KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus”

Der folgende Artikel erschien in der Zeitung „Theorie & Praxis“ als Antwort auf einen Leser-Appell, sich mit dem Buch von Lohoff/Trenkle „Die große Entwertung“ auseinander zu setzen.

Leere Versprechungen

Drängende Fragen

Der Untertitel des 2012 erschienenen Buches „Die große Entwertung“ von Ernst Lohoff und Norbert Trenkle von der Gruppe „Krisis“ ist vielversprechend: „Warum Spekulationen und Staatsverschuldung nicht die Ursache der Krise sind“. Diese seien nicht Ursache, sondern „in Wahrheit nur Symptome eines viel tiefer reichenden Krisenprozesses“, (Fussnote: Zitate sind, wo nicht anders bezeichnet, dem besprochenen Buch entnommen.) der drohe, „die Weltwirtschaft in den Abgrund zu ziehen“. Den Krisenprozess zu erklären sei weder der Volkswirtschaftslehre gelungen, noch dem „traditionellen Marxismus“, der, „dem Klassenkampf verhaftet“, „hoffnungslos überholt“ sei (S. 16 f.). Die Verfasser versprechen die Erklärung in Weiterentwicklung eines nicht als überholt eingeschätzten Teils der Marxschen Theorie.

Der Anspruch von Lohoff/Trenkle interessiert, weil er verspricht, auf Grundlage der Marxschen Wertlehre einige drängende Fragen zu beantworten: Welchen Charakter trägt die zunehmend vor allem durch Massenarbeitslosigkeit sichtbare strukturelle, sich über die Krisenzyklen hinziehende Krise des Kapitalismus? In welchem Zusammenhang stehen damit einerseits die in der umfassenden Anwendung der Mikroelektronik fassbare Entwicklung der Produktivkraft und andererseits die überproportionale Zunahme der Finanzwirtschaft?

Die zentrale These des Buches ist, dass durch die Entwicklung der Produktivkraft in den letzten Jahrzehnten mit der umfassenden Anwendung der Mikroelektronik Rationalisierungseffekte eintreten, die durch Erweiterungsinvestitionen nicht ausgeglichen werden können. Die Masse des Mehrwerts ginge deshalb gegen Null, der Kapitalismus komme so an sein Ende. Dieses würde bisher nur aufgeschoben durch das überproportionale Wachstum des fiktiven Kapitals.

Geht dem Kapital die Arbeit aus?

Der erste Teil der zentralen These, unter dem Titel „dem Kapital geht die Arbeit aus“, wird erläutert in einer Gegensatzbildung zwischen den Zeitabschnitten von den 20er bis zu den 70er Jahren einerseits und der Zeit danach andererseits. Die Zeit ab den 70er Jahren wird dabei in Anlehnung an den gleichnamigen Bestseller von Jeremy Rifkin als „dritte industrielle Revolution“ bezeichnet, mit der ein „Produktivkraftschub“ durch „Informations- und Kommunikationstechnologie“(IuK) eintritt.

Im Gegensatz zum davorliegenden Zeitabschnitt des „Fordismus“, gekennzeichnet durch die Fließbandproduktion, werde durch den IuK-Produktivkraftschub, so die These, „die lebendige Arbeit aus den Kernsektoren der Kapitalverwertung verdrängt“ „und damit eine unumkehrbare Abschmelzung der Wertsubstanz eingeleitet“. (S 75)

Im Produktivkraftschub des „Fordismus“ sei das seinerzeit verhindert worden, weil neue Produkte, vom Staubsauger bis zum PKW, den Massenkonsum angestoßen hätten. Deshalb wurden neue Schichten aus Landwirtschaft und Handwerk in den kapitalistischen Verwertungsprozess eingesogen. Deren Löhne hätten Kaufkraft für den Massenkonsum erzeugt und so eine letzte „Akkumulationsdynamik“ in Gang gesetzt. Die Ursache für die derzeitige „tiefer reichende Krise“ ist also nicht die beschränkte Massenkaufkraft durch die Kapitalakkumulation selbst, sondern fehlende Produkt­innovation. Die Integration von IuK in Produktionsprozesse vernichte gesetzmäßig(!) mehr Arbeitsplätze, als durch Produktion von Handys etc. geschaffen werden. Für diese Behauptung fehlt jeder Beleg. Die Produktivkraftentwicklung der letzten Jahrzehnte – per Definition Abnahme durchschnittlich notwendiger Arbeitszeit pro Produkt – wird mit Beispielen aus Rifkins Bestseller von 1995 „Das Ende der Arbeit (Fussnote: Das Ende der Arbeit (voller Titel: Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft: Neue Konzepte für das 21. Jahrhundert; Originaltitel engl.: The End of Work: The Decline of the Global Labor Force and the Dawn of the Post-Market Era) ist ein 2005 in deutscher Übersetzung erschienenes Buch des US-amerikanischen Autors Jeremy Rifkin) illustriert. Belege, warum dort notwendig mehr Arbeitskraft eingespart wird, als in die Herstellung neuer Produkte geht, fehlen schlicht. Rifkin selbst, der ebenso gefeierte, wie seichte EU-Berater, (Fussnote: Vgl. Andreas Wehr, Der europäische Traum, Papyrossa 2013) hat inzwischen seine Meinung angepasst und verheißt: „Die DIR (3. ind. Revolution, d. Verf.) wird tausende neuer Unternehmen und Millionen Arbeitsplätze schaffen …“. (Fussnote: Handelsblatt 7./8./9. Feb. 2014, S. 72) Warum es nicht die fehlende kaufkräftige Nachfrage, sondern die fehlenden Produkte sind, die die Kapitalisten vom Investieren abhalten, wird nirgends auch nur ansatzweise plausibel gemacht.

Völlig unplausibel ist auch die Behauptung, der Einbezug von vielen hundert Millionen Menschen in den kapitalistischen Verwertungsprozess in sogenannten „Aufsteigerländern“ sei nicht wertschaffend (S. 98 ff). Hierzu wird zunächst auf die niedrige Produktivität in China verwiesen, dann wird konstatiert, ohne jeden Beleg und gegen jede Anschauung, im „Fordismus“ sei die Produktivität homogen gewesen und deshalb könne man China und andere Länder mit niedriger Produktivität vernachlässigen. Schließlich wird auf die steigende Produktivität in China verwiesen, die wieder Arbeitskraft freisetzt und so beitrage „die Wertmasse abzuschmelzen“, die vorher gerade wegdefiniert wurde.

Finanzkapital ohne Imperialismus?

Ein Reiz des Ansatzes von „Krisis“ liegt auch in dem Versprechen, die grundlegende marxistische Analyse auf Wertebene mit den schillernden, allseits beschriebenen Blüten des rapide zunehmenden Handelns mit „Finanzprodukten“ zu verbinden.

Der Marxist denkt dabei an Aktien und Schuldverschreibungen, die von Marx unter den Begriff des fiktiven Kapitals gefasst werden. Das fiktive Kapital ist an die Wertproduktion gebunden, als Vorgriff auf erst zu produzierenden Wert. Seine Bewegungen wirken aber durchaus ein auf die tatsächliche Akkumulation, sei es als Schrittmacher oder Bremse, alles durchaus richtige Feststellungen.

Spannend ist, was man damit macht. Lohoff/Trenkle machen sich zunächst über den Unsinn des Begriffes von Reichtum und Wert in der bürgerlichen Wissenschaft lustig. Sie versprechen nun eine konkrete Analyse ohne die Leninschen Begriffe von Imperialismus und Finanzkapital, das mehr umfasst als eine elastische, letztlich aber unzerreißbare Verbindung von Bank- und Industriekapital. Dafür ersetzen sie den Begriff des fiktiven Kapitals mit einer „Ware zweiter Ordnung“. Allein mit dem Instrument der „Ware zweiter Ordnung“, unter Vernachlässigung der ungleichmäßigen Entwicklung und der Teilung „nach der Macht“, also Charakteristika des Imperialismus, konkrete Historie zu erklären und Zukunftsschau zu betreiben, erweist sich als schwierig. Die Autoren sagen richtig, dass das Spiel mit dem fiktiven Kapital immer weitergehen kann, solange Dritte sich auf Transaktionen einlassen, in denen sie fiktives Kapital als tatsächliches Geldkapital akzeptieren, weil sie von dessen Realisierbarkeit ausgehen. Auch kann man bestätigen, dass es realwirtschaftliche Hoffnungsträger geben muss, auf die sich die Erwartung an zukünftige Profite richten kann.

Der letzte Hoffnungsträger dieser Art, bis Anfang der 70er Jahre, soll die sog. zweite industrielle Revolution, der Fordismus gewesen sein, die dritte könne das nicht mehr leisten, wird aufbauend auf den ersten Teil ihrer Kernthese behauptet. Die Entwicklung des fiktiven Kapitals habe maskiert, dass es eigentlich schon vor 40 Jahren hätte mit dem Kapitalismus zu Ende sein müssen.

Aber warum soll dieses Spiel nicht so weitergehen? Wo ist die von den Autoren propagierte „logische Grenze“ für die Vorgriffslogik, also für die „Mobilisierung einer imaginären kapitalistischen Zukunft“ (S. 159)?

Wir haben sie in den weiteren Ausführungen nicht wie versprochen gefunden. Da ist zwar die Rede von der Endlichkeit der Welt (und die Sonne geht auch irgendwann aus), aber eine in das aktuelle Geschehen einzuordnende „logische Grenze“ ist das nicht. Tatsächlich wird die konkrete Entwicklung auch nicht von solchen Grenzen bestimmt, sondern von der Entwicklung der Widersprüche. Es kracht, um bei der Finanzkrise zu bleiben, im Austausch und bei der Akzeptanz der Eigentumstitel, wenn das zeitweilige Bündnis zwischen imperialistischen Räubern platzt, sei es, weil einer die Chance sieht, den anderen zu vernichten, oder so mit dem Rücken zur Wand steht, dass er ausscheren muss.

Drängende Fragen bleiben offen

Die Versprechen, die Krise zu erklären, werden nicht eingelöst. Statt die eingangs genannten drängenden Fragen einer Antwort näher zu bringen, stiften die Autoren, bzw. die Gruppe Krisis, allenfalls Verwirrung. Wir haben uns weder von der Vermischung bürgerlicher und bei Marx entnommener Begrifflichkeit, noch von dem Fehlen empirischer Untersuchungen abschrecken lassen und versucht, die Hauptargumente der Verfasser auf Plausibilität zu prüfen, die einigen Genossen beim ersten Lesen gegeben schien. Plausible Argumentationen haben wir nicht gefunden.

Das Buch „Die große Entwertung“ hilft uns bei der Diskussion „Welcher Imperialismus, welche Krise“ nicht weiter. Das ist bedauerlich, denn die Diskussion muss weitergeführt werden. Die Auseinandersetzung, nicht zuletzt in der DKP selbst, hat gezeigt, dass die Krisenanalyse Folgen für Strategie und Praxis hat.

Stephan Müller