KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus”
Nachdem wir den Kampf um den einzuschlagenden Weg in der gesellschaftlichen Basis, also in der Landwirtschaft und Industrie, zwischen 1949 und 1966 betrachtet haben, wollen wir nun das Hauptaugenmerk auf die politischen und ideologischen Auswirkungen dieser Auseinandersetzungen im Überbau der chinesischen Gesellschaft näher betrachten.
Wir haben es schon angedeutet: der Kampf zweier Linien um den Weg, den das sozialistische China einschlagen sollte, hatte seinen Ursprung in dem antagonistischen Widerspruch zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Solange es Kapitalismus auf der Welt gibt, bestimmt dieser unversöhnliche Gegensatz die Entwicklung auch noch in den Ländern, die sich vom Imperialismus befreit haben. Dort hat sich „nur“ geändert, dass die Diktatur der Bourgeoisie durch die Diktatur des Proletariats bzw. durch die Diktatur mehrerer revolutionärer Klassen (wie in Ländern der Neuen Demokratie) abgelöst wurde; es hat sich „nur“ geändert, dass das Proletariat mit seinen Bündnispartnern jetzt als herrschende Klasse den Kampf gegen den Imperialismus weiterführen kann. Solange es Kapitalismus auf der Welt gibt, ist die Frage „wer wen“[1] noch nicht entschieden.
Im Sozialismus lässt sich der Verlauf, die notwendigen Etappen und das Ziel dieses Kampfes zwischen Kapital und Arbeit, vom Standpunkt des Proletariats, zusammenfassend so darstellen: „Wenn das Proletariat im Kampfe gegen die Bourgeoisie sich notwendig zur Klasse vereint, durch eine Revolution sich zur herrschenden Klasse macht und als herrschende Klasse gewaltsam die alten Produktionsverhältnisse aufhebt, so hebt es mit diesen Produktionsverhältnissen die Existenzbedingungen des Klassengegensatzes, die Klassen überhaupt, und damit seine eigene Herrschaft als Klasse auf.“[2] Das ist der große strategische Plan und die große Herausforderung an die Arbeiterklasse: als herrschende Klasse dafür zu kämpfen, dass die Klassen überhaupt aufgehoben werden. Dafür gilt es Voraussetzungen zu schaffen, damit an die Stelle der Herrschaft von Menschen über Menschen nur noch, wie es Friedrich Engels ausdrückt, die Leitung von Produktionsprozessen und die Verwaltung von Sachen tritt[3]. Das bedeutet für die Kommunisten, für den entschiedensten Teil der Klasse, für ihre Avantgarde, einerseits die Herrschaft der Klasse und alle ihre Mittel (Partei, Staat, usw.) gegen die unerbittlichen Angriffe der in- und ausländischen Bourgeoisie zu schützen und ständig zu verteidigen und andererseits gleichzeitig, permanent die eigene Herrschaft „in Frage zu stellen“, sprich alles zu tun, damit es weniger Herrschaft, Staat, Partei braucht, alles zu tun, um die Voraussetzungen für deren Aufhebung zu schaffen. Das ist die große Herausforderung an alle Revolutionäre. Wer denkt, es braucht keine Herrschaft, keinen Staat, der meint es nicht ernst im Kampf gegen die Bourgeoisie. Wer die eigene Herrschaft nicht in Frage stellt, hat, gelinde gesagt, das Ziel, die klassenlose Gesellschaft aus den Augen verloren. Der Sozialismus wurde von den Praktikern und Theoretikern des Marxismus-Leninismus immer als eine Übergangsgesellschaft zwischen Kapitalismus und Kommunismus angesehen. Wir wollen den Genossen Lenin zu Wort kommen lassen, der die Erfahrungen des russischen Proletariats und seiner Verbündeten „in Sachen Aufhebung“, wie folgt beschrieb: „Die Aufhebung der Klassen ist das Werk eines langwierigen, schweren, hartnäckigen Klassenkampfes, der nach dem Sturz der Macht des Kapitals, nach der Zerstörung des bürgerlichen Staates, nach der Aufrichtung der Diktatur des Proletariats nicht verschwindet (wie sich das Flachköpfe vom alten Sozialismus und von der alten Sozialdemokratie einbilden), sondern nur seine Formen ändert und in vieler Hinsicht noch erbitterter wird.“[4] Diese Erkenntnis hat Lenin niemals widerrufen, er hat sie vielmehr immer wieder wiederholt.[5]
Es ist u. E. diese Erkenntnis, die uns für zukünftige Revolutionen, vor allerlei Träumereien und Illusionen in der Phase nach der Revolution bewahrt. Wir denken zudem, dass im „Vergessen“ oder im „Leugnen“ dieser Erkenntnis und deren Folgen auch ein wichtiger Grund für die Niederlage von 1989/92 liegt. Der Klassenkampf ist durch die Revolution nicht beendet, er geht weiter, er ändert seine Formen.
Die chinesischen Genossen haben dem Klassenkampf im Sozialismus, dem Kampf zweier Linien innerhalb der Partei und innerhalb aller Bereiche des Überbaus und Basis große Bedeutung geschenkt. Ein zentraler theoretischer Beitrag, der die Erfahrungen von vier Jahrzehnten Klassenkampf im Sozialismus (in der SU, in den volksdemokratischen Ländern (Ost-) Europas und Asiens) auswertet, lieferte der Genosse Mao Tsetung in der Schrift „Über die richtige Behandlung der Widersprüche im Volk“, aus dem Jahr 1956, der als eine Weiterführung der Schriften „Über die Praxis“ und „Über den Widerspruch“ verstanden werden kann.[6] Der zentrale praktische Beitrag der chinesischen Genossen bestand in zehn Jahren Große Proletarische Kulturrevolution (Abkürzung: GPKR).
Die Große Proletarische Kulturrevolution war, anders als der Kurzname „Kulturrevolution“ vermuten lässt, mehr als nur eine Revolutionierung der Kultur – sie erfasste – typisch für jede Revolution – alle Bereiche der Gesellschaft. Der Kenner chinesischer Geschichte, Politik, Sprache und Kultur, Joachim Schickel, gibt eine erhellende Übertragung dessen, was im Chinesischen wu-ch’an chieh-chi wen-hua ta ko-ming heißt (und von uns eher trocken und verkürzt Große Proletarische Kulturrevolution übersetzt wird): „Die Massen ändern den Auftrag: Herrschen sollen alle, denen die Produktionsmittel zukommen; damit sie Kultur haben können – die Massen selber; historia facit saltum(die Geschichte macht einen Sprung – d. Verf.)“.[7]
Wie kommt es dann zum Begriff „Kultur“revolution? Weil, wie Mao Tsetung es treffend ausdrückte „eine gegebene Kultur (...) die ideologische Widerspiegelung der Politik und Wirtschaft der betreffenden Gesellschaft“ ist.[8] Kultur ist aber auch im Sinne von Kulturniveau zu verstehen, denn das Eingreifen der Massen setzt voraus, dass „Alle das geschriebene Argument nutzen können und sollen, gegenüber anderen und sich selbst.“[9] Tatsache war, dass in Theater, Film, Radio, Zeitungen und Romanen, überall die Ideologien der untergehenden oder untergegangenen Klassen wiedergegeben wurden. Und dies ging einher mit einer Hinwendung vor allem an die Bourgeoisie in Politik und Ökonomie. Wir wollen daher zuerst mit ein paar Beispielen aus dem Kampf um eine dem Sozialismus angemessene Kultur beginnen, um dann die Politik, als konzentrierter Ausdruck der Ökonomie, in der Phase 1949 bis 1966 zu betrachten.
Drei Beispiele aus drei Kultur-Bereichen sollen diese Auseinandersetzung veranschaulichen:
Im Film: 1951. Premiere des Films: „Das Leben Wu Hsüns“. Der Film handelt von dem Grundbesitzer und Frühkapitalisten Wu Hsün, der, obwohl Kapitalist, ganz privat gerne ein Freund der Arbeiter ist und hier und da Almosen gibt, wenn es mal ganz brenzlig wird bei den Proleten. Dieser Film wird in Chinas Kulturkreisen, immerhin im Jahre Zwei nach der Befreiung, in höchsten Tönen gelobt. Aber nicht nur dort, auch in der KPCh werden die Lobeshymnen gesungen, wie z.B. „Wu Hsün war ein großer Mann ..., der kein Opfer scheut, um den Söhnen der armen Bauern das Studium zu ermöglichen.“[10] Mao Tsetung schreibt eine sehr lesens- und beachtenswerte Kritik in Beijinger „Volkszeitung“, in der er eine umfassende Kritik des Films in der Öffentlichkeit fordert (dieser Aufforderung wurde allerdings damals kaum Beachtung geschenkt, erst 15 Jahre später, nämlich während der Kulturrevolution wurde ihr nachgekommen): „Die im Film Das Leben Wu Hsüns aufgeworfenen Probleme sind grundlegender Natur. Menschen wie Wu Hsün, die zur Zeit des großen Kampfes des chinesischen Volkes gegen die ausländischen Aggressoren und die herrschenden reaktionären Feudalherren (...) lebten, rührten nicht im geringsten an der ökonomischen Basis des Feudalismus und ihrem Überbau. Im Gegenteil (...) können wir es denn dulden, dass ein so abscheuliches Verhalten vor den Volksmassen besungen wird, besonders wenn ein solches Lob sich der revolutionären Flagge des ‚Dienstes am Volke’ bedient und wenn die Niederlage der Bauern im revolutionären Kampf als Hintergrund benutzt wird, um dieses Verhalten noch besser zu preisen? (...) Das Erscheinen des Films ‚Das Leben Wu Hsüns’ und besonders die Tatsache, dass Wu Hsün und der Film (...) mit solchem Aufwand gelobt werden, zeigen, welchen Grad das ideologische Durcheinander in den Kulturkreisen unserer Landes erreicht hat! (...) Gewisse Mitglieder der Kommunistischen Partei, die sich angeblich den Marxismus angeeignet haben, verdienen besondere Aufmerksamkeit. Sie haben die Geschichte der gesellschaftlichen Entwicklung studiert: den historischen Materialismus. Aber wenn es um konkrete historische Ereignisse, konkret Figuren der Geschichte (wie Wu Hsün) und konkrete Ansichten, die im Widerspruch zu Geschichte stehen (...), geht, verlieren sie ihre Fähigkeit, Kritik zu üben, und einige von ihnen kapitulieren sogar vor derartigen reaktionären Ansichten. Ist es nicht Tatsache, dass in die kämpferische Kommunistische Partei reaktionäre Ansichten der Bourgeoisie eingedrungen sind? Wohin ist denn der von gewissen Kommunisten angeblich gemeisterte Marxismus gekommen? (...)“
In der Literatur: Die „Studien zum ‚Traum der Roten Kammer’“ von 1923, werden Anfang der 50er Jahre wieder veröffentlicht. Autor ist Yü Ping-po, der den Roman „Traum der Roten Kammer“, als einer seiner besten Kenner (Yü Ping-po war eine echte literarische und akademische Autorität) ganz besonders würdigt. Dass die Ansichten, die er in seinen Studien wiedergibt, wie bspw. „Das Leben ist ein Traum, der Traum ein Leben“ wenig mit der Realität der damals herrschenden Klassen der Arbeiter und Bauern zu tun haben, aber um so mehr mit den taoistischen Träumereien einer untergegangenen dekadenten Feudalaristokratie, stört anscheinend nicht alle Kommunisten. Die zuständigen Genossen in der Kulturabteilung der KPCh verteidigen Yü Ping-pos Verehrung des Traums. Als Yü Ping-po von zwei Genossen des Kommunistischen Jugendverbandes kritisiert wird und diese Kritik unterdrückt, also in zahlreichen Zeitungen nicht veröffentlicht wird, wendet sich Mao Tsetung mit einem Schreiben an das Politbüro der KPCh und an andere Parteikader und Redakteure. Nachdem er beschreibt, welche Schwierigkeiten es bei der Veröffentlichung der Kritik an Yü Ping-po von Seiten der Partei und mancher Zeitungen gab, schreibt er: „Die Angelegenheit ist von zwei ‚unbedeutenden Leuten’ in Gang gebracht worden, während die ‚gewichtigen Personen’ ihr häufig keine Aufmerksamkeit schenkten, ja sie sogar behinderten. Sie bildeten eine Einheitsfront mit bürgerlichen Schriftstellern in Bezug auf den Idealismus und sind gern Gefangene der Bourgeoisie. (...) Und mehr noch, wir erleben nun die groteske Situation, dass man den Idealismus Yü Ping-po´s duldet und die kritischen Artikel voll Lebenskraft von ‚unbedeutenden Leuten’ unterdrückt. Dem sollten wir Beachtung schenken. Mit derartigen bürgerlichen Intellektuellen wie Yü Ping-po sollen wir uns selbstverständlich zusammenschließen. Aber wir müssen ihre falschen Ansichten, mit denen sie die Jugend vergiften, kritisieren und verurteilen und nicht vor ihnen kapitulieren.“[11] Hier wird die alle Revolutionäre angehende Frage treffend angeschnitten: Dass wir uns mit Andersdenkenden zusammenschließen müssen, ohne dabei auf die ideologische Auseinandersetzung zu verzichten, oder anders ausgedrückt: Dass wir uns streiten müssen, ohne die Einheit aus dem Auge zu verlieren.
Ursprünglich als eine Autorenkonferenz des Mitteldeutschen Verlages geplant, wurde die Konferenz im Bitterfelder Chemie-Kombinat, die am 24. April 1959 stattfand, aufgrund der Teilnahme Walter Ulbrichts und anderer ZK-Mitglieder der SED, zu einem bedeutenden Ereignis – und ging als „Bitterfelder Konferenz“ in die Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung ein. Walter Ulbricht formulierte vor den 300 anwesenden Arbeiterinnen und Arbeitern, Aktivisten und Mitgliedern von Jugendbrigaden die Wesenszüge einer sozialistischen Kultur und Kulturrevolution. Es ging ihm dabei um „eine Hinwendung der Kunst zur volksverbundenen und parteilichen Gestaltung des neuen Helden unserer Zeitalters“. Dies war einerseits ein Appell an alle Kunstschaffenden das „Wesen des Sozialismus an seinen Quellen zu studieren“, d.h. „die gesellschaftlichen Prozesse nicht mit den Augen eines Abseitsstehenden, sondern mit den Augen eines Beteiligten“ zu verfolgen. Dies beinhaltete auch eine „Überwindung vieler Vorurteile und alter Gewohnheiten“. Andererseits wurden alle Werktätigen aufgerufen selbst Kunst aller Gattungen zu schaffen, um damit selbst Subjekt einer sozialistischen Kultur zu werden, sowie um Interesse und Verständnis für die Kunstschaffenden zu entwickeln. Ausdruck dessen war die Losung, die von der ersten Bitterfelder Konferenz ausging: „Greif zur Feder Kumpel, die sozialistische Nationalkultur braucht dich!“. Die 1959 formulierten Prinzipien einer sozialistischen Kultur markierten den „Bitterfelder Weg“ in der DDR, der immer auch als Teil einer „sozialistischen Kulturrevolution“ verstanden wurde (1964 fand die Zweite Bitterfelder Konferenz statt, 1967 wurde die Politik des „Bitterfelder Weges“ auf dem VII. Partei der SED nochmals bestätigt). Ergebnisse des „Bitterfelder Weges“ waren beispielsweise bis zum Jahre 1961 die 271 entstandenen Zirkel schreibender Arbeiter und Hunderte Laienkunstzirkel, der FDGB organisierte die jährlich stattfindenden Arbeiterfestspiele (mit mehreren Hunderttausend Besuchern), Gründungen von Arbeitertheatern, zahlreiche Kunstausstellungen, Festtage des Amateurfilms, u. v. a. m. prägten bis in die 70er Jahre hinein das Kulturleben der DDR. Seit dem VIII. Parteitag 1971 wurde der Bitterfelder Weg nicht mehr als wesentliche Kulturpolitik ausgegeben.
Quelle: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 8, Dietz, Berlin 1966, S. 229-236
Im Theater: hier wurden bspw. die Beijing-Opern in brillanten Aufführungen gezeigt. Die Beijing-Oper ist ein feudales Kunstprodukt, ihre Wiederbelebung nach 1949 gehörte zu den großen Leistungen des neuen Chinas, nicht zuletzt auch, weil nun jede und jeder ins Theater gehen und sich die Stücke ansehen konnte. Aber was wurde in den Stücken dargebracht? Es wurde die alte Welt gezeigt, die Welt der Kaiser und Fürsten, ihre „Sorgen“ und Wünsche, zudem Sagen und Legenden über Geister, Dämonen und andere übersinnliche, metaphysische Phantasiefiguren. 1944 hatte Mao Tsetung über diese Stücke bereits folgendes gesagt: „Geschichte wird vom Volk gemacht. Aber auf der Bühne der alten Oper (und in der gesamten alten, vom Volk losgelösten Literatur und Kunst), wird das Volk immer als Dreck hingestellt. Die Bühne wird von den vornehmen Herren und Damen und ihren verzärtelten Söhnen und Töchtern beherrscht.“[12] In den 50er Jahren stellten sich immer mehr Chinesen die Frage: warum wird nicht unser Leben gezeigt? Warum wird nicht das neue China in Stücken aufgeführt? Wo werden die Sorgen und Wünsche der Arbeiter und Bauern besungen? Wo bleiben die Helden des Antijapanischen Befreiungskrieges, des Langen Marsches, des sozialistischen Aufbaus, usw. usf.? Kurz: das Neue hat das Alte in China besiegt, warum findet dies keinen Ausdruck in Kunst und Theater?
Einige machten sich daran, diesen Zustand zu ändern. Ein besonderes Verdienst von Jiang Qing[13] war es, neue Stücke auf die Bühne zu bringen und mit den starren Formen der Beijing-Oper zu brechen, was kein leichtes Unterfangen war.[14] Der Bruch mit diesen Traditionen wurde zusätzlich erschwert, weil führende Genossen wie Peng Chen, der Leiter Kultur- und Propagandaabteilungen im ZK und seine Mitarbeiter, wie bspw. Zhou Yang[15], Lun Ting-yi und andere jegliche Kritik an ihrer konservativen Kulturarbeit abwehrten.[16]
Ähnlich wie Liu Shaoqi und Deng Xiaoping in Industrie und Landwirtschaft in Richtung Kapitalismus tendierten, so taten dies auch bspw. Peng Zhen und seine Leute in der Kulturarbeit. Kritik wurde nicht ernst genommen oder es wurde halbherzig Selbstkritik geübt, um dann genau so wie vorher weiter zu machen. Die Auseinandersetzung, die Ende der 50er bis Mitte der 60er Jahre vor allem innerhalb der höheren Gremien der KPCh geführt wurden, nahmen zunehmend einen schärferen Ton an. Für die „Veröffentlichung“ dieser Debatten sorgten Genossen wie Mao Tsetung, die solche Auseinandersetzungen aus den akademischen und parteiinternen Kreisen ziehen wollten und öffentlich führen wollten. Zum Beispiel verfasste Mao Tsetung 1964 einen Text, den später alle Parteiebenen erhielten und in dem er die „Experten“ in Kunst und Kultur, die in alten Traditionen verhaftet blieben und in der Kunst einen kapitalistischen Weg gehen wollten, einer scharfen Kritik unterzog: „In den letzten fünfzehn Jahren sind diese Verbände [die nationalen Vereinigungen der Schriftsteller, der Theater- und Filmkünstler und anderen Kunstschaffenden], die Mehrzahl der von ihnen verwalteten Publikationen (man sagt, einige wenige darunter seien gut) sowie im Großen und Ganzen die ihnen angehörenden Mitglieder (d.h. mit der Ausnahme einzelner) der Politik der Partei nicht gefolgt. Sie haben sich wie Mandarine aufgeführt und niemals Fühlung mit den Arbeitern, Bauern und Soldaten genommen; ihre Publikationen spiegeln nicht die sozialistische Revolution und den sozialistischen Aufbau wider. In den letzten Jahren sind sie bis an den Rand des Revisionismus getrieben. Wenn sie nicht bereit sind, sich allen Ernstes umzugestalten, werden sie sich eines Tages unweigerlich in Vereinigungen von der Art des ungarischen Petöfi-Clubs verwandeln.“[17]
Die Sprengkraft dieser Petöfi-Clubs[18] sind uns aus Ungarn bekannt. Ihre Wirkung bis hinein in die Kommunistischen Parteien ebenfalls. Mit der chinesischen Reaktion auf die Ereignisse in Ungarn – der 1956 gestarteten Kampagne „Lasst Hundert Blumen blühen, lasst Hundert Schulen miteinander wetteifern“ – werden wir uns im zweiten Teil zur Kulturrevolution (KAZ 321) beziehen.
Aber nicht nur in China auch ganz in unserer Nähe gab es Anstrengungen, die Kluft zwischen Kunst, bzw. Künstlern und Arbeitern/Bauern zu verringern, sowie antisozialistischen und antikommunistischen Tendenzen innerhalb der Intelligenz und Kunstschaffenden entgegenzusteuern: in der DDR. Hier wurde 1959 der sog. „Bitterfelder Weg“ (siehe Kasten) beschritten, der einerseits die Werktätigen dazu ermutigte, selbst Kulturschaffende zu werden und andererseits Künstler aufrief sich in ihren Werken mehr mit dem Leben der Werktätigen auseinander zu setzen.
„Innerhalb der Partei entstehen ständig Meinungsverschiedenheiten und Meinungsstreitigkeiten. Dieses ist innerhalb der Partei die Spiegelung der Klassengegensätze der Gesellschaft und der Widersprüche zwischen Alt und Neu. Gäbe es innerhalb der Partei keine Widersprüche und keinen ideologischen Kampf zu ihrer Lösung, wäre das Leben der Partei zu Ende.“[19] Dieses 1937 formulierte Herangehen zeugt nicht von der Streitsucht Mao Tsetungs oder seiner Genossen, sondern entspricht einem Verständnis des dialektischen Materialismus, von dem die chinesischen Kommunisten mehrere Jahrzehnte ausgingen[20]. Dieses Verständnis half den chinesischen Genossen offen und konstruktiv mit der Kritik an Genossen und mit der Selbstkritik von Genossen umzugehen. Im Folgenden Kernpunkte dieses Verständnisses. Kritik und Selbstkritik galten als feste Bestandteile der politischen Auseinandersetzung. Stalin sagte dazu 1928: „Wenn unser Land das Land der Diktatur des Proletariats ist und die Diktatur von einer Partei, der Partei der Kommunisten, geleitet wird, die Macht mit anderen Parteien nicht teilt noch teilen kann – ist es dann nicht klar, dass wir selber unsere Fehler aufdecken und korrigieren müssen, wenn wir vorwärts schreiten wollen, ist es dann nicht klar, dass es sonst niemand gibt, der sie aufdecken und korrigieren könnte? Ist es nicht klar, Genossen, dass die Selbstkritik eine der gewichtigsten Kräfte sein muss, die unsere Entwicklung vorantreiben?“[21] und Mao Tsetung erweiterte dieses Prinzip auf die gesamte sozialistische Gesellschaft: „Weil wir dem Volke dienen, fürchten wir nicht, dass man, wenn wir Mängel haben, uns darauf hinweist und kritisiert. Jedermann darf unsere Mängel bloßlegen, wer immer es auch sei. Insofern der Hinweis richtig ist, sind wir bereit, unsere Mängel zu korrigieren. Wenn ein Vorschlag dem Volk zum Wohle gereicht, werden wir danach handeln.“[22] Von dem Wunsch nach Einheit ausgehend, sollte die Kritik dazu dienen Mängel und Fehler gemeinsam zu beheben – also: „Die Krankheit bekämpfen, um den Patienten zu heilen!“[23] Selbstkritik sollte Fehler korrigieren, zukünftige Fehler vermeiden und nicht zur Beichte verkommen. Dazu gehörte wiederum ein bestimmtes Verständnis von und ein Verhältnis zu Fehlern: „Bei jeder politischen Partei und bei jedem Einzelnen sind Fehler unvermeidlich; wir müssen danach streben, etwas seltener Fehler zu machen. Wenn wir Fehler begangen haben, müssen wir sie korrigieren; je schneller und gründlicher diese Korrektur erfolgt, desto besser.“[24] Der Kampf gegen Selbstzufriedenheit wurde zu einem ständigen Begleiter, denn „Selbstzufriedenheit ist der Feind des Studierens, und wenn man etwas gewissenhaft lernen will, muss man damit beginnen, dass man mit sich selbst unzufrieden ist. Selber ‚unersättlich im Lernen’ anderen gegenüber ‚unermüdlich im Lehren’.“[25]
Die Person Mao Tsetung stand für einen solchen Umgang mit ideologischen Auseinandersetzungen. Seitdem er von den chinesischen Kommunisten zu ihrem Vorsitzenden gewählt wurde, wurden diese von ihm aufgestellten Prinzipien zu Prinzipien der KPCh. So wundert es kaum, wenn Parteihistoriker bis 1958 sieben schwere politische Auseinandersetzungen in der KPCh als etwas Selbstverständliches registriert haben[26] und damit ihr Unverständnis gegenüber einer metaphysischen Parteitheorie dokumentieren, das von der Partei als Monolith ausgeht und den notwendigen und unvermeidlichen Kampf in der Kommunistischen Partei ignoriert. Dieses Parteiverständnis trug auch dazu bei, dass die Auseinandersetzungen nicht mit der physischen Vernichtung der vom Kurs abweichenden Genossen endete und dass damit Erscheinungen von Unterwürfigkeit und Heuchelei der Boden entzogen wurde.
Ein weiteres wichtiges Merkmal des Mao Tsetung-Denkens[27] (das nichts weniger ist als der Versuch, die Dialektik auf der Grundlage des historischen Materialismus in der kommunistischen Bewegung zu bewahren und gegen den modernen Revisionismus wieder herzustellen) ist die „Massenlinie“. Zusammenfassend und verkürzt dargestellt, lässt sich die Massenlinie mit den Sätzen „aus den Massen schöpfen, in die Massen hineintragen“ und „dem Volke dienen“[28] ausdrücken. Mao Tsetung begründet die Massenlinie u. a. wie folgt: „Wenn man sich mit den Massen verbinden will, muss man den Bedürfnissen und Wünschen der Massen entsprechend handeln. Bei jeder Arbeit, die für die Massen geleistet wird, muss man von den Bedürfnissen der Massen ausgehen und nicht von irgendwelchen persönlichen Wünschen, und seien diese noch so wohlmeinend. Es kommt oft vor, dass die Massen zwar objektiv bestimmter Reformen bedürfen, subjektiv aber sich dessen noch nicht bewusst sind, sich noch nicht entschlossen haben oder noch nicht den Wunsch hegen, die Reformen vorzunehmen; dann müssen wir geduldig abwarten. Erst dann, wenn durch unsere Arbeit den Massen in ihrer Mehrheit das betreffende Bedürfnis zum Bewusstsein gekommen ist, wenn sie ihren Entschluss gefasst haben und selbst den Wunsch hegen, die Reform durchzuführen, können wir an diese Arbeit schreiten; sonst könnten wir uns von den Massen loslösen. Jede Tätigkeit, bei der die Teilnahme der Massen erforderlich ist, wird zu einer bloßen Formsache werden und Schiffbruch erleiden, wenn das Bewusstsein und der Wille der Massen fehlen. (...) Hier gibt es zwei Prinzipien. Das eine lautet: Man muss von den realen Bedürfnissen der Massen ausgehen, nicht aber von solchen, die wir uns einbilden. Das andere besagt: Die Massen müssen es selbst wünschen, der Entschluss muss von den Massen selbst gefasst werden, nicht aber von uns an ihrer Stelle.“[29]
Wie verliefen Kommunikation und Auseinandersetzung zwischen Kommunisten und Massen in den Jahren 1949 bis Mitte der 60er Jahre? Wie „unterhielten“ sich beide? Jack Chen hat in seinem Buch über die Kulturrevolution „Chinas Rote Garden“ diesen Prozess anschaulich beschrieben: „In Übereinstimmung mit diesen Prinzipien hat die KPCh die Meinungen der Massen zum Aufbau des Sozialismus eingeholt. Damit will ich keineswegs behaupten, sie habe eine Meinungsumfrage in Form einer Haus-zu-Haus-Befragung durchgeführt.“[30] Während des Befreiungskampfes gegen Japan und des revolutionären Bürgerkriegs, aber auch nach 1949 wurden immer wieder im ganzen Land, in der Landwirtschaft, in Fabriken, in Universitäten, unter Künstlern, usw. „die Menschen dazu aufgefordert, ihre Probleme zu untersuchen und über Lösungsmöglichkeiten zu diskutieren. (...) Jeder Schritt war das Ergebnis eines Konsultationsprozesses von oben nach unten und wieder zurück – oder umgekehrt. Nach bewährter Methode diente ein Gebiet oder eine Körperschaft als Schrittmacher oder Versuchsfeld [bspw. die Kohlengruben von Kailuan, die Ölfelder von Daqing und die Volkskommune von Dazhai, d. Verf.] und berichtete zur Weiterbildung und Anleitung der Hauptmasse über gute und schlechte Erfahrungen.“[31] Grundlage dessen war die Verankerung der Partei in allen Bereichen des Landes, also die Tatsache, dass Arbeiter, Bauern, Künstler, Intellektuelle, Soldaten, Studenten, Schüler, usw. Mitglied in der KPCh waren. Wem diese Darstellung trotzdem zu rosig erscheint, darf nicht vergessen, welches hohe Ansehen und Prestige die Kommunisten in China hatten[32]. Wir haben in dem Artikel zum 20. Parteitag der KPdSU (siehe KAZ 319, S. 8-26) schon auf Lenins Aussage hingewiesen: Niemand könne den Sozialismus diskreditieren außer die Sozialisten selbst. Heute lässt sich u. E. feststellen, dass die Stellung der Massenlinie innerhalb der KPCh ein Gradmesser dafür war, welchen Weg der Sozialismus in China einschlug - zurück in Richtung Kapitalismus oder vorwärts in Richtung Kommunismus. Kristallisationspunkt der Auseinandersetzungen war wiederholt (Mitte der 50er und Anfang der 60er) das Arbeiter-Bauern-Bündnis – kein Wunder in einem Land, in dem die Mehrheit der Bevölkerung aus Bauern besteht.
Die Bodenreform 1949, die Errichtung der Neuen Demokratie und der erste Fünfjahresplan waren die ökonomischen Eckpfeiler der chinesischen Entwicklung. Der Kampf zweier Linien entbrannte immer wieder aufs Neue, bspw. in der Frage der gleichmäßigen Entwicklung von Landwirtschaft und Industrie. Liu Shaoqi schlug 1951 vor: „Bei der Sozialisierung der Landwirtschaft lässt sich eine Kollektivierung auf gar keinen Fall ohne industrielle Expansion und ohne Durchführung der Industrialisierung durchführen.“[33] Den anderen Weg formulierte Mao Tsetung: „So wie die Dinge in unserem Land nun einmal liegen, muss in der Landwirtschaft die Genossenschaftsarbeit der Anwendung großer Industrie vorangehen“[34] Oder wie es später knackiger hieß: „Die Landwirtschaft als Basis, die Industrie als führenden Faktor betrachten.“
Obwohl sich Mitte der 50er Jahre die Auseinandersetzungen um den einzuschlagenden Weg zuspitzten, galten sie jedoch für alle Beteiligten als nicht-antagonistische Auseinandersetzungen und gehörten damit zu – ganz normalen, unvermeidlichen – „Widersprüchen im Volk“[35]. Trotzdem gab es Gründe genug, um einigen gesellschaftlichen Erscheinungen entschieden entgegenzutreten: die antisozialistischen Tendenzen in Film und Literatur, die Folgen der von der KPCh betriebenen ökonomistischen Bauern-Politik (Entfernung der Partei-Kader von den Massen, die wachsende Klassendifferenzierung auf dem Land und der wachsende Unmut im Dorf) – all dies machten einen Kurswechsel notwendig: „(...) das Feudaleigentum [auf dem Land] ist bereits vernichtet. Heute besteht auf dem Lande das kapitalistische Eigentum der Großbauern und das wie ein Ozean unübersehbare Eigentum der Einzelbauern. Jeder konnte sehen: In den letzten Jahren sind die spontanen Kräfte des Kapitalismus auf dem Lande ständig gewachsen, überall sind neue Großbauern auf den Plan getreten (...). Viele armen Bauern leiden hingegen aus Mangel an Produktionsmitteln nach wie vor Not.“[36] Diese Entwicklung barg vor allem die Gefahr eines Bruches des Bündnisses zwischen Arbeitern und Bauern in sich. Chen Boda wies im Oktober 1955 ebenfalls auf einen wichtigen Aspekt hin: „Die sozialistische Industrialisierung kann nicht isoliert, nicht ohne landwirtschaftliche Kooperation durchgeführt werden (...) Wir können nicht den einen Fuß auf die sozialistische Industrie setzen und den anderen auf kleinbäuerlicher Wirtschaft belassen. Der Sieg des Sozialismus ist undenkbar, sofern wir nicht die fünfhundert Millionen starke ländliche Bevölkerung dazu bringen, an der sozialistischen Aufbauarbeit teilzunehmen. (...) Es ist ein unabänderliches Gesetz, dass, sobald das Feudalsystem abgeschafft ist, auf dem Land ein Kampf einsetzt, der eine Entscheidung zwischen dem kapitalistischen und dem sozialistischen Weg verlangt.“[37] Die Abteilung für ländliche Arbeit im ZK der KPCh war jedoch, bezüglich der Mobilisierung der armen Bauern anderer Meinung. Sie negierte den Kampf zweier Linien auf dem Dorf überhaupt, um dann einen kapitalistischen Weg einzuschlagen. Teng Tzu-hui forderte daher Verlangsamung der Kollektivierung – konkret, die Auflösung von ca. 200.000 Genossenschaften.[38] Ergebnis des eingeforderten Kurswechsels war, dass 1956 eine erfolgreiche Kollektivierung durchgeführt wurde, die die breite Unterstützung der armen Bauern, Landarbeitern und unteren Parteikader (vor allem Distrikt- und Provinzsekretäre) fand[39] und der sich die Beijinger Parteizentrale nicht verschließen konnte. Im Herbst 1957, nach der erfolgreichen „Erprobung“ der Volkskommune in Dazhai, startete der „Große Sprung nach vorn“.
Der Grossen Sprung von 1958 war der kühne Versuch, das Tempo des Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus zu erhöhen. China musste diese Kühnheit teuer bezahlen, nicht zuletzt auch mit dem Durchsetzen von Liberalisierungs-Maßnahmen in der Ökonomie und dem Sieg einer revisionistischen Linie in der Politik. Die Weisung vom September 1962 „San Tzu I Pao“ (Drei Freiheiten und eine Festlegung[40]), die aus der Feder Liu Shaoqis entsprang, ist Ausdruck der Politik nach dem großen Sprung, „den kapitalistischen Weg“ zu gehen. Die Realität auf dem Land entwickelte sich wie folgt:: „Hatte (...) eine Familie einen gewissen materiellen Vorsprung gewonnen, drängte sie in den Handel, der auf den wieder freien Märkten in voller Blüte stand. (...) Reiche Bauern und Händler begannen sich gesellschaftlich zu reproduzieren und nach alter Weise das Land zu beherrschen.“[41] Es bildete sich eine Schicht von mobilen Landarbeitern, die durch die Auflösung von Kollektivgütern „freigesetzt“ worden waren und sich anderweitig – mal als Vertrags-, Saison- oder Landarbeiter – verdingten.[42]
Aber nicht nur die Volkskommunen sollten umgemodelt oder aufgelöst werden. Auch in der Industrie sollte der Anreiz für produktive Initiative des Einzelnen nicht (mehr) über ein höheres Bewusstsein und durch ein Mehr an Mitbestimmung und Leitung, sondern mittels eines volleren Geldbeutels erreicht werden. Akkord-, Bonus- und Prämiensystem fanden wieder Einzug, was dazu führte, dass die Soll-Pläne immer niedriger anzusetzen, um sie später – prämienträchtig – überzuerfüllen.[43] Die Weisung für ein „Ein-Mann-System“ in den Betrieben des Staatssektors, bzw. die Übernahme der Leitung durch Fachleute und Experten statt durch die Arbeiter selbst, Klassendifferenzierung auf dem Land und als weiterer Effekt dieser Entwicklung: der Abstand zwischen den Lebensstandards der Arbeiter und der Bauern vergrößerte sich wieder, anstatt sich zu verringern. Diese Maßnahmen wurden sekundiert von Parolen wie „Vorrang der Produktivität“, „hohen Wachstumsraten“, usw. Diese Welle des Revisionismus innerhalb der Basis setzte sich in der Erziehung, der Kultur und anderen Bereiche des Überbaus weiter fort. Der Leistungsdruck in den Universitäten stieg immens an, gewünscht war der „hochqualifizierte, aber angepasste Fachidiot“[44] und Mao Tsetung sagte damals: „das Prüfungssystem [behandelt] die Studenten wie Feinde: es fällt aus dem Hinterhalt über sie her.“[45] Im Kunstbereich spielte sich Ähnliches ab, wie wir oben schon beschrieben haben, gefördert durch die zuständigen KP-Genossen im Kulturbereich.
Auf der politischen Bühne kam hinzu, dass Mao Tsetung bereits intern 1957 angekündigt hatte, nicht mehr als Staatspräsident zu kandidieren. Anfang der 60er, als Liu Shaoqi Staatspräsident wurde, schien es, als ob Mao Tsetung – damals an die 70 Jahre „jung“ – in die zweite Reihe zurücktritt. Aber nicht nur in Bezug auf das höchste Amt im Staat, in allen Bereichen wurde der Wandel stark sichtbar: der politisch aktive Arbeiter, der revolutionäre Bauer, der klassenkämpferische Kader war nicht mehr gefragt, stattdessen zählte nur noch der fleißige Arbeiter und der produktive Bauer, der Verwaltungs-Fachmann und der Wirtschafts-Experte. Liu Shaoqi und Deng Xioaping machten sich – in wichtigen Machtpositionen – zu Wortführern einer Richtung, die anfangs einer Unterschätzung der Klassenwidersprüche im Sozialismus das Wort redeten, später zu einer direkten Förderung von Kapitalismus in Basis und Überbau, in Wirtschaft und Ideologie führten.[46]
Der Versuch der Parteilinken unter Mao Tsetungs Führung, mit der Losung „Nie den Klassenkampf vergessen!“ und mit einer „Sozialistischen Erziehungsbewegung (SEB) in Stadt und Land“[47] dem Revisionismus, Ökonomismus und dem Liberalismus Einhalt zu gebieten, scheitert an der Partei selbst. Die SEB war im Kern eine politische Ausrichtungskampagne, gerichtet an die Kader der KPCh mit dem Ziel, sie gegen Selbstzufriedenheit und Karrieredenken zu mobilisieren, sie daran erinnern, dass sie „dem Volke dienen“ sollten. Die Massen (vor allem die Jugend) wurden ihrerseits zur Kritik am Ökonomismus der KPCh und den ihn vollziehenden Kadern aufgerufen.
Die SEB sollte im Mai 1963 mit dem „(ersten) 10-Punkte-Beschluss“ in Gang gebracht werden, aber die Parteispitze versuchte alles um den Beschluss zu verwässern und seine Durchführung zu verzögern, bzw. zu verhindern.[48] Beachtenswert ist, dass in diesem Beschluss das erste Mal die Rede ist von wenigen Leuten, „innerhalb der Partei, die Macht ausüben und den kapitalistischen Weg gehen“ und die durch Revolutionäre, aber vor allem durch Arbeiter und Bauern kritisiert werden sollten. Vier Monate später, im September 1963, wurde auf einer Parteikonferenz, in Abwesenheit von Mao Tsetung und unter der Leitung von Liu Shaoqi, durch Deng Xiaoping ein zweiter, der „(spätere) 10-Punkte-Beschluss“ verabschiedet. Statt Mao Tsetung direkt anzugreifen wird der „(erste) 10-Punkte-Beschluss“ abgeschwächt und seine Ausrichtung völlig geändert: jetzt geht es nicht mehr gegen die „wenigen Machthaber, die den kapitalistischen Weg gehen“, sondern es sollen alle Kader überprüft und kritisiert werden.[49] Es wird zwar noch von der Notwendigkeit einer Massenbewegung geredet, ob ein Kader allerdings „gut“ oder „schlecht“ ist, hängt nicht von seinen politischen Fähigkeiten, sondern von seinen wirtschaftlichen Leistungen ab.[50] Die Verwirrung, die diese beiden Beschlüsse an der Basis hervorriefen, waren vorstellbar groß. Vor allem aber: statt nun (bspw. auf dem Land) zielgerichtet diejenigen in der Partei, „die den kapitalistischen Weg gehen“ und ihre Freunde, die Großbauern und oberen Mittelbauern zu kritisieren und deren Einfluss zu verringern, wurden alle möglichen Mängel aufgedeckt und kritisiert.
Nach der „Affäre Peng Dehuai“ wurde für Mao Tsetung deutlich, dass er entweder gegen die Parteizentrale kämpfen musste oder China den kapitalistischen Weg gehen würde.
Bevor wir zu den Ereignissen kommen, die als Große Proletarische Kulturrevolution in die Geschichte eingegangen sind, ist es u. E. notwendig, sich ein genaueres Bild der gesellschaftlichen Kräfte in China Mitte der 60er Jahre zu machen. Wir haben bislang versucht, die Widersprüche der chinesischen sozialistischen Gesellschaft darzustellen. Ein Schwerpunkt dieses Beitrags galt dabei den innerparteilichen Kämpfen, um darzustellen, dass die GPKR nicht „vom Himmel gefallen ist“ und weil die KPCh die Zentrale war, die die Linie für Ökonomie, für Politik und alle andere wichtigen Bereiche diskutierte und festlegte. Ganz konkret wurden von dort aus auch die Parteikader und die Parteimitglieder angeleitet, je nach herrschender Linie, als Wirtschaftsexperten oder Revolutionäre zu handeln und zu denken.
Wir wollen nun aber, statt nur abstrakt vom „Klassenkampf im Sozialismus“ zu reden, versuchen darzustellen, welche sozialen Kräfte sich damals gegenüberstanden.
Auf dem Land standen sich auf der einen Seite die Großbauern und die reichen, bzw. oberen Mittelbauern, auf der anderen die armen, bzw. unteren Mittelbauern, die Kleinbauern und die Dorfarmut gegenüber. Zwischen diesen beiden Gruppen verlief auch in etwa die Scheidelinie des Erfolgs oder Misserfolgs der vergangenen Jahre. Auf der Gewinnerseite: die Großbauern und oberen Mittelbauern. Sie wurden durch die Politik Liu Shaoqis ökonomisch und politisch gestärkt (galten sie doch als Wirtschaftsmotor und „gute Vorbilder“). Das privat genutzte Land (anfangs noch auf 5% der Gesamtfläche jeder Kommune begrenzt) wurde immer größer. Diese Vergrößerung war zwar illegal, sie wurde vielerorts jedoch geduldet, galt sie doch dem wirtschaftlichen Aufschwung. Diejenigen Familien, die in der Lage waren mehr zu produzieren, durften mit Zuschüssen und höheren Krediten rechnen und waren damit in der Lage, kleine Werkstätten u.ä. zu errichten, Handel zu treiben, usw., was wiederum neue Einnahmequellen sicherte. Die Kader, ausgerüstet mit den Weisungen Liu Shaoqis gaben mehr auf das Wort dieser reichen Bauern, als früher.
Auf der anderen Seite, die Verlierer der Politik seit Anfang der 60er. Die Volkskommunebauern galten nicht mehr als die Hauptkräfte der Landwirtschaft, sie mussten sich nun vielmehr gegen die bevorzugten Groß- und oberen Mittelbauern behaupten. Daher begann sich aus der Dorfarmut und den Klein- und unteren Mittelbauern eine neue Schicht herauszubilden, die meistens aus jungen Männern bestand, die nun versuchten, sich an verschiedenen Orten als Landarbeiter anzubieten oder auf Staatsgütern arbeiteten. Mal halfen sie den reichen Bauernfamilien bei der Ernte, mal versuchten sie ihr Glück als Vertragsarbeiter in den Städten.[51] Heute würde man sie unter dem Begriff „Wanderarbeiter“ subsumieren. Politisch nahm der Einfluss der Dorfarmut, der Klein- und unteren Mittelbauern stark ab. Die vormals wichtigen Beschlüsse der „Vereinigungen der armen Bauern“ wurden nun von niemanden mehr beachtet und auch die Volksmiliz, die sich meist aus bewussten Leuten dieser unteren Schichten auf dem Lande rekrutierte, war „vielerorts nur mehr ein leerer Name“[52]. Es waren vor allem diese „Verlierer“ der großen Liberalisierungswelle, die während der Kulturrevolution die bürgerlichen Einflüsse zurückwiesen – die armen und die „freigesetzten“ Bauern waren es, die auf dem Land an vorderster Front und von Beginn an, für die Kulturrevolution kämpften.
Zuletzt wären noch die übriggebliebenen Konterrevolutionäre und Anhänger der Alten Ordnung zu nennen: ehemalige Beamte, Großgrundbesitzer, sowie einige Guomindang-Leute. Sie waren zwar politisch völlig isoliert und diskreditiert, ohne ökonomische Basis, und hatten die Mehrheit der Bevölkerung gegen sich. Gestützt auf das reaktionäre Hinterland, das (ähnlich wie Westdeutschland) vom US-Imperialismus aufgepäppelt, gehegt und gepflegt wurde, ausgerüstet mit dem reichhaltigen reaktionär-ideologischen Arsenal der chinesischen Vergangenheit (Konfuzianismus), hielten sie Träume „von der guten alten Zeit“ wach, schürten besonders in Krisenzeiten den Unmut und nährten die Hoffnung auf Befreiung vom „kommunistischen Regime“.
In den Städten gab es unter den Arbeitern einerseits diejenigen, die sich an Prämien- und Anreizsysteme gewöhnten. Andererseits gab es innerhalb des chinesischen Proletariats einen starken Rückhalt für die Linie Mao Tsetungs. Zeugnis dafür legt die Tatsache ab, dass bei Beginn der Kulturrevolution, die Bewegung sehr rasch die Fabriken und großen Werkstätten erfasst. Sehr starken Rückhalt haben die kulturrevolutionären Ideen dabei unter Lehrlingen und Jungarbeitern, die seit 1960/61 vielerorts häufig als billige Arbeitskräfte eingesetzt wurden und kaum Aus- oder Weiterbildung erhielten.
Die städtische Intelligenz war besonders in Peking, Shanghai, Nanking schon im alten China breit gefächert: Literaten, Filmemacher, Künstler, Journalisten, Lehrer, Professoren, Techniker und Ingenieure. Hier gab es den Teil, der sich durch Liu Shaoqis Linie berufen fühlte, sich als etwas Besseres zu fühlen als die Arbeiter, Bauern und anderen Werktätigen. Es gab nicht wenige Leute, die ihr Fachwissen, ihr Expertenwissen und ihren akademischen Grad über die Lebens- und Berufserfahrung der Masse der chinesischen Werktätigen stellten. Eine Mischung aus Überheblichkeit und Unentbehrlichkeit machte sich unter der Intelligenz breit – immer angefacht und gefördert durch die Spitze der Kommunistischen Partei! Objektiv gesehen waren viele von ihnen unentbehrlich, denn das Expertenwissen in Technik, Wissenschaft, Verwaltung, usw. (worauf Lenin und Stalin schon eindringlich hingewiesen hatten – s.o.) muss innerhalb der Arbeiterklasse und der Bauern tatsächlich erst erlernt werden. Das Interesse des Proletariats liegt in der Aufhebung des Unterschieds von Hand- und Kopfarbeit, in dem Ziel, dass „jede Köchin den Staat leiten“ können muss. Liu Shaoqis Linie dagegen führte vielmehr dazu die Trennung aufrecht zu erhalten und zu verfestigen. Die Experten sollten keine Lehrer und vor allem Lernende (von den arbeitenden Massen) sein, sondern sie „durften“ etwas Besseres sein. Nachzulesen bei Liu Shaoqi in einer Rede vor Studenten 1957: „Arbeitet drei bis fünf Jahre lang angestrengt auf dem Land (...) ihr besitzt Kultur, die Bauern ja nicht (...) Wenn ihr gute Beziehungen zu den Bauen unterhaltet und drei Qualifikationsnachweise vorlegen könnt, wird es euch möglich sein, (...) auf Bezirksebene Kader zu werden, aber das hängt von Euren Fähigkeiten ab.“[53] Diese Förderung von Karrierismus mit den materiellen Anreizen, den höheren Löhnen und Privilegien, führten dazu, dass sich eine Reihe von Betriebsleitern, Ingenieuren, Professoren, Künstlern usw. mehr leisten konnten und sich von den realen Leben der Massen entfernten. Es gehörte ein hohes Bewusstsein dazu, sich trotz der Vergünstigungen nicht korrumpieren zu lassen, vor allem aber dann, wenn aus der Zentrale der Kommunistischen Partei dazu aufgerufen wird, nach solchen Vergünstigungen zu streben. Trotzdem gab es Intellektuelle, die nicht vergessen hatten, dass ihr Lebensunterhalt durch die Arbeit auf dem Acker und an der Werkbank geschaffen wird.
Betrachtet man die Zusammensetzung der Studenten vor der GPKR, lässt sich auch hier eine zunehmende Aufspaltung nach sozialer Zugehörigkeit feststellen: auf der einen Seite die Söhne und Töchter der oberen Schichten der Bauern, dann diejenigen aus den städtischen Mittelschichten und oberen Kaderfamilien, die insgesamt einen höheren Bildungshintergrund mitbrachten, als die Kinder der Arbeiter und Bauern. Die erste Gruppe landete in sog. „,Pagodenschulen’, Eliteeinrichtungen, die mit guten Lehrkräften und Unterrichtsmitteln ausgestattet waren. Von diesen Schulen führte eine Einbahnstrasse auf die guten Hochschulen in Beijing, von da in die begehrten Positionen in Partei und Verwaltung.“[54] Die restlichen Schulen in den Städten und vor allem auf dem Land wurden vernachlässigt. So gab es während des Großen Sprungs, „Halb-Arbeit-Halb-Studium“-Schulen, die seit 1961 von den Behörden missachtet wurden und deren Schulabschluss kaum Aufstiegschancen boten. Auch die „,Kiangsi Kommunistische Arbeitsuniversität’, die im August 1958 als nationales Modell der neuen polytechnischen Erziehung gegründet worden war, begann dahinzusiechen.“[55] Aber auch der neue Leistungsdruck an den Hochschulen, der Prüfungsdruck, usw., führte dazu, dass ein Großteil der Kinder aus den proletarischen und bäuerlichen Familien „ausgesiebt“ wurden. „Um nur ein Beispiel von vielen zu nennen, an der prestigereichen Medizinischen Universität von Beijing musste ein Drittel der Studenten aus dieser Kategorie ihre Studien innerhalb von zwei Jahren aufgeben. Von zwölf Studenten, die 1961 den Vorkurs verlassen mussten, waren elf Kinder von Arbeitern und Bauern.“[56] Zu guter Letzt gab es diejenigen Studenten, die von der „Landverschickung“ betroffen waren. Anfangs, Mitte der 50er Jahre, ein Programm, das dazu dienen sollte, die Zusammenarbeit von Studenten und Bauern zu erhöhen, indem einerseits die städtische Jugend auf dem Dorf (und damit stellvertretend bei 80% der chinesischen Bevölkerung) lebt und arbeitet. Umgekehrt sollten die jungen Studenten dazu beitragen, das Kulturniveau auf dem Land zu heben, die Entfernung zwischen Stadt und Land etwas zu verringern, aber auch – ganz profan – Lesen und Schreiben lehren sollten. Diese Landverschickungsprogramme verkamen aber unter Liu Shaoqis Linie zusehends zu einer Verschickung der Studenten aus Arbeiter- und Bauernfamilien, damit die „qualifizierten“ Studenten in den Städten bleiben konnten, um weiter eine Karriereleiter zu besteigen. „Die meisten dieser jungen Leute begannen das liuistische System zu hassen, das ihnen nur Lasten auferlegte. Die maoistische Idee war von der liuistischen Partei pervertiert und ins Gegenteil verwandelt worden.“[57] Diese „verstoßenen Kinder“ der Arbeiter und Bauern folgen zu Tausenden dem Ruf der Kulturrevolution, strömen in die Städte, mischen sich unter die Studenten, gehen als Rote Garden wieder zurück aufs Land und bilden die ganze Zeit der Kulturrevolution über einen festen Kern der Rebellen.
Innerhalb der Partei fand eine ähnliche Ausdifferenzierung statt, wie in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen auch – muss sich doch schließlich in einer Massenpartei die soziale, gesellschaftliche und ideologische Realität der Gesellschaft widerspiegeln. Während an der Basis viele Genossen rebellieren und – vor allem auch auf dem Land – gegen die Restauration ankämpfen, findet sich kaum Widerstand in den höheren Sphären von Partei, Staat und Verwaltung. Im Gegenteil: von hier aus sind schließlich die Direktiven ausgegangen, hier wurden sie entwickelt. Es zeigt sich folgendes Bild: mit Liu Shaoqi, dem verfassungsmäßig gewählten Staatsoberhaupt, Mitglied des Politbüros der KPCh, Chef des Nationalen Verteidigungsrats und Organisator des Parteiverwaltungsapparats, haben wir einen Mann an der Spitze von Staat und Partei, der bewusst die Entwicklung des Kapitalismus betrieb. Anfangs mehr oder weniger unbewusst, galt er später als der „Kapellmeister des schwarzen Orchesters“[58]. Wie sah dieses Orchester aus? Laut dem Augenzeugen und Teilnehmer an der GPKR, Jack Chen, wie folgt: „Der Parteialltag wurde durch den Parteiapparat mit Generalsekretär [und zuständig für Sicherheitsfragen] Deng Xiaoping an der Spitze gesteuert. Auf dem Kultur- und Propagandasektor wurden das Kultusministerium und die Propagandaabteilung des ZK der KPCh von Zhou Yang, Lu Dingyi und ihren Freunden geleitet. Die Nachrichtenagentur Hsinhua (mit ihrem Chef Wu Leng-hsi), die [Beijinger] Volkszeitung als wichtiges Parteiorgan, die Beijinger Stadtverwaltung und ihre Propagandaabteilung (unter Leitung Peng Chens) sowie die Stadtverwaltung von Shanghai, der größten Industriestadt Chinas, wurden alle von Liu Shaoqis Gefolgsleuten kontrolliert.“ Hauptstützpunkt war demnach Beijing, Sitz der Regierung, der Ministerien und Sitz der KPCh[59]. Wenn diese Koalition zusammenhielt konnte Mao Tsetung noch so viel schreiben, warnen und unternehmen, diese Mauer war stark genug, um die Maßnahmen nicht zu weit kommen zu lassen. Auch konnte vor dem Hintergrund des großen Prestiges der KPCh jedwede Kritik der Massen gegen die Partei- und Staatsspitze relativ leicht abgeschmettert werden. Diese Machthaber in Partei und Staat, die den kapitalistischen Weg gehen wollten, hielten – ihrer Stellung entsprechend – die besten Kontakte zu anderen Bessergestellten und Privilegierten außerhalb der Partei. Sie bildeten alle zusammen eine neue Schicht von bourgeois handelnden und bourgeois denkenden Menschen, die, aufgrund unterschiedlicher Beweggründe (Karrierismus, Ökonomismus, bürokratischer Stil, Expertendenken) in unterschiedlichem Grad (bewusst oder unbewusst, zielgerichtet oder spontan) und mit unterschiedlichen Vorstellungen (von „Marktsozialismus“ bis zum alten Kapitalismus oder noch weiter zurück), eine Revision der damaligen chinesischen sozialistischen Gesellschaft wollten. Sie ebneten, wenn sie selbst auch keine Kapitalisten waren, dieser Klasse neue Wege, wieder zu Macht zu gelangen, oder sorgten zumindest dafür, dass einige Menschen auf Kosten der Masse der chinesischen Bevölkerung aufsteigen konnten.
Auf der anderen Seite die Person Mao Tsetung, verbündet mit Mitgliedern des ZK der KPCh (Zhou Enlai, Chen Boda, Lin Biao, u.a.) und vor allem verbunden mit der Masse von Kadern an der Basis, die allerdings seit dem Großen Sprung, wenig oder nichts zu sagen hatten. Zudem hatte er großen Rückhalt aus den Reihen der armen und unteren Mittelbauern, der Dorfarmut, denen er sein Leben lang seine Politik gewidmet hat, wie auch den Arbeitern und Studenten, sowie allen Armeeangehörigen, die durch sein Denken beeinflusst waren. In Bezug auf die Armee hatte Mao Tsetung – mit seinem damaligen Verbündeten Lin Biao an der Spitze – festes Hinterland. Nicht weil hier die Waffengewalt konzentriert war, sondern vielmehr weil unter der Führung Lin Biaos (seit 1959) eine Politik betrieben wurde, die darauf ausgerichtet war, das politische Bewusstsein der Armee in den Vordergrund zu stellen (vor der Kriegsführung) und zudem von jedem Soldaten produktive Tätigkeiten verlangte und diese förderte, um die Verbindung zwischen Arbeiter, Bauern und Armee so eng wie nur möglich zu machen (wir werden auf die Rolle der Armee während der GPKR im zweiten Teil (KAZ 321) gesondert eingehen). Aber zurück zu Mao Tsetungs Verbündeten. Sein Ausspruch im Sommer 1965 „Ich bin allein mit den Massen“[60], ist Ausdruck davon, dass seine Versuche, intern in der KPCh einen Kurswechsel durchzusetzen, gescheitert waren. Mao Tsetung stützte sich daher auf die revolutionären Kräfte im Land: „[Man muss sich] auf die Arbeiterklasse, auf die armen Bauern und die unteren Mittelbauern, die revolutionären Kader, die revolutionären Intellektuellen und andere Revolutionäre stützen und darauf achten, dass man über 95 Prozent der Massen und über 95 Prozent der Kader vereint [um] gegen die kapitalistischen und feudalistischen Kräfte, die uns wütend angreifen, einen scharfen, nichts schuldig bleibenden Kampf zu führen.“[61]
KAZ-Fraktion „Ausrichtung
Kommunismus“, D. B. Phu
1 „Wer wen“ steht für: Wer siegt über wen?
2 Marx/Engels: Das Manifest der Kommunistischen Partei, Abschnitt II - Proletarier und Kommunisten
3 vgl. Engels, Friedrich: „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“, MEW Bd. 19, Dietz, Berlin 1973, S. 195
4 Lenin, W.I.: „Gruß an die ungarischen Arbeiter“, LW, Bd. 29, S. 378
5 z.B., wie hier im „Gruß an die ungarischen Arbeiter“, Mai 1919; oder in: „Ökonomik und Politik in der Epoche der Diktatur des Proletariats“ Oktober 1919; oder in: „Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit des Kommunismus“, vom Mai 1920; oder in: „Über das Genossenschaftswesen“, vom Januar 1923
6 vgl.: Schickel, Joachim: China: Die Revolution der Literatur, Hanser, München, 1969, S. 81
7 vgl.: Schickel, Joachim, Dialektik in China – Mao Tsetung und die Große Kulturrevolution, in: Kursbuch 9/1967, S. 48
8 Mao Tsetung, Ausgewählte Werke, Verlag für fremdsprachliche Literatur, Bejing 1968 Bd. 2, S. 431
9 vgl.: Schickel, Joachim, Dialektik in China – Mao Tsetung und die Große Kulturrevolution, in: Kursbuch 9/1967, S. 47
10 Schickel, Joachim: China: Die Revolution der Literatur, a.a.O., S. 70 f.
11 Mao Tsetung, zit. nach: Chen, Jack: Chinas Rote Garden, Klett-Cotta, Stuttgart 1977, S. 83 f.
12 aus: „Brief an das Beijing-Oper-Theater in Yenan nach dem Besuch von ‚Gezwungen in die Berge von Liangshan’“, zit. nach: Chen,
13 Die letzte Ehefrau Mao Tsetungs war in den 30er Jahren Schauspielerin in Theater und Film, wird 1940 Mitglied der KPCh, 1948, Leiterin der Filmabteilung der Propagandaabteilung des ZK und wird 1966 Vorsitzende der Kulturrevolutionären Gruppe im ZK der KPCh.
14 „Das Gewicht der Tradition lastet schwer auf ihr. Sie basiert auf zahllosen alt-ehrwürdigen Überlieferungen: dem Fehlen eines Bühnenbildes; der mit einer Quaste besetzten Peitsche, die das Pferd symbolisiert; der nicht brennenden Papier- und Stofflaterne, die anzeigt, dass Nacht herrscht; den eleganten, stilisierten Bewegungen, mit denen eine imaginäre Tür geöffnet und über eine imaginäre Schwelle getreten wird, den flatternden Händen und Ärmeln, die Schmerz oder andere tiefe Gefühlsbewegungen zeigen; den Falsettstimmen und der stilisierten, übertriebenen Gestik.“, zit. nach: Chen, Jack: a.a.O., S. 151
15 Zhou Yang, Mitglied des ZKs der KPCh, tätig in der Propagandaabteilung, stellv. Vorsitzender des Chinesischen Schriftstellerverbandes
16 vgl.: Chen, Jack: a.a.O., S. 145 und vgl.: Hoffmann, Rainer: Kampf zweier Linien, Klett-Cotta, Stuttgart 1978, S. 55; sowie vgl. zur Aktivität der Person Zhou Yang: Die VR China 1949-1979 – Eine kommentierte Chronik, Dietz Verlag, Berlin 1980, S. 13, 91, 98,102, 107
17 Mao Tsetung „Über Literatur und Kunst“, 27. Juni 1964, zit. nach: Chen, Jack: a.a.O., S. 147 f.
18 Sándor Petöfi (1823-1849) war ein hervorragender Freiheitskämpfer in der bürgerlichen Revolution von 1848/49 in Ungarn. Sein Name wurde von ungarischen Intellektuellen missbraucht, um 1956 die nationale statt die soziale Befreiung zu propagieren und den konterrevolutionären Aufstand vorzubereiten.
19 Mao Tsetung: „Über den Widerspruch“, August 1937, zit. nach: Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung, Fischer, Frankfurt a. M. 1969, S. 118
20 Wir werden uns mit dieser Sicht auf den dialektischen Materialismus im zweiten Teil zur Kulturrevolution (KAZ 321) näher auseinandersetzen
21 J.W. Stalin, „Über die Arbeiten des Vereinigten Aprilplenums des ZK und ZKK – Referat in der Versammlung des Aktivs der Moskauer Organisation der KPdSU(B) am 13. April 1928“, Stalin-Werke, Bd. 11, S. 27 ff.
22 Mao Tsetung, a.a.O, Bd. 3, S. 205
23 Mao Tsetung: „Für einen richtigen Arbeitsstil der Partei“, 1942, zit. nach: Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung, a.a.O., S. 118 f.
24 Mao Tsetung: Über die Diktatur der Volksdemokratie, 1949, zit. nach: Worte des Vorsitzenden ao Tsetung, a.a.O., S. 120
25 Mao Tsetung: Der Platz der Kommunistischen Partei Chinas im nationalen Krieg, 1938, Ausgewählte Werke, Band 2, S. 248
26 1927 gegen Chen Tu-hsiu (erster Generalsekretär der KPCH wegen Rechtsabweichlertum und Wankelmut), 1928 gegen Chu Chiu-pai (zweiter Generalsekretär der KPCh wegen Unentschlossenheit und Abenteurertum), in den dreißiger Jahren gegen Li Li-san, Wang Ming, Chang Kuo-tao (wegen Abenteurertum bzw. Wankelmut und Dogmatismus) und Lo Chang-lung, 1954 gegen Gao Gang und Jao Shu-shih (die letzten drei, wegen konspirativer Fraktionsbildung und Vorwurfs der Machtergreifung innerhalb der Partei, sowie „warlord“politik); aus: Chen, Jack: a.a.O., S. 64 f.
27 Wir möchten gerne den Begriff Mao Tsetung-Denken verwenden, der uns richtiger erscheint als „Mao Tsetung-Ideen“ oder gar „Maoismus“. Der von uns geschätzte Joachim Schickel, lieferte eine überzeugende Argumentation, der wir uns anschließen möchten: „Der chinesische Ausdruck lautet ‚Mao Tsetung szu-hsiang’. Darin meint szu-hsiang keineswegs so etwas, wie ‚-ismus’ (chu-i), was ein fixiertes, mithin Orthodoxie nahe legendes Satzgebäude der Naturwissenschaften, der Mathematik und der Logik, auch des Marxismus-Leninismus (Ma-lieh chu-i) implizieren würde. Das suffigierte (von lat. suffigere: „unten anheften“, d. Verf.) szu-hiang bedeutet hingegen, und zwar mit außerordentlichem Nachdruck, ‚denken – denken’. (...) Die deutsche Formulierung ist noch unglücklicher als die englische (‚Mao Tsetung thoughts’) gewählt; zu empfehlen wäre eine verbale, intensivierende Übersetzung wie ‚Mao Tsetung-Denken’“, aus: Schickel, Joachim: „Mobilisierung der Massen“, a.a.O., S.50.
28 Titel einer Gedenkrede anlässlich des Todes des Revolutionärs Chang Szu-Te, die Mao Tsetung am 8. September 1944 gehalten hat. in: Mao Tsetung, a.a.O., Bd. 3, S. 205 ff. Diese Rede wurde 1967 eine der drei ständig zu lesenden und zu studierenden Artikel – zusammen mit: „Yü-Gung versetzt Berge“ und „Dem Andenken Bethunes“.
29 Mao Tsetung: „Die Einheitsfront in der Kulturarbeit“ (1944), zit. nach: Ausgewählte Werke, Bd. 3, S. 216 f.
30 Chen, Jack: a.a.O., S. 38
31 ebenda
32 Die Kommunisten galten als diejenigen, unter deren Führung der japanische Imperialismus aus dem Land getrieben wurde, die jahrtausend alten Fesseln des Feudalismus und der alten starren Tradition gesprengt wurden. Sie waren es, die aus dem am Boden liegenden und misshandelten China ein selbstbewusstes und blühendes Land gemacht haben, in dem die Menschen mit einem aufrechten Gang gehen konnten. Die Kommunisten standen während der Phase der Befreiung, des Bürgerkriegs und beim Aufbau des neuen Chinas an vorderster Front – viele Tausende Genossen haben dafür ihr Leben für ein freies, unabhängiges und sozialistisches China gegeben.
33 Myrdal, Jan: Liu Lin – Bericht aus einem chinesischem Dorf, vnw, Stuttgart 1985 Bd.2, S. 50
34 ebenda, S. 50
35 Hoffmann, Rainer: a.a.O., S. 23
36 Mao Tsetung am 31. Juli 1955, „Zur Frage des genossenschaftlichen Zusammenschlusses“, a.a.O., Bd. 5, S. 225
37 Myrdal, Jan: a.a.O., S. 52 f.
38 Hoffmann, Rainer: a.a.O., S. 21
39 Diese Parteikader waren unmittelbar mit der Misere auf dem Land konfrontiert und konnten diese „Hinwendung zu den Problemen des Dorfes nur begrüßen“, zit. nach: Hoffmann, Rainer: a.a.O., S. 23.
40 1. die erhöhte Zuteilung von Ländereien für private Nutzung, 2. die Errichtung von mehr freien Märkten und 3. von kleinen Betrieben mit eigener Verantwortung für Gewinn und Verlust. Sowie 4. die individuelle Festlegung der Ertragsquote jeder Bauernfamilie.
41 Hoffmann, Rainer: a.a.O., 1978, S. 43
42 vgl.: ebenda, S. 45
43 vgl.: ebenda
44 ebenda, S. 48
45 ebenda
46 Liu Shaoqi sagte 1961: „Die freie Wirtschaft muss erhalten bleiben. (...) Nun ja, dass einige bourgeoise Elemente in der Gesellschaft auftauchen, ist nicht weiter erschreckend, denn wir haben keine Angst vor der Flut des Kapitalismus.“(Myrdal, Jan: a.a.O., S. 54). 1962 sekundierte Deng Xiaoping mit seinem Katzenzitat: „Solange die Produktion dadurch gesteigert wird, ist die bäuerliche Einzelwirtschaft zulässig. Ob weiß oder schwarz, alle Katzen sind gute Katzen, wenn sie nur Mäuse fangen.“(Chen, Jack: a.a.O., S. 130). Die ökonomische Basis Chinas blieb damals sozialistisch, aber wie weit wäre Liu Shaoqi gegangen? In einer Rede vom Juni 1962 sagte er: „Wir müssen in der Industrie und Landwirtschaft soweit zurückgehen, wie es notwendig ist, sogar soweit, das Produktionssoll auf Einzelgrundlage festzulegen und die bäuerliche Einzelwirtschaft zuzulassen.“(Chen, Jack: a.a.O., S. 130)
47 Ausgangspunkt der SEB war die Peitaho-Konferenz im August 1962, offizielle startete sie im Mai 1963 nach der Zentralen Arbeitskonferenz des ZK der KPCh (vgl.: Hoffmann, Rainer: a.a.O., S. 53)
48 Hoffmann, Rainer: a.a.O., S.53
49 Chen, Jack: a.a.O., S. 143
50 Hoffmann, Rainer: a.a.O., S. 54
51 vgl.: Hoffmann, Rainer: a.a.O., S. 44 f.
52 Hoffmann, Rainer: a.a.O., S. 44
53 Myrdal, Jan: a.a.O., S. 55
54 Hoffmann, Rainer: a.a.O., S. 64
55 ebenda
56 ebenda, S. 65
57 Hoffmann, Rainer: a.a.O., S. 66
58 vgl.: Hoffmann, Rainer: a.a.O., S. 53. Die Farbe „schwarz“ wird später, während der GPKR, noch öfter auftauchen. Sie gilt als ein Symbol für Rückwärtsgewandtes und steht auch für Unterdrückung und Reaktion.
59 Hier sind noch zu nennen: Der enge Vertraute von Peng Chen, Deng Tuo (ehemaliger Chef der Beijinger Volkszeitung) und Propagandaleiter der Beijinger Parteikomitees, sowie Wu Han einer der stellvertretenden Bürgermeister Pekings und Autor verschiedener Stücke und Schriften gegen die Linie Mao Tsetungs, für Liberalismus und Restauration. Dann weitere Liu Shaoqi-Leute in den Ministerien, vor allem in den zentralen Planungsstellen (Li Fu-Chun und Po Yo-po), sowie die Abteilungen für Finanzen und Handel (Chén Yün, Li Xannian, Yao Li-lin). Dazu kamen noch die Spitzen des Kulturbetriebes, diverse Universitätsdirektoren und Betriebsleiter, alles Mitglieder der KPCh, alles Anhänger der Linie Liu Shaoqis. Alles chinesische Honoratioren.
60 Hoffmann, Rainer: a.a.O., S. 58
61 Mao Tsetung, 1965, zit. nach: Chen, Jack: a.a.O., S. 142