Kurz nach Beginn der russischen Intervention in der Ukraine schrieb der „Deutschlandfunk“: „Freiheit und Unabhängigkeit der demokratischen Ukraine sind in großer Gefahr.“ Und auch andere Aussagen, die es so darstellen, als ginge es hier um den Angriff eines Diktators, Wladimir Putin, gegen einen demokratischen Staat, gegen die Ukraine sind immer wieder zu hören. Die deutschen Kapitalisten und ihre Zeitungsschreiberlinge und Reporter bemühen gerne das große Wort der „Freiheit“. Doch welche und vor allem wessen „Freiheit“ meine sie damit? Um die „Freiheit“ der osteuropäischen und ukrainischen Arbeiter hierzulande, die für Tönnies und andere deutsche Kapitalisten schuften müssen und teilweise nicht einmal ein Zimmer zum Schlafen haben und stattdessen in den Autos schlafen müssen, mit denen sie nach Deutschland zur Arbeit gebracht werden? Oder um die „Freiheit“ der ukrainischen Arbeiter, die in der Ukraine Tag für Tag für deutsche Unternehmen schuften? Um die geht es ihnen wohl genauso wenig. Bereits vor zwei Jahren kam eine Untersuchung der Kampagne „Clean Clothes“ zu dem Fazit: „Für deutsche Modemarken in der Ukraine, Serbien, Kroatien und Bulgarien zu arbeiten bedeutet den Befragten zufolge, extrem arm, chronisch überanstrengt, müde und eingeschüchtert zu sein – sowie der menschlichen Würde beraubt.“ Und so ist es nicht nur in der Bekleidungsindustrie.
Ebenso ergeht es den Arbeitern, die in der Zuliefererindustrie für die deutsche Automobilindustrie arbeiten. „Vor allem für die Produktion der Kabelbäume hat sich die ländlich geprägte Westukraine zu einem äußerst beliebten Standort entwickelt, weil die Löhne hier extrem niedrig sind. Für eine Arbeitsstunde werden drei Euro bezahlt, inklusive Lohnnebenkosten. In Deutschland müsste die Autoindustrie für dieselbe Tätigkeit etwa 54 Euro bezahlen. Denn die Kabelbaumproduktion besteht zu mehr als 30 Prozent aus Handarbeit, weil Kabel, Schläuche und Stecker manuell und entsprechend der Ausstattung für jedes Modell einzeln zusammengesetzt werden müssen. Kabelbaumbauer werden deshalb die ,Teppichknüpfer der Autoindustrie’ genannt.“ (analyse&kritik, 12.04.2022)
Im Dezember 2019 wurde in der Ukraine ein neues Arbeitsgesetz, das willkürliche Entlassungen ohne Begründung ermöglicht und keinerlei Rechte der Beschäftigten und der Gewerkschaften enthält, innerhalb von nur einem Tag im Parlament beschlossen und eingeführt. Die bereits zuvor schon größtenteils entmachteten ukrainischen Gewerkschaften hatten unter der Losung „Gegen legalisierte Sklaverei“ zu Protestaktionen gegen das „rechtsradikale Arbeitsgesetz“ aufgerufen. (Labournet).
In der Ukraine für deutsche Auftraggeber zu arbeiten hat mit „Freiheit“ überhaupt nichts zu tun! Frei ist hier einzig und alleine das deutsche Kapital, die Arbeiter zu entwürdigen, zu entrechten und wie eine Zitrone auszupressen. Ihre Freiheit haben die ukrainischen Arbeiter längst verloren. Nämlich mit der Zerstörung des von ihnen aufgebauten Sozialismus und der Zerschlagung der sozialistischen Sowjetunion. Sie wurden von Erbauern einer neuen Gesellschaft, in der nicht der Profit einiger weniger das Maß aller Dinge ist, zu rechtlosen Knechten des Kapitals herabgedrückt. Aus stolzen Sowjetbürgern, die dem deutschen Hitlerfaschismus die Stirn boten und ihn niederwarfen, wurden Untertanen, die der permanenten Drohung ausgesetzt sind. Und man nimmt ihnen auch noch die ärmliche Existenz, wenn sie es wagen, gegen die Unterdrückung und Ausbeutung zu revoltieren.
Mit der Demokratie ist das ebenfalls so eine Sache. 2014 wurde im Zuge der Unruhen auf dem Maidan-Platz in Kiew der legitime ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch, der zuvor in den deutschen Medien als angeblicher „Diktator“ verunglimpft wurde, aus dem Amt und aus dem Land gejagt. Das ukrainische Parlament wurde angegriffen, vom Volk gewählte Abgeordnete an der Ausübung ihrer Tätigkeit und am Zugang zum Parlament gewaltsam gehindert. Als in den USA Trump-Anhänger das Kapitol belagerten und eindrangen war dies ein „Angriff auf die Demokratie“ (SZ, 07.02.2021) Für die Ereignisse in der Ukraine fand man keine so deutlichen Worte. Im Gegenteil. Da war wohlwollend von „Protestierenden“ oder „Aktivisten“ die Rede, obwohl die maßgeblichen Kräfte, die das Parlament und Regierungsgebäude angriffen Nazis waren, z.B. von der Organisation „Rechter Sektor“ oder von der faschistischen Partei „Swoboda. Sie waren es auch die mit ihren gewaltsamen Aktionen erheblichen Anteil am Sturz des Präsidenten hatten und nicht diejenigen ukrainischen Bürgerinnen und Bürger, die friedlich demonstriert hatten.
Das neue Regime, das nach dem Sturz des Präsidenten Regierungsgeschäfte übernahm, ging sofort daran den Osten des Landes, in dem es besonders viel Widerspruch zur neuen Regierung in Kiew gab, zu bekämpfen und zu bekriegen.
2015 wurde die Kommunistische Partei der Ukraine verboten, ebenso kommunistische und sowjetische Symbole. Und jüngst weitere 11 Parteien, die als „prorussisch“ gelten. Faschistische Gruppen, wie z.B. das „Azov-Batallion“ wurden in den Staat integriert und dem Innenministerium unterstellt. Der Schlachtruf der ukrainischen Ultranationalisten und Faschisten in der Westukraine im zweiten Weltkrieg, „Sława Ukrajini!“ („Ruhm der Ukraine“) ist seit 2018 der offizielle Gruß der ukrainischen Armee.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Ukraine ist ein Land, in dem gnadenlose Ausbeutung herrscht. In dem Faschisten im Staat verankert, die Kräfte der Arbeiterbewegung unterdrückt und die Rechte der Arbeiter mit Füßen getreten werden. All das interessiert diejenigen, die hierzulande mit Ukraine-Fahnen auf die Straßen gehen und ihre angebliche Solidarität mit dem ukrainischen Volk beschwören recht wenig!
Ma
Denn sie wissen, was sie berichten.
Seit Jahren wird der Einfluss von faschistischen Akteuren in der Ukraine
von vielen bundesrepublikanischen Medien verharmlost,
wie nachfolgender Kommentar von Amand Presser,
u.a. Moderator bei der Rockantenne, in der Jüdischen Allgemeinen Zeitung
aus dem September 2014 (!) zur ZDF-Sendung Heute exemplarisch zeigt.
Ukraine: Mit Nazis gegen Putin
Das ZDF lässt Hakenkreuze auf den Helmen des Asow-Bataillons unkommentiert. Am Montag, den 8. September, berichtete das ZDF in der Nachrichtensendung „Heute“ über die neuesten Entwicklungen im Ukraine-Konflikt. Dabei wurden Soldaten des Asow-Bataillons gezeigt, die für die ukrainische Regierung die Stadt Mariupol beschützen sollen. An ihrer Montur und ihren Helmen waren deutlich Hakenkreuze und SS-Runen zu sehen.
Dies blieb völlig unkommentiert im Beitrag des öffentlich-rechtlichen Senders. Wo ist die journalistische Sorgfaltspflicht des ZDF geblieben? Wo bleibt der Aufschrei aller 77 gesellschaftlich relevanten Mitglieder, die im Fernsehrat vertreten sind? Dürfen die derzeitigen Leitlinien der deutschen Außenpolitik durch eine eindeutige Kommentierung in einem Fernsehbeitrag ad absurdum geführt werden? Die Antwort lautet anscheinend eindeutig: Nein.
MARIUPOL Die Aversion gegen die russische Politik wird gepflegt und wächst. „Putinisieren“ ist zu einem Modewort in politischen Kommentaren geworden. Wird unsere sogenannte westliche Freiheit in Mariupol nun auch schon von paramilitärischen, faschistischen, der NS-Ideologie anhängenden Einheiten verteidigt? Amnesty International hat den ukrainischen Ministerpräsidenten Arseni Jazenjuk aufgefordert, dem entsetzlichen Treiben der marodierenden Milizen ein Ende zu setzen. Mehr als 40 selbsternannten Freischärler-Gruppen dürfen derzeit mit Duldung der ukrainischen Führung mit Waffengewalt die viel beschworene nationale Einheit der Ukraine torpedieren.
Hinzu kommen die folgenden verfehlten politischen Signale der vergangenen Tage: der Beginn des Baus einer 2.300 Kilometer langen Befestigungsmauer als „antirussischer Schutzwall“; neue Sanktionen der EU, um Russland zu einem Friedenskurs in der Ukraine-Krise zu bewegen; die deutsche Bundeskanzlerin stellt der Ukraine eine Mitgliedschaft in der Nato in Aussicht, EU-Kommissionspräsident Barroso 760 Millionen Euro Steuergelder und den EUBeitritt. Wo soll das hinführen?
IRRSINN Der politische Irrsinn der EU geht offensichtlich unvermindert weiter. Aber wir als Bürger der Bundesrepublik Deutschland haben die Pflicht, uns dagegen zu wehren, dass wir uns einer ukrainischen Regierung verpflichtet fühlen sollen, die bereit ist, ihre politischen Ziele mit allen Mitteln zu erreichen – wenn es sein muss, auch mit nazistischen Gruppierungen.
Die Aufgabe der Medien ist es, als unabhängige Instanz auf Missstände hinzuweisen. Der Spruch „Mit dem Zweiten sieht man besser“ ist offenbar nur eine leere Worthülse.
(Jüdische Allgemeine online, 15.9.2014)