Die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte

Wir sind heute hier, um über die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte zu sprechen.

Was ist damit gemeint?

Die Darstellung des Individuums hat sich in der Geschichte verändert. Wir wollen euch die bürgerliche Sichtweise nur skizzieren. Wir wollen unsere Vorstellung, die der Kommunisten, von der Rolle der Persönlichkeit darstellen, sie anhand von Beispielen durchspielen und dann mit euch diskutieren.

Wichtig ist es, den Unterschied zwischen bürgerlichen und materialistischen Anschauungen zu verstehen. Wichtig finden wir, bürgerliche Anschauungen zu erkennen und nicht auf sie hereinzufallen, egal in welcher Verkleidung sie auftreten.

Da wir nun mal vom „Abendland“ geprägt sind, zumal vom christlichen, gehört für uns zur bürgerlichen Ansicht der Katholizismus und der Protestantismus.

Im Katholizismus muss jeder Einzelne für sein Seelenheil nach dem Tod hier im Leben selbst sorgen. Er muss glauben, und damit sind Nichtgläubige automatisch in der Hölle, seine Sünden beichten und Buße tun, er kann sich Ablass kaufen. Das gilt für alle seine Handlungen, egal was er im Leben macht. Dann landet er nach dem Tod, so sein Glaube, länger oder kürzer im Fegefeuer und kommt dann in den Himmel.

Im Protestantismus ist das Seelenheil vorherbestimmt. Nur Gott oder Christus kann einem die Sünden vergeben und Zugang zum Himmel gewähren. Im Luthertum ist das allen Menschen möglich, auch Nichtchristen, allein durch den Tod und die Auferstehung Christi.

Im Calvinismus hat Gott die Menschen in eine Gruppe der Auserwählten und eine der Nicht-Auserwählten geteilt. Für die Auserwählten hat Gott seine Erkenntnis bestimmt und die Auferstehung vorhergesehen. Die Gründe, warum Gott einige erwählt hat, sind unbekannt. Es ist aber offensichtlich, dass das nicht aufgrund irgendwelcher guten Werke von Seiten des Erwählten geschehen ist. Da die Absichten Gottes den Menschen verborgen bleiben, müsse jeder im Sinne einer tugendhaften Lebensführung handeln, also so, als ob er von Gott auserwählt sei. Unbändiger Fleiß, individueller und wirtschaftlicher Erfolg können in der Folge als Zeichen für den Gnadenstand gewertet werden. Was der Mensch nun versucht, ist, sich selbst durch seine Tugendhaftigkeit Gewissheit darüber zu verschaffen, dass er auserwählt sein müsse.

Gerade diese Auffassung der Determination, Vorbestimmtheit, ist Grundlage des englischen und amerikanischen Staatsverständnisses.

Mit der Aufklärung wird die Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft bzw. Subjektivem und Objektivem gestellt: Ist Gesellschaft eine bloße Ansammlung subjektiver Einzelindividuen, die lediglich lose miteinander verbunden sind (etwa als soziales Netzwerk oder als Markt), oder besitzt Gesellschaft eine eigene Dynamik, eigene Gesetze und Regeln?

Als Beispiel, wie die Rolle der Persönlichkeit in linken kleinbürgerlichen Kreisen betrachtet wird, wollen wir einige Zitate aus der Schrift „Was ist kommunistischer Anarchismus?“ von Erich Mühsam anführen.

Mühsam war Anarchist und Dichter (von ihm stammt unter anderem das Gedicht vom Revoluzzer, im Zivilstand Lampenputzer). Er war führende Kraft in der Münchner Räterepublik und wurde 1933 von den Faschisten ins KZ geworfen und 1934 ermordet.

Seine Ansichten sind exemplarisch für eine kleinbürgerliche Haltung, wie sie uns auch heute häufig begegnet.

Mühsam lehnt den historischen Materialismus ab. So sagt er, „dass der Sozialismus an die Stelle des Kapitalismus treten soll, hat seinen Grund nicht in der praktischen Logik zweckdienlicher Ökonomie, sondern im moralischen Gewissen der gerechten Denkart.“ (Fussnote: Erich Mühsam, Was ist anarchistischer Kommunismus?)

Aus dieser idealistischen Haltung heraus kommt er in Bezug auf die Persönlichkeit zu folgender Position:

„Die Kampfbewegung des Anarchismus kann bei solcher Gesinnung nur die Bewegung in Freiwilligkeit vereinter Persönlichkeiten sein. Damit beantwortet sich die Frage von selbst, ob die Idee der Freiheit zu ihrer Pflege und Ausbreitung einer Massenorganisation bedarf. Sie bedarf des Zusammenschlusses aller Männer und Frauen, welche die Notwendigkeit der Anarchie als gesellschaftliche Lebensgrundlage erkannt haben und entschlossen sind, in föderativem Bunde unter Einsatz der ganzen Persönlichkeit jedes einzelnen, bei völliger Gleichberechtigung aller und nach dem Grundsatz der Freiwilligkeit jeder Leistung ihre Verwirklichung herbeizuführen.“ (Fussnote: ebenda.)

Sowie:

„Die anarchistische Lehre schreibt keine Kampfmethode vor und lehnt keine ab, die mit Selbstbestimmung und Freiwilligkeit in Einklang steht. So ist bei gewaltsamen Aufständen der Wille des einzelnen allein ausschlaggebend für die Art seiner Mitwirkung, auch dafür, ob und wie weit er sich in Kampfverbände eingliedern mag, deren Taktik in mancher Hinsicht von freiheitlichen Gesichtspunkten aus angreifbar ist.“ (Fussnote: ebenda.)

Wir haben also auf der einen Seite eine Betonung des individuellen Handelns einzelner Personen. Gleichzeitig wird die Herausbildung von Führungspersönlichkeiten im Kampf abgelehnt, denn:

„Die zentralistischen Arbeiterparteien, wie überhaupt alle autoritären Organisationen und Mächte, verlangen, um ihren Führern die blinde Gefolgschaft der Geführten zu sichern, durchaus keine Wege der Persönlichkeit, und zwar ebenso wenig von den Führern wie von den Geführten. Wo Persönlichkeit wirkt, ist freiheitlicher Geist, der mit keinem Zentralismus vereinbar ist. Die autoritären Führer erheben sich über die Menge niemals durch die Überlegenheit in Charakter und geistigem Wert, sondern immer nur durch Befehlshabereigenschaften, die sich nur bei gering entwickelten Persönlichkeiten großziehen lassen. Daher ist es auch gewöhnlich so, dass die Führer zentralistischer Organisationen nicht durch eigene Willenskraft an die Spitze gelangen, sondern zu Führern ernannt, nicht einmal gewählt, werden, da sie die Eignung bewiesen haben, unkritisch Machtbefehle von einer ihnen überstellten Obrigkeit an ihre Untergebenen weiterzuleiten und mit autoritären Ansprüchen vor Kritik zu schützen.“ (Fussnote: ebenda.)

Diese Aussagen sind für ihn mehr oder weniger allgemeingültig, eine Unterscheidung, in welcher Epoche wir stehen, findet bei ihm auf Grund seiner Ablehnung des historischen Materialismus nicht statt.

Als aktuelles Beispiel für die bürgerliche Sicht auf die Rolle der Persönlichkeit haben wir den ehemaligen Pfarrer und jetzigen Bundespräsidenten Joachim Gauck gewählt, der viele Reden über Freiheit hält und so viel Mist erzählt also würde er dafür gut bezahlt werden! Als ehemaliger evangelischer Pfarrer hält der gute Herr Gauck – trotz seiner Stellung als Oberhaupt eines „säkularen“ Staates – auch weiterhin am Wirken Gottes auf die einzelnen Persönlichkeiten fest.

Das folgende Zitat stammt aus einer solchen Rede, einer Gedenkrede zum 350. August-Hermann-Francke-Jubiläum. Der wiederum war Pädagoge und ebenfalls Pfarrer.

„Oft entdecken Menschen, wenn sie sich einlassen auf eine Aufgabe, die sie sich selbst erwählt oder zu der sie eingeladen sind, in sich etwas, was vorher nicht da war. Eine Kraft. Manchmal merken sie auch die Begrenztheit ihrer Kräfte. Und dann ist es gut, wenn es etwas gibt, ein ‚dennoch, was ihnen erlaubt, trotz ihrer Schwäche eine Kraft in sich wachzurufen, die sie früher gar nicht kannten. Vielen Menschen ist das geschehen im Vertrauen auf Gott, im Glauben.

Und wir begegnen heute in unserer Erinnerungsfeier solchem Geschehen, personifiziert in einem Menschen, der in einer Zeit ungewöhnlicher Gleichgültigkeit vieler gegeneinander diesem Prinzip der Gleichgültigkeit ein anderes Prinzip entgegengesetzt hat. Davon wird zu reden sein. Halle ist mit August Hermann Francke ein Ort geworden, wo so ein Wandel des Denkens und des Handelns ganz anfassbar Gestalt geworden ist. Sozusagen eine historische Produktionsstätte pietistischer, pragmatischer und politischer Mitbürger. (Fussnote: Quelle: Bundespräsident Gauck bei der Festveranstaltung „Die Welt verändern. August Hermann Francke – Ein Lebenswerk um 1700“ anlässlich des 350. Geburtstages August Hermann Franckes am 23. März 2013 in Halle S. 2.)

Und weiter unten heißt es dann:

„Gerade in seinen großen Leistungen war Francke sich stets bewusst: Menschliches Handeln kann viel bewirken, aber das praktische Gelingen liegt in Gottes Hand. So war er beides: praktisch und fromm.“ (Fussnote: ebenda S. 4.)

Und kurz vor Schluss der Rede gibt Gauck noch eine Übertragung auf die heutige Zeit:

„Es gibt wenige Persönlichkeiten, die nicht nur so produktiv, so zukunftsweisend, so fromm und dann noch so global und bis heute für jede Innovation inspirierend gehandelt haben. Weltveränderung durch Menschenveränderung – das bleibt Auftrag für uns Geschöpfe. Das bleibt immer wieder zu konkretisieren in unternehmerischen Entscheidungen, in stiftungspolitischen Visionen, in pädagogischen Konzepten und in kirchlichen Profilen.“ (Fussnote: ebenda S. 7-8.)

Welche „Faktoren“ führen zu Fortschritt: Wie entsteht Erkenntnis?

Wir als Kollektiv stützen uns im Wesentlichem auf einen Text von Georgi Plechanow, dessen Titel wir unserem Referat gegeben haben.

Georgi Walentinowitsch Plechanow war ein brillanter Interpret der Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels und galt als Lehrer Wladimir Iljitsch Lenins. Er hatte das „Kommunistische Manifest“ ins Russische übertragen.

Später kritisierte er die russische Oktoberrevolution als viel zu früh. Sieben Monate nach der Oktoberrevolution wurde für den verstorbenen Plechanow eine Feierstunde abgehalten: „Von Plechanow muss begraben werden, was an ihm sterblich, eine Frucht der Schwäche und des Alters war. Wir werden das von ihm in seiner Blüte geschaffene, unsterbliche bewahren. So ehren wir den Helden revolutionären Geistes, ungeachtet dessen, dass er in den letzten Jahren vor seinem Tode vom richtigen Weg abkam.“

In seinem Text geht Plechanow auf die Vorgänger des dialektischen Materialismus ein, auf Priestley in der Auseinandersetzung mit Price: „Wo werdet ihr mehr Gedankenenergie, mehr Aktivität, mehr Kraft und Beharrlichkeit in der Verfolgung der wichtigsten Ziele finden, als unter den Anhängern der Lehre von der Notwendigkeit?“ (Fussnote: Über die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte S. 2/20.)

„Hier hängt alles davon ab, ob meine eigene Tätigkeit ein notwendiges Glied in der Kette der notwendigen Ereignisse bildet … dass das Fehlen von Willensfreiheit sich im Bewusstsein dieser Persönlichkeit widerspiegelt als Unmöglichkeit, anders zu handeln, als sie handelt … dass Freiheit lediglich bewusst gewordene Notwendigkeit ist.“ (Fussnote: ebenda S. 2/20.) „Fichte sagt mit Recht: Was man für eine Philosophie wählt, hängt davon ab, was man für ein Mensch ist.“ (Fussnote: ebenda S. 3/20.)

Ich will das mit einem Beispiel, auf das auch Plechanow eingeht, verdeutlichen.

Ihr wisst alle, was eine Mondfinsternis ist. (Der Mond tritt in den Erdschatten ein und kann somit nicht mehr gesehen werden, bis er wieder von der Sonne beleuchtet wird.)

Wir könnten eine Partei zur Förderung der Mondfinsternis gründen. Was wir auch tun, die nächste Mondfinsternis kommt bestimmt, und wir könnten das als unseren Erfolg feiern.

Wir könnten auch dem Mond ein Bewusstsein unterstellen. Er findet es absolut geil, in den Erdschatten einzutauchen. Was aber, wenn er erkennt, dass er dazu verdammt ist, immer um die Erde zu kreisen und so, hin und wieder, auch eintauchen kann, wird er dann aufhören, um die Erde zu kreisen, oder wird er sich damit abfinden und gewissenhaft sich immer weiter um die Erde drehen, es als seine Aufgabe ansehen?

„Ganz allgemein: Wenn das Bewusstsein von der Unfreiheit meines Willens sich mir lediglich in Form der völligen subjektiven und objektiven Unmöglichkeit, anders zu handeln, als ich handle, darstellt, und wenn meine jeweiligen Handlungen zugleich für mich die wünschenswertesten unter allen möglichen Handlungen sind, dann wird die Notwendigkeit in meinem Bewusstsein mit der Freiheit, und die Freiheit mit der Notwendigkeit identisch, und dann bin ich nur in dem Sinne nicht frei, dass ich diese Identität von Freiheit und Notwendigkeit nicht übertreten kann; die beiden einander nicht gegenüberstellen kann; mich durch die Notwendigkeit nicht beengt fühlen kann. Aber ein derartiges Fehlen von Freiheit ist zugleich die vollständigste Äußerung von Freiheit. ... Freiheit ist die Einsicht von Notwendigkeit.” (Fussnote: ebenda S. 5/20.)

„Es gibt nicht nur ein Subjekt und ein Objekt, sondern auch die Brücke von den Idealen zur Wirklichkeit: Der Kapitalismus wird durch den Gang seiner eigenen Entwicklung zu seiner eigenen Negation, das ist historische Notwendigkeit. Aber der Arbeiter wird aufgrund seiner gesellschaftlichen Lage einen Charakter herausbilden, der leidenschaftlich sich der Aufgabe widmet, diesen Kapitalismus stürzen zu wollen, sich somit in aller Freiheit der Notwendigkeit beugt. Dann wird sie zur gewaltigen gesellschaftlichen Kraft.“ (Fussnote: ebenda S. 6/20.)

Richtig rechnen: Die Erkenntnis der absoluten Notwendigkeit einer gegebenen Erscheinung kann nur die Tatkraft desjenigen Menschen steigern, der mit dieser Erscheinung sympathisiert und sich selbst für eine der Kräfte hält, die sie hervorrufen. Wenn derjenige doch nichts tut, wird das Einfluss nehmen auf den Zeitpunkt des Eintreffens der (oben genannten) Notwendigkeit, wird alles verzögert. Und wer nicht sympathisiert, wird aus lauter Verzweiflung gegen die Notwendigkeit alles tun, diese doch noch zu verhindern. Oder doch überzeugt werden von der Richtigkeit und wird zum Bündnispartner.

Wir sehen also, die Tätigkeit der Persönlichkeit hat eine Bedeutung in der Geschichte, dass die Geschichte von Menschen gemacht wird. Aber nicht als Faktor a und die Umstände als Faktor b, c, usw.

Die Frage ist: Machen Persönlichkeiten Geschichte? Oder wird die Geschichte durch langsame Entwicklungen in ökonomischen und sozialen Einrichtungen, die zu einem gewissen Grade auf Gesetze zurückzuführen sind, bestimmt?

Nach der Französischen Revolution war auch den bürgerlichen Historikern klar, dass Geschichte nicht allein durch bewusstes Handeln (von Personen) erklärt werden kann. Schon in der Kritik dieser „neuen bürgerlichen Geschichtsschreibung“ wird darauf hingewiesen, dass bestimmte aus den gesellschaftlichen Umständen entstandenen Talente, Erkenntnisse, geistige und moralische Eigenschaften Einfluss auf den Fortgang der Geschichte hatten. Wäre Robespierre ein Ziegelstein auf den Kopf gefallen und wäre Napoleon erschossen worden, wäre die Geschichte „anders“ verlaufen.

Aber hätte sie sich in ihr Gegenteil verkehren können? Da sagt Plechanow: Nein.

Die Wirkung persönlicher Besonderheiten kann nur unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen eintreten. Nur wenn die gesellschaftliche Stellung der handelnden Person in einer gegebenen Gesellschaft so ist, dass sie die Geschicke der Gesellschaft beeinflussen kann, spielen Persönlichkeit und Charakter eine Rolle.

„,Doch in allem Endlichen ist ein Element des Zufälligen‘ (Hegel). …Zufällig ist etwas Relatives. Es tritt nur am Schnittpunkt notwendiger Prozesse auf. ... Diese Kräfte können aber, ebenso wie ihre Resultate, durchaus Gegenstand einer streng wissenschaftlichen Untersuchung sein.“ (Fussnote: ebenda S. 4/15.)

Die Ursache der Französischen Revolution war der Stand der Produktivkräfte und von deren gesellschaftlichen Beziehungen. Es war das dringendste gesellschaftliche Bedürfnis Frankreichs, die veralteten politischen Einrichtungen durch neue zu ersetzen, die seiner neuen ökonomischen Struktur entsprachen. Damit wäre zwar von zufällig anderen handelnden Personen individuell anders geprägte Geschichte entstanden, aber die allgemeine Richtung hätte nicht verändert werden können.

„Wenn wir von der Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte reden, werden wir fast immer Opfer einer gewissen optischen Täuschung.“ (Fussnote: ebenda S. 7/15.) Weil Napoleon den Platz des genialen Militärstrategen einnahm, konnte kein anderer von der Möglichkeit in die Wirklichkeit dieses Militärstrategen gelangen. Doch solche Hindernisse sind eher selten. „Wenn die gegebene Lage der Gesellschaft ihre geistigen Wortführer vor bestimmte Aufgaben stellt, nehmen diese die Aufmerksamkeit hervorragender Köpfe so lange in Anspruch, bis es gelungen ist, sie zu lösen.“ (Fussnote: ebenda S. 8/15.)

„Dazu, dass jemand, der ein Talent bestimmter Art besitzt, dank diesem Talent einen starken Einfluss in den Gang der Ereignisse gewinne, ist die Erfüllung zweier Bedingungen notwendig:“ (Fussnote: ebenda S. 8/15.)

Erstens muss sein Talent ihn mehr als andere dazu befähigen, gesellschaftliche Bedürfnisse zu befriedigen. Zweitens darf die bestehende gesellschaftliche Ordnung nicht der Persönlichkeit den Weg versperren, die die gegebene, gerade in der gegebenen Zeit notwendige und nützliche Besonderheit besitzt. Also Napoleon war ein militärisches und nicht etwa ein musikalisches Genie. Aber wäre davor nicht die Französische Revolution gewesen, hätte er als Bürgerlicher niemals Offizier werden können, hätten seine militärischen Fähigkeiten keine Rolle gespielt.

„Man hat schon längst bemerkt, dass Talente überall und immer dann auftreten, wo und wann gesellschaftliche Bedingungen bestehen, die für ihre Entwicklung günstig sind.“ (Fussnote: ebenda S. 9/15.) Also jedes zur gesellschaftlichen Kraft gewordene Talent existiert nur dank dieser Richtung gesellschaftlicher Entwicklung.

„Die persönlichen Besonderheiten der führenden Personen bestimmen das individuelle Gepräge der historischen Ereignisse, und das Element des Zufälligen in dem von uns genannten Sinne spielt stets eine gewisse Rolle im Verlauf dieser Ereignisse, deren Richtung in letzter Instanz bestimmt wird durch die sogenannten allgemeinen Ursachen d.h. in Wirklichkeit durch die Entwicklung der Produktivkräfte und die gegenseitigen Beziehungen der Menschen im gesellschaftlich-ökonomischen Prozess der Produktion.“ (Fussnote: ebenda S. 10/15.)

„Man kann heute die menschliche Natur schon nicht mehr als die letzte und allgemeinste Ursache der historischen Bewegung betrachten: Wenn die menschliche Natur unveränderlich ist, so kann sie den höchst veränderlichen Gang der Geschichte nicht erklären; wenn sie sich aber verändert, so werden offenbar ihre Veränderungen selbst durch die historische Bewegung bedingt. Heute muss als letzte und allgemeinste Ursache der geschichtlichen Bewegung der Menschheit die Entwicklung der Produktivkräfte anerkannt werden, durch die die aufeinanderfolgenden Veränderungen in den gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen bedingt werden.

Neben dieser allgemeinen Ursache wirken besondere Ursachen, d.h. die geschichtliche Situation, in der sich die Entwicklung der Produktivkräfte bei dem gegebenen Volk vollzieht und die selbst in letzter Instanz durch die Entwicklung dieser selben Kräfte bei den anderen Völkern, d.h. durch diese selbe allgemeine Ursache erzeugt ist.

Schließlich wird der Einfluss der besonderen Ursachen durch die Wirkung einzelner Ursachen ergänzt, d.h. persönliche Besonderheiten der gesellschaftlich tätigen Persönlichkeiten und andere ‚Zufälligkeiten‘, dank deren die Geschehnisse endlich ihr individuelles Gepräge erhalten. Die Einzelursachen können keine grundlegenden Veränderungen in der Wirkung der allgemeinen und besonderen Ursachen erzeugen, durch die überdies die Richtung und die Grenzen des Einflusses der Einzelursachen bedingt werden. Es ist aber dennoch unzweifelhaft, dass die Geschichte ein anderes Gepräge hätte, wenn die auf sie wirkenden Einzelursachen durch andere Ursachen derselben Art ersetzt worden wären.“ (Fussnote: ebenda S. 12/15.)

Und weiter:

„Ein großer Mann ist dadurch groß, dass er Besonderheiten besitzt, die ihn am fähigsten machen, den großen gesellschaftlichen Bedürfnissen seiner Zeit zu dienen, die unter den allgemeinen und besonderen Ursachen entstanden sind. Carlyle nennt große Männer Beginner. … Denn dieser blickt weiter als die anderen und will stärker als die anderen. Er löst die wissenschaftlichen Aufgaben, die der vorhergegangene Verlauf der geistigen Entwicklung der Gesellschaft auf die Tagesordnung gesetzt hat. Er weist die neuen gesellschaftlichen Bedürfnisse auf, die durch die vorhergegangene Entwicklung der gesellschaftlichen Beziehungen erzeugt worden sind; er ergreift die Initiative zur Befriedigung dieser Bedürfnisse. … Seine Tätigkeit ist der bewusste und freie Ausdruck dieses notwendigen und unbewussten Ganzen. Darin liegt seine ganze Bedeutung, darin seine ganze gewaltige Kraft.“ (Fussnote: ebenda S. 13/15.)

Die Frage nach der „Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte“ hat fortschrittliche Menschen Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder beschäftigt.

Friedrich Engels hat dazu im Jahre 1894 in einem Brief an Walter Borgius (1870-1932, Volkswirtschaftler, nach dem 1. Weltkrieg Mitglied im „Bund Neues Vaterland“, eine pazifistische Organisation, die 1914 gegründet wurde, Anarchist) auf Fragen von Borgius geantwortet.

Leider kennen wir den Inhalt des Briefes von Borgius an Engels nicht.

Es ist aber zu vermuten, dass es sich um Fragen zur Persönlichkeit und ökonomische Fragen handelte, denn Engels schrieb u.a.:

Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, aber bis jetzt nicht mit Gesamtwillen nach einem Gesamtplan, selbst nicht in einer bestimmt abgegrenzten gegebenen Gesellschaft. Ihre Bestrebungen durchkreuzen sich, und in allen solchen Gesellschaften herrscht ebendeswegen die Notwendigkeit, deren Ergänzung und Erscheinungsform die Zufälligkeit ist. Die Notwendigkeit, die hier durch alle Zufälligkeit sich durchsetzt, ist wieder schließlich die ökonomische. Hier kommen dann die sogenannten großen Männer zur Behandlung. Dass ein solcher und grade dieser zu dieser bestimmten Zeit in diesem gegebenen Lande aufsteht, ist natürlich reiner Zufall. Aber streichen wir ihn weg, so ist Nachfrage da für Ersatz und dieser Ersatz findet sich, tant bien que mal (recht oder schlecht), aber er findet sich auf die Dauer. Dass Napoleon grade dieser Korse, der Militärdiktator war, den die durch eignen Krieg erschöpfte französische Republik nötig machte, das war Zufall; dass aber in Ermangelung eines Napoleon ein andrer die Stelle ausgefüllt hätte, das ist bewiesen dadurch, dass der Mann sich jedesmal gefunden, sobald er nötig war: Cäsar, Augustus, Cromwell etc. Wenn Marx die materialistische Geschichtsauffassung entdeckte, so beweisen Thierry, Mignet, Guizot, die sämtlichen englischen Geschichtsschreiber bis 1850, dass darauf angestrebt wurde, und die Entdeckung derselben Auffassung durch Morgan beweist, dass die Zeit für sie reif war und sie eben entdeckt werden musste. So mit allem andern Zufälligen und scheinbar Zufälligen in der Geschichte. Je weiter das Gebiet, das wir grade untersuchen, sich vom Ökonomischen entfernt und sich dem reinen abstrakt Ideologischen nähert, desto mehr werden wir finden, dass es in seiner Entwicklung Zufälligkeiten aufweist, desto mehr im Zickzack verläuft seine Kurve. Zeichnen Sie aber die Durchschnittsachse der Kurve, so werden Sie finden, dass, je länger die betrachtete Periode und je größer das so behandelte Gebiet ist, dass diese Achse der Achse der ökonomischen Entwicklung um so mehr annähernd parallel läuft.“ (Fussnote: MEW 39, S. 206 f.)

Lenin beschreibt in der Gedenkrede für Jakow Michailowitsch Swerdlow einige Gedanken zur Persönlichkeit:

„Werfen wir einen Blick auf den Lebensweg dieses Führers der proletarischen Revolution, so erkennen wir sofort, dass sein hervorragendes Organisationstalent sich in langen Kämpfen herausgebildet hat.“ (Fussnote: Lenin Werke 29, S. 74 ff.)

Und im geschichtlichen Kontext:

„Schon längst hat die Geschichte gezeigt, dass große Revolutionen im Prozess des Kampfes große Persönlichkeiten hervorbringen und Talente zur Entfaltung bringen, die man früher für unmöglich gehalten hätte.“ (Fussnote: ebenda.)

Lenin geht in dieser Gedenkrede auch auf die Frage nach der Unersetzlichkeit einer Person ein:

„Diesen Menschen, der in sich dieses außergewöhnliche Organisationstalent entwickelt hat, werden wir nie ersetzen können, wenn wir unter dem Begriff Ersatz verstehen, einen Menschen, einen einzelnen Genossen zu finden, der solche Fähigkeiten in sich vereint. Keiner von denen, die die tagtägliche Arbeit Jakow Michailowitschs aus der Nähe kannten und beobachten konnten, kann daran zweifeln, dass Jakow Michailowitsch in diesem Sinne unersetzlich ist. Die Arbeit, die er auf organisatorischem Gebiet, bei der Auswahl der Kader, bei ihrer Berufung auf verantwortliche Posten der verschiedensten Spezialgebiete allein leistete – diese Arbeit werden wir jetzt nur bewältigen können, wenn wir in jeden der großen Arbeitsbereiche, die Genosse Swerdlow allein geleitet hat, ganze Gruppen von Menschen entsenden, die, ihm nacheifernd, annähernd das leisten könnten, was ein einzelner vollbrachte.“ (Fussnote: ebenda.)

Also: Fehlen Fähigkeiten eines Einzelnen, können und müssen diese Fähigkeiten durch ein bzw. das Kollektiv erbracht werden, und es können sich neue Persönlichkeiten im Kampf entwickeln.

Nun aber wieder zurück zu Plechanow:

„… Der gesellschaftliche Mensch selbst schafft seine, d.h. die gesellschaftlichen Beziehungen. Wenn er aber in der gegebenen Zeit gerade diese und nicht andere Beziehungen schafft, so geschieht das natürlich nicht ohne Ursache; das wird bedingt durch den Zustand seiner Produktivkräfte. Kein noch so großer Mann kann der Gesellschaft Beziehungen aufzwingen, die dem Zustand dieser nicht mehr oder noch nicht entsprechen. ...

Wenn ich aber weiß, in welche Richtung sich dank den gegebenen Veränderungen im ökonomischen Produktionsprozess der Gesellschaft die gesellschaftlichen Beziehungen verändern, so weiß ich ebenfalls, in welcher Richtung sich auch die soziale Geistesfassung verändern wird, so habe ich folglich die Möglichkeit, sie zu beeinflussen. Die soziale Geistesverfassung beeinflussen heißt die geschichtlichen Geschehnisse beeinflussen. In gewissen Sinn kann ich doch Geschichte machen, und ich brauche nicht zu warten, bis sie gemacht ist.“ (Fussnote: a.a.O. S. 13/15.)

Die mehr oder minder langsame Veränderung der ökonomischen Bedingungen stellt periodisch die Gesellschaft vor die Notwendigkeit, mehr oder minder schnell diese ihre Einrichtungen umzugestalten. Diese Umgestaltung geschieht niemals ‚von selbst‘; sie erfordert stets die Einmischung der Menschen, denen auf diese Weise große gesellschaftliche Aufgaben erwachsen. Als große Männer bezeichnet man eben diejenigen, die mehr als die anderen zu deren Lösung beitragen … .

Nicht nur vor den ‚Beginnern‘ liegt ein breites Feld der Tätigkeit offen. Dieses Feld steht allen offen, die Augen haben, um zu sehen, Ohren, um zu hören.“ (Fussnote: a.a.O. S. 14/15.)

Es braucht Menschen, die ein mutiges Herz haben, die ihnen gestellten Aufgaben anzugehen.

Erarbeitet von: Magnat, Renrew, Val, Walfried