Der folgende Beitrag, den uns Prof. Eike Kopf zur Verfügung gestellt hat, erinnert an die große Aufgabe, die Gesamtausgabe der Werke von Marx und Engels weiterzutreiben. Genosse Kopf weist nicht nur hin auf das Erscheinen des Teil-Bandes II/4.3, der die Abteilung II „,Das Kapital’ und Vorarbeiten“ abschließt, sondern gibt auch einen gelungenen Einblick in die Mühsalen der Herausgabe dieses epochemachenden Hauptwerks von Karl Marx.

Neues von der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA)

Eine von vier Abteilungen ist komplett

Der lange erwartete Teil-Band II/4.3 der MEGA, womit als erste der vier Abteilungen, nämlich die II. Abteilung „,Das Kapital’ und Vorarbeiten“ abschließt, ist in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften abschließend bearbeitet worden und im Akademie-Verlag erschienen.

Das ist ein Meilenstein in der Geschichte der Erarbeitung, Herausgabe und Verbreitung des „Kapitals“. 1867 erschien die 1. deutsche Auflage des I. Bandes des Hauptwerkes von Marx, 1885 – bearbeitet von Friedrich Engels – die 1. deutsche Aufl. des II., 1894 – bearbeitet von Engels – die 1. deutsche Aufl. des III. Bandes. 1905 und 1910 – bearbeitet von Karl Kautsky – erschienen die „Theorien über den Mehrwert“ (ein Teil des zweiten Rohentwurfs von 1861-1863), die Engels als IV. Band herausgeben wollte. Kautsky gab 1914 auch die erste Volksausgabe des I. Bandes heraus, die durch die Übersetzung fremdsprachiger Passagen ins Deutsche, durch Anmerkungen und durch Register breiteren Leserkreisen die Benutzung erleichterte.

Auf Initiative Lenins wurde 1921 in Moskau das Marx-Engels-Institut gegründet, welches mit der systematischen Sammlung der veröffentlichten Werke von Marx und Engels, ihrer Handschriften und Briefe sowie der an sie gerichteten Briefe verschiedener Korrespondenten begann, wie 1975 im Vorwort zur Gesamtausgabe berichtet wird. Ab 1924 begannen auf Beschluss des XIII. Parteitages der KPR(B) die Arbeiten zur Herausgabe vielbändiger Ausgaben in russischer und in den Originalsprachen. Von 1928-1941 erschien die erste russische Ausgabe in 28 Bänden (33 Büchern). Von der originalsprachigen Marx-Engels-Gesamtausgabe erschienen von 1927 bis zu ihrem Abbruch 1935 elf Bände Werke und Briefe. Die „Kapital“-Brigade (die zuletzt vom späteren Außenminister der DDR Lothar Bolz geleitet wurde) in Moskau bearbeitete im Hinblick auf den 50. Todestag von Marx 1933 die drei Bände als Volksausgabe. Diese erschien 1932 und erlebte nach 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR zahlreiche Nachauflagen, bevor sie ab 1962 im Dietz Verlag Berlin als Bände 23-25 und die „Theorien über den Mehrwert“ als Bd. 26 (in 3 Teilen) der (blauen) Werke-Ausgabe ediert wurden.

Für sein Hauptwerk hatte Marx 1857 bis 1867 drei große Entwürfe und danach etwa zehn Manuskripte für Buch bzw. Band II erarbeitet, weil er jedes Mal mit dem erreichten Stand der Erforschung und Darstellung nicht zufrieden war. Der erste Rohentwurf, die „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“ von 1857/1858, war im Stil der ersten MEGA 1939 und 1941 in Moskau unter Nutzung von Fotokopien, die in den 1920er Jahren von David Rjasanow im Parteiarchiv der SPD gemacht worden waren, herausgegeben und wurde zum Karl-Marx-Jahr 1953 sowie 1974 vom Dietz Verlag als fotomechanischer Nachdruck veröffentlicht.

Nach Abschluss der 39 Bände umfassenden Marx-Engels-Werke-Ausgabe erschienen in deutsch-sowjetischer Gemeinschaftsarbeit ab 1975 Bände der zweiten historisch-kritischen Ausgabe der Werke von Marx und Engels (MEGA). Es handelt sich um eine internationale akademische, historisch-kritische, wissenschaftlich kommentierte Ausgabe, welche die von Marx und Engels hinterlassenen Texte sowie die Briefe Dritter an sie in den Originalsprachen bringt und als Grundlage für mehrbändige Werke-Ausgaben, Auswahlausgaben, Einzelausgaben, Übersetzungen usw. dienen sollte. Sie ist in vier Abteilungen eingeteilt: I. Werke, Artikel, Entwürfe (32 Bände, 20 erschienen), II. „Das Kapital“ und Vorarbeiten (15 Bde. in 23 Teilen), III. Briefwechsel (35 Bde., 12 erschienen) und IV. Exzerpte, Notizen, Marginalien (32 Bde., 12 erschienen). Von den 114 konzipierten sind nun also 59 Bände in 67 Teilen veröffentlicht.

Nun ist also die Abteilung „,Das Kapital’ und Vorarbeiten“ fertig. Als Benutzer muss man beachten, dass die Abteilung nicht heißt „Ökonomische Schriften“. Entwürfe, Schriften, Briefe und Exzerpte, in denen man die Entwicklung der ökonomischen Auffassungen von Engels und Marx seit 1843 bis 1857 (z.B. Engels’ „Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie“, „Lage der arbeitenden Klasse in England“, „Grundsätze des Kommunismus“; Marx’ ökonomisch-philosophische Manuskripte, seine Schrift „Elend der Philosophie“ oder sein Vortrag „Arbeitslohn“) und danach die Arbeit am „Kapital“ begleitend (z.B. im „Anti-Dühring“) studieren kann, findet man in den Abteilungen I, III und IV.

Dennoch ist die „Kapital“-Abteilung gewissermaßen das Herzstück des literarischen Nachlasses von Marx und Engels und bietet – auch angesichts der aktuellen wirtschaftlichen und daraus erwachsenden sozialen Schwierigkeiten und Krisen – noch immer die rationalste Darstellung der realen wesentlichen, inneren und allgemeinen Zusammenhänge der kapitalistischen Produktionsweise und daher ihrer historischen Tendenz.

Von der Nummerierung her gesehen schließt der soeben erschienene Band nicht die Abteilung ab. Er enthält jedoch eine gegliederte Einführung (S. 421-469), die eine solide Wegführung nicht nur zum Band II/4.3, sondern zugleich zur gesamten „Kapital“-Abteilung und einschlägigen Briefen und Exzerpten bietet – einem Schlussstein in einem Torbogen ähnlich. Das ist sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass der hauptsächliche Bandbearbeiter Dr. Carl-Erich Vollgraf seit etwa vier Jahrzehnten versiert an Bänden der Abteilung mitarbeitet (z.B. am umfangreichen Band II/4.2, der Marx’ Hauptmanuskript zum dritten Buch der „Kritik der politischen Ökonomie“ enthält, das 1894 von Engels als Band III des „Kapitals“ herausgegeben wurde). Beispielgebend für die Bearbeitung der gesamten Ausgabe hatten sich die Bearbeiter der II. Abteilung, die in Moskau, Berlin, Halle, Mühlhausen/Thür. und Erfurt Bände bearbeiteten, zu wissenschaftlichen Konferenzen in Mühlhausen 1976 und 1980, in Halle (1983) und in Berlin (1988) versammelt, um mittels gegenseitiger Hilfe und kameradschaftlicher Zusammenarbeit produktiv bei der Quellenbeschaffung und -bearbeitung, bei der Erarbeitung der Kommentierungen sowie der Register sein zu können. Der Wissenschaftliche Rat für Marx-Engels-Forschung unterstützte außerdem durch die Herausgabe des Marx-Engels-Jahrbuches und des die Forschung begleitenden Periodikums „Beiträge zur Marx-Engels-Forschung“ sowie durch die kollektiven deutsch-sowjetischen Begutachtungen die Arbeit.

Diskussionen und Spekulationen, die bisher wegen noch nicht veröffentlichter Vorarbeiten zum „Kapital“ möglich waren, entfallen mit dem Erscheinen dieses Teilbandes. Die edierten Dokumente machen noch anschaulicher, vor welch schwieriger Aufgabe Engels nach Marx’ Tod stand, aus den hinterlassenen Materialien auf Wunsch seines verstorbenen Kampfgefährten „etwas Brauchbares zu machen“ (siehe MEW, Bd. 24, S. 12) und zu veröffentlichen.

Auch ist die Bezugnahme auf zeitgenössische und bis zur Gegenwart erschienene relevante Sekundärliteratur lobenswert; dies unterstreicht zugleich, dass „Das Kapital“ einen nachhaltigen Einfluss auf das deutsche und internationale Geistesleben hatte und hat. So ist die Einführung zugleich ein Beitrag zur Historiographie der Wirtschaftswissenschaften.

Obwohl es sich bei den edierten Texten um Fragmente handelt, macht die Einleitung doch wissenschaftlich neugierig dadurch, dass auf Detailanalysen und Schlussfolgerungen zu realen Problemen und Entwicklungen aufmerksam gemacht wird, wie z.B. Bevölkerungswachstum, Begrenztheit von Ressourcen, Rolle von Wissenschaft und Technik, von Aktiengesellschaften und Krisen sowie vom Kreditwesen, die auch von höchst aktuellem Interesse sind.

Eike Kopf, Erfurt, den 5.11.2012