Gedicht
(nach Mao Tse-Tung)
Unter mir das Bild der nördlichen Landschaft.
Zehntausend Meilen geflügelter Schnee.
Unbeweglich
Der Gelbe Fluß, von solcher Höhe
Nicht mehr reißend. Zwischen ihm und uns
Hauchzarte Wolkenbündel aus Weiß und aus Purpur.
Weidland und Äcker zu beiden Seiten
Der Großen Mauer. Wie viele Freier schon
Sich vor ihnen verbeugten!
Alle die armseligen
Könige der Tsch’in und der Han[1]
Die nur wenig wußten.
Die Tang und die Sung, mit dem Leichtsinn im Übermaß!
Und der hochmütige
Einzige Sohn einer Dynastie, der Tschingis-Khan!
Mehr als den Bogen spannen
Konnte auch er nicht.
Alle verdarben.
Aber auch heute
Seht euch die großen Herren an: immer noch
Voll der alten schlimmen Begehrlichkeit!
(Übersetzung aus dem Englischen von Bertolt Brecht, in GW Bd. 9, S. 1070)
Brecht merkt im August 1938 in einer Notiz „Anmerkungen zu den „Chinesischen Gedichten“ (s. GW 19, S. 424 f.) an, dass das vorliegende Gedicht von Mao Tse-tung geschrieben wurde, „als er zu politischen Verhandlungen nach Südchina flog.“
1 Hier handelt es sich um Dynastien des alten China: Tsch’in (heute transkribiert als Qin) von 221 -207 vor Null, Han von 206 vor bis 220 nach Null, Tang von 617 – 907 nach Null, Sung (heute Song) von 960 bis 1279 n.N.