Für Dialektik in Organisationsfragen

Hundert Jahre Erster Weltkrieg – zu diesem Thema hat die Münchner Betriebszeitung „Auf Draht“, die von der DKP München und der Gruppe KAZ herausgegeben wird, eine Artikelserie begonnen. Bereits zwei Artikel sind erschienen, die wir in dieser KAZ nachdrucken. Zu dieser Serie heißt es in „Auf Draht“: „Wir werden viel über Krieg und Frieden zu hören bekommen in diesem Jahr, in dem sich der Beginn des Ersten Weltkriegs am 1. August zum hundertsten Mal jährt. Der erste Krieg in der Menschheitsgeschichte, der tatsächlich die ganze Welt erfasste und 20 Millionen Tote, Millionen Verkrüppelte, verwüstete Landstriche, zerstörte Fabriken und zerbombte Städte hinterließ. Auch wenn sich heute keiner das Unvorstellbare eines dann dritten Weltkrieges mehr vorstellen will: Die Ursachen, die damals zum Krieg führten, sind nach wie vor nicht beseitigt, trotz aller Unterschiede zwischen damals und heute. Es hilft nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. Nur wer seine Lage erkennt, kann sie ändern.“

Im ersten Artikel „Ein Platz an der Sonne“ geht es um die Frage: Wie kam es zum 1.Weltkrieg, was waren seine Ursachen? Der zweite Artikel „Wir müssen uns einmischen“ beginnt mit dem, was dann den weiteren Inhalt dieser Serie bestimmen soll: es wird an einzelnen Beispielen aufgezeigt, „wie sich hinter aktuellen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen und so scheinbar ehrenhaften Vorhaben, wie ‚Verantwortung in der Welt‘ (aus dem Koalitionsvertrag) zu übernehmen, die Gefahr eines weiteren Weltkrieges zusammenbraut“.

Ein Platz an der Sonne

Der 1. Weltkrieg brach nicht einfach aus. Genauso wenig sind die Politiker und Militärs des Deutschen Reiches aus Unfähigkeit hineingeschlittert, wie neu erschienene Bücher behaupten. Der 1. Weltkrieg hat sich bereits lange vor dem August 1914 angebahnt. Forderungen, wie die des damaligen Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes, Bernhard von Bülow, im Jahre 1897: „Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne“, kündigten ihn an. Wer waren diese „wir“?

Es waren die Besitzer der im 19. Jahrhundert im großen Stil gegründeten Unternehmen. Es waren die Herren von Siemens (1847) oder AEG (1883), der Deutschen Bank (1870 von einem der Siemens-Brüder gegründet), die Hütten- und Stahlbarone wie Krupp (1811) und Thyssen (1871), die Besitzer der Chemiefabriken (wie BASF, Bayer, Hoechst, jeweils 1863 gegründet). Sie waren im Vergleich zur Konkurrenz in Frankreich oder England spät dran, wo die notwendigen gesellschaftlichen Umwälzungen für eine die ganze Gesellschaft umfassende kapitalistische Entwicklung schon ein bis zwei Jahrhunderte vorher vollzogen worden waren. Dadurch hatten die deutschen Kapitalisten aber den Vorteil, ihre Fabriken mit damals modernsten Maschinen auszustatten und so im Vergleich zur ausländischen Konkurrenz hohe Profite aus der Schufterei der Arbeiter ziehen zu können. Sie konnten auf dem bisher erreichten Wissensstand der Menschheit weiter forschen und mit neuen Entdeckungen auf den Markt drängen. So schlossen sie in kurzer Zeit zur Konkurrenz auf bzw. überholten sie. Eine neue wirtschaftliche Großmacht entstand.

Neuaufteilung der Welt

Bald wurde das Deutsche Reich als „heimischer Markt“ zu klein, um die vielen Waren absetzen und das durch die Ausbeutung der Arbeiter erzielte Kapital wieder Profit bringend anlegen zu können. Doch nun mussten die Herrschaften in Deutschland erkennen, dass die Welt schon aufgeteilt war. Im Westen waren es die alten Großmächte England und Frankreich mit ihrem riesigen Kolonialbesitz in Afrika und Asien, die dem Drang der deutschen Kapitalisten nach weiteren Absatzmärkten, Einflusszonen um ihr Kapital anzulegen und Rohstoffen Grenzen setzten. Im Süden waren die Besitzer der Banken und Fabriken Italiens ähnlich spät dran, wie in Deutschland, und strebten nun ihrerseits nach ihrem Anteil an der Welt. Im Osten lag das große Russische Reich, das seinen Einfluss verteidigte. Und über dem Atlantik schlossen die Kapitalisten des erst seit gut 100 Jahren unabhängigen Staates, der USA, frei von jedem feudalen Ballast, ebenfalls schnell auf. Der Kampf um die Neuaufteilung der Welt begann, noch in tiefsten Friedenszeiten.

Zuspitzung der Widersprüche
… durch Bagdad-Bahn

Er fand seinen Ausdruck in zivilen Unternehmungen wie dem Bau der Bagdad-Bahn, der Ende des 19. Jahrhunderts begann. Finanziert wurde er von der Deutschen Bank, die mit den aus der türkischen Bevölkerung herausgepressten Steuern, die zur Rückzahlung der Kredite mit Zins und Zinseszins gebraucht wurden, zu einer der führenden Banken der Welt aufstieg. Thyssen lieferte die Schienen, Maffei und Borsig die Lokomotiven, Bilfinger und Berger bauten die Bahnhöfe. Rüstungsprojekte für die deutsche Rüstungsindustrie wurden vereinbart, deutsche Militärberater in die Türkei geschickt. So machte sich das Deutsche Reich die Türkei abhängig und auf den Weg, seinen Einfluss weiter bis zum Persischen Golf auszudehnen. Es drang dabei in die Einflusszonen von England und Russland ein und machte sich so beide zu Feinden.

… und Panthersprung

Es folgten die Marokko-Krisen 1906 und 1911. Vor allem auf Geheiß der Gebrüder Mannesmann, Hüttenbesitzer und Röhrenhersteller, die nach den Erzvorkommen Marokkos schielten, versuchte das Deutsche Reich, Marokko unter seinen Einfluss zu zwingen. Doch auch Marokko war kein weißer Fleck mehr auf der Landkarte, sondern stand unter französischer Vorherrschaft. Der Konflikt mit Frankreich wurde so weit getrieben, dass deutsche Kriegsschiffe ins Mittelmeer entsandt wurden. Das Deutsche Reich setzte zum „Panthersprung“ an, wie es damals, auf den Namen eines der Kriegsschiffe anspielend, hieß. Doch die kaiserliche Kriegsflotte musste sich zurückziehen, nachdem die englische Regierung der französischen unmissverständlich ihren Beistand gegen den Eindringling zusagte. Die Widersprüche zwischen den Mächten verschärften sich. England, Frankreich und Russland verbündeten sich zur Entente. Das Deutsche Reich schloss sich mit dem vom Zerfall bedrohten Österreich-Ungarn und Italien zum Dreibund zusammen. Überall wurde fieberhaft aufgerüstet.

Für Profit und Vaterland

Die Kriegsursachen lagen also nicht in der Fähigkeit oder Unfähigkeit der Regierungen. Diese vertraten lediglich die Interessen der Kapitalisten ihrer Staaten, die sich zur herrschenden Klasse entwickelt hatten. Dabei behaupteten sie damals, wie auch heute noch, die „nationalen Interessen“ zu verteidigen. Es waren die kapitalistischen Verhältnisse selbst, die zum Krieg drängten. Und es war vor allem das Deutsche Reich, das eine Neuaufteilung der Welt zu Gunsten seiner Kapitalistenklasse mit Gewalt erzwingen wollte. Das Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo war dann nur mehr der Vorwand für den Kriegsbeginn. Österreich-Ungarn wurde von den deutschen Verbündeten ermutigt, Serbien den Krieg zu erklären. Russland reagierte darauf mit einer Teilmobilisierung seines Militärs, woraufhin das Deutsche Reich Russland am 1.8. und Frankreich am 3.8.1914 den Krieg erklärte. Das große Schlachten begann im Interesse der winzigen Klasse von zu spät groß und mächtig gewordenen Kapitalisten, die einen Platz an der Sonne wollten. gr

Der Verrat

Wie es dem Kapital so eigen ist, wurden die modernen Maschinen nicht dazu verwandt, die Arbeitstage zu verkürzen und das Leben von Millionen von Arbeitern erträglicher zu machen. Frauen, Männer und Kinder, mussten 12, 13 oder 14 Stunden am Tag für einen Hungerlohn in den Fabriken und Bergwerken schuften. Die Kapitalisten erzielten traumhafte Profite, mit denen sie die Konkurrenz zurückdrängten. Doch die Arbeiter schlossen sich zusammen, gründeten Gewerkschaften und ihre Partei, die Sozialdemokratische Partei, um den Kampf gegen die Kapitalistenklasse aufzunehmen. So erwuchs den Kapitalisten ein innerer Feind, den sie mehr fürchteten als die ausländische Konkurrenz. Verbote und Schikanen durch die Sozialistengesetze des Reichskanzlers Bismarck halfen nichts. Die revolutionäre Partei der Arbeiter wurde im Kampf gegen Kapital und Staat nur stärker. Da griffen die Kapitalisten zu einer Methode, die sie sich von den alteingesessenen Kapitalherren in England abschauten. Sie begannen, Teile der Extraprofite, die sie aus der Auspressung anderer Länder, wie der Türkei, zogen, dazu zu verwenden, Gewerkschaftsführer besser zu stellen. So wuchs innerhalb der Sozialdemokratie eine Schicht von Arbeiterführern heran, die ihr Wohlergehen mit dem der Kapitalistenklasse verbunden sah, statt durch den Kampf gegen sie.

Und so kam es zu dem schmählichsten Verrat in der damaligen Geschichte der Arbeiterbewegung. Während in den letzten Julitagen des Jahres 1914 hunderttausende Arbeiter im ganzen Reich gegen den drohenden Krieg demonstrierten, verhandelten Führer der Sozialdemokratie mit Regierungsstellen. Sie sagten zu, keinerlei Klassenkampfaktionen im Krieg einzuleiten. Während die Arbeiter noch darauf warteten, von ihren Führern zum Kampf gegen den Krieg und die Kriegstreiber aufgerufen zu werden, fasste die Mehrheit der sozialdemokratischen Abgeordneten bereits den Beschluss, den Kriegskrediten zuzustimmen. Und die Vertreter der Gewerkschaftsvorstände beschlossen, sofort alle Streiks abzubrechen und die Streikkassen für die Kriegsfürsorge auszugeben.

Nur eine kleine Minderheit von Sozialdemokraten wie Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg hielt am so bitter notwendig gewordenen Kampf gegen die Kriegstreiber fest. Unter der Losung „Der Hauptfeind steht im eigenen Land“ begannen sie den Widerstand im Krieg zu organisieren. Weder Verfolgung noch Gefängnis konnten sie daran hindern, bis schließlich vier Jahre später die ersten Matrosen, Soldaten und Arbeiter auf die Barrikaden stiegen. gr