Für Dialektik in Organisationsfragen

Glückwunsch, Südafrika!

aus KAZ 254 vom 20. Mai 1994

Die Wahl ist vorüber, der ANC hat mit fast Zweidrittelmehrheit gesiegt. Die Freude war und ist riesig, nicht nur in Südafrika selbst, sondern überall auf der Welt, wo Menschen leben, die sich mit der Unmenschlichkeit der Apartheid nicht abfinden konnten.

Von den Ideologen der Herrschenden wird eifrig an einer neuen Legende gebastelt: Südafrika – die „gewählte Revolution”.

Dabei scheint, was erreicht wurde, noch nicht sehr revolutionär. Eine Verfassung wurde verabschiedet, nach der alle Menschen unabhängig von Hautfarbe und Geschlecht gleiche unveräußerliche Rechte haben. Eine allgemeine Wahl hat stattgefunden. Der Wahlsieger ist Regierungschef geworden ...

Was könnte die herrschende imperialistische Weltordnung schärfer charakterisieren als die Tatsache, daß es Jahrzehnte erbitterten Kampfes – mit der Waffe in der Hand, in Form von gewerkschaftlichen Massenstreiks und Massenaktionen des zivilen Widerstands, in Form von Demonstrationen, Mietboykotts, Schulstreiks und Hunderten anderer Aktionen – und Zigtausende von Opfern gekostet hat, daß in der Tat eine halbe Revolution nötig war, um den Herrschenden auch nur dieses Wenige, das sie doch selbst zu den prinzipiellen Dingen ihrer Demokratie rechnen, abzutrotzen!

Was könnte ein grelleres Licht auf das barbarische Gesicht des Imperialismus werfen als die Tatsache, daß sie bis zuletzt, während sie sich selbst als vorderste Gegner der Apartheid präsentierten, Kräfte wie Buthelezi und seine lnkatha stützten und finanzierten, die der Welt beweisen sollten, daß die Schwarzen nun einmal nicht in der Lage sind, sich selbst zu regieren.

„Das Land unregierbar machen!” war das Motto, das das Volk von Südafrika der Apartheid entgegensetzte. Als de Klerk 1990 Nelson Mandela nach 27jähriger Haft aus dem Gefängnis entließ, tat er es nicht aus freien Stücken und demokratischer Überzeugung. Er tat es, weil der Kampf der Besitz- und Rechtlosen mittlerweile in den Kontobüchern der Besitz- und Rechthabenden allzu negativ zu Buche schlug. Heute wollen die Kontoinhaber die Helden sein, die die Apartheid abgeschafft haben. Zur Amtseinführung Nelson Mandelas als neuer südafrikanischer Präsident kamen sie alle, die Präsidenten und Könige, Premiers und Minister, die einst den ANC als Terroristenbande verteufelten und nun schon immer an seiner Seite gewesen sein wollen. Heilfroh waren sie, daß sie überhaupt zugelassen wurden. Helmut Kohl z.B., Kanzler der deutschen Monopole, die am längsten und am ungeniertesten das Apartheid-Regime stützten, bewunderte in einer Grußbotschaft Nelson Mandelas „Bereitschaft zu Versöhnung und Kompromiß, die einen Wandel in Südafrika möglich gernacht hat, der weit über Afrika hinaus vorbildhaft ist”.

Die Herstellung der bürgerlichen Demokratie in Südafrika ist ein notwendiger und wichtiger Schritt. Damit ist noch nicht das Elend beseitigt oder die Herrschaft der Banken und Konzerne gestürzt, noch nicht ein menschenwürdiges Leben für alle erkämpft. Die ausländischen Monopole besitzen noch immer ihre Diamantenfelder, Goldgruben und Montagehallen. Dieselben Banken spekulieren an den Börsen von Johannesburg, Frankfurt, London und New York mit den Reichtümern des Landes und ihre Aktienkurse steigen. Dieselben Herren sitzen in den Chefetagen von Industriebetrieben und Supermarktketten. Und in den Grundbüchern stehen dieselben Namen – englische, deutsche, holländische – als Eigentümer des Bodens wie vorher. Sie alle hoffen darauf, daß jetzt Südafrika wieder regierbar wird, daß Ruhe einkehrt, daß die Profite aus den Knochen der schwarzen Arbeiter wieder steigen.

Das Volk von Südafrika aber hat Erfahrungen gemacht. Es weiß genau, daß man eine Revolution nicht wählen kann. Es kennt die Macht, die im organisierten Kampf liegt. Bald wird sichtbar werden, daß die Demokratie an der Ausbeutung noch nichts ändert. Daß eine Mehrheit im Parlament nicht bedeutet, daß Arbeit, Wohnung, Bildung und medizinische Versorgung für alle einfach per Dekret beschlossen werden könnten. Daß der kapitalistische Staat auch weiterhin der Staat der Kapitalisten ist. Je reiner die bürgerliche Demokratie verwirklicht ist, desto klarer liegen die Klassenverhältnisse vor Augen. Desto weniger kann das Elend auf die Rechtlosigkeit statt auf die Besitzverhältnisse zurückgeführt werden.

Der Kampf in Südafrika ist mit der Wahl nicht zu Ende. Das Volk wird sich mit einer halben Revolution nicht zufrieden geben: „Arnandla ngawethu”, lautet sein Kampfruf – ‚‚alle Macht dem Volk!”

Renate Hennecke