KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus”

Das am 21.11.2012 vom türkischen Präsidenten Erdogan an die NATO gestellte Ersuchen nach Stationierung von Patriot-Raketen-Systemen entlang der türkischen Grenze zu Syrien ist vom NATO-Generalsekretär Rasmussen positiv beantwortet worden.

Trotz Warnungen und scharfen Protesten der syrischen, russischen und iranischen Regierungen vor einer weiteren militärischen Eskalation in der Region hatte der deutsche Kriegsminister de Maizière bereits die Entsendung solcher Offensiv-Waffen samt deutscher Bedienungssoldaten zugesichert – noch bevor ein offizieller Antrag der Türkei vorlag bzw. der deutsche Bundestag darüber abgestimmt hatte.

Dieser vorauseilenden Entscheidung, der Türkei im Rahmen der „NATO-Bündnisverpflichtungen“ beizustehen, wird absehbar eine Mehrheit aus CDU/FDP/SPD und Grünen im Parlament nachgeschoben, während 59 Prozent der deutschen Bevölkerung (Fussnote: INFRATEST DIMAP, 20./21.11.12.) einen solchen Einsatz ablehnen.

Es ist zu befürchten, dass diese Raketen dazu dienen, eine „Flugverbotszone“ über syrischem Territorium einzurichten. Unter einem derartigen „Schutzschirm für die Bevölkerung“ hatten NATO-Bombardements Libyens Städte in Schutt und Asche gelegt, über 100.000 Zivilisten den Tod gebracht und den Weg frei gemacht für die Herrschaft unzähliger sich gegenseitig bekämpfender Milizen jeder terroristischen Couleur über dieses Land. (Fussnote: Ausländische Energie-Monopole wie Wintershall hatten rechtzeitig ihre Erdöl-Förderanlagen versiegelt und ihr Personal ausfliegen lassen, sodass sie heute wieder – unter weit günstigeren Bedingungen als unter Gaddafis Staatsführung – ungehindert ihren profitablen Geschäften nachgehen können.)

Bis jetzt spielte die syrische Luftwaffe eine Schlüsselrolle im Kampf gegen die v.a. über die türkisch-syrische Grenze eindringenden Söldner-Truppen und deren mörderisches Treiben. Die türkische Unterstützung für die bewaffneten Insurgenten ist auch im Misstrauen gegenüber der kurdischen Bevölkerung begründet, die in ihrer Mehrheit in der nördlichen Grenzregion lebt und – der kurdischen Befreiungsorganisation PKK in der Türkei vergleichbar – Autonomie in einem freien Syrien anstrebt. Am 22.11.2012 hatten zwei der größten kurdischen Organisationen in Syrien, die PYD (Vereinigte demokratische Partei) und der KNC (Kurdischer Nationalrat) beschlossen, mit ihren militärischen Organisationen gemeinsam aus der Türkei eindringende Assad-feindliche Milizen (wie die Al-Nusra-Front und das Ghuraba-Al-Sham-Batallion), die seit Monaten kurdische Gebiete attackiert hatten, zu bekämpfen.

Das offensichtliche Ziel der deutschen Regierung, des deutschen Imperialismus ist es, in diesem kriegerischen Konflikt Mitakteur, nicht Zuschauer zu sein.

Dass es dabei um mehr geht als um militärische Gesichtspunkte wie Einsatzerfahrungen und Tests neuer Waffensysteme unter Kriegsbedingungen oder um politische wie die sichtbare Präsenz deutschen Militärs an möglichst vielen Kriegsschauplätzen der Welt, dazu gibt der folgende Artikel wertvolle Informationen.

Auch wenn hierbei die sog. geopolitischen Dimensionen im Vordergrund stehen, wird klar, dass der Kampf der Imperialisten und Kapitalistenverbände um die Neuaufteilung der Rohstoffmärkte der Welt eine neue Qualität erreicht hat. In diesem Zusammenhang wird die Erdgaszufuhr nach Europa und damit nach Deutschland zu einem der wichtigsten und am meisten umkämpften Objekte imperialistischer Begierde werden. Laut „Washington Institute for Near East Policy“ (WINEP) birgt der Mittelmeerraum die größten Reserven an Erdgas und Syrien ist hier ein Schwergewicht als Durchgangsland für internationale Gaspipelines und möglicher Profiteur an der Ausbeutung bedeutender Erdgaslagerstätten vor seiner Küste.

Die Rolle, die dabei deutsche Monopole wie BASF-Wintershall im Zusammenhang mit dem russischen Gazprom-Konzern und der Northstream-Erdgaspipeline spielen, wird hier schon angesprochen. Andere wie E.on-Ruhrgas (ebenfalls bei Northstream aktiv) oder RWE (bei der vom US-Imperialismus protegierten Nabucco-Pipeline im Geschäft) sollen in weiteren Ausgaben dieser Zeitung „gewürdigt“ werden.

Lobo, 1.12.2012

Syrien, die Türkei und der Energiekrieg im erweiterten Mittleren Osten

von F. William Engdahl

Am 3. Oktober 2012 beschoss das türkische Militär wiederholt syrisches Territorium mit Granatwerfern. Die Militäraktion wurde genutzt, um ein 10 km breites Niemandsland innerhalb Syriens als „Pufferzone“ anzulegen, angeblich als Antwort auf das Töten von türkischen Zivilisten durch syrische bewaffnete Kräfte entlang der Grenze.

Es gibt verbreitete Spekulation darüber, ob der eine syrische Granatwerfer, der fünf türkische Zivilisten tötete, von syrischen oppositionellen Kräften, die von der Türkei unterstützt werden, abgefeuert worden sein könnte, um der Türkei einen Vorwand zu geben, militärisch einzugreifen, was im Geheimdienstjargon als „verdeckte Operation“ („false flag“) bezeichnet wird. (Fussnote: Reuters, Türkisches Artilleriefeuer nach Syrien wird am zweiten Tag fortgesetzt. Einige syrische Soldaten werden bei einem Nachtangriff getötet. Die Türkei unternimmt Artillerieangriffe, nachdem eine von Syrien abgefeuerte Mörsergranate fünf türkische Zivilisten tötete, 04.10.2012. www.haaretz.com/news/middle-est/turkish-artillery-strikes-on-syria-continue-for-second-day-1.468142)

Der undurchsichtige Ahmet Davutoglu, türkischer Außenminister und der türkischen Muslimbruderschaft wohlgesonnen, ist in der türkischen Regierung der Hauptarchitekt für die unsinnige Strategie, den früheren Alliierten Bashar Al-Assad zu stürzen. (Fussnote: Hüsnü Mahalli, Davutoglu Betting on the Fall of Assad, Al Akhbar English, 07.08.2012, http://english.al-akhbar.com)

Laut einem Bericht wurde die Türkei seit 2006 unter der Regierung des sunnitischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan und seiner pro Muslimbruderschaft eingestellten Partei AKP zu einem neuen Zentrum der weltweiten Muslimbruderschaft. (Fussnote: Steven G.Merley, Turkey, The Global Muslim Brotherhood, and The Gaza Flotilla, Jerusalem, Zentrum für öffentliche Angelegenheiten, 2011, www.jcpa.org/text//Turkey Muslim Brotherhood.pdf. Für weitere Verbindungen zwischen Erdogans türkischer AKP und der Muslimbruderschaft, siehe auch GlobalMB. Der syrische Botschafter bezeichnet Mitarbeiter des türkischen Premierministers als Führer der Muslim Bruderschaft, 25.05.2011, http://globalmbreport.org/?p=4496) Aus gut informierter Quelle in Istanbul verlautet, dass vor den letzten Wahlen Erdogans AKP eine „Schenkung“ über 10 Milliarden US-$ von der Saudi-Monarchie, dem Herz des weltweit operierenden dschihadistischen Salafismus unter dem streng islamischen Gewand des Wahabismus, erhielt. (Fussnote: Die Zahl 10 Mrd. US-$ wurde von einem türkischen Geschäftsmann und Politiker, der darum gebeten hat anonym zu bleiben, in einer privaten Unterhaltung mit dem Autor weitergegeben. Indische Diplomaten, darunter H.E. Gajendra Singh, früher Botschafter in Ankara, haben unabhängig voneinander die finanzielle Unterstützung der türkischen AKP durch die Saudis bestätigt. Wie die meisten 10 Mrd. $ Bargeldgeschenke, kam dieses vermutlich mit erheblichen Verpflichtungsauflagen aus Riad.) Seit den 1950er Jahren, als die CIA führende Mitglieder der ägyptischen Muslimbruderschaft ins Exil nach Saudi-Arabien brachte, wurde eine Verschmelzung zwischen dem von den Saudis geprägten Wahabismus und dem aggressiven fundamentalistischen Dschihadismus der Bruderschaft bewirkt. (Fussnote: F. William Engdahl, Salafimus und CIA: Die Erfolgsformel um Russland, den Mittleren Osten zu destabilisieren, Voltairenet.org, 13.09.2012, http://www.voltairenet.org/article175801.html)

Die türkische Antwort auf die eine syrische Granate, der eine sofortige syrische Entschuldigung für den Unfall folgte, grenzt an einen richtiggehenden Krieg zwischen zwei Nationen, die bis zum letzten Jahr historisch, kulturell und wirtschaftlich die engsten Verbündeten waren.

Diese Kriegsgefahr wird immer ernster. Die Türkei ist volles Mitglied der Nato, deren Vertrag ausdrücklich bestimmt, dass ein Angriff auf einen Nato-Staat einen Angriff auf alle bedeutet. Die Tatsache, dass die beiden Atomwaffenmächte Russland und China der Verteidigung des syrischen Bashar al-Assad-Regimes strategische Priorität gegeben haben, bringt uns dem Gespenst eines Weltkriegs näher, als die Meisten von uns sich vorstellen möchten.

In einer Analyse der widerstreitenden Kräfte in der Region vom Dezember 2011 machte der frühere CIA-Agent Philip Giraldi folgende vorausschauende Beobachtung:

Die Nato ist bereits im Geheimen im syrischen Konflikt engagiert, unter der Führung der Türkei als Erfüllungsgehilfe der USA. Ankaras Außenminister Ahmet Davutoglu hat offen zugegeben, dass sein Land darauf vorbereitet ist einzumarschieren, sobald Einverständnis unter den westlichen Alliierten hergestellt sei. Die Intervention würde mit dem humanitären Prinzip begründet werden, die Zivilbevölkerung zu verteidigen. Es ist die gleiche Doktrin, die dazu diente, das Eingreifen in Libyen zu rechtfertigen: die ,Verantwortung zum Schützen‘. Türkische Quellen meinen, dass der Krieg mit der Schaffung einer Pufferzone entlang der türkisch-syrischen Grenze beginnen könnte und dann ausgeweitet würde. Aleppo, Syriens größte und weltoffenste Stadt, wäre die Kronjuwele, die von den Befreiungskräften ins Visier genommen würde.

Unkenntlich gemachte Kriegsflugzeuge der Nato fliegen auf der türkischen Militärbasis von Iskenderun an der syrischen Grenze ein und liefern Waffen aus den früheren Arsenalen von Muammar Gaddafi. Ebenso bringen sie Freiwillige des libyschen nationalen Übergangsrates, die Erfahrung darin haben, örtliche Freiwillige zum Einsatz gegen ausgebildete Soldaten zu bringen. Diese Fähigkeit haben sie im Kampf gegen Gaddafis Armee erworben. Iskenderun ist ebenfalls der Sitz der ,Freien Syrischen Armee‘, des bewaffnete Arms des Syrischen Nationalrats. Französische und britische Ausbilder für Spezialkräfte sind am Ort, die den syrischen Rebellen zur Seite stehen. CIA und US-Spezialkräfte stellen Fernmelde-Einrichtungen und Aufklärung zur Verfügung, um den Rebellen zu helfen, Verbände von syrischen regulären Einheiten zu umgehen. (Fussnote: Philip Giraldi, NATO gegen Syrien, 19.12.2011, The American Conservative, www.theamericanconservative.com/articles/nato-vs-syria/)

Wenig beachtet wurde das Faktum, dass zur gleichen Zeit, als die Türkei ihre überdimensionierte Antwort in Form eines militärischen Angriffs auf syrisches Territorium startete, die „Israelischen Verteidigungsstreitkräfte” – Israeli Defense Forces (IDF) – eine Aktion begannen. Das war offensichtlich darauf gerichtet, Syriens Aufmerksamkeit von der Türkei abzulenken und das Horror-Szenario eines Zwei-Fronten-Kriegs, mit dem z.B. Deutschland im Zweiten Weltkrieg konfrontiert war, heraufzubeschwören. Die IDF verlegten Truppen in beträchtlicher Stärke auf die strategischen Golan Höhen. (Fussnote: Linda Gradstein, Israel fürchtet, dass syrische Gewalt über die Grenze der Golanhöhen schwappt, 04.10.2012, http://news.nationalpost.com/2012/10/04/israel-fears-syrien-violence-spilling-over-golan-heights-border/)

Ein Szenario der bekannten neokonservativen Denkfabrik „The Brookings Institution“/Washington ist in ihrem strategischen „White Paper“ vom März 2012 nachzulesen unter dem Titel: „Syrien retten, Bewertung der Optionen für den Regimewechsel“. Brookings geopolitische Strategen legten einen Plan vor, wie die humanitäre Betroffenheit über zivile Tote wie in Libyen 2011 missbraucht werden kann, um ein aggressives Eingreifen zu rechtfertigen. (Fussnote: Daniel Byman, Michael Doran, Kenneth Pollack and Salman Shaikh, Saving Syria (Syrien retten): Einschätzung für einen Regimewechsel, The Brookings Institution, Washington D.C:, März 2012, http://www.scribd.com/doc/108893509/BrookingsSyria0315-Syria-Saban)

Israel könnte Kräfte auf den Golan-Höhen in Stellung bringen und so regimetreue Kräfte davon ablenken, die Opposition zu unterdrücken. Diese Drohkulisse könnte im Assad-Regime Befürchtungen für einen Zwei-Fronten-Krieg heraufbeschwören: besonders dann, wenn die Türkei bereit ist, das Gleiche an ihrer Grenze zu tun und die syrische Opposition mit einem stetigen Strom von Waffen und Ausbildern unterstützt wird. (Fussnote: Ebenda, S. 6)

Dies scheint genau das zu sein, was sich in den ersten Tagen des Oktober 2012 entwickelt. Die Autoren des Brookings Reports sind eng verbunden mit einigen der bekannteren neo-konservativen Kriegsfalken, die hinter dem Bush-Cheney-Krieg gegen den Irak standen. Ihr Sponsor, das „Saban Center for Middle East Policy“, stellt auch die außenpolitischen Berater für den Kandidaten vom rechten Flügel der Republikaner, Mitt Romney, der wiederum von Netanjahu favorisiert wurde.

Das „Saban Center for Middle East Policy“, das den Report herausgab, ist das Ergebnis einer größeren Schenkung von Haim Saban, einem Israeli-Amerikaner und Medien-Milliardär, dem auch der deutsche Medien-Gigant Pro7 gehört. Haim Saban spricht offen von seinem Ziel, israelische Interessen mit seiner Menschenfreundlichkeit zu unterstützen. Die „New York Times” nannte Saban einmal „einen unermüdlichen Vorjubler (cheerleader) für Israel“. Saban sagte der gleichen Zeitung 2004: „Ich bin ein Ein-Thema-Junge und mein Thema heißt Israel. (Fussnote: Andrew Ross Sorkin, Sleeping to Moguldom (Schlafend zum Multi-Milliardär; gemeint ist Haim Saban; Medien-Mogul), 05.09.2004, www.nytimes.com/2004/09/05/business/yourmoney/05sab.html?ei=5088&en=9eb8c2a72c2b5e7d&ex=1252123200&, auch www.sourcewatch.org/index.php?title=Haim_Saban.)

Die wissenschaftlichen Mitarbeiter und die Leitung am Saban Center haben einen deutlichen Hang zum Neokonservatismus und zum israelischen Likud-Block. Dazu gehören z.B. Shlomo Yanai, früherer Chef der Militärplanung der IDF, oder Martin Indyk, früherer US-Botschafter in Israel und Gründer des pro-israelischen „Instituts für Nahostpolitik (WINEP), die wiederum ein bedeutende Likud-Lobbyorganisation in Washington ist.

Als Gastforscher waren am Saban Center u.a. Avi Dicter, früherer Chef der israelischen Shin Bet, und Yosef Kupperwasser, früherer Chef der Forschungsabteilung des Direktoriums für militärische Aufklärung der IDF. Dauerhaft am Center sind auch Bruce Riedel, seit 30 Jahren Experte der CIA für den Mittleren Osten und Obamas Berater für Afghanistan (Fussnote: M.J. Rosenberg, AIPAC Ausschnitt: Der Aufstieg und Niedergang des Washington Institute For Near East Policy, Gesprächsnotiz (TMP), 11.04.2010, http://cosmos.ucc.ie/cs1064/jabowen/IPSC/php/art.php?aid=126218) und Kenneth Pollack, ein weiterer, früherer Mittlerer-Osten-Experte der CIA, der in einen israelischen Spionageskandal verwickelt war, als er noch nationaler Sicherheitsbeamter der Bush-Administration war. (Fussnote: Nathan Guttman, Bush Vertraute vorgeladen im AIPAC Gerichtsverfahren, Jerusalem Post,13.03.2006, www.jpost.com/International/Article.aspx?id=15860)

Warum will Israel einen „Feind, den es kennt“, Bashar al-Assad, loswerden für ein Regime, das von der Muslimbruderschaft kontrolliert wird? Dann würde Israels Sicherheit dem Anschein nach bedroht werden durch Hardliner-Regimes der Muslim Bruderschaft in Ägypten im Süden, Syrien im Norden und vielleicht bald dann auch in Jordanien.

Die geopolitische Dimension

Die bedeutende Frage, die an diesem Punkt zu stellen ist: Was könnte Israel, die Türkei, Katar auf der einen Seite und Assads Syrien, Iran, Russland und China auf der anderen Seite in die Form einer unheiligen Allianz zusammenbinden, in eine solch tödliche Konfrontation über die politische Zukunft Syriens bringen? Eine Antwort ist die Energie-Geopolitik.

Was noch in Gänze bei der geopolitischen Bewertung des Mittleren Ostens eingeschätzt werden muss, ist die dramatisch steigende Bedeutung der Kontrolle von natürlichem Gas für die Zukunft nicht nur der gasproduzierenden Länder im Mittleren Osten, sondern auch der EU und Eurasiens einschließlich Russland als Produzent und China als Verbraucher.

Natürliches Gas wird schnell zur „sauberen Energie“ der Wahl, um Kohle und Kernkrafterzeugung in der EU zu ersetzen – ganz besonders mit der Entscheidung Deutschlands, Kernenergie nach der Katastrophe von Fukushima auslaufen zu lassen. Gas wird als wesentlich „umweltfreundlicher“ im Sinne der CO2-Bilanz angesehen. Der einzig realistische Weg für EU-Regierungen, von Deutschland bis Frankreich, bis Spanien und bis Italien, um die Ziele der CO2-Reduzierung bis 2020 zu erreichen, wird eine größere Verschiebung von Kohle zu Gas sein. Gas reduziert den CO2-Ausstoß gegenüber der Kohle um 50-60% (Fussnote: Alexander Medvedev, Die Rolle des Gases in einer nachhaltigen Energiezukunft, 2. Ministerial Gas Forum, Doha, Qatar, 30.11.2010). Unterstellt, dass die Kosten der Nutzung von Gas dramatisch niedriger sind als von Wind oder anderen alternativen Energieformen, wird Gas schnell die von der EU am meisten nachgefragte Energieform werden. Es entsteht der größte Wachstumsmarkt der Welt.

Riesige Funde von Gaslagerstätten in Israel, in Katar und in Syrien zusammen mit dem Auftauchen der EU als potenziell größter Verbraucher von natürlichem Gas weltweit, legen zusammengenommen die Saat für den gegenwärtigen geopolitischen Zusammenstoß über die Haltung zum Assad-Regime.

Die Syrien-Iran-Irak Gaspipeline

Im Juli 2011, als die Destabilisierungsoperationen der Nato und der Golfstaaten gegen Assad in Syrien im vollen Gange waren, unterzeichneten die Regierungen Syriens, des Iran und des Irak ein historisches Gaspipeline- und Energieabkommen. Dies blieb unter all den CNN-Berichten über die Unruhen in Syrien praktisch unbeachtet. Die Pipeline soll voraussichtlich 10 Milliarden US-$ kosten und innerhalb von drei Jahren fertiggestellt sein. Sie soll vom iranischen Hafen Assalouyeh nahe dem South Pars-Gasfeld im Persischen Golf über irakisches Territorium nach Damaskus verlaufen. Iran plant letztendlich, die Pipeline von Damaskus zu den Mittelmeerhäfen im Libanon weiter zu führen, um von dort die Märkte der EU zu beliefern. Syrien würde gemäß einem Abkommen mit dem Irak iranisches Gas vom iranischen Teil des South-Pars-Felds kaufen.

South-Pars, dessen Gasreserven in einem riesigen Feld im Golf lagern, das unter Katar und Iran aufgeteilt ist, wird als weltgrößtes Gasvorkommen angesehen. (Fussnote: Hassan Hafidh und Benoit Faucon, Irak, Iran, Syrien unterzeichnen $ 10 Mrd. Gas-Pipeline Abkommen, The Wall Street Journal, 25.07.2011, http://online.wsj.com/article/SB1000142405311190359110457631289250392.html) Faktisch wäre es eine schiitische Gaspipeline vom schiitischen Iran durch den Irak mit seiner schiitischen Mehrheit hin zum schiitenfreundlichen alevitischen Syrien Al Assads. Zum geopolitischen Drama hinzu kommt die Tatsache, dass das South-Pars-Gasfeld genau in der Mitte der territorialen Aufteilung des Golf zwischen dem schiitischen Iran und dem sunnitisch-salafitischen Katar liegt. Katar ist darüber hinaus ein Knotenpunkt mit dem US-Kommandozentrum des Pentagons, den Hauptquartieren der US-Luftwaffe, des Expeditionskorps Nr. 83 der Royal Air Force und des 379. Expeditions-Fluggeschwaders der USAF. Kurzum, Katar besitzt und beherbergt nicht nur den Anti-Assad Fernsehsender Al-Dschasira, der anti-syrische Propaganda über die arabische Welt ausstrahlt, es ist darüber hinaus eng verbunden mit der militärischen Präsenz der Nato und der USA am Persischen Golf.

Katar hat offensichtlich andere Pläne mit seinem Anteil am South-Pars-Feld als sich mit Iran, Syrien und Irak für gemeinsame Anstrengungen zusammenzuschließen. Katar hat kein Interesse am Erfolg der Iran-Irak-Syrien Gaspipeline, die gänzlich unabhängig von Katar oder von den Transitwegen der Türkei zu den sich öffnenden Märkten der EU ist. In der Tat tut es alles was möglich ist, um sie zu sabotieren, bis dahin die Lumpenmilizen der syrischen „Opposition“ zu bewaffnen. Viele von ihnen sind Dschihadisten, die von anderen Ländern geschickt wurden, u.a. aus Saudi-Arabien, Pakistan und Libyen. Zur Entschiedenheit Katars, die Zusammenarbeit Syrien-Iran-Irak beim Gas zu zerstören, trägt auch die Entdeckung eines neuen riesigen Gasfelds durch syrische Explorationsgesellschaften in der Nähe von Qara bei. Es liegt nahe der Grenze zum Libanon und zum von Russland gepachteten Hafen von Tartus an der syrischen Mittelmeerküste. (Fussnote: Daily Star, Syrien gibt Gas-Fund bekannt, 17.08.2011 www.naturalgasasia.com/syria-home-gasdiscovery.) Jegliche Exporte von iranischem oder syrischem Gas in die EU würden dann über diesen russisch geprägten Hafen gehen. Gemäß gewöhnlich gut informierten algerischen Quellen sollen die neu entdeckten Gasreserven, obwohl von Damaskus heruntergespielt, gleichen oder sogar noch größeren Umfang haben als die von Katar.

Wie der sachkundige Pepe Escobar von der Asia Times erst kürzlich betont hat, laufen Katars Pläne darauf hinaus, seine riesigen Gasreserven über den jordanischen Golf von Akaba zu exportieren. Jordanien aber ist ein Land, wo die Muslimbruderschaft die Diktatur des Königs bedroht. Der Emir von Katar hat offensichtlich einen Deal mit der Muslimbruderschaft, wobei er die internationale Expansion unterstützt im Austausch gegen ein Friedensabkommen daheim in Katar. Ein Regime der Muslimbruderschaft in Jordanien und auch in Syrien, unterstützt durch Katar, würde auf einen Schlag die ganze Geopolitik des Weltgasmarkts verändern und entscheidend zu Gunsten Katars und zu Ungunsten von Russland, Syrien, Iran und Irak verschieben. Das wäre auch ein heftiger Schlag gegen China.

Wie Escobar ausführt: „Es ist klar, worauf Katar abzielt: die 10 Milliarden-US-Dollar-Gaspipeline von Iran, Irak und Syrien, über die sogar entschieden wurde, als die Aufstände in Syrien schon in Gang waren, zur Strecke zu bringen. Wir sehen hier Katar in direktem Wettbewerb sowohl mit dem Iran (als Produzent) wie auch mit Syrien (Abnehmer) und in geringerem Grad mit dem Irak (als Transitland). Es ist nützlich daran zu erinnern, dass Teheran und Bagdad hartnäckig gegen einen Regimewechsel in Syrien sind. (Fussnote: Pepe Escobar, Warum Qatar eine Invasion in Syrien will, Asia Times, 27.09.2012 www.atimes.com/atimes/MiddleEast/NI28Ak03.html.) Escobar fügt hinzu: „Wenn es einen Regimewechsel in Syrien gibt – unterstützt durch die von den Kataris vorgeschlagene Invasion, dann wird alles einfacher in Sachen Pipelinistan. Ein mehr als wahrscheinliches Muslimbruderschaft-Regime in der Nach-Assad-Ära würde die Pipeline der Kataris mehr als willkommen heißen. Und das würde eine Erweiterung Richtung Türkei erheblich erleichtern. (Fussnote: Ebenda)

Das israelische Gasdilemma

Das Gesamtbild wird durch die neueste Entdeckung eines riesigen israelischen Offshore-Erdgasvorkommens noch weiter kompliziert. Es wird erwartet, dass Ende 2012 das Tamar-Erdgasfeld vor der Nordküste Israels anfängt, Gas für Israels Bedarf zu liefern. Mit der dramatischen Entdeckung eines enormen Erdgasvorkommens Ende 2010 vor Israels Küste in einem Gebiet, das die Geologen das Levante- oder das levantinische Becken nennen, änderte sich die Situation von Grund auf. Im Oktober 2010 entdeckte Israel ein riesengroßes Offshore-Erdgasfeld in der von ihm beanspruchten exklusiven Wirtschaftszone (EEZ). (Fussnote: F. William Engdahl, Die neue Mittelmeer Öl- und Gas-Bonanza – Teil 1: Israels Levante-Becken – ein neuer geopolitischer Fluch?, VoltaireNet.org, 20.02.2012 www.voltairenet.org/article172827.html)

Der Fund liegt in einer Tiefe von drei Meilen ca. 84 Meilen westlich der Hafenstadt Haifa. Es wurde „Leviathan“ nach dem biblischen Seeungeheuer genannt. Drei israelische Energieunternehmen in Zusammenarbeit mit Houston Texas Noble Energy veröffentlichten erste Schätzungen, dass das Feld ca. 454 Mrd. Kubikmeter Gas enthält, was es zum größten Tiefsee-Gasfund des Jahrzehnts macht und einmal mehr die sog. Theorien über die begrenzten Reserven an Öl, Gas und Kohle widerlegt. In Relation gesetzt würde das eine Gasvorkommen „Leviathan“ genug Reserven enthalten, um die Gasversorgung Israels für 100 Jahre sicherzustellen. (Fussnote: Ebenda)

Die Selbstversorgung mit Energie war dem Staat Israel seit seiner Gründung 1948 versagt geblieben. Ausgiebige Öl- und Gasexplorationen waren wiederholt mit dürftigem Ergebnis unternommen worden. Anders als seine energiereichen Nachbarn schien Israel glücklos zu sein. Dann entdeckte Israels texanischer Explorationspartner das Tamar-Vorkommen im levantinischen Becken ca. 50 Meilen westlich vom israelischen Hafen Haifa mit geschätzten 226 Mrd. Kubikmetern Erdgas von höchster Qualität. Tamar war die größte Entdeckung eines Gasvorkommens der Welt 2009.

Zu dieser Zeit lagen die geschätzten israelischen Gasreserven bei nur ca. 45 Mrd. Kubikmetern. Nach Regierungsschätzungen würde das einzige israelische Gasvorkommen, Yam Tethys, das 70% des Erdgases des Landes lieferte, innerhalb von ca. sieben Jahren erschöpft gewesen sein. ...

Mit den neu entdeckten Gasfeldern entwickelte sich Israel innerhalb von Monaten von einem Land der Knappheit zu einem Land mit Überfluss an Gas. (Fussnote: Ebenda)

Jetzt befindet sich Israel in einem strategischen und gefährlichen Dilemma. Israel ist natürlicherweise nicht allzu begeistert zu sehen, wie al-Assads Syrien, das mit Israels Erzfeinden Iran, Irak und Libanon verbunden ist, den israelischen Export von Gas in die EU-Märkte niederkonkurriert. Dies würde erklären, warum Netanjahus israelische Regierung innerhalb Syriens in den Anti-al-Assad Truppen Verwirrung gestiftet hat. Eine Regierung der Muslimbruderschaft in Syrien, angeführt von der Organisation um Mohamad Shaqfah, würde doch Israel mit viel feindlicher gesinnten Nachbarn konfrontieren, vor allem jetzt, da der Coup der Muslimbruderschaft durch den ägyptischen Präsidenten Mohamed Mursi zu einem feindlichen Regime an Israels Südgrenze geführt hat.

Es ist kein Geheimnis, dass Feindschaft, die an Hass grenzt, zwischen Netanjahu und der Obama-Administration herrscht. Das von Obama geführte Weiße Haus und das US State Department unterstützen offen die Regierungswechsel durch die Muslimbruderschaft im Mittleren Osten. Das Treffen von Hillary Clinton mit dem Türkischen Außenminister Davutoglu im August diesen Jahres war Berichten zufolge darauf gerichtet, die Türkei zu drängen, ihre militärische Intervention nach Syrien hinein zu verstärken, dies aber ohne direkte Unterstützung der USA, die mit Rücksicht auf den Wahlkampf in den USA eine Verwicklung in ein neues Debakel im Mittleren Osten vermeiden wollten. (Fussnote: The Economist, Politische interne Machtkämpfe der Türkei: Erdogan verteidigt sich: Der türkische Premierminister ist mit neuen Feinden zu Hause und im Ausland konfrontiert, 25.02.2012; siehe auch Hillary Clinton, Ausführungen nach dem Treffen mit Außenminister Davutoglu, Hotel Conrad Istanbul, Türkei, 11.08.2012, www.state.gov/secretary/rm/2012/08/196358.html)

Huma Abedin, stellvertretende Stabschefin des State Department, wurde von einigen republikanischen Repräsentanten des Kongresses beschuldigt, Beziehungen zu Organisationen zu unterhalten, die von der Muslim Bruderschaft kontrolliert werden. Dahlia Mogahed, Obamas Beauftragte im Beratungsgremium für Partnerschaften, die Glaubens- oder Nachbarschaftsfragen betreffen, die gleichzeitig Mitglied im Beratungsgremium des Ministeriums für Heimatschutz ist, steht in offener Verbindung zur Muslimbruderschaft, sie ist ein offener Feind Israels und ist ebenso für den Sturz des syrischen al-Assad. (Fussnote: CSP, Center Report enthüllt radikalislamistische Ansichten und Absichten der Mutter des hohen Regierungsbeamten des State Departments Huma Abedin, Washington, Zentrum für Heimatschutz, 22.07.2012 im Zugriff http://www.centerforsecuritypolicy.org/p19045.xml?genre_id=3. Siehe auch Aaron Klein, Muslim Brotherhood unterstützt Obamas Berater in Glaubenssachen: Gibt grünes Licht zu „Schwester Mogaheds“ Posten bei Twitter für einen toten Journalisten, WorldNetDaily, 29.04.2012, www.wnd.com/2012/04/muslim-brotherhood-endorses-obama-faith-adviser/) Das Washington Obamas scheint definitiv auf das Pferd Muslim Bruderschaft im Rennen um die Kontrolle der Gaslieferungen des Mittleren Ostens zu setzen.

Und die Rolle Russlands

In der Hoffnung al-Assad tödlich zu schwächen, vollführt Washington einen vorübergehenden Drahtseilakt, ohne als direkt beteiligt zu erscheinen. Russland spielt für seinen Teil ein Spiel auf Leben und Tod bezüglich der Zukunft seines effektivsten geopolitischen Druckmittels – seiner Rolle als führender Lieferant von Erdgas in die EU. In diesem Jahr begann die russische staatliche Gazprom, Gas nach Norddeutschland von einem Hafen in der Nähe von St. Petersburg über die North Stream Pipeline unter der Ostsee zu liefern.

Für die zukünftige Rolle Russlands als EU-Gaslieferant ist es strategisch lebensnotwendig, die Möglichkeit zu haben, eine bedeutende Rolle bei der Ausbeutung der neugefundenen Gasreserven Syriens, seines früheren Satellitenstaates aus der Zeit des kalten Krieges, zu spielen. Seit Langem engagiert sich Moskau bei der Förderung seiner South Stream Gaspipeline nach Europa als eine Alternative zu Washingtons Nabucco Pipeline, die konzipiert war, um Moskau im Regen stehen zu lassen. (Fussnote: F. William Engdahl, Moskaus riskantes Spiel in der Energiegeopolitik, Voltairenet.org, 15.11.2011, iwww.voltairenet.org/article171902.html)

Schon jetzt ist Gazprom der größte Lieferant von Erdgas an die EU. Gazprom plant mit North Stream und anderen Leitungen seine Gaslieferungen nach Europa in diesem Jahr um 12% auf 155 Milliarden Kubikmeter zu steigern. Es kontrolliert 25% des gesamten europäischen Gasmarkts und zielt darauf ab, mit der Fertigstellung von South Stream und anderen Projekte 30% zu erreichen.

Rainer Seele, Vorstandsvorsitzender der deutschen Wintershall, Gazproms Partner bei North Stream, weist auf das geopolitische Denken, bezüglich der Entscheidung sich South Stream anzuschließen, hin: „Im globalen Ringen um Rohstoffe gegen die asiatische Länder wird South Stream wie auch North Stream den Zugang zu den Energieressourcen absichern, die lebenswichtig für unsere Wirtschaft sind.“ Aber der Schwerpunkt von South Stream liegt eher zum Westen hin als auf Asien. Die anhaltende Schlacht zwischen Russlands South Stream und der von Washington unterstützten Nabucco ist ungemein geopolitisch. Der Gewinner wird einen größeren Vorteil im zukünftigen politischen Terrain von Europa haben. (Fussnote: Ebenda)

Nunmehr ist eine neue Option für Syrien als bedeutende Quelle für von Russland gemanagte Gaslieferungen in die EU aufgetaucht. Wenn al-Assad überlebt, wird Russland in der Rolle als Retter in der Position sein, eine entscheidende Rolle in der Exploration und Ausbeutung des syrischen Gases zu spielen. Israel, in dem Russland auch einige Trümpfe in der Hand hat, kann theoretisch seine Haltung ändern und ein russisch-syrisch-irakisch-iranisches Gaskonsortium unterstützen, wobei Israel und der Iran zu einem Modus Vivendi über nukleare und andere Streitfragen kommen müssten. Das wäre nicht unmöglich, wenn nach den kommenden Wahlen sich die politische Konstellation in Israel ändern würde.

Die Türkei, in der derzeit eine tiefe interne Auseinandersetzung zwischen Davutoglu und Präsident Gül auf der einen Seite und Erdogan auf der anderen stattfindet, ist abhängig von der russischen Gazprom bezüglich ca. 40% des Gases für seine Industrie. Würden Davutoglu und sein Lager verlieren, könnte die Türkei eine viel größere Rolle in der Region als Transitland für syrisches und iranisches Gas spielen.

Im Kern geht der Kampf um die zukünftige Kontrolle von Syrien, um diesen enormen geopolitischen Krieg und um das Tauziehen darum. Seine Lösung wird gewaltige Auswirkungen haben, entweder gibt es Weltfrieden oder es gibt endlose Kriege mit Mord und Totschlag. Sowohl das NATO-Mitglied Türkei als auch der Emir von Katar spielen mit dem Feuer, zusammen mit Israels Netanjahu und den NATO-Mitgliedern Frankreich und USA.

Erdgas ist der explosive Bestandteil, der diese verrückte Jagd nach Energie in der Region anheizt.

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