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Buchenwald – Selbstbefreiung für eine Welt des Friedens und der Freiheit

„Am 22. Juni 1941 hatte Hitler die Sowjetunion überfallen. Am 18. Oktober wurden die Blockältesten zum Tor gerufen. Die SS-Führer teilten ihnen mit, dass ein Transport sowjetischer Kriegsgefangener erwartet werde und dass kein Häftling mit den sowjetischen Gefangenen Kontakt aufnehmen dürfe. ... Die 2.000 sowjetischen Kriegsgefangenen kamen abends im Lager an, nachdem sie wochenlang nach Deutschland getrieben und auf Güterwagen transportiert worden waren. Sie waren völlig unterernährt ... Beim Anblick dieser gequälten Menschen brach sich unter den Häftlingen mit elementarer Gewalt der Wille zur Solidarität, zum humanistischen Bekenntnis Bahn. Ungeachtet des SS-Verbots strömten die Häftlinge aus ihren Blocks, gaben den Kriegsgefangenen ein Stück Brot, die sorgsam für den Sonntag aufgehobene Zigarette ... Das wiederholte sich bei jedem durch die Lagerstraßen gehenden Trupp der Sowjetsoldaten. Österreicher, Polen, Holländer, Tschechen, Deutsche, Angehörige aller im Lager vertretenen Nationen – sie alle einte der Wille zu helfen.

Am folgenden Tag verhängte der Schutzhaftlagerführer Florstedt zur Strafe für das ganze Lager einen Tag Essensentzug ... Dieser Versuch, das Lager zu spalten, scheiterte. Es gab unter den Häftlingen keine Diskussion, dass die Solidaritätsaktion etwa besser unterblieben wäre. Sie hungerten mit stolzer Verachtung gegenüber den SS-Banditen.”

Soweit die Beschreibung in dem von der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora in Auftrag gegebenen Buch „Buchenwald ein Konzentrationslager” – ein beeindruckendes und bewegendes Beispiel internationaler Solidarität der zu diesem Zeitpunkt etwa 6.800 Häftlinge, die auch den barbarischsten Verhältnissen noch standhält. Und dazu führen wird, dass sich Buchenwald als einziges großes Lager am Ende des Krieges selbst befreien wird.

Am Beispiel des KZ Buchenwald wird – gerade weil hier die politische Organisierung des gesamten Lagers, basierend auf den in der Illegalität und z. B. 1933 in Lichtenburg gemachten Erfahrungen, am wirkungsvollsten gelungen ist – die Zwiespältigkeit der gesamten Entwicklung deutlich. Wäre die Einheits- bzw. Volksfrontpolitik in Deutschland nicht an der Blockadepolitik der sozialdemokratischen und bürgerlichen Hauptverantwortlichen in Parteien, Gewerkschaften und anderen politischen Organisationen gescheitert, hätte bereits vor 1933 diese Solidarität zum Abgesang der Hitler-Clique werden können.

So aber sollte die Politik des „Abwirtschaften lassens” – in Wahrheit eine handfeste Unterstützung vor allem des deutschen Faschismus an der Macht – viel zu lange und bestimmend im Vordergrund stehen, während der Kampf aller antifaschistischen Internationalisten z. B in Spanien oder Frankreich sich unter den denkbar ungünstigsten Bedingungen entwickeln und organisieren musste.

So hätte sich auch die internationale Solidarität nicht im Angesicht eines immer grenzenloseren Terrors und der ständigen Bedrohung durch einen qualvollen Tod in den Vernichtungslagern der deutschen Faschisten organisieren und durchsetzen müssen.

Dennoch waren die großen Opfer nicht vergebens. Es wurden entscheidende Voraussetzungen geschaffen für die weitere Entwicklung nach der Niederschlagung der faschistischen Barbarei durch die Anti-Hitler-Koalition. Die Gründung der DDR, das Entstehen der Volksdemokratien in den befreiten Ländern, der Aufschwung der Befreiungsbewegungen nach 1945 in dem durch den Aufteilungskrieg der Monopole ins Wanken geratenen bisherigen imperialistischen Weltsystem – all dies erzeugte und ermöglichte Entwicklungen, die gerade heute nutzbar gemacht werden können auf dem Weg zu einer Welt, die von der Beseitigung der Gefahr der faschistischen Barbarei und der daraus resultierenden Weltkriegsgefahr nicht mehr nur beschwörend träumen muss.

Phase 1 – Aufbau des Lagersystems zur Ausschaltung des Widerstands im Innern

Das KZ Buchenwald wurde 1937 mitten im Buchen- und Eichenwald auf dem 470 m hohen Ettersberg bei Weimar errichtet und war eines von 9.000 Konzentrationslagern im Herrschaftsbereich des imperialistischen faschistischen Deutschlands. Es war Teil des nun staatlich institutionalisierten Terrors, der nach der Machtübertragung an Hitler 1933 den Straßenterror gegen Arbeiter, die Überfälle auf Veranstaltungen der KPD, SPD und der Gewerkschaften sowie die illegalen Folterkeller der SA ersetzte. Jeder Widerstand im Innern sollte unterdrückt und möglichst effektiv ausgeschaltet werden. Als gesetzliche Grundlage hierzu wurde bereits am 28. Februar 1933 die „Verordnung zum Schutz des deutschen Volkes und Staates” geschaffen, mit der die willkürlichen Verhaftungen politischer Gegner als „Schutzhaft” legitimiert werden konnte.

Die 14- bis 16-stündige Zwangsarbeit im Lager diente nicht nur dem Aufbau desselben, sie war gleichzeitig Mittel der Schikane und Misshandlung. Schwerste körperliche Arbeit wurde ohne die elementarsten technischen Hilfsmittel ausgeführt mit dem Ziel, durch ständige physische Schmerzen die Häftlinge schließlich körperlich und psychisch zu brechen.

Am Anfang waren nur deutsche Häftlinge im Lager. Sie kamen aus den KZ Lichtenburg, Sachsenburg, Sachsenhausen sowie anderen Lagern, Zuchthäusern und Gefängnissen. Schon Stunden nach der Einlieferung wusste jeder Gefangene, dass er allen Launen seiner Peiniger rechtlos ausgeliefert war selbst dann, wenn er sich bemühte, die „Lagerordnung” peinlichst einzuhalten.

Sie brachten als politische Häftlinge aber auch ihre Erfahrungen mit, die über die Jahre eine in aller Heimlichkeit aufgebaute illegale Organisation ermöglichte. Durch Tarnung und Tricks aller Art einschließlich der Korrumpierung der SS-Wachmannschaften gelang es ihnen Einfluss auf die Lagerverwaltung zu nehmen. So konnte das von der SS geschaffene System der Lagerhierarchie – Blockälteste für jede Baracke, Kapo und Vorarbeiter für die jeweiligen Arbeitskommandos, Delegierung von Verwaltungsarbeiten – unter Ausnutzung gegensätzlicher Interessen, Bequemlichkeit und Feigheit der Nazis in vielen Fällen und immer öfter ins Gegenteil verkehrt werden. Dies war aber nicht das Ergebnis einer von der SS gewährten „Selbstverwaltung”, sondern Folge der konspirativen Tätigkeit unter Einsatz des eigenen Lebens, die es ermöglichte, die Absichten der Lagerkommandantur zu unterlaufen.

Die politischen Häftlinge korrigierten so die Schwächen, Halbheiten und Fehler der Arbeiterorganisationen vor 1933 und bildeten eine einheitliche Front gegen den gemeinsamen Gegner, den Faschismus.

Das Terrorsystem fand weiterhin Ausdruck in einem riesigen bürokratischen Apparat, dessen Willkür sich ebenso im Umgangston – die „Amtssprache” der Peiniger war selbstverständlich deutsch – wie in der Einteilung der Verfolgtengruppen widerspiegelte. So wurden Sinti und Roma den „Asozialen” zugeschlagen – Trinker, Taschendiebe und nicht sesshafte Jahrmarktstingler (!) wurden in einen Topf geworfen. Zu den „Politischen” zählten die Herrenmenschen der SS ehemalige Mitglieder der NSDAP gleichermaßen wie Fremdenlegionäre, „Meckerer”, Schwarzhörer oder Devisenschieber.

Die Häftlings-Lagerfunktionen wurden durch die SS festgelegt. Für jede Baracke gab es einen Blockältesten mit einigen Stubendiensten, für jedes Arbeitskommando einen Kapo mit ihm unterstellten Vorarbeitern. Außerdem gab es Lagerälteste (anfangs zwei, später drei), ab Juli 1942 einen Häftlings-„Lagerschutz” und mehrere „Kontrolleure” – alles dazu gedacht, die Gefangenen gegeneinander auszuspielen. Solche Funktionen wurden überwiegend mit Personen besetzt, die in der Lagersprache als „Berufsverbrecher” bezeichnet wurden – Mörder und andere wegen schwerer krimineller Delikte zu längeren Haftstrafen Verurteilte –, die sich oft zu willigen Bütteln der SS entwickelten. Sie stahlen den Häftlingen die mageren Essensrationen, betätigten sich als Spitzel und waren selbst Teil des Mißhandlungs- und Unterdrückungssystems im Lager. Diese galt es nun unter schwierigsten und unmenschlichsten Bedingungen aus den ihnen von der SS zugewiesenen Funktionen zu verdrängen.

Es waren die deutschen Kommunisten, die als erste in größerer Zahl ins KZ gesperrt wurden. Sie hatten schon vor ihrer Verhaftung in einem Kampf auf Leben und Tod gestanden. Diesen Kampf setzten sie in Buchenwald fort und verbündeten sich mit jedem, der zum Widerstand bereit war – ob Sozialdemokrat, Gewerkschafter, Katholik, Liberaler – unabhängig von der Staatsangehörigkeit oder Nationalität.

Wenn ein entkräfteter Häftling während der bis 1939 dauernden Aufbauphase des Lagers in einem Arbeitskommando nicht mehr die geforderte Leistung erbringen konnte, war er normalerweise sofort der Willkür der SS preisgegeben und konnte von einem kriminellen Kapo keinen Schutz erwarten. Die Arbeitszeit reichte im Sommer von 5 Uhr morgens bis 8 oder 9 Uhr abends. Am Bau der Wasserleitung wurde sogar regelmäßig bis 10 oder gar 11 Uhr nachts gearbeitet. In von der SS als besonders dringend angesehenen Fällen ging die Arbeit bis 2 oder 3 Uhr morgens. Nur politisch absolut zuverlässige und bewusst und gezielt handelnde Personen konnten auf Dauer sicher stellen, dass alle Mitglieder eines Arbeitstrupps den Erschöpften mitzogen, seinen Arbeitsanteil übernahmen, ihn so vor dem sicheren Tod bewahrten und dabei all den ständigen kleinlichen und peinigenden Schikanen widerstanden.

Vier Wochen nach der Machtübertragung auf die Nazi-Partei steht der Reichstag am 27. Februar 1933 in Flammen. Diese Inszenierung der Faschisten war der Auftakt für die Massenverfolgung von Antifaschisten und allen Personen, die dem installierten System aus moralischen oder religiösen Gründen ablehnend gegenüber standen. Denn noch bis zur Reichstagswahl im März 1933 fanden Streiks, Demonstrationen und andere Formen des Widerstands statt.

Die eingewiesenen Häftlinge waren zunächst Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter, Sinti und Roma, Bibelforscher, Homosexuelle und schließlich als Juden gebrandmarkte Menschen, denen man durch die Lagerhaft den größten Teil ihres Vermögens abpressen wollte.

Im Sommer 1938 kamen die ersten Opfer der „friedlichen” Einverleibungspolitik Hitlers, rund 2.200 Juden nach Dachau – vor allem Österreicher.

Im Gefolge des ersten über das ganze deutsche Reich ausgedehnten und von den Nazis geplanten Judenpogroms – der „Reichskristallnacht” am 9. November 1938 – wurden insgesamt 30.000 Personen, überwiegend Geschäftsleute und wohlhabende Juden verhaftet.

Nach Buchenwald kamen 10.000 und an ihnen wurde dann der von der SS gewünschte Lernprozess durchexerziert – einerseits Erziehung der SS vom Offizier bis zur einfachen Mannschaft zu hemmungsloser Brutalität und Willkür, andererseits widerstandslose Gewöhnung an bedingungslose Unterwerfung, passives Leiden und von panischer Angst bestimmtes Verhalten. Sie mussten auf den Weg vom Bahnhof Weimar nach Buchenwald durch mit Knüppeln und Ochsenziemern bewaffnete SS Spalier laufen. Die von blutigen Gepäck- und Kleidungsstü­cken bedeckte Straße glich einem Schlachtfeld.

Im Lager angekommen, wurden sie dann nicht wie üblich durch das große Eingangstor getrieben, sondern mussten sich durch das kleine Tor drängen und wurden dort erneut von den auf sie einprügelnden SS-Blockführern empfangen. Wie furchtbar und zerstörerisch die Auswirkungen dieses Terrors sein konnte, kann man daran erkennen, dass gleich in der ersten Nacht 68 Juden wahnsinnig wurden und dann von SS-Oberscharführer Sommer, der zuständig für den Bunker (Arrestzellen) war, wie tolle Hunde totgeschlagen wurden.

Die meisten dieser eingelieferten Juden wurden schließlich aus Nazideutschland ausgewiesen, wenn sie in einer Erklärung auf jedwedes Eigentum verzichteten. 300 größtenteils nichtvermögende Juden verblieben im Lager.

Für die Organisierung des Widerstands war es daher unter diesen Bedingungen von entscheidender Bedeutung, dass die Gruppe der politischen Häftlinge dank ihrer vorhandenen Erfahrungen nach ihrer Ankunft in Buchenwald erste Anfänge politischer Organisationsarbeit leisten konnte. Um bekannt zuverlässige antifaschistische Widerstandskämpfer gruppierten sich allmählich andere zum Widerstand bereite Lagerinsassen, deren Zuverlässigkeit sich im Alltag gezeigt hatte, und ermöglichte den – immer wieder von Rückschlägen begleiteten – kontinuierlichen Aufbau einer illegalen Organisation. Der sich formierende Widerstand setzte sich die folgenden Ziele:

- Stärkung des Mutes und des Willens zum Durchhalten und Festigung des Glaubens an den Sieg der Häftlinge.

- Kein Häftling darf einen anderen Häftling schlagen, Verdrängung der Schläger aus Häftlingspositionen.

- Das Schaffen von Bedingungen, unter denen jeder Häftling die ihm zustehende Essensration erhält, und striktes Vorgehen gegen Kameradendiebstähle.

- Gestaltung kameradschaftlicher Verhältnisse auf den Blocks und in den Kommandos, Verbesserung der sanitären Verhältnisse und der Krankenpflege sowie die Unterstützung schwacher und kranker Menschen.

- Durchsetzung der Häftlingssolidarität gegen die SS.

- Unterstützung aller Maßnahmen, die der SS schaden und den Häftlingen nützen.

Phase 2 – Entfesselung des Zweiten Weltkrieges

Mit dem Überfall auf Polen begann die Terrorisierung und Vernichtung ganzer Völker sowie ihre massenhafte Verschleppung in den jeweils okkupierten Ländern. Mit Kriegsbeginn im September 1939 wurden „Wehrunwürdige” – des Hoch- und Landesverrats angeklagte Antifaschisten – ins Lager eingewiesen, unter ihnen viele Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter, die schon in anderen Konzentrationslagern oder in Gefängnissen inhaftiert waren. Von nun an werden die deutschen Häftlinge in der Minderheit sein gegenüber den Leidensgenossen der okkupierten Länder. Es beginnt die zunehmende Internationalisierung des KZ Buchenwald. Ende Juni 1939 gab es rund 5.500 Häftlinge im Lager und ihre Zahl wird bis Ende des Jahres auf 11.800 ansteigen.

Am 15. und 16. Oktober 1939 wurden 2.098 Polen unter unbeschreiblichen Grausamkeiten vom Bahnhof Weimar unter den Augen der Bevölkerung auf den Ettersberg hochgetrieben. Für sie wurde innerhalb des Hauptlagers ein Sonderlager eingerichtet, bestehend aus einer doppelten Stacheldrahtumzäunung auf einer Fläche von vielleicht 100 mal 200 Metern. Die polnischen Häftlinge waren in vier Zelten untergebracht, in denen sie den Winter durch bis zum bitteren Ende im Frühjahr 1940 hausen mussten. Im südöstlichen Teil befand sich ein besonderer Käfig, bestehend aus Brettern und Stacheldrahtgeflecht, wo über 100 polnische „Heckenschützen” auf dem blanken Boden und ohne ein Dach über dem Kopf untergebracht waren. Da sanitäre Einrichtungen fehlten, roch es bald nach Kot und Exkrementen. Zur Verhöhnung der Opfer nannte die SS diesen Ort „Rosengarten”.

In diesem Zusammenhang geschah etwas derart Groteskes, dass ein Außenstehender es nicht für möglich halten würde: die geheiligte Ordnung war insofern ins Wanken geraten, als die Polen nicht ordnungsgemäß registriert worden waren, die Toten nicht unter ihrem Namen eingeäschert, die Asche nicht in Urnen gefüllt und eine ordentliche Akte nicht ordnungsgemäß abgeschlossen werden konnte. Es wurden daher zwei Häftlingsschreiber aus dem Krankenbau zur ordnungsgemäßen „Erfassung” abgestellt, die einiges über den Leidensweg der Polen in Erfahrung bringen konnten.

Alle diese Menschen waren am Arbeitsplatz, unterwegs oder sonst wo von der Wehrmacht überrollt worden. Auf dem Weg nach hause gerieten sie in das System der Wehrmachtsstreifen und wurden – als „Heckenschützen” verdächtigt – festgenommen. Nachdem Untersuchungen der Wehrmacht keine Handhabe für eine kriegsgerichtliche Aburteilung ergaben, übergab sie die bedauernswerten Menschen an die SS zur weiteren „Behandlung”.

Die Häftlingsschreiber konnten außerdem den Lagerarzt von der Gefahr einer Seuche derart überzeugen, dass schließlich die Auflösung des Sonderlagers beschlossen wurde. Die Ruhr-Epidemie war aber nicht mehr zu verhindern und von den polnischen „Heckenschützen” ist nur noch zu berichten, dass sie – bis auf zwei – zusammen mit dem größten Teil der anfangs erwähnten Polen elendig umkamen.

Zudem übertrugen sich die unglaublich schlechten Verhältnisse des Sonderlagers auf das gesamte KZ Buchenwald mit der Folge, dass die Zahl der Häftlinge hauptsächlich vom Oktober 1939 zum Mai 1940 von 12.841 auf 7.986 sank.

Mit den verschleppten Polen kamen auch als Geiseln festgenommene Menschen aus der tschechischen Republik (756 Mann zum Teil aus dem KZ Dachau), im Gefolge des Westfeldzuges die ersten Holländer (216 im Juni 1940 und weitere 111 im Oktober 1940) sowie erste französische Häftlinge.

Bis auf wenige Ausnahmen war die Verdrängung der Berufsverbrecher und Schläger aus den wichtigsten Häftlingsfunktionen gelungen – auch in den Außenlagern und -kommandos. So konnte eine immer besser funktionierende Unterstützung der nicht-deutschen Häftlinge organisiert werden. Anfangs brachten vor allem diejenigen den Willen zur Selbstbehauptung und Solidarität mit, die eine klare antifaschistische Haltung auch schon außerhalb des Stacheldrahtes eingenommen hatten. Nun kamen die gefangenen Soldaten und Widerstandskämpfer aus der Tschechoslowakei, Polen, Frankreich und den anderen europäischen Völkern dazu. So bildeten sich zunächst lose Gruppen, die zusammenhielten. Unter dem Einfluss der Bewußtesten und Erfahrensten wurden daraus feste Zusammenschlüsse. Und schließlich, nach Jahren und einem Kampf, der Todesopfer gekostet hatte – von den Begründern der illegalen Organisation waren die meisten nicht mehr am Leben, entstand das umfassende illegale Lagerkomitee.

Phase 3 – Überfall auf die Sowjetunion und die Anti-Hitler-Koalition

Mit dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 verändert sich der gesamte Verlauf des Zweiten Weltkrieges entscheidend.

Am 5. Dezember 1941 war der Vormarsch der faschistischen Wehrmacht vor Moskau gestoppt worden. Um die gewaltigen Menschen- und Materialverluste auszugleichen und die Voraussetzungen für eine erneute Offensive zu schaffen, mussten alle verfügbaren Mittel für die Mobilmachung und die Ausweitung der Rüstungsproduktion eingesetzt werden.

Im März 1942 begann der Einsatz von Häftlingen in der Rüstungsindustrie. Die Beschaffung der erforderlichen Arbeitskräfte erfolgte auf der Grundlage rücksichtslos verstärkter Massendeportationen und führte zu einem sprunghaften Anstieg der Häftlingszahlen. Neben diesem verschärften Programm der „Vernichtung durch Arbeit” wird auf der sog. Wannsee-Konferenz mit der „Endlösung der Judenfrage” die endgültige Vernichtung aller Juden beschlossen.

Mit dem Fortschreiten der faschistischen Kriegs- und Okkupationspolitik durchlitten Menschen aus über 30 Nationen die Hölle von Buchenwald. Die Gesamtzahl der Lagerinsassen umfasste Ende Juni 1941 6.807 Häftlinge, stieg von 8.000 (Juni 42) über 15.600 (Juni 43) bis auf 80.430 (März 45) einschl. der Außenkommandos. Am 12. April 1945 – einen Tag nach der Selbstbefreiung – waren es im Stammlager noch 21.000 Überlebende.

Mit dem Überfall auf die Sowjetunion bildeten die größte Gruppe die „Russen”, Häftlinge aus allen Sowjetrepubliken vom Baltikum bis nach Sibirien. Die ersten Transporte kamen bereits Ende 1941. Bis Mitte 1942 waren mehrere tausend sowjetische Häftlinge, die in eigens abgezäunten Blöcken, dem sog. „Kriegsgefangenen Lager” untergebracht waren, bevor ein großer Teil von ihnen nach Sachsenhausen weiterdeportiert wurde. Im Herbst 1944 betrug ihre Zahl annähernd 24.000 Menschen.

Mitte 1942 waren fast 18.000 polnische Häftlinge, darunter auch Zivilarbeitskräfte und 6.500 Polinnen, die in den Außenkommandos arbeiten mussten, sowie 13.500 Franzosen registriert. Die Zahl der Franzosen sollte im Laufe der Jahre 1943/44 enorm ansteigen, da der Widerstandskampf immer breitere Bevölkerungsschichten erfasste und Gestapo und SD mit großer Härte gegen alle Kämpfer der Résistance vorging.

In der SS-Statistik wurden „jüdischen Häftlinge” separat erfasst. In dieser bis Ende 1941 auf 10.800 Menschen angewachsenen Gruppe stammten die meisten aus Polen und Ungarn.

Außerdem waren zu diesem Zeitpunkt 7.000 „Reichsdeutsche”, 5.000 Tschechen und 3.900 Angehörige der verschiedenen jugoslawischen Völker im Lager. Es gab auch Mohammedaner aus Bosnien und aus den jugoslawischen Randgebieten an der Grenze Albaniens. Die anderen Nationalitäten wie Belgier, Niederländer, Dänen und Norweger waren mit deutlich kleinerer Zahl vertreten.

Nach dem Ausscheren Italiens aus der faschistischen Allianz kamen Ende 1943 die ersten Italiener als Militärinternierte ins Lager. Im Herbst 1944 folgten noch einmal knapp 1.300 Kämpfer der Resistenza. Auch mehrere hundert Widerstandskämpfer aus Belgien und den Niederlanden wurden im Frühjahr 1944 aus den Durchgangslagern Amersfoort und Breendonk nach Buchenwald deportiert. Um den Widerstand in Dänemark zu brechen, verhafteten deutsche Truppen im Herbst 1944 dänische Polizisten, von denen 2.000 über Neuengamme nach Buchenwald kamen.

Die voranstehenden Zahlen belegen in ihrer ständigen Ausdehnung des Terrors auch das immer näher rückende Ende des faschistischen Schreckensregimes. Militärisch kündigte die Niederlage in Stalingrad die Wende an. Für Buchenwald begann mit dem Zustrom von Häftlingen aus allen besetzten Ländern ein neuer Abschnitt.

Im Sommer 1942 wuchsen die Außenkommandos in Zahl und Umfang, insgesamt auf 136. Zu diesem Zeitpunkt wurden das Internationale Lagerkomitee und die verschiedenen Nationalen Komitees gegründet. Das Internationale Lagerkomitee (ILK) leitete und koordinierte den Kampf gegen SS-Terror und Kriegsproduktion. Es organisierte die gegenseitige Unterstützung aller im Lager vertretenen Nationen. Entsprechend wurden die Ziele der Widerstandsarbeit neu festgelegt:

- Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln das Leben der Antifaschisten erhalten.

- Die bewussten antifaschistischen Kämpfer, alle ehrlichen, kampfbereiten Kräfte zusammenschließen.

- Alle Kräfte, alle einzelnen Organisationen auf das Kampfziel ausrichten.

- Systematische und planmäßige Störung der Kriegsproduktion.

- Die bewaffnete Auseinandersetzung mit der SS vorbereiten.

Um das Internationale Lagerkomitee schließen sich alle zusammen, die bereit sind, selbst auf die Gefahr des Todes hin den Faschismus mit allen Mitteln zu bekämpfen; die gewillt sind, gegenseitige Unterstützung und organisierten Kampf gegen die SS und deren Helfer zu leisten; die entschlossen sind, für die Beendigung des Krieges, Sturz der faschistischen Diktatur und für Demokratie und sozialen Fortschritt und Frieden einzutreten.

Arbeitssklaven für die Rüstungsindustrie

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die SS Häftlinge als billige Hilfskräfte für Bauarbeiten und ortsansässige Baufirmen in Weimar und Umgebung eingesetzt, jedoch aus der begründeten Furcht vor Sabotage keine KZ-Häftlinge in Rüstungsbetrieben beschäftigt. Dies änderte sich nun grundlegend. Mit dem Aufbau der Deutschen Ausrüstungswerke (DAW), der Gustloff-Werke II Buchenwald und Gustloff-Werke I Weimar sowie des SS-Divisionsnachschubs wurden Tausende Häftlinge in Rüstungsbetrieben ausgebeutet. Die in die wachsenden Außenkommandos geschickten Häftlinge leisteten Zwangsarbeit in Rüstungsbetrieben von Konzernen wie Flick, Krupp, Stinnes, IG Farben und weitere über 100 Großbetriebe.

Im Oktober 1944 wurde das Außenkommando „Dora” dann zum selbständigen Konzentrationslager „Mittelbau-Dora” mit 32.532 Häftlingen und 23 Außenlagern. Das Lager war integrierter Bestandteil der Mittelwerke GmbH und wurde ausschließlich für den Einsatz von Häftlingen in der Produktion der sog. „Vergeltungs”waffen V 1 / V 2 ausgebaut.

Wenn unter den Bedingungen der mörderischen Ausbeutung und des Terrors Antifaschisten vieler Nationen Methoden zur Störung der Rüstungsproduktion in den Gustloff-Werken und im KZ „Mittelbau-Dora” entwickelten und anwandten, war das sowohl Ausdruck der Kampfbereitschaft und des Lebenswillens als auch unmittelbarer persönlicher Beitrag zur Beendigung des Krieges und zum Sturz des Faschismus. Die Widerstandshandlungen hatten demzufolge eine moralische und zugleich eine materielle Seite.

Die kämpfenden Antifaschisten zweifelten keinen Augenblick am kommenden Untergang des Faschismus und wollten auch dazu ihren Teil beitragen. Hierzu wurde 1943 die Internationale Militärorganisation (IMO) gegründet. Sie sollte besonders zuverlässige und militärisch verwendbare Häftlinge auf den Tag der Befreiung des Lagers und den Kampf mit der in der Nähe von Weimar stationierten SS-Garnison vorbereiten.

Wie in anderen Konzentrationslagern setzte die SS auch in Buchenwald eine Häftlingspolizei ein, die für die Durchsetzung ihrer Ordnung im Lager sorgen sollte. In manchen Lagern bestand dieser „Häftlingslagerschutz” aus kriminellen Totschlägern und willigen Handlangern der SS. In Buchenwald wurde der Lagerschutz dagegen zu einer Tarnorganisation der IMO. Zuerst setzte er sich aus 20 deutschen politischen Häftlingen zusammen. Ab 1944 betrug die Zahl 100 und war international besetzt.

Die IMO brauchte Waffen. Die wichtigsten Quellen für deren Beschaffung waren die Gewehr- und Pistolenproduktion der Gustloff-Werke, der Bahnhof Buchenwald, die Waffenmeistereien und Waffenkammern der SS selbst und die SS-Truppengaragen.

Die umfangreichsten Aktionen wurden über die laufende Produktion der Gustloff-Werke abgewickelt. Die als unbrauchbar befundenen Karabiner wurden gesondert gelagert und per Lkw in die Herstellerwerke zurücktransportiert. Dabei konnte dank laxer Kontrollen ein Teil dieser Waffen „abgezweigt” werden. Mit einem der Abnahmekommission des Oberkommandos der Wehrmacht entwendeten Prüfstempel wurden aus den unbrauchbaren Karabinern für den Fronteinsatz „brauchbare”. Dadurch wurde es möglich, aus dem Bestand der für die Front bestimmten geprüften Waffen eine Anzahl beiseite zu schaffen und mit der gleichen Anzahl unbrauchbarer Waffen auszutauschen.

Die so organisierten Waffen wurden in besonders gekennzeichneten Ausschuss-Kisten gelagert für den kommenden Tag der Befreiung. Zweifellos eine äußerst riskante Aktion – auf Rüstungssabotage stand der Tod, der schon im bloßen Verdachtsfall vollstreckt werden konnte –, aber eine im doppelten Sinne wirkungsvolle Vorgehensweise: illegale Waffenbeschaffung kombiniert mit Rüstungssabotage.

Die Barbarei der faschistischen „Elite” und der Kampf um Demokratie und Freiheit

Weder Imperialismus noch Militarismus, weder Rassismus noch Antisemitismus sind eine Erfindung Hitlers. Sie spielten bereits bei der Vorbereitung des Ersten Weltkriegs in Deutschland eine bestimmende Rolle. Die deutschen Monopolherren wollten beim zweiten Versuch, die Welt neu aufzuteilen, von Anfang an einen der vordersten Plätze einnehmen. Hierzu brauchten sie Ruhe an der „Heimatfront”, um die Fronten gegen ihre imperialistischen Konkurrenten und den gemeinsamen Hauptfeind, die Sowjetunion, aufrichten und schließlich losschlagen zu können. Um gleichzeitig aus der ökonomischen Krise und der daraus resultierenden Krise der bürgerlich-demokratischen Herrschaft herauszukommen, musste die eigene Macht auf eine andere bisher nicht dagewesene Weise abgesichert und erhalten werden.

Neben der militärischen Aufrüstung ist eine wichtige Voraussetzung für die kriegerische Fortsetzung der Expansionspolitik, von Klassenunterschieden, Ausbeutung und Elend im eigenen Land abzulenken, die organisierte Arbeiterbewegung zu zerschlagen und Formen direkter von keinerlei Demokratismus verhüllter Gewalt zu etablieren.

Die ökonomische und moralische Zersetzung der Mittelschichten nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg brachte die entsprechenden revanchistischen und chauvinistischen Parteien und „Bewegungen” hervor. Die demagogisch als Arbeiterpartei deklarierte Nazibewegung Hitlers versprach den größten Erfolg, parlamentarische Mehrheiten für den Faschismus zumindest zeitweise herzustellen um dann formaldemokratisch „legitimiert” ein umfassendes Terrorsystem aufzubauen.

Die Wehrmacht und ihre halbfeudale Generalität waren entscheidende Stützen für die Fortsetzung der Expansionspolitik mit kriegerischen Mitteln. Die SS war nach der Ausschaltung der SA – neben der Gestapo – die wichtigste Institution für den ständigen Bürgerkrieg nach innen, in dem die Konzentrationslager als Dauereinrichtung vorgesehen waren. Sie musste für ihre Aufgaben entsprechend ausgebildet werden. Zwar entwickelten sich Faulheit und Korruption geradezu automatisch in der Isoliertheit der Konzentrationslager, für die Aufrechterhaltung der Gewaltherrschaft der Monopole war die Bereitschaft zu äußerster Brutalität notwendig und konnte nur durch ständigen Drill und Rassenhetze aufrecht erhalten werden.

Um dem jedes Vierteljahr anstehenden Einsatz an einer der immer zahlreicher werdenden Fronten zu entgehen, waren viele SSler bemüht, sich durch besondere Brutalität „unentbehrlich” zu machen. Opportunismus, Willkür und Sadismus bis hin zum Verlust jedes menschlichen Gefühls wurden normale Erscheinungen innerhalb der gesamten SS.

Hitler und seine Parteigefolgschaft waren stets bemüht, sich als Nachfolger und Bewahrer des „deutschen Erbes” in Politik, Wissenschaft und Kultur auszugeben. Geradezu ein Symbol für die Unvereinbarkeit dieser Phrasen mit der politischen Praxis der Nazis ist die Tatsache, dass die SS in einer ihrer vielen KZ-Werkstätten Goethes Faust in Menschenhaut binden ließ.

Ähnliche Vorlieben entwickelte in Buchenwald auch Ilse Koch, Frau des SS-Standartenführers und Lagerleiters Karl Koch. Anfangs ließ sie die in den Werkstätten beschäftigten Häftlinge aus der Haut von gestorbenen tätowierten Gefangenen Gebrauchsgegenstände aller Art herstellen, auch Lampenschirme. Der Leiter der Pathologie, Dr. Müller, verehrte dem Lagerkommandanten Koch eine Lampe als Geburtstagsgeschenk, die neben dem besagten Lampenschirm auch aus einem skelettierten Häftlingsfuß bestand. Neben dieser Lampe wurden in Kochs Villa auch Schrumpfköpfe und andere Totenschädel vorgefunden. Da die „natürlichen Abgänge” der Kommandeuse bald nicht mehr genügten, ging auf ihr Betreiben hin die SS zum zwangsweisen Totspritzen der Tätowierten über.

Koch war ursprünglich ein kleiner Angestellter und seine Frau Sekretärin. Die uneingeschränkte Machtfülle machte aus beiden nicht nur Sadisten, sondern auch Betrüger und Plünderer, die sich für ihre Verhältnisse übermäßig bereicherten. Es war ihrer Willkür überlassen, wann und wo sie die „Disziplinar- und Strafordnung” des KZs seitens der Häftlinge überschritten sahen oder nicht.

Für die Häftlinge war also nicht klar erkennbar, was die SS als Grenzen des Tolerierbaren ansah. Es konnten Verstöße gegen das Ausgangsverbot (Aufenthalt auf dem Lagergelände), Verstöße gegen das geregelte Rauchverbot oder das vergessene Grüßen eines SS-Mannes sein. Hinzu kamen viele rein aus Schikane und Launenhaftigkeit verhängte Einzelstrafen und allgemeine Sanktionen. Die verhängten Strafen reichten von der Prügelstrafe, Essensentzug, Strafkompanie mit mörderischen Arbeitsbedingungen bis hin zum „Bunker” – ständig abgedunkelte Arrestzellen, in denen die Häftlinge bis zur Bewusstlosigkeit blutig geprügelt wurden, meist bis zum Eintritt des Todes – und der öffentlich im Lager vollstreckten Hinrichtung.

War schon die Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener in Deutschland allen Bestimmungen der Genfer Konvention hohnsprechend, überschritt die Behandlung der in großen Massen nicht nur in Buchenwald eingelieferten Kriegsgefangenen alle bisher vorstellbaren Formen der Barbarei. Der Gipfelpunkt war der tausendfache wohlvorbereitete und kaltblütige Mord an den sowjetischen kriegsgefangenen Offizieren in Buchenwald, die unter Verdacht standen, sog. Politkommissare der Roten Armee zu sein. Gemäß dem Hitlerschen „Kommissar-Befehl” wurden diese politisch bewußtesten und tapfersten Angehörigen der Roten Armee von der Wehrmacht an Ort und Stelle hingerichtet. Wenn dem Betreffenden seine politische Funktion nicht unmittelbar nachgewiesen werden konnte, richtete die Wehrmacht „Verdächtige” – ähnlich wie bei den „Heckenschützen” bereits beschrieben – nicht selbst, sondern lieferte sie dem Terror der SS aus.

Im Oktober 1941 wurde mit ihrer systematischen Ausrottung im Lager begonnen. In einem früheren Pferdestall wurde eine raffiniert getarnte regelrechte Mordfabrik eingerichtet, in der mittels einer als Einrichtung zum Messen der Körpergröße getarnten Genickschussanlage bei lauter Radiomusik die Gefangenen durch einen Schlitz füsiliert wurden. Bei der Vernehmung im Buchenwald-Prozess in Dachau 1947 gab der ehemalige SS-Oberscharführer Dietrich eine versuchsweise Erschießung von acht Häftlingen zu. Weitere Zeugenaussagen belegten die Gesamtzahl von mindestens 8.475 ermordeten sowjetischen Soldaten.

Das bedeutet rechnerisch die durchgehende tägliche Exekution von acht Menschen über einen Zeitraum von 1.060 Tagen. Das belegt die Erziehung zur besonders heimtückischen und feigen Mordbrennerei der SS über ein System der „Atomisierung” der Verantwortung des Einzelnen innerhalb des gesamten Terrorsystems gegenüber Menschen aus den verschiedenen Sowjetrepubliken, die – selbst wenn sie der unmittelbaren Gewalt der SS ausgesetzt waren – nicht von ihrer Überzeugung abrücken wollten.

In ihrer Menschenverachtung und ihrer rassistischen Arroganz standen die Zwangsarbeit anfordernden Firmenleitungen der Großindustrie den Herrenmenschen der SS in keiner Weise nach mit einer Ausnahme: sie legten selbst nicht Hand an ihre Opfer.

Die Tatsache, dass alle Großkonzerne und sämtliche hauptsächlich für die Zulieferung zur Rüstungsproduktion einbezogenen mittleren und kleinen Firmen Zwangsarbeiter anforderten, widerlegt das Märchen, das Naziregime hätte den Betrieben aus Geldgier diese Möglichkeit angedient und man hätte sich dem nicht entziehen können ohne selbst ins Visier des Terrorregimes zu geraten. Vielmehr war es umgekehrt – das Ausmaß der angeforderten Zwangsarbeit und die dabei herrschenden Arbeitsbedingungen besonders in den Jahren 1944/45 kennzeichnete das Requirierungs- und Vernichtungssystem der Nazis als „Zulieferer” von billigen und völlig rechtlosen Arbeitssklaven und somit als Bestandteil eines vom Kapital gewollten und eifrig genutzten Terrorsystems.

In den letzten beiden Kriegsjahren wurde Buchenwald verstärkt zum Durchgangslager für Arbeitssklaven in den Außenkommandos, unter denen sich immer mehr polnische, russische und jüdische Frauen befanden. In den Werken der chemischen Industrie wurden ausschließlich Jüdinnen eingesetzt. Die zum Dynamit-Nobel-Konzern gehörenden Zweigwerke der Verwertchemie in Hessen (Allendorf und Hessisch-Lichtenau) beschäftigten mehr als 2.000. Der zerstörerischen Folgen des täglichen Umgangs mit giftigen Nitraten bewusst, hatte der auf Koch folgende Buchenwalder Lagerkommandant Pister in Auschwitz speziell für diese Firmen besonders kräftige weibliche Häftlinge angefordert.

In Allendorf wurden sie zum Verfüllen von Granaten und Bomben mit flüssigem Sprengstoffgemisch eingesetzt. Die dabei aufsteigenden giftigen Dämpfe färbten Haare, Haut, Nägel und sogar die Kleidung gelblich. Da Schutzmasken nicht zur Verfügung gestellt wurden, kam es zur Blockierung der Atemwege und zu Erstickungsanfällen. Aus Hessisch-Lichtenau überstellte die SS-Lagerführung allein im Oktober 1944 – nach nur zweimonatigem Einsatz – 206 Häftlingsfrauen als „arbeitsunfähig” nach Auschwitz ins Gas.

Die Selbstbefreiung des Konzentrationslagers Buchenwald

„Kein Häftling darf den Alliierten lebendig in die Hände fallen” lautete der Befehl des obersten SS-Führers Heinrich Himmler. Aus Konzentrationslagern wie z. B. Auschwitz war dem ILK bekannt, dass die Faschisten bei Anrücken der Armeen der Anti-Hitler-Koalition versuchen würden, keine Spuren der Verbrechen der Konzentrationslager zu hinterlassen. Die Häftlinge wurden „evakuiert”, was den sicheren Tod bedeuten würde und es wurde versucht die Lager zu beseitigen. Am 4. April 1945 wurde über den Buchenwalder Lagerlautsprecher ausgerufen „Alle Juden auf dem Appellplatz antreten”. Das konnte nur bedeuten: Evakuierung, Todesmarsch und Genickschuss für jeden, der nicht mehr weiter konnte. Da die amerikanischen Truppen zu dieser Zeit bereits bei Erfurt standen, die SS unruhig wurde und Angst hatte, lautete die Parole: Zeit gewinnen! Während die Drohungen des SS-Rapportführers über den Lautsprecher immer brutaler wurden, fiel die Entscheidung: Wir liefern die Juden nicht der SS ans Messer, sie treten nicht an!

Der Lagerälteste Hans Eiden nahm den Gang zu SS auf sich. „Die Juden haben Angst”, sagte er dem Lagerführer, „ich schlage vor, wir (!) warten bis morgen früh, dann treiben wir (!) mit dem Lagerschutz die Juden zu Tor”. Von Erfurt her war schon Kanonendonner zu hören – sonst wäre die SS nie auf einen solchen Vorschlag eingegangen. Die Faschisten rechneten sich wohl aus, dass es von Vorteil sein würde sagen zu können, die Häftlinge hätten doch selbst die Juden zur Evakuierung getrieben. Der SS-Lagerführer stimmte zu – so war ein Tag gewonnen.

Am nächsten Tag begann der Lagerschutz die Suche nach den jüdischen Mithäftlingen, konnte aber keine finden. Zum einen, da sie keine finden wollten. Zum anderen, weil die ILK-Mitglieder und die Blockältesten in der Zwischenzeit die Karteikarten der jüdischen Häftlinge vernichtet hatten und sie die Judensterne von der Häftlingskleidung abtrennen ließen. Zwar wurden in den nächsten Tagen Häftlinge evakuiert, jedoch befanden sich am 11. April 1945 noch 21.000 Häftlinge im Lager – ein großer Erfolg der Verzögerungstaktik des ILK.

Am Morgen des 1. April 1945 kündigte der immer näher rückende Kampfeslärm die bevorstehende Ankunft der III. amerikanischen Armee an. Während die Lagerleitung ihre am Vortag mit den Häftlingswertsachen vollgestopften Fluchtfahrzeuge bestieg und verschwand, zog sich die SS aus dem Lager selbst zurück – Türme und Zugänge blieben jedoch weiterhin besetzt. Währenddessen lagen die bewaffneten Stoßtrupps der IMO in ihren Verstecken bereit, um im richtigen Moment zuschlagen zu können. Als seitens der außerhalb des Lagers kasernierten SS keine Aktionen erfolgten und die ersten amerikanischen Panzerspitzen mit dem Fernglas erkennbar waren, stießen die Kampfgruppen gegen die Türme und die gesamte Lagerumzäunung vor. Die SS leistete dem schnell und gut organisierten Vorstoß nur geringen Widerstand. Mit den erbeuteten Waffen wurden weitere Militärkader ausgerüstet, die einen bis zu 3 km weit ins Umland reichenden Sicherheitsgürtel um das Lager legten. Im Laufe des Nachmittags schickte der Lagerälteste Hans Eiden einen ersten Aufruf durch das Mikrophon: „Kameraden, die Faschisten sind geflohen. Das Internationale Lagerkomitee hat die Macht übernommen. Wir fordern Euch auf, Ruhe und Ordnung zu bewahren.” 21.000 Häftlinge des KZ Buchenwald sind frei, unter ihnen 3000 jüdische Menschen und 903 Kinder. Unter ihnen Hunderte, die seit 1933, und Tausende , die mehr als fünf Jahre in der Hölle von Buchenwald gefangen waren. Sie dürfen nicht mehr geschlagen werden, man darf sie nicht mehr treten und auspeitschen, man darf sie nicht mehr erschießen.

Die US-Armee traf erst am 13. April im befreiten Lager Buchenwald ein. Ein amerikanischer Leutnant, der im Lager erschienen war, sagte: „Ich begrüße Euch, beglückwünsche Euch zu Eurer Befreiung. Ihr habt mit Eurer Leistung unseren Kampf unterstützt und bildet einen starken Stützpunkt unserer gemeinsamen Sache: ich hoffe, dass Ihr bald nach Hause zurückkehren könnt.”

Der Schwur von Buchenwald

Am 19. April 1945 fand die Trauerkundgebung für die Toten von Buchenwald statt. 21.000 marschierten auf zum Gedächtnis von 60.000 Ermordeten. Unter den Klängen ihrer Nationalhymnen marschierten die Nationen auf – Vertreter der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR), Polen, Tschechen, Slowaken, Jugoslawen, Österreicher, Ungarn, Rumänen, Engländer, Deutsche; Franzosen, Italiener, Spanier, Belgier, Holländer und Luxemburger. Und unter den Klängen der Internationale die gemischten Blocks. Dann verlasen Mitglieder des Internationalen Komitees – jeder in seiner Sprache – den Aufruf, dessen wichtigste Passage lautete: „... Die Vernichtung des Nazismus ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.

Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig. Zum Zeichen eurer Bereitschaft für diesen Kampf erhebt die Hand zum Schwur und sprecht mir nach: Wir schwören!” 21.000 streckten die Hand zum Himmel und sprachen: „Wir Schwören!”

Nach der militärischen Niederlage des faschistischen Deutschlands am 8. Mai 1945 versuchten die politischen Antifaschisten entsprechend den Beschlüssen der Entschließung des Buchenwalder Volksfrontkomitees vom 19.4.1945, dem Manifest der demokratischen Sozialisten und der Delegiertenkonferenz der KPD vom 2.4.1945 ein neues sozialistisches Deutschland aufzubauen.

Allen drei Dokumenten liegt die gleiche historische Erfahrung zu Grunde. Sie wollten all drei

- die Vernichtung des Faschismus und Militarismus

- kein kapitalistisches Deutschland mehr, sondern ein freies, friedliches sozialistisches Deutschland

- nie wieder Faschismus und Krieg

- Festnahme und Verurteilung aller Kriegs- und Terrorverbrecher

- Beschlagnahmung des beweglichen und unbeweglichen Eigentums der Nazis

- Vergesellschaftung des Monopolkapitals als soziale Grundlage des Nazismus

- Sozialisierung der Wirtschaft

- eine einheitliche sozialistische Bewegung

- Gründung von antifaschistischen Massenorganisationen

- Einheitsgewerkschaften und Genossenschaften für Arbeiter, Bauern und Kleingewerbetreibende

In seiner Schrift Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus bezeichnet Lenin die Herrschaft der Monopolbourgeoisie als „Reaktion auf der ganzen Linie”. Es gibt wohl keine nüchternere und mehr zugespitzte Kennzeichnung dessen, was die rückständigsten Vertreter des deutschen Finanzkapitals in Form der Naziherrschaft Deutschland und der übrigen Welt als Dauerzustand aufzwingen wollten.

Entsprechend dieser Erkenntnis handelten die Bewusstesten der antifaschistischen Kämpfer in Buchenwald. Von den ersten Formen des an Selbstbehauptung orientierten Kampfes über die Nationen zusammenfassende Solidarität bis hin zur militärisch organisierten Selbstbefreiung Buchenwalds waren sie Beispiel und Vertreter einer Parteilichkeit, die die Niederlage von 1933 in einen Sieg verwandeln konnte.

Dazu gehört – damals wie heute – den Inhalt des Schwurs von Buchenwald nicht nur als Vermächtnis sondern als Verpflichtung aufzufassen. Ganz wie er von allen Vertretern der verschiedenen Nationen formuliert und verstanden worden war: beseitigt die sozialökonomische Grundlage, aus der heraus sich der Faschismus immer wieder entwi­ckeln kann – das monopolkapitalistische System.

Arbeitsgruppe Faschismus

Für den Artikel wurde folgendes Quellenmaterial verwendet:

W. I. Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, Dietz Verlag Berlin 1975.

Es gibt ein anderes Deutschland – Widerstand im KZ Buchenwald, Broschüre der Naturfreundejugend Göttingen 1998.

Carlebach/Schmidt/Schneider, Buchenwald – ein Konzentrationslager, Pahl-Rugenstein-Verlag Bonn 2000.

Altmann/Brüdigam/Mausbach-Bromberger/Oppenheimer, Der deutsche antifaschistische Widerstand 1933-1945, Röderberg-Verlag Frankfurt am Main 1975.

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