhetzen, um eine Neuaufteilung der Welt, eine „gerechtere” Weltordnung, zu erzwingen. Der ökonomische Kannibalismus hatte seine politische Form gefunden, wo die wirtschaftlichen Interessen der unterschiedlichen Monopolgruppen die imperialistischen Länder selbst in den Krieg führten. Die Errungenschaften der bürgerlichen Zivilisation versanken im Massenmorden dieses Krieges. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit als idealistische Phrase lag ermordet auf den Schlachtfeldern von Verdun. Die Bourgeoisie als Trägerin des historischen Fortschritts war am Ende.

Die Demoralisierung der Arbeiter in den imperialistischen Ländern durch nationalistische Losungen hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Die großartigen antimilitaristischen Beschlüsse der internationalen Sozialistenkongresse 1907 in Stuttgart und 1912 in Basel waren im August 1914 die Tinte auf dem Papier nicht wert. Hatten sich alle sozialdemokratischen Parteien damals verpflichtet, alles zu tun, den Krieg zu verhindern und falls dies nicht möglich sei, den Krieg der Nationen zu verwandeln in einen Krieg der Klassen zum Sturz der Herrschaft der Bourgeoisie, so stimmten nun die Führer der Sozialdemokratie (ausgenommen die Bolschewiki in Rußland) den von den Bourgeois-Regierungen beantragten Kriegskrediten zu.

All die hervorragenden internationalen Verträge, Beschlüsse, die Reformen zur Verbesserung der Lebensbedingungen für die Arbeiter, all das war zur Makulatur geworden, angesichts der entfesselten Kriegsfurie. Die letzte Fessel war schon die Arbeiterbewegung selbst geworden, doch ihre Führer verabschiedeten sich vom Internationalismus und flüchteten unter die Decke ihrer jeweils „eigenen” Bourgeoisie.

40 Jahre des relativen Friedens in Europa hatten feste Spielregeln des Agierens für die etablierten Sozialdemokraten geboten. Man hatte sich eingerichtet, man war eine Macht geworden im Parlament und durch die Gewerkschaften. Und schließlich waren ja auch Erfolge vorzuweisen, nicht zuletzt die Hebung der Lebensbedingungen für einen Teil der Arbeiter. Nun schien auch die Frage der Demokratie lösbar, unabhängig vom Kampf der Klassen. Als Ideal konnte es nur eine Demokratie und einen Staat über den Klassen existierend geben, der das friedliche Miteinander regelt. Und in der Außenpolitik erschien da nicht auch langsam die fortschrittspendende Wirkung des Kolonialismus für die „wilden Hottentotten”, die eben auch das Stadium des Kapitalismus durchmachen mußten. Und der Sozialismus, der würde eh’, kraft der ökonomischen Entwicklung über die Menschheit kommen, man müsse nur geduldig auf ihn warten und nicht versuchen, etwas über’s Knie zu brechen.

Auch Karl Kautsky, der anerkannte theoretische Führer der II. Internationale, wurde zum Verbreiter dieses idealististischen Schönwetter-Sozialismus. Dadurch war ihm der Blick für die neue ökonomische Entwicklung und der daraus resultierenden Politik verstellt. Imperialismus war eine böse Politik eines bösen Kolonialismus, der durch entschiedene Reformen zu bekämpfen sei. Dem I. Weltkrieg sprach er letzten Endes gar befreiende Wirkung für das vom Zaren unterdrückte russische Volk zu.

Kautsky konnte die neue Rolle des Proletariats nicht akzeptieren, das als einzige Kraft in Rußland fähig geworden war, die bürgerliche Revolution zu vollenden. Es war zu der Kraft geworden, die den halbfeudalen Großgrundbesitzern ihre Existenzgrundlage, den Boden, entreißen konnte und wollte, um damit die Bauernschaft als Bündnispartner zu gewinnen. Ja, nur durch eine Revolution unter der Führung des Proletariats konnten die Errungenschaften des Februars 1917, des Sturzes des jahrhundertealten Zarenregimes, vor der reaktionär gewordenen Bourgeoisie verteidigt werden und konnte der imperialistische Krieg einseitig beendet werden.

Jetzt, nach dem Oktober 1917, wo alle Augen sich auf Deutschland richteten, auf das deutsche Proletariat, das durch seine Revolution den russischen Brüdern hätte zu Hilfe eilen müssen, stellte sich Kautsky, der die Rechtfertigung zu der Bewilligung der Kriegskredite 1914 durch die SPD mitverfaßt hatte, entschieden gegen die russischen Genossen. Putsch und Diktatur machte er ihnen zum Vorwurf. Man hätte sich doch an die Demokratie zu halten, die „reine”, die gerade - welch’ dummer Ausrutscher - die keineswegs demokratische nächste Offensive vor Verdun vorbereitete. Und während die deutschen Kriegsherren in den Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk nicht nur die Oktoberrevolution, sondern das ganze russische Volk zu demütigen suchten, beweinte Kautsky, daß die Bolschewiki die Nationalversammlung auseindergejagt hatten. Und Kautskys Wort galt noch etwas in den Reihen des deutschen Proletariats. Anders Rosa Luxemburg:

„Nicht Rußlands Unreife, sondern die Unreife des deutschen Proletariats zur Erfüllung der historischen Aufgaben, hat der Verlauf des Krieges und der russischen Revolution erwiesen und dies mit aller Deutlichkeit hervorzukehren, ist die erste Aufgabe einer kritischen Betrachtung der russischen Revolution.”

Die neue Rolle des Proletariats

Gegen die Hinwendung der Bourgeoisie zur Reaktion, selbst um ursprünglich der bürgerlichen Revolution zustehende Aufgaben zu erfüllen, wie etwa die Nationalisierung des Grund und Bodens, muß das Proletariat die Führung in der Revolution übernehmen. Um wieviel mehr gebührt ihm die Führung, wenn es darum geht, die Fesseln des Privateigentums abzustreifen und die Produktionsmittel dem Diktat des Profits und der Profiteure zu entreißen.

„Die Herrschaft der Bourgeoisie stürzen kann nur das Proletariat als besondere Klasse, deren wirtschaftliche Existenzbedingungen es darauf vorbereiten, ihm die Möglichkeit und die Kraft geben, diesen Sturz zu vollbringen. Während die Bourgeoisie die Bauernschaft und alle kleinbürgerlichen Schichten zersplittert und zerstäubt, schließt sie das Proletariat zusammen, einigt und organisiert es. Nur das Proletariat ist - kraft seiner ökonomischen Rolle in der Großproduktion - fähig, der Führer aller werktätigen und ausgebeuteten Massen zu sein, die von der Bourgeoisie vielfach nicht weniger, sondern noch mehr ausgebeutet, geknechtet und unterdrückt werden als die Proletarier, aber zu einem selbständigen Kampf um ihre Befreiung nicht fähig sind.“ (Staat und Revolution, Lenin Werke, Bd.25, S.416)

Mit dem Eintritt in das imperialistische Stadium war der Kapitalismus zu einem Weltsystem geworden. Jetzt war nicht mehr entscheidend, ob die Industrie, die Produktivkräfte in diesem oder jenem kapitalistischen Land einen Stand der Vergesellschaftung erreicht hatten, der dieses Land reif machte zur Enteignung der Kapitalisten, zur Vergesellschaftung der Aneignungsweise.

„Wo wird die Revolution beginnen, wo kann am ehesten die Front des Kapitals durchbrochen werden, in welchem Lande?

Dort wo die Industrie am entwickeltsten ist, wo das Proletariat die Mehrheit bildet, wo mehr Kultur, mehr Demokratie ist - pflegte man früher zu antworten.

Nein - entgegnet die Leninsche Theorie der Revolution -, nicht unbedingt dort, wo die Industrie am entwickeltsten ist usw. Die Front des Kapitals wird dort reißen, wo die Kette des Imperialismus am schwächsten ist, denn die proletarische Revolution ist das Ergebnis dessen, daß die Kette der imperialistischen Weltfront an ihrer schwächsten Stelle reißt, wobei es sich erweisen kann, daß das Land, das die Revolution begonnen hat, das Land, das die Front des Kapitals durchbrochen hat, kapitalistisch weniger entwickelt ist als andere, entwickeltere Länder, die jedoch im Rahmen des Kapitalismus verblieben sind.

Im Jahre 1917 erwies sich die Kette der imperialistischen Weltfront in Rußland als schwächer denn in anderen Ländern. Dort riß sie auch und gab der proletarischen Revolution den Weg frei. Warum? Weil sich in Rußland eine gewaltige Volksrevolution entfaltete, an deren Spitze ein revolutionäres Proletariat marschierte, das einen so ernst zu nehmenden Verbündeten hatte wie die Millionenmassen der von Gutsbesitzern unterdrückten und ausgebeuteten Bauernschaft. Weil dort der Revolution ein so widerlicher Vertreter des Imperialismus gegenüberstand wie der Zarismus, der jedes moralischen Gewichts entbehrte und sich den allgemeinen Haß der Bevölkerung zugezogen hatte. In Rußland erwies sich die Kette als schwächer, obgleich Rußland weniger entwickelt war als, sagen wir, Frankreich oder Deutschland, England oder Amerika.” (Fragen des Leninismus, J.W.Stalin, Berlin 1951, S.30f.)

So sehen sich im 20. Jahrhundert alle Volkserhebungen sofort dem ganzen Imperialismus gegenüber, werden notgedrungen Teil der proletarischen Weltrevolution, wenn sie sich von Ausplünderung und Ausbeutung befreien wollen und nicht durch die von der Weltbourgeoisie geförderte Konterrevolution wieder unter das Joch gezwungen werden wollen. Der Rote Oktober wurde zum ersten großen Flammenzeichen des neuen Zeitalters der Kriege und Revolutionen, des Ringens zwischen Bourgeoisie und Proletariat, des Kampfs um Sozialismus oder Barbarei.

„Der Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus umfaßt eine ganze geschichtliche Epoche. Solange sie nicht abgeschlossen ist, behalten die Ausbeuter unvermeidlich die Hoffnung auf eine Restauration, und die Hoffnung verwandelt sich in Versuche der Restauration.“ (Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky, Lenin Werke Bd.28, S.252f.)

Die Bourgeoisie, selbst für die Entwicklung des Sozialismus verantwortlich als Produzent seiner Voraussetzungen, will natürlich um die Folgen ihres Handelns herumkommen: die Errichtung der Herrschaft des Proletariats und den tatsächlichen Aufbau des Sozialismus. Sie steht als Todfeind jedem Erfolg des aufkeimenden, des sich entfaltenden Sozialismus, des Sozialismus, der seine Selbständigkeit und Lebensfähigkeit unter Beweis stellt mit geiferndem Haß entgegen. Das ist ihr „gutes Recht”, läutet doch der Sozialismus ihren Untergang als Klasse mit weltweitem Herrschaftsanspruch ein. Unser gutes Recht ist es aber auch, nicht länger Schlachtvieh in ihren Kriegen sein zu wollen, nicht mehr ihre Soldaten im Betrieb sein zu wollen, die noch um Arbeit betteln müssen, damit sie ihren Reichtum vermehren. Reichtum, der sich gegen uns kehrt, uns in die Erwerbslosigkeit treibt und für hunderte von Millionen Hunger und Elend bedeutet.

Wo gleiche Rechte aufeinander treffen, sagt Marx einmal, entscheidet die Gewalt. Seit 1989 ist die Gewalt weltweit fast uneingeschränkt wieder in die Hand der alten Mächte übergegangen, in die Hand der Mächte, denen das russische Proletariat 1917 die Tür gewiesen hatte. Aus dem „Gleichgewicht der Abschreckung”, das nach 1945 geschaffen wurde, ist nur die abschreckende Gewalt der Monopolbourgeoisie übrig geblieben und das abschreckende Gesicht ihrer „neuen Weltordnung”, ihrer Diktatur im Gewand von Demokratie und Markt. Und es zeigt sich wieder deutlicher, daß der Sozialismus und die durch die Oktoberrevolution ermöglichte Sowjetunion selbst in ihrem Niedergang noch ein Fortschritt gegenüber dem Imperialismus war. Es wird klarer, daß der Sozialismus, auch wenn er in einem Land eingekreist, niedergemacht und ausgerottet wird, von innen verkauft wird, wieder erkämpft werden wird als Widerstand gegen den alles verschlingenden Imperialismus. Und wenn das Proletariat dabei siegen will, dann wird es von Lenin allemal mehr lernen, als von allen „reinen” Demokraten, denen der Kampf gegen Hunger, Dreck, Krieg und bittre Not nur dann zulässig erscheint, wenn damit niemandem weh getan wird.

Arbeitsgruppe

Die Französische Revolution hat hundert Jahre gebraucht, bevor ihr wesentlicher Gehalt nicht in ganz Europa, sondern nur im Westen durchgesetzt war. Die proletarische Revolution wird dieselbe unaufhaltsame Werbekraft ausüben; aber ihre Folgen werden weiter reichen, und sie werden endgültig sein.

Heinrich Mann, 1937

Die russische Revolution hat das Signal einer besseren Zukunft gegeben, und je mehr Hindernisse sich uns auf dem Wege zu dieser Zukunft entgegentürmen, um so mehr gilt es, nicht vor ihnen zurückzuschrecken, um so mehr heißt es, sich anstrengen, um sie zu überwinden.

Franz Mehring, 31.12.1917

Die Verdienste unserer Revolution sind nicht nur Verdienste unseres Volkes. Das sind auch die Verdienste des Sowjetvolkes. Und ich möchte erneut sagen, daß ohne die Oktoberrevolution der Sieg der Revolution in Kuba nicht möglich gewesen wäre.

Fidel Castro, 1976

Der Rückschauende weiß, daß Lenin uns epochales Denken lehrte: Wie einst die Französische Revolution in Europa die Wende zur bürgerlichen Gesellschaft war, so bedeuteten proletarische Revolution und Diktatur nun die weltgeschichtliche Wende zur proletarischen, der weitesten und konsequentesten Demokratie. Wir lernten materialistische Dialektik im Leben selbst, in seinen Prüfungen kennen.

Alexander Abusch, 1981

„Zurück auf Marx

Vorwärts in die proletarische Weltrevolution“

W.I. Lenins „Staat und Revolution“

Die Schrift „Staat und Revolution“ schrieb Lenin in den Monaten August und September 1917, also wenige Wochen vor der großen Sozialistischen Oktoberrevolution.

Die Leninsche Schrift faßt die Grundlagen der „Lehre des Marxismus vom Staat“ und die „Aufgaben des Proletariats in der Revolution“ zusammen.

Das Werk „Staat und Revolution“ ist allerdings nicht zwangsläufig an die spezifische Situation in Rußland von 1917 gebunden.

Mit der Ablösung des vormonopolistischen Kapitalismus durch den Imperialismus stand die proletarische Revolution nunmehr unmittelbar auf der Tagesordnung. Es galt die Erkenntnisse von Marx und Engels über den Staat auf die neue Epoche anzuwenden.

Ein weiterer Grund für die Herausgabe der Schrift war das Auftreten führender Vertreter in der II.Internationale, die die marxistische Lehre vom Staat und der Revolution verfälschten und innerhalb der Arbeiterbewegung einen dritten Weg predigten, einen Weg, der auf die proletarische Revolution verzichtete.

Hermann Duncker nannte Lenins Schrift 1922 „das theoretische Hauptwerk des modernen Kommunismus, mit dem dieser sich von aller sozialdemokratischer Verwässerung und Verfälschung der marxistischen Politik mit einem gewaltigen Ruck frei machte und mit einem „ Zurück auf Marx!“das „Vorwärts in die proletarische Weltrevolution!“ begründete! Keine Schrift des modernen Kommunismus ist dieser Leninschen Veröffentlichung an die Seite zu stellen. Und keiner darf sich Kommunist nennen, der nicht dieses Werk wieder und wieder durchgearbeitet hat.“

Die Schrift ist über die Kontaktadresse der KAZ zum Preis von 3,- DM zuzügl. Porto zu beziehen.

1 Die Krise der Sozialdemokratie (Junius-Broschüre), Ausgewählte Reden und Schriften 1, Berlin 1955, S.270 (geschrieben 1916)

2 F.Engels, Anti-Dühring, MEW 20, S.55

3 Stellt man (...) das Wohl des einzelnen diesem Zweck (die Produktivkräfte zu entwickeln - Anm. der Red.) gegenüber, so behauptet man, daß die Entwicklung der Gattung aufgehalten werden muß, um das Wohl des einzelnen zu sichern, daß also z.B. kein Krieg geführt werden dürfe, worin einzelne jedenfalls kaputtgehn. (Sismondi hat nur recht gegen die Ökonomen, die diesen Gegensatz vertuschen, leugnen.) Daß diese Entwicklung der Fähigkeiten der Gattung Mensch, obgleich sie sich zunächst auf Kosten der Mehrzahl der Menschenindividuen und ganzer Menschenklassen macht, schließlich diesen Antagonismus durchbricht und zusammenfällt mit der Entwicklung des einzelnen Individuums, daß also die höhere Entwicklung der Individualität nur durch einen historischen Prozeß erkauft wird, worin die Individuen geopfert werden, wird nicht verstanden. (K. Marx, Theorien über den Mehrwert, MEW Bd. 26.2, S. 110f.)

4 Der Imperialismus erwuchs als Weiterentwicklung und direkte Fortsetzung der Grundeigenschaften des Kapitalismus überhaupt. Zum kapitalistischen Imperialismus aber wurde der Kapitalismus erst auf einer bestimmten, sehr hohen Entwicklungsstufe als einige seiner Grundeigenschaften in ihr Gegenteil umzuschlagen begannen, als sich auf der ganzen Linie die Züge einer Übergangsperiode vom Kapitalismus zu einer höheren ökonomischen Gesellschaftsformation herausbildeten und sichtbar wurden.
Ökonomisch ist das Grundlegende an diesem Prozeß die Ablösung der freien Konkurrenz durch die kapitalistischen Monopole. Die freie Konkurrenz ist die Grundeigenschaft des Kapitalismus und der Warenproduktion überhaupt; das Monopol ist der direkte Gegensatz zur freien Konkurrenz, aber diese begann sich vor unseren Augen zum Monopol zu wandeln, indem sie die Großproduktion schuf, den Kleinbetrieb verdrängte, die großen Betriebe durch noch größere ersetzte, die Konzentration der Produktion und des Kapitals so weit trieb, daß daraus das Monopol entstand und entsteht, nämlich: Kartelle, Syndikate, Trusts und das mit ihnen verschmelzende Kapital eines Dutzends von Banken, die mit Milliarden schalten und walten. Zugleich aber beseitigen die Monopole nicht die freie Konkurrenz, aus der sie erwachsen, sondern bestehen über und neben ihr und erzeugen dadurch eine Reihe besonders krasser und schroffer Widersprüche, Reibungen und Konflikte. Das Monopol ist der Übergang zu einer höheren Ordnung. (Der Imperialismus ..., Lenin Werke, Bd.22, S.269f.)

5 Der politische Überbau über der neuen Ökonomik, über dem monopolistischen Kapitalismus (Imperialismus ist monopolistischer Kapitalismus) ist die Wendung von der Demokratie zur politischen Reaktion. Der freien Konkurrenz entspricht die Demokratie. Dem Monopol entspricht die politische Reaktion. ‘Das Finanzkapital will nicht die Freiheit, sondern Herrschaft’, sagt Rudolf Hilferding völlig richtig in seinem ‘Finanzkapital’.
Die ‘Außenpolitik’ von der Politik schlechthin zu trennen oder gar die Außenpolitik der Innenpolitik entgegenzustellen ist grundfalsch, unmarxistisch, unwissenschaftlich. Sowohl in der Außenpolitik wie auch gleicherweise in der Innenpolitik strebt der Imperialismus zur Verletzung der Demokratie, zur Reaktion.“ (Über eine Karikatur auf den Marxismus und über den ‘imperialistischen Ökonomismus’, Lenin Werke Bd.23, S.34)

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