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Für Dialektik in Organisationsfragen

Die Inflation aus marxistischer Sicht

Die hohen Preissteigerungen für viele Waren des täglichen Bedarfs sehen wir schon lange: Sie belasten uns, sie belasten die ganze Arbeiterklasse, sie sind das aktuelle ökonomische Thema. Welche Sicht sollten die Marxisten auf die krisenhaften Abläufe haben, wie sollten sie die Gegenwehr ansetzen? Hierbei soll es hier nicht um die Nachkommastelle der Inflationsrate gehen, die derzeit monatlich wie früher die Zahl der Erwerbslosen durch wichtigtuende Institute verkündet wird. Marxisten sollten zunächst immer mit der Analyse beginnen:

Inflation im Werk von Marx und Engels

Es mag erstaunen, dass sich in den Stichwortverzeichnissen zu Marx sich zum Begriff „Inflation“ fast nichts findet. In dem Verzeichnis zu den Marx-Engels-Werken vom Dietz-Verlag ist der Begriff gar nicht aufgeführt, in dem von Pahl-Rugenstein wird einmal auf einen kurzen Text von Marx verwiesen[1]. In diesem erklärt Marx direkt:

„Es gibt wohl keinen Punkt in der politischen Ökonomie, über den ein so weitverbreitetes Mißverständnis besteht, wie über den, daß man vermittels Expansion oder Kontraktion der Zirkulationsmittel Einfluß auf das gesamte Preisniveau habe, einen Einfluß, den nach allgemeiner Ansicht die Notenbanken ausüben. Die Meinung, daß die Banken den Geldumlauf unmäßig ausgedehnt und so ein inflationistisches Ansteigen der Preise erzeugt hätten, das schließlich durch einen Krach wieder gewaltsam rückgängig gemacht werde, ist eine nur zu billige Methode, jede Krise zu erklären, als daß man nicht begierig nach ihr griffe. Wohlgemerkt, die Frage ist nicht, ob Banken zur Entwicklung eines fiktiven Kreditsystems beitragen können, sondern ob es in ihrer Macht steht, den Betrag an Zirkulationsmitteln zu bestimmen, der in den Händen der Bevölkerung umläuft.“[2]

Marx weist also darauf hin, dass Inflation als falsche Krisenerklärung genommen wird. Inflation ist Krisenerscheinung, nicht Ursache. Aber der Unsinn, die Ursachen zu verdrehen, kommt bekannt vor. Wir werden darauf noch zurückkommen.

Geldentwertung ist der Marxsche Hauptbegriff

Während Inflation also allgemein und in gewisser Hinsicht neutral Preissteigerung bedeutet, benutzt Marx vorwiegend den Begriff der Geldentwertung. Dieser kommt öfter vor, ebenso wie die Depreziation (Wertminderung) des Geldes. Für Marx stehen somit nicht die Preise im Vordergrund, sondern der Wert des Geldes, wobei das Geld vereinfacht[3] der Gegenwert für den Wert der Waren ist, gegen die es eingetauscht wird. Es geht somit immer um ein Verhältnis: das Verhältnis, wieviel Ware bekommt der Arbeiter für seinen Lohn? Nur das bleibt am Ende relevant, die Zahl als Preisschild kann nur in diesem Verhältnis bewertet werden. Folglich: „Im 16. Jahrhundert hatte sich, wie man weiß, die Lage der AKaprbeiter sehr verschlechtert. Der Geldlohn stieg, aber nicht im Verhältnis zur Depreziation (Wertminderung, Abschreibung) des Geldes und dem entsprechenden Steigen der Warenpreise. Der Lohn fiel also in der Tat.[4]

Die Preissteigerung beschreibt Marx somit als Wertminderung des Geldes und entscheidend ist, dass die Löhne weniger steigen als die Preise, damit fällt der Lohn. Nach Marx sollten wir somit nicht einfach die Preisentwicklung betrachten, sondern immer die Lohnhöhe im Verhältnis zu den Preisen der Waren. Die Änderung der Löhne abzüglich der Preissteigerung ist als Reallohn definiert. Im Jahr 2022 war die Reallohnentwicklung für Viele besonders krass: Keine Lohnerhöhung bei rund 10 Prozent Preissteigerung ergibt 10 Prozent Reallohnverlust. Oder formuliert nach Marx: Der Lohn fiel um 10 Prozent!

Gewinnabsicherung

Die Kapitalisten, die uns die von uns benötigten Waren verkaufen, können die Preise nicht endlos steigern oder beliebig festsetzen. Nach Marx bildet der Preis auf Dauer gesehen den Wert der Ware ab, also die zur Herstellung der Ware erforderliche Arbeit (bzw. Arbeitszeit). Marx sagt, der Preis oszilliert um den Wert, also der Preis schwankt oder bewegt sich um den Wert. Das ist grundsätzlich und allgemein, es sind aber – auch über gewisse Zeiträume – Abweichungen möglich. Wenn nun die Kosten[5] der Kapitalisten für ihr Material, Einkauf, die nötige Energie usw. steigen, versuchen sie, dies durch Preiserhöhungen auszugleichen. Gelingt ihnen dies aufgrund fehlender Kaufkraft der Massen dauerhaft nicht, gehen sie unter (Schließung oder Pleite). Im Moment gelingt es ihnen in Deutschland zu großen Teilen noch, die meisten Arbeiter können den Grundbedarf noch bezahlen und sparen anderswo (z.B. Urlaub, Gastronomie, Markenprodukte). Somit gelingt es gerade dem großen Kapital, den Monopolen des Lebensmittelhandels, der Autoindustrie usw. ihre Gewinne zu sichern und teilweise noch zu erhöhen. Sie verkaufen die Waren momentan zum Teil über deren Wert. Die Preissteigerung wird zur Gewinnabsicherung, zur Verschiebung im ständigen Verteilungskampf zwischen Lohnarbeit und Kapital. Einige Monopole im Energiesektor oder der Logistik haben dabei sogar regelrechte Gewinnexplosionen realisiert[6]. Im Ergebnis erscheint der Profit in den entscheidenden Teilen des Kapitals unverändert, während die Arbeiterklasse weniger hat. Auf beiden Seiten kommen dabei die unteren Teile der jeweiligen Klasse unter die Räder: dort selbstständige Bäcker, Reinigungen oder Restaurantbesitzer, hier die Empfänger von Bürgergeld (bisher: „Hartz 4“) oder Arbeiter mit Mindestlohn.

Eine Frage im Zusammenhang

Die Frage des Lohnes (also nach Marx: der Wert der Arbeitskraft als Ware) ist eine Frage des Lohnarbeitsverhältnisses, des gesellschaftlichen Verhältnisses im Kapitalismus allgemein. Ein Teil der großen Frage der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Genauso wie der ständige Versuch den Lohn zu drücken, die Arbeit zu intensivieren (also in gleicher Zeit mehr aus der Arbeitskraft heraus zu pressen) oder die Arbeitszeit zu verlängern.

Insoweit ist für Marxisten die „Inflation“ eben eine unvollständige oder zweitrangige Größe, eine Folge oder Erscheinung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Entscheidend bleibt die Frage, wie groß jeweils der bezahlte und der unbezahlte Teil des Arbeitstages ist, auch wenn dies im Gegensatz zum Begriff „Inflation“ abstrakt erscheint.

Die Frage des unbezahlten Teils des Arbeitstages erweitert sich, auch gerade im Zuge der aktuellen Preisentwicklung. Dazu aus dem Manifest der kommunistischen Partei: „Ist die Ausbeutung des Arbeiters durch den Fabrikanten so weit beendigt, daß er seinen Arbeitslohn bar ausgezahlt erhält, so fallen die anderen Teile der Bourgeoisie über ihn her, der Hausbesitzer, der Krämer, der Pfandleiher usw.

Mal wieder ratlos: bürgerliche Erklärungen

Die bürgerliche Wissenschaft, die Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehre mit Angebotstheorie und Zinsstrukturkurve steht dabei wieder mal recht ratlos da. In der Krise werden die Erklärungen dünn, weil deutlicher wird, dass der angeblich so schön funktionierende Kapitalismus am Ende doch nur Chaos, Krieg und Anarchie heißt. So auch jetzt. Man sieht in Deutschland und herum die Ökonomie in der Lage der sogenannten Stagflation, eine Wortschöpfung aus Stagnation und Inflation. Diese Erscheinung ist eher selten und zuletzt im Westdeutschland der 1970er-Jahre aufgetreten. Auch die bürgerlichen Schreiberlinge geben zu, dass dies ihren üblichen Erklärungen eher widerspricht. Klassischerweise resultiert die Preissteigerung (Inflation) aus der so beschriebenen „Überhitzung“ nach einem Aufschwung, also einer Produktionsausweitung. Auf einem erhöhten Produktionsniveau, relativ hohen Konsumausgaben und auch durchgesetzten Lohnerhöhungen, stellt man die „Überhitzung“ unter Anderem durch erhöhte Preise fest. Marxistisch beschrieben ist das die Phase der Überproduktion[7], die dann in eine zyklische Krise übergeht. Nach klassisch bürgerlicher Lehre reagiert die Zentralbank nunmehr mit Zinserhöhungen, um sozusagen abzukühlen und dabei auch die Preissteigerung in die Richtung von vielleicht 2% jährlich zu drücken. Es zielt gleichzeitig auf die Kreditseite (Kreditvergabe soll durch höhere Zinsen gebremst werden) und die Anlegerseite (höhere Zinsen sollen zum Sparen animieren, Konsum wird ebenfalls gebremst). Klingt einfach, ist es aber nicht. Insbesondere wird die Einflussmöglichkeit der Zentralbanken überschätzt. Es handelt sich um einzelne Zinssätze für Ausleihungen der staatlichen Zentralbank (hier: Europäische Zentralbank) an die Banken und Sparkassen. Man versucht, mit quasi staatlichen Mitteln in den ansonsten durchweg nach privatkapitalistischen Gesetzen funktionierenden Zinsmarkt einzugreifen. Dabei ist auch dies sowieso nur eine indirekte und wenn überhaupt zeitversetzte Maßnahme, weil erst durch die erhöhten Zinskosten der Warenumlauf und dann die Preisentwicklung gebremst werden. Isabel Schnabel ist ein deutsches Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank und entscheidet bei den Zinsbeschlüssen mit. Aber auch sie gesteht ein: „Die Geldpolitik wirkt mit Zeitverzögerung, sodass man einen Großteil der Wirkungen erst später sieht. (...) der übliche Transmissionsmechanismus der Geldpolitik über den Bankensektor braucht länger, etwa ein bis zwei Jahre.[8]

Daneben heizen erhöhte Zinsen und damit erhöhte Kosten für geliehenes Kapital die Preissteigerung zu einem gewissen Grad ja erst noch an. Auch sind in den letzten Jahren die Zinsen immer weiter gefallen und waren jahrelang um die Null. Eine Preissteigerung war zeitgleich aber nicht zu beobachten. Der Erfolg von Zinsbeschlüssen der Zentralbank bei der Abwehr von Preissteigerungen ist also nicht bewiesen, wie auch schon das historische Marxzitat am Eingang dieses Artikels sagt. Zinspolitik der Zentralbank wirkt eher als Teil der Staatsillusion.

Vor allem ist es aber aktuell so, dass der Zustand der Hochkonjunktur der „Überhitzung“ bei starker Produktions- und Bautätigkeit gar nicht gegeben ist. Stattdessen ist eben Stagnation und gleichzeitig Inflation (= Stagflation), die nun mal im bürgerlichen Lehrbuch nicht so recht vorkommt. Und deshalb ist schon aus Sicht dieser eigenen bürgerlichen Lehre der Grundsatz „Zinserhöhung bekämpft Inflation“ umstritten.

Eine alte und besonders beliebte bürgerliche Legende ist auch die sogenannte „Lohn-Preis-Spirale“. Hier wird versucht, die Verantwortung („Schuld“) für die Preisentwicklung der Arbeiterklasse zuzuschieben. Weil die Arbeiter Lohnerhöhungen durchgesetzt haben, müssen die Kapitalisten „leider“ die Preise entsprechend erhöhen. Eine „Spirale“, die sich durch gegenseitiges Handeln nach oben dreht. Auffällig ist dabei zunächst, dass zwar ein Bild gezeichnet wird, wo zwei Seiten abwechselnd an der Spirale drehen, die Schuld an der negativen Entwicklung aber nur der Arbeiterklasse zugeschoben wird. Während den Kapitalisten keine andere Wahl bliebe als die Preise zu erhöhen, hätten die Arbeiter durch „maßvolle“ Lohnforderungen die Spirale angeblich verhindern können.

Vor allem verwischt dieses Bild jeglichen Inter­essengegensatz zwischen Lohnarbeit und Kapital. Der zu verteilende Kuchen ist angeblich vorgegeben. Und man sollte sich im gemeinsamen Interesse über eine „angemessene Teilung“ verständigen. Natürlich ohne Streik und zum Wohle Aller, sonst drohen schlimme Dinge wie die Konkurrenz aus China. Dass sich im Jahr 2021 die Kapitalseite durch Preiserhöhungen schon spürbare Zusatzgewinne eingesackt hat, bevor die Arbeiter überhaupt Lohnforderungen stellten, wird so gleichzeitig überdeckt.

Woher kommt die Inflation denn dann?

Die aktuelle, starke Preissteigerung ist eine Kombination verschiedener Faktoren. Während sich die Coronapandemie entschärfte, stieg die Nachfrage nach bestimmten Bauteilen und Energie unerwartet und sprunghaft, Versorgung und Verteilung vieler Waren spitzten sich krisenhaft zu. Dann wurde im Zuge des Wirtschaftskrieges gegen die Russische Föderation eine Mangellage bewusst in Kauf genommen. Neben diesen zwei Hauptaspekten bestehen umfangreiche und teils schon beschriebene Wechselwirkungen. Für die Energiemärkte bleibt zunächst festzuhalten, dass es sich vor allem bei Strom und Gas um relativ untypische Märkte handelt. Sie unterliegen vergleichsweise umfassenden Regelungen des Staates, die aus verschiedenen Interessenlagen resultieren[9]. Strom oder Gas kann man nicht (oder nur recht begrenzt) wie Öl über die Weltmeere transportieren und heute da und morgen hier einkaufen[10]. Dabei unterliegt die Energieversorgung sehr starken politischen Kämpfen.

In der Stromversorgung zeigte sich, dass die teuerste Produktionsform den Preis bestimmt[11]. Das ist Ausdruck davon, dass sich die Stromversorgung in Deutschland in einer Sackgasse befindet, es droht Mangel. Wenn die teuerste Produktionsmethode den Produktionspreis bestimmt, müssen auch die bürgerlichen Ökonomen zugeben, dass Angebot und Nachfrage nicht funktionieren. Die Nachfrage ist sehr hoch oder sogar an der Grenze, alle verfügbaren Mengen werden verkauft. Der Anbieter (Produzent) bestimmt den Preis!

Im Gasmarkt ist die weltweite Nachfrage in den letzten Jahren nochmals stark gestiegen. Als Folge des Wirtschaftskrieges gegen Russland wurde die Lieferung von relativ günstigem russischen Pipelinegas nach Deutschland eingestellt, was die Preise deutlich erhöht hat. Geradezu panikartig wurde unter Regie des Wirtschaftsministeriums alles Flüssiggas eingekauft, was irgendwie verfügbar war. Das trieb die Preise nach oben und ließ gleichzeitig ärmere Länder leer ausgehen, was dort neue Versorgungsprobleme auslöst. Wir sehen: Die Sanktionen sind Waffen und treiben verschiedene Preise mit verheerenden Auswirkungen für viele Völker in die Höhe.

Dabei verbleibt auf dem Gasmarkt eine beachtliche Preisdifferenz zwischen den USA, Europa und Asien. Nachdem sich das deutsche Kapital viele Jahre günstig über russisches Pipelinegas versorgte, profitiert momentan ganz eindeutig das US-Kapital. Dieses hat keine nennenswerten Probleme beim Gas- und Ölbezug, schon allein aufgrund hoher Reserven im eigenen Land und zahlt für Gas und andere Energie deutlich weniger[12]. Das deutsche Kapital hat so schon ein Problem, es besteht einerseits praktisch vollständige Abhängigkeit von Importen, andererseits ist der industrielle Anteil und damit der Gasverbrauch hierzulande weiter relativ hoch. Unser hiesiger Gegner, der deutsche Imperialismus, steht in gewisser Gefahr des ökonomischen Abstiegs. Das lässt seine Aggressivität ansteigen und das fordert uns heraus, denn wir dürfen niemals „unsere“ Imperialisten gegen ihre Konkurrenten aus den USA und anderswo verteidigen.

Ein weiterer Faktor der Preissprünge waren die Lieferprobleme und andere Störungen des Ablaufes, insbesondere nach dem Abflauen der Covid-Pandemie. Transportkapazitäten konnten nicht so schnell wieder aufgebaut werden, diese Kosten stiegen extrem[13]. Unerwartet starkes Anfahren der Produktion führte zu Lücken und Rückständen. Die teils geringe Produktion schuf Mangelsituationen und führte zu Preissteigerungen. Auch hier ist die aktuelle Inflation zumindest für imperialistische Länder untypisch, da sie gerade nicht auf Überproduktion beruht.

Schließlich bestehen auf breiter Front sogenannte Mitnahmeeffekte. Dies heißt: Kapitalisten, deren Kosten nicht oder nicht so stark gestiegen sind, erhöhen ihre Preise trotzdem. Denn niemand ist derzeit überrascht über Preiserhöhungen, Preiserhöhungen werden eher hingenommen. Auch dies macht aktuell einen Teil der Thematik aus.

Diese staatlichen Maßnahmen sind keine Lösung

Von Seiten der Bundesregierung sind mittlerweile viele Milliarden zur Abfederung der gestiegenen Energiekosten bereitgestellt worden[14]. Dabei handelt es sich einerseits um Beruhigungspillen. Der Staat greift ein und tut so als würde er seine Bürger vor unbezahlbaren Rechnungen, Kälte und Stromausfall schützen. Abgesehen davon, dass es dafür absolut nicht ausreicht, fördert dies nicht zuletzt die Staatsillusion. Der Staat als vermittelnde Instanz zwischen Kapital und Arbeit, als neu­traler Dritter, der uns hilft. Das trifft nicht zu, denn diese Maßnahmen helfen überwiegend der Kapitalseite. Sie sollen die Kapitalisten vor höheren Lohnforderungen schützen und deren Profite sichern.

Denn die Maßnahmen sind andererseits eine gigantische Umverteilung. Den Großteil der Steuern und Abgaben zahlt die Arbeiterklasse, aus Gewinnen kommt der kleinere Teil. Eine Preisbremse auf Strom und Gas bedeutet Geldzahlungen an die Haushalte und Betriebe, finanziert durch neue Kredite. Die Rückzahlung kommt. Und sie kommt größtenteils von der Arbeiterklasse (einschließlich Rentner und Hilfeempfänger). Die Bremse, Soforthilfe und das meiste Andere ist für uns keine Hilfe, wir nehmen nur Kredit auf. Wir bekommen Zahlungen, die wir später und indirekt (z.B. über Steuern) mit Zinsen wieder zurückzahlen müssen. Nebenbei mindern die Staatshilfen noch die statistische Inflationsrate, weil ja die Preise sinken, bzw. gedeckelt werden. Die Preisbremse wird in die Inflationsrate eingerechnet, auch wenn sie auf Pump erfolgt.

Die Hilfe für das Kapital wird besonders deutlich bei der Inflationsprämie. Unsere Ausbeuter können hierbei bis zu 3.000 Euro an jeden von uns auszahlen, steuer- und sozialversicherungsbeitragsfrei. In den Tarifvereinbarungen der Metall- und Chemieindustrie wurde dies beispielsweise schon aufgenommen. Statt einer regulären Erhöhung zahlt beispielsweise BMW an seine Tarifarbeiter so 3.000Euro. BMW spart etwa 20% Sozialversicherungsbeitrag darauf und die Kollegen vielleicht 40% Steuer und Sozialversicherung, der Nettobetrag ist damit doppelt so hoch wie bei normaler Lohnabrechnung. Das erscheint als sehr viel und erleichtert die Verhinderung von Streiks, verhindert den Kampf. Aber es bleibt ein fauler Trick, denn den Ausfall von Steuer und Sozialversicherungsbeitrag übernehmen wir gleich wieder bei der indirekten Kreditrückzahlung[15] oder der Erhöhung des Krankenversicherungszusatzbeitrages usw. . Die IG Metall feiert das Tarifergebnis mit Inflationsprämie als großen Erfolg und der Vorsitzende Hofmann hängt dran: „Parallel zur Tarifrunde übte die IG Metall erfolgreich Druck auf die Politik aus, damit die Bundesregierung spürbare Entlastungen für die Menschen auf den Weg bringt.[16]“ Und so folgt dem Artikel zum Tarifabschluss gleich eine Werbeseite für die Regierung, wo die ganzen auf Kredit finanzierten „Entlastungen“ wie Gaspreisbremse und Umsatzsteuersenkung als gewerkschaftlicher Erfolg verkauft werden.

So werden die Kollegen geblendet und abgelenkt, die Dinge verdreht und echte Gegenwehr findet nicht statt. Doch nur im Kampf kann die Arbeiterklasse wieder Vertrauen in die eigene Kraft gewinnen, kann zu der Macht werden, die die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse umstürzt und die Dinge in die eigene Hand nimmt. Erst dann kann Produktion und Verteilung zum Nutzen der ganzen Gesellschaft geplant und gesteuert werden. Dann ist auch die Geldentwertung (Inflation) Geschichte.

Rudolf Fürst

China braucht mehr Gas und das ist gut so!

Auch der industrielle und gesellschaftliche Aufstieg Chinas führt seit Längerem zu einem Anstieg des Gasverbrauches. So wie im Übrigen der Energieverbrauch (oder auch Energiegebrauch) auf der Welt stetig steigt[*]. China erhöht die Gasimporte auch deshalb deutlich, weil die Gasversorgung in den Haushalten vorangetrieben wird. Jährlich werden etwa 15 Millionen Haushalte an neue Gasnetze angeschlossen. In Deutschland gibt es insgesamt rund 20 Millionen Gasheizungen, der jährliche Zubau an Gasheizungen in der Volksrepublik China entspricht somit rund dreiviertel aller Gasheizungen in Deutschland.

Mit dem massiven Ausbau der Gasversorgung ist die Luftqualität in Chinas Städten deutlich verbessert worden. Jahrelang hat die bürgerliche Hetze die Luftbelastung und die gesundheitlichen Folgen unter Anderem durch offene Holz- oder Kohleöfen und Feuerstellen in chinesischen Haushalten verurteilt. Die offiziellen Aussagen in China betonen nunmehr, dass der Wechsel von Holz- oder Kohlefeuer zur Gasversorgung im Haushalt die Lebenserwartung um durchschnittlich zwei Jahre ansteigen lässt. Energiefragen sind Gesundheitsfragen! Vermutlich wird aber die Hetze unserer Gegner als nächstes losschlagen, dass auch China Schuld sei an den erhöhten Gaspreisen.

Nur zur Einordnung am Rande: Der Gasverbrauch weltweit hat sich in den letzten 30 Jahren verdoppelt, auch in Deutschland gab es einen Anstieg um 60% seit 1990.

* Vergleiche dazu auch Artikel in KAZ 370 „Warum Verzicht und Bescheidenheit kein Menschheitsproblem löst“ www.kaz-online.de/artikel/warum-verzicht-und-bescheidenheit-kein-menschheits

Probleme der statistischen Methode

Hinsichtlich der relevanten Daten können wir uns auch bei diesem Thema nur annähern. Wir haben heute keine eigenen, umfangreichen Erhebungen und sind folglich auf bürgerliche Daten angewiesen. Bei diesen ist teilweise unklar, in wessen Interesse sie erstellt wurden, wie umfangreich Daten erhoben wurden und wie mit den technisch-statistischen Problemen umgegangen wurde, die es bei jeder Statistik gibt. Beispiel: Wie messe ich die Lohnentwicklung? Ich kann die Ergebnisse von Tarifverhandlungen verarbeiten, aber viel Arbeitskraft wird ohne Tarifbindung verkauft, besonders im Osten. Wie fließt dann die Änderung des Mindestlohns ein?

Ein in den letzten Jahrzehnten angewachsener Teil der Arbeiterklasse sind Rentner. Sie arbeiten zwar immer häufiger noch nebenbei weiter, erhalten aber hauptsächlich Rente und keinen Lohn mehr. Hier ginge es also um die Frage, wie sich Renten und Preise jeweils gegeneinander entwickeln. Wobei die Rentenentwicklung wiederum zum erheblichen Teil aus der Veränderung der Löhne (bzw. der Renteneinzahlungen) resultiert und dabei sogar einen relativ guten Anhaltspunkt für die Beurteilung der Lohnentwicklung setzt.

Unabhängig vom bekanntem Lohnabstand zwischen Frauen und Männern („Gender-Gap“) ist die durchschnittliche Wochenarbeitszeit der Frauen in Westdeutschland in den letzten Jahren gestiegen. So ist nicht der Lohn gestiegen, aber die Anzahl der Lohnstunden und damit der Monatslohn. Die Familie kann sich mit dem höheren Monatseinkommen mehr leisten, obwohl der Lohn als Solches nicht gestiegen ist. Ähnlich wirkt die Reduzierung der Zahl der Erwerbslosen. Die Gesamt-Lohnsumme der gesamten Arbeiterklasse darf somit nicht durcheinander gebracht werden mit dem Preis der Arbeitskraft für eine Stunde (Stundenlohn).

Probleme stellen sich auch bei der Messung der Preise. Es werden dabei sogenannte Warenkörbe gebildet, also durchschnittliche Warenverbräuche in Haushalten. Dabei verbraucht ein Singlehaushalt natürlich anders als die fünfköpfige Familie. Arbeiter auf dem Land sind öfter Hauseigentümer, sie interessiert die Mietentwicklung weniger, der Spritpreis umso mehr. Für Arbeiter in Großstädten mit öffentlichem Verkehrsangebot ist es oft umgekehrt. Je weniger Lohn die Arbeiter zur Verfügung haben, desto wichtiger ist die Preisentwicklung des Grundbedarfes (Miete, Lebensmittel, Energie).

Wir sehen: Wir haben bei den Daten nur eine Annäherung an die Frage. Gleichzeitig ist es dennoch so, dass aus den vorliegenden, bürgerlichen Quellen die grundsätzlichen Tendenzen abgeleitet werden können.

1 MEW Band 12; Seite 544-548

2 ebenda

3 Vereinfacht deswegen, weil Marx teils recht ausführlich noch die heute praktisch unbedeutende Frage behandelt, inwieweit der Metallwert des Geldes Einfluss hat und in gewissen Phasen zusätzlich die Abwertung der Arbeitskraft befördert hat. Diese Funktion kann in unserer heutigen Zeit jedoch vernachlässigt werden.

4 MEW Band 23 (1.Band des Kapitals), S. 767

5 hier insbesondere in marxistischer Definition: das konstante Kapital

6 Dazu hat sogar das an sich auf Kapitalseite befindliche ifo-Institut (Dresden) in einer Studie festgestellt, dass es sich aktuell um eine „Gewinn-Inflation“ handelt. Vergleiche dazu unter Anderem FAZ vom 14.12.2022

7 Es wird deutlich mehr produziert als es kaufkräftige Nachfrage gibt

8 Interview mit Isabel Schnabel, Mitglied des Direktoriums der EZB in FAZ 24.12.2022, www.ecb.europa.eu/press/inter/date/2022/html/ecb.in221224~633aa8f002.de.html

 9 Siehe dazu auch in KAZ 369/ 370 „Rückwärts stolpern ist auch Bewegung“: www.kaz-online.de/artikel/rueckwaerts-stolpern-ist-auch-bewegung-1

10 Der in diesem Zusammenhang aufkommende Gastransport durch LNG-Tanker umfasst derzeit rd. 15% des weltweiten Gasverbrauches, eine denkbare Steigerung erfordert aus verschiedenen Gründen Zeit, insbesondere Zeit für den Bau dieser Spezialschiffe

11 Im zweiten Halbjahr 2022 waren dies insbesondere die Stromproduktion in Gaskraftwerken

12 Vergleiche FAZ 08.09.2022

13 So konnte beispielsweise die deutsche Hapag-Lloyd als eine der größten Schiffsflotten weltweit seinen Umsatz fast verdoppeln und erzielte im operativen Ergebnis in 2021 mit 9,4 Milliarden das Sechsfache des Vorjahres

14 Es sind dies bisher insbesondere: EEG-Umlage, Kinderbonus, Energiepauschale von 300€ brutto, 9-Euro-Ticket, vorübergehende Steuersenkung beim Kraftstoff, Umsatzsteuersenkung auf Gas von 19% auf 7%, Dezember-Soforthilfe bei Gas und Wärme, Preisbremsen in 2023 für Strom, Gas und Wärme, Steuerfreiheit für Inflationsprämie von bis zu 3.000€ und Erweiterung der Wohngeldberechtigung

15 Das folgt in Steuererhöhungen, Kürzungen von Sozialleistungen, Rentenverschiebungen (Arbeit bis 70) usw.

16 metall 1/2 2023, Seite 3

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