Biontech/Pfizer haben durch ihre Corona-Impfstoffe sogar innerhalb der kapitalistischen Finanzwelt unglaublich hohe Milliardengewinne in den letzten beiden Jahren gemacht (Biontech allein einen Nettogewinn von 9,4 Mrd. Euro)[1],2. Aber jetzt ist zusätzlich öffentlich geworden, dass die EU und damit auch die BRD sich von diesen beiden Pharmamonopolen haben um weitere Milliardenbeträge erpressen lassen. Der Grund: die EU hatte mehr Impfdosen geordert, als jetzt wirklich benötigt werden. Und der Deal der Geheimverhandlungen: Deutschland muss jetzt von den 92 Millionen Dosen nur noch die Hälfte abnehmen, die sie über mehrere Jahre verteilen kann. Die Zahlungsverpflichtung Deutschlands verringert sich dabei aber um nicht einmal 25%. Eine halbe Milliarde Euro kassiert dabei Biontech/Pfizer als „Stornogebühr“.[1] Der Konzern verhandelte unter der Maxime: Friss die Kröte oder zahle noch mehr! Während die Süddeutsche Zeitung diese offenkundige Erpressung als „anstößig“ und „unanständig“ geißelt, ist dies aber nur das normale Vorgehen der Pharmagiganten, die bei uns bestimmen, was für ihre patentgeschützten Produkte zu bezahlen ist. Sie sind niemandem rechenschaftspflichtig! Als Begründung für ihre „unanständigen“ Preise führen sie schon lange nicht mehr nur die hochgerechneten Forschungskosten an, sondern rechnen selbstlos vor, wie viele Millionen und Milliarden Euro die Krankenkassen und der Staat durch nicht mehr notwendige Krankenhausbehandlungen und weniger Krankentage eingespart hätten und die Menschheit durch weniger Todesfälle gewonnen hätte. Preisbestimmung durch die Monopole nach dem maximal durchsetzbaren Preis auf Grund eines imaginären volkswirtschaftlichen Nutzens! So hat Biontech/Pfizer für seinen Covid19-Impfstoff z.B. errechnet, es „seien weltweit vier Millionen Tote, sechs Millionen Behandlungen im Krankenhaus sowie ‘Krankenhausressourcen im Wert von 56 Milliarden Euro‘ eingespart worden.“[1]
Das fadenscheinige, jahrelange Argument der ach so hohen „Forschungskosten“, wurde gerade erst wieder von dem weitgehend pharmaunabhängigen „Arznei-Telegramm“[2] auf Grund von neuen Untersuchungen von NGOs in den Niederlanden entkräftet. Die Preisexplosion bei neuen patentgeschützten Arzneimitteln hat in den letzten 10 Jahren schwindelerregende Höhen erreicht und eine Packung ist im Durchschnitt 57-fach (!!!) teurer geworden. Daher wundert es nicht, dass die Pharmaindustrie ihre meisten Gewinne damit erzielt, obwohl sie nur 20% der verordneten Medikamente ausmachen. Viele der neuen innovativen Arzneimittel stammen nicht aus eigener Forschung sondern aus öffentlicher universitärer Forschung oder von Start-ups und anderen Firmen mit erfolgversprechenden Präparaten, die dann von den Pharmamonopolen aufgekauft werden. Tatsache ist, dass das Gros der Gewinne in Aktienrückkäufe, Dividenden, Vorstandsvergütungen und Werbung investiert werden und nicht in Forschung. Doch bisher gibt es keinerlei Bemühen von unserer Ampel-Gesundheitspolitik, für die Pharma-Monopole gesetzliche Vorgaben zu entwickeln, die wenigstens mehr Transparenz in deren Preiskalkulation ihrer Patentmedikamente bringen würde. Lieber werden schamhaft Geheimverhandlungen mit den Konzernen geführt, die vor keinem Parlament gerechtfertigt werden müssen. Alles vertragsgemäß „unanständig“ nach bürgerlichem Recht!
Der dänische Pharmagigant Novo Nordisk, der weltweit führend ist bei Medikamenten gegen Diabetes und damit Milliardenumsätze macht, hat das Medikament Semaglutid entwickelt und patentiert, das bisher in den USA und in der EU zur Behandlung von Diabetes (Ozempic) und gegen Adipositas (Wegovy) zugelassen ist.[3],4 Der Multimilliardär Elon Musk hat sich erst kürzlich öffentlich gebrüstet, dass er damit in kurzer Zeit 13 kg abgenommen hat. Es hat relativ wenig Nebenwirkungen und wirkt verkürzt gesagt einfach dadurch, dass das synthetische Hormon dem Körper signalisiert: ich bin satt! Seitdem kursiert das Medikament auf den sozialen Kanälen und sein breiter Einsatz wird nur durch den extrem hohen Preis und die noch bestehenden Lieferschwierigkeiten der Firma insbesondere in der EU derzeit stark begrenzt. Die Reichen in den USA können sich das teure Medikament schon jetzt leisten. Auch eine ZEIT-Redakteurin, die pikanterweise eine Koch-Kolumne in der Wochenzeitung betreibt, berichtete über einen Selbstversuch. Sie testete das Medikament, ohne dafür wirklich eine medizinische Indikation vorzuweisen, und betreibt Schleichwerbung damit, ein verschreibungspflichtiges Medikament ohne medizinische Indikation zum Abnehmen einzusetzen. Wie die meisten Fachleute prophezeien wird dieses Medikament ein „Gamechanger“ in der Behandlung der Adipositas werden. Die breitere Anwendung wird derzeit neben dem hohen Preis auch dadurch eingeschränkt, dass Semaglutid (Wegovy) einmal wöchentlich gespritzt werden muss. Doch die Firma arbeitet schon an einer Tablette! Wie damals beim Potenzmittel Viagra werden dann noch höhere Milliardengewinne möglich sein. Weltweit sind eine Milliarde Menschen stark übergewichtig und in Deutschland sind ca. die Hälfte der Erwachsenen übergewichtig. Dabei ist es ideal für die Pharmaindustrie, dass man das Medikament eigentlich lebenslang einnehmen muss, um einen Jo-Jo-Effekt nach dem Absetzen zu vermeiden. Es wird voraussichtlich eine neue Lifestyle-Droge werden unter Jugendlichen und Erwachsenen, die schlank sein wollen! Der Preis wird mit der Zeit von Novo Nordisk angepasst werden, denn die Masse sichert dann trotz Preissenkung weiterhin die Milliardenprofite.
Auf diese Weise bietet der Kapitalismus neue Scheinlösungen gegen ungesunde Lebensgewohnheiten, die erstens nicht nachhaltig sind, und zweitens der Gesundheit schaden. Natürlich ließe sich in den meisten Fällen das Übergewicht auch mit Änderung der Arbeits- und Lebensgewohnheiten, mehr Sport und gesundes Essen reduzieren. Dies ließe sich u. a. durch Änderung der Arbeitsbedingungen und insbesondere auch durch gesetzliche Auflagen für die Lebensmittelindustrie erreichen. Doch schon bei der Begrenzung des Zuckergehalts in Getränken und Nahrungsmitteln traut sich die EU kaum etwas gegen die mächtige Lebensmittelindustrie zu unternehmen. Neun weltweit agierende Konzerne bestimmen fast alles, was bei uns auf den Tisch kommt. Das sind Konzerne wie z.B. Nestle, CocaCola, Danone, Kellogs und Kraft/Heinz mit jeweils zig Milliarden Umsätzen. Bei soviel ökonomischer Macht und Einfluss über ein Heer von Lobbyisten zum Weiter-so-wie-bisher, kommt ein Medikament wie Semaglutid gerade recht! Die imperialistische Logik des Maximalprofits pervertiert ein eigentlich nützliches Medikament für Diabetiker und krankhafte Adipositas zur Massen- und Lifestyledroge. Anstelle die Lebens- und Arbeitsbedingungen ernsthaft zu verändern, werden Drogen eingeworfen, die weiterhin die Milliardengewinne der Pharma- oder Lebensmittelkonzerne garantieren, und unsere Regierung und die EU begleiten den Wahnwitz auch noch durch ihre Gesetze.
Robert Profan
dieser Artikel wurde als Vorabdruck in der UZ veröffentlicht
1 Süddeutsche Zeitung vom 27./28./29. und 30.05.2023; Hohes Storno für Corona-Impfstoff; Unanständiger Deal
2 Arznei-Telegramm 4/23; Sichern extrem hohe Arzneimittelpreise die Forschung?
3 Arznei-Telegramm 4/23; Novo Nordisk-unseriöse Vermarktung von GLP-1-Antagonisten bei Adipositas
4 Deutsches Ärzteblatt 12. Mai 2023; Semaglutid -Therapie missbraucht