Materialistisches zum Atomausstieg

Im ersten Teil des Artikels sollen einige Begriffe geklärt werden, auf die wir uns im Zusammenhang mit den Erneuerbaren Energien einigen sollten. Der zweite Teil soll sich materialistisch mit der Kernenergie befassen. Im dritten Teil wird der Atomausstieg bewertet.

Teil I
Ist Energie erneuerbar?

Wenn wir an der aktuellen Debatte teilnehmen wollen, müssen wir uns mit den Naturwissenschaften befassen.

Naturwissenschaft heißt: Die Gesetze der Natur erkennen und sie für die Gesellschaft nutzbringend anwenden. Der Nutzen liegt in der Einsparung von gesellschaftlicher Arbeitszeit – Wissenschaft und ihre Anwendung als Produktivkraft.

Machen wir etwas Physik. Der wohl häufigste Begriff in der Debatte um die Energiewende ist die so genannte Erneuerbare Energie, die die Kernenergie und die fossilen Energien ersetzen soll.

Energie ist die Fähigkeit, Arbeit zu verrichten. Sie ist eine Bewegungsform der Materie. Die Arten der Bewegung lassen sich in Rechenformeln fassen, mit denen Physiker und Techniker hantieren.

Einer der wichtigsten Sätze der Physik ist der 1. Hauptsatz der Thermodynamik. (Wärmelehre)Er lautet: Energie kann weder aus dem Nichts gewonnen werden noch vernichtet werden.

Erweitert heißt das, die Summe der Energie in der Welt ist konstant.

Streng genommen heißt das auch, Energie kann nicht erzeugt werden, nicht erneuert werden, nicht regeneriert werden. Auch wenn das Letztere wissenschaftlich klingt, ist das ebenso Unsinn.

Energie kann demnach nur von einer Form in eine andere gewandelt werden. Energieformen sind die elektrische Energie, die Wärmeenergie, die mechanische Energie und die Kernenergie. Alle diese Formen lassen sich als Energie der Lage (potentielle) oder der Bewegung (kinetische) der Atome und ihrer Bausteine deuten.

Bei der Umwandlung geht ein Teil der Energie Wege, die nicht erwünscht sind, aber ebenfalls einem Naturgesetz unterliegen.

Der 2. Hauptsatz besagt: Wärme kann nicht vollständig in mechanische Energie umgewandelt werden.

Ein Teil strebt immer zu niedrigerer Temperatur.

Wir sprechen dann von Verlustwärme in einem Prozess. (Aufmerksame Leser werden über diesen Begriff stutzen. Er ist aber gebräuchlich. Energie kann nicht verlustig gehen. Es ist also nicht oder nur unter großem Aufwand nutzbare Wärme, kurz Abwärme gemeint.)

Sauber, proper und problemlos: Erneuerbare Energien

Dieser moderne und falsche Begriff beschreibt teilweise sehr alte Formen der Energieumwandlung. (Fussnote: Der Begriff wird der Einfachheit halber weiter verwendet. Den Vogel schießt der bekannte Physiker M. Söder ab. Zur Zeit ist er bayerischer Finanzminister. Als Umweltminister kannte er sogar eine Steigerungsform: „Je erneuerbarer die Energie, desto bürgernäher wird sie.” (SZ vom 24.5.2011))

Bevor wir uns ihnen zuwenden, um sie zu prüfen für die Zwecke unserer Gesellschaft, müssen wir uns noch einen Begriff aneignen, der für die Energiedebatte wichtig, ja grundlegend ist.

Betrachten wir eine hochindustrialisierte Gesellschaft.

Um deren Betrieb aufrecht zu erhalten mithilfe elektrischer Energie, die bis in das letzte Dorf gebracht werden kann, bedarf es einer Grundlastversorgung. Das heißt, dass diese Last im Netz nie unterschritten wird.

Die Hauptverbraucher in unserer Gesellschaft sind die industriellen Erzeuger von Stahl und Eisen, Aluminium, Papier und chemischer Produkte. Ein Großverbraucher ist auch die Bahn. Und es sind nicht die „Haushalte”, die immer als Bezugsgröße angeführt werden! (Fussnote: Auch sie sind auf technischen Wechselstrom (230 VAC, 50 Hz) angewiesen, so wie das letzte Dorf. Sonst können sie ihren HDTV mit SAT-Receiver, ihren PC und die programmgesteuerte Waschmaschine vergessen!
Wir wollen hier nicht eingehen darauf, wie sinnvoll z.B. die Autoindustrie ist. Einer Grundlastsicherung bedarf es auch nicht, wenn wir gegen kalte Füße Schafwollsocken stricken – beim Schein einer Petroleumlampe.
)

Die Grundlast beträgt etwa 40% des Gesamtbedarfs. Das sind in Deutschland 45 GW (1 Gigawatt = 106 Kilowatt), bei Spitzen von 80 GW elektrischer Leistung.

In Deutschland wird die Grundlastversorgung derzeit zur Hälfte aus Kohle- und Gaskraftwerken und zur anderen Hälfte aus Kernkraftwerken (KKW) geliefert. Diese Grundlastkraftwerke müssen also Dauerbetrieb gewährleisten!

Die griffige Forderung der Anti-AKW-Bewegung ist, die so genannten Atomkraftwerke sofort abzuschalten. Weiter wird behauptet, der gesamte Energiebedarf der BRD ließe sich mit den Erneuerbaren Energien bewältigen.

Diese Energieformen wie Sonne und Wind machen zur Zeit 17 – 20% des Bedarfs aus.

Nochmal muss betont werden: Diese Erneuerbaren Energien müssten dann auch langfristig die Grundlast absichern können. Es sei denn, man begibt sich auf die Produktionsstufe des Müllers, der nur bei Wind mahlen konnte. Ein moderner Müller könnte allerdings seine PV-Anlage einschalten – wenn die Sonne scheint ...

Energiemix und Staublunge

Nun wird ein Energiemix vorgeschlagen als Überbrückung, bis alles durch Erneuerbare Energien versorgt werden kann.

So ein Energiemix soll die Kohle vorerst weiter nutzen, wenn die CO2-Emission, also der Ausstoß von Kohlendioxyd, verhindert werden kann. Dazu wird das Endlagern von CO2 in Gesteinshöhlen erprobt. Das dafür nötige CCS-Verfahren (Carbon Dioxide Capture & Storage) stammt aus den USA und ist in industriellem Maßstab noch nicht verfügbar. Die Errichtung eines Versuchskraftwerks in Brandenburg wurde wegen des erwarteten Widerstands von Vattenfall aufgegeben.

Das CCS-Verfahren verschlechtert den sowieso mäßigen Wirkungsgrad der Kohleverbrennung, weil vor dem Endlagern die Verflüssigung des CO2 nötig ist.

Das tödliche Risiko besteht im Austritt von CO2 aus den Kavernen – das Gas ist farblos, leichter als Luft und verdrängt unser Atemgas.

Der Wirkungsgrad ist ein weiterer Begriff, der im Lauf unserer Betrachtung eine wichtige Rolle spielt. Dieser technische Kennwert hat das Zeug zu einem veritablen gesellschaftlichen Faktor!

Er gibt an, wie effektiv die zugeführte Leistung in einem gegebenen Prozess genutzt wird.

Der Wirkungsgrad ist der Quotient aus abgeführter Leistung und zugeführter Leistung und ist nach dem 2. Hauptsatz immer kleiner als 1 bzw. kleiner als 100 Prozent. (Fussnote: η = Pab / Pzu * 100)

Was uns an diesen Kohlekraftwerken aber vor allem stören sollte: Wollen wir, dass australische, chinesische, türkische Kumpel weiterhin unter Tage müssen, um sich Staublungen zu holen? Der Abbau von 1.000 t Kohle bedeutet trotz weitgehender Automatisierung ein Menschenjahr schuften.

Und zuletzt: Die fossilen Energieträger Kohle wie auch Erdöl und Erdgas sind Rohstoffe, die zu schade sind, um mit geringem Wirkungsgrad von 30 % verheizt zu werden. Sie werden besser eingesetzt in wichtigen Gebieten der Chemie –Stichworte: Gesundheit, Kunststoffe, Ersatz von Stahl.

Das Abschalten der KKW, die zur Zeit zusammen mit den fossilen Energien die Grundlast sichern, wird die Gier des deutschen Imperialismus nach Gas, Öl und Kohle vermehren. Dafür sprechen die konkurrierenden Pipelines, die soeben aus Asien nach Europa vorangetrieben werden.

Das Abschalten ist übrigens keine Switch-and-go Angelegenheit. Jahrelang muss die Gesellschaft die Kosten und die Arbeitszeit aufbringen, um so ein KKW still zu legen. Der Betrieb muss aufrecht erhalten werden, um die immer noch entstehende Zerfallsenergie von etwa 10% als Wärme abzuführen. Acht deutsche KKW stehen vor dem Rückbau, welcher je Einheit Kosten von einer Milliarde Euro verursachen wird.

Kommen wir zu den so genannten alternativen Energiequellen (besser: Wärmequellen!), von denen wir schon wissen, dass sie nicht erneuerbar sind.

Die Sonnenstrahlung ist die wichtigste Wärmequelle unseres Planeten. Physikalisch ist die Sonne ein Kernreaktor. Wir werden sehen, sie ist der Prototyp eines Fusionsreaktors. Auch sie ist nicht erneuerbar: Unsere Sonne verliert täglich Millionen Tonnen Masse als Strahlung in den Weltraum, und sie schaltet sich leider in vier Milliarden Jahren selbst ab.

Die Photovoltaik (PV), also die Umwandlung der Sonnenstrahlung in elektrische Energie, spielt eine große Rolle in den laufenden Diskussionen. Wohl, weil die Anlagen überall im Umland die Dächer und die Äcker zieren. Mit einem Wirkungsgrad von 10 – 14%.

Auch diese Technologie nutzt eine Jahrzehnte alte Erkenntnis. Photonen (Welleneigenschaft des Lichts) setzen an der Atomschale von geeigneten Elementen (sog. Halbleitern) Elektronen frei – Spannung entsteht.

Diese Technologie mag sich im Weltraum bewährt haben, aber ist sie deswegen fortschrittlich?

Dazu ein Vergleich. Auf der Fläche einer PV-Anlage kann in einem flächengleichen KKW 10 mal soviel Strom gewonnen werden. Die PV-Zellen mögen immer billiger werden, aber der Boden ist eben begrenzt.

Riesige thermische Solaranlagen sollen nun in die Wüsten Nordafrikas gestellt werden. Das Desertec-Projekt ist keine PV-Technik, sondern eine andere Form der Umwandlung: Im Brennpunkt von Parabolspiegeln läuft Öl in Leitungen, es wird auf 400 Grad Celsius erhitzt und treibt über Wärmetauscher Dampfturbinen. Der erwartete Systemwirkungsgrad soll 15% betragen. Er ist vergleichbar dem einer Dampfmaschine. Aber spielt Landschaftsverbrauch in der Wüste denn eine Rolle? So mögen Siemens und andere Desertec-Konsorten denken. Jedoch ein Menschheitsziel wird damit in Frage gestellt: die Fruchtbarmachung der Wüstengebiete.

Ein imperialistisches Projekt ist das letztendlich, über fremden Boden wird schon verfügt und geplant in den Metropolen. Der Strom soll nach Europa geleitet werden. Nicht ganz zufällig werden in Nordafrika prowestliche Regimes forciert, wie auch immer die zustande kommen. Solange wir mit den Völkern Afrikas nicht verhandeln können über den gegenseitigen Nutzen, müssen wir gegen Desertec sein.

Desertec ist übrigens ein imperialistisches Projekt, das schon auf dem Papier fault. Solar Millenium, einer der Konsortialpartner, hat sich zu Tode spekuliert. Ferrostaal, eine ehemalige MAN-Tochter, ist nach einem Korruptionsskandal um U-Boote an Griechenland in einem Handelskonzern untergetaucht.

20.000 Windräder

Eine andere Umwandlung der Sonnenenergie – in Verbindung mit der Erdrotation – ist die Windkraft.

Dazu einige Zahlen: Ein Windrad liefert 2 Megawatt elektrischer Leistung, was 1.000 Waschmaschinen entspricht; ein Großkraftwerk liefert 1 GW, also das 500fache. (Fussnote: MW = 1000 kW = 1360 PS (für Autofahrer!). Die angesetzten Zahlen sollen eine Größenordnung beschreiben. Die Quellen wie SZ oder Wikipedia sind sehr schwankend. Beispiel: Die SZ vom 16.11.11. prognostiziert 15% des Strombedarfs alleine aus Offshore-Anlagen bis 2030.)

Ein diskutiertes Ziel ist, in Deutschland ein Drittel des benötigten Stroms zu erzeugen. Dafür müssen 20.000 Windräder auf Ackerflächen oder in die Nordsee gestellt werden. Diese Flächen werden der Nahrungsproduktion entzogen.

Diese kleinteilige Stromgewinnung erfordert 20.000 kleine Umspannwerke, denn jedes Windrad braucht eines, um den Strom in ein Fernnetz einzuspeisen. Mit entsprechend geringem Wirkungsgrad – warum?

Es sind mehrere Wandlungen nötig: Der Generator erzeugt Wechselstrom, der gleichgerichtet werden muss. Das ist die Voraussetzung, um in einem weiteren Wandler endlich technischen Wechselstrom zu gewinnen, der kompatibel mit dem Netz ist. (Ähnliches gilt auch für die PV-Anlagen auf Dächern und Äckern.) Die Wirkungsgrade aller Wandler multipliziert vermindern den Systemwirkungsgrad.

Große, zentrale Maschinen und Systeme haben bei gleichem Wirkprinzip einen ungleich besseren Wirkungsgrad. Ein Großgenerator hat einen solchen von 98 %, ein Großtransformator traumhafte 99 % – alle im Leistungsbereich von 1.000 MW, was heutigen Großkraftwerken entspricht. Zum Vergleich hat der bekannte Fahrraddynamo nur einen Wirkungsgrad von 40%, das ist Ergebnis nicht nur des 2. Hauptsatzes, sondern auch verschiedener Gesetze der Elek­trodynamik. Gegen die kann man nicht demon­strieren. (Fussnote: Am Beispiel eines Großtrafos kann gezeigt werden, dass Großtechnologie die Ressourcen am besten schont. Der wertvolle Rohstoff Kupfer wird in Großtrafos mit 1.000 MW und einem Kupfergewicht von 60 t im Verhältnis 100 mal besser genutzt als bei einem Kleintrafo mit 10 W und einem Kupferanteil von 60 g. Zu erwarten wäre bei einem um den Faktor 10-6 verkleinerten Trafo eine Leistung von 1000 W. Tatsächlich sind es 100 mal weniger.)

Wir hören, dass 3.000 km neuer Netze nötig werden, mit den entsprechenden Strommasten, um die neuen Energien zu verteilen. Verkabelung wäre möglich, wie das Beispiel Dänemarks beweist. Die unterirdische Variante ist aber fünfmal so teuer, was den Profit der Netzbetreiber schmälert.

Warum braucht Windenergie überhaupt Hochspannungsnetze? Die Übertragungsverluste sind um ein Vielfaches geringer – eine Erkenntnis so alt wie die Elektrifizierung! Solche Netze sind auch zur Verteilung bei der Windenergie nötig, um die systembedingten Schwankungen auszugleichen. Erinnern wir uns an die Anforderung der Grundlastversorgung.

Dieser Schwankungen sind sich auch die Verfechter der Windenergie bewusst. Fieberhaft wird nach Speichermöglichkeiten gesucht. Ohne näher darauf einzugehen: Sie sind alle nicht in industriellem Maßstab verfügbar.

Was sehr fortschrittlich klingt, ist das angedachte Smart Grid, ein kluges Netz also, allerdings sehr komplex. Computergesteuert soll der Strom dorthin geleitet werden, wo gerade kein Wind weht oder Wolken ziehen. Betreiber von PV-Anlagen könnten sogar mit ihrem Strom makeln, wenn sie zu viel davon haben. Womit wir beim Tante-Emma-Laden der Energie sind.

Die Kosten des Ersatzes durch Erneuerbare Energien werden auf die Gesellschaft über die Stromkosten abgewälzt, aber durch diesen Ersatz haben wir noch kein einziges Kilowatt gewonnen.

Die geplanten zigtausend Windräder geben eine Vorstellung von den Problemen, die die geforderte und so populäre Dezentralisierung mit sich bringt. Es bedeutet riesigen Mehraufwand, um zu einem gemeinsamen Netz, zu einer gesellschaftlichen Art und Weise der Energieverteilung zu kommen. Mit der Dezentralisierung begeben wir uns auf die Stufe der Kirchturmpolitiker. „Wir müssen Energie dort erzeugen, wo sie gebraucht wird”, fordert Helmut Brunner, der bayerische Agrarminister. Also Energie bereit zu stellen, soweit der Blick vom Kirchturm reicht. Der Blick ist gerichtet auf die eigene Sach’, aufs Hoamatl ...

Da wir schon auf dem flachen Land sind, noch ein Blick auf die so genannte Bioenergie. Die Sonne war ja die Quelle der fossilen Brennstoffe. Heute soll sie für schnell wachsende Rohstoffe wie z.B. Mais sorgen. Denken wir an die stinkenden Rapsfelder für den Biosprit. Denken wir an dezentrale Biokraftwerke, die den letzten Kuhfladen einsammeln. Die Energiebilanz ist auch wie bei der Windenergie zu machen. Der Systemwirkungsgrad liegt bei 15 – 20%.

Ein Bioszenario könnte sein, dass wir bald von einem Meer von Maisfeldern umgeben sind – durchsetzt mit Strommasten und Windrädern, der eine oder andere Acker mit dezentralen PV-Anlagen zugepflastert.

Die volkswirtschaftlichen Schäden dieser Art kapitalistischer Sonnennutzung werde ich hier nicht weiter ausführen. Nur soviel: Sie sind in steigendem Maß verantwortlich für den Hunger in der Welt. (Fussnote: Eine wirkliche Alternative, die Sonnenenergie effektiv (!) zu nutzen, könnte die Wärmegewinnung aus dem Prozess der Fotosynthese (Blattgrünerzeugung) sein. Das US-amerikanische MIT betreibt auf dieser Grundlage einen Bioreaktor, d.h. nicht mehr im Labor, sondern mit dem Ziel der industriellen Nutzung.)

Zentrale Energiegewinnung und Verteilung auf hohem Leistungsniveau bringen maximalen Wirkungsgrad bei Minimierung von Bodennutzung und nicht zuletzt von gesellschaftlicher Arbeitszeit.

Der Stand der Technik großindustrieller Energieversorgung ist heute die Nutzung fossiler Energie und Kernenergie. Die Atomkraftgegner und andere Umweltbewegte, die diese ersetzen wollen durch kleinteilige Einheiten, bewegen sich weg von einer industriellen Produktionsweise. Solche Bewegungen können – vorsichtig ausgedrückt – nicht emanzipatorisch sein.

Emanzipatorisch heißt dabei, anzuerkennen, dass eine zukünftige sozialistische Gesellschaft auf dem vorgefundenen Stand der Produktivkräfte aufsetzen muss.

Teil II
Die Isar wird geheizt

Gegner der Atomkraft zu sein, ist ebenso unvernünftig wie Gegner der Schwerkraft zu sein.

Die Atomkraft, von der heute landläufig gesprochen wird, ist genau genommen die Kernkraft, die im Inneren des Atomkerns wirkt. Wie die Schwerkraft ist sie eine der Urkräfte, die unser Universum bestimmen.

Der Vollständigkeit halber: Dazu kommen die elektrodynamische Kraft und der Magnetismus.

Zuerst zu einigen Bildern, wie sie in den Köpfen der Menschen existieren – und von den Herrschenden erzeugt werden:

Ein KKW ist kein blauer Swimmingpool. Um Meldungen im Fernsehen zu illustrieren, wird immer wieder das so genannte Abklingbecken gezeigt. Dort werden die Brennelemente gelagert, die nicht mehr genug Wärme liefern. Mit anderen Worten: Sie sind für den am meisten verbreiteten Typ des Leichtwasserreaktors (z.B. Ohu an der Isar!) nicht mehr brauchbar. Das blaue Licht ist das Tschernenkow-Leuchten, das entsteht, wenn die Strahlung der Brennelemente im Wasser abgebremst wird.

Brennelemente? Im KKW brennt nichts wie beim Verbrennen von Holz oder Kohle, wo der Oxydationsvorgangs genutzt wird – unter Freisetzung von CO2, was einzudämmen ist.

Das ist der menschheitsgeschichtliche Fortschritt, dass wir uns nicht mehr an der Atomschale befinden, um Wärme zu gewinnen, wie es allen Feuerstellen eigen war, von der Urzeit über den Kohleherd bis zur Dampflok.

Der Mensch ist ins Atom eingedrungen, seit ungefähr 100 Jahren übrigens, als Ernest Rutherford das erste brauchbare Atommodell vorstellte.

Ebenso lange ist es her, dass Albert Einstein 1905 die theoretische Grundlage dafür schuf, die ungeheure Energie im Atomkern begreifen zu können. Es ist die bekannte Formel E= mc2, der Ausdruck für die Äquivalenz von Masse und Energie. Oder wie Einstein selbst sagte: Masse ist Energie auf Sperrkonto. (Fussnote: Herzuleiten aus der Formel für die kinetische Energie Wkin = mv2 / 2.
c ist in der Einsteinschen Formel die Lichtgeschwindigkeit. Als Otto Hahn 1938 die erste Kernspaltung durchführte, war es Lise Meitners Verdienst, mit Hilfe der Einsteinschen Formel die Entdeckung erklären zu können. Lise Meitner wie auch Einstein waren bereits im Exil. Die Nazis stellten damals der „Jüdischen Physik” ihre „Deutsche Physik” entgegen.
)

Ein Kilogramm Materie birgt mit E=mc2 soviel Energie in sich, wie bei der Verbrennung von 3 Millionen Tonnen Braunkohle frei wird. Die würden einen Güterzug mit einer Länge von über 700 Kilometern füllen.

Die Kernspaltung in den Brennelementen setzt Wärme frei in Form von kinetischer Energie, die aus der Bindungsenergie der Bestandteile des Atomkerns kommt. Dieser Vorgang findet im KKW in einer vergleichsweise kleinen Stahlkammer statt.

Noch ein Bild: Ein KKW ist nicht ein 150 Meter hoher Turm mit einer Dampfwolke, wie wir sie z.B. bei Ohu kilometerweit sehen können. Solche Kühltürme besitzen auch Kohlekraftwerke.

Das heiße Wasser, das die Turbine verlässt, nachdem es dort als Dampf seine Arbeit verrichtet hat, wird im Turm herunter geregnet und die Wolke entsteht. Ein Teil des Wassers wird übrigens in die Isar geleitet und heizt sie um einige Grade auf.

Abklingbecken, Kühlturm, warme Isar – alle sind Symptome dafür, wie der Kapitalismus verschwenderisch und schlampig mit der Kernkraft umgeht. Wir haben in den KKW heute einen Wärmeverlust von 60%, ein Wirkungsgrad nicht viel besser als bei Kohlekraftwerken. Die Abwärme wäre nutzbar für Heizzwecke, in Gewächshäusern oder für chemische Prozesse.

Schlamperei und Verantwortungslosigkeit sind die Stichworte, um zur Katastrophe von Fukushima zu kommen.

Kurz der Vorgang. Nach den Erdstößen wird das KKW ordnungsgemäß automatisch heruntergefahren. Die Brennstäbe müssen weiter gekühlt werden. Die Notstromaggregate und damit die Pumpen fallen aus. Um Strom heranzuführen für die Pumpen, fehlen Kabel!

Das sind alles Technologien, die der Mensch seit 100 und mehr Jahren beherrscht – Dieselgeneratoren, Pumpen, Stromversorgung. Bekannt war schon 2010, dass diese Sicherheitsvorrichtungen nicht gewartet wurden. Die Regeln der Re­dundanz – Vervielfachung von Sicherheitseinrichtungen – wurden nicht beachtet.

Eine Naturgewalt, die der Mensch noch nicht beherrscht, aber vor der er sich schützen kann, ist das Erdbeben.

Das Erdbebenrisiko und die Tsunamigefahr waren bekannt. Das war schon beim Bau angemahnt worden. Naturgesetze wurden also missachtet.

Japan ist bekannt für den Bau von erdbebensicheren Hochhäusern. Diese Technik wurde in Fukushima nicht angewandt. Es wurden keine Mauern angesichts der Tsunamigefahr errichtet, wie bei einem ähnlichen KKW in Japan. Der Standort wurde gewählt, um einfach und billig Kühlwasser aus dem Meer zu holen.

Das Tauchsiedermonopol

Harrisburg (USA/Pennsylvania) ließ 1979 die Welt aufschrecken. Dort kam es zum ersten Mal zu einer Kernschmelze. (Fussnote: Fakten aus der Broschüre „Eigentum vernichtet – Atomenergie im Würgegriff der Konzerne”. Peter Scheinost, 1964–1991. Hrsg. KHB München, 1988.)

Die Überwachungsanlagen waren schon bei der Inbetriebnahme veraltet. So wurde dort auf eine computergestützte Überwachung verzichtet, obwohl der technische Standard dies erfordert hätte. Die USA waren damals führend in der Computertechnologie!

Es wird behauptet, schon der Unfall von Harrisburg habe gezeigt, dass KKW grundsätzlich nicht sicher seien. Wahr daran ist, dass die dort zugrunde liegende Reaktorkonstruktion tatsächlich Risiken und Gefahren birgt.

Der so genannte Leichtwasserreaktor (LWR) wird seit Jahrzehnten immer wieder neu aufgelegt. Dieser ist nichts anderes als ein größerer Tauchsieder. Den Weltmarkt für diese atomaren Tauchsieder beherrschten Monopolisten wie Siemens und General Electric. Heute baut der weltweit führende französische Atommonopolist Areva KKW weiter nach dem selben Wirkprinzip.

Das heißt nun nicht, dass ein KKW so konstru­iert sein muss – und dass man nichts verbessern könnte.

Es war bereits Ende der 1950er Jahre eine theoretische und experimentelle Erkenntnis, dass der LWR keine solide Grundlage für eine industrielle Nutzung der Kernkraft bot.

Dafür war die Bauweise auch nie gedacht. Entwickelt wurde sie in den ersten Nachkriegsjahren in den USA als U-Bootantrieb in Einheiten von 10 MW elektrischer Leistung. Heutige KKW liefern bis zu 1.300 MW, also mehr als das Hundertfache.

Die U-Boote waren Träger von Atomraketen, damit war möglichste Kompaktheit diktiert. Mit der Folge fehlender Kapazität für überschüssige Wärme.

Das Prinzip des LWR besteht darin, dass Brennstäbe mit spaltbarem Material (Uran 235) in Wasser tauchen. Das führt die Wärme ab zur Dampferzeugung und moderiert gleichzeitig, d.h. es dient als Neutronenbremse. Denn erst gebremste Neutronen können die Kettenreaktion in Gang setzen.

Wenige Minuten Kühlausfall führen zur mechanischen und chemischen Zerstörung, der Kern gerät außer Kontrolle. Wasserstoff wird frei, Knallgas entsteht, Brennstäbe brechen, Spaltprodukte werden frei – Fukushima.

Der Einsatz von Wasser als Moderator und Wärmeträger bis heute, seit 60 Jahren also, gleicht der Lunte am Pulverfass.

Es ist längst praktisch bewiesen, dass großvolumige Cores (Brennraum, eigentlicher Reaktor) unter dem Einsatz von graphitischen und keramischen Werkstoffen sehr gutmütig auf einen totalen Ausfall der Kühlung reagieren. Und einen höheren Wirkungsgrad haben.

Diese Erkenntnisse führten zum Hochtemperaturreaktor (HTR). Praktisch erprobt wurden als Kühlmittel bzw. Wärmeträger chemisch träge und inaktive Stoffe, z.B. Helium, ein Edelgas. Was paradox klingen mag: Trotz höherer Temperatur von 2500 Grad Celsius ist keine Kernschmelze möglich, aber ein besserer Wirkungsgrad. Der LWR mit seinen 300 Grad Celsius entspricht immer noch der Dampfmaschine.

Der bessere Wirkungsgrad des HTR folgt aus den Erkenntnissen von Nicolas Carnot. Der französische Physiker hat 1824 (!) die Dampfmaschine (in weiterem Sinn Wärmekraftmaschinen) theoretisch untersucht, um sie zu optimieren. Der Carnot- oder Thermische Wirkungsgrad besagt, dass ein Wärmeprozess umso effektiver ist, je größer der Unterschied zwischen der niedersten und der höchsten Temperatur im Prozess ist. (Fussnote: ηtherm = 1 – Tmin / Tmax)

Als die massenhafte Verbreitung der KKW begann, im Westen Mitte der 1960er Jahre, war der LWR vom Standpunkt der Wissenschaft eigentlich überwunden. Alle weiteren Entwicklungen wurden jedoch behindert. Vielversprechende Möglichkeiten wurden nicht weiter untersucht.

Weltweit wurde eine veraltete Technologie multipliziert, was ungeheuere Profite für die Atommonopolisten bedeutete!

Schlaglicht Deutschland. Der HTR in Hamm wurde nach 5 Jahren Betriebszeit 1989 wieder stillgelegt, auch unter dem Eindruck von Tschernobyl. Betreiber dieser Technologie waren BBC und Krupp, die mithilfe des Staates von Siemens nieder konkurriert wurde. (Interessant ist dabei, dass Krupp die Prozesswärme zur Stahlerzeugung nutzen wollte.)

Das Beispiel soll zeigen, wie die Schlacht der Monopole um den Weltmarkt eine konsequente Weiterentwicklung der Kernkraftanwendung verhinderte. Was sich durchsetzte, war das Schlechteste.

Einige Worte zu Tschernobyl. Dort war ein Reaktor gebaut worden, der dem westlichen Reaktortyp insofern voraus war, weil er Graphit-moderiert war, ähnlich dem HTR. 1986 sollte während einer routinemäßigen Abschaltung ein Versuch gefahren werden.

Auch sozialistische Menschen begehen Fehler. Damit sich der Reaktor nicht wehrt, wurden alle Sicherheitssysteme abgeschaltet, um den Reaktor von Hand zu fahren. Der Rest ist bekannt.

Auch im Sozialismus kann es von Menschen verursachte Katastrophen geben. Weil es auch im Sozialismus Irrtümer geben kann. Aber sie sind insofern vermeidbar, weil sie nicht zwangsläufiger Bestandteil der Gesellschaft sind. Anders im Kapitalismus, der von der Jagd nach dem Höchstprofit bestimmt ist. Wo die Profitgier einiger weniger das Elend so vieler bedeuten muss. Aber es ist auch so, dass der Rote Stern schon verblasst war – die Sowjetunion war auf der Jagd, den Kapitalismus einzuholen.

Ist die Endlagerung ungelöst?

Die Frage der Endlagerung ist bei der bisher bekannten Nutzung der Kernkraft ein Teil des Problems.

Es ist kein technisches, sondern ein politisches Problem!

Die Wiederaufarbeitung bietet die Möglichkeit einer Art Recycling der Kernbrennstoffe. Dabei entsteht Plutonium, welches wieder als Brennstoff genutzt werden kann. Und für die Bombe, was ein Hauptmotiv der AntiWAA-Bewegung war.

Diese Bewegung hatte Mitte der 1980er Jahre dazu beigetragen, dass der deutsche Imperialismus die Wiederaufarbeitung nach Frankreich verlagerte, zum damaligen großen Atompartner. Dazu kam, dass Strauss weg war und dessen Griff nach der Bombe an Bedeutung im imperialen Streben verlor. WAA-Baustopp war 1989.

Auf einen kurzen Nenner gebracht, war es ein Deal zwischen allen Beteiligten, der lautete: AKW ja, WAA nein.

Nun ist es auch möglich und experimentell bewiesen, dass durch Transmutation eine Umwandlung von spaltbarem Material (Nukleide) in nicht Strahlendes möglich ist. Die Abfälle werden gezielter Neutronenbestrahlung ausgesetzt, was die Halbwertszeit auf eine Größenordnung von hunderten Jahren herabsetzen kann. Diese Technik befindet sich im Forschungsstadium, u.a. im Kernforschungsinstitut Karlsruhe (KIT).

Es wäre übrigens auch ein Reaktor denkbar, der die Abfälle aus dem LWR verwertet. Also ein geschlossener Brennstoffkreislauf. So würden auch die Castoren überflüssig. Aber solange die Monopole die Hand auf der Kernkraft haben, ist es eben billiger, die Abfälle in Salzstöcken zu versenken oder in Gorleben vor sich hinbrutzeln zu lassen.

Gibt es sichere Kernkraftwerke?

Vorweg: Der Kapitalismus ist das größte denkbare Risiko, insbesondere in seiner Gestalt des deutschen Imperialismus. Es hat in der ganzen Menschheitsgeschichte keine solchen Katastrophen gegeben wie die vom Kapitalismus hervorgerufenen zwei Weltkriege mit ihren Verbrechen gegen die Menschheit.

Das Monopolkapital macht aus jeglicher Technologie eine Katastrophe: Es macht aus Nitroglyzerin Herzmittel oder Granaten, es setzt Blausäure zur Schädlingsbekämpfung ein oder in Auschwitz.

Der Kernenergie wird angelastet, dass sie nicht beherrschbar sei. Das dominierende Verkehrssystem ist Beispiel für eine riesige Maschine – nimmt man die abermillionen Autos als Ganzes – die in der Tat nicht beherrschbar ist. 1,2 Millionen Opfer fordert der Autoverkehr weltweit im Jahr, etwa 4.000 alleine in Deutschland. Wenn Millionen Individuen gleichzeitig von A nach B wollen, kann das nicht gut gehen, trotz TÜV und Ampel. (Fussnote: Motorwelt 1/12: 3.900 Tote in 2011, Tendenz steigend.)

Sicherheit ist eine gesellschaftliche Kategorie, sie ist Ergebnis einer gesellschaftlichen Debatte – beeinflusst von Medienmacht! Sicherheit ist also keine absolute Größe. Das Grenzrisiko legt die Gesellschaft fest. Soviel zur Beantwortung der Gretchenfrage.

Kernfusion – die Sonne auf die Erde holen!

Eine vielversprechende Möglichkeit, die Kernkräfte zu nutzen, ist die Kernfusion. Ob sie die Energieform der Zukunft ist, ist ebenso wenig die Frage wie: Soll der Mensch den Mond besiedeln?

Wir sind viel weiter, Kernfusion ist die Gegenwart.

Seit 1968 ist sie Tagesaufgabe der Wissenschaft. So wie es seit der Entdeckung 1938 die Kernspaltung war!

1968 gelang der erste Einschluss von Plasma in einer Versuchsanordnung in der Sowjetunion, nachdem schon etwa 10 Jahre geforscht worden war.

Was ist ein Plasma? 99% der sichtbaren Materie besteht daraus – die Sonne, die Sterne, das Universum.

Plasma ist der 4. Aggregatzustand. Einfach gesagt: ionisiertes, also leitfähiges Gas im Vakuum bei hohen Temperaturen.

Wir kennen Plasma als Funken im Lichtschalter, als Blitz und in der Leuchtstoffröhre als Leuchtmittel.

Schon lange weiß die Wissenschaft, dass das Leuchten der Sterne, die Wärmestrahlung der Sonne Wirkungen der Kernfusion sind. Es ist der effektivste Naturprozess, den wir kennen.

Die Sonne auf die Erde holen mittels der Kernfusion – den Beweis, dass das möglich ist, hat die Sowjetunion gebracht. Sie hat übrigens die Kernspaltung immer als Übergangstechnologie betrachtet, um zur Kernfusion zu kommen.

Kernfusion also ist die Verschmelzung von Atombestandteilen im Unterschied zur Kernspaltung (Fission). Die Bewegungsenergie der freiwerdenden Neutronen wird wieder in Wärme gewandelt. Dieser Prozess ist etwa zwei Zehnerpotenzen effektiver als die Kernspaltung.

Der Einschluss des Plasmas von einigen 100.000 Grad Celsius wurde erstmals in einem Tokamak-Reaktor durchgeführt. Der russische Name beschreibt den Aufbau: Torusförmige Kammer mit Magnetischen Spulen (Katuschka).

US-amerikanischen Forschungen zur Kernfusion gelang erst in den 1980er Jahren der Anschluss an die Sowjetunion. Neue Erkenntnisse brachte die Anwendung von Big Science, d.h. nicht mehr Labortechnik, sondern Großversuch und fortgeschrittene Computertechnik.

Doch fehlende Geldmittel behindern dauernd diesen Forschungsbereich. Die Kernfusion ist ein Projekt, das Mittel benötigt, die ein einzelner Monopolist, ein Staat nicht mehr aufbringen kann.

Was die Entwicklung und Forschung bremst, ist das mangelnde Interesse der Monopole. Schneller Profit ist nicht zu erwarten. Und bei einem Erfolg der Kernfusion sind alle Investitionen in andere Energieformen wie LWR usw. plötzlich entwertet.

Die Wissenschaft kennt heute das Volumen des Plasmas, das mindestens nötig ist, um als Kraftwerk zu funktionieren. Noch geht es darum, das Plasma langfristig selbsterhaltend zu machen. Das ist die Voraussetzung für großindustrielle Nutzung.

Eine der derzeitigen Versuchsanordnungen ist das ITER-Projekt (International Thermonuclear Experimental Reactor). Es ist ein Reaktor vom Tokamak-Typ, 45% der Mittel stellt die EU zur Verfügung. Der Baubeginn war 2009, die Fertigstellung soll 2018 sein. Veranschlagt sind derzeit 7,2 Mrd. Euro.

Der internationale Versuchsreaktor DEMO soll erstmals mehr Energie liefern, als zur Aufrechterhaltung des Prozesses nötig ist. Er soll etwa 2024 dem ITER folgen, ist aber noch nicht beschlossen. 8 Milliarden Euro aus EU-Mittel sind veranschlagt, es werden sicher mehr. Aber bedenken wir, die BSE-Seuche hat 5 Milliarden gekostet. Die Kohlesubventionen in Deutschland seit den 1950er Jahren betrugen je nach Rechenart 300 bis 400 Mrd. D-Mark.

Die erwarteten Vorteile der Kernfusion sind bestechend, wiewohl sie noch zu verifizieren sind:

Der Brennstoff ist unerschöpflich, nämlich – das Wasser in den Weltmeeren. Aus dem wird Schweres Wasser (Deuterium) mittels Elektrolyse gewonnen. Als weitere Komponente dient Überschweres Wasser (Tritium), das mithilfe von Lithium gewonnen wird.

Das Tritium kann im Fusionsreaktor erbrütet werden.

Das alles in verhältnismäßig kleinen Mengen: Theoretisch sind 86 g dieses Brennstoffgemischs erforderlich, um die Energie von 1.000 t Kohle darzustellen. Die „Asche” dieses Prozesses ist Helium.

Weitere Vorteile gegenüber der Kernspaltung sind:

–Es fällt kein CO2 an. Es findet keine Kettenreaktion statt, die entgleiten könnte. Sobald sich nur eine der Bedingungen für das Plasma ändert, schaltet sich der Prozess ab.

–Es kann auch nicht zu einer Kernschmelze kommen. Das Tritium ist schwach radioaktiv und gut manipulierbar, die Strahlung dringt nicht durch die Haut.

–Die Auskleidung des Plasmagefäßes (Blanket), an dem die Wärme entsteht und abzuführen ist, wird durch den Neutronenbeschuss verstrahlt und muss von Zeit zu Zeit getauscht werden. Es ist möglich und bedarf weiterer Forschung, Materialien einzusetzen, die dagegen stabil sind. Denkbar ist auch die Anwendung der Transmutation.

Es muss angenommen werden, dass unter dem Eindruck der aktuellen Diskussion die Forschungsmittel für die Kernfusion, die in die Milliarden gehen, zu versiegen drohen. Auch und gerade in der reichen BRD, in der eine technikfeindliche Debatte tobt. Dabei haben Forschungseinrichtungen wie Garching bei München oder Greifswald immer wieder für Aufsehen erregende Ergebnisse in der Fusionsforschung gesorgt. (Fussnote: Am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching wird z.B. eine Ionenquelle zur Zündung des Plasmas entwickelt. In Greifswald, in einem Teilinstitut des IPP seit 1994, wird eine Alternative zum Tokamak-Typ, der Stellarator erprobt.)

Dazu passt eine Meldung in der SZ vom 5.5.2011: An der TU München wird ein neuer Studiengang eingerichtet, nicht etwa für Kernfusion, sondern für Games Engineering, also für PC-Spiele. So wird also Lehre und Forschung betrieben in diesem Land!

Teil III
Der Atomausstieg – Merkels Coup

Wir machen uns nicht die Illusion, dass Demonstrationen die so genannte Energiewende herbei geführt hätten. Oder dass ein KKW-Unfall auf der anderen Seite des Planeten einen Sinneswandel bei der gelernten Physikerin Merkel hervorgerufen hätte.

Die deutschen KKW sind durchschnittlich 23 Jahre alt. Die bestehenden KKW laufen aus. Das älteste ist 40 Jahre alt, das bedeutet Ende der Laufzeit.

Große Investitionen in Sicherheit und Ersatz der Ausrüstung werden nötig. (Frankreich, das 78% seiner Energie aus KKW bezieht, beschreitet soeben diesen Weg!) Für das deutsche Finanzkapital ist das kurzfristig nicht profitabel genug, es bedeutete Stillstand oder Neubau. Dazu kommt der hohe Sicherheitsstandard, der bisher ein Verkaufsargument des Atommonopolisten Siemens war. Und schließlich bieten Windmühlen einen schnelleren Kapitalumschlag als ein neues KKW. (Fussnote: Das Kapital versucht zu lernen, um einem Kernschmelzunfall zu begegnen. Areva hat den EPR (European Pressurized Reactor) fertig entwickelt. Siemens war anfangs beteiligt und ist ausgestiegen. Das Prinzip ist das des LWR, die Druckwasserreaktoren der 2. Generation hatten bereits einen Sekundärkreislauf. Der EPR ist ein Reaktor der 3. Generation. Er verfügt über ein doppeltes Containment, eine zusätzliche Stahlwanne im Core, eine Wanne aus Opferbeton und über vierfache Redundanz der Sicherheitssysteme.)

Nun müssen neue Profitquellen her! Und neue Tribute für das Volk – die Kosten für die Erneuerbaren Energien.

Interessant ist, dass praktisch zeitgleich mit Merkels Atomausstieg Siemens einen neuen, vierten Geschäftsbereich aus dem Hut zauberte. Er wurde unter dem Namen Infrastructure and Cities eingerichtet, mit Standort in München. In ihm sollen alle Aktivitäten zusammengefasst werden, die Profit aus dem Energiemanagement großer Metropolen versprechen.

Eine Energiewende-Konjunktur wird erwartet.

Es tritt die Frage auf: Wer hat die so genannte Energiewende auf die Schiene gesetzt: Merkel oder Siemens? Nicht vergessen: was wir hier verhandeln, ist staatsmonopolistischer Kapitalismus! Damit ist die Henne-oder-Ei-Frage schon beantwortet.

Gehen wir davon aus, dass Siemensboss Löscher bzw. das deutsche Finanzkapital rechtzeitig erkannt haben, dass mit KKW langfristig keine Profite zu machen sind. Siemens hat mit dem Ausstieg aus dem Vertrag mit dem französischen Atommonopolisten Areva 600 Millionen Euro Strafe akzeptiert. Dieser hatte sich Profit aus den erwarteten Ersatzinvestitionen in deutschen KKW versprochen.

Bei der angestrebten Allianz mit der russischen Rosatom ist es bei einer Absichtserklärung geblieben.

Noch in den 1970er und 1980er Jahren entstand kein KKW ohne Siemenstechnik. Siemens verdient selbstverständlich weiterhin an der KKW-Peripherie, nämlich an den Turbinen, Generatoren und Schaltanlagen. KKW-Neubauten sind geplant in Finnland (EPR), Tschechien und in den BRIC-Staaten. Dabei wendet sich die VR China der HTR-Technologie zu.

Andere Profiteure der Energiewende sind VW, Daimler und BMW. Sie werfen sich mit großer Anstrengung auf die eMobility. Mit erklärtermaßen umweltneutralen Vehikeln wollen sie an dem Green New Deal profitieren. Aber wo kommt die Energie her?

Die Energiekonzerne sind eine Fraktion, die expansiv und aggressiv ist. Sie sind nur scheinbar niedergerungen. Ihre Gier nach Gas, Kohle, Öl steigt! Neue Netze sind zu betreiben.

Die mittelständische Industrie, die bei großindustrieller Technik nicht mithalten kann und tendenziell von den Monopolen bedroht ist, verspricht sich Profite als Zulieferer bei den Erneuerbaren Energien. Der Handwerkspräsident von München und Oberbayern, Heinrich Traublinger – Bäckermeister, ex CSU-MdL, Lobbyist – fordert schon lauthals den Anteil des Handwerks an der Energiewende und der E-Mobilität!

Der Atomausstieg hatte also ein geschicktes Timing. Merkels Coup nutzte die geringe gesellschaftliche Akzeptanz, ja Ablehnung der Kernenergie nach Fukushima, und konnte das verängstigte Kleinbürgertum einbinden. Und nicht nur das. Sie hat in der Frage „AKW abschalten sofort” einen Zustand hergestellt, der an Volksgemeinschaft denken lässt – bis in die Gewerkschaften hinein! So hat sie ihre Rolle als Geschäftsführerin des Monopolkapitals glänzend erfüllt.

Ausblick

Mindestens 40 Jahre an Erkenntnis und Wissen werden entwertet, bereits angeeignete Technologie und Qualifizierung von Arbeitskraft werden auf den Müll geworfen. Die deutsche Kernforschung hat weltweit eine Spitzenstellung, wie wir schon bei der Kernfusion sahen. (Fussnote: Hier ist die DDR zu erwähnen. Das Forschungs- und VersuchsKKW Rheinsberg ging 1966 ans Netz. Das KKW bei Greifswald mit 1760 MW entstand zwischen 1968 und 1979. Es stellte 10% der DDR-Versorgung bereit und sollte erweitert werden. Nach 1990 wurde es plattgemacht – eine Entscheidung zugunsten Siemens und Co. Die vorgefundene sowjetische Technologie nötigte den Sachverständigen aus der BRD Respekt ab. (Vgl. „Neue Technologien in der Gesellschaft“, Bielefeld 2011, S. 106). In Stendal war ein KKW mit 4.000 MW Leistung geplant. Ab 1991 sollte es Strom liefern, wozu es jedoch nicht mehr kam.)

Die Zentralisierung der Produktion – wie sie in der Großtechnologie KKW zum Ausdruck kommt – ist nicht nur Ergebnis der kapitalistischen Produktionsweise, sondern Notwendigkeit und Erleichterung des Übergangs zur sozialistischen Produktionsweise.

Das alles wird rückgängig gemacht zugunsten einer Energiewirtschaft der kleinen überschaubaren Einheiten – weil es dem Monopolprofit dient. Ob dieses Konzept aufgeht, ist trotz aller Wendeeuphorie noch nicht bewiesen. Tägliche Presseberichte zeugen vielmehr von einem kapitalistischen Planungschaos.

Das Kapital selbst ist dumm wie ein Raubtier. Es hat keine Ahnung von Naturgesetzen. Es bedient sich der Naturwissenschaft auf der Jagd nach dem Maximalprofit mittels der „erfinderischen Zwerge, die man für jeden Zweck mieten kann“. (Brecht, Gallilei)

Zu solchen erfinderischen Zwergen werden die mehr oder weniger orientierungslosen Wissenschaftler, die technische Intelligenz, die studierende Jugend unter den herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen.

Und die qualifizierten Arbeiter in den Industriebetrieben, die in steigendem Maß Prozesse steuern und entwickeln. Deren „Gold in den Köpfen” wird von den Kapitalisten gierig abgegraben.

Diese Menschen gewinnen wir mit scheinradikalen Abschaltlosungen nicht. Doch gerade an sie müssen wir uns wenden – auch mit der Aufforderung, ihr Wissen in diesen Fragen zur Verfügung zu stellen!

Sie müssen den fortgeschrittensten Arbeitern helfen zu erkennen, dass ihr Kampf nötig ist. Nicht nur, um letztendlich die Wissenschaft aus der Zwangsjacke der Profitmaximierung zu befreien. Sondern auch hier und heute, um Auflagen zu erkämpfen, etwa bei der Endlagerung oder bei der weitestgehenden Sicherheit der bestehenden KKW. Das sind Menschen, die in der materiellen Produktion stehen und daher eine materialistische Haltung zur Technik haben. Anders, als das bei verängstigten Kleinbürgern der Fall ist.

Zum Schluss eine sehr persönliche Anmerkung. Ich erlaube mir, die Kernfusion für eine neue Interpretation unseres „Brüder zur Sonne, zur Freiheit!” zu halten. Freiheit heißt ja, die Naturprozesse zu erkennen und sie mithilfe der Wissenschaft immer besser und effektiver zu nutzen.

Welcher Weg zu beschreiten ist zur effektiven Energienutzung, ist schon immer die Hauptfrage der Menschheit gewesen. Noch müssen wir sie den Monopolen überlassen. So wie sie jetzt Windräder herstellen lassen, würden sie auch wieder Pyramiden bauen, wenn es Profit verspräche.

Sollen wir also Energie sparen? Wir brauchen unvergleichlich mehr Energie, um zu einer Gesellschaft zu kommen, die nicht mehr nur den Mangel verwaltet. Eine solche führt immer wieder zur Entstehung von Bourgeoisie, zu Ausbeutung, zu Kapitalismus.

Was wir anstreben, ist eine Überflussgesellschaft, in der körperliche Arbeit so gut wie nicht mehr nötig ist.

Wo der Mensch neben den materiellen Produktionsprozess treten wird und nur mehr steuernd und regelnd eingreift. (So, wie der Kollege in der KKW-Schaltzentrale heute schon, wenn er seiner Tätigkeit nachkommen kann.) Wo der Mensch – aus heutiger Sicht – ungeheure Naturprozesse zwischen sich und die Natur schieben wird.

Es sind auch heute schon längst nicht mehr der Faustkeil oder der Dampf. Es werden Naturprozesse sein, von denen wir heute noch wenig wissen.

Peter Willmitzer

Die Verflechtung des Finanzkapitals am Beispiel des Aufsichtsrates der Siemens AG – des Atommonopolisten i.R. und Monopols mit derzeit grünem Anstrich:

Aufsichtsratsvorsitzender ist Cromme, gleichzeitig ARV von ThyssenKrupp. Das Bankkapital sitzt personifizert durch Diekmann, Allianz, und Ackermann, Deutsche Bank, am Tisch. Samuelsson, geschasster Vorstandsvorsitzender von MAN Nutzfahrzeuge, vertritt Volvo und den schwedischen Schiffbau. (Der Schiffbau ist wichtig für die Offshore-Windkraft!) Die Vorsitzende der Geschäftsführung der Trumpf GmbH vertritt den Werkzeugmaschinenbau mit einer führenden Rolle in der Lasertechnologie. Sie ist auch Aufsichtsrätin bei Springer und Lufthansa. Mit der Saint-Gobain S.A. ist ein französischer Hitech-Baukonzern vertreten.

Zu guter Letzt muss noch der Vertreter der Max-Planck-Gesellschaft erwähnt werden, also die Wissenschaft. Einer der beiden stellvertretenden Vorsitzenden ist Huber von der IG Metall. Der andere ist Ackermann.

Über weitere Aufsichtsräte, in denen die Siemens-AR sitzen, sind VW, Evonik, Munich Re, Shell, BASF und Linde vernetzt.

Die Siemens AG ist u.a. Mitglied des Desertec-Konsortiums, des Deutschen Atomforums und der Kerntechnischen Gesellschaft.

(Siehe Geschäftsbericht 2010 der Siemens AG im Internet.)

Karl Marx und Friedrich Engels zur Atomkraft

Ohne schon die ungeheuren Möglichkeiten zu kennen, die die Nutzung der Kernenergie der Menschheit verspricht, haben sie erkannt, dass die Entwicklung der Produktivkräfte das Grundlegende, Bewegende der Gesellschaft ist – die A-und-O-Frage gewissermaßen.

„ln dem Maße aber, wie die große lndustrie sich entwickelt, wird die Schöpfung des wirklichen Reichtums abhängig weniger von der Arbeitszeit und dem Quantum angewandter Arbeit, als von der Macht der Agentien (Produktionsmittel – d.Red.), die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden, und die selbst wieder … in keinem Verhältnis steht zur unmittelbaren Arbeitszeit, die ihre Produktion kostet, sondern vielmehr abhängt vom allgemeinen Stand der Wissenschaft und dem Fortschritt der Technologie, oder der Anwendung dieser Wissenschaft auf die Produktion.” (Fussnote: Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie)

Die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse waren eine gewaltige Triebkraft für die Produktivkräfte und sind es zum Teil immer noch. Gleichzeitig wird aber die Kapitaleigenschaft der Produktionsmittel – eben jenen Eigentumsverhältnisse geschuldet – zu ihrer Fessel. Dies ist die Haupttendenz im Monopolkapitalismus.

Engels stellte auch fest: „Jeder Fortschritt in der Produktion ist gleichzeitig ein Rückschritt in der Lage der unterdrückten Klassen.“ (Fussnote: Engels, Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates)

Aber gleichzeitig schafft der Fortschritt der Produktivkräfte die Voraussetzungen für die Befreiung der Arbeiterklasse:

„Aber erst die große lndustrie entwickelt einerseits die Konflikte, die eine Umwälzung der Produktionsweise zur zwingenden Notwendigkeit erheben – Konflikte nicht nur der von ihr erzeugten Klassen, sondern auch der von ihr geschaffenen Produktivkräfte und Austauschformen selbst –; und sie entwickelt andererseits in eben diesen riesigen Produktivkräften auch die Mittel, diese Konflikte zu lösen.“ (Fussnote: Engels, Anti-Dühring)

Dabei ist daran zu erinnern, dass die wichtigste Produktivkraft der Mensch ist, mit seiner unbegrenzten Erkenntnisfähigkeit.

Die Kapitalisten selbst mit ihrer begrenzten und bedrohlichen Anwendung der Produktivkraft Kernenergie sind die größten Gegner derselben. Die Aufgabe der Kommunisten kann nur sein, den Arbeitern und den verbündeten Schichten zu vermitteln:

„... dass der sog. Kampf ums Dasein also die Form annimmt: die von der bürgerlichen kapitalistischen Gesellschaft produzierten Produkte und Produktivkräfte gegen die vernichtende, zerstörende Wirkung dieser kapitalistischen Gesellschaftsordnung selbst zu schützen, indem die Leitung der gesellschaftlichen Produktion und Verteilung der dazu unfähig gewordenen herrschenden Kapitalistenklasse abgenommen und der produzierenden Masse übertragen wird – und das ist die sozialistische Revolution.” (Fussnote: Engels, Dialektik der Natur)