Wir dokumentieren einen Beitrag von Heinz Schmidt zu der Aufstellung eines Steins auf dem Friedhof der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde, der den „Opfern des Stalinismus“ gewidmet ist. Dieser Beitrag erschien, leicht gekürzt, als Leserbrief in der jungen Welt, vom 17.2.2007.
„Kühl abwägen, wo Recht und wo Unrecht wirklich liegen (...) Wann fangen eigentlich die Kapitalisten an mit dem Bekennen von Fehlern (...), die verantwortlich sind für die Toten zweier Weltkriege, für allen Hunger und das Elend auf Erden, für so viele zu früh Gestorbene, für die Ströme von Tränen und Hekatomben von Blut, die sie in Profit ummünzten.“ (Stefan Heym, 1956)
(...) Der klammheimlich, provokativ errichtete Stein des Anstoßes und der Spaltung steht noch immer in der Gedenkstätte der Sozialisten, auf dem das Schlagkeulenwort »Stalinismus« prangt, mit dem heute der gesamte Kampf um die Befreiung von kapitalistischer Ausbeutung und Unterdrückung seit Marx getilgt werden soll; der Kampf gegen Nationalismus, Rassismus, Militarismus, Kolonialismus, Faschismus und Krieg; der Kampf für den Sozialismus, der uns von all dem befreit.
Jede sozialistische Gedenkstätte ist eine Stätte des Gedenkens an die Kämpfer gegen Kapitalismus/Imperialismus und seine grausamste Ausgeburt, den Faschismus. Damit wird an diesen Stätten auch aller Opfer dieser menschenfeindlichen Systeme gedacht. Dazu gehören auch jene, die im Kampf um die Existenz des ersten sozialistischen Staates auf der Erde fälschlich sowjetfeindlicher Tätigkeit bezichtigt und verurteilt wurden. Vergessen wir aber nie, das geschah unter kompliziertesten, schwer durchschaubaren Bedingungen. Die Sowjetunion war von kapitalistischen Staaten eingekreist und von deren Geheimdiensten unterwandert. Imperialisten, Faschisten und auch Trotzkisten beabsichtigten die Liquidierung der Sowjetunion; Agenten, Spione und Denunzianten wüteten im Land. Das Nazireich bereitete den grausamsten Krieg gegen die Sowjetunion und die Völker Europas vor. Hitler schwor dem deutschen Großkapital, den Bolschewismus mit Stumpf und Stiel auszurotten. Erinnert euch an 1989/90: Heute haben wir jenen Zustand, den die Feinde des Sozialismus schon immer, mit allen Mitteln, auch den grausamsten, erreichen wollten. Unschuldige verrecken täglich vor unseren „Fernsehaugen“ zu tausenden und abertausenden durch die Ausbeutungs-, Eroberungs- und Kriegpolitik der imperialistischen Großmächte, die für immer an die Quellen des Reichtums dieser Erde wollen. Schon gleich nach 1945 begannen sie den Kalten Krieg gegen die sozialistischen Staaten. Der Sieg der Sowjetunion, der die osteuropäischen Staaten von Faschismus und Krieg befreite, war der schwerste Schlag, den sie nach der Oktoberrevolution 1917 und der Niederlage der Interventionsmächte gegen die junge Sowjetmacht 1919/1920 erlitten. (...)
Die hysterisch bejubelte ‚Befreiung’ von 1989 stürzte Millionen Menschen in Armut und Elend und sehr viele, worüber geschwiegen wird, in den Tod. Sie stürzte uns in eine Welt völkerrechtswidriger Kriege. Nazis marschieren und werden in Parlamente gewählt. Hitler paradiert jeden Tag in Lackstiefeln über die Bildschirme. Das Grundverbrechen unserer Epoche, der Antikommunismus, regiert und die mutigsten Kämpfer gegen Faschismus und Krieg werden entwürdigt, wie z.B. Ernst Thälmann.
Also her mit einem Gedenkstein für die Milliarden Opfer des Imperialismus. Vielleicht dort, wo man für den ‚Kaiserkult’ den technisch in Europa einzigartigen Palast des Volkes, den Palast der Republik, abreißt. Her damit in einer Zeit, in der Rosa Luxemburgs Randbemerkung täglich gegen ihre Genossen, für imperialistische Politik missbraucht wird, um Antifaschisten mit Faschisten gleichzusetzen. Her mit Rosas wahrem Vermächtnis, ihrer letzten großen Rede, der Programmrede auf dem Gründungsparteitag der KPD 1918/19, die heute verschwiegen wird, weil sie ihre Randbemerkung ins rechte Licht rückt und uns klar sagt, wohin es führt, wenn wir diese Rede nicht zum Leitstern unseres Handelns machen, nämlich in die Barbarei. (...)
Heinz Schmidt, Königs Wusterhausen