Für Dialektik in Organisationsfragen

Marschieren sie gegen den Osten? – Ja!

Buchbesprechung zu Jörg Kronauers

„Ukraine über alles! Ein Expansionsprojekt des Westens“

Schon die sogenannte „orangene Revolution“ 2004 warf einen Schatten aus der Zukunft in das politische Tagesgeschehen.

Woher holt der Westen schon damals das Protestpotenzial, das ach so friedlich auf die Missstände im Land, in diesem Fall in der Ukraine, aufmerksam macht?

Wer ist überhaupt „der Westen“?

Kronauer analysiert die Hauptakteure im Kampf um die Ukraine, sowohl den US-Imperialismus als auch den deutschen. Während Brzezinski den mei­sten Lesern als Stratege der US-Außenpolitik bekannt sein dürfte, fällt ein Paul Rohrbach in der Rezeption der Linken doch etwas zurück. Gerade er, der in einer sehr heißen Phase des Kalten Krieges (1952!) zum Ehrenvorsitzenden der deutsch-ukrainischen Gesellschaft mit Sitz in München ernannt wurde, sprach dem ukrainischen Nationalbewusstsein die Kapazität zu, die Sowjetunion zu sprengen.

Wie der Titel des Buches Ukraine über alles verlautbaren lässt, setzt der Westen entsprechend ganz auf die Ukrainische Rechte, die bestehend aus mehreren Parteien und Schlägertrupps, sich den Herrschenden westlich von Kiew anbietet, einen Systemwechsel vorzunehmen, einer, der vieles beinhaltet, aber auch einiges ausschließt – nämlich u.a. eine weitere Zusammenarbeit mit dem „verhassten Moskau“.

Doch zuvorderst. Ist der Westen ein einheitlich erlauchter Kreis, der, mal in Schlösschen tagend, beim Dinner die Welt zum Schachbrett macht?

Kronauer weist detailliert nach, dass das an der Oberfläche harmonisch wirkende Zusammenspiel zwischen Obama und Merkel, zwischen den Traditionslinien der oben erwähnten Brzezinskis und Rohrbachs eine Scheineinigkeit darstellt.

Zwar setzen beide, sowohl der US- als auch der deutsche Imperialismus, auf die ukrainische Rechte, ergreifen einseitig Partei gegen jegliche russische Interessen, doch jeweils von ihren eigenen Zielen geleitet, eine pragmatische Vorgehensweise.

Den Sack schlägt man, den Esel meint man

Es geht bei der Ukraine als „strategischem Knotenpunkt“ jeweils darum, näher an Russland zu kommen, es definitiv in jeder Hinsicht zu schwächen, mit dem von Rohrbach erwähnten Ziel, es schlussendlich sogar handlungsunfähig zu machen (Orangentheorie).

Ähnlich wie bei der Zerschlagung Jugoslawiens kennen sowohl Washington als auch Berlin keine bürgerlich demokratischen Normen mehr, ein Präsident wird aus dem Amt geputscht, auf und um den Maidan tauchen faschistische Schlägereliten aus ganz Europa auf. In einem Eilverfahren soll ein Präsident gefunden werden, der die Geschäfte des Landes führen, gerade genug Geschick beweisen soll, es allen Recht zu machen, außer dem Volk, das er vertreten soll, das ukrainische. Ironischerweise tobt spätestens seit den Vorgängen auf dem Maidan eine Krise in der Ukraine, die die Krise Griechenlands weit in den Schatten stellt, vom Bürgerkrieg ganz zu schweigen.

Doch wo sind die gemäßigten, liberalen oder vielleicht auch linken Kräfte, die auf dem Maidan protestierten? Aus dem Protest geschoben, verprügelt, eingeschüchtert, direkt oder indirekt des Landes verwiesen. Aus den Reifen auf dem Maidan quoll nur rechter Rauch ...

Der Mohr kann geh‘n, er hat seine Schuldigkeit getan. Der faschistische Mob will aber nicht gehen, sehr skeptisch wird von dort auf die Regierung Poroschenko gesehen.

Kronauer weist zum Einen auf eine innenpolitische Eskalationsmöglichkeit hin, wobei der Rechtsruck noch nicht am äußersten rechten Punkt angelangt ist, und zum Anderen auf eine außenpolitische, die die höchstmögliche Form der militärischen Auseinandersetzung mit Russland einschließt.

Ukraine über alles! Ein Expansionsprojekt des Westens ist äußerst präzise recherchiert, die Fakten sind überwältigend und schockierend zugleich, sie stellen ein Zeugnis der Tagespolitik der dabei agierenden imperialistischen Hauptmächte vor, des amerikanischen und des deutschen. Das Buch nennt die Namen, wie auch Brecht gefordert hat, gibt jenen Material an die Hand, die Krieg nicht nur einfach schrecklich finden oder die den deutschen Imperialismus als Erfüllungsgehilfen des amerikanischen sehen, oder einfach nur denen, die wissen wollen, was da eigentlich los ist.

Ivan

konkret Texte 66, KVV konkret, Hamburg 2014

ISBN 978-3-930786-75-6, Preis: 19,80 €