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„Ohne Nichtangriffsvertrag – keine Anti-Hitler-Koalition!”:

Betrachtungen zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag von 1939[1]

1. Persönliche Erfahrungen mit dem umstrittenen Nichtangriffsvertrag

Als Historiker bin ich kein Spezialist für den Nichtangriffsvertrag, aber als Kommunist war und bin ich seit 1939 immer wieder gezwungen, mich mit ihm zu beschäftigen. Zum ersten Male nach seinem Abschluss, den ich als Jungkommunist, der in den faschistischen Arbeitsdienst gepresst war, erlebte. Wie für alle Kommunisten, so war auch für mich dieser Vertrag zwischen dem faschistischen Deutschland und der sozia­listischen Sowjetunion das unerwartetste, vorher für ganz und gar unmöglich gehaltene Ereignis. Aber nachdem nun einmal das Unmög­liche Wirklichkeit geworden war, erforderte es von jedem deutschen Kommunisten, sich dazu auch ohne eine Erläuterung „von oben“, allein oder gemeinsam mit den Genossen, zu denen Kontakt bestand, einen Standpunkt zu erarbeiten. Die Faschisten stellten in ihrer Propaganda die Sache so dar, als hätte die Sowjetunion mit ihnen einen Beistands­pakt geschlossen. Das wäre in der Tat ein Verrat an unseren Idealen gewesen, der es unmöglich gemacht hätte, der Sowjetunion länger zu vertrauen. Deshalb las ich den Wortlaut des Vertrages genau durch, verfolgte die faschistische Presse ganz genau daraufhin, ob sie irgendein Dokument vorweisen konnte, das die „Beistands- und Bündnispropa­ganda“ bestätigen würde. Zu meiner großen Erleichterung konnte sie das nicht. Selbst die argwöhnischste Prüfung konnte zu keinem anderen Ergebnis führen als dem: Die Sowjetunion hat mit dem faschistischen Deutschland keinen Vertrag geschlossen, der sie in einem künftigen Krieg zum Bundesgenossen Hitlerdeutschlands machen würde, son­dern einen Nichtangriffsvertrag, der ihr für eine gewisse Zeit die Gewähr gibt, dass die faschistischen Kriegstreiber den Feldzug gegen Polen, zu dem sie fest entschlossen waren und der – soviel war im August 1939 ohne Schwierigkeiten zu erkennen – nicht mehr zu verhindern war, nicht zu einem Überfall auf die Sowjetunion ausweiten würden.

Meine Stellung zum Nichtangriffsvertrag war – wie wohl die aller Genossen, die damals nach vielen Diskussionen und Überlegungen diesen Vertrag zu akzeptieren vermochten – zuallererst eine Sache des Vertrauens zur Sowjetunion, zur KPdSU und ihrer Führung. Und umgekehrt: bei denen, für die der Nichtangriffsvertrag der Anlass für den Bruch mit dem Kommunismus war, war die tiefste Ursache dafür sehr oft gar nicht der Vertrag, sondern eine innerliche Entfremdung gegenüber der Sache der Partei, die – bei dem einen aus diesen, bei dem anderen aus jenen Gründen – schon viel früher begonnen hatte. Aber mein und unser Vertrauen war nicht blind und grenzenlos; ein tatsäch­liches Bündnis der Sowjetunion mit dem Faschismus wäre jenseits der Grenzen dieses Vertrauens gewesen. Denn unser Vertrauen gründete sich auf die Überzeugung, dass die Sowjetunion die Hauptkraft im Kampf gegen den Faschismus war und blieb. Sie hat dieses Vertrauen nicht enttäuscht, sondern gerechtfertigt.

Das Vertrauen in die Politik der Sowjetunion wurde dadurch bestärkt, dass wir ja hatten verfolgen können – auch die Nazipresse hatte auf ihre Art darüber berichtet – wie die Sowjetunion, bevor sie den Nicht­angriffsvertrag mit Hitlerdeutschland schloss, bemüht war, mit den Westmächten zum Abschluss eines Bündnisvertrages gegen einen mög­lichen Aggressor, also gegen Nazideutschland, zu kommen. Das erleich­terte eine Position, wie sie sicherlich nicht nur ich einnahm: Ich kenne sie zwar nicht und verstehe sie vorläufig auch noch nicht, aber die Sowjetunion wird gute Gründe dafür haben, Nazideutschland so weit entgegenzukommen. Und als wir dann erlebten, dass ganz offenbar als Auswirkung dieses Vertrages die deutschen Truppen Polen nicht bis an die sowjetische Grenze hin besetzten, sondern vorher Halt machten, und dass auch die baltischen Staaten von Hitlers Armeen nicht besetzt wurden, sondern umgekehrt die Rote Armee dort ihre Stützpunkte errichtete und in den östlichen Teil Polens einrückte, da empfand ich darüber eine große Genugtuung, weil es der Sowjetunion ganz offen­sichtlich gelungen war, mit dem Nichtangriffsvertrag dem Expansions­drang des deutschen Faschismus einen Riegel vorzuschieben.

Dieses eigene Erleben und Empfinden beim Abschluss des Nichtangriffsvertrages war dann auch der Grund dafür, dass ich beim zweiten Mal einer intensiven Beschäftigung mit ihm, die durch die wütenden Attacken der Westmächte gegen den „Hitler-Stalin-Pakt“ – wie er von ihnen genannt wurde – schon zu Beginn des kalten Krieges erzwungen wurde, ohne Schwanken und aus vollster Überzeugung diesen Vertrag als den im Interesse der Verteidigung des ersten Arbeiter- und Bauernstaates einzig möglichen Schritt der sowjetischen Außenpolitik vertei­digte; daran konnte auch die Veröffentlichung des so genannten gehei­men Zusatzprotokolls durch westliche Publikationen und die damit verbundene hetzerische Verleumdung, mit ihm habe die Sowjetunion erst Hitler den Weg zum Überfall auf Polen freigegeben und gemeinsam mit ihm die „vierte Teilung Polens“ durchgeführt, nichts ändern. Mit der Bekanntmachung des Zusatzabkommens hatte ich nur die vertrag­liche Grundlage kennen gelernt für jene Ereignisse, die ich als Kommu­nist begrüßt hatte - nämlich das Halt! für die deutschfaschistischen Armeen und die Vorverlegung der Grenzen der Sowjetunion nach Westen in einer Situation, die irgendwann mit Sicherheit doch den faschistischen Überfall auf die Sowjetunion bringen würde.

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In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre sah ich mich zum dritten Mal gezwungen, mich intensiv mit dem Nichtangriffsvertrag zu beschäfti­gen. Der antisowjetische Rummel, der in BRD-Medien aus Anlass des 50. Jahrestages des Überfalls des faschistischen Deutschlands auf Polen um diesen Vertrag aufgezogen wurde, stellte alles bisher dazu Dagewesene in den Schatten. Die Entstellungen und Verleumdungen konnten gar nicht bösartig genug sein, um breit kolportiert zu werden. Leider wurde dabei den imperialistischen Ideologen manche Schützenhilfe zuteil, mit der sie bis dahin noch nie rechnen konnten, nämlich durch Darstellungen sowjetischer Publizisten. Es war also gegen Entstellungen aufzutreten, die nicht nur vom politischen Gegner kamen.

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Valentin Bereskov, ehemaliger sowjetischer Diplomat und Dolmet­scher bei den Verhandlungen in Moskau zwischen Rippentrop und Molotow im August 1939, sagte in einer Rede über „Europa am Vor­abend des zweiten Weltkrieges“ in Düsseldorf am 22. April 1989: „Die Franzosen hatten schon 1938 einen Nichtangriffspakt mit Deutschland; 1938 nach München jubelten nicht nur die Franzosen, sondern auch die Engländer, als Chamberlain nach London zurückkam und sagte, er habe den Frieden für Generationen mitgebracht durch die Vereinba­rung mit Hitler. Also nicht nur die Sowjetunion, nicht nur die Bolsche­wiken wollten einen Nichtangriffspakt. Ich denke, dass es keine Alter­native zum Abschluss des Nichtangriffsvertrages gab ... in der Situation im August 1939.[2]

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Zu den gängigen Behauptungen der revisionistischen Verleumder der sowjetischen Politik gehört, der Nichtangriffsvertrag widerspräche den Leninschen Grundsätzen sowjetischer Außenpolitik. Das Gegenteil ist der Fall: er war die sinngemäße, den veränderten Umständen ganz im Leninschen Geiste angepasste Verwirklichung dessen, was Lenin in einem Vortrag am 26.November 1920 ausgeführt hatte. Lenin sagte damals:

Vorläufig sitzen die Imperialisten da und warten auf einen günstigen Augenblick, um die Bolschewiki zu vernichten. Wir aber schieben diesen Augenblick hinaus. ... Noch mehr würde uns der Umstand retten, wenn die imperialistischen Mächte sich in einen Krieg verwickelten. Wenn wir gezwungen sind, solche Lumpen wie die kapitalistischen Diebe zu dulden, von denen jeder das Messer gegen uns wetzt, so ist es unsere direkte Pflicht, diese Messer gegeneinander zu richten. Wenn zwei Diebe sich streiten, so gewinnen die ehrlichen Leute.

Dieser Gewinn bestand jetzt darin, dass durch den Nichtangriffsvertrag nicht nur Zeit gewonnen wurde, sondern auch die von Hitler überfallenen imperialistischen Mächte nach dem Überfall auf die Sowjetunion – ob sie wollen oder nicht – zu Bundesgenossen der Sowjetunion wurden. Die historische Wahrheit ist: „Ohne Nichtangriffsvertrag – keine Anti-Hitler-Koalition!“

4. Vom Militärbündnis mit Frankreich zum Nichtangriffsvertrag mit Deutschland

Dreieinhalb Jahre nach dem VII. Weltkongress, im März 1939, fand der XVIII. Parteitag der KPdSU(B) statt. Zwischen diesen beiden Kongres­sen hatte sich die Weltlage in gefährlicher Weise verändert: Infolge der schändlichen Verratspolitik der Westmächte an der von den faschisti­schen Achsenmächten Italien und Deutschland im Verein mit ihrem spanischen Handlanger Franco überfallenen Spanischen Republik – heuchlerisch als „Nichteinmischungspolitik“ deklariert –, konnte auch die Hilfe der Internationalen Brigaden und der sowjetischen Freiwilli­gen für das heldenmütig kämpfende spanische Volk den Triumph des Faschismus in Spanien nicht verhindern.

Nach Spanien kam die Auslieferung Österreichs an Deutschland im März 1938 und der Verrat an der Tschechoslowakischen Republik durch das infame Münchener Abkommen der Westmächte mit Hitler im September 1938, durch das auch faktisch die Beistandspakte der Sowjetunion mit Frankreich und der CSR gegenstandslos wurden. Es folgte schließlich als Höhepunkt der so genannten „Appeasement“­Politik – die in Wahrheit keine Beschwichtigungspolitik, sondern eine Politik der Ermunterung des Aggressors war, seine Vorstöße nach Osten fortzusetzen – die widerstandslose Hinnahme des Auslöschens der Rest-Tschechoslowakei im März 1939.

Die bereits von Togliatti 1935 konstatierte Absicht Englands, Deutsch­land zum Krieg gegen die Sowjetunion zu ermuntern, war nun überdeut­lich geworden. Zur selben Zeit ließ im Fernen Osten das militärfaschi­stische Japan mit seinen Angriffen auf mongolisches und sowjetisches Gebiet seine Absichten erkennen, bei günstiger Gelegenheit seinem Expansionsdrang auf Kosten der Sowjetunion die Zügel schießen zu lassen.

Die Einschätzung der internationalen Lage und der Aufgaben der UdSSR durch den XVIII. Parteitag der KPdSU(B) konnte unter diesen Umständen nicht einfach in einer Wiederholung der Feststellungen des XVII. Parteitages bestehen.

Der Parteitag ließ zwar nach wie vor keinen Zweifel darüber, wer die Aggressoren-Mächte waren: „Japan sucht seine aggressiven Handlun­gen damit zu rechtfertigen, dass man es beim Abschluss des Neunmächtevertrages übervorteilt ... habe. ... Italien besann sich darauf, dass man es bei der Teilung der Beute nach dem ersten imperialistischen Krieg übervorteilt habe und dass es sich auf Kosten der Einflusssphären Englands und Frankreichs entschädigen müsse. Deutschland ... schloss sich Japan und Italien an und forderte die Vergrößerung seines Terri­toriums in Europa und die Rückgabe der Kolonien, die ihm die Sieger im ersten imperialistischen Krieg weggenommen hatten. So begann sich der Block der aggressiven Staaten zu bilden. Die Frage der Neuauftei­lung der Welt durch den Krieg wurde auf die Tagesordnung gesetzt.

Zugleich aber sprach er die hinterhältigen Absichten der Westmächte an, Deutschland und die Sowjetunion gegeneinander zu hetzen und als lachende Dritte die alleinigen Gewinner zu sein. Er warnte sie eindring­lich davor, dass ein solches Spiel für sie üble Folgen haben könnte: „In Wirklichkeit bedeutet jedoch die Politik der Nichteinmischung eine Begünstigung der Aggression. ... Der Gedanke liegt nahe, man habe den Deutschen Gebiete der Tschechoslowakei als Kaufpreis für die Ver­pflichtung gegeben, den Krieg gegen die Sowjetunion zu beginnen. ... Es ist jedoch notwendig zu bemerken, dass das große und gefährliche politische Spiel, das die Anhänger der Nichteinmischungspolitik begon­nen haben, für sie mit einem ernsten Fiasko enden kann.

Von dieser Einschätzung ausgehend, wurde der sowjetischen Außen­politik unter anderem die Aufgabe gestellt: „Vorsicht zu beobachten und den Kriegsprovokateuren, die es gewohnt sind, sich von anderen die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen, nicht die Möglichkeit zu geben, unser Land in Konflikte hineinzuziehen.

Der XVIII. Parteitag warnte aber nicht nur, sondern bot erneut allen an der Erhaltung des Friedens interessierten Mächten Zusammenarbeit an: „In ihrer Außenpolitik stützt sich die Sowjetunion ... 7. auf die Einsicht der Länder, die aus diesen oder jenen Gründen an einer Verletzung des Friedens nicht interessiert sind.[3]

Nach der Annexion der Rest-Tschechoslowakei machte sich bei den Regierungen der Westmächte, nicht zuletzt dank dem immer stärkeren Drängen ihrer Völker, Anzeichen zur Bereitschaft bemerkbar, mit der Sowjetunion in Verhandlungen zu treten. Aber hinter dieser Bereit­schaft steckte nichts anderes als die Absicht, vor der auf dem Parteitag gewarnt worden war, nämlich, die Sowjetunion auf bindende Verpflich­tungen zu militärischem Eingreifen gegen Hitlerdeutschland festzule­gen, sich selbst aber die Hände frei zu halten.

Für diese Haltung gibt es unzählige dokumentarische Beweise, die zum größten Teil auch schon veröffentlicht wurden. Hier sollen nur ganz wenige vorgelegt werden, die noch nicht allzu bekannt sind.

Der sowjetische Historiker V.J. Sipols zitiert aus dem Tagebuch des damaligen USA-Innenministers H. Ickes folgende Einschätzung der Haltung Großbritanniens bei den Verhandlungen mit der Sowjetunion: „Großbritannien hätte längst eine Vereinbarung mit der Sowjetunion erzielen können, es wiegte sich aber in der Hoffnung, Russland und Deutschland gegeneinander aufzubringen und auf diese Weise selber mit heiler Haut davonzukommen.“[4]

Besonderes Interesse verdienen Berichte des polnischen Botschafters in Washington, Graf Jerzy Potocki, an seinen Außenminister in War­schau über seine Unterredung mit dem gerade in Washington befindli­chen USA-Botschafter in Paris, William Bullit. In seinem Bericht über eine Unterredung am 21. November 1938 gibt Potocki Bullits Mei­nungsäußerungen wie folgt wieder: „Es würde der Wunsch der demo­kratischen Staaten sein, dass es dort im Osten zu kriegerischen Ausein­andersetzungen zwischen dem deutschen Reich und Russland komme. Da das Kräftepotential der Sowjetunion bisher nicht bekannt sei, könne es sein, dass sich Deutschland zu weit von seiner Basis entferne und zu einem langen und schwächenden Krieg verurteilt werde. Dann erst würden die demokratischen Staaten, wie Bullit meint, Deutschland attackieren und es zu einer Kapitulation zwingen.[5]

Aus dem Bericht Potockis über eine Unterredung mit Bullit am 16. Januar 1939: „Bullit antwortete, dass die demokratischen Staaten ein für allemal alle imaginären bewaffneten Interventionen zum Schutze irgendeines Staates, der zum Opfer eines deutschen Angriffes werden sollte, aufgegeben hätten.[6]

Damit war der polnischen Regierung klar und brutal gesagt worden, dass sie alleingelassen würde, falls Polen von Hitlerdeutschland überfal­len würde. Dennoch war gerade sie es, die alles in ihren Kräften Stehende tat, um ein Militärbündnis Englands und Frankreichs mit der Sowjetunion zu verhindern und somit die einzige Chance für die Erhaltung des Friedens und der Existenz Polens ausschlug. Größer als die Sorge der damaligen polnischen Regierung um den Bestand Polens war ihr hasserfüllter, selbstmörderischer Antisowjetismus.

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Das Zusatzabkommen regelte „für den Fall einer territorialpoliti­schen Umgestaltung“ in Polen und der Region der baltischen Staaten die „Abgrenzung der Interessensphären“ zwischen Hitlerdeutschland und der Sowjetunion.[7]

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Welche Bedeutung die „Abgrenzung der Interessensphäre“ vom strategischen Standpunkt aus hatte, hat niemand deutlicher ausgespro­chen als der britische Premierminister Churchill, der in einer Rundfunk­rede vom 1. Oktober 1939 – also nach dem Abschluss des noch zu behan­delnden „Freundschafts- und Grenzabkommens“ zwischen Deutschland und der Sowjetunion – Folgendes ausführte: „Dass die russischen Armeen auf dieser Linie stehen, ist für die Sicherheit Russlands gegen die deutsche Gefahr absolut notwendig. Jedenfalls sind die Stellungen bezogen und die Ostfront ist geschaffen, die anzugreifen das nazistische Deutschland nicht wagt. Als Herr von Ribbentrop in der vorigen Woche nach Moskau gerufen wurde, da geschah das, damit er von der Tatsache erfahre und Notiz nehme, dass den Absichten der Nazis auf die balti­schen Staaten und die Ukraine ein Ende gesetzt werden muss.[8]

Der eingefleischte Feind der Sowjetmacht Churchill bewies damit einen bemerkenswerten Scharfblick, den die modernen Kritiker des Nichtangriffsvertrages bei ihrem Rückblick auf die Geschichte entschieden vermissen lassen.

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Die „Abgrenzung der Interessensphären“ war aber auch vom antifa­schistisch-demokratischen Standpunkt aus nicht nur gerechtfertigt, sondern geboten; denn sie bewahrte Millionen Menschen, die ohne die­se Abgrenzung schon 1939 den faschistischen Okkupanten ausgeliefert worden wären, für einen im Voraus nicht absehbaren Zeitraum vor die­sem Schicksal, und bedeutete die Schaffung günstigerer Ausgangsposi­tionen für einen künftigen Kampf gegen das faschistische Deutschland.

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Abschließend: Mir will scheinen, dass zeitgemäßer und dringlicher als eine hochgespielte Diskussion über die längst beantwortete Frage, ob der Nichtangriffsvertrag in der damaligen Situation notwendig und damit legitim war oder nicht, die Konzentration der Gedanken aller Kommunisten und Antifaschisten darauf ist, wie den Versuchen des Imperialismus, Teile der Sowjetunion und der sozialistischen Staatengemeinschaft wieder in seinen Machtbereich zurückzuholen, zu begegnen ist, um sie zu vereiteln.

Michael Gorbatschow hat der Menschheit die Perspektive eröffnet: „Die Welt – im Jahr 2000 atomwaffenfrei!“ Der Imperialismus hat darauf ein vielstimmiges misstönendes Echo gegeben: „Die Welt – im Jahr 2000 kommunisten- und sozialismusfrei!“

Die Gefahr für die Welt des Sozialismus ist heute, 50 Jahre nach dem Schicksalsjahr 1939, kaum geringer als damals. Ich kann nur hoffen und wünschen, dass alle, an die die imperialistische Kampfansage gerichtet ist, auf sie eine Antwort finden, die den marxistischen Historikern künftig nicht noch mehr Kopfzerbrechen bereitet als uns heutigen die Antwort der Sowjetunion von 1939.[9]

1 Durch den Autor leicht veränderte, erweiterte Fassung eines Diskussionsbeitrages auf der wissenschaftlichen Konferenz „Terror - Demagogie – Aggression – Widerstand“ in der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald (6./7. Juni 1989). Veröffentlicht in Heft 6/1989 der BZG, S. 791-805. Hier in gekürter Form. Zuletzt veröffentlicht: Kurt Gossweiler, Wider den Revisionismus, München 1997, S. 167-191.

2 Deutsche Volkszeitung/die tat, 19.05.1989

3 J. Stalin: Rechenschaftsbericht an den XVIII. Parteitag über die Arbeit des ZK der KPdSU(B), 10. März 1939, Berlin 1949, S. 8, 12, 15, 18.

4 V. J. Sipols: Die Vorgeschichte des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages, Köln 1981, S. 288.

5 Polnische Dokumente zur Vorgeschichte des Krieges. Erste Folge, hrsg. im Auftrag des Auswär­tigen Amtes, Berlin, 1940, Nr. 3, S. 9.

6 Ebenda, S. 18.

7 Zit. nach der Wiedergabe des Zusatzabkommens in: W. Hofer: Die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges. Eine Studie über die internationalen Beziehungen im Sommer 1939. Mit Dokumenten, Frankfurt am Main und Hamburg 1967, S. 102/103.

8 Zit. nach: Geschichtsfälscher. Aus Geheimdokumenten über die Vorgeschichte des 2. Weltkrieges, Berlin 1953, S. 51.

9 Dieser letzte Teil (und Abschluss) ist insbesondere auf dem Hintergrund des Datums der Erstveröffentlichung zu sehen: Juni 1989! Mit diesen Worten bekämpfte Kurt Gossweiler die in der Veranstaltung massiv geäußerten Vorwürfe gegen den Nichtangriffsvertrag und versuchte die Motive solch bürgerlicher Propaganda auf dieser Veranstaltung zu entlarven.

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