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7. November 1917

Kapitel zwei der Weltgeschichte wird aufgeschlagen!

Am 24. Oktober (6. November) besetzten revolutionäre Arbeiter, Soldaten und Matrosen die strategischen Punkte in Petrograd. Am folgenden Tag gab die Aurora das berühmte Signal zum Sturm auf den Winterpalast.

„Solche dramatisch geballten, solche schicksalsträchtigen Stunden, in denen eine zeitüberdauernde Entscheidung auf ein einziges Datum, eine einzige Stunde und oft nur auf eine Minute zusammengedrängt ist, sind selten im Leben eines Einzelnen und selten im Lauf der Geschichte... ereignet sich eine solche Weltstunde, so schafft sie Entscheidung für Jahrzehnte und Jahrhunderte. Wie in der Spitze eines Blitzableiters die Elektrizität der ganzen Atmosphäre, ist dann eine unermeßliche Fülle von Geschehnissen zusammengedrängt in die engste Spanne von Zeit. Was ansonsten gemächlich nacheinander und nebeneinander abläuft, komprimiert sich in einem einzigen Augenblick, der alles bestimmt und alles entscheidet: ein einziges Ja, ein einziges Nein, ein Zufrüh oder ein Zuspät macht diese Stunde unwiderruflich für hundert Geschlechter und bestimmt das Leben eines Einzelnen, eines Volkes und sogar den Schicksalsablauf der ganzen Menschheit.“ [1]

Der 25. Oktober (7. November) war ohne Zweifel eine jener „Weltstunden“. Kapitel zwei der Weltgeschichte (Erich Weinert) hatte begonnen.

Mit der Machtübernahme der russischen Arbeiter und armen Bauern war das „schwächste Kettenglied“ des kapitalistischen Weltsystems zersprungen. Mit der Geburt der Sowjetunion begann der weltweite Prozeß des Übergangs von der kapitalistischen zur sozialistischen Gesellschaft. Das war noch nicht der Sieg des Weltproletariats, aber der erfolgreiche Anfang eines langen Kampfes um die klassenlose Weltgesellschaft, eines Kampfes gegen noch mächtige und überlegene Gegner. Es galt keine Zeit zu verlieren und schnell die dringendsten Fragen der Revolution anzupacken.

Schon am Abend des 26. Oktober (8. November) trat der zweite Sowjetkongreß zu seiner zweiten Beratung zusammen. Lenin - stürmisch begrüßt - ergriff das Wort und forderte die Delegierten auf, sofort mit dem Aufbau der sozialistischen Ordnung zu beginnen.

Was waren die aktuellsten Fragen der Revolution?

„Das erste ist die Durchführung praktischer Maßregeln zur Verwirklichung des Friedens.“ [2]

Lenin begann das „Dekret über den Frieden” vorzulesen (siehe Seite 7). „Nach zustimmender Diskussion wurde das Dekret über den Frieden, das den Völkern und den Millionen Soldaten an den Fronten den Ausweg aus dem mörderischen imperialistischen Weltkrieg wies, angenommen.“[3]

Mit diesem Aufruf an die Regierungen und Völker der kriegführenden Staaten wurde dem Wunsch der meisten Menschen nach sofortigem Frieden in eindrucksvoller Art und Weise Rechnung getragen.

Der Aufruf war eine Kampfansage an die Außenpolitik der imperialistischen Länder, geprägt vom proletarischen Internationalismus. Diese Politik sollte nicht nur die deutsche Arbeiterklasse anspornen, es den russischen Klassenbrüdern gleichzutun. Auch an die klassenbewußten Arbeiter insbesondere Großbritanniens und Frankreichs wurde appelliert, „uns durch ihre allseitige, entschiedene, rückhaltlos energische Tätigkeit zu helfen, die Sache des Friedens und zugleich damit die Sache der Befreiung der werktätigen und ausgebeuteten Volksmassen von jeder Sklaverei und jeder Ausbeutung erfolgreich zu Ende zu führen.“ (vgl. Dekret über den Frieden) Das Friedensdekret war somit ein Aufruf an das internationale Proletariat, durch den Sturz der eigenen Ausbeuterklasse die Welt­revolution voranzutreiben. Daß dieses Ziel nicht erreicht wurde, ist auch geschuldet der Tatsache, daß die Revolution in anderen Ländern (wie z.B. in Deutschland) auf halbem Wege stehen blieb.

Der Kongreß wandte sich als nächstes der Bodenfrage zu. Die Behandlung der Bodenfrage war für ein bäuerliches Land wie Rußland von Beginn an von entscheidender Bedeutung. Wieder ergriff Lenin das Wort und trug den von ihm in der Nacht zuvor erarbeiteten Entwurf des Dekrets über Grund und Boden vor.

„Punkt zwei Uhr erfolgte die Abstimmung. Nur eine Stimme war dagegen ... Die Bauerndelegierten waren außer sich vor Freude.“ [4]

Als letzter Tagesordnungspunkt wurde die Organisierung der neuen Staatsmacht behandelt. Es wurde beschlossen, zur Verwaltung des Landes und zur Ausübung der Regierungsmacht eine Arbeiter- und Bauern-Regierung zu bilden, die den Namen „Rat der Volkskommissare” führt. Zum Vor­sitzenden wurde Lenin gewählt. Am frühen Morgen des 27. Oktober (9. November) hatte der zweite Sowjetkongreß seine Arbeit getan.

„Er hatte den neuen, proletarischen Staat konstituiert und die Grundlage seines Programms formuliert:

Alle Macht den Werktätigen; Kampf für den Frieden; den Boden denen, die ihn bearbeiten; Freiheit den Völkern [5]

„Die Delegierten eilten nach Hause, in alle Windrichtungen Rußlands, um zu berichten, was sich Gewaltiges abgespielt hat.“ [6]

Arbeitsgruppe

Die Bolschewiki haben verwirklicht, wovon Engels gesprochen hat

„Nun ist der Aufstand eine Kunst, genau wie der Krieg oder irgendeine andere Kunst, und gewissen Re­geln unterworfen, deren Vernachlässigung zum Verderben der Partei führt, die sich ihrer schuldig macht. Diese Regeln, logische Schlußfolgerungen aus dem Wesen der Parteien und der Verhältnisse, mit denen man in einem solchen Falle zu tun hat, sind so klar und einfach, daß die kurze Erfahrung von 1848 die Deutschen ziemlich bekannt mit ihnen gemacht hat. Erstens darf man nie mit dem Aufstand spielen, wenn man nicht fest entschlossen ist, alle Konsequenzen des Spiels auf sich zu nehmen. Der Aufstand ist eine Rechnung mit höchst unbestimmten Größen, deren Werte sich jeden Tag ändern können; die Kräfte des Gegners haben alle Vorteile der Organisation, der Disziplin und der her­gebrachten Autorität auf ihrer Sei­te; kann man ihnen nicht mit starker Überlegenheit entgegentreten, so ist man geschlagen und vernichtet. Zweitens, hat man einmal den Weg des Aufstands beschritten, so handle man mit größter Entschlossenheit und ergreife die Offensive. Die Defensive ist der Tod jedes bewaffneten Aufstands; er ist verloren, noch bevor er sich mit dem Feinde gemessen hat. Überrasche deinen Gegner, solange seine Kräfte zerstreut sind, sorge täglich für neue, wenn auch noch so kleine Erfolge; erhalte dir das moralische Übergewicht, das der Anfangserfolg der Er­hebung dir verschafft hat; ziehe so die schwankenden Kräfte auf deine Seite, die immer dem stärksten Antrieb folgen und sich immer auf die sicherere Seite schlagen; zwinge dei­ne Feinde zum Rückzug, noch ehe sie die Kräfte gegen dich sammeln können; um mit den Worten Dantons, des bisher größten Meisters revolutionärer Taktik, zu sprechen: de l’audace, de l’audace, encore de l’audace! (Kühnheit, Kühnheit und abermals Kühnheit!)“

(F. Engels, Revolution und Konterrevolution in Deutschland, MEW Bd.8, S.95)

1 Stefan Zweig, Sternstunden der Menschheit, Frankfurt a.M. 1964, S.7 f.

2 John Reed, 10 Tage die die Welt erschütterten,
Berlin 1957, S.182

3 Die ersten Dekrete der Sowjetmacht
Berlin 1987, S.14

4 John Reed, ebenda S.194

5 Die ersten Dekrete der Sowjetmacht, ebenda S.16

6 John Reed, ebenda S.203

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