Quelle: Kalaschnikow Jahrgang 1996

Thema: Organisationsfrage – Arbeitermacht oder Volksfront?

Krieg und Revolution in Spanien

Von Fritz Teppich

Warum heute Polemik gegen Volksfront?

Seit wenigen Jahren haben Veröffentlichungen über Krieg und Revolution in Spanien wieder Konjunktur. Erstaunlich? Weshalb? Ich meine: diese Konjunktur hat Gründe. Nach der Rückwende von 1989/90, also dem Verfall der Roten Gegenmächte in Osteuropa, glauben manche im Westen Herrschende, das Kapitel Sozialismus/Kommunismus sei abgeschlossen. Nach dem jähen Absturz folgt nun unerwartet, auf neuen Grundlagen, eine gewisse Stabilisierung, nicht nur in der ex-DDR, auch in Russland, Polen usw. Die Totgeglaubten rühren sich, entwickeln sich neu, sehr unterschiedlich – und jagen den Oberen Angst ein.

Daraufhin wird die alte Propagandawalze auf neue Art wieder angeworfen. Das in vieler Hinsicht für Linke positive Fortschrittsbeispiel Spanien wird madig gemacht, gleichfalls übrig gebliebene Leitfiguren, Stephan Hermlin. Nachdem Jahrzehnte seit dem Spanienkrieg und der Exilzeit vergangen sind, merkt kaum jemand, wenn dabei Tatsachen verfälscht, Zusammenhänge irrig dargestellt werden. Eine neue Welle von Büchern, Artikeln, sogar Filmen werden so desinformierend auf den Weg gebracht, so der mit zwei Millionen Pfund Sterling vorfinanzierte, raffiniert Gefühle Unwissender aufwühlende Film „Land and Freedom“. Und über aufklärende Ausstellungen … wird in der Presse kaum etwas gebracht.

Es wird gezielt wahrheitswidrig gegen die spanische Volksfront polemisiert, also gegen jenes Zusammenwirken von Linken bis zu liberalen Antifaschisten in Spanien, das erst den Widerstand gegen die vereinte Konterrevolution von Franco, Hitler, Mussolini, Salazar ermöglicht hatte. …

Mittels Verfälschung von Begriffen wie „Revolutionär“ oder „Arbeitermacht“ wird gegen Keime fortschrittlicher Auffassungen und Entwicklungen rechtzeitig vorgegangen. Deswegen ist für heute im Establishment Wirkende oder Mitwirkende das Spanien der 1930er Jahre wieder aktuell.

In dieser Übersicht ergänze ich eigenes Wissen durch Rückgriffe auf unterschiedliche Veröffentlichungen. Das Standardwerk des britisch-bürgerlichen Spanienhistorikers Hugh Thomas gehört dazu. Zitate aber auch zum Beispiel aus der Spanienbroschüre von 1987 der streng anti-parteikommunistischen „Gruppe Arbeiterstimme“ mit Dokumenten wie Zeugnissen aus der Zeit des Spanienkrieges. Die Gruppe bezeichnet sich als POUM-nah; jene „Arbeiterpartei Marxistische Vereinigung“ war eine Abspaltung der kleinen Vorkriegs-KPS ... Bei Zitaten aus dieser Quelle werde ich meist nur die jeweilige Seite nennen. Verblüfft war ich, in dieser sowie anderen, meinen Ansichten entgegenstehenden Publikationen, Belege zu finden, die meine Ansichten und Erfahrungen stützen.

Die Krisenjahre ab 1929

An der Wende der zwanziger zu den dreißiger Jahren stöhnte ganz Europa unter den Lasten der Weltwirtschaftskrise: Arbeitslosigkeit, Sozialabbau und im Gefolge Spannungen sowie Polarisierung. Demagogen wie Hitler versprachen glühende Verhältnisse zu schaffen und Millionen fielen darauf herein. Von rechts und ebenso von links wurde versucht, diametral entgegengesetzt selbstverständlich, Weichen für die Zukunft zu stellen. Was Spanien betrifft, so war Anfang 1931 die Monarchie am Ende ihres Lateins. König Alfons XIII. floh und die Republik wurde ausgerufen. Spanien war und ist ein Mehrvölkerstaat aus Kastiliern, Katalanen, Basken und Galiciern, auch die Andalusier haben Besonderheiten. Das Land war, was meistens unbekannt bleibt, zu einem Drittel kleinbürgerlich geprägt durch eine Flut von Mini-Ladenbesitzern, Handwerkern, Kleinbauern, perspektivlosen Intellektuellen, Kleinstädtern. Dieses Drittel war eingeklemmt zwischen einer teils aufbegehrenden Unterschicht und einer rücksichtslos ihre Machtpositionen nutzenden Oberschicht.

Diese Kleinbürgerlichen standen überwiegend Sozialismus oder Anarchismus fern, erstrebten liberale, antiklerikale Verhältnisse. Davon versprachen sie sich Aufstieg und Prosperität und Brechen der Kirchenmacht. So siegten die unterschiedlichen liberalen Parteien, bei den ersten Parlamentswahlen, bald nach Etablierung der Republik. Eine liberale Regierung trat an. Spanien war also entgegen heutigen Annahmen keine rote oder schwarz-rote Republik, entwickelte sich vielmehr zu einem von breiten Schichten getragenen, nach mehr Zukunft und Glück strebenden antifaschistischen Gemeinwesen.

In Deutschland schwoll unterdessen die zweigeteilte Arbeiterbewegung an. Als Bollwerk dagegen wurde von Finanz- und Wirtschaftsgewaltigen die NSDAP nebst ihrer teuren Privatarmee aus SA und SS mit finanziert. Anfang 1933 wurde Hitler, gestützt von der konservativen „Harzburger Front“, Reichskanzler. Bald wurde von Berlin aus das Überschwappen der braunen Welle auf Nachbarländer betrieben, neue faschistische Gruppierungen weithin: in Britannien unter Sir Oswald Mosley, in Belgien die „Rexisten“ unter Degrelle, in Frankreich verschiedene, so die „Feuerkreuzler“ des Oberst de la Roque usw. Auch nach Spanien wurden Verbindungen gesponnen. In vielem zurückgeblieben, aber reich an Rohstoffen, war das weitgefächerte Land dank seiner Lage zwischen Atlantik und Mittelmeer von beträchtlicher Bedeutung. Gestützt auf seine Geschichte und die spanische Sprache verfügte das Land und verfügt weiter über erhebliche Ausstrahlung nach Nordafrika und Lateinamerika.

Geschichte wiederholt sich zwar nie. Doch heute, wenn auch unter veränderten Bedingungen, schaukeln wir wieder inmitten einer Weltwirtschaftskrise … Vollbeschäftigung wird zur Illusion, die Perspektiven verdüstern sich. …

Es stellt sich für die Benachteiligten die Frage nach richtigen Wegen, nach der jeweils voranbringenden Lösung. Die Dialektik der Vorgänge ergibt, dass unter den damals in Spanien gegebenen Voraussetzungen Rufe nach Arbeitermacht verhallen mussten, also letztlich auch regressiv wirkten, während scheinbar zahmer Rückgriff auf Breitensammlung, im Wesentlichen seinerzeit Volksfront, erst Möglichkeiten zum Erreichen grundsätzlicher Fortschrittsziele frei machte. Im Zuge der Einheit der Widersprüche werden eben Werte stellenweise umgekehrt, was dialektisch Ungeübten meist verborgen bleibt. Doch leicht zu begreifen ist, dass heute mit isolierten, überzogen heftigen Aktionen wenig erreicht werden kann, während gebündeltes Vorgehen, sei es gegen Betriebsschließungen, Rentenkürzungen, Atomgefahren usw., Durchschlagkraft bringt. In solchen Zusammenhängen sind Rückblicke auf Erfahrungen im Vorkriegs- und Kriegsspanien aufschlussreich.

Spanien nach Errichtung der Republik

Die einstige Kommunistische Partei Deutschlands wird zu Recht gescholten, sich bis etwa Mitte der dreißiger Jahre verbissen zu haben in die unmittelbare Zielsetzung „Sowjetmacht“, mit anderem Wort, „Arbeitermacht“. Dies, obwohl jene Losung nicht mehr mehrheitsfähig war (angesichts des Auswechselns der sozialen Hauptstütze durch die Bourgeoisie – Anm. des Chronisten). Statt Frontstellung gegen die SPD wäre Bemühen um Zusammenwirken mit der Sozialdemokratie und anderen nazigegnerischen Gruppierungen überlebensnotwendig gewesen, auch wenn viele sozialdemokratische Führer in Noskeverwobenheit sich dem noch entgegenstellten. Bei solchem Zusammenwirken hätte keine Seite auf Grundüberzeugungen verzichten müssen, die Kommunisten hätten es meiner Meinung nach sogar nicht gedurft und taten es auch nicht.

Beweise für Möglichkeiten linker Breite habe ich in Volksfront-Spanien in Vielfalt erlebt. Dies trotz oder gerade wegen heftiger, manchmal kaum noch erträglicher Auseinandersetzungen. Die zahlreichen Zeitungen unterschiedlichster Richtungen, die bis zuletzt bei zunehmendem Streit überall verkauft wurden und davon Zeugnis ablegen, können nun bei uns in Archiven eingesehen werden. Ich lernte in Spanien Folgendes: revolutionäre Veränderungen, Volksherrschaft, die unerlässliche Kontrolle der Macht, sind nicht zu verwirklichen ohne Aufprall von auseinanderklaffenden Meinungen im eigenen Lager, wobei Wille, Konsens zu finden, überlebenswichtig bleibt. Wer heute unter den Bedingungen stark verfestigter Supermacht-Strukturen Fortschritt durchsetzen möchte, muss lernen die Dialektik des Zusammenwirkens unterschiedlicher Kräfte zu praktizieren.

Daran haperte es in Spanien. Linke und Liberale waren Mitte der dreißiger Jahre dort längst nicht frei von Wirrungen und Irrungen. Immerhin waren sie weitsichtiger und lernfähiger als wir in Deutschland. Zugegeben, sie hatten als Lehrstücke Vorangegangenes vor Augen: Die fürchterlichen Folgen deutscher linker Zerstrittenheit; in positivem Gegensatz dazu den 6. Februar 1934 in Paris, wo es Republikverteidigern in Breite gelungen war, den Sturm Rechtsextremer auf das Parlament zurückzuschlagen; im Gegensatz dazu bald darauf die Niederlage des bewaffneten Widerstands des links-sozialdemokratischen „Schutzbundes“ in Österreich gegen das reaktionäre Dollfuß-Regime, dem die Mittelschichtstützen nicht hatten genommen werden können; schließlich, ausschlaggebend für den Lernprozess der spanischen Linken, der Arbeiteraufstand im Oktober 1934 in Asturien, der jedoch ebenfalls mangels breiter Unterstützung im gesamten Land schließlich gescheitert war. 1934 war europaweit ein Jahr wichtiger Kämpfe um Ausgangspositionen gewesen.

Blicken wir an dieser Stelle zu den Anfängen der Spanischen Republik zurück, um so die Entwicklung besser zu begreifen und zu durchschauen: Erst nach langem Gerangel und schweren Rückschlägen, doch immerhin war der Weg zum Zusammenwirken von verschiedensten Linken bis zu unterschiedlichsten Liberalen gefunden worden. Nach Etablierung der Republik im April 1931 wurden die liberalen Parteien Wahlsieger. Die von ihnen gestellte Regierung war jedoch zu wirklich tiefgreifenden Reformen, vor allem einer Agrarreform, nicht bereit gewesen. Enttäuschung griff um sich. Bei den folgenden Wahlen, Ende 1933, blieb etwa ein Drittel der Wahlberechtigten den Urnen fern und mancher bisherige Wähler ging zur rechten Mitte oder sogar zur Rechten über. Das Pendel schwenkte nach rechts.

Zu dem Rechtserfolg hatte ungewollt das Festhalten der anarchistischen FAI/CNT – also der Anarchistischen Föderation der Arbeit – an ihrem Prinzip des Wahlboykotts beigetragen. Wunschvorstellungen wogen schwerer als Realitäten. Sie hielten bürgerliche Parlamentswahlen grundsätzlich für Betrug und das Umfeld galt nichts. Die bis zu zwei Millionen Anhänger von FAI/CNT blieben zu Hause. Die Führer der extrem konservativen Hauptwahlsieger sorgten anschließend taktisch geschickt – deutsche Bundesrepublikaner sollten aufmerken – für Machtübergabe an eine Regierung der schwächeren rechten Mitte. Der Demagoge Lerroux – wegen einer Korruptionsaffäre musste er bald gehen – war Regierungschef geworden und schaltete auf Rückwärtsgang. Die mageren Reformen wurden zurückgenommen und es wurde übergegangen zu Lohnabbau, Mietwucher und ähnlichem mehr. Diese Reaktionszeit wurde „Schwarzes Doppeljahr“ genannt.

Als 1934 drei Vertreter der ultrarechten katholischen Sammlungspartei CEDA Minister werden sollten, griff Largo Caballero ein, der Gewerkschaftssekretär der mächtigen sozialdemokratischen Gewerkschaft UGT, das jedoch selbstherrlich. Caballero war ein älterer Mann und, obwohl er dem Diktator der 20er Jahre, General Primo de Rivera, als Staatsrat gedient hatte, galt er auf Grund wortradikalen Auftretens jetzt als Linkssozialdemokrat. Er rief die Arbeiter in Zentral- und Südspanien sowie in Katalonien locker zum Generalstreik auf – jedoch ohne Absprache mit der etwa gleichstarken, verfeindeten anarchistischen Konkurrenzgewerkschaft CNT und ohne Berücksichtigung der Bauern. Der Streik blieb in den Startlöchern stecken.

Das zündende Signal Asturien

Unterdessen war jedoch in der nördlichen Bergbau- und Industrieprovinz Asturien weitsichtig eine von kommunistischer Seite initiierte, umfassende Arbeiterallianz im Entstehen. Anarchisten und Sozialdemokraten waren dabei. Unter der aufrüttelnden Losung „Union Proletarische Brüder“ (UHP) war allseitiges Zusammenwirken solidarisch vereinbart und sorgfältig organisiert worden. Heimlich wurde eine Arbeiterwehr vorbereitet. Dann Aufruf zum Streik gegen Reaktion, Sozialabbau, Willkür. Der Vorstoß eskalierte bald zum Aufstand. Die Kämpfenden konnten auf große örtliche Waffenfabriken zurückgreifen und Arbeiterwehren waren in Kürze einsatzbereit.

Der Aufstand wurde im proletarisch geprägten Asturien breit unterstützt. Rechte Sozialdemokraten waren nicht vor die Köpfe gestoßen worden und wurden mitgerissen. Ihre Bergarbeiterfunktionäre, so Gonzalez Pena oder Belarmino Tomás, wurden zu herausragenden Aufstandsführern. Jedoch blieb ins Gewicht fallende Unterstützung aus dem übrigen Spanien aus, unter anderem als Folge der gescheiterten Caballero-Aktion. Die Madrider Reaktionsregierung entsandte unter dem Oberbefehl des jungen General Franco Kolonialregimenter, denen zusätzlich Artillerie und Flugzeugstaffeln beigegeben waren. Die Truppe ging brutal vor. 3.000 Arbeiterkämpfer und Angehörige wurden getötet, 7.000 verletzt.

Dennoch hatten die Aufbegehrenden den Moros und Fremdenlegionären zwei Wochen lang stand gehalten. Allerdings war der Aufstand der Arbeitermacht nicht imstande gewesen, Massen in ganz Spanien gegen die reaktionären Verhältnisse in Bewegung zu bringen. Doch Asturien sollte in der Folge zu jenen Niederlagen zählen, die aufrüttelnd wirken und Voraussetzungen für späteres Vorpreschen schaffen. Unter der gnadenlosen Unterdrückungsdecke griff die Glut des in Asturien entfachten Freiheitsfeuers auf große Teile Spaniens über.

In Madrid glaubten damals die Oberen durch Anziehen der Repressionsschrauben jegliche Gedanken an weitere Auflehnung im gesamten Staat ausbrennen zu können. CEDA-Chef Gil Robles, zuvor Chefredakteur der Madrider Jesuitenzeitung „El Debate“, wurde Kriegsminister. Er ernannte Franco zum Chef des Generalstabes. Über 30.000 Republikaner wurden landesweit eingekerkert, darunter auch viele Liberale, so der spätere Präsident von Katalonien, Companys. Die politischen Gefangenen wurden zum Teil gefoltert, zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt, bis lebenslang und sogar zum Tode. Rasch erfolgten erste Hinrichtungen. Das in einem Staat mit seinerzeit nicht mehr als 24 Millionen Einwohnern, die in Großfamilien ihr Zuhause hatten. Zu zahlreichen dieser Familien gehörten fortschrittlich eingestellte Angehörige – und so wurden auch ansonsten mehr oder weniger unpolitische Großfamilien vom Terror betroffen. Empörung wallte auf, Zorn eskalierte.

Der rechtsliberale Republikpräsident Alcalá Zamora mischte sich ein, hoffte, durch Ausschreibung von Parlamentswahlen für Februar 1936 die Lage in den Griff zu bekommen. Das Mehrheits-Wahlgesetz sollte die Rechte begünstigen und ihr Sieg schien wahrscheinlich. ... Alles schien bestens geregelt. Aus alledem ergaben sich für politisch Interessierte einige Kernfragen: Wohin würden die schwankenden Kleinbürger sich wenden? Würden FAI/CNT weiter auf Wahlboykott beharren? Wie, fragten sich Linke, den auf Spanien einwirkenden, europaweit vorpreschenden … Faschismus stoppen? Also: Für maximal breite Volksfront oder für eng eingegrenzte Arbeitermacht?

Parole Volkfront

Die Kommunistische Partei Spaniens (KPS), nach dem 1. Weltkrieg gegründet, immer wieder in die Illegalität getrieben, verharrte ein Jahrzehnt in Sektierertum und war mitgliederschwach. Nach politischer Neuorientierung, 1932, hatte sie jedoch aus dem Kampf in Asturien und angesichts der bedrohlichen Entwicklung in Europa schon ein Jahr vor dem VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale von 1935 einleuchtende Schlussfolgerungen gezogen und warb für antifaschistische Einheit. Vieles kann den Kommunisten vorgeworfen werden – es gibt keine blütenweißen Parteien und Bewegungen ... Damit soll nichts verniedlicht werden. Doch der Vorwurf, die KPS hätte anstatt linkseinigend vorzugehen, wortrevolutionär agieren sollen, ist geschichtsnegierend und absurd.

Das kommunistische Plädoyer für Volksfront fand allmählich Beachtung. Ohne je auf ihre Grundpositionen zu verzichten, aber opferbereit, flexibel, weitsichtig und Mut befördernd, erwarb die KPS in Breite Anerkennung und wurde über die Kriegsjahre zunehmend mitgliederstark. Zehntausende Kommunisten gaben nicht nur ihr Wohl, sondern häufig auch ihr Leben. Dies obwohl andere in Spanien teilweise in ihrem Einsatzwillen gegen den Faschismus nicht durchhielten. Man lese, was der kämpferische Anarchist Durruti gegen – wie er es nannte – Feigheit in eigenen Reihen gesagt hat und wie er, der Freiheitsfanatiker, sich angesichts der Erfordernisse des Krieges für ein Mindestmaß an Disziplin durchgerungen hatte.

Alarmierend hatten Mitte der dreißiger Jahre für Linke nicht nur die Zuspitzungen im Lande gewirkt, sondern auch Vorstöße, die von der neuen Reaktions-Bastion Nazideutschland ausgingen. Heute zugängliche Dokumente bestätigen: Parallel mit der forcierten Militarisierung des Reiches sowie der Rheinlandbesetzung oder Mussolinis Abessinienfeldzug, wurden ab 1934 zwischen Berlin und Rom sowie Abgesandten der spanischen Rechten Absprachen im Hinblick auf den Sturz der Republik getroffen. Spanien war und bleibt bedeutungsvoll – seinerzeit im Rahmen der Eroberungsstrategie der faschistischen Großmächte, heute im Zusammenhang mit westlicher Weltmachtpolitik. …

Ebenso wie heute spielten damals internationale Verknüpfungen eine erstrangige Rolle. Sie dürfen den Massen nicht vorenthalten werden, wollte man diese nicht Illusionen ausliefern. Die braune Flut konnte selbst von potenten Minderheiten nicht isoliert von Spanien, oder gar nur dessen Unterschichten allein, aufgehalten werden, die Parole „Arbeitermacht“ hatte, wie die Wahlergebnisse von 1931, 1933 und 1936 bestätigten, keine Mehrheit. Es kam also darauf an, die Lage nüchtern einzuschätzen und darzulegen, mit dem Ziel, Schwankende von der Mitte auf die antifaschistische Seite herüberzuziehen – übrigens eine Aufgabe, die heute wieder in der Bundesrepublik Deutschland aktuell sein sollte. Parteien, die die Interessen der Arbeitenden vertreten wollen, dürfen jedoch nicht auf grundlegende Positionen verzichten, bei aller Konsensbereitschaft nicht ihr Selbst preisgeben.

Eine Einigung auf allseits annehmbare Volksfront-Programmatik der sehr unterschiedlichen Seiten, die zudem oft in verschiedene Richtungen zerfasert waren, wollte in Spanien wochenlang nicht gelingen: Die drei mehr oder weniger fortschrittlichen liberalen Parteien widersetzten sich dem Festlegen auf einschneidende Reformen. Die sozialdemokratische Vier-Flügel-Partei PSOE verlangte Beschränkung auf ein Wahlbündnis. Die Kommunisten weigerten sich lange, dem Beitritt der von ihr abgesplitterten kleinen, sich linksextrem darstellenden POUM zuzustimmen. Aus Prinzip überhaupt nicht zum Mitmachen bereit waren FAI/CNT. Sie lehnten Zusammenwirken mit Bürgerlichen strickt ab, auch mit der reformistischen PSOE, mit der dieser nahe stehenden UGT standen die Anarchisten meist auf Kriegsfuß.

Schließlich kam doch noch ein Volksfront-Bündnis zustande. Das zwar ohne FAI/CNT, aber davon abgesehen in beträchtlicher Breite. Einigende Losung war der elektrisierende Kampfruf „Amnestie!“ Ungeachtet der begeisterten Aufnahme der Parole, besonders in der Arbeiterschaft, wollten die Spitzen der Anarchisten erneut zum Wahlboykott aufrufen. Da ereignete sich etwas innerhalb der anarchistischen Bewegung in Spanien bisher nie Dagewesenes: Die große Mehrheit ihrer Gefolgschaft war nicht bereit, den entscheidenden Parlamentswahlen fern zu bleiben. Nicht wieder dürften den Rechten – wenn auch nur durch falsches Kalkül – Tore geöffnet werden. Die Basis begehrte über einen Wahlsieg der Volksfront Befreiung ihrer in den Gefängnissen Schmachtenden. Daraufhin opferten die FAI/CNT-Spitzen den entsprechenden Grundsatz und billigten ihren Anhängern Wahlbeteiligung zu. Aufstellen eigener Kandidaten kam für sie dennoch nicht in Frage. Im Ergebnis kamen anarchistische Stimmen vor allem den antiklerikalen Liberalen zugute, auch den Sozialdemokraten.

Die Volksfront siegte. Alles war jedoch nicht so eindeutig, wie es heute manchen Hiesigen scheinen mag. Nur dank der Einigung auf linker und liberaler Seite konnte die starke Rechte ausmanövriert und eine Fortsetzung des „Schwarzen Doppeljahres“ verhindert werden. ...

Was die Parlamentssitze betraf, hatte das eigentlich für die Rechte geschneiderte Mehrheits-Wahlgesetz überraschend die Volksfrontparteien begünstigt. Von den insgesamt 468 Mandaten (ohne Zusatzmandate) erhielten im zweiten Wahlgang die Volksfrontparteien 289, die Rechten plus Mitte-Rechts dagegen nur 179 Sitze. Bemerkenswert auch die Zusammensetzung der Volksfront-Mandate: 162 für die drei progressiven liberalen Parteien zusammen, 99 für die PSOE, 17 für die Kommunisten, 10 für die Basken und ein Zusatzmandat für die POUM. Im Gefolge des Volkfrontsieges suchte Franco den Ministerpräsidenten zur Proklamation des Ausnahmezustandes zu bewegen, um so die Regierungsübernahme durch die Volksfront zu unterbinden. Portela Valladares lehnt unter Hinweis auf die Verfassung ab.

Don Manuel Azana, Chef der starken Linksliberalen, wurde Ministerpräsident, erwies sich jedoch einmal mehr als in vielem zögerlich. Dagegen wagten revolutionär gesinnte sozialistische, anarchistische und kommunistische Gruppierungen, ohne Regierungsdekrete abzuwarten, politische Gefangene zu befreien. Die Lage im Staate spitzte sich zu. Rechte und Linke prallten in immer härteren Auseinandersetzungen aufeinander; es gab Verletzte und Tote. Vor einem Pronunciamento reaktionärer Militärs wurde gewarnt. Die Regierung besänftigte, übrigens auch Largo Caballero, während der Rechtssozialdemokrat Prieto, die Kommunistin Pasionaria und andere Politiker und Politikerinnen warnten, darunter die Anarchistin Montseny.

Meuterei eidbrüchiger Generale

Von der spanischen Kolonialenklave in Marokko aus gaben am 17. Juli 1936 Militärs unter Bruch ihres Treueeids auf die Republik das Stichwort zum Losschlagen gegen jene Republik. Die Eidbrüchigen hatten eine feste Stütze in den ihnen ergebenen, straff auf unbedingten Gehorsam gedrillten kolonialen Eliteeinheiten, also der berüchtigten Fremdenlegion sowie den Banderas der vorwiegend analphabetischen marokkanischen Söldner. Wer sich den Aufständischen entgegenstellte, wurde niedergemacht, darunter rücksichtslos auch bis dahin kommandierende Militärkameraden. Dieser Auftaktcoup gelang.

Am folgenden Tag, dem 18. Juli, wurde im sog. Mutterland Spanien Aufstandsbefehl gegeben. Doch sogleich widersetzten sich große Massen. Angefeuert vom Optimismus des vorangegangenen Volksfrontsieges stürmten Republikanhänger, kaum bewaffnet und unter blutigen Opfern, die Quartiere der Meuterer und eroberten sie zum großen Teil in wichtigsten Regionen. Die liberale Regierung, die unter Casares Quiroga Mitte Mai dem zum Republikpräsidenten aufgestiegenen Azana gefolgt war, hatte die Bewaffnung des Volkes abgelehnt und musste umgehend zurücktreten. Unter dem folgenden ebenfalls liberalen Giral wurde dann am nächsten Tag begonnen, Gewehre zu verteilen.

Der Republik treu geblieben waren in verschiedenen Städten und Provinzen Spaniens auch Minderheiten von Offizieren und Generälen. Soweit solche den Meuterern entgegentraten, wurde mit ihnen kurzer Prozess gemacht. So gemeuchelt wurde zum Beispiel die Generale Batet und Nunez de Prado. Im hochwichtigen Barcelona war die Meuterei mit dadurch niedergeworfen worden, dass 1.000 Gendarmen der Guardia Civil unter ihrem Kommandeur Escobar (nach dem Krieg wurde er unter Franco hingerichtet), zusammen mit Kontingenten der Guardia de Asalto im entscheidenden Augenblick zugunsten schlecht bewaffneter Republikverteidiger eingegriffen hatten. Am vierten oder fünften Tag war deutlich: die Blitzumsturzpläne waren weithin gescheitert. Die Meuterer hatten lediglich die Oberhand gewonnen im Nordwesten bis hinunter nach Caceres, im Nordosten und in mehreren Einsprengseln in Andalusien, allerdings mit Küstenstützpunkten, außerdem Sevilla.

In Madrid, Barcelona, Valencia, Malaga, Bilbao, Oviedo und anderen wichtigen Städten und Provinzen waren die Anschläge zurückgeschlagen worden. Die Volksmassen hatten dort wahre Wunder an Mut und Einsatzkraft vollbracht und gesiegt. In ihren Kerngebieten, vor allem Katalonien und Andalusien, hatten die Anarchisten dank ihrer Spontaneität sich dabei mit hervorgetan. Dieses Positive darf nicht, wie heute in Spanien, geleugnet werden. Rasch schlug im Republikgebiet der Bürgerkrieg in Revolution um: Sämtliche linken und liberalen Parteien, Gewerkschaften, Organisationen bildeten bewaffnete Milizen; logischerweise verfügten diese über keinerlei militärische Ausbildung, glichen dieses Defizit aber mit enormem Elan aus. Gleichzeitig wurden Betriebe und Firmen von einiger Bedeutung von Arbeitern und Angestellten übernommen. Bauern und Landarbeiter teilten Großbesitz unter sich auf und erfreuten sich des neuen Eigentums. Der Macht der katholischen Kirche wurde brachial ein Ende gesetzt. Mit verbissenen Feinden der Demokratie wurde abgerechnet. Revolution also, die im Zuge der Abwehr der Meuterer plötzlich möglich geworden war.

Die revolutionären Errungenschaften wurden über die gesamte Kriegszeit geschützt und bewahrt. Aus eigener Anschauung widerspreche ich allen, die das unter Hinweis auf neu geschaffene staatliche Strukturen und die Schaffung einer Volksarmee leugnen. Die staatlichen Strukturen, die neu entstanden, hatten mit jenen der kapitalistischen Vorkriegszeit nichts zu tun, wie schon die Präsenz von bis zu vier anarchistischen Ministern in der Republikregierung an entscheidenden Hebeln beweist, darunter – bisher einmalig – an der Spitze des Justizministeriums der herausragende Anarchist Garcia Oliver. Personell und sachlich waren die neuen Organe strikt antifaschistisch ausgerichtet. Und wollte man den Krieg gegen die Konterrevolution gewinnen, konnte nicht auf solche Organe verzichtet werden, die, zugegeben, nicht in das anarchistische Muster passten, doch von einer großen Volksmehrheit getragen wurden.

Berlin, Rom und Lissabon greifen ein

Nach allem Selbsterlebten war und bin ich davon überzeugt, den Völkern Spaniens wäre es in relativ kurzer Zeit gelungen mit der Meuterei fertig zu werden, wenn …, ja wenn Übermächtige aus Berlin, Rom, Lissabon gemäß ihren seit 1934 getroffenen Abmachungen mit den dortigen Faschisten nicht bereits nach acht Tagen gegen die Republik massiv eingegriffen hätten. Die Meuterer waren in eine Sackgasse geraten. Die Matrosen der Kriegsmarine hatten sich der reaktionären Offiziere entledigt und versperrten mit ihren Schiffen den Kolonialtruppen der Aufständischen den Seeweg über den Golf von Gibraltar. Die Meuterei drohte zu scheitern.

Schon am 26. Juli empfing Hitler im Schatten der Bayreuther Festspiele eine aus Marokko herbeigeeilte Abordnung und befahl den sofortigen Einsatz von Junkers-Transportflugzeugen. Göring sagte dazu vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal wörtlich aus: „Franco richtete einen Hilferuf an Deutschland … Die entscheidende Aufgabe war es, vor allem die Truppen nach Spanien zu bringen.“ Die erste regelrechte Militär-Luftbrücke entstand eilends. Über sie wurde die in Friedenszeiten 34.000 Mann starke spanische Kolonialarmee fast vollständig nach Andalusien geflogen. Von da aus setzten Fremdenlegion und Moros zum Marsch auf Madrid an.

Zugleich flossen über portugiesische Häfen deutsche Waffenlieferungen und 20.000 portugiesische „Viriatos“ wurden Franco unterstellt. Die deutsche Reichsregierung brachte von Nordseehäfen als erste Luftwaffen- und Heereskontingente auf den Weg zu den Meuterern; die „Legion Condor“ war im Entstehen. Damit mutierte der Bürgerkrieg zu regelrechtem Krieg. Eine neue Phase in dem Abwehrkampf der Republik gegen den Faschismus begann. Wer heute angesichts der eindeutig erwiesenen deutsch-italienisch-portugiesischen Invasion Spaniens weiter nur vom Bürgerkrieg redet oder schreibt, hilft – egal ob gewollt oder ungewollt – die schließlich den Ausschlag gebende militärische Invasion Spaniens, vor allem auch durch Deutschland, zu verschleiern. Zutreffend ist, dass in Spanien, ausgelöst durch die Generalsmeuterei, Bürgerkrieg, Revolution und Krieg eins wurden, wie Dolores Ibarruri, die „Pasionaria“, in ihren Erinnerungen treffend feststellt. …

Krieg und Folgen

Spätestens im Frühherbst 1936 konnte nicht mehr übersehen werden, dass gegen die spanische Republik ein regelrechter Krieg begonnen hatte. Dem waren ungeübte, zersplittert agierende Parteimilizen nicht gewachsen, von Enthusiasten gebildete republikanische Haufen. Sie hatten während der Straßenkämpfe der ersten Tage mit Bravour Bewundernswürdiges geleistet. Doch in regulärem Krieg gegen Eliteheere auf offenem Terrain konnten sie nicht ankommen. Die Frage drängte sich also auf: Weiter Milizen oder aus ihnen eine Volksarmee bilden? Armee? Das passte nicht in das Bild des Anarchismus, und Liberale sowie manche Sozialdemokraten waren ebenfalls dagegen. Was tun? Sich richtig wappnen wurde bald überlebenswichtig. Dies umso mehr, da westliche Großmächte, vor allem Britannien unter Baldwin, dann Chamberlain per sog. Nicht-Intervention, zum Schaden der Spanischen Republik und zum Vorteil der Franquisten indirekt zu intervenieren begannen.

Im Laufe der zweieinhalb Kriegsjahre wurden auf Francos Seite nach und nach insgesamt mindestens 250.000 erstklassig ausgebildete und bewaffnete ausländische Militärs eingesetzt. Darunter befanden sich allein aus Italien vier kriegsstarke Divisionen sowie zwei gemischte Brigaden. Der Republik freiwillig und aus eigenem Antrieb zu Hilfe kamen über die Jahre immerhin insgesamt etwa 50.000 ausländische Antifaschisten aus über 50 Staaten. Wie viel Hingabe – doch auch was für ein Ungleichgewicht! Wie die Republik retten und damit die Revolution und ihre unübersehbaren Errungenschaften? Weiter improvisieren, wie bisher unter dem Zwang der Auftakt-Verhältnisse? Es genügt sich vorzustellen, wie es einem Haufen von tausend bewaffneten Berliner Autonomen ergehen müsste, würde auch nur eine hoch effektive Hundertschaft der GSG 9 oder eine Luftlandeeinheit mit Schießbefehl gegen sie vorgeschickt.

Von Wunschvorstellungen auszugehen führt ins Abseits oder gar ins Verderben. Ungeachtet des Nahens der faschistisch-konterrevolutionären Elitetruppen auf Madrid, wurde dennoch Anfang 1937 weiter erbittert über die Frage Milizen oder Volksarmee debattiert. Die KPS hatte den Mut gehabt, unter Hintanstellen ihrer Eigeninteressen mit der Umstrukturierung ihrer Parteimilizen auf militärische Erfordernisse zu beginnen. Das geschah unter dem Signum 5. Regiment, das viele Tausende durchliefen. Madrid konnte damit, auch dank ihrem Einsatz, erfolgreich verteidigt werden, zusammen mit den Interbrigaden.

Anfangs hatten die Stäbe der zügig eintreffenden deutschen sowie italienischen Verbände noch nicht ausreichend Zeit gehabt, die erforderlichen logistischen Voraussetzungen für den massiven Einsatz ihrer Potentiale zu schaffen. Noch wog auch die zahlenmäßige Überlegenheit der Republikaner über die Franquisten. Wären die Milizen zu jener relativ frühen Zeit zu schlagkräftigen, einheitlich geführten Formationen umgebildet worden, hätte die noch zahlenmäßige Überlegenheit der Republikaner vielen Widrigkeiten zum Trotz meiner Ansicht nach noch zum Sieg führen können. Doch sogar der sozialdemokratische Ministerpräsident Largo Caballero tönte, Guerillakrieg, also Milizen, entsprächen mehr dem spanischen Charakter.

Nun lese ich im umfangreichen Rundschreiben Nr. 4 vom 26.8.1936 der „Internationalen Vereinigung Kommunistischer Opposition“, kurz IVKO, das in der Broschüre der anfangs zitierten KP-gegnerischen „Gruppe Arbeiterstimme“ ab Seite 13 abgedruckt ist, Folgendes: Die IVKO rief seinerzeit – ich zitiere wörtlich aus Seite 20 –: „… dass die werktätigen Klassen auch militärisch sich ein entscheidendes Übergewicht über die linksrepublikanischen bürgerlich-demokratischen Kräfte Richtung Diktatur des Proletariats sichern sollten. Also in dieser Passage nichts von Übergewicht über die Faschisten, sondern nur über die im Abwehrkampf gegen die konterrevolutionären Faschisten stehenden Linksrepublikaner. Unter solchen Umständen, die nicht auf IVKO beschränkt waren, konnte allgemein erst ab Frühjahr 1937 zur Bildung der Volksarmee übergegangen werden. Das war nach dem Desaster der vorwiegend anarchistischen Milizen vor Málaga im Februar. Die junge, aus den Milizen hervorgegangene Volksarmee konnte dann schon Ende jenes Jahres mit der Teruel-Offensive Erfolge vorweisen.

War zumindest Katalonien mit Barcelona und der Aragonfront, wo die FAI/CNT – mit am Rande die kleine POUM – vorherrschten, Avantgarde? Ich zitiere aus einem Bericht von Ende 1936, den der KP-Oppositionelle einstige KPD-Führer August Thalheimer nach einem Katalonien-Besuch schrieb und der auf Seite 33 abgedruckt ist, wörtlich: „Die Ramblas (FT: Hauptflanierstraße Barcelonas) sind bis in die Nacht von gewaltigen Menschenmassen durchzogen, ebenso sind die Kaffees und die Lokale voll besetzt.“ Ich füge hinzu, dass, während zu gleicher Zeit um Madrid, im Baskenland oder Asturien entbehrungsreich auf Leben und Tod gegen die Konterrevolution angekämpft wurde, und zwar von allen Volksfrontkräften gemeinsam.

Barcelona lag im Hinterland der Aragon-Front und war eine hochwichtige Industriestadt. Die Fabriken waren beschlagnahmt und zum überwiegenden Teil in den Händen der CNT. Doch die Möglichkeiten für Waffenproduktion und -versorgung zumindest der eigenen Front wurden nur völlig unzureichend genutzt. Wie kam das? Thalheimer in seinem Bericht, siehe weiter Seite 33: „Wie ich aus anderen Quellen erfuhr, ist das Dekret über die Militarisierung an der katalanischen Front tatsächlich nicht ausgeführt worden.“ Wie in unterschiedlichen bürgerlichen und sogar extrem linken Geschichtsbüchern zu lesen, bleibt es an der Aragonfront über die Jahre ruhig. Wesentliche Ausnahme war im August 1937 die Belchite-Offensive, die mit aus Madrid herbeitransportierten Truppen, darunter Interbrigaden, vorangetragen wurde.

Wie konnte die IVKO dann behaupten, ich zitiere wörtlich aus Seite 15: „der POUM gebührt die Ehre, dass sie in Katalonien, wo sie die stärkste und einflussreichste Organisation ist (FT;!), die Rolle der revolutionären Initiative übernommen hat, die einer wirklichen Kommunistischen Partei zukommt“? Dann jedoch auf Seite 41 der Broschüre das Gegenteil zur Lage nach dem Mai 37. Wörtlich: „Ihre (der POUM) zahlenmäßige Schwäche machte sie zu einer leichten Beute der vereinigten bürgerlich-stalinistischen Repression. Eine Stütze fand sie nicht in den übrigen Arbeiterparteien …“ Auf Seite 33 wird aus einem Bericht Thalheimers über eine Unterredung mit dem Mitglied des Exekutivkomitees der POUM, Bonet, zitiert: „Ich fragte ihn vor allem, welche Motive der Eintritt der POUM in die katalanische Regierung bewirkt hätten? Er erklärte, dass wenn sie nicht eingetreten wären, dies ihre vollständige Isolierung von den Massen in den Betrieben, in den Gemeinden usw. bedeutet hätte.

Wahrheiten in der POUM:

Ich will davon absehen, aus eigener Erfahrung über die POUM und ihr nahe stehende Gruppierungen zu schreiben, weil manche hier mir nicht glauben würden. Immerhin kann aber jeder Spanientourist sich heute überzeugen, nicht nur diese Splitterpartei, sondern die einst mächtige FAI/CNT ist weitestgehend verschwunden. Dieser Absturz der anarchistischen Bewegung von einst bis zu 2 Millionen Anhängern praktisch ins Nichts, hat seinen Grund in Fehlern, die ihnen in der bäuerlichen und proletarischen Bevölkerung Spaniens bis heute nicht verziehen werden, vor allem auch wegen der Übergriffe, die sich mangels Kontrolle Unverantwortliche erlaubten, die in ihre Milizen eingesickert waren. Ihren Platz in der Gewerkschaftsbewegung – in der die CNT einst etwa gleich stark war wie die UGT – haben nun die kommunistisch begründeten Arbeiterkommissionen C.C.O.O. übernommen. Allein diese Tatsache des massenweisen Übergangs von einer anarchistischen zu einer kommunistisch gegründeten Gewerkschaft … spricht für sich. Und von POUM keine wirklichen Überbleibsel.

Was die seinerzeitigen Ereignisse in Spanien betrifft, greife ich der Glaubwürdigkeit halber erneut auf die als antistalinistisch ausgewiesene Broschüre der „Gruppe Arbeiterstimme“ zurück. Bemerkenswert, was da das KPO-Mitglied Waldemar Bolze unter der Überschrift „Drei Monate an der Huesca-Front (April bis Juni 1937)“ berichtet. In Bezug auf einen Frontabschnitt der POUM heißt es dabei auf Seite 62 wörtlich: „Der Miliziano lebte an der Front einen faulen Tag. Es gab nicht viel zu tun im Graben ...“ Dann: „Darüber hinaus gab es keinen regulären Dienst, weder in Bezug auf Erweiterung der Waffen - oder der allgemeinen militärischen Kenntnisse ...“ An anderer Stelle derselben Seite: „Die Front war etwas abgeschlossenes, die revolutionäre Miliz strahlte wenig revolutionäre Kraft nach dem Hinterland aus.“ Weiter, Seite 65: „Militärisch hat sich dieser inoffizielle ‚Waffenstillstand’ an der Aragon-Front nur für den Feind günstig ausgewirkt.“ Inoffizieller Waffenstillstand? Ich frage: Sieht so revolutionärer Kampf gegen die Faschisten aus, gegen die ärgsten Feinde der Revolution?

Erhellend auch, was in Bezug auf die Bevölkerung im Hinterland der Front von POUM sowie FAI/CNT vom KP-Opponenten August Thalheimer betont zurückhaltend geschildert wird. Ich zitiere wörtlich aus Seite 35: „In Katalonien haben sich Schwierigkeiten ergeben dadurch, dass auf Veranlassung der unteren Organisationen der CNT vielfach die Kollektivierung weiter getrieben worden ist, als es dem Wunsche der Bauern entspricht und dass vielfach Anordnungen getroffen worden sind, die den Bauern nicht zusagen.“ Ich frage nun, kann es verwundern, dass die Bevölkerung in Spanien heute in Erinnerung an oft unerbittliche Zwangsmaßnahmen kaum mehr etwas von Anarchismus wissen will?

In derselben Broschüre wird auf Seite 29 im Zuge einer redaktionellen Zusammenfassung auf die politische Entwicklung im damaligen Spanien eingegangen. Unter der Zwischenüberschrift „Die Komintern-Kommunisten auf dem Vormarsch“ heißt es dazu wörtlich: „Das rasche Anwachsen der KP war indessen in erster Linie eine Folge der von ihr betriebenen Volksfrontpolitik ...“ Ich füge hinzu, weil Volksfrontpolitik unter anderem bedeutete: Verständnis für Anliegen der Massen, Verzicht auf Zwang gegen sie und vor allem selbstlosen Einsatz gegen die Franquisten. Mit Wortradikalität waren die Menschen weder zu überzeugen noch zu gewinnen. Man stelle sich vor, bei uns würde, anstatt zum Beispiel mit der Parole „Gegen Sozialabbau“ zu überzeugen, versucht werden, Menschen unter der Losung „Für Revolution!“, „Für Arbeitermacht!“ in radikale Kampfaktionen zu drängen. Das Ergebnis wäre katastrophal.

In seinem Standardwerk weist Hugh Thomas auf Seite 282 auf die „Anmaßung und Rechthaberei“ der POUM-Führer hin. Sie waren sich ihrer zunehmenden Unbeliebtheit offensichtlich bewusst und glaubten, mittels abenteuerlicher Vorstöße an Einfluss gewinnen zu können. So überschlugen sie sich vor allem in Attacken gegen die katalanische Volksfrontregierung unter dem liberalen Präsidenten Companys (Nach dem Krieg wurde der kämpferische Antifaschist vom Vichy-Regime an Franco ausgeliefert und hingerichtet) und gegen die Kommunisten. Ebenso griffen sie die Republikregierung an, der übrigens bis zu vier Anarchisten angehörten – darunter, einmalig, der Justizminister –, jedoch nur zwei Kommunisten als Minister der im Krieg weniger wichtigen Ressorts Landwirtschaft und Volksbildung.

Dann auf S. 31 der Broschüre der „Gruppe Arbeiterstimme“ folgende abenteuerliche POUM-Erklärung: „Entweder wir stellen uns an die Spitze der Bewegung, um den inneren Feind zu vernichten, oder die Bewegung scheitert und wir sind vernichtet.“ Über Reichweite und Folgen ihrer Absichten waren die Autoren sich also im Klaren. Mit „innerem Feind“ waren weder die Franquisten gemeint, noch die deutschen oder italienischen Invasoren, vielmehr die eigenen Regierungen Kataloniens und der Republik sowie die Kommunisten! Ich denke, wer angesichts vorrückender Konterrevolutionäre die eigenen, den Kampf organisierenden Regierungen derart zu verleumden sucht, wer sich anschickt, innere Zerwürfnisse zu entfachen und damit die antifaschistische Abwehr zu schwächen, der handelt alles andere als revolutionär, nämlich Faschisten begünstigend.

Ich stand damals im abgeschnittenen, hart bedrängten Baskenland im Jugendbataillon „Thomas Meabe“. Über uns oft mehr als zweihundert deutsche sowie italienische Kampfflugzeuge, vor uns franquistische und italienische Elitedivisionen. Es war schwer durchzuhalten. Wir waren materiell unterlegen, wehrten uns dennoch sozusagen mit Händen und Füßen, wichen nur schrittweise zurück. Wir glaubten, die ausgeruhte Aragon-Front würde uns mit einer Entlastungsoffensive zu Hilfe kommen. Da, plötzlich, die zuerst unwahrscheinlich klingende Nachricht über den Putsch in Barcelona! Alle waren empört, Verrat! Die Behauptung, man wolle die soziale Revolution voranbringen, wurde sofort als kümmerliche Ausrede verdammt. Soziale Revolution zum Schaden der Kämpfer gegen die internationalen antirevolutionären Banden? Ein Unding.

Der Hinterlandputsch im Mai 1937 in Barcelona

Am 3. Mai ließen die Führer der POUM in Barcelona putschen. Als nachrangig betrachte ich die Tatsache, dass der reichsdeutsche Botschafter Faupel unter Hinweis auf Mitteilung Francos berichtete, dreizehn faschistische Agenten hätten bei dem Putsch mitgewirkt. Historiker Thomas bemerkt allerdings in „Der Spanische Bürgerkrieg“ auf Seite 331 wörtlich: „Man kann über dieses Dokument nicht hinweggehen. Es gab zweifellos in der POUM und CNT eine Anzahl Falangisten, die bei Ausbruch des Bürgerkrieges eingetreten waren, um ihre Haut zu retten.

In der Tat gibt es keine Kriege, in Sonderheit Bürgerkriege, ohne Agenten, Diversanten, Spione. Auf einen solchen Nazispion, Dr. Hermann Erben, weist eine der antiparteikommunistischen Zeitschriften hin, die in Berlin erscheinende „Tranvia“ in ihrer neuesten Ausgabe von Juni 1996. Dazu heißt es auf S.10: „Erben hielt noch einen Monat länger durch. Seine Spionagetätigkeit war inzwischen aufgefallen, und er tauchte in Barcelonas Barrio Chino (FT: dem Bordellviertel) unter, wo er Anfang Mai die Straßenkämpfe zwischen Kommunisten und Anarchisten miterlebte. Am 8. Mai gelang es ihm, als Arzt eines Verwundetentransports getarnt, sich nach Frankreich abzusetzen.“ – Abgesehen davon, dass nur extremistische Randgruppen der Anarchisten auf der einen Seite, auf der anderen mehr liberale Regierungsanhänger als Kommunisten an den Kämpfen beteiligt waren, meine ich zu Fällen wie die von Erben Folgendes: Ein Agent, der sich auch noch am Tage des Putsches absetzen kann, dürfte nicht nur alles miterlebt, sondern mit Fäden gezogen haben.

Nicht außer Acht gelassen werden kann übrigens, was in Sachen Joachin Maurin bekannt geworden ist, des neben POUM-Spitzenmann Andreu Nin wichtigsten POUM-Führers. Maurin war der einzige Parlamentsabgeordnete der kleinen Partei. Dazu „Tranvia“, Juni 1996, auf Seite l5: „Er wurde allerdings vom Ausbruch des Franco-Putsches in einem Gebiet überrascht, das sofort unter die Kontrolle des Militärs kam. So wurde er festgenommen und ins Gefängnis geworfen. Nach dem zweiten Weltkrieg amnestiert ging er ins Exil, wo er sich politisch von der POUM löste und Sozialdemokrat wurde.“ – Anfügen möchte ich aus eigener Erfahrung, gesammelt während Gefängnishaft unter Franco im Sommer 1939, folgendes: Bekannte linke Politiker, sogar minder exponierte Intellektuelle, kamen, zumal in den ersten Wochen nach der Meuterei, selten mit dem Leben davon. Und nach 1945 wurden Republikanhänger verschiedenster Schattierungen weiter reihenweise hingerichtet, siehe zum Beispiel den Fall Grimau. Amnestie und Entlassung ins Exil? Solche Franco-Milde in Sachen eines extrem links Hervorgetretenen, das mutet merkwürdig an.

Dessen ungeachtet betrachte ich es, wie gesagt, als gleichgültig, ob irgendwelche Agenten den POUM-Putsch mit ausgelöst haben oder nicht, Tatsache bleibt, dass ein solcher Hinterlandputsch im Rücken der Front gegen angreifende Faschisten als Faschisten-Begünstigung und daher eindeutig als konterrevolutionär eingestuft werden muss. Wer heute noch solch eine gemeine Untat verteidigt oder wegen ihrer antikommunistischen Ausrichtung Verständnis entgegen bringt, der richtet sich selbst. Wird zur Entschuldigung vorgebracht, die kleine POUM habe doch nur Revolution voranbringen wollen, so widerspricht das jeder Logik.

Auf entsprechender Schiene schreibt R. Tosstorff auf Seite 13 der bereits zitierten Nummer von „Tranvia“, die Putschisten hätten doch nur der „schrittweisen Restaurierung kapitalistischer Verhältnisse“ und dem Stalinismus entgegenwirken wollen. Solche Behauptung läuft darauf hinaus, Wahnsinn zur Methode zu erklären, denn gerade mit dem Putsch wurde den Franquisten und damit dem Kapitalismus in die Hände gearbeitet. Im Übrigen weiß jeder objektive Beobachter, dass nach radikaler Enteignung der ausschlaggebenden Produktionsmittel im Sommer 1936 diese vergesellschaftet blieben, meist in Händen von Vertretern der Gewerkschaften CNT oder UGT ... Außerdem konnte unter den Verhältnissen der Kriegswirtschaft in der Republik, die Märkten immer weniger Raum ließ, nur von weiterer Einschränkung kapitalistischer Überreste die Rede sein.

Reaktionen auf den Anschlag

Sogar in den Reihen der Putschbeteiligten, die hinter den Barrikaden von Mai 1937 in Barcelona standen, gewitterte es. Aufschlussreich der Bericht des Schweizer Teilnehmers Paul Thalmann, der als Anhänger der IV. Internationale nach Spanien gekommen war und sich dort den Anarchosyndikalisten anschloss. Ich zitiere aus seinem Bericht, der in der Broschüre der „Gruppe Arbeiterstimme“ auszugsweise abgedruckt ist. Wörtlich über Erlebtes unter den Mai-Putschisten aus Seite 57: „Bei der Verteilung des Flugblattes auf den Barrikaden, in den Parteihäusern und den Kasernen machten Thalmann und Durruti‘s Freunde die Erfahrung: ‚Überall wurden wir mit Misstrauen empfangen, die anarchistischen Arbeiter wollten nichts von Politik wissen. An vielen Orten stießen wir auf schroffe Ablehnung, wurden zurückgewiesen.’ Am dritten Abend des Aufruhrs sprachen ... die anarchistischen Mitglieder der Valencia-Regierung (FT: Also der Republikregierung, darunter Justizminister Garcia Oliver und Gesundheitsministerin Federica Montseny) über den Rundfunk zu ihren Anhängern, (und) baten die Arbeiter, den verheerenden Bruderkrieg einzustellen, die Arbeit wieder aufzunehmen; es gelte zuvorderst, den Krieg gegen Franco zu gewinnen ...

Wie ging es daraufhin weiter? Hugh Thomas berichtet in seinem Buch auf Seite 333, ich zitiere: „Am 6. Mai … ein von der CNT verkündeter Waffenstillstand ... Am Nachmittag ging es wieder los. Polizei und bewaffnete Gruppen der Esquerra (FT: also der katalanischen Linksliberalen) griffen anarchistische Partei- und Gewerkschaftsgebäude an.“ – Und was dann? Wer ordnete an, gegen die Putschisten vorzugehen? Ein Kommunist vielleicht? Hugh Thomas nennt den Befehlsgeber auf Seite 333: Es war der rechtssozialdemokratische Kriegsminister Prieto, der den Einsatz von etwa 4.000 Guardias de Asalto befahl, zu Recht, wie ich meinte und weiter meine.

Und wer hatte das Kommando über diese Sturmgardisten inne? Nun vielleicht ein Kommunist? In der Broschüre der streng antistalinistischen „Gruppe Arbeiterstimme“ wird auf Seite 57 Aufklärung gegeben, ein Anarchist! Ich zitiere wörtlich: „... an der Spitze der Polizeitruppe ... stand Oberstleutnant Emilio Torres Iglesias, der vordem das Anarchistenbataillon ,Tierra y Libertad‘ befehligt hatte ...“ – Zur Erläuterung füge ich an, „Tierra y Libertad“ bedeutet auf Englisch „Land and Freedom“. Aus meiner Sicht ist es pervers, dass Ken Loach seiner in vielem tatsachenwidrigen, Emotionen aufwirbelnden Filmsaga ausgerechnet den Namen jenes anarchistischen Bataillons übergestülpt hat, dessen einstiger Kommandeur dann mit dem Putsch Schluss gemacht hat.

Lange hatte ich mich gefragt, warum in Sachen POUM nachträglich immer nur von der Verschleppung und Ermordung ihres Anführers Andreu Nin durch Sowjetagenten die Rede war, die hinter dem Rücken von Landes- und Republikregierung vorgegangen waren. Warum? So schlimm die Ermordung auch nur eines Menschen bleibt, es hat in der spanischen Republik kein rücksichtsloses Durchgreifen gegen diese Putschisten gegeben, obwohl Anwendung von Standrecht rechtlich möglich gewesen wäre. In jedem Staat der Erde, voran die USA oder gar Frankreich mit seinem Wüten nach den Soldatenrevolten von 1917, wäre gegen Teilnehmer und gar Einpeitscher eines Putsches im Rücken kämpfender Truppen gnadenlos eingeschritten worden. Obwohl aus der Bevölkerung Spaniens Strenge gefordert wurde, hat die Regierung auf hartes Einschreiten verzichtet, ein einzigartiges humanes Verhalten in solchem Fall. ...

Der noch bis Mitte Mai amtierende Ministerpräsident Largo Caballero setzte Haftentlassung bereits Festgenommener durch. Sein Nachfolger, der zum rechten PSOE-Flügel neigende Arzt Dr. Negrin, verzichtete ebenfalls auf übliche Massenrepressalien und ordnete lediglich Festnahme und gerichtliche Verfahren gegen die Hauptverantwortlichen an, doch blieben diese von extremen Repressalien und gar Hinrichtungen verschont. Das wird von heutigen, nachträglichen Verteidigern des verwerflichen Anschlages, so Filmemacher Loach, verschwiegen. Denn auf der Anklagebank sollen ja per falscher Beschuldigung Kommunisten sitzen, jene, die bis zuletzt die Freiheit der Spanischen Republik mit maximaler Hingabe verteidigt hatten. ...

Hugh Thomas berichtet auf Seite 437 seines Buches, deutsche Ausgabe: „... Im Oktober 1938 fand endlich der POUM-Prozess statt. Nin war allerdings schon lange tot. Vorher hatte der Prozess gegen die beim Schlag gegen die POUM hineingezogenen Falangisten stattgefunden. Dreizehn von ihnen, darunter Golfin, Dalmau und Roca, wurden zum Tode verurteilt und erschossen; sie hatten tatsächlich Spionage getrieben. Als jedoch die POUM-Führer vor Gericht gestellt wurden, ergaben sich keine belastenden Punkte … Sie wurden jedoch wegen Teilnahme am Maiaufstand 1937 ... zu Gefängnis verurteilt. Ein POUM-Führer, Rey, wurde gänzlich freigesprochen. Nach Beendigung des Krieges erschossen ihn die Nationalen.“ – Weshalb wurde Rey erschossen, der POUM-Exponiertere Maurin jedoch von den Franco-Behörden amnestiert und ins ausländische Exil entlassen?

Damit bin ich fast am Schluss, doch nicht ganz. Sehr Entscheidendes fehlt noch. Ende Juli 1938 stießen nicht weit von Barcelona Truppen der Madridfront über den Ebro zu einer Offensive vor, die Monate durchgehalten wurde, bis November. Die Operation war für beide Seiten aufreibend; die faschistische Seite wurde bis an den Rand der Erschöpfung getrieben. Es war ein letzter Versuch, die Republik vor Eroberung durch die Faschisten zu retten und für den Frieden der Welt eine Chance zu erkämpfen. Der republikanischen Armee blieb ausreichende Hilfe aus dem katalanischen Hinterland versagt.

Wenige Wochen später wurde das als Hochburg des Anarchismus betrachtete Barcelona, das anfangs mit großer Bravour die Meuterer mit niedergekämpft hatte, den Erzfeinden von Revolution und Arbeitermacht kampflos überlassen. Auf Seite 47 der oft zur Dokumentation der Ereignisse herangezogenen Broschüre heißt es dazu wörtlich: „Die Besetzung der Stadt kostete die Franco-Truppen ein einziges Menschenleben ... Die letzten Verteidiger der Stadt waren abgezogen … – Das Beispiel der aus Madrid herangezogenen Truppen, die sich im Vorfeld am Ebro geopfert hatten, darunter viele selbstlose Sozialisten und Kommunisten sowie Interbrigadisten, hatte nicht gefruchtet. Ganz Katalonien wurde überrannt.

Das vorläufige Ende von Krieg und Revolution in Spanien

Nun blieb nur noch das weitläufige, aber von Landverbindungen ins Ausland abgeschnittene Rund des Zentralgebietes. Dort standen noch vier republikanische Armeen mit etwa 500.000 Mann. Das Gros war entschlossen, weiter durchzuhalten. Dem trug die Regierung des Sozialdemokraten Dr. Negrin Rechnung, obwohl Republikpräsident Azana zurückgetreten und in Frankreich geblieben war. Britanniens Premier Chamberlain, der Wochen zuvor mit Hitler das Münchener Abkommen geschlossen hatte, wollte jedoch den spanischen Krieg schleunigst beendet wissen. Seine Regierung hatte Fäden zu Oberst Juan Casado gesponnen, einem Berufsoffizier, der zum Kommandeur der Madridfront aufgestiegen war. Plötzlich ein neuer Schlag gegen die Republik: Casado lehnte sich gegen die Republikregierung auf und nahm Kurs auf Kapitulation vor Spaniens Todfeind Franco. Ein negatives Ereignis folgte, das für uns trotz mancher vorangegangenen Enttäuschung schier undenkbar gewesen war. Ich lasse wieder einmal die Broschüre zu Wort kommen, und zwar Seite 48: „Seine (Casados) Pläne (fanden) die Unterstützung einer Mehrheit der Anarchosyndikalisten und eines Teils der Sozialisten.“ – Ihr Exponent war der FAI/CNT-Spitzenmann Cipriano Mera, Befehlshaber des IV. Armeekorps. Er, der stets mehr Revolution und Arbeitermacht verlangt hatte, wurde jäh zum starken Mann hinter dem Berufsoffizier Casado in dessen Streben nach Kapitulation vor den ärgsten Feinden alles Revolutionären.

Es zeigte sich, dass keineswegs die Kommunisten den entscheidenden Einfluss in der Armee der Republik hatten, nur durch ihr selbstloses Engagement an den Fronten überhaupt ins Licht der Öffentlichkeit geraten waren. ... Mera blies nun zu Kommunistenverfolgungen. Er gehörte zu jenen Anarchisten, die – ich zitiere aus Seite 47 – erwarteten, „dass ein ehrenvoller Friede nur unter Ausschluss der Kommunisten aus der Regierung zu erwirken sei“. – Damit stürzte er die Sache des Anarchismus in Spanien endgültig in Abgründe und damit in den umfassenden heutigen Ansehensverlust.

Denn: Ehrenvoller Friede von Franco? Friede von diesem Eidbrüchigen? Von einem, der ausländische Invasoren ins Land geholt hatte? Von einem General, der seinem faschistischen Kalkül hunderttausende Menschen seines Landes geopfert hatte? ... Franco lehnte Konzessionen ab. Kaum waren seine Truppen sowie die Deutschen und Italiener in Madrid, Barcelona, Valencia, begann ein Blutbad ohnegleichen, das über Jahre anhalten sollte. Dabei machten die Faschisten keinen Unterschied zwischen Anarchisten, Liberalen, Sozialdemokraten und Kommunisten. …

Mit Verrat hatte der Bürgerkrieg in Spanien begonnen und mit Verrat endete der durch ausländische Invasion verursachte Krieg. Mera verschwand aus meinem Blickfeld, Besteiro starb in einem Franco-Gefängnis, Maurin blieb verschont und durfte später nach Frankreich ausreisen – Casado aber wurde nebst einigen ihm Nächsten nahe Valencia von einem britischen Kriegsschiff an Bord genommen und erhielt als Lohn in Britannien Gnadenbrot.

Als weiterführende und ergänzende Literatur ist dieses im Jahr 1997 erschienene Buch sehr empfehlenswert. Neben der ungekürzten Wiedergabe des Artikels „Arbeitermacht oder Volksfront“ enthält es eine ausführliche Kritik an dem damals hochgejubelten Film „Land and Freedom“.

Besonders wertvoll ist diese deshalb, weil gerade Vertreter der verschiedenen anarchistischen Gruppen als Kritiker der widersprüchlichen Politik ihrer eigenen Bewegung zu Wort kommen. Und die Rolle der POUM auf das reduziert wird, was sie wirklich war: eine kleine Regionalpartei, die die Begriffe Revolution und Sozialismus durch ihr Handeln zur Karikatur verkommen ließ.

Fritz Teppich

Die kurzen Beine des Ken Loach

Dokumentation zu dem geschichtsverfälschenden Film „Land and Freedom“

Che & Chandler Bonn 1997

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Februar 1936: Von Barcelona bis Madrid – Demonstration für die Amnestie der politischen Gefangenen.

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Militärische Intervention des Faschismus zugunsten der spanischen Putschisten: Ende Juli bis Mitte Oktober 1936 stellten 20 Ju 52 der faschistischen deutschen Luftwaffe, unterstützt von 11 SM-81-Transportflugzeugen des faschistischen Italien, den Transport von Francos Söldnern zwischen Nordafrika (Tetuan) und Spanien (Sevilla) sicher. Dabei legten „die ständig überladenen Ju 52 ihre ,Rennstrecke‘ drei- bis viermal am Tage“ zurück. Auf diese Weise „waren 13.500 Mann und 269 Tonnen Kriegsmaterial auf dem Luftweg von Spanisch-Marokko zum Festland gelangt“. (Quelle: Karl Ries, Luftwaffe Photo-Report 1919-1945, Motorbuch Verlag Stuttgart 3.Auflage 1994, S. 43f)

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Buenaventura Durruti, der mit einer Kolonne die Verteidigung Madrids unterstützte und dabei fiel, war einer der wenigen Anarchistenführer, die die Notwendigkeit einer disziplinierten und gut ausgebildeten Armee erkannten. „Wir werden eine eiserne Disziplin einführen. Die Hauptaufgabe ist, den Faschismus zu zertreten, Spanien zu verteidigen“. (Peter Rau – Der falsche Krieg im Krieg: http://www.kominform.at/article.php /20120329015348973/print)
Im Augenblick ist nichts von Bedeutung, als den Krieg zu gewinnen. Ohne Sieg in diesem Krieg ist alles andere bedeutungslos. … Wir können es uns nicht leisten, uns die Bauern zu entfremden, indem wir ihnen die Kollektivierung aufzwingen … Wer versucht, den Bürgerkrieg in eine soziale Revolution zu verwandeln, spielt in die Hände der Faschisten und ist in der Wirkung, wenn nicht sogar in der Absicht, ein Verräter.“ So jedenfalls schrieb George Orwell noch 1938! (George Orwell, Mein Katalonien. Bericht über den spanischen Bürgerkrieg, Erstausgabe London 1938)

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Barcelona 1938: Dolores Ibárruri (Ihr Aufruf „No pasarán!“ – dtsch. „Sie werden nicht durchkommen!“ – wurde zum Schlachtruf der Verteidiger der Republik) und José Días (Vorsitzender der KP Spaniens) bei der Verabschiedung der Internationalen Brigaden. Pietro Nenni (italienischer Sozialist, Politkommissar bei den Interbrigaden) in einer Rundfunkrede in Madrid 1937: Die faschistische Intervention „läuft hinaus auf Kampf gegen die Arbeitenden, gegen die Freiheit, gegen Demokratie, gegen Frieden. Unter dem Zeichen des Antikommunismus führt der Faschismus seine Offensive gegen den politischen und sozialen Fortschritt. Das Beispiel Spanien ist unter denen, die uns die Geschichte anbietet und deren Akteure wir sind, vielleicht das beweiskräftigste“. (F. Teppich, Die kurzen Beine des Ken Loach, S. 59)

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DDR 1986: Ehrenmal für die Spanienkämpfer im Volkspark Friedrichshain.