„Großbanken, Industriemonopole und Staat”

Im Juni erschien bei Papyrossa die Neuauflage von Kurt Gossweilers „Großbanken, Industriemonopole und Staat“. Der Untertitel „Ökonomie und Politik 1914 bis 1932“ deutet bereits darauf hin, dass hier die Verbindung hergestellt wird zwischen den ebenfalls vom Papyrossa-Verlag verdienstvollerweise neu aufgelegten Arbeiten Gossweilers zur Affäre Röhm 1934 und zur Frühgeschichte des deutschen Faschismus 1919 bis 1924. Das Buch, das die akribisch zusammengetragene Faktenfülle in geradezu chirurgischer Präzision analysiert, ist, seitdem es 1971 in der DDR erschien, zu einem Standardwerk nicht nur in der marxistischen Geschichtswissenschaft geworden.

Das ist eigentlich ein Missverständnis; es sollte gerade „keine Geschichte des ersten Weltkrieges und der Weimarer Republik“ sein, wie uns Kurt Gossweiler im Vorwort mitteilt; sondern „Es will als eine Studie zu speziellen Problemen der Politik der imperialistischen deutschen Bourgeoisie verstanden sein.“ Gerade deshalb interessiert es uns, weil das Thema der Studie von brennender Aktualität ist. Gossweiler: „Die marxistisch-leninistischen Parteien haben es stets als ihre Aufgabe betrachtet, die Politik des Klassengegners, seine Strategie und Taktik zu studieren, um sie zu parieren und ihn mit der überlegenen wissenschaftlich fundierten Strategie und Taktik der Arbeiterklasse schlagen zu können.“ Zur Grundlage seiner Analyse verweist Gossweiler auf Lenins Feststellung der zwei Taktiken der Bourgeoisie im Kampf gegen die Arbeiterklasse, der Taktik der offenen Gewalt, und der Taktik der Zugeständnisse zur Verhinderung der Revolution.

Weiter bezieht er sich auf Dimitroff, der mahnte: „Genossen, man darf sich den Machtantritt des Faschismus nicht so glatt und einfach vorstellen, als faßte irgendein Komitee des Finanzkapitals den Beschluss, an dem und dem Tage die faschistische Diktatur aufzurichten. Tatsächlich gelangt der Faschismus gewöhnlich in gegenseitigem, zuweilen scharfem Kampf zwischen dem Faschismus und den alten bürgerlichen Parteien oder einem Teil dieser Parteien zur Macht.“ Es geht Kurt Gossweiler um die „Frage nach dem Ursprung, den verschiedenen Konzeptionen innerhalb der herrschenden Klasse.“

Aktuelle Fragestellung

Ein Ausgangspunkt der Untersuchung sind Jürgen Kuczynskis „bahnbrechende Arbeiten“, seine „Wiederentdeckung“ des beständigen Kampfes zweier Gruppen im deutschen Monopolkapital, der alten Schwerindustrie und der neueren Chemie- und Elektroindustrie, der bereits vor 1933 in der KPD Thema war. An der Diskussion pro und kontra Kuczynskis Thesen, die hauptsächlich in der DDR-Wissenschaft stattfand, setzt Kurt Gossweiler kritisch an. Er deckt Traditionslinien in der Politik des deutschen Imperialismus auf, die schon bei Bismarcks politischen Zwillingen Sozialistengesetz und Sozialgesetzgebung sichtbar wurden. Das Buch tritt Schablonisierungen von Substanz und Struktur der Monopolgruppen entgegen, besonders, wo sie den Einfluss der Großbanken vernachlässigen. „In der vorliegenden Arbeit wurden deshalb in den Mittelpunkt der Untersuchung die Fragen gerückt, inwieweit von den beiden Gruppen als von dauerhaften, stabilen (Hervorhebung K.G.) Gruppen gesprochen werden kann, sich die beiden unterschiedlichen taktischen Linien nicht nur widersprechen, sondern auch ergänzen, und schließlich, welche Rolle die Großbanken im System des deutschen Imperialismus spielen.“

Dabei geht er vor allem drei Fragen nach:

– Wie haben sich die Gruppierungen in der Industrie herausgebildet, und wie entwickelte sich dabei ihr Verhältnis zu den Großbanken,

– Wie verhalten sich die Einzelinteressen der Monopolkapitalisten, die gegeneinander gerichtet sind, zum Gesamtinteresse der Monopole an der Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft?

– und schließlich: Wie behandelt die deutsche imperialistische Bourgeoisie die bürgerliche Demokratie und welche Rolle spielt sie bei der Errichtung der faschistischen Herrschaft.

Kurt Gossweiler berichtet, dass er auf reiches Quellenmaterial der KPD und der Komintern zurückgreifen konnte, besonders auf die „unerschöpfliche Fundgrube“ der Vierteljahresberichte, die Eugen Varga als der führende Analytiker der Wirtschaft der kapitalistischen Länder bei der Kommunistischen Internationalen verfasste.

Gossweiler hatte weiter auf Quellen Zugriff, die marxistischen Wissenschaftlern der 30er Jahre nicht zugänglich waren, z.B. auf die Akten der Nürnberger Prozesse sowie, dank DDR, auf das reiche Material des Potsdamer Zentralarchivs und die Akten der Deutschen Bank und des Reichsverbands der deutschen Industrie vor 1945.

Konkret stellt das Buch zunächst dar, wie sich im Deutschland vor dem ersten Weltkrieg die beiden Hauptgruppierungen der industriellen Großbourgeoisie, die Schwerindustrie mit Kohle-Eisen-Stahl einerseits und die Chemie- und Elektroindustrie andererseits herausbildeten, „zwei industrielle Hauptlager, die durch ihre imperialistischen Grundinteressen eine Einheit bildeten, sich aber dennoch zugleich infolge ihrer gruppenspezifischen Sonderinteressen über Jahrzehnte hinweg erbitterte Kämpfe um die Vormachtstellung im imperialistischen Deutschland lieferten.” Dabei entwickelten sie verschiedene Grundpositionen in der Frage, „wie die Arbeiterklasse und das werktätige Volk insgesamt beherrscht und niedergehalten werden“ sollte.

Während des ersten Weltkriegs kristallisierten sich dann die verschiedenen Interessen der Monopolgruppen an der Entwicklung des staatsmonopolistischen Kapitalismus heraus. Sie zeigten sich zum Beispiel im Streit um die Kriegsziele, aber auch in der Auseinandersetzung um den AEG-Chef Walter Rathenau als Sprecher der einen Gruppe. Nach 1918 spitzten sich die gegensätzlichen Profitinteressen der einzelnen Großkapitalisten zu, trotz dem zeitweise gemeinsamen Vorgehen gegen die Arbeiterklasse. Gossweiler stellt die geringe Stabilität der politischen Allianzen dar, die die Monopole in der ungleichmäßigen Entwicklung ihrer Sonderinteressen, in der sich schnell ändernden politischen Lage und im Zusammenspiel mit den Großbanken schlossen. Die Politik, die in die Krise von 1923 führte, wird als Ausdruck der objektiven Widersprüche verständlich, in denen sich der deutsche Imperialismus befand. Gossweiler zeigt, wie sich 1923 aus den gegensätzlichen Monopolinteressen der Streit entwickelte, welches Projekt besser geeignet sei, um die Zugeständnisse zu liquidieren, die der Arbeiterklasse 1918/19 gemacht wurden, um die Revolution zu verhindern: Militärdiktatur oder Währungsreform?

Anhand der Hauptakteure der Währungsreform werden die Profitinteressen aufgezeigt, die durch die Personen wirksam wurden: Im internationalen Rahmen bringt Hjalmar Schacht den US-Imperialismus gegen den französischen Imperialismus zum Verhandlungstisch, und die „flexible“ Fraktion des deutschen Imperialismus verbündet sich mit Rudolf Hilferding, um den Einfluss der SPD-Führung auf die Arbeiterklasse in die Waagschale zu werfen.

In der folgenden Periode der „relativen Stabilisierung“ der Wirtschaft nach der Währungsreform 1923 schwächte sich die offene Auseinandersetzung zwischen den Monopolgruppen ab. Sie passten sich den neuen Gegebenheiten an. Mit dem zunehmenden Eindringen des amerikanischen Kapitals nach Deutschland – Stichwort Opel – stieg der Einfluss der „amerikanischen Fraktion“ um Hjalmar Schacht, auf Kosten des französischen Kapitals und seiner Reparationsforderungen. Gleichzeitig entwaffnete die „flexible“ Fraktion des Monopolkapitals die Arbeiterklasse mit Hilferding als SPD-Finanzminister, der auf Klassenzusammenarbeit und die Illusion der Wirtschaftsdemokratie baute. Andererseits wurde klar, dass mit der SPD in der Regierung keine wirklichen Verbesserungen für die Volksmassen erreicht wurden. An diesem Widerspruch konnte die KPD erfolgreich ansetzen. In der Frage der Rüstungsfinanzierung – Bau der Panzerkreuzer – kam die SPD unter dem Druck der von der KPD initiierten Protestbewegung an den Rand der Spaltung.

In der Wirtschaftskrise um 1930 flammte der offene Kampf der Monopolgruppen dann wieder auf. Gossweiler zeigt, wie sich die Monopol-Konstellationen bilden, die zur gemeinsamen Machtübertragung an die Faschisten führen – und zum blutigen Machtkampf von 1934, den er in der „Affäre Röhm“ behandelt.

Zweifrontenkampf

Anhand von Kurt Gossweilers Arbeitsweise lässt sich lernen, wie Marxisten produktiv an die konkrete Aufschlüsselung des Zusammenhangs von ökonomischer Basis und politischem Überbau herangehen können. Die wissenschaftliche Detailarbeit ist unvermeidlich, sagt Gossweiler, im Zweifrontenkampf gegen Revisionismus und Dogmatismus. Der Sozialdemokratismus ist immer bemüht, schrieb er 1970 (!) im Vorwort, „die flexible Variante imperialistischer Politik, wie sie z.B. in der ‚neuen Ostpolitik‘ der Brandt-Scheel-Regierung praktiziert wird, als eine echte Alternative zur offen aggressiven politischen Linie etwa eines Franz Josef Strauß anzubieten. Der moderne Revisionismus unterstützt solche Bemühungen durch die Verbreitung der These, die flexible oder raffiniertere imperialistische Politik sei eine Linie ‚vernünftiger‘, ‚realistischer‘ Politiker, die sich zur friedlichen Koexistenz und damit zur Absage an das Ziel der Beseitigung des Sozialismus bekehrt hätten. Ultralinke Abenteurer wiederum treten mit der Behauptung auf, die Unterschiede der beiden taktischen Linien der Politik des Imperialismus seien für die Arbeiterklasse völlig ohne Belang, so dass man sie überhaupt nicht berücksichtigen dürfe.“

Die Beschäftigung mit den Gruppierungen der deutschen Monopolbourgeoisie ist aber noch aus einem anderen Grund wichtig, betont Kurt Gossweiler, nämlich weil die „unbestreitbare Tatsache rivalisierender Monopolgruppen um die dominierende Rolle in der faschistischen Diktatur“ missbraucht wird, um „die Monopole von der Verantwortung für die Vorbereitung und Durchführung des zweiten Weltkrieges freizusprechen. Desto wichtiger ist der Nachweis, dass an der Beseitigung der Weimarer Republik und der Errichtung der faschistischen Diktatur mit dem Ziel der Vorbereitung eines neuen Krieges um die Weltherrschaft alle maßgeblichen Gruppen und Fraktionen des deutschen Monopolkapitals interessiert und beteiligt waren, und dass es bei ihren Macht- und Rivalitätskämpfen nicht um unterschiedliche Ziele, sondern in erster Linie um die Führung, in zweiter Linie um die geeignetsten Wege zu den gemeinsamen Expansionszielen ging.“

Dem Buch ist ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis sowie Personen- und Institutionenregister beigegeben.

Alle Zitate sind dem besprochenen Buch entnommen.

Kurt Gossweiler, Großbanken, Industriemonopole und Staat; Papyrossa Verlag, Köln, Juni 2013, etwa 400 Seiten

Stephan Müller. Der Artikel erschien gekürzt in „Theorie und Praxis“