KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus”

World Association for Political Economy

Ungleichheiten und Weltkapitalismus: Analyse, Politik und Aktion

Eine Erklärung vom WAPE-Forum 2013

Seit Ende 2007, als die letzte historische Krise des Kapitalismus die schlimmste aller Krisen wurde, werden Länder in Lateinamerika und Asien, besonders China, als neue Akteure einer sich verändernden Welt als Alternative zum Kapitalismus bezeichnet.

Es gibt viele Arten von Ungleichheiten wie zum Beispiel Ungleichheiten zwischen Nationen, Ungleichheiten bezüglich des Geschlechts, der Hautfarbe, beim Einkommen und beim Reichtum. Diese Erklärung fokussiert sich auf Ungleichheiten beim Einkommen und Reichtum, weil solche Ungleichheiten in der derzeitigen Krise des Kapitalismus als die wichtigsten auftreten.

Diese Krise hat zu einer Abnahme der Wachstumsraten in der Welt geführt, besonders mit enormen sozialen Folgen in Europa. Neben vielen anderen Ländern erleben Griechenland, Spanien, Portugal und Frankreich eine Ära mit hoher Arbeitslosigkeit. Die Armut in Europa nimmt zu. Die Reaktion der herrschenden Klassen in diesen Ländern auf diese Probleme besteht in der Einführung von Austeritätspolitik. Anstatt die Arbeitslosigkeit zu verringern und den Lebensstandard zu erhöhen, hat diese Politik das Vordringen privatkapitalistischer Aktivitäten erhöht.

Wir haben sehr große Unterschiede im Niveau der Haushaltsvermögen zwischen den Ländern beobachtet. Nach einer Studie von James et al (2011) sind die USA das reichste Land nach gesamtwirtschaftlichen Bedingungen mit einem geschätzten Vermögen von PPP (Kaufkraftparität) von 201.319 $ pro erwachsene Person im Jahr 2000. Auf der anderen Seite der Skala unter den Ländern mit Daten bezüglich der Vermögen steht Indien mit einem Vermögen pro Erwachsenem mit 11.655 $ gemäß PPP-Bedingungen. Globaler Reichtum ist hoch konzentriert, viel höher als die Verteilung der Einkommen. Der Anteil der oberen 10 % der Erwachsenen von 2000 wird auf 71,2 % geschätzt mit einem Gini-Koeffizient von 0,804. Der Anteil der unteren Hälfte beträgt gerademal 1,6 % (0,784 % in Brasilien, nahe an dem der USA mit 0,801 %). Die gemessene Ungleichverteilung des Reichtums ist noch höher, wenn im internationalen Vergleich offizielle Wechselkurse herangezogen werden, was angemessen ist, wenn das Augenmerk auf die Reichen und Superreichen gerichtet ist: Der Anteil des obersten Zehntels erhöht sich dann auf 85 % und der Gini-Koeffizient erreicht 0,893.

Diese Statistiken belegen, dass die Verteilung des Reichtums in der Welt erheblich ungleicher ist als die Verteilung der Einkommen, für welche Milanovic (2005) Gini-Koeffizienten von 0,642 angibt und von 0,795 bezüglich Kaufkraftparität basierend auf den Wechselkursen, in Bezug auf seine gesamte Stichprobe von 1998. Die geschätzte Konzentration von Reichtum ist in den Ländern von Fall zu Fall verschieden und ist allgemein sehr hoch. Vergleiche bezüglich der Ungleichverteilung von Reichtum richten das Augenmerk oft auf den Anteil der Oberen 1 %. Diese Statistik gibt es für elf Länder für ca. die zehn letzten Jahre. Die geschätzten Anteile der Oberen 1 % reichen von 10,4 % in Irland bis 34,8 % in der Schweiz, mit den USA nahe am oberen Ende mit 32,7 % (Der Stichprobenumfang für die Untersuchung bzgl. der USA schließt die 400 reichsten Familien nach Forbes aus; würde man diese hinzufügen, würde sich der Anteil der Oberen 1 % um 2 %-Punkte erhöhen).Der Anteil der Oberen 10 %, der für ganze 20 Länder verfügbar ist, reicht von 39,3 % in Japan bis 76,4 % in Dänemark.

Die Wurzel der weltweiten Ungleichheit liegt in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht im kapitalistischen System. In Volksbewegungen – wie „Occupy Wall Street”, welche sich in ca. 80 anderen Ländern ausgebreitet hat – wird weitgehend erkannt, dass es einen Widerspruch zwischen den 1 % reichen Oberklassen und den 99 % Volksmassen gibt und dass das 1 % eine völkermörderische Rolle in der wirtschaftlichen Entwicklung spielt. Joseph Stiglitz, in einer Rede über die Erfindung des Begriffs 1 % und darüber, warum diese schlecht für die Ökonomie sind (Time, 11. Juni 2012), stellte fest, dass Amerika sich selbst täuscht, wenn es sich das Land der Möglichkeiten nennt. Statistische Daten der USA zeigen, dass die oberen 20 % der amerikanischen Familien 50,2 % des Haushalteinkommens bekommen, die ärmsten 20 % aber nur 3,3 %. In den 80er Jahren vor der Reagan-Regierung, waren diese Relationen bei 44,1 und 4,2 %.

Trotz der Aufrechterhaltung einer enormen Fähigkeit, sich ungünstigen Bedingungen anzupassen, haben die existierenden Formen des Kapitalismus keine Möglichkeit zu einem nachhaltigen Ausgleich mit den sich gegenwärtig entwickelnden menschlichen Potentialen; sie sind darauf orientiert, diese ausschließlich als eine Grundlage für ein ungebremstes Streben des Kapitals, seinen Wert zu erhöhen, zu nutzen. Das ist es, was dazu führt, dass die Interessen der imperialistischen Staaten unter die Hegemonie des Finanzkapitals gezwungen werden. In anderen Worten: das Aufzwingen des Primats der ökonomischen Stabilität der Finanzoligarchie über die anderen Dringlichkeiten des Staates und über die Interessen der weiten Mehrheit der Bürger.

Im Mai diesen Jahres sind Marxisten und andere, die Marx studieren und die Interesse an der Kritik der politischen Ökonomie haben, aus vielen Teilen der Welt an der UFSC, Florianópolis, Brasilien, zusammengekommen, um über „Ungleichheiten und Weltkapitalismus: Analyse, Politik und Aktion“ zu diskutieren. Dies ist das achte Forum der World Association for Political Economy (WAPE). Unser Ziel ist es, die Bedingungen der Entwicklung der Welt von einer radikalen Perspektive durch erneutes Studium der vorliegenden und unvollendeten Schriften von Marx und durch das Studium der vielfältigen Realitäten unserer Zeit zu analysieren.

Unter diesem Gesichtspunkt sind die weltweiten Ungleichheiten zwischen Regionen, Ländern und sozialen Klassen spezifisch für die kontinuierliche Art und Weise der kapitalistischen Entwicklung. Es besteht ein dringendes Bedürfnis, all diese Ungleichheiten durch den sozialen und politischen Aufbau von sozialen und politischen Alternativen zu überwinden, auf Grundlage von alternativem Denken und von Analysen, die sich ergeben auf dem Weg, den Marx eröffnet hat und auf Grundlage der praktischen Politik der Veränderung, die sich aus solchen Analysen ergibt. Hierzu ist die Veranstaltung in Florianópolis ein Versuch die Erfahrungen der sozialen Bewegungen in Lateinamerika mit einzubeziehen, die zur sozialen Veränderung der politischen Kräfte in der Region beitragen.

Eine wichtige Dimension der politökonomischen Situation in der Region ist der Aufstieg von Regierungen mit einer breiten Basis im Volk in vielen Ländern wie z.B. Venezuela, Bolivien, Equador, Uruguay, Argentinien und Brasilien. Die Regierungen dieser Länder haben wichtige politische Maßnahmen zur sozialen Inklusion, die auf die Reduzierung sozialer Ungleichheiten gerichtet sind, durchgeführt. Die Basis, auf die sich diese Regierungen stützen können, hat sich ausgedehnt auf Teile der mittleren Einkommensgruppen und sogar auf die Klasse der Unternehmer, die diese Politik der sozialen Inklusion als einen Baustein zur Eröffnung neuer Investitionsmöglichkeiten und konsequenterweise als Vorteil sehen, um den Wert des Kapitals zu erhöhen.

Diese Regierungen und diese Politik sind jedoch erheblich begrenzt, da sie das Resultat sozialer Allianzen sind, die politische Kräfte einschließen, die nur auf die herrschende Form der kapitalistischen Entwicklung aus sind. Es ist bekannt, dass so eine Entwicklung die Gesellschaft krisenanfälliger und Regierungen weniger menschenfreundlich macht, ohne Entfaltungsmöglichkeiten für mehr grundsätzliche soziale Veränderung zu schaffen.

Deshalb schlagen wir vor:

Unsere Studien über die negativen Momente und die entwickelten Überlebensstrategien des Kapitalismus so zu vertiefen, dass es möglich ist, dessen prinzipielle Unfähigkeit zum Überleben, wie auch seine Hartnäckigkeit als eine verfallende soziale Ordnung hervorzuheben;

Unsere Möglichkeiten einer politischen und wissenschaftlichen Diskussion und unsere Beziehungen zu den sozialen Volksbewegungen zu erweitern, indem wir sie als soziale Kräfte anerkennen, die wirkliche Veränderungen der Gesellschaft unter den gegenwärtigen historischen Umständen bewirken können;

Reformbestrebungen in einzelnen Ländern zu unterstützen, die vorrangig auf die Reformierung der Eigentumsstrukturen in Richtung auf einen stärkeren Staat, kollektive und kooperative Wirtschaft abzielen, mit dem speziellen Augenmerk darauf, die Probleme der Ungleichheit und Widersprüche zwischen Arm und Reich durch Maßnahmen, die sich auf Privateigentum an Unternehmen und Verteilung beziehen, zu lösen;

Die nationalen Regierungen rund um die Welt sollten politische Maßnahmen zur Regulierung der Fluktuation von Einkommen ergreifen und die Arbeitseinkommen an Produktivität, Profitrate, Erhöhung von Einkommen der Manager und an die Steigerung der Lebenshaltungskosten binden.Danach zu streben, die Rolle der nationalen Regierungen bei der Einkommensverteilung zu stärken sowie das Niveau der Sozialleistungen, wie auch das der sozialen Absicherung, der Erziehung, der Wohnungssituation usw. der städtischen und ländlichen Bevölkerung zu verbessern;

Internationale Organisationen und fortschrittliche Wissenschaftler sollten Strategien zur Vereinheitlichung der Besteuerung entwickeln als Antwort auf die Milliardäre der ganzen Welt (z.B. wie kürzlich der französischen), die es schaffen der gesetzlichen Besteuerung in ihren eigenen Ländern zu entgehen, indem sie in andere Länder mit geringerer Besteuerung emigrieren (z.B. Russland);

Kontinuierlich sollten wir unsere Ansichten bezüglich der sozialistischen Alternativen für das 21. Jahrhundert diskutieren und hinterfragen, die es uns ermöglichen, die Probleme, die der Kapitalismus mit sich brachte, zu überwinden. Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts in Lateinamerika verdient unsere Unterstützung, weil er eine fortschrittliche Vorstellung und wichtige Aktion in Richtung auf die Beseitigung von Ungleichheiten darstellt.

Widerstand gegen alle Formen des Imperialismus und gegen die Kriege, die durch diesen vom Zaun gebrochen wurden, um seine Reproduktion als hegemoniale Ordnung sicherzustellen.

Dafür sehen wir die Zusammenarbeit aller Marxisten und aller anderen Studierenden von Marx weltweit als wesentlich an. WAPE ist ein wichtiger Platz für dieses Ziel, an dem der Austausch von Gedanken, Studien und Handlungsvorschlägen ausgehend von Marx’ Kritik der politischen Ökonomie möglich ist. Es gibt keinen Weg, den Kapitalismus zu überwinden ohne eine weltweite politische, ökonomische, kulturelle und wissenschaftliche Bewegung der Kräfte, die von Marx inspiriert sind.

Übersetzung aus dem Englischen Original: Ernst Herzog