KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus”

Revolutionärer Sozialismus statt Rückfall in bürgerlich-reaktionäre Utopien

Wie bereits angekündigt, veröffentlichen wir – im Zusammenhang mit der Diskussion um die Commons-Bewegung – im Folgenden einen leicht gekürzten Artikel von Fritz Teppich zu den politischen Auseinandersetzungen um den faschistischen Interventionskrieg gegen die Spanische Republik. Dabei stellt sich natürlich die Frage, ob angesichts der materiellen und moralischen Widersprüche des 21. Jahrhunderts der „neue Anarchismus“ mit dem alten historischen Anarchismus verglichen werden kann, wie er sich insbesondere in der spanischen Entwicklung manifestierte.

Moralische Überspanntheit und oberflächliche Symptomkritik gepaart mit Klassenindifferenz, romantisierender geschichtsloser „Idealismus“ im Verein mit kritikloser Anbetung der Spontaneität, Revolutionsschwärmerei statt wissenschaftlich begründeter politischer Analyse und daraus abgeleitetem Handeln, extreme Egozentrik und Massenfeindlichkeit – all dies sind aber Kennzeichen dieser Bewegung. Das spanische Beispiel zeigt – belegt von Seiten der Anarchisten selbst –, dass die Parallelen größer sind, als den Protagonisten dieser „neuen sozialen Bewegung“ bewusst sein will.

Historisch ist der Anarchismus, der im 19. Jahrhundert seine Blüte erlebte, bestimmt vom Werden und Wachsen der kapitalistischen Produktionsweise und der dabei entstehenden zahlenmäßig größten Klasse – dem Industrieproletariat. In dem Maße, wie das Klassenbewusstsein bestimmter ausgebeuteter Schichten (Proletarier und Kleinbürger) ihrer veränderten Klassenlage nicht mehr entspricht, bildet er zunächst den idealen Nährboden für den spontanen, der historisch fortschrittlichen Entwicklung gegenüber blinden Protest angesichts der konkret erfahrenen Unmenschlichkeit der neuen kapitalistischen Verhältnisse.

Doch während der Proletarier sich als Teil einer Klasse sehen bzw. erfahren kann und im Marxismus Antworten findet, die über den Kapitalismus theoretisch wie praktisch hinausweisen, bleibt der Kleinbürger zunächst Gefangener seiner ökonomischen Verhältnisse – der kapitalistischen Warenproduktion. Sein „Sozialismus“ ist daher stets ein auf die Spitze getriebener kleinbürgerlicher Individualismus, seine Freiheit ist die absolute und grenzenlose „Freiheit des Einzelnen“ – weder im sich entwickelnden Monopol-Kapitalismus noch im Sozialismus realisierbar. „Autorität, Regierung, Macht, Staat – alle diese Worte bedeuten das gleiche – Mittel der Unterdrückung und Ausbeutung.“ (Fussnote: Jean Maitron, Histoire du mouvement anarchiste en France, Paris 1951, S. 12 (Übersetzuung nach: Bruno Frei, Die anarchistische Utopie, Verlag Marxistische Blätter Frankfurt/M 1978, S. 18, Der Vater des Anarchismus).)Und lässt sich noch am Besten in der Losung zusammenfassen: ICH will alles und zwar sofort!

Die soziale Revolution ist aber nicht ohne die politische zu haben. Und in Spanien – wo der Bürgerkrieg sich zum faschistischen Interventionskrieg wandelte – musste die anarchistische Theorie ihre Praxistauglichkeit unter den veränderten Bedingungen eines imperialistischen Überfalls beweisen. Die Anfangseuphorie des Bürgerkriegs war groß – verständlich angesichts der Tatsache, dass der reaktionären Koalition von Großgrundbesitz und Katholizismus endlich politisch das Rückgrat gebrochen wurde. Aber während die Regierung der Volksfront notwendiger- und richtigerweise alle Anstrengungen auf den militärischen Kampf gegen die faschistische Intervention zu konzentrieren begann – was die Verteidigung der bürgerlichen Republik auf die Tagesordnung setzte – waren die verschiedenen anarchistischen Gruppierungen vorrangig an der Realisierung ihrer „sozialistischen Experimente“ interessiert. Vor allem in Katalonien wendeten sich die Arbeiter im Verlauf des Krieges immer mehr vom Anarchismus ab und die Bauern wurden durch die konkreten Erfahrungen mit einem „Armutssozialismus“, der verbunden war mit Zwangsrequirierungen für die städtische Versorgung, zu regelrechten Feinden der anarchistischen „Revolution“. Das ganze endete in einer Naturalwirtschaft, wobei jedes Dorf und jede Stadt für sich zu sorgen hatten. Gleiches geschah in der Industrie, jeder Betrieb machte sich selbständig, die wenigen Großbetriebe wurden „zerschlagen“ mit dem Ergebnis, dass die gesamte Produktion schließlich völlig desorganisiert war.

Die furchtbaren Konsequenzen dieser kleinbürgerlich-anarchistischen Ignoranz – der Sozialismus wurde im Einflussbereich der unterschiedlichen anarchistischen Gruppierungen insbesondere auf dem Land diskreditiert und der Faschismus konnte nicht abgewehrt werden – machte 1940 der ehemalige Wirtschaftsminister Kataloniens, Dr. Abad de Santillan (ab 1936 repräsentierte er die FAI im Comité de Milícies Antifeixistes de Catalunya [Antifaschistisches Komitee der Milizen Kataloniens]) in seinem in Mexiko erschienenen Buch (Fussnote: Zitiert nach: Guerra y Revolucion, Bd. II, S. 33 (Übersetzung nach: Bruno Frei, Die anarchistische Utopie, Verlag Marxistische Blätter Frankfurt/M 1978, S. 35, Der spanische Bürgerkrieg 1936-1939).) „Porqué perdimos la guerra?“ (Warum verloren wir den Krieg?) erneut deutlich: „Für uns als soziale Vorhut Spaniens war das Endergebnis das gleiche, ob Negrin mit seinen kommunistischen Kohorten siegte oder Franco mit seinen Deutschen und Italienern. Wofür sollten wir Krieg führen? Wofür kämpfen?“

Neben der revisionistischen Arbeiteraristokratie lieferten Vertreter des Anarchismus auch politisches Material für die Konstruktion der Totalitarismus-Doktrin: die reaktionäre Gleichsetzung von Faschismus und Kommunismus. Und nicht zu vergessen: Die schlimmsten ideologischen Ausformungen des deutschen Anarchismus wie Max Stirner, der bereits von Marx und Engels ausführlich analysiert und kritisiert (Fussnote: MEW Bd. 3, Die Deutsche Ideologie.) wurde, bereiteten einem nihilistischen Existentialismus den Boden (Fussnote: Max Stirner blieb – wie der Anarchismus überhaupt – zum damaligen Zeitpunkt in Deutschland weitgehend unbeachtet. Erst als Heidegger 1927 an ihn anknüpfte, erlangte er dadurch größere Breitenwirkung.) und begünstigten schließlich nur die faschistische Konterrevolution. Gregor Strasser und Horst Mahler als nützliche Apologeten des deutschen Finanzkapitals lassen grüßen!

„Mit Verrat hatte der Bürgerkrieg in Spanien begonnen und mit Verrat endete der durch ausländische Invasion verursachte Krieg“, schreibt Fritz Teppich, Ende November 1918 als Sohn einer jüdisch-großbürgerlichen Familie im Berliner Villenvorort Westend geboren. Ab 5. September 1936 – noch vor der Aufstellung der Internationalen Brigaden – hat er bis Kriegsende am 31. März 1939 in Spanien mitgekämpft, erst als Miliziano, dann als Soldat und schließlich als Offizier. Er wurde in Landesmilizen eingereiht, blieb die gesamte Zeit über unter Basken, Katalanen, Spaniern. Ab 1937 gehörte er zum Generalstab des XXII. Armeekorps, einer Einheit mit durchschnittlich 40.000 Soldaten. Von dort hatte er einen verhältnismäßig weit reichenden Überblick über das Geschehen und kennt die Materie aus eigenem Erleben bestens. Anschaulich beschreibt er die verschiedenen anarchistischen Gruppierungen und ihre politischen und militärischen Wirkungen und Wendungen.

Fraktion Ausrichtung Kommunismus, Karlchen