Rezension

Eike Kopf, Chinas Wiederaufleben – Erfahrenes, Erlebtes, Bedenkenswertes

Bad Langensalza, 2015
(Verlag Rockstuhl, www.verlag-rockstuhl.de)

Nach den autobiographischen Publikationen „Erinnerungen an Bollstedt bei Mühlhausen in Thüringen 1940-1959“, „Erinnerungen an die Hochschul- und MEGA Stadt Mühlhausen in Thüringen 1959 – 1983“ und „Erinnerungen eines Bollstedter Mühlhäusers an MEGA-Arbeiten in Erfurt und China 1983 – 2014“ brachte Eike Kopf jetzt einen Band mit dem Titel „Chinas Wiederaufbau – Erfahrenes, Erlebtes, Bedenkenswertes eines Thüringers seit 1997“ heraus.

Eike Robert Kopf, geb. 1940 in Bollstedt, Kreis Mühlhausen/Thüringen studierte ab 1961 Philosophie, Ökonomie und Geschichte in Leipzig und Jena und schloss 1967 mit Promotion zum Dr. phil. ab. 1982 wurde er Professor für Philosophie. Er war als Hochschullehrer von 1967 bis 1990 tätig. Seit 1965 ist er Marx-Engels-Forscher und arbeitet seit 1978 an der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) mit. Nach der Einverleibung der DDR wurde Prof. Kopf von der Treuhand umgehend entlassen und trotz seiner hervorragenden Kenntnisse und großen Verdienste bezüglich der MEGA nicht weiterbeschäftigt. Trotzdem hat er die Arbeiten an der MEGA weiter unterstützt. Seit 1997 ist er ausländischer Experte bei der chinesischen Regierung und seit 2003 Mitarbeiter beim Nationalen Volkskongress Chinas. Hier ist Prof. Kopf u.a. verantwortlich für die Herausgabe der Parlamentsberichte in deutscher Sprache. Durch die Teilnahme an den Parlamentskongressen verfügt er über Informationen aus erster Hand. 2006 war er Gründungsmitglied der Weltgesellschaft für politische Ökonomie (WAPE). Er hat über 400 Schriften veröffentlicht.

Während die autobiographischen Bände von Eike Kopf den eigenen Entwicklungs- und Erkenntnisprozess vor allem durch sein Leben und Arbeiten in der DDR und an der MEGA enthalten, wendet er in seinem neuesten Buch seine wissenschaftlichen Kenntnisse auf die in China gemachten Erfahrungen an.

Dabei untersucht er vor allem die Politik der chinesischen Führung und den Aufbau des Sozialismus in China vom Standpunkt des wissenschaftlichen Sozialismus aus. Zum einen stellt er die vorliegenden Fakten zusammen und zum anderen spiegelt er die ökonomische und politische Entwicklung in der VR China an den Schriften der Klassiker der Politischen Ökonomie, Marx und Engels, sowie Lenin wider und beleuchtet dabei Chinas Entwicklung hin zu einer sozialistischen Gesellschaft mit ihren Erfolgen und Rückschlägen. Er unterlegt die Theorie und Praxis des Erreichten sowie die des geplanten Aufbaus des Landes mit Fakten, Zitaten und Zahlen aus dem Regierungsbericht 2015 und legt dar, wie die chinesische Regierung den derzeitigen Stand der Entwicklung Chinas einschätzt, nämlich als das „weltweit größte Entwicklungsland, das sich in der Gegenwart immer noch und über längere Zeit auch in Zukunft im Anfangsstadium des Sozialismus befindet“. Besonders hebt er hervor, dass die chinesische Regierung „den Geist der acht Bestimmungen des ZKs der KP Chinas zur Verbesserung des Arbeitsstils und zur engen Verbindung mit den Volksmassen mit Strenge durchsetzt …“. Hierbei geht es vor allem um den Kampf gegen die Korruption, die Verbesserung der Produktion und die Hebung des Lebensstandards der Bevölkerung.

Nach diesem Kapitel, das mit „Bewusstes und planmäßiges Regieren für 20 % der Menschheit“ überschrieben ist, zeigt der Autor in „Entwicklung der Widersprüche als einzig geschichtlicher Weg“, wie die Menschheit von einer geschichtlichen Produktionsform in eine andere gelangen kann und belegt mit Zitaten das Konzept der chinesischen Führung bezüglich des wirtschaftlichen Aufbaus und der Innen- und Außenpolitik Chinas.

Mit dem Kapitel „Ohne entwickelten Weltmarkt kein höherer Gesellschaftstyp“ schließt sich eine Untersuchung an, in der Eike Kopf aus dem vollen Fundus seiner MEGA-Arbeit schöpft. Die weiteren Kapitel „Alte chinesische und europäische Geschichte“, „Arbeiten von Hegel zu China“, „Arbeiten von Marx und Engels zu China“ geben Aufschluss über die Historie der Handelsbeziehungen und des Weltmarkts und über die Entwicklung des Kapitalismus und der Kolonialreiche. Dabei arbeitet er die wichtige Rolle des sich entwickelnden Weltmarkts für die Entwicklung der Widersprüche (Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse) heraus.

Das Kapitel „Probleme des 20. Jahrhunderts“ enthält die Entwicklung dieser Widersprüche im Zeitalter des Imperialismus, der Revolutionen und der Kriege unter Würdigung der Rolle Lenins, Stalins und Mao Zedongs bis zur Kulturrevolution. Er zeigt die Schwierigkeiten beim Aufbau einer neuen sozialistischen Ordnung, die notwendige Umgestaltung der Kultur und des Denkens und die dabei wichtige, führende Rolle der Arbeiterklasse bei der Umsetzung und der Kontrolle dieses Prozesses.

Daran schließt sich ein „Neuer Kurs in China ab 1978“ an. Kurz und prägnant wird hier der Prozess der Öffnung und der Reformen, eingeleitet unter Deng Xiaoping, beschrieben und mit Zahlen unterlegt. Eike zitiert dann aus dem Bericht der Regierung, in dem über die erfolgreiche Erfüllung des 11. und 12. Fünfjahresplans berichtet wird.

Das nächste Kapitel „Seidenstraßen im 21. Jahrhundert“ beleuchtet die Politik der chinesischen Regierung, die Rolle Chinas auf den Gebieten des Handels, der Diplomatie und der Außenpolitik, wie sie für die Zukunft angelegt ist. 2013 wurde das Konzept der Wiederbelebung der alten Handelsrouten – einer eurasischen Kontinentalbrücke sowie einer maritime Seidenstraße – vorgestellt. Ausbau der Verkehrswege, Errichtung von Indu­strieparks, Urbanisierung, Bildungs- und Kulturaustausch, wirtschaftlicher Austausch und Zusammenarbeit stehen im Mittelpunkt dieses Projekts. Eine zentrale Rolle soll hierbei die von China ins Leben gerufene Asiatische Infrastruktur Investitionsbank (AIIB) spielen, an der sich mittlerweile auch viele europäische Staaten (darunter die BRD) beteiligen. Die USA beteiligen sich nicht, wollen aber zusammenarbeiten.

Prof. Kopf kommt in diesem Zusammenhang auf die Ausführungen von Karl Marx im Kapital zum Kreditwesen zurück, nicht ohne die Bemerkung „Wachsamkeit ist geboten!“. Nach weiteren erhellenden Aussagen von Marx und Engels zu möglichen und tatsächlichen Revolutionen sowie deren Verläufen und zur dabei wichtigen Frage des Volkseigentums an den Produktionsmitteln schreibt der Autor: „Die chinesische Führung muss sehr darauf achten, dass die Privatisierungen nicht zu einer Kopie neoliberalistischer Konzepte des Westens werden“. Er weist hierbei auch auf die in der SU und in der DDR gemachten Erfahrungen hin.

Überlegungen dazu, wie die Widersprüche sich weiter entwickeln könnten, welche Rolle die Bourgeoisie bezüglich der Südhälfte des Erdballs bei der Entwicklung des Weltmarkts spielen könnte, zur Frage der Gewalt, zur Entwicklung der Waffentechnik und zum chinesischen Konzept der Schaffung einer „multipolaren harmonischen Welt“ schließen sich an.

Ein zweiter Teil des Seidenstraßenkapitels ist der chinesischen Außenpolitik gewidmet. Hier findet sich eine große Menge an Fakten und Plänen, die die Außenpolitik der VR China ausmachen. Einige Stichpunkte: die Entwicklung der freundschaftlichen Beziehungen zu den Nachfolgestaaten der UdSSR, Organisation der Schanghai-Kooperation (SCO), ständige Ausweitung der Beziehungen zu den asiatischen, afrikanischen, südamerikanischen und auch europäischen Staaten, das Verhältnis zu den USA, Währung, Devisenreserven und Handelspolitik. Am Ende des Kapitels bringt Eike noch wichtige Fakten zum politischen System in der VR China.

Im letzten Kapitel „Rückblick seit 1844 und Blick nach vorn“ rekurriert Prof. Kopf auf die Anfänge der politischen Ökonomie bzw. auf die Anfänge der Erkenntnisse von Marx und Engels zur Bedeutung des Handels, der Entwicklung der Produktivkräfte, der Entwicklung der Klasse der Bourgeoisie. In den von ihm verwendeten Zitaten vor allem aus der „Deutschen Ideologie“ von Marx und Engels finden sich interessante Definitionen zum Kommunismus und zur Entwicklung der Klassenwidersprüche. Nochmals hebt er hervor, dass das wichtigste Merkmal einer sozialistischen Gesellschaft das Volkseigentum an den grundlegenden Produktionsmitteln ist und mahnt, dass durch zu viele Privatisierungen in China die politische Führung gefährdet werden kann. Dabei verweist er auf die in der DDR gemachten Erfahrungen, die in dem Buch „Politische Ökonomie des Sozialismus und ihre Anwendung in der DDR“ von 1969 niedergelegt sind, und belegt dies mit Zahlen und Fakten.

Die im Licht des hohen theoretischen Niveaus verarbeiteten Fakten von Eike Kopf fordern den Leser geradezu heraus, sich mit seiner dialektisch-materialistischen Denkweise auseinanderzusetzen. Dieser Text verdient es, nicht einfach nur gelesen zu werden; es wird sich lohnen, ihn gründlich zu studieren.

O‘Nest