KAZ-Fraktion: „Ausrichtung Kommunismus”

Die „Subprime“-Krise und die Marxsche Theorie der Grundrente

Das Studium der Marxschen Theorie der Grundrente scheint uns hilfreich zu sein, um weltweit drängende Probleme, die mit dem privaten Eigentum an Grund und Boden zusammenhängen, zu verstehen und damit einer Lösung näherzubringen. Hier eine unvollständige Auflistung:

– Die anhaltende Vertreibung von Landbevölkerung in den Ländern Südamerikas, Afrikas und Asiens mit der Herausbildung von Slums in den Städten.

– Die Verteuerung von Grund und Boden in den Städten, die Wohnraumnot in den Metropolen mit nicht mehr bezahlbaren Mieten.

– Der Landkauf in Afrika und in anderen Teilen der Welt durch sog. Investoren und die damit verbundene Tendenz zur Untergrabung nationaler Souveränität bzw. zur Rekolonialisierung.

– Der schreiende Widerspruch von Hunger von hunderten Millionen Menschen und der relativen Überproduktion, dem Verderben und der Vernichtung von Nahrungsmitteln, z.T. mit hohen staatlichen Subventionen wie etwa in der EU.

– Die Nutzung von Nahrungsmitteln als Waffe (s. „food power strategy“ des USA-Imperialismus), um die Bauern und damit die landwirtschaftliche Basis ganzer Länder zu ruinieren und sie so von den Märkten und von der Gnade des Imperialismus abhängig zu machen.

– Die Handelskriege zwischen imperialistischen Ländern um die Beherrschung der Nahrungsmittelmärkte, verbunden mit den unterschiedlichsten Subventionen für die eigenen Großgrundbesitzer und die verschiedenen Handelshemmnisse und Schikanen, die zu diesem Zwecke verordnet werden. Dies in Verbindung mit hochkartellierten Märkten und Börsen, die wie bei Weizen, Soja etc. von wenigen mächtigen Monopolen beherrscht werden.

– Die Abholzung der Regenwälder, um zunächst Profit beim Verkauf der Hölzer zu machen – dann die Flächen frei zu machen für die Gewinnung von Bodenschätzen oder um sie für Plantagenwirtschaft und extensive Viehwirtschaft zu verwerten.

– Die Aufteilung der Meere und des Meeresbodens sowie insbesondere der Antarktis befindet sich in vollem Gang. Sie ist verbunden mit militärischen Konflikten, Umweltkatastrophen usw.

– Dies ist die konsequente Fortsetzung dessen, was bereits im Kampf um das Erdöl insbesondere, aber auch um die anderen Rohstoffe sichtbar wurde. Die Golfkriege, der Krieg gegen Afghanistan, die Drohungen gegen den Iran, das Eingreifen in Libyen, die Interventionen gegen Syrien, die Konflikte im Kongo, die Machenschaften um das kaspische Öl und die damit verbundenen Kriege in und um Aserbaidschan, Armenien, Georgien, Russland/Tschetschenien usw. – sie sind Ausdruck des Kampfs von Monopolen/Monopolgruppen und der imperialistischen Mächte um die Neuaufteilung u.a. der Rohstoffquellen. Die gegenwärtige dramatische Preisentwicklung beim Rohöl werden wir an anderer Stelle mit Hilfe der Marxschen Grundrententheorie untersuchen.

– Die sogenannte Energiewende in der BRD, die ja auch mit solch neuen Kolonialprojekten wie desertec die Frage stellt, wohin, auf welchen Grund und Boden dürfen die Solarzellenfelder, die Windparks, die Stromtrassen etc. gestellt werden und aus welchen Metallen sollen die Akkumulatoren, die Kabel etc. hergestellt werden.

Im Folgenden stellen wir – angesichts von sich verdichtenden Anzeichen für eine neuerliche krisenhafte Entwicklung – die letzte große Krise, die uns weder theoretisch noch praktisch „bewältigt“ erscheint, ins Zentrum unserer Untersuchung. Praktisch nicht bewältigt sind dabei z.B. die riesigen „faulen Kredite“, die von den Großbanken (s. derzeit die Deutsche Bank) nicht abgeschrieben wurden und z.T. noch aus der letzten Krise stammen. IWF Chefin Christine Lagarde warnte in ihrer Prognose für 2016 (HB 1.1.16, S. 64): In den Banken der Eurozone liegen 900 Milliarden Euro fauler Kredite.

Die Krise 2008 bis 2010 wird auch als sog. Subprime-Krise bezeichnet, die in den USA mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers einen ersten Höhepunkt hatte und dann zu einer weltweiten Krise wurde, die an die Dimension der kapitalistischen Krise von 1929-32 heranreichte. Die meisten Untersuchungen der Krise haben die Rolle der Banken im Allgemeinen berücksichtigt, nicht aber die besondere Rolle der Hypothek und damit des Grundeigentums. Hypothekenpfandbriefe (Mortgage-backed Securities – MBS) waren aber einer der wichtigsten Ausgangspunkte für die Vertiefung und globale Ausdehnung der Krise.

Deshalb wollen wir die Wirkung des Grundeigentums und der von ihm beanspruchten Grundrente auf die verschiedenen Klassen in der Krise untersuchen. Die Marxsche Grundrententheorie dient uns dabei als Schlüssel, um die Klasseninteressen nicht nur zwischen Bourgeoisie und Proletariat, sondern auch innerhalb der verschiedenen Fraktionen der Bourgeoisie und einiger Teile des Kleinbürgertums zu differenzieren.

Wir werden zunächst den Verlauf der Krise skizzieren, dann die für das Thema relevanten Teile der Marxschen Grundrententheorie, die auch von Marxisten kaum studiert wird, entwickeln. Dem folgt die Anwendung der Theorie auf die Subprime-Krise. Daraus werden Schlussfolgerungen für die Klasseninteressen gezogen und schließlich einige Aspekte der Grundrente im Sozialismus beleuchtet.

Im Ergebnis hoffen wir zeigen zu können, dass die Marxsche Grundrententheorie einen wichtigen Baustein liefert, um diese Krise gründlicher zu erklären. Dass sie weiterhin anregt, gangbare Wege zur Lösung der Krise und der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus zu suchen.

1. Entwicklung der „Subprime“-Krise

Zur Finanzierung des Leistungsbilanzdefizits der USA erfolgt seit 1982 ein massiver Import von Kapital (s. Abb. 1). Ab 1997 fließt zusätzlich Geldkapital in die USA, da angesichts der verschiedenen Krisen (u.a. Asien, Russland, Argentinien) Anlagen in US-Wertpapieren als relativ sicherer gelten. (Fussnote: Nach Angaben der deutschen Zentralbank flossen „aus den von der Asienkrise betroffenen Ländern, Indonesien, Korea, Philippinen und Thailand während des Zeitraums Juli 1997 bis Dezember 1998 insgesamt etwa 75 Mrd. US$ ab, die letztlich nach Europa und in die Vereinigten Staaten gelangten“. s. Deutsche Bundesbank, Monatsbericht, April 2000, Die Auswirkungen von Finanzkrisen auf die deutschen Wertpapiermärkte)

Neben Sicherheit waren die Zinssätze für den Zufluss von Kapital entscheidend.

So flossen z.B. aus dem EU Raum erhebliche Kapitalströme in die USA, da dort die Renditen für Rentenpapiere erheblich höher als im EU Raum lagen. Mitte 1999 lagen die durchschnittlichen Renditen in den USA um 1,1 %-Punkte über denen des EU Raums, die Renditen der zehnjährigen Anleihen wiesen eine Zinsdifferenz von 1,6 %-Punkte auf. Mit Ausnahme der Zeitspanne von Anfang 2002 bis Mitte 2003 waren die Renditezinsen in den USA durchgehend höher als die im EU Raum. Dies änderte sich erst Ende 2007. (Fussnote: Deutsche Bundesbank, Monatsberichte, Finanzmärkte, Mai 2005, August 2008.)

Insgesamt wurde 2007 der weltweite Anlagebedarf auf rd. 70 Billionen US-Dollar beziffert. (Fussnote: Das US-Leistungsbilanzdefizit nahm von 125 Mrd. US$ oder 1,6 % des BSP in 1996 auf 640 Mrd. US$ oder 5,5 % des BSP in 2004 zu, s. Chairman Ben S. Bernanke, Board of Governors of the Federal Reserve, Rede am 11.09.2007 in Berlin, www.federalreserve.gov/newsevents/speech/bernanke20070911a.htm) Um diesen Anlagebedarf auf sich zu ziehen, wurden geeignete „Anlageprodukte“ geschaffen, also rentierliche festverzinsliche Wertpapiere.

Gefragt waren dabei festverzinsliche Wertpapiere, die einen höheren Zins als die US-Staatsanleihen und ausländische Anleihen boten. Investmentbanken begegneten dieser Nachfrage u.a. mit MBS. Durch die Niedrigzinspolitik der US-Notenbank und bei einer Schwemme von nach Anlage suchenden Geldkapitalien, waren die Zinsen für US-Staatsanleihen relativ niedrig. Zehnjährige inflationsindizierte Staatsanleihen fielen von 4 % in 1999 auf unter 2 % in 2004. MBS mit einem AAA-Rating konnten deshalb mit relativ geringen Risikoaufschlägen über den Zinssätzen der Staatsanleihen an die Anleger verkauft werden. Als dann Pfandbriefe, denen erstklassige Hypotheken als Sicherheiten zugrunde lagen, mengenmäßig nicht mehr ausreichten, um der Nachfrage nach zu verbriefenden MBS nachzukommen, wurden zunehmend nachrangige Hypotheken und Subprime-Hypotheken zu Pfandbriefen verbrieft und über Strukturvertriebe, große und kleine Banken und Fondsgesellschaften verkauft. „Die Einstufung als Subprime-Hypothek erfolgt, wenn der Kreditnehmer in der Vergangenheit zahlungsunfähig war, bei ihm eine Zwangs­ver­steigerung doku­mentiert wurde oder er mit Kreditraten in Verzug geraten ist.” Als Indikatoren für die Subprime-Klassifizierung werden ferner das Verhältnis zwischen dem Schuldendienst und dem laufenden Einkommen (debt service-to-income ratio; DTI ratio) sowie das Verhältnis der Kreditsumme zum Wert der Immobilie (mortgage loan-to-value ratio; LTV ratio) herangezogen. Kreditnehmer mit einem geringen „credit score“, einem DTI über 55 Prozent oder einem LTV von über 85 Prozent werden dem Subprime-Markt zugeordnet. Neben dem Subprime-Markt existiert das Marktsegment für „Alt A“-Kredite. Bei diesen Hypotheken muss kein oder kein vollständiger Einkommensnachweis vorliegen. Aufgrund der geringeren Dokumentations­pflicht spricht man auch von „low doc/no doc loans“.“ (Fussnote: In einer Radiosendung bei This American Life am 05.09.2008 sprach Adam Davidson, (correspondent for international business and economics der NRP) mit dem Leiter des Capital Market Research des IMF über einen Giant Pool of Money, dem weltweiten Bestand an Einlagen und Ersparnissen, auf den die Investmentbanken und Hedgefonds beim Verkauf ihrer Anlageprodukte aus waren und bis heute aus sind. Nach Aussagen dieses IMF-Mitarbeiters (Ceyla Pazarbasioglu) hat sich das Volumen der Einlagen und Ersparnisse weltweit von 36 Bio. US$ in 2000 auf 70 Bio US$ in 2007 erhöht, s. thisamericanlife.org/radio-archives/episode/355/transscript, 17.12.2013)

Wie dieses Geschäft funktioniert, wer an diesem Geschäft beteiligt ist und wer daran verdient, zeigt die folgende Übersicht. (Fussnote: s. Gabler Verlag (Herausgeber), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Subprime-Krise, wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/72525/subprime-krise-v9.html, 20.10.2013): Der Kreditnehmer (= Borrower = z.B. Haus­bauer/-käufer) erhält durch Vermittlung eines Hypothekenmaklers (= mortgage broker = Finanzberater o.Ä.) einen Kredit von einem Verleiher (= lender = Bank o.Ä.). Makler und Bank haben nach Abschluss des Geschäfts nur noch bei Unregelmäßigkeiten wie Zahlungsausfällen etc. damit zu tun. Der Kreditnehmer zahlt seine monatlichen Zins- und Tilgungsraten dann nicht mehr an die Bank, sondern über einen Dienstleister (= servicer) an das Verbriefungsinstitut (= Wertpapieremittent, meist eine Investmentbank = issuer). An dieses hat die Bank den Hypothekenkredit verkauft und alle Rechte abgetreten. Das Verbriefungsinstitut bündelt verschiedene Kredite zu einem Wertpapier und verkauft mit Hilfe des Treuhänders (= trustee), der die Interessen der Anleger wahren soll, dann des Konsortialführer, der die Platzierung der Wertpapiere unterstützt (= underwriter). Dann kommen die Rating Agenturen (die die Bonität des Papiers generell bewerten) und schließlich noch die Bonitätsverbesserer (= credit enhancement provider = u.a. (Ver-)Sicherung gegen Ausfallrisiken). Das derart „begleitete“ Wertpapier wird dann vom Emittenten (issuer) an Investoren verkauft. Diese werden natürlich wieder von Beratern aller Art unterstützt. Werden die Papiere international vertrieben, wollen die beteiligten Banken dafür natürlich entsprechende Margen und deren Vertriebsmitarbeiter Provision. (s. Abb. 2) Und schließlich halten die Finanzminister der verschiedenen Staaten, sozusagen als Hehler, bei allen Transaktionen noch die Hände auf. Diese wundersame Struktur liegt parasitär über dem Grundgeschäft: Kauf eines Grundstücks/Bau oder Kauf einer Immobilie. Und sie lastet generell über der materiellen Produktion, der „Realwirtschaft“, die aber ohne dieses Finanzsystem nicht auskommen kann, um die eigenen Geschäfte im internationalen Großmaßstab abwickeln zu können.

Im Prozess des Vermischens guter und schlechter Bonitäten und des Ersetzens der Bewertung von Sicherheiten durch „raten“ wurden die hierbei neu entstehenden Risiken auf alle Marktteilnehmer umgelegt und so vergesellschaftet. Dass in dieser verzweigten Struktur Fehler, Schlamperei, Betrug auftreten können, ist evident. Nur zur Illustration seien die Ratingagenturen genannt. Selbst im Besitz des Finanzkapitals nahmen sie z.B. höhere Ratinggebühren, um ein AAA-Rating für die neuen MBS zu bekommen, die Informationen hierfür wurden vom zahlenden Kunden geliefert. Erst ab Juli 2007 war das Desaster nicht mehr zu beschönigen: über 90 % der 2006 und 2007 vergebenen AAA-Ratings wurden auf „default“ (= pleite) abgewertet.

Nachdem der Markt für traditionelle Hypotheken und Hypothekenpfandbriefe nicht so schnell wuchs, wie die Nachfrage nach festverzinslichen Wertpapieren, wurden von den Investmentbanken verstärkt Hypothekenforderungen nebst Sicherheit und dabei zunehmend Subprime-Hypothekenkredite oder nachrangig besicherte Hypothekenforderungen nachgefragt, um Material zur Verbriefung zu bekommen.

Von 1994 bis 2006, entwickelte sich die Vergabe von Subprime-Krediten von geschätzten 35 Mrd. US$ oder 4,5 % aller Kredite an Familien mit ein bis vier Mitgliedern auf 600 Mrd. US$ oder 20 % aller Familienkredite. (Fussnote: s. US Federal Deposit Insurance Corporation (Sheila C. Bair, Chairman), www.fdic.gov/news/news/speeches/archives/2007/chairman/spapr1707.html, 20.10.2013..)

Die Investmentbanken machten so riesige Gewinne (Emissionsgeschäft, Verkaufsprovisionen, Ratinggebühren usw.), an dem der gesamte Finanzsektor partizipierte (s. Abb. 3). In diesem Kampf um noch größere Gewinne und um Marktanteile zwischen den Investmentbanken der USA waren auch andere Banken, wie z.B. Bankers Trust – Deutsche Bank mit im Geschäft.

2007 brach der Markt für MBS vollständig zusammen. Die Grundstückspreise waren ab 2006 gefallen und fielen immer schneller. Viele Hypothekendarlehen wurden schlagartig notleidend, Umschuldungen von Hypothekendarlehen mit variablen Zinsen konnten nicht mehr vorgenommen werden, weil das Zinsniveau von der FED, der Zentralbank der USA, seit 2004 stark angehoben worden waren (s. Abb. 4). Die Zinssätze wurden u.a. auch deswegen angehoben, weil in dieser Zeit das Leistungsbilanzdefizit (s. Abb. 1) und das Haushaltsdefizit der USA erheblich anwuchsen im Zeichen des sog. „war on terror.“ Damit stieg der Finanzbedarf der USA gewaltig an und trieb die Zinsen.

Mit den steigenden Zinsen wurde bei vielen Darlehen die Zahlungsunfähigkeit der Schuldner offenbar.

Bis 2007 galten durch Grundstücke besicherte Kredite und Hypothekenpfandbriefe bei scheinbar stetig steigenden Bodenpreisen generell als weitgehend risikofrei. Nach Aussagen von Warren Buffet hatte man angenommen, dass die Grundstückspreise in den USA nicht drastisch fallen könnten. (Fussnote: Rede von Chairman Ben. S. Bernanke, March 14, 2008; www.federalreserve.gov/newsevents/speech/bernanke20080314a.htm, Abruf 30.10.2013) Das scheinbar funktionierende Geschäftsmodell und der Druck der monopolistischen Konkurrenz unter den größten Banken der Welt waren stärker als die Einsicht, dass die Überproduktion von fiktivem Kapital irgendwann durch Ausbruch einer Krise bereinigt werden muss. Als schließlich der Anpassungsbedarf unaufschiebbar war, wurde Lehman Brothers geopfert, um selbst als Goldman Sachs, J.P. Morgan u.a. überleben zu können.

In der Darstellung der Entwicklung hin zur Krise wurde deutlich, dass ein wichtiges Element Immobilienkredite waren, die zum Ausmaß, der Tiefe und Dauer der Krise beitrugen. Grundlage für Immobilienkredite ist der Preis für den Boden. Wie wir sehen werden, ist der Bodenpreis kapitalisierte Grundrente.

2. Die Marxsche Theorie der Grundrente
2.1 Das Grundeigentum

Die Grundrente ist eine Abgabe, die der Nutzer des Bodens dem Eigentümer für die Erlaubnis leisten muss, den Boden bearbeiten zu dürfen. Bei beschränkter Bodenfläche der Erde gehören alle vorhandenen Bodenflächen (inklusive dessen, was sich unter der Oberfläche befindet) einer beschränkten Zahl von Eigentümern, die das alleinige Recht haben, darüber zu verfügen. Im Feudalismus befand sich der ganz überwiegende Teil des Bodens in der Hand der adligen Feudalherren und des Klerus, die ihn durch Leibeigene bestellen ließen; die Bodenschätze gehörten den Landesherren, die Nutzungsrechte an frühkapitalistische Vereinigungen vergaben.

Die Grundrente als Geldrente ist die Form, die beim Übergang von feudalen zu kapitalistischen Produktionsverhältnissen entsteht. Sie löst die feudalen Formen der Ausbeutung wie Naturalabgaben oder Frondienste ab. Insofern sind Grundeigentum und seine Formen Ausdruck historisch spezifischer Produktionsbedingungen. (Fussnote: www.theguardian.com/business/2010/jun/02/warren-buffett-financial-crisis-inquiry-live)

2.2 Die Grundrente

Wie in der Landwirtschaft hat sich auch in dem für unser Thema relevanten Haus- und Wohnungsbau überwiegend eine Trennung von Grundeigentum und Produktion/Bebauung (und weiteren Formen der Bodennutzung) vollzogen. Der Großgrundbesitzer verpachtet typischerweise Land an kapitalistische Pächter und an Bauern.

Die kapitalistische Grundrente spiegelt die Beziehungen zwischen den drei Klassen der bürgerlichen Gesellschaft wider, nämlich zwischen Lohnarbeitern, Kapitalisten und Grundeigentümern. Der durch die Arbeit der Lohnarbeiter geschaffene Mehrwert fällt zunächst dem kapitalistischen Pächter zu. Ihm verbleibt ein Teil des Mehrwerts in Form des Durchschnittsprofits auf sein Kapital. Den anderen Teil des Mehrwerts, der einen Überschuss über den Durchschnittsprofit bildet, muss der Pächter in Form der Grundrente an den Grundeigentümer zahlen. Die kapitalistische Grundrente ist der Teil des Mehrwerts, der nach Abzug des Durchschnittsprofits auf das im Betrieb angelegte Kapital verbleibt und der dem Grundeigentümer gezahlt wird. Oftmals verpachtet der Grundeigentümer sein Land nicht, sondern stellt Lohnarbeiter ein und wirtschaftet selbst. In diesem Falle fallen ihm allein Rente und Profit zu. (Fussnote: s. mjperry.blogspot.de/2012/02/bank-profits-and-roa-highest-since-2006.html) Marx betont: „Bei richtiger Auffassung der Rente war das erste natürlich die Erkenntnis, dass sie nicht aus dem Boden stammt, sondern aus dem Produkt der Agrikultur, also der Arbeit, aus dem Preise des Arbeitsprodukts, zum Beispiel des Weizens. Aus dem Werte des Agrikulturprodukts, der auf dem Grund und Boden angewandten Arbeit, nicht aus dem Grund und Boden. (Fussnote: Bis heute ist z.B. in Deutschland das feudale Milieu spürbar, aus dem sich das Grundeigentum in den Kapitalismus hinübergerettet hat. Viele Großgrundbesitzer entstammen dem Adel und machten nach der Einverleibung der DDR sogar wieder Ansprüche auf nach 1945 enteigneten Grund und Boden geltend. Das Grundeigentum der katholischen und der protestantischen Kirchen ist beträchtlich. Bis heute ist die Frage der Entschädigung kirchlicher Güter durch Säkularisierung im 19. Jahrhundert(!) nicht gesetzlich geregelt, dafür. zahlt der deutsche Staat jährlich enorme Beträge (ca. 4.000 Mio. €) an die beiden großen Kirchen.)

Dies gilt auch für unser Thema: Die Rente, die Grundeigentümer aus Hausbesitz ziehen, stammt nicht aus dem Boden, sondern aus der Arbeit, die beim Hausbau geleistet wird.

Mehrwert im Bausektor wird beim Errichten von Bauten erzielt. Durch die Ausbeutung der Bauarbeiter auf allen Stufen des Baus, vom Erdaushub bis zu den Installationen von Elektro-, Sanitär-, Heizungs- und Außenanlagen sowie bei der Erschließung des Grundstücks (Wasser, Strom, Gas, Telekommunikation, Kanalisation, Straße), entsteht Mehrwert, aus dem die Grundeigentümer parasitär die Grundrente abzweigen. Auch bei der Instandhaltung, Modernisierung wird durch Ausbeutung der Arbeiter Mehrwert erzeugt. Kein Mehrwert wird durch die Ausbeutung der Angestellten in Hausverwaltungen, bei Maklern oder bei Investmentbanken erzielt; ihre Ausbeutung ist jedoch Voraussetzung dafür, dass die in diesen Branchen tätigen Kapitalisten Anspruch auf einen Teil des in der Produktion geschaffenen Mehrwerts haben.

Das Produkt bzw. die Ware ist hier Wohnraum. Wohnraum etwa in Form einer Mietwohnung wird über einen längeren Zeitraum genutzt und bezahlt, z.B. über 50 Jahre, dabei können die Mieten je nach Lage des Grundstücks, dem Zustand des Wohnraums, der Höhe des Zinsniveaus, usw. schwanken.

2.2.1 Die Differentialrente und die absolute Rente

Die Marxsche Grundrententheorie, die sich in der Auseinandersetzung besonders mit der Theorie Ricardos entwickelte, hat ihren Niederschlag vor allem in „Das Kapital“, Bd. III und in den „Theorien über den Mehrwert“ gefunden. (Fussnote: Akademie der Wissenschaften der UdSSR (Institut für Ökonomie), Politische Ökonomie – Lehrbuch I, Berlin 1955 (= Übersetzung der 1. sowjetischen Auflage von 1954), zitiert nach der westdeutschen Ausgabe, Frankfurt 1971, S. 208) Der profunde Kenner des Marxschen Werkes, W. I. Lenin, schreibt in einer populären Zusammenfassung: „Der Produktionspreis der landwirtschaftlichen Erzeugnisse wird infolge der Beschränktheit der Bodenfläche, die in den kapitalistischen Ländern ganz von Einzelwirtschaften besetzt ist, durch die Produktionskosten nicht auf dem mittleren, sondern auf dem schlechtesten Boden bestimmt, unter denen das Erzeugnis auf den Markt gebracht wird. Den Unterschied zwischen diesem Preis und dem Produktionspreis auf besserem Boden (bzw. unter besseren Bedingungen) ergibt die Unterschieds- oder Differentialrente.“ (Fussnote: K. Marx, Theorien über den Mehrwert, MEW 26.2, Berlin 1976, S. 141)

Kapitalisten auf solchen besseren Böden (sei es von Natur aus oder durch Einsatz von Anlagen etc.) erhalten einen Extraprofit. Im Gegensatz zur Industrie unter Konkurrenzbedingungen kann in der Landwirtschaft und in den damit verwandten Fällen der extraktiven Industrien (Erze, Erdöl, Kohle, seltene Erden und andere Mineralien) und im uns besonders interessierenden Fall von Bauland dieser Extraprofit über längere Zeiträume von Bestand sein. Denn in Agrikultur/Bausektor usw. lassen sich die Ländereien nicht beliebig vermehren, da die Menge an Grund und Boden beschränkt und die gesamte nutzbare Fläche von Einzeleigentümern besetzt ist.

Die im Bausektor anfallende Baustellenrente wird an den Grundeigentümer für die Verpachtung eines Grundstücks gezahlt, auf dem Wohnhäuser, Industriebetriebe, Betriebe des Handels, des Dienstleistungsgewerbes (Büros etc.) oder andere errichtet werden. Bei Wohngrundstücken spielt die Lage eine große Rolle; sie hat entscheidenden Einfluss auf die Höhe der Differentialrente und erhöht damit die Pachten und die Grundstückspreise. (Fussnote: In der Kritik Ricardos zeigt Marx vor allem die Fehlerhaftigkeit der von Ricardo postulierten Tendenz des Fortschreitens von besseren zu schlechteren Böden hin und widerlegt das „Gesetz vom abnehmenden Bodenertrag“ (durch Fortschritte in der Anwendung der Naturwissenschaften auf die Landwirtschaft, aber auch durch das Wachstum der Städte). Er entlarvt letzteres als einen Versuch, die Widersprüche und Schranken des Kapitalismus der Natur anzulasten.)

Und Lenin fährt fort: „Das Privateigentum an Grund und Boden erzeugt indes ein Monopol, eine Schranke für diese freie Übertragung (des Kapitals aus einem Produktionszweig in einen anderen – d. Verf.). Infolge dieses Monopols gehen die Erzeugnisse der Landwirtschaft, die durch eine niedrigere organische Zusammensetzung des Kapitals und folglich durch eine höhere Profitrate gekennzeichnet ist, nicht in den völlig freien Prozess der Ausgleichung der Profitrate ein. Der Grundeigentümer als Monopolist erlangt die Möglichkeit, den Preis über dem Durchschnitt (von Kostpreis und Profit – d. Verf.) zu halten und dieser Monopolpreis erzeugt die absolute Rente. (Fussnote: W.I. Lenin, Karl Marx, Kurzer biographischer Abriss mit einer Darlegung des Marxismus, LW 21, Berlin 1977, S.56)

Es ist gerade diese Schranke, die das Grundeigentum für die freie Übertragung/Anlage von Kapital darstellt, von besonderem Interesse für die Entwicklung der Subprime-Krise.

2.2.2 Der Bodenpreis

Obwohl unbearbeiteter Grund und Boden keinen Wert hat, da er kein Produkt menschlicher Arbeit ist, ist er (seit Auflösung der feudalen Bindungen und Beschränkungen) Gegenstand von Kauf und Verkauf und hat einen Preis. Dies liegt an der historischen Verwandlung des Bodens in Privateigentum.

Kauf und Verkauf von Boden schaffen per se keine Erhöhung der Fruchtbarkeit des Bodens und keine neue Wohnung. Im Gegenteil: der produktiven Verwendung werden Mittel entzogen. Es ist ähnlich wie mit dem Kauf/Verkauf ganzer Firmen im Zuge der Monopolisierung in der Industrie, mit dem ebenfalls keine neue Maschine, keinerlei Verbesserung der Produktionsbedingungen verbunden ist.

Der Bodenpreis ist dabei für den Grundeigentümer die kapitalisierte Grundrente über eine bestimmte Nutzungsdauer. (Fussnote: Marx führt hierzu im Kapitel, das mit „Baustellenrente. Bergwerksrente. Bodenpreis“ überschrieben ist, aus die für das Thema relevanten Stichworte sind von uns hervorgehoben): „Die Differentialrente tritt überall ein und folgt überall denselben Gesetzen wie die agrikole Differentialrente, wo überhaupt Rente existiert. Überall, wo Naturkräfte monopolisierbar sind und dem Industriellen, der sie anwendet, einen Surplusprofit sichern, sei es ein Wassergefälle oder ein reichhaltiges Bergwerk oder ein fischreiches Wasser oder ein gutgelegner Bauplatz, fängt der durch seinen Titel auf einen Teil des Erdballs zum Eigentümer dieser Naturgegenstände Gestempelte diesen Surplusprofit dem fungierenden Kapital in der Form der Rente ab. Was Land zu Bauzwecken betrifft, so hat A. Smith auseinandergesetzt, wie die Grundlage seiner Rente, wie die aller nicht agrikolen Ländereien, durch die eigentliche Ackerbaurente geregelt ist. (Book I, chap. XI, 2 und 3.) Es zeichnet sich diese Rente aus erstens durch den überwiegenden Einfluss, den hier die Lage auf die Differentialrente ausübt (sehr bedeutend z.B. beim Weinbau und bei Bauplätzen in großen Städten); zweitens durch die Handgreiflichkeit der gänzlichen Passivität des Eigentümers, dessen Aktivität bloß darin besteht (namentlich bei Bergwerken), den Fortschritt der gesellschaftlichen Entwicklung auszubeuten, zu dem er nichts beiträgt und bei dem er nichts riskiert, wie doch der industrielle Kapitalist tut, und endlich durch das Vorwiegen des Monopolpreises in vielen Fällen, speziell der schamlosesten Ausbeutung des Elends (denn das Elend ist für die Hausrente eine ergiebigere Quelle, als die Minen von Potosi je für Spanien waren), und die ungeheure Macht, die dies Grundeigentum gibt, wenn es mit dem industriellen Kapital in derselben Hand vereinigt, dieses befähigt, die Arbeiter im Kampf um den Arbeitslohn praktisch von der Erde als ihrem Wohnsitz auszuschließen. Ein Teil der Gesellschaft verlangt hier von den andern einen Tribut für das Recht, die Erde bewohnen zu dürfen, wie überhaupt im Grundeigentum das Recht der Eigentümer eingeschlossen ist, den Erdkörper, die Eingeweide der Erde, die Luft und damit die Erhaltung und Entwicklung des Lebens zu exploitieren. Nicht nur das Steigen der Bevölkerung, und damit das wachsende Bedürfnis der Behausung, sondern auch die Entwicklung des fixen Kapitals, das sich entweder der Erde einverleibt oder Wurzeln in ihr schlägt, auf ihr ruht, wie alle industriellen Gebäude, Eisenbahnen, Warenhäuser, Fabrikgebäude, Docks usw., steigert die Baurente notwendig. … Die Nachfrage für Bauterrain hebt den Wert des Bodens als Raum und Grundlage, während dadurch zugleich die Nachfrage nach Elementen des Erdkörpers wächst, die als Baumaterial dienen.
Marx zitiert weiter die „Aussagen eines großen Londoner Bauspekulanten”, Edward Capps, vor dem Bankausschuss von 1857. Er sagt dort Nr. 5435:
„Ich glaube, ein Mann, der in der Welt vorankommen will, kann kaum erwarten voranzukommen durch Einhaltung eines soliden Geschäfts (fair trade) ... er muss notwendig außerdem auf Spekulation bauen, und das auf großem Maßstab; denn der Unternehmer macht sehr wenig Profit aus den Gebäuden selbst, er macht seinen Hauptprofit aus den gesteigerten Grundrenten. Er übernimmt meinetwegen ein Stück Land und gibt jährlich 300 Pfd.St. dafür; wenn er nach einem sorgfältigen Bauplan die richtige Klasse von Häusern darauf errichtet, kann es ihm gelingen, 400 oder 440 Pfd.St. jährlich daraus zu machen, und sein Profit würde viel mehr in der vermehrten Grundrente von 100 oder 150 Pfd.St. jährlich bestehn als in dem Profit aus den Gebäuden, den er in vielen Fällen überhaupt kaum in Betracht zieht.“ (K. Marx, Das Kapital, Bd. 3, MEW 25, Berlin 1970, S. 781 ff. – ohne Fußnoten)
)
Die kapitalisierte Rente muss mindestens die Rendite abwerfen, die der Rendite bei Anlage der gleichen Geldsumme in sicheren Depositen oder Wertpapieren entspricht.

Es folgt daher, dass, die Grundrente als konstante Größe vorausgesetzt, der Bodenpreis steigen oder fallen kann, umgekehrt wie der Zinsfuß steigt oder fällt. (Fussnote: W.I. Lenin, a.a.O., S. 56 f.)

Oder anders ausgedrückt: „Der Bodenpreis ist umso höher, je höher die Rente und je niedriger der Zinsfuß sind. (Fussnote: Der Bodenpreis ist nichts als die kapitalisierte und daher vorausberechnete Rente.“ K.Marx, Kapital III, MEW 25, 816.)

Fällt nun der Zinssatz tendenziell gegen Null – und diese Tendenz hatte der reale (um die Inflationsrate bereinigte) Zinssatz seit den 1980er Jahren, dann tendieren die Bodenpreise tendenziell gegen Unendlich. Und dies unabhängig davon, dass die Grundrente in Form von Mieten, Pachten etc. steigt. Dies erklärt auch, dass Warren Buffet u.a. zunächst durchaus recht hatten, wenn sie das Risiko von fallenden Bodenpreisen faktisch negierten.

Die Tendenz zu steigenden Bodenpreisen wird auch noch durch andere Faktoren gestützt. Neben dem wachsenden „Bedürfnis der Behausung“ (s. oben) (Fussnote: K. Marx, Kapital Bd. 3, a.a.O., S. 636 f.), führt Marx weiter an „…, dass die Agrikultur relativ unproduktiver wird, also verhältnismäßig zum Industrieprodukt der Wert des Agrikulturprodukts steigt und damit die Grundrente.“ (Fussnote: Akademie der Wissenschaften der UdSSR (Institut für Ökonomie), Politische Ökonomie – Lehrbuch I, a.a.O., S. 199 f.) Ähnliches gilt für den Bausektor, der trotz großer technischer Errungenschaften immer noch relativ rückständig ist (niedrigere organische Zusammensetzung des Kapitals) und deswegen dazu beiträgt, dass die Rente steigt. (Fussnote: In großen Städten steigen im Verlauf der kapitalistischen Entwicklung die Bodenpreise aufgrund der hohen Differentialrente. So sind etwa Wolkenkratzer in städtischen Zentren nicht nur Ausdruck von technischem Fortschritt, sondern auch Ausdruck der Enge des Profitkalküls getrieben durch den Druck der Grundrente, die die Bauten buchstäblich in die Höhe treibt. Auch das veritable Ersticken im städtischen Verkehr trägt den Stempel der Grundrente, die den Quadratmeter in bestimmten Lagen für die Grundherren direkt vergoldet und Flächen für die Öffentlichkeit wie Parks oder Straßen als pure Verschwendung brandmarkt. In solchen Lagen verlangen die Grundeigentümer eine Monopolrente und legen so der Gesellschaft einen Tribut auf, der die städtischen Mieten insgesamt in die Höhe treibt. Bezahlbarer Wohnraum wird tendenziell knapper. Elendsviertel bilden sich auch in den reichen Ländern wieder heraus und werden zu sozialen Brennpunkten wie die Krawalle der letzten Jahre in Paris oder London bereits gezeigt haben.)

2.3 Die Hypothek

In all den Schritten des Bauvorhabens sind typischerweise Banken beteiligt. Damit kommen potenziell auch alle andere oben (Abb. 2) genannten Beteiligten mit ins Spiel. Auch in den Fällen, in denen der private Bauherr selbst Baufirmen verpflichtet, ist die Bank über die Vergabe von Krediten eingeschaltet. Sie finanzieren den Kauf von Grundstücken. Sie finanzieren die Bezahlung der Baufirmen jeweils nach Baufortschritt und auch deren Kauf von Baumaschinen und Baumaterialien. Sie finanzieren die Arbeitslöhne. Während der Bau entsteht, verkauft der Investor (ggf. unter Einschaltung von Maklern oder anderen Mittlern) die Wohnungen. Die Käufer von Wohnungen (Privatnutzer oder Investoren) finanzieren den Kauf wiederum über eine Bank. Typischerweise werden die durch die Bank gewährten Kredite, durch Hypotheken gesichert. Hier gibt es historisch und nationalstaatlich bedingt verschiedene Formen, gebunden an verschiedene Rechtssysteme. Die Rolle der Hypothek ändert sich mit den historischen und rechtlichen Rahmenbedingungen in der diese angewandt wird. Eine wesentliche Funktion spielt sie bei der Verwandlung von Rechtstiteln von Gemein- oder feudalem Eigentum in kapitalistisches Privateigentum und dessen Konzentration in wenigen Händen. Das gilt fürs Bauerlegen im 18., 19., 20. Jahrhundert, wie für neokoloniale Landnahme im 21. Jahrhundert. Im Bereich der Landwirtschaft oder auch beim Errichten von Wohn- oder Industriebauten wird die Hypothek als Mittel hauptsächlich zur Absicherung eines Kredits eingesetzt.

Über eine Hypothek an einem genau definierten Grundstück oder an einem Erbbaurecht soll die Rückzahlung des als Kredit gewährten Kapitals und die Bezahlung des für die Kreditüberlassung vereinbarten Zinses gewährleistet werden. Treten Störungen bei der Bezahlung von Zins und Tilgung des Kredits auf, kann der Kreditgeber den Kredit fällig stellen und das Grundstück zwangsverwalten oder zwangsversteigern (foreclosure) lassen. In diesem Fall sind meist im Hypothekenvertrag Verzugszinsen enthalten, die geeignet sind den Kreditnehmer und Hypothekenschuldner zügig zu enteignen (vom Bauernlegen über Wucherzinsen und Zinsknechtschaft im Frühkapitalismus bis zur millionenfachen Vertreibung und Enteignung US-amerikanischer Wohnungsbesitzer heute). Über die Hypothek werden so die Ansprüche der Kapitalbesitzer auf Rückzahlung des Kapitals, der Grundbesitzer auf die Grundrente, der Banken und Kreditgeber auf den Zins gesichert.

Marx charakterisiert Hypotheken als „bloße Anweisungen auf künftige Bodenrente …“ und: „Alle diese Dinge sind kein wirkliches Kapital, bilden keine Bestandteile des Kapitals und sind auch an sich keine Werte. Es kann sich auch durch ähnliche Transaktionen Geld, das der Bank gehört, in Depositen verwandeln, so dass sie statt Eigner Schuldner desselben wird, es unter anderem Besitztitel hält. So wichtig dies für sie selbst ist, so wenig ändert es an der Masse des im Lande vorrätigen Kapitals und selbst Geldkapitals. Kapital figuriert hier also nur als Geldkapital und, wenn nicht in wirklicher Geldform vorhanden, als bloßer Kapitaltitel.“ Das bedeutet, dass die Hypothek selbst als Anspruchstitel auf „künftige Bodenrente“ fiktives Kapital darstellt. Damit wird verständlich, dass die Anleger in MBS, aber auch die Investoren und die Banken selbst zunächst zahlungsunfähig waren, als die Immobilienpreise verfielen. Es wird verständlich, dass zwar zunächst die Reichen in den USA von der Entwertung betroffen waren, aber durch die Vergesellschaftung des Risikos mittels Verbriefung und internationalem Handel (s.o.) sofort die Reichen in internationalem Maßstab vor dem Ruin standen. Dementsprechend wurden durch die staatlichen Rettungsmaßnahmen die Reichen gerettet und die Last der Krise auf die gesamte Gesellschaft verteilt. (Fussnote: K. Marx, Theorien über den Mehrwert, MEW 26.2,a.a.O., S. 12 f.)

Und für das Verständnis der Krise von zentraler Bedeutung fügt Marx hinzu: „Es ist dies sehr wichtig, da Seltenheit von und dringende Nachfrage nach Bankkapital verwechselt wird mit einer Verringerung des wirklichen Kapitals, das in solchen Fällen im Gegenteil, in Form von Produktionsmittel und Produktion, im Überfluss vorhanden ist und die Märkte erdrückt.“ (Fussnote: Marx betont aber, dass dieses schnellere Entwicklungstempo der Industrie gegenüber der Agrikultur/dem Bausektor nicht unüberwindbar ist. „Es ist dies ein historischer Unterschied, der verschwinden kann.“ (K. Marx, Theorien über den Mehrwert, MEW 26.2, a.a.O., S. 87)) (Fussnote: Einige Folgen haben wir analysiert in: R. Corell and Ernst Herzog, Financial and Currency Crisis Undermines the Euro and National Sovereignity, World Review of Political Economy, Vol. 2, Number 2, London 2011)Dies drückt drastisch aus, dass zwischen der Pleite der Banken einerseits und dem krisenhaften Überfluss von Waren und Kapital ein enger Zusammenhang besteht, der durch Phrasen wie „Casino-Kapitalismus“ und „Platzen“ von „Blasen“ eher verdunkelt wird.

Mit der Hypothek hat die Bank den Schlüssel zum Grundeigentum in der Hand. Der Grundeigentümer entscheidet zwar formal noch darüber, ob und wie sein Grundstück bebaut wird, aber inhaltlich verfügt die Bank darüber. Zunächst, in den Frühzeiten des Kapitalismus, hatte die Bank keinerlei Interesse selbst Grundeigentümer zu werden. Sie konnte aber auf diese Weise bereits die Schranke des Grundeigentums für die freie Übertragung/Anlage von Kapital (s.o.) überwinden durch Ruin von bäuerlichem Grundeigentum, aber auch beim Ruin von oft adeligen Großgrundbesitzern. Dadurch entscheidet die Bank zunehmend, wer dann das Grundstück vom ruinierten Bauern oder Junker übernehmen durfte.

Über die Hypothek werden die Banken bzw. das Finanzkapital also zu potenziellen Großgrundbesitzern, da bei Nichtbedienung des Hypothekenkredits das Grundstück samt Bebauung in die Verfügung der Bank fällt. Damit werden die Banken bzw. das Finanzkapital auch zu Torwächtern für das Eindringen von Kapital in den Immobiliensektor und generell in auf Grundeigentum angewiesene Sektoren der Wirtschaft. Doch jedes eindringende Kapital muss weiterhin Wegzoll entrichten, nämlich Grundrente für die Nutzung dieses Fleckens Erde.

Die Banken partizipieren an den säkular steigenden Bodenpreisen mittels des Hypothekenkredits (höheres Volumen, damit höhere Zinserträge) und können im Falle des Eigentumsübergangs an die Bank direkt an der Grundrente partizipieren. Der Ausfall des Kredits wird bereits in den Konditionen des Kredits berücksichtigt.

Die Verbriefung von Hypothekenkrediten, die es ja nicht erst seit der letzten Krise gibt, versucht das Bankkapital nicht nur über den Zins an der Grundrente zu partizipieren, sondern die Beschränktheit des Grund und Bodens selbst zum Gegenstand der Verwertung zu machen, das Unbewegliche der Immobilie beweglich zu machen. Damit machen sie aber in der scheinbar unbegrenzt vermehrbaren Wertpapiermenge auch die potenzielle Wertlosigkeit der scheinbaren Sicherheit Grund und Boden sichtbar.

Über die Hypothek ist das Grundeigentum außerdem zu einem Eckpfeiler des gesamten Kreditsystems geworden.

2.4 Die generellen Wirkungen der Grundrente

Aus dem Grundeigentum und der dafür zu entrichtenden Grundrente ergeben sich nach Marx einige Konsequenzen für Wert, Preis und Profit:

– dass aufgrund des durch das Grundeigentum beschränkten Zugangs tendenziell weniger Kapital in der Landwirtschaft angelegt wird als in der Industrie. Dies gilt auch für das Baugewerbe und damit den Bau von Wohnungen und Wohnhäusern;

– deshalb liegt die organische Zusammensetzung des Kapitals im Durchschnitt der Betriebe niedriger als in der Industrie. (Fussnote: K. Marx, Das Kapital, Bd. 3, a.a.O., S. 474 f.) Dies gilt auch für das Baugewerbe.

– dadurch liegt der Wert der landwirtschaftlichen Waren tendenziell höher als für industriell hergestellte Waren. Dies gilt auch für das Baugewerbe und die hergestellten Wohnungen und Wohnhäuser.

– der Preis der landwirtschaftlichen Waren (Rohstoffe etc) richtet sich nach den relativ schlechtesten Böden (Minen, Ölquellen, etc.) bzw. nach den relativ schlechtesten Wohngrundstücken, weil auch dort nur dann Kapital angelegt wird, wenn es mindestens den Durchschnittsprofit erhält;

– der Preis ist deshalb tendenziell höher als auf einem Markt, auf dem eine durch Grundeigentum unbehinderte Konkurrenz herrscht.

– Der Preis muss mindestens neben dem Durchschnittsprofit auch noch die Grundrente tragen und ist deshalb tendenziell höher als in der Industrie, bei dem die Grundrente nur eine relativ geringe Rolle spielt.

– Steigende Bodenpreise führen zu steigenden Wohnungspreisen. Der Preis für eine Wohnung richtet sich dabei an der kapitalisierten Miete über eine bestimmte Nutzungsdauer aus. Steigende Mieten drücken wiederum den Reallohn herab. (Fussnote: Dies gilt nur unter Einbezug der gesamten Landwirtschaft im Weltmaßstab. Bei Agrarfabriken finden wir z.T. eine höhere organische Zusammensetzung als in der Industrie.)

– Durch die Beschränkung des Zugangs zu Grund und Boden aufgrund des Monopols des privaten Grundeigentums wird die Konkurrenz bei der Anlage von Kapital in diesen Sektoren eingeschränkt. Das führt dazu, dass langfristig Wert und Preis auf höherem Niveau stabilisiert werden. (Fussnote: Vgl. F. Engels, Zur Wohnungsfrage, MEW Bd. 18, Berlin 1974 S. 282. Insbesondere seit 1989, seit der Niederlage des Sozialismus in Europa, benötigt die herrschende Klasse nicht einmal mehr lindernde Staatseingriffe wie ehedem mittels „sozialem Wohnungsbau“ in Deutschland. Mietsubventionen wie Wohngeld werden zurückgefahren, öffentliche Einrichtungen wie Bibliotheken, Bäder verkommen. Erst in diesem Kontext wird die ungenierte Einbeziehung von staatlichen bzw. halbstaatlichen US-Instituten wie Fannie Mae und Freddie Mac in die Operationen der Investmentbanken möglich und verstehbar. Was ursprünglich im „New Deal“ 1938 geschaffen wurde, um die Arbeiter vor kommunistischen Neigungen zu „schützen“, schien den herrschenden Finanzoligarchen nun nicht mehr notwendig, seit sie nach dem Fall der Sowjetunion wieder sicherer im Sattel saßen)

– Die seit Jahrzehnten chronischen Krisenerscheinungen in der Landwirtschaft und im Baugewerbe/in der Wohnungswirtschaft – bei steigenden Grundrenten insbesondere für städtische Grundeigentümer – haben ihre Ursache in dem Zurückbleiben der zahlungsfähigen Nachfrage aufgrund des Zurückbleibens der Reallöhne und Masseneinkommen.

2.5 Die Grundrente im Monopolkapitalismus

Im Monopolkapitalismus, der sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts herausbildet und den Kapitalismus der freien Konkurrenz ablöst, bilden sich in der Industrie Monopole heraus, die Züge tragen wie sie bis dahin dem Grundeigentum vorbehalten waren. Sie setzen dem nicht-monopolistischen Kapital und den konkurrierenden Monopolen, die in ihre Märkte eindringen wollenl, Widerstand entgegen. Sie können Preise erzielen, die über dem Wert liegen und Monopolprofite realisieren, die über der Durchschnittsprofitrate liegen. Sie legen damit der Gesellschaft ähnlich wie die Grundeigentümer einen Tribut auf zu Lasten der Arbeiterklasse, des Kleinbürgertums und der nicht-monopolistischen Bourgeoisie. Durch das Streben nach Herrschaft auf den Weltmärkten unterdrücken die Monopole auch die eigenständige Entwicklung von Bourgeoisie und Kapitalismus in vielen Ländern der Welt. Zur Sicherung ihrer Herrschaft gehen die Monopole Bündnisse mit den halbfeudalen Großgrundbesitzern in den unterentwickelten Ländern ein so wie sie es bereits in den imperialistischen Ländern getan hatten. (Fussnote: Zum Unterschied von Agrikultur und Bausektor führt Marx an: „…dass die Grundrente … nur aus dem Surplusprofit stammt (dem Teil des Mehrwerts, der nicht in die allgemeine Profitrate eingeht), der in den Rohprodukten steckt und vom Farmer dem landlord bezahlt wird.“ (a.a.O. S. 70) Ausnahme macht Marx bei „Häuserbauen“, da dort die Rente nicht aus dem Rohprodukt, sondern aus dem „Fabrikationsprodukt“ bezahlt wird (a.a.O.) und damit der im Bausektor erzeugte Mehrwert in die Bildung der Durchschnittsprofitrate eingeht.) Die Monopolherrn aus Industrie und Bank, die Finanzoligarchie, verbinden sich mit den Grundherren (Fussnote: Das Beispiel Saudi-Arabien ist exemplarisch für in Unterentwicklung gehaltene Länder. Es handelt sich bei Saudi-Arabien um einen Staat, der von einer äußerst schmalen Schicht von Großgrundbesitzern beherrscht wird. Wird der ganze Vorhang von Monarchie und, Religion beiseite geschoben, bleiben Erdölquellen, die Großgrundbesitzern gehören. Diese verlangen Abgaben von Ölmonopolen für das Recht, die Ölquellen auszubeuten. Die Einnahmen, die die Großgrundbesitzer daraus erzielen, fließen nach Abzug der Ausgaben für luxuriösen Lebensstil (Revenue) und für Sicherung desselben (Armee und Polizei mit entsprechender Ausrüstung) ganz überwiegend in die imperialistischen Zentren zurück. Dort werden sie in Immobilien, aber vor allem in Wertpapieren aller Art angelegt. Damit ist der Kreislauf geschlossen. Die Besonderheit dieses Kreislaufs besteht allerdings darin, dass hier eine vollständig parasitäre Klasse außerhalb des Kapitalverhältnisses einen Teil der Früchte der Entwicklung für sich beansprucht. Daran wiederum hängen die Auseinandersetzungen zwischen den Monopolen und zwischen den imperialistischen Ländern, wer welchen Anteil am Erdöl, wer welchen Anteil der saudischen Kapitalanlagen auf sich ziehen kann, wer welche Waffen, Lebensmittel und sonstige Waren liefern, wer welche Berater stellen kann usw.
Für die Entwicklung in imperialistischen Ländern sei an Deutschland erinnert, wo das Bündnis von Großgrundbesitzern und Monopolen verheerende Wirkung hatte: die bereits 1878 eingeleitete Schutzzollpolitik (zusammen mit der Unterdrückung der Arbeiterbewegung durch das „Sozialistengesetz“) mit Zöllen auf Getreide, Holz, Vieh und Eisen. Die Zusammenfassung von Kohle/Eisen/Stahl, (die Elemente des Grundeigentums und der Grundrente in sich tragen) zur Schwer-/Montanindustrie vor allem im Ruhrgebiet trat besonders bei der Herausbildung der aggressivsten Teile der deutschen Finanzoligarchie hervor und unterstützte frühzeitig den Machtantritt Hitlers. Und nicht zuletzt die Großgrundbesitzer vor allem in Preußen („Junker“), die in Reichspräsident von Hindenburg, dem Feldmarschall des 1. Weltkriegs, den politischen Steigbügelhalter für die Berufung Hitlers zum Reichskanzler stellten.
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, ohne dass die Widersprüche zwischen ihnen aufgehoben sind. Die Bestrebungen Industrie-, Bank-, Grundstücks- und auch Handelsgeschäft in einem Trust zu vereinigen, wie z.B. General Electrics, zeigen einerseits wohin die Entwicklung sich bewegt; andererseits zeigen sie, dass unter kapitalistischen Bedingungen, die Trennung nie vollständig überwunden werden kann. Der Kampf um den Profit dividiert die verschiedenen Teile der Bourgeoisie immer wieder auseinander. So dient häufig Grundeigentum dazu, wie oben angeführt, anderen Monopolen den Zugang zu Ländern, Märkten etc. zu erschweren. Und schließlich haben die Grundherren einen nicht zu unterschätzenden Einfluss in der Bauernschaft, die sie auch als Lobbyisten gegenüber Staat oder internationalen Bürokratien wie der EU vertreten. Lenin hat darauf hingewiesen: „Umgekehrt kann man sich durchaus eine solche Erscheinung vorstellen, und sie ist sogar typisch für den Kapitalismus, wo die Verbesserung der Lage der kleinen Landwirte als Klasse das Ergebnis eines Zusammenschlusses mit den Gutsbesitzern, ihrer Beteiligung an der Erhebung einer höheren Grundrente von der ganzen Gesellschaft und ihres Antagonismus zur Masse der Proletarier und Halbproletarier ist, die vollständig oder hauptsächlich vom Verkauf ihrer Arbeitskraft abhängen. (Fussnote: Lenin zeigt am Beispiel des Berliner „Sumpf“ vor dem 1. Weltkrieg: „Das Bankmonopol verschmilzt hier mit den Monopolen der Grundrente und des Verkehrswesens.“ (W.I. Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, LW 22, S. 239 ff.)) Insofern hängt das Überleben des Monopols des privaten Grundeigentums eng mit dem Überleben des Finanzkapitals zusammen und trägt gleichzeitig zu wachsender Fäulnis und Parasitismus des Imperialismus bei. Dabei sind jedoch die Widersprüche zwischen den Fraktionen der Monopolisten nicht überwunden, wenn es um den Anteil am Tribut, an der Beute, geht oder um die Abwälzung der Verluste aus der Krise.

3. Die Subprime-Krise und die Grundrente

Das Monopol des privaten Grundeigentums ist natürlich nicht verantwortlich für die Krise generell und die Subprime-Krise im Besonderen. Die Ursachen der Krise liegen letztlich im Grundwiderspruch des Kapitalismus, in der gesellschaftlichen Produktion einerseits und der privaten Aneignung andererseits. Damit ist notwendigerweise Überproduktion von Waren und Überakkumulation von Kapital verbunden. Mit der Kapital-Plethora (Kapitalüberfluss) aber ist der Drang und der Zwang verbunden, auch die letzten Winkel für Anlagemöglichkeiten von Kapital zu erschließen, zumal dann

– wenn ihr Risiko scheinbar überschaubar ist;

– wenn sich das Risiko einfach verteilen lässt.

Beides schien bis 2007 gegeben zu sein,

– durch die säkular steigenden Bodenpreise, die bei niedrigen Zinssätzen eine unerschöpfliche Quelle von arbeitslosem Einkommen zu sein versprachen.

– durch den weltweiten Vertrieb, der das Risiko von Subprime-Papieren „vergesellschaftete“.

Und so hätte auch diese Krise nicht,wie im Übrigen die Krise 1929-32, zum Ausbruch kommen müssen, wenn Banken, Zentralbank als „lender of last resort“ und Staat(en) gemeinsam durchgehalten hätten. Aber: „Die Wirtschaftskrise selbst zerreißt den Schleier, der den Imperialismus, der das Finanzkapital als monolithi­sche Einheit erscheinen lässt; sie legt dem Blick den Kampf bis aufs Messer frei, der zwischen den Monopolen innerhalb eines imperialistischen Landes, zwischen den Monopolen verschiedener imperialistischer Länder, zwischen den Monopolen um den Einfluss auf den ,eigenen’ Staat (und auf fremde Staaten), zwischen den imperiali­stischen Staaten stattfindet. Die Einheit ihrer Widersprüche, ihre Bündnisse, ihre Zusammenschlüsse, stellen sich als zeitweilige Gaunerkompromisse dar. (Fussnote: W.I. Lenin, Neue Daten über die Entwicklungsgesetze des Kapitalismus, LW 22, S. 93 – Dies Werk entstand etwa zeitgleich mit der Schrift „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“.)

Die Subprime-Krise, wie sie im September 2008 mit der Insolvenz von Lehman Brothers offen und abrupt ausbrach, hatte ihre unmittelbare Wurzel in den fallenden Bodenpreisen und damit der Entwertung der Hypotheken, die wie wir wissen, „Ansprüche auf künftige Bodenrente“ (Marx) sind. Mit den Hypotheken, insbesondere aus dem „Sub­prime“-Bereich, entwerteten sich auch die darauf fußenden Wertpapiere, die wiederum Ansprüche auf Ansprüche auf künftige Bodenrente waren. Weshalb aber waren die Bodenpreise gefallen? Gestiegene variable Zinsen, die viele Kreditnehmer insolvent werden ließen. Dadurch wurde das Angebot an Häusern/Wohnungen/Grundstücken, die an die Banken fielen und nun durch sie wieder an den Markt gebracht wurden, drastisch erhöht. Die Einkommen der Hausbesitzer aus Lohnarbeit oder anderen Quellen war nicht im gleichen Maß gestiegen wie die Zinsen. Da zunächst jede Bank einzeln agiert, versuchte sie das Risiko zu vermindern. Der Schuldner, der vorher hofiert wurde, dem Aufvalutieren von Krediten und ihre Prolongation aufgedrängt wurden, wurde nun zum Feind, dem der Kredit gekündigt wurde, um auf diese Weise aus dem Verkauf der Immobilie noch einigermaßen heil aus dem Geschäft zu kommen. Dies als Bewegung aller Banken führte zu dem massenhaften Einbrechen der Bodenpreise und den Folgen.

Hierin liegt auch die tiefere Bedeutung der Grundrente für die Subprime-Krise: Sie müssen für ihre Profite und ihre Konkurrenzfähigkeit den Ast, hier den durch Grund und Boden „besicherten“ Hypothekenkredit, ansägen, auf dem sie sitzen, auf das Risiko abzustürzen und sich das Genick zu brechen. Diesem so konstruierten System ein Ende zu bereiten, wird ein großer Beitrag für das künftige Wohlergehen der Menschheit werden.

Wichtiger noch als für den Ausbruch der Krise ist Bodenpreis/Grundrente im weiteren Verlauf: Höhere und nach unten hin weniger flexible Preise behindern die Anpassung in der Krise. Dies ist ein Ausdruck davon, dass das kapitalistische Grundeigentum mit seinen monopolistischen Zügen die Anpassung der Kapazitäten an die zahlungsfähige Nachfrage, die „bereinigende Kraft“ der Krise, behindert und Krisen in der Landwirtschaft und auch in der Bauindustrie und der Wohnungswirtschaft dadurch die Tendenz haben tiefer, länger andauernd und chronisch zu werden. Dazu trägt auch die „keynesianische“ Ausprägung von Konjunkturprogrammen, mit kreditfinanzierten Bauvorhaben die Konjunktur anzukurbeln. Dies trägt neben der Begünstigung der Grundeigentümer dazu bei, die Kapazitäten der Bauindustrie aufzublähen und dadurch die Lücke von Angebot und zahlungsfähiger Nachfrage zu vergrößern. Insgesamt wird erkennbar, dass das private Monopol an Grund und Boden die Krise vertieft und verlängert hat.

Der kapitalistische Ausweg ist dann weitere Monopolisierung. Von den großen Investmentbanken der USA sind faktisch nur noch zwei von Bedeutung, in Deutschland hat Eigenständigkeit als Großbank nur noch die Deutsche Bank. Der kapitalistische Ausweg besteht im Eingreifen des Staates mit Subventionen zur Stützung „notleidender“ Baukonzerne, Banken, landwirtschaftlicher Großgrundbesitzer usw., kurz zur Rettung der Bourgeoisie.

Dies führt dazu, dass die Stärkeren die Last der Krise auf die Schwächeren abzuwälzen versuchen: die großen Grundherren auf die Bauern, die Landwirtschaft (und Besitzer von Kohle, Öl, Erzen etc.) auf die Industrie, die Monopolbourgeoisie auf die nicht monopolistische Bourgeoisie, das Kleinbürgertum und die Arbeiterklasse, die imperialistischen Großmächte auf die kleineren und von ihnen abhängigen Länder.

Das Grundeigentum ist letztlich auch ein Eckpfeiler, der der Internationalisierung des Kapitals Widerstand entgegensetzt sowie es dem industriellen Kapital von Anfang an Widerstand entgegengesetzt hat bei seinem Drang zu unbeschränkter Expansion. Nur Reaktionäre sagen, dass damit das Grundeigentum zur Schranke gegen die Übergriffe des maßlosen Kapitals geworden ist, dass es Stütze der Nachhaltigkeit sei etc. Das Grundeigentum ist immer noch Basis der territorial definierten Nationalstaaten und in der Tat ein Hindernis, das auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft und Verschmelzung der Völker, beseitigt werden wird. Allerdings ist wie bei allem, was zu beseitigen ist, danach zu fragen, ob die Voraussetzungen zur Beseitigung gegeben sind bzw. wie diese Voraussetzungen und von welcher Klasse sie geschaffen werden können.

Auch dies eine der Merkwürdigkeiten dieser Krise: Konstituierend für die Nation ist das Territorium, das zu einer Nation gehört. Aber dieser Grund und Boden gehört nicht der Nation, sondern den privaten Grundbesitzern, die die Grundrente einstecken, aber die Risiken „ihrem“ Staat aufbürden. Durch die Verbriefung gelang es den US-Banken, die Risiken weltweit zu verteilen, zu „vergesellschaften“ und den USA gelang es, einen Teil der Krisenlast anderen Nationalstaaten aufzubürden. Damit werden über die ökonomischen Fragen hinaus politische Verwicklungen sichtbar, die tief in die Souveränität der Nationen eingreifen und in den einzelnen betroffenen Ländern die Handlungsspielräume zur Bekämpfung der Krise drastisch einschränken. (Fussnote: Vgl. hierzu R. Corell, Die Große Krise 1929 bis …,, in Kommunistische Arbeiterzeitung (KAZ) 298, Nürnberg 2001: „… Während Frankreich die Lage in Deutschland nutzten wollte, um den deutschen Imperialismus niederzuhalten; während die USA und England versuchten, die deutsche Krise zu nutzen, um Frankreich zu schwächen, gedachte die Deutsche Bank damit einen ihrer aggressivsten Konkurrenten auszuschalten. Das ist die Antwort auf die oben gestellte Frage: Von wem und warum wurde die Danatbank am 11. Juli 1931 hängen gelassen?
Die Überproduktionskrise, die im Sommer 1929 begonnen hatte bildete den realen Hintergrund für den Börsenzusammenbruch im Oktober 1929. Der Börsenkrach hatte jedoch keine lösende Funktion, sondern verschärfte seinerseits die Überproduktions­krise. Die Wirtschaftskrise erschwert zunehmend die Verwandlung der produzierten Waren in Geld. Sie erhöht damit den Bedarf an Krediten, wenn der Produktions­prozess weiter fortgesetzt werden soll. Sie erhöht aber auch gleichzeitig das Risiko für den Kreditgeber, für Banken, Staat, sonstige in- und ausländische Kreditgeber, dass die Kredite ‚festfrieren’, faul werden, nicht mehr zurückgezahlt werden können. Damit entwickeln sich die Voraussetzungen, dass die Kreditkrise in eine Bankenkrise übergehen kann. Die Bankkrise bedarf zu ihrer auch nur kurzfristigen Überwindung des Eingreifens des Staates eben wieder mit Kredit, diesmal aus dem Staatshaushalt über Staatsverschuldung, also mit Hilfe fiktiven Kapitals in Form von Anleihen, Aus­gabe von Schuldscheinen etc. Denn damit wird ja wiederum kein Gramm verschwen­det für die Ausdehnung der Produktion, sondern ausschließlich zur Sanierung der Bankiers. Mit der anwachsenden Staatsverschuldung wächst einerseits der Druck auf die Währung in Richtung Abwertung, andererseits sinkt die Kreditwürdigkeit außerhalb der Grenzen des eigenen Hoheitsgebietes. So wächst der Druck auf die Werktätigen im Innern, die mit weniger staatlichen Sozialleistungen (bei durch die Krise erhöhtem Bedarf) und höheren Steuern (bei durch die Krise gesunkener Steuerkraft) zur Bedienung der Staatsschuld ausgepresst werden, und es wächst der Drang nach außen, um die Kreditwürdigkeit zu erzwingen, z.B. durch die Fähigkeit Krieg führen und damit das eigene Hoheitsgebiet auszudehnen zu können.”
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Dies erschwert das Herauskommen aus der Krise.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die deutschen Banken, die deutschen Monopole, die deutsche Finanzoligarchie insgesamt tragen für die Entwicklung eine große Verantwortung: Sie haben sich nach der imperialistischen Einverleibung der DDR und der Auflösung des Warschauer Vertrags in großer Gier auf diese Länder gestürzt und Grundstücksgeschäfte in großem Stil getätigt. Die Hypo Real Estate und ihre Pleite ist dabei nur die Spitze des Eisberges. Hier ist durchaus das gleiche Strickmuster wie bei den US-Banken erkennbar. Zudem hat der deutsche Imperialismus durch neu gewonnene Stärke (nicht zuletzt durch massives Lohndumping in Inneren) den Druck auf die imperialistischen Konkurrenten erhöht. Dies wiederum führt dazu, dass die „Geschäftsmodelle“ noch labiler und abenteuerlich werden.

Die Krise war der Sprengsatz, der Grund und Boden als Eckpfeiler des Kredit-, Bank- und Finanzsystems zum Einsturz brachte und damit diesen scheinbaren Hort der ökonomischen Sicherheit und der Zuflucht zertrümmerte. Profitzwang und Konkurrenz um die größten Stücke aus dem Kuchen trieben die verantwortlichen Finanzoligarchen dazu, eines der letzten Tabus und Mysterien der kapitalistischen Ökonomie zu entzaubern.

Es ist schließlich besonders pikant, dass mit Grund und Boden eine eigentlich wertlose Sache im Kapitalismus als Sicherheit ersten Ranges gilt und somit die Irrationalität zum Maßstab ökonomischer Vernunft gemacht, freilich die Vernunft des homunculus oeconomicus kapitalistischer Provenienz. (Fussnote: Es gilt hier, was Hegel mit Bezug auf gewisse mathematische Formeln sagt, dass, was der gemeine Menschenverstand irrationell findet, das Rationelle, und sein Rationelles die Irratio­nalität selbst ist.“ (K. Marx, Das Kapital, Bd. 3, MEW 25, S. 787)) Die auf die Krise folgende „Erholung“ und die damit verbundene Rückkehr der alten Mechanismen zeigt allerdings auch: „Für alles Reaktionäre gilt, dass es nicht fällt, wenn man es nicht niederschlägt. Es ist die gleiche Regel wie beim Bodenkehren – wo der Besen nicht hinkommt, wird der Staub nicht von selbst verschwinden. (Fussnote: Mao Tse-tung; Die Lage nach dem Sieg im Widerstandskrieg gegen die japanische Aggression und unser Kurs, Ausgewählte Werke Bd. 4, Beijing 1969, S. 17)

4. Die bürgerliche und die proletarische Lösung des Grundeigentums

Verstaatlichung des Grundeigentums war generell im Interesse der industriellen Bourgeoisie, die sich gerne diese Mitesser, die Grundeigentümer, und damit das Abführen eines Teils des Mehrwerts erspart hätte. Dies war auch im Interesse einer schnelleren Entwicklung der Produktivkräfte und des Kapitalismus. Voraussetzung hierfür war allerdings, dass der Staat ein Staat der Bourgeoisie war. Mit der wachsenden Bedrohung durch das Proletariat (deutlich geworden in der Pariser Commune von 1871) verzichtete die Bourgeoisie in den großen entwickelten kapitalistischen Ländern auf die Liquidierung des privaten Grundeigentums und ging nicht nur in Deutschland ein Bündnis mit längst überlebtem Adel und Klerus ein. Die Enteignung des privaten Großgrundbesitzes wurde zur Aufgabe der sozialistischen Revolution.

Sie beseitigt damit nicht nur ein Hindernis für die Entfaltung der Produktivkräfte, sondern gewinnt damit die Grundlage für Souveränität und Integrität des nationalen Territoriums.

Auch in sozialistischen Ländern, in denen Grund und Boden und die wichtigsten Produktionsmittel in der Hand des Volks sind, spielen Fragen des Grundeigentums und der Grundrente weiterhin eine wichtige Rolle und ihre richtige Behandlung ist von großer Bedeutung, ob die Konterrevolution siegen kann oder besiegt wird. Engels führt dazu in „Zur Wohnungsfrage“ aus: „Übrigens muss konstatiert werden, dass die ‚faktische Besitzergreifung’ sämtlicher Arbeitsinstrumente, die Inbesitznahme der gesamten Industrie von seiten des arbeitenden Volks, das gerade Gegenteil ist von der proudhonistischen ‚Ablösung’. Bei der letzteren wird der einzelne Arbeiter Eigentümer der Wohnung, des Bauernhofs, des Arbeitsinstruments; bei der ersteren bleibt das ‚arbeitende Volk’ Gesamteigentümer der Häuser, Fabriken und Arbeitsinstrumente, und wird deren Nießbrauch, wenigstens während einer Übergangszeit, schwerlich ohne Entschädigung der Kosten an einzelne oder Gesellschaften überlassen. Gerade wie die Abschaffung des Grundeigentums nicht die Abschaffung der Grundrente ist, sondern ihre Übertragung, wenn auch in modifizierter Form, an die Gesellschaft. (Fussnote: F. Engels, Zur Wohnungsfrage, MEW Bd. 18, S. 282) Dies nicht nur bei Ländern, in denen die Landwirtschaft über weite Strecken privat war, (wie z.B. in Volkspolen), sondern auch dort, wo mit steigender Tendenz Teile des Bodens in langfristig private Nutzung übergehen, sei es landwirtschaftlich oder bei Wohnungen, (wie z.B. VR China). Probleme tauchen aber auch bei der kollektiv-wirtschaftlichen Nutzung (LPG, Kolchose etc.) auf. Auch hier geht die Auseinandersetzung darum, welchen Beitrag die einzelne Kollektivwirtschaft zum Ganzen der sozialistischen Wirtschaft zu leisten hat gegen die Berechtigung, einen Teil des verstaatlichten Bodens bewirtschaften zu dürfen.

In Kuba musste auch in Fragen des Grundeigentums wieder ein Schritt zurück gemacht werden. Der Vergesellschaftungsgrad war wegen der massiven Schäden durch den Wegfall der Lieferungen aus dem RGW zu reduzieren und privates Wirtschaften auf eigenem Boden zu erlauben. Dies als geordneter Rückzug, um von der neuen Verteidigungslinie den Kampf mit dem Imperialismus fortführen zu können.

Da der Sozialismus eine lange historische Periode umfasst, in der die Frage, wer siegt, ob Bourgeoisie oder Proletariat, noch nicht endgültig entschieden ist, ist die Frage der Behandlung des Grundeigentums im Sozialismus auch weiterhin eine Klassenfrage: Ob mit der Erweiterung privater Rechte an Grund und Boden der Bourgeoisie breitere Bahn geschaffen oder ob das Proletariat durch zeitweilige Zugeständnisse und Inkaufnahme von zeitweiligem Rückschritt bessere Bedingungen für die Verteidigung und wieder schnellere Entwicklung des Sozialismus legt.

R. Corell, E. O’Nest

Dieser Artikel erschien modifizert in „World Review of Political Economy”, Vol. 5, N° 2, pp. 149-171

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Abb. 1: Die Übersicht zur Zahlungsbilanz der USA (Fussnote: ) zeigt, wie das Defizit in der Handels- und Dienstleistungsbilanz (current account) durch Zufuhr von ausländischem Kapital (capital account) finanziert wird. 88,1 Billionen US-Dollar sind so seit 1980 in die USA geflossen.

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Abb. 2: Geschäftsmodell Verbriefung (Erläuterung im Text)

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Abb.3: Bank Profite in den USA (Fussnote: )

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Abb. 4: Der Diskontsatz der US-Zentralbank FED von 1990 bis 2013 – das ist der Zinssatz, zu dem die Zentralbank kurzfristige Kredite an die Banken vergibt.

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Die Grundrente wächst nicht aus dem Boden, sondern aus der auf den Boden angewandten Arbeit. Sie erhöht den Preis für das Brot und das jeweilige Produkt, das dem Boden entnommen wird. Und sie macht die Großgrundbesitzer, die Wohnungsspekulanten, die Herren von Öl und Bodenschätzen … unermesslich reich.