Jim Jensen, stellvertretender Vorsitzender der dänischen Gewerkschaft NNF: „Die riesigen Schlachthöfe sind mit denen in Deutschland vergleichbar”, aber wegen der besseren Arbeitsbedingungen und Wohnverhältnisse keine Corona-Ausbrüche wie bei Tönnies. Es werden Stundenlöhne von 25 Euro gezahlt. „Wir haben Tarifverträge in der gesamten Schweinefleischindustrie, an denen sich fast 100 Prozent der Firmen orientieren. Schwarzarbeit, Scheinselbstständigkeit mit Werkverträgen und Subunternehmen in Osteuropa gebe es so gut wie gar nicht. „Die Arbeiter sind direkt bei den Fleischfirmen angestellt, und der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist relativ hoch”, erklärt Jensen. In Deutschland sei der Organisierungsgrad viel schlechter. “Unsere Kollegen von der deutschen Gewerkschaft kommen ja an die Mitarbeiter kaum ran. Die sind ja oft in Osteuropa angestellt und haben mehr oder weniger ein Verbot, mit der deutschen Gewerkschaft überhaupt zu sprechen. Wenn sie das tun, werden sie gefeuert.” – Ähnliches gelte im Krankheitsfall, und das sei der Knackpunkt im Vergleich zu Dänemark. „Ich glaube, die Kollegen, die in Deutschland arbeiten, haben große Angst, ihren Job zu verlieren, wenn sie sich krankschreiben. Die wichtigste Anti-Corona-Maßnahme bei uns an den Schlachthöfen war, dass die Arbeitnehmer sich mit Lohnfortzahlung krankschreiben können, ohne Angst vor der Kündigung haben zu müssen”, so Jensen.
„Wir haben auch viele Nationalitäten, aber alle sind im Tarifvertrag. Die meisten sind Dänen, etwa 70 Prozent, gefolgt von Polen mit 15 Prozent, das sind aber nur grobe Schätzungen, und dann haben wir zwischen fünf und zehn Prozent deutsche Gastarbeiter. Auch Rumänen und Bulgaren gibt es.”
Ein weiterer wichtiger Punkt seien die besseren Unterkünfte für dänische Fleischarbeiter. Mit der Unterbringung der Arbeiter haben die dänischen Unternehmen nichts zu tun. In Dänemark ist es nicht möglich, dass eine Fleischfirma ihre Angestellten dazu verpflichtet, in irgendeiner Baracke zu wohnen, vor allem nicht, dass der Angestellte dafür einen Lohnabzug vom Mindestlohn bekommt.
„Wir haben nur 7,4 Stunden Arbeit pro Tag maximal, Arbeitnehmer haben dann mehr Freizeit und wollen auch deshalb besser wohnen”, sagt Jensen. Sie kämen nicht nur zum Schlafen nach Hause wie in Deutschland. In Deutschland würden sich Arbeiter teilweise Betten teilen, wenn das mit dem Schichtdienst vereinbar sei. „Da wird dann auch Corona übertragen. In Dänemarks Fleischindustrie gibt es diese warmen Betten nicht”, schildert Jensen.
Viel Wert werde auf die hohen dänischen Hygienestandards wie Handschuhe und Masken gelegt – auch schon vor Corona. Während der Corona-Krise wurde der Abstand zwischen den Arbeitern vergrößert, zum Teil wurden sie mit Plastikvorhängen isoliert. Auch die Pausen wurden gestaffelt, so dass immer nur wenige Mitarbeiter auf größerem Raum gemeinsam Pause machen können. Statt wie früher Buffets in den Kantinen anzubieten, würden nun Portionen von Kantinenmitarbeitern auf Tellern ausgegeben.
Doch die hohen Standards in Dänemark – beziehungsweise die niedrigen in Deutschland – haben ihren Preis: Im gnadenlosen Wettkampf um immer niedrigere Kosten hat Dänemark in den letzten 15 bis 20 Jahren rund 4.000 bis 5.000 Arbeitsplätze an Deutschland verloren, heißt es bei der NFF. „Die Deutschen haben uns auskonkurriert sozusagen, sie haben die Kosten so weit gesenkt, unter anderem beim Lohn, dass wir nicht mithalten konnten”, formuliert es Jensen. – Daher weht der Wind! Vom Lohndumping der deutschen (im Verbund mit der niederländischen) Fleischmonopole. (Hervorhebung AG Corona)